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Das Grauen kam aus dem Nebel – Wenn dir das Leben kein bisschen Frieden lässt

La morte risale a ieri sera

Von Ansgar Skulme

Thriller // Tapfer meistert der einfache Angestellte Amanzio Berzaghi (Raf Vallone) die harten Herausforderungen, die ihm das Leben aufgebürdet hat: Nicht nur leidet er selbst unter einer körperlichen Behinderung, die ihn zwingt, am Stock zu gehen, sondern er muss sich zudem alleinerziehend um seine geistig behinderte Tochter Donatella (Gillian Bray) kümmern. Tag für Tag umsorgt er sie liebevoll und bietet der fröhlichen jungen Frau ein behütetes Leben. Alle Vorsichtsmaßnahmen helfen jedoch nichts: Eines Tages geht Donatella nicht ans Telefon, als Berzaghi wie üblich von der Arbeit aus prüfen will, ob alles in Ordnung ist. Die Polizei schaltet sich ein, doch da ihm der reguläre Ablauf nicht schnell genug geht, wendet sich Berzaghi an den erfahrenen Kommissar Duca Lamberti (Frank Wolff) und ermittelt gleichzeitig auf eigene Faust.

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ ist ein ambitionierter, kritischer Thriller, von dessen Titel man sich nicht täuschen lassen sollte. Es gibt kaum Nebel und das Grauen taucht an ganz anderen Stellen auf, zudem handelt es sich keineswegs um einen reißerischen Stoff mit einem brutalen Serienmörder im Geiste der deutschen Edgar-Wallace-Filme oder um ein besonders typisches Beispiel für die blutigen, damals gerade im Kino zur großen Blüte gelangenden italienischen Gialli, sondern um die gut gespielte, tragische Geschichte einer Entführung und der verzweifelten Suche eines Vaters nach dem letzten Stück Glück, das ihm geblieben ist und nun entrissen wurde. Auch der Originaltitel (übersetzt in etwa: „Gestern Abend wartete der Tod“) wird dem Film nicht wesentlich gerechter als die deutsche Variante, und so wurde das Werk in der Vergangenheit zuweilen Opfer von falschen Erwartungshaltungen und Missverständnissen; nicht zuletzt, da „Das Grauen kam aus dem Nebel“ thematisch zumindest zum damaligen Zeitpunkt auch für den Regisseur Duccio Tessari eher ungewöhnlich war. Als eine Art Variation von „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) kann sich diese Produktion aber durchaus sehen lassen.

Kann ein Film „überladen“ sein?

Ein Phänomen, über das ich mich bei Kritiken generell häufig wundere, ist die Behauptung, dass ein Film zu überladen sei – also angeblich zu viele Themen abzuhandeln versucht. Ich frage mich dann oftmals, ob ein Film überhaupt „zu“ anspruchsvoll sein kann oder ob es nicht eher das Problem des Betrachters ist, wenn ihn ein Film überfordert, der andere Betrachter nicht überfordert? Für wen genau sind es denn dann zu viele thematische Baustellen und für wen zu wenige? Wer will sich anmaßen zu entscheiden, ab wann ein Film „zu“ komplex ist oder ab wann er „zu“ viele Themenfelder zu behandeln versucht? Grundsätzlich sind Anspruch und Komplexität schließlich etwas Positives und hier als Kritiker auf die Bremse treten zu wollen, ist ein etwas seltsames Ansinnen, das man als Plädoyer für weniger Anspruch im Kino missverstehen könnte. Ein Kino, dessen Niveau sich am „durchschnittlichen“ Zuschauer orientieren solle – wer auch immer das überhaupt ist. Man liest das (Vor-)Urteil vom überladenen Film immer wieder zu diesem oder auch jenem neuen wie auch alten Streifen. Fast schon wie eine Floskel durchzieht es die Geschichte der Filmkritik.

Vergleich mit „Milano Kaliber 9“

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ wäre für diejenigen, die die Rede vom überladenen Film gern bemühen, sicherlich ein gefundenes Fressen. „Zu“ politisch die Diskussionen zwischen Lamberti und seiner Frau, die in einer Nebenhandlung nochmal eine ganz neue Dimension eröffnen, „zu“ viel offensive Gesellschaftskritik, „zu“ viel „Weltverbesserei“ und was man dafür nicht noch alles für abfällige Begriffe parat haben mag. Auf diese Weise kann man den Film relativ einfach oberflächlich als „zu links“ abstempeln und im Giftschrank verschwinden lassen. Und bei einem eher unbekannt gebliebenen Werk wie diesem ist es erst recht leicht dahergesagt, ihm Qualität und Niveau abzusprechen. Ich hingegen möchte stattdessen den Vergleich mit Fernando Di Leos als Meilenstein des Gangsterfilms weitgehend anerkanntem Klassiker „Milano Kaliber 9“ (1972) anbringen, in dem Frank Wolff ebenfalls einen Kommissar verkörperte und sich dort einige höchst politische Wortgefechte mit Luigi Pistilli lieferte, die so brillant geschrieben und vor allem gespielt sind, dass Di Leo sie im Film beließ, obwohl er sich bewusst war, dass die Szenen gewissermaßen vom eigentlichen Plot ablenkten. Ganz ähnlich ist es auch hier mit der privaten Seite des Kommissars Lamberti, der von seiner Frau immer wieder hinterfragt wird. Sie wirft ihm vor, er werde langsam alt und habe Angst, die Welt nicht mehr sauber zu bekommen, er hingegen stellt sich offen gegen alle, die immer behaupten sowieso nichts an der Gesellschaft ändern zu können. Sie diskutieren, sie streiten, über die Gesellschaft, über Politik, über soziale Verantwortung – und sie lieben einander trotzdem. Ein authentischer, glaubwürdiger Blick in eine spannende Beziehung. So bildet Lamberti mit seiner von der deutschen Schauspielerin Eva Renzi – der Mutter von Anouschka Renzi – verkörperten Herzensdame ein ebenso spannendes Gegensatzpaar wie mit dem verzweifelt nach seiner Tochter suchenden Berzaghi.

Fernando Di Leo hat für diesen Kommissar Lamberti im Übrigen auch insofern eine Bedeutung, als er „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“ (1969) inszenierte, jenen Film in dem der von dem aus der Ukraine stammenden italienischen Autor Giorgio Scerbanenco ersonnene Lamberti erstmals im Kino auftauchte; dort in der Verkörperung von Pier Paolo Capponi, für den es nicht die einzige prägnante Polizisten-Rolle im damaligen italienischen Thriller war. Der Autor Giorgio Scerbanenco gilt als einer der Vorreiter des Giallo in der Literatur, die Figur des Lamberti tauchte allerdings erst 1966 erstmals in einem seiner Romane auf. Bis zu Scerbanencos Tod 1969 folgten daher nur noch drei weitere Auftritte, wobei die Kinoadaptionen praktisch nahtlos anschlossen. 1970 kam neben der Version mit Frank Wolff auch eine französische Verfilmung eines anderen Romans ins Kino, in der Lamberti von Bruno Cremer gespielt wurde. Zuweilen werden diese binnen sehr kurzer Zeit entstandenen Filme auch als Trilogie gewertet, für die „Das Grauen kam aus dem Nebel“ den Endpunkt darstellt. Sie wurden allerdings wahrscheinlich alle drei völlig unabhängig voneinander produziert.

Düstere Stichproben des Abgrunds

Berzaghi, Lamberti und des Letzteren Frau sind nicht die einzigen interessanten Charaktere im Film. Erwähnt werden muss auch Beryl Cunningham in der Rolle der Prostituierten Herrero, die schließlich sogar privat bei der Polizisten-Familie einzieht – eine recht kuriose Konstellation; Cunningham stellt die vom Leben gezeichnete, wackere Frau mit sehr viel Würde dar. Zudem erweist es sich als kluger Schachzug, dass die geistig behinderte Donatella entgegen aller Klischees von einer bildhübschen Darstellerin verkörpert wurde, die zudem auch nicht das Gesicht verzieht, sondern vielmehr zumeist lächelt und strahlt. Dieser Umstand lässt die Szenen, in denen der körperlich obendrein deutlich kleinere Vater sie wie ein Baby umsorgt und ihr zugleich beispielsweise beim Schließen ihres BHs hilft, während sie die ganze Zeit nur am Grinsen ist, zwar recht putzig erscheinen, durchbricht aber das oberflächliche Bild vom geistig behinderten Menschen, dem man seine Erkrankung sofort anmerkt – und zwar gewissermaßen um 180 Grad.

Es mag sicherlich etwas übertrieben sein, dass den zuhälterischen Entführern geradezu eine Frau mit Modelfigur in die Hände fällt, die gleichzeitig das geistige Niveau eines dreijährigen Kindes hat, jedoch gibt diese ungewöhnliche Darstellung dem Film einen wertvollen doppelten Boden hinsichtlich des Urteilens anhand von Äußerlichkeiten. Es sind gerade die Szenen mit Herrero und die Szenen mit Donatella, in denen der Film seine dreckigste Seite zeigt, indem er die Opfer teils vor, teils während und zudem nach den schrecklichen Erlebnissen beobachtet. Dabei geht es nicht um zur Schau gestellte Brutalität, sondern um soziale Abgründe, Missbrauch und Vertrauensmissbrauch, das Ausnutzen von Verzweiflung und Hilflosigkeit, das bloße Benutzen von Menschen als Ware und um die ganz normal scheinenden Kriminellen von nebenan, denen man täglich begegnet, ohne je etwas zu ahnen. Und ja, letztlich geht es auch ganz direkt darum, dass man es hier mit den niedersten Formen kapitalistischer Ausbeutung zu tun hat, ohne dass in diesem aufrechten Film deswegen ein Blatt vor den Mund genommen werden würde. Herrero ist die, die das Grauen gesehen hat und vorläufig entkommen ist. Viele andere jedoch entkommen nicht. Der Film stellt eine erkaltete Gesellschaft in unangenehm trostlosen, herbstlichen Bildern bloß. Der Handlungsort ist Mailand, aber ein wenig fühlt es sich wie das verregnete England an; aufgelockert nur dadurch, dass der Kommissar sich der Jahreszeit wegen mit einer üblen Erkältung herumschlägt, die er mit Nasenspray zu bekämpfen versucht und sich auch darüber hinaus ein pointiertes, gewitztes Zusammenspiel mit seinem Assistenten liefert. Das nonverbale, gestische Interagieren, wenn der Kommissar von seinem Assistenten beispielsweise eine Zigarette einfordert, erweckt den Eindruck, zuweilen von Frank Wolff angeregt improvisiert worden zu sein – und wenn sie gemeinsam so richtig zu Form auflaufen, treiben die beiden Bullen den einen oder anderen Ganoven buchstäblich wie eine Sau durchs Dorf.

Die deutsche Seite des Films

Umstritten ist, wie umfangreich der Einfluss der deutschen Produzenten-Legende Artur Brauner auf „Das Grauen kam aus dem Nebel“ war. Gut möglich, dass Eva Renzi durch ihn in das Projekt kam. Angeblich soll er sogar am Drehbuch mitgearbeitet haben – und das wohlgemerkt als einziger Autor neben Biagio Proietti und dem möglicherweise eher obligatorisch auch als Autor genannten Regisseur Duccio Tessari. Als Drehbuchautor wurde Brauner generell nicht häufig namentlich erwähnt – als Produzent taucht sein Name in der Filmgeschichte etwa zehnmal so häufig auf. Ende der 60er / Anfang der 70er häuften sich allerdings plötzlich einige Filme, an denen Brauner angeblich auch als Autor beteiligt war, darunter mehrere deutsch-italienische bzw. deutsch-spanische Koproduktionen. Zumindest kann man guten Gewissens behaupten, dass „Das Grauen kam aus dem Nebel“ mit Abstand der anspruchsvollste Film ist, für den Brauner Anfang der 70er eine Nennung als Drehbuchautor erhielt; vielleicht sogar der beste unter jenen, die zwischen den frühen 50er- und den tiefen 80er-Jahren entstanden. Ob und wie viel er tatsächlich auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist allerdings eine andere Frage.

Die deutsche Synchronfassung wurde unter der Dialogregie des später als Stammsprecher von Tom Hanks, Bill Murray, Jeff Goldblum und Kevin Kline berühmt gewordenen Arne Elsholtz erstellt, der seine erste Synchronrolle bereits 1962 in „West Side Story“ hatte und sich bald auch als Regisseur vieler deutscher Fassungen verdient machte. Er ist im Film zudem als Stimme von Gabriele Tinti zu hören, der den Assistenten des Kommissars spielt. Ein besonderer Kunstgriff gelang Elsholtz mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Besetzung von Gerd Martienzen – dem damaligen Stammsprecher von Louis de Funès – als Stimme von Frank Wolff. Martienzen wurde in seiner Karriere häufig in Rollen besetzt, in denen er seine Stimme stark nach oben drücken oder fast schon wie eine Comicfigur intonieren musste. Hier allerdings hört man ihn einmal in seiner normalen Stimmlage und zudem in einer recht gestandenen Rolle voller Überzeugungskraft und Tatendrang – ganz anders als die unzähligen hageren, verschlagenen Gestalten, auf die er Zeit seiner Karriere ähnlich abonniert war wie Gerd Duwner auf das Sprechen von pummeligen Zeitgenossen und von Asiaten. Die Besetzung von Martienzen für Wolff ist umso bemerkenswerter, als Martin Hirthe für Raf Vallone besetzt wurde, der Wolff zuvor in zwei seiner bekanntesten Filme gesprochen hatte: „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ (beide Synchronfassungen von 1969). Elsholtz hatte hier zweimal das richtige Bauchgefühl, da Hirthe für Vallone eine überragend gute Performance gelungen ist, die sehr viel Mitgefühl weckt, während er für Wolff sowieso nicht besonders passend war, sondern nur eine auf Kontinuität basierte Besetzung gewesen wäre. Bis hin zu der beeindruckenden Schlussszene, die einen regelrecht sprachlos zurücklässt, hat die sich teils nah am erstickenden Flüstern orientierende Stimmlage, die der spätere „Tatort“-Kommissar Martin Hirthe für die Rolle wählte, etwas sehr Ergreifendes und Bedrückendes an sich, während die Figur gleichzeitig einen bemerkenswerten, unbändigen Willen und kämpferische, emotionale Kraft ausstrahlt. Der Mann geht am Stock und hat Mühe, zu reden, ohne sofort in Tränen auszubrechen, rastet und ruht jedoch trotzdem nicht, aber verbittert zunehmend – alles nur um seiner Tochter willen, da ihm sonst nichts mehr geblieben ist. Besser und ergreifender als Raf Vallone und Martin Hirthe im Einklang, kann man einen Vater, dessen Kind entführt wurde, wahrscheinlich kaum spielen. Schon allein diese Rolle hilft dem Film zu einer Punktlandung im Ziel, mag man andere Aspekte noch so kontrovers diskutieren.

Ein Warten seit Jahren

Letztlich ergibt für „Das Grauen kam aus dem Nebel“ vor allem die Bezeichnung „Entführungsfilm“ und ein Vergleich mit anderen Dramen und Thrillern, die sich ebenfalls des Themas Entführung, genauer Kindesentführung, bedienen, einen Sinn. Als solcher besitzt das Werk vor allem aufgrund sehr guter, emotional aufwühlender Schauspielerleistungen Überzeugungskraft, auch wenn der Film nicht die meisterhafte Qualität von beispielsweise „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ (1972) besitzt – einem von Kindesmord und Kindesentführung ausgehenden Giallo, der zu den besten seiner Art gehört und in dem der als James Bond nur einmal zum Einsatz gekommene George Lazenby als verzweifelt nach seiner Tochter suchender Vater die wahrscheinlich beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ablieferte. Um in dieser Liga mithalten zu können, fehlt „Das Grauen kam aus dem Nebel“ unter anderem ein gleichsam intensiv mitreißender, beispiellos verstörender Soundtrack. Allerdings hat es durchaus auch seine Vorzüge, dass die Musik hier stattdessen einen trostlos ernüchternden Charakter besitzt, der das Geschehen letztlich umso schockierender macht, weil dadurch immer wieder ein Eindruck von Alltäglichkeit entsteht, während für Berzaghi quälend langsam Stück für Stück eine Welt zusammenbricht. Eine grausame Ruhe, durchbrochen von den Momenten lauter, fröhlicher Musik, in denen er Donatella vor sich sieht, als alles noch in Ordnung war – die ebenso abrupt enden wie sie begonnen haben.

Im Juni 2014 postete das deutsche DVD-Label Subkultur-Entertainment auf Facebook ein Bild von Raf Vallone in einer Szene des Films, das Fans lange Zeit auf eine Veröffentlichung hierzulande hoffen ließ, zumal der Film kurz zuvor auch in den USA auf Blu-ray und DVD erschienen war. Leider ist es bisher aber trotzdem nicht dazu gekommen, sodass man mit den ausländischen Versionen ohne die deutsche Synchronfassung vorliebnehmen oder sich das alte Kaufvideo von Toppic besorgen muss. Wenn man sich vor Augen führt, was über die Jahre schon alles an italienischen Thriller-Klassikern der 70er auf DVD oder Blu-ray zutage gefördert wurde, ist der Film so langsam einmal verdient an der Reihe. Hoffen wir das Beste!

Veröffentlichung (USA): 6. April 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La morte risale a ieri sera
US-Titel: Death Occurred Last Night
IT/BRD 1970
Regie: Duccio Tessari
Drehbuch: Biagio Proietti, Duccio Tessari, Artur Brauner, nach einem Roman von Giorgio Scerbanenco
Besetzung: Frank Wolff, Raf Vallone, Gabriele Tinti, Gillian Bray, Eva Renzi, Gigi Rizzi, Beryl Cunningham, Checco Rissone, Wilma Casagrande, Marco Mariani
Verleih: Titanus, Cinerama Filmgesellschaft MBH

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Geheimnisse in goldenen Nylons – Warum so hektisch?

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Geheimnisse in goldenen Nylons

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Der professionelle Taschendieb Charles (Georges Géret), der unter dem Künstlernamen Carlos firmiert, beobachtet zufällig den Diebstahl eines Aktenkoffers und entschließt sich kurzerhand, die Diebe zu bestehlen – und das in dreistester, spontaner Weise, direkt vor dem Fluchtauto seiner Opfer. Als er das Objekt der Begierde bald darauf in Sicherheit öffnet, staunen er und sein Freund Adelgate (Jean Tissier) nicht schlecht über den Inhalt. Die Carlos in die Hände gefallenen Dokumente interessieren sowohl CIA als auch KGB und urplötzlich befindet sich der kleine Gauner zwischen den Fronten. Der Sowjet Bardieff (Werner Peters) macht sich gemeinsam mit einem eiskalten Killer (Horst Frank) auf die Jagd, während die Amerikaner den smarten Womanizer Stephen Daine (Peter Lawford) schicken. Ein Katz-und-Maus-Spiel von Berlin über Paris nach Wien beginnt.

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Sie wittern den Braten – die Beute ist heiß!

„Geheimnisse in goldenen Nylons“ hat im Großen und Ganzen alles, was ein toller Agentenfilm braucht: einen mysteriösen Aktenkoffer als MacGuffin, risikofreudige Helden, schöne Frauen, fiese Schurken, Verfolgungsjagden, wortgewandte Flirts, Schießereien, eine internationale Besetzung mit vielen Stars und bekannten Gesichtern sowie oben drauf Metropolen als Schauplätze – dazu als Vorlage einen Roman („Dead Run“ von Robert Sheckley), ein arriviertes Produzententeam um Artur Brauner und einen erfahrenen Regisseur in der Verantwortung, der sogar selbst das Drehbuch verfasste.

Geschüttelt, nicht gerührt

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Zu viele Klischees kann es in einem Agentenfilm der 60er-Jahre gar nicht geben, denn Klischees waren gerade zum damaligen Zeitpunkt fest verankerter Teil dieses Genres, das sowieso von Übertreibungen lebt. Dies gilt ganz besonders für die vielen von James Bond inspirierten europäischen Produktionen, zu denen auch der vorliegende Film gehört. Daran scheitert dieser Film also auch nicht. Es wäre obendrein zu viel gesagt, dass der Film enttäuscht, allerdings verheizt er sein Potenzial in fast schon beispielloser Art und Weise. Frauenrollen kommen recht gut weg: Ira von Fürstenberg ist witzig und voller Selbstironie als Daines Angebetete und die bildhübsche Maria Grazia Buccella macht neben Georges Géret nicht nur eine gute Figur, sondern gefällt vor allem durch ihre eher unaufdringliche Darstellung, die sie sich konsequent bewahrte, egal ob man sie nun gerade in den titelgebenden goldenen Nylons sieht oder etwas dezenter bekleidet. Eva Pflugs Job als Geheimagentin war hingegen resoluter – sie durfte nicht auf Männerfang gehen, überzeugte aber gleichsam. Soweit die Damen. Wolfgang Kieling allerdings hat beispielsweise nur eine einzige Szene, der „Dr.Mabuse“ der 60er-Jahre Wolfgang Preiss ist auch nicht viel länger zu sehen, dafür folgt das Werk im Mittelteil relativ lange nur dem Taschendieb und scheint die anderen Darsteller phasenweise beinahe zu vergessen, statt die Besetzung bestmöglich zu nutzen. Zudem wirken viele Szenen sehr überhastet. Der Schnitt und die Kameraarbeit sind gar nicht das Problem, sogar durchaus modern für die damalige Zeit, aber man merkt dem Film durchweg an, dass man versuchte, zu viele Stars und die großen Namen mehrerer Schauplätze in weniger als 90 Minuten unterzubringen, obwohl der Fokus der Erzählung eigentlich auf dem eher unbekannten Georges Géret als Carlos liegt. Der Film bricht mit dem Credo „Qualität statt Quantität“ auf ganzer Linie – Hauptsache viel! Man versäumte es, die Wahrzeichen der großen Städte in die Handlung einzubauen, wie es ein guter James-Bond-Film gemacht hätte, und zu guten Figuren in einem Agentenfilm gehört auch der eine oder andere gute Abgang bzw. Tod – dahingehend bleibt hier aber jegliche Besonderheit aus. Selbst wirklich wichtige Figuren sterben so unspektakulär als seien sie Statisten, in einfallslosen Allerweltsbildern ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Bei einem guten Bond-Film erinnert man sich noch nach langer Zeit an den Tod so mancher Figur – wie oft wurde von Goldfingers Abgang durch das Flugzeugfenster geschrieben! Dass Wolfgang Preiss und Horst Frank dann auch noch mit den Stimmen von Martin Hirthe und Klaus Kindler zu hören sind, macht die Verwirrung komplett. Alle vorhandenen Zutaten des Films hätten ein perfektes Menü ergeben können, doch stattdessen wurden sie kräftig geschüttelt bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Rühren wäre in dem Fall wohl besser gewesen.

Null-Null-Lawford: Ein Quantum Trost

Mittendrin Peter Lawford als eigentlicher Hauptdarsteller – mochte der französische Regisseur den französischen Taschendieb noch so sehr in den Vordergrund inszenieren. Dieser Lawford überrascht! Er musste eine unglaublich stereotype Heldenfigur darstellen, die mit der deutschen Stimme des Vielsprechers Arnold Marquis nicht gerade individueller wird, und spielt sie erstaunlich einsatzfreudig – keine Spur von einem Star aus Hollywood, der wirkt, als hätte er diesen Film nur für das Geld und die Möglichkeit, mal wieder eine Hauptrolle in einem Kinofilm zu spielen, gemacht. Bei der hektischen Inszenierung eine durchaus bemerkenswerte Leistung. Hut ab! Als Mitglied des sogenannten „Rat Packs“ hatte der auch im Privatleben sehr flirtfreudige Lawford zwar Rollen in Filmen wie „Ocean’s Eleven“ aka „Frankie und seine Spießgesellen“ (1960) ergattert und es in Las Vegas nicht nur auf der Bühne bunt getrieben, dafür jedoch den Preis gezahlt, dass er gemeinsam mit Joey Bishop im Schatten der anderen Mitglieder des Rat Packs stand – Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Dadurch spielte Lawford im Hollywood-Kino Ende der 50er / Anfang der 60er nur noch Nebenrollen und wirkte manchmal gelangweilt, obwohl er zehn Jahre zuvor durchaus noch einige Hauptrollen innegehabt hatte, wenn auch oft im Schatten eines bekannteren weiblichen Stars. Seine an erster Stelle des Vorspanns genannten Rollen waren seit jeher rar gesät und in „Geheimnisse in goldenen Nylons“ bot sich ihm eine gute Chance, sich als der große Star aus Hollywood zu geben. Diese nutzte der gebürtige Londoner prächtig. Sogar die zeitgenössische Kritik erwähnte ihn positiv und stellte ihn als eine Art Lichtblick heraus, während der Film ansonsten weitgehend verrissen wurde.

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Mitleid zählt nicht zu den Stärken des blonden Totmachers

Große Spielfreude merkt man allerdings auch Werner Peters an, einem Schauspieler, der selbst in eher unglücklichen Inszenierungen immer positiv dadurch auffällt, wie ernst er seine Rollen nahm, mochten sie noch so stereotyp sein, und sich, wenn angebracht, immer wieder lustige Feinheiten einfallen ließ, die inmitten allen Durcheinanders trotzdem bestehen. Als er nach der von ihm veranlassten Ermordung einer Figur spontan seinen Hut absetzt und für einen kurzen Moment eine sarkastisch-demütige Trauerpose einnimmt, gewinnt der Film für genau diesen kurzen Moment an Charisma, wenn nicht sogar Größe. Solche Details machen den Spaß bei einem Agentenstreifen letztlich aus. Und genau das ist eben auch der Unterschied zwischen der Darstellung eines Werner Peters und der Darstellung des ihm zur Seite gestellten Horst Frank, der den eiskalten Killer natürlich gut kann, ihn aber spielt als hätte man den Autopilot eingeschaltet und für mehrere Filme einfach durchlaufen lassen. Selbstverständlich ist die von Frank verkörperte Figur insofern teilnahmslos, dass sie kein Mitleid empfindet, trotzdem wirkt die Darstellung in einer Weise teilnahmslos, die damit nicht gleichzusetzen ist.

Bitte mehr Eurospy-Filme!

Dadurch, dass der Film viel zu hektisch in Szene gesetzt wurde, kann man ihm zumindest nicht absprechen, einigermaßen kurzweilig zu sein. Langeweile kommt nicht wirklich auf und um den Film im eigentlichen Wortsinn schlecht zu finden, ist er außerdem einfach zu gut besetzt. Das Nebeneinander von Schauspielern aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Österreich gibt ihm als Koproduktion auch eine angenehm bunte Note. Pidax hat hier eine wirklich recht seltene Produktion ausgegraben, die man als Fan des 60er-Genrekinos durchaus einmal gesehen haben sollte – und dafür braucht es diese DVD! Das Bonusmaterial lässt sich relativ spärlich an, allerdings gilt es, das als PDF auf der Disc enthaltene Booklet nicht zu übersehen, welches der Ausgabe des Internationalen Film-Kuriers entspricht, die dem Film bei Kinostart gewidmet wurde. Das PDF findet sich, wenn man die DVD in den Computer einlegt und die Ordner-Ansicht öffnet.

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Verstecken oder getötet werden

Etwas schade ist, dass die Veröffentlichung nur die deutsche Sprachfassung enthält. Zwar ist der Film letztlich eine deutsche Produktion mit einem deutschen Originaltitel, er wurde aber nicht auf Deutsch gedreht, sondern offenbar mehrsprachig – ähnlich den „Winnetou“-Filmen. Eine Fassung mit dem „Live-Ton“ vom Set dürfte somit leider nicht existieren. Es ist allerdings anzunehmen, dass sich in der englischsprachigen und der französischen Fassung einige Darsteller selbst synchronisiert haben, was in der deutschen Version zumindest für Eva Pflug, Werner Peters, Wolfgang Kieling und Siegfried Wischnewski gilt. Interessant wäre auch zu wissen, ob nur in der deutschen Version dieselbe Titelmelodie erklingt, die auch schon in „Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ (1964) – ebenfalls eine Artur-Brauner-Produktion – verwendet wurde. Der Film wäre nicht das erste Beispiel dafür, dass in verschiedenen Sprachfassungen unterschiedliche Musik zu hören ist – und seien es nur verschiedene Titelmelodien. Zu hoffen bleibt, dass in Zukunft noch viele weitere sogenannte „Eurospy“-Filme in Deutschland auf DVD erscheinen, da dieses Genre der europäischen Bond-Kopien bisher leider nur äußerst spärlich ausgewertet wurde. Noch nicht einmal die Jack-Clifton-Filme gibt es hierzulande als DVDs und von den Agent-3S3-Filmen bisher keine remasterte Version. Von vielen weiteren auf sich allein gestellten Filmen ohne Fortsetzung ganz zu schweigen, unter denen sich der eine oder andere durchaus gelungene, unterhaltsame Streifen befindet. Zuweilen finden sich in diesen oft international besetzten Produktionen auch Stars aus Hollywood – wie etwa in „Der Chef schickt seinen besten Mann“, den Sergio Sollima mit Stewart Granger, dem Original-Bond-Girl Daniela Bianchi („Liebesgrüße aus Moskau“) und Peter van Eyck inszenierte. Vor allem aber sind diese Filme voll von charismatischen Charakterdarstellern aus aller Herren Länder und präsentieren einige schöne Schauplätze bis hin zu wirklich exotischen Handlungsorten.

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Der Chef schickt seine beste Frau

Veröffentlichung: 9. September 2016 als DVD

Länge: 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
BRD/F/IT/USA 1967
Regie: Christian-Jaque
Drehbuch: Christian-Jaque, Michel Lévine, nach einem Roman von Robert Sheckley
Besetzung: Peter Lawford, Ira von Fürstenberg, Georges Géret, Maria Grazia Buccella, Horst Frank, Werner Peters, Wolfgang Preiss, Siegfried Wischnewski, Jean Tissier, Wolfgang Kieling
Zusatzmaterial: Illustrierter Film-Kurier (Nr. 203) als PDF, Bildergalerie
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

 
 

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Dr. M schlägt zu – Kampf um die Superwaffe

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Dr. M schlägt zu

Actionkrimi // Eine Superwaffe, die die Menschheit vernichten kann – diese fatale Erfindung hat der Wissenschaftler Dr. Orloff (Siegfried Lowitz, „Der Alte“) gemacht. Eine Verbrecherorganisation beauftragt Dr. Krenko (Jack Taylor), die Waffe zu beschaffen. Ihm auf den Fersen ist Inspektor Thomas (Fred Williams).

Ein Dr.-Mabuse-Film ohne Dr. Mabuse

Der titelgebende Dr. M ist natürlich eine Anspielung auf Dr. Mabuse. Der legendäre Filmproduzent Artur Brauner hatte als Inhaber der Nutzungsrechte an der Figur ein Drehbuch verfasst, das Regisseur Jesús Franco („Das Frauenhaus“, „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“) vor Beginn der Dreharbeiten in Spanien 1970 noch überarbeitete. Der Name Mabuse wird allerdings nie erwähnt. Der von Norbert Jacques ersonnene Superverbrecher kommt im Film schlicht nicht vor.

Deutsche Erstveröffentlichung

Kaum zu glauben: Es handelt sich um die deutsche Erstveröffentlichung. Bislang ist „Dr. M schlägt zu“ weder auf VHS noch auf DVD erschienen. Und auch wenn es sich um einen billigen Streifen mit hanebüchener Handlung und unterdurchschnittlicher Schauspielkunst handelt: Auf trashigem Niveau unterhaltsam ist er allemal – ganz Jess Franco eben. Der feine jazzige Soundtrack untermalt die 70er-Jahre-Bilder obendrein ganz vorzüglich. In der Reihe Pidax Film-Klassiker hat „Dr. M schlägt zu“ auf jeden Fall seine Existenzberechtigung.

Jesús Franco bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Lucky M. füllt alle Särge (1967)
Der Hexentöter von Blackmoor (1970)
Nachts, wenn Dracula erwacht (1970, geplant)
Dr. M schlägt zu (1974)
Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt (1975)
Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London (1976)
Das Frauenhaus (1977)
Ilsa the Mad Butcher (1977)
Die Sklavinnen (1977)
Die teuflischen Schwestern (1977)
Voodoo Passion – Ruf der blonden Göttin (1977)
Frauen für Zellenblock 9 (1978)
Wicked Women – Das Haus der mannstollen Frauen (1978)
Oase der Zombies (1982)

Veröffentlichung: 22. August 2014 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Dr. M schlägt zu
BRD/SP 1974
Regie: Jesús Franco
Drehbuch: Jesús Franco, Artur Brauner
Besetzung: Fred Williams, Jack Taylor, Ewa Strömberg, Siegfried Lowitz, Roberto Camardiel
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2014 Al!ve AG / Pidax Film

 

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