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The Nightingale – Schrei nach Rache: Girl meets „Boy“ mal anders

The Nightingale

Von Tonio Klein

Drama // Oder Rape and Revenge, Rachewestern, Historiendrama? Ein Schuss Horror auch noch gefällig? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Clare (Aisling Franciosi), irische Strafgefangene in der australischen Kolonie im Jahre 1825, zahlt einen hohen Preis dafür, dass sie mit ihrem Mann und nun auch einem Baby scheinbar frei in einer Hütte leben kann. Die Papiere zur endgültigen Entlassung, die ihr nach jahrelangen Arbeitsleistungen ihres Mannes zustehen, verweigert ihr Leutnant Hawkins (Sam Claflin), und es ist klar, was er dafür will: Sex. Nicht aus Liebe, sondern zur Demonstration der Überlegenheit. Darum kommt es auch zum unfreiwilligen Sex, nennen wir es beim Namen: zur Vergewaltigung. Ihrem Mann rät Clare zur Besonnenheit, aber irgendwann läuft eine Begegnung der jungen Familie mit Hawkins und seinen Spießgesellen so aus dem Ruder, dass Baby und Mann am Ende tot sind. Nun sinnt Clare auf Rache …

Clare als Freiwild …

„Rape and Revenge“, das ist ein Genre, um das ich eigentlich einen Bogen mache, weil die feministische Attitüde mir oft nur vorgeschoben scheint, um Gewalt, Gegengewalt und ein voyeuristisches Ausschlachten dessen, wogegen man zu sein vorgibt, in aller Scheußlichkeit zu zelebrieren. Aber, wie „Deadline – Das Filmmagazin“ schon geschrieben hat, „The Nightingale – Schrei nach Rache“ ist so viel mehr. Die australische Regisseurin Jennifer Kent arbeitet sich an der Geschichte ihres Landes ab, hat den historischen Zeitkolorit penibel recherchiert und einfangen lassen. Die Soldaten und die meisten der eingewanderten Zivilleute sind wirklich ein Drecksvolk, aber Kent ist nicht so simpel, die guten Unterdrückten gegen die bösen Unterdrücker zu stellen. Macht und eine angebliche naturgegebene Überlegenheit eingetrichtert zu bekommen, korrumpiert eben. Und selbst unsere Heldin Clare ist eine ambivalente Figur. Die eine Gruppe der Unterdrückten (Frauen) ist nämlich mit einer anderen (schwarze Ureinwohner) keinesfalls solidarisch. Clare wagt also zwecks Verfolgung den Ritt in die Wildnis, und dafür braucht man einen einheimischen Führer. Pferd und Gewehr ihres Mannes sind das Einzige, was ihr von ihm geblieben ist. Obwohl Clare „die andere Seite“ doch kennt, nennt sie ihn, der doch mit „Billy“ einen Namen hat (Baykali Ganambarr), wie selbstverständlich nur „Boy“ und behandelt ihn auch so.

… und als Jägerin

Der recht lang geratene Film nimmt sich behutsam Zeit für die Figurenentwicklung und hat neben den anfänglichen Geschehnissen nur eine Gewaltspitze, die indes tatsächlich heftig geraten ist und mitursächlich für die mangelnde Jugendfreigabe gewesen sein dürfte. Aber auch diese zeigt sehr deutlich, dass Rache nicht ein Endpunkt sein kann, dass sie Clare nicht befriedigt, dass sie Clare und Billy erneut zu entfremden droht, weil er und sie selbst über ihre Wut erschrecken. Und Opfer ist derjenige aus der Truppe, der sich als Einziger geschämt hat und seine (dadurch natürlich nicht entschuldigte) Tat reflektiert. Der Film geht danach noch eine lange Zeit weiter, und er wird plumpe Gewalt-Antworten nicht parat haben – falls er überhaupt Antworten hat. Kitsch wird man vergeblich suchen.

Billy ahnt, welch Zorn in Clare steckt

Eine (Wieder-)Annäherung von Clare und Billy ist erahnbar, aber diese ist keine klassische Liebesgeschichte. Es sei denn, man betrachtet es als Liebe, wenn zwei Menschen einander auch für des anderen Kultur und Lebensumstände die Augen öffnen. Dass dies den Soldaten nicht gelingt, lässt sie erst zu Schurken werden. Auch wenn eine derartige Gesellschaftsordnung für manch geborenen Sadisten ein Geschenk sein mag, sehen wir hier eher Personen, die zum Sadismus wie die Jungfrau zum Kinde gekommen sind. Selbst beim Hauptschurken Hawkins ist klar, dass er immer noch jemanden im Rang über sich hat und genauso Beherrschter wie Herrscher ist. So wie alle Soldaten, wofür bezeichnend ist, dass ein Teil der Gewalt auch innerhalb dieser Gruppe stattfindet. Hawkins’ wichtigstes Ziel ist dann auch, eine Beförderung zu ergattern. Bereits jetzt hebt sich der Schänder in Uniform von den Schindern in Uniform optisch ab. Dem Hamsterrad kann er dennoch nicht entkommen.

Schinder in Uniform

In dem an interessanten Nebenfiguren reichen Film wird die Frage, ob sich der Mensch frei zwischen Macht und Gewissen entscheiden kann, auch anhand der Figur eines vielleicht zehnjährigen Jungen verhandelt. Hawkins nimmt ihn sozusagen unter seine Fittiche, will ihm die Kultur der „Oberschicht“ beibringen, zum Beispiel Alphabetisierung und Umgang mit Waffen. Hauptsächlich will er ihn lehren, so zu werden wie er, auf dass der Junge Gefangene mit einer Pistole in Schach halte, über Leben und Tod entscheide und einmal auch selbst einen Mann erschieße. Ob ihm das gelingt, steht immer hart auf der Kippe. Wir alle sind dieses Kind, das sich entscheiden müsste, und der Film stellt unbequeme Fragen, ohne bequeme Antworten zu geben.

Schänder in Uniform

Nicht zuletzt zeigt sich „The Nightingale“ in seinen Gestaltungsmitteln meisterhaft. Zunächst einmal lohnt der Genuss des Originaltons. Das immer distinguiert, aber hier auch kalt klingende britische Englisch der Kolonialherren, die Sprache der Ureinwohner, der irische Akzent, wenn Clare mit Briten spricht und das Gälisch, wenn sie anfänglich mit ihrem Mann spricht. Dass die Untertiteler das englische „sodomite“ (hier: abfällig für einen Mann, der mit Männern verkehrt) fälschlich mit „Sodomit“ übersetzt und ansonsten wenige Kommafehler eingebaut haben – geschenkt.

Lieder als Wurzeln des Entwurzelten

Stimmen und Sprache sind auch wichtig, weil das Drama, was mir sehr sympathisch ist und nahegeht, ein Weiteres wirkmächtig einsetzt: Musik. Hier meist als Solo-Gesang, einmal nur zart von einer Fiedel begleitet. Clare verzückt zunächst die Truppen durch ihre anrührenden Gesangskünste und wird auch später noch singen, sehr sacht und versunken, wobei ein Liedtext auch zu der titelgebenden Nachtigall etwas zu sagen hat. In ihren wie in den Gesängen Billys, die man jeweils als Volksmusik im Wortsinne bezeichnen kann, kommt etwas so scheinbar Altmodisches und hier doch so Wichtiges wie Heimat zum Ausdruck. Billy ist zum Ausgestoßenen im eigenen Land geworden, Clare ist schon Fremde und Ausgestoßene, Billy sagt zunächst immer voller Wut: „You are England“, sie nicht minder trotzig: „I am Ireland.“ Nicht das Adjektiv, sondern das Land nennen sie. Die Personen stehen auch für die Herkunft, die man ihnen genommen hat. Und sie zeigen in dieser anfänglichen Szene auch, wie sich zwei auf unterschiedlichem Gebiet Diskriminierte beharken können, wer denn nun die größere Arschkarte gezogen hat. So viel zu „Boy“. Billy singt ebenfalls, eher gegen Ende, eher, wenn er nicht zuletzt mit seinem spirituell angehauchten Gesang von seiner Kultur künden kann, für die Clare nun offen ist und mit der er ihr sogar eine Hilfe sein kann. Was übrigens beginnt mit einem Mittel, welches er ihr zwecks Einmassieren der Brüste mixt, weil Clare noch nicht abgestillt hatte und wir zwei Mal ihre an entsprechender Stelle feuchte Kleidung sehen. Das ist etwas, das gleichsam intim, aber eben doch ein ganz natürliches Problem ist, und es ist gut, dass Kent es ehrlich anspricht und dabei sehr zurückhaltend inszeniert. Voyeurismus geht anders!

Höher statt weiter: entsättigte Farben im 4:3-Format

Die Bilder der australischen Wildnis sind beeindruckend, aber auch eher natürlich als erzwungen prachtvoll. Im Gegensatz zu einem Farbverstärkungs-Trend im Mainstreamfilm hat dieser Streifen etwas entsättigte Farben. Und er hat etwas heutzutage sehr Ungewöhnliches: das gute alte 4:3-Bildformat, bei dem also rechts und links Schwarzbalken sind. Das findet man nur noch in Filmen wie „Das blaue Zimmer“ oder in Streifen, die bewusst eine alte Filmzeit heraufbeschwören („The Artist“ oder sogar 1:1,19 in „Der Leuchtturm“). In einem Film wie diesem, der doch einen Teil seines Reizes aus Landschaften bezieht, erstaunt die Entscheidung. Aber Kent scheint sehr genau zu wissen, was sie da tut. Gesichter sind ja sowieso höher, als sie breit sind. Und vor allem Bäume sind es. Die Kamera zeigt auch jenseits der Bildformatwahl, dass dieser Film in die Höhe statt in die Breite gestaffelt ist. Die Natur (mit der Billy sowieso verbunden ist und mit der Clare sich verbinden muss, um überhaupt durchzukommen) spielt neben Clare, Billy und Hawkins die vierte Hauptrolle. Immer wieder geht die Kamera in die Höhe und zeigt die Stämme, Äste und Zweige gen Himmel. Auch der Weg von Verfolgern und Verfolgten führt einmal über einen steilen Pass. Selbst wenn das schließlich erreichte Plateau prächtig ist und einen Panorama-Blick bietet, der sicherlich cinemascopewürdig wäre, geht es dem Film um etwas anderes: wieder herunterzukommen. Hawkins wäre hier ohne seinen „Boy“ (den er selbstverständlich bis zum Ende so nennen wird) völlig verloren, möchte nur wieder herunter, auf die andere Seite, in der die Stadt und die Beförderung auf ihn warten. Für ihn ist die Natur Bedrohung. Für Clare Gefahr, Pein und Chance zugleich. Wenn der Film ihre Perspektive einnimmt, ist Natur, meist bei Nacht, weniger realistisch, stattdessen in allegorischer Schönheit (und Bedrohlichkeit) gefilmt. Wolken, Vollmond, Äste und Zweige, die sich fast als abstrakte Muster zeigen, manchmal dornig, manchmal spitz wie ein Speer, manchmal peinigend, so wie Clare in solchen Nacht(mahr)szenen auch immer Mann und Kind vor sich sieht. Dabei sind die doch im Himmel. Der Himmel ist fern. Da ist ein hohes statt ein breites Bild wirklich passend!

Was blieb: Pferd und Gewehr

Selbst noch in scheinbar beiläufigen Kadrierungen gelingt dem Film eine Meisterschaft in der Mise-en-scène. Im letzten Drittel sind Clare und Billy schon so eine Art Team. Einmal sehen wir sie Seite an Seite einen Weg entlanggehen, die Kamera zeigt erst die Oberkörper, dann die Beine, aber das Bild ist immer kurz über oder unter den Händen abgeschnitten, sodass man diese nicht sieht. Ich hatte mich immer gefragt, ob die beiden nun schon Händchen halten oder nicht, und es ist gut, dass „The Nightingale“ dies nach meinem Eindruck bewusst in der Schwebe hält. Eine schöne und garantiert nicht kitschige Auflösung dieser Frage wird es an anderer Stelle geben. Und wenn in der Schlussszene ein Sonnenaufgang als Kontrast zu Vollmondszenen und als Kontrast zur gesamten vorherigen Ästhetik steht, verrät Kent ihren Ansatz keinesfalls. Es folgt dann nach einem Blick auf Clares Gesicht recht überraschend der Abspann. Dieses Gesicht lädt ein, ihre Geschichte weiterzudenken, so wie überhaupt manche Großaufnahme fast schon „unfilmisch“ voll frontal die Protagonisten zum Zuschauer zu blicken lassen scheint. Dabei schonungslos Gefühle wie zum Beispiel Tränen offenbarend, aber immer noch mehr Rätsel dahinter aufgebend. So auch am Ende. Vielleicht hatte gerade deswegen „Deadline“ geschrieben, dass dieser Film noch lange nachwirkt.

Gepeinigt

Veröffentlichung: 25. Juni 2020 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 136 Min. (Blu-ray), 131 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Nightingale
AUS 2018
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Besetzung: Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr, Michael Sheasby, Claire Jones, Damon Herriman, Harry Greenwood, Eloise Winestock, Ewen Leslie, Maya Christie, Addison Christie
Zusatzmaterial: Trailer, nur Mediabook: Booklet
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Mediabook-Packshot: © 2020 Koch Films

 

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Daddy’s Little Girl – Die Rache ist mein: Wenn die Zivilisationstünche abblättert

Daddy’s Little Girl

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Wann immer „Daddy’s Little Girl – Die Rache ist mein“ in den Filmgruppen der Sozialen Netzwerke thematisiert wird, kommen zuverlässig die Selbstjustiz- und Folter-Verfechter aus ihren Löchern, die großspurig verkünden, was sie mit einem Kinderschänder anstellen würden, der ihrem Nachwuchs etwas antut. Es sind in der Regel dieselben Leute, die den Streifen als Meisterwerk abfeiern, obwohl er alles andere als das ist.

Georgia wird tot aufgefunden …

Manche fordern gar, Folter per Gesetz zu legalisieren, um Kindermördern und anderen Missetätern die Strafe angedeihen zu lassen, die ihnen zustehe – als könne überhaupt irgendjemand ein korrektes Strafmaß für derlei Taten postulieren. Wer das fordert, verkennt obendrein: Sofern der Staat solche Gewalt an Tätern bestimmter Verbrechen sanktioniert oder legitimiert, wird er dieses Mittel über kurz oder lang – eher über kurz – auch an anderen Bürgerinnen und Bürgern ausüben, nur weil sie missliebig sind. Das zeigt die Geschichte von Polizeistaaten und totalitären Diktaturen. Wo soll man überhaupt die Grenze ziehen? Ab welcher Schwere eines Delikts sollen wir Folter und Todesstrafe – oder Folter bis zum Tode – einsetzen dürfen? Oder in die andere Richtung: Für welche Vergehen haben die Täter so gerade eben keine Folter mehr verdient? Solche Fragen führen für diese Maulhelden von Folter-Befürwortern wohl schon zu sehr in die Tiefe. Und wie selbstverständlich kanzeln sie diejenigen, die gegen Folter und Todesstrafe argumentieren, als Verteidiger von Kinderschändern ab. Das führt im Einzelfall so weit, dass einem selbst krankhafte Neigungen unterstellt werden. Apropos Neigungen: Dass sexueller Kindesmissbrauch und Pädophilie erst einmal zwei verschiedene Dinge sind und bei Weitem nicht alle Kinderschänder als Pädophile gelten, interessiert die „Foltert sie!“-Fraktion vermutlich überhaupt nicht.

Das kaputte Fenster

„Daddy’s Little Girl – Die Rache ist mein“ setzt mit einer Entbindung ein. Unter den üblichen Qualen und Strapazen bringt Stacey (Allira Jaques) ihr Baby zur Welt. Sie und Derek (Michael Thompson) sind anfangs offenbar glückliche Eltern, und die kleine Tochter Georgia (Billi Baker) wächst als glückliches Kind heran – trotz der baldigen Trennung ihrer Eltern. Stacey und Derek kommen allerdings nicht gut miteinander aus. So streiten die beiden um das kaputte Fenster in Georgias Zimmer bei Mama, das diese aus Geldnot nicht reparieren lässt. Sie weigert sich aber auch, Dereks Angebot anzunehmen, das Fenster zu richten, weil sie ihn partout nicht ins Haus lassen will. Es kommt, wie es kommen muss: Georgia wird aus dem Fenster heraus entführt und bald darauf tot aufgefunden.

… und zu Grabe getragen

Sechs Monate später hat die Polizei den Täter immer noch nicht ermittelt. Das gelingt aus heiterem Himmel – sprich: purem Zufall – Derek. Er kidnappt den Mörder und verschleppt ihn an einen ungestörten Ort, um ihn langsam zu Tode zu foltern.

Auf der Habenseite: Die Szene, in der Polizisten Derek und Stacey daran hindern, den Fundort der Leiche des offenbar schwer geschundenen Mädchens am Strand zu betreten, funktioniert sehr gut. Wer da nicht mitfühlt, was in den Eltern vorgeht, könnte ein Problem in puncto Empathie haben. Verständlich auch, dass Derek bei der Trauerfeier ausrastet und Stacey anklagt, denn hätte sie ihn das Fenster reparieren lassen, wäre Georgia vielleicht noch am Leben.

Wie foltere ich auf optimale Weise?

Den Täter erahnt der geneigte Zuschauer, bevor Derek dessen Identität herausfindet. So weit, so vorhersehbar. Überraschend – aber nicht im positiven Sinne – gerät die Selbstverständlichkeit, mit der Derek vom trauernden Vater zum gnadenlosen Folterknecht mutiert. Manche Selbstjustizverfechter mögen das für völlig normal halten, aber das ist es natürlich nicht. Niemand ist zum Folterer geboren, schon gar nicht zu einem, der im Internet recherchiert und sich ausgeklügelte Techniken aneignet, um seinem Opfer Schmerz zuzufügen und es währenddessen bei Bewusstsein und am Leben zu erhalten.

Folter

In der Folge entwickelt Derek originelle Ideen, den auf dem Tisch festgeschnallten Täter zu malträtieren. So penetriert er dessen Anus mit einer Röhre, durch die er Stacheldraht in die Darmregionen des Mannes einführt. Schmerzhaft? Ganz sicher, und das auch beim Zusehen. Das kann man natürlich als positiv hervorheben, da diese Empfindungen wohl auch beim Publikum hervorgerufen werden sollten. Die Darstellung der Folterungen wirkt handwerklich einigermaßen gelungen, das kann als weiterer Pluspunkt verbucht werden.

Was soll das, Chris Sun?

Keine Ahnung, ob der australische Regisseur und Drehbuchautor Chris Sun („Charlie’s Farm“) mit dem Dreh von „Daddy’s Little Girl“ seine eigenen Gewaltfantasien über Kindermörder ausleben oder lediglich einen kontroversen Beitrag zur Debatte liefern wollte. Beides gibt Anlass zu Kritik. In einem Featurette auf seinem YouTube-Kanal hat er – ab etwa Minute 18 – harsche Kritik am Justizsystem seines Landes geübt und seiner Abscheu gegenüber Kinderschändern und Kindesmisshandlern Ausdruck verliehen. Hält er die immerhin von ihm selbst ersonnenen Konsequenzen für den Täter in „Daddy’s Little Girl“ für korrekt? Klare Aussagen finden sich dazu nicht, lediglich ein paar Andeutungen, die in die Richtung gehen. Sei’s drum, jedenfalls erwecken seine Äußerungen nicht den Eindruck, er habe sich besonders tiefgründig mit dem Thema auseinandergesetzt. Das passt wiederum gut zu seinem Film.

Nichts gegen Torture Porn, als Exploitation kann ich mir das schon ab und zu anschauen. Der Kontext, Folter als verdiente Strafe für einen Kinderschänder und -mörder darzustellen, geht aber inhaltlich über Exploitation hinaus bis hin zu einem politischen Statement. Und das ist einfach grundfalsch. Mir ist es auch angesichts der bestenfalls durchschnittlichen inszenatorischen, technischen und schauspielerischen Umsetzung schleierhaft, wie es dem Streifen gelingen konnte, bei den Australian Screen Industry Network Awards 2012 acht Trophäen abzuräumen – als bester Film, für Drehbuch, Regie, Kamera, Produktion, Musik sowie Hauptdarsteller Michael Thomson und Hauptdarstellerin Allira Jaques.

Noch mehr Folter

Ich habe selbst drei Töchter und kann mir leider nur zu gut vorstellen, wie zerstörerisch eine derartige Tragödie auf mich wirken würde, würde eine der drei Opfer eines Gewaltverbrechens – wobei ich glaube, dass jeder zu Empathie fähige Mensch auch ohne eigene Kinder solche Gefühle nachempfinden kann. Ich kann auch nachempfinden, welchen Hass man auf diese Täter entwickeln kann, das sind völlig verständliche Vorstellungen, die sich beim Gedanken an die Tat und die Opfer einstellen – auch bei mir. Dennoch lässt diese anscheinend sogar weit verbreitete Haltung, Folter und Todesstrafe zu bejahen und geradezu zu feiern, eine Verrohung unserer Gesellschaft vermuten, die beängstigt.

Stürzt eure Lieben ruhig noch mehr ins Elend!

Damit geht natürlich auch eine Kurzsichtigkeit einher, die mich am klaren Verstand der Folterfans zweifeln lässt. Denn gesetzt den Fall, sie würden nach dem Mord an einem ihrer Kinder den Täter ausfindig machen und so malträtieren, wie es Derek in „Daddy’s Little Girl“ praktiziert, würden sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch mehr Elend über ihre Familie bringen, am Ende auch sich selbst zerstören und als menschliches Wrack in der Gosse oder im Knast landen.

Erneut Folter

Von der logistischen Herausforderung ganz zu schweigen: Ein sicherer Unterschlupf muss vorbereitet, die Entführung geplant werden. Dann gilt es, einen grausamen Mörder zu kidnappen – ob sich das so einfach gestaltet? Wie soll man ihn bewusstlos bekommen? Wie dann den 80- bis 100-Kilo-Kerl schleppen? Ich vergaß: Im Film sieht das so einfach aus, es wird im wahren Leben wohl ähnlich sein. Von wegen. Und zur Folter selbst: Ob es für Menschen mit anständigen Moralvorstellungen wirklich so einfach ist, jemandem auch nur eine Messerspitze in den Leib zu treiben? Andererseits: Wer Folter befürwortet, hat in meinen Augen das Feld anständiger Moralvorstellungen längst verlassen, vielleicht ist die natürliche Hemmung vor dem Blutvergießen da auch schon abgestumpft. Wusstet Ihr übrigens, dass das Themengebiet der Bestrafung von Kinderschändern schon seit Jahren von Rechtsradikalen vereinnahmt worden ist? Kampagnen zur Verschärfung des diesbezüglichen Strafrechts („Todesstrafe für Kinderschänder!“) sind hierzulande in aller Regel von ganz weit rechtsaußen initiiert. Die Nazis wissen eben, dass sie damit bei vielen einen wunden Punkt treffen – und die am wunden Punkt Getroffenen merken nicht, welchen Rattenfängern sie aufsitzen.

Viel besser: „7 Days“

Der bessere, weil an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Themen Selbstjustiz und Vergeltung interessierte Film ist zweifellos der frankokanadische Beitrag „7 Days“ von 2010, der weniger Schauwerte für Gewaltfreaks bietet. Abgestumpfte Exploitation-Fans sollen von mir aus „Daddy’s Little Girl“ den Vorzug geben, aber doch bitte nicht ernsthaft behaupten, dass wir es mit einem guten Film zu tun haben. Chris Suns Regiearbeit reduziert ein komplexes Thema auf einen simplen Gewaltexzess, das ist scharf zu kritisieren. Aber vielen Filmguckern, die „Daddy’s Little Girl“ anpreisen, geht es zweifellos gar nicht um dessen cineastische Qualität, sondern um dessen moralische Aussage, die allerdings eher eine unmoralische ist: Kinderschänder und -mörder verdienen demnach auf jeden Fall den Tod, wenn nicht gar einen so qualvoll wie möglich ausfallenden Tod. Zweifellos gibt es Menschen, die es verdienen zu sterben. Aber zu proklamieren, für welche Taten ich das Todesurteil als angemessen erachte – dafür braucht es eine monströse Anmaßung, zu der ich weder willens noch fähig bin.

„Daddy’s Little Girl“ scheiterte 2014 an der FSK und erhielt das SPIO/JK-Siegel für strafrechtliche Unbedenklichkeit. Ein Jahr später erfolgte die Indizierung. Wie Hohn wirkt am Ende, als Derek sein blutiges Folterwerk abgeschlossen hat, die Szene, in der ihm in Gedanken die kleine Georgia erscheint und ihm ihre Liebe bekundet. Zu dem Zeitpunkt hat der trauernde Vater längst alle Gefühle abgestreift. Erbärmlich.

Derek hat etwas ersonnen, genau: Folter

Veröffentlichung: 10. Juli 2014 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 4. Juni 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: SPIO/JK geprüft: strafrechtlich unbedenklich
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Daddy’s Little Girl
AUS 2012
Regie: Chris Sun
Drehbuch: Chris Sun
Besetzung: Michael Thompson, Allira Jaques, Holly Phillips, Rebecca Plint, Sean Gannon, Christian Radford, Darrell Plumridge, Mirko Grillini, Madeleine Campbell, Billi Baker
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label: Pierrot Le Fou
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2014 Pierrot Le Fou

 

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Quigley der Australier – Vom Wilden Westen zu den Aborigines

Quigley Down Under

Von Leonhard Elias Lemke

Western // Um 1860: Der amerikanische Scharfschütze Quigley (Tom Selleck) begibt sich auf die große Reise über den Ozean, hin zu dem noch recht frisch erschlossenen Kontinent Australien. Er folgt damit dem Ruf des steinreichen Großgrundbesitzers Marston (großartig hassenswert wie eh und je: Alan Rickman), mit seiner einmaligen Schusswaffe die Ländereien von unliebsamen Besuchern zu säubern – den Aborigines. An Ort und Stelle angekommen, weigert sich Quigley, die Bluttaten zu verrichten. Von Marstons Männern übel zugerichtet und im Outback gemeinsam mit der Prostituierten Cora (Laura San Giacomo) dem sicheren Tod überlassen, werden die beiden von großherzigen Ureinwohnern aufgepeppelt und können sich alsbald auf den Pfad der Rache machen.

Gut geschlachtet ist schon halb kolonialisiert!

„Quigley der Australier“ gehört zu den wichtigsten Down-Under-Filmen. Während die Kolonialisten die Indianer Nordamerikas schamlos von deren eigenem Land vertrieben haben, hatte das britische Empire bei der Besetzung Australiens ab 1788 offensichtlich nichts gelernt. Die Ureinwohner des Inselkontinents, die Aborigines, wurden systematisch ausgerottet, ihnen wurde jeglicher Anspruch auf ihre Heimat versagt. „Pazifizierung durch Gewalt“ war das Motto und was man nicht verstand, wurde einfach zertreten. Während der Umgang mit den Indianern verhältnismäßig intensiv in Kunst und Literatur thematisiert wird, scheint das Schicksal der Aborigines oft übergangen zu werden. „Quigley der Australier“ stellt damit einen willkommenen Beitrag dar, der eben jenes Verbrechen thematisiert, das die Menschheit an sich selbst verübt hat.

Western? Abenteuer? Geschichtsstunde? Thriller? Drama? Komödie?

Der Film reitet auf der bislang letzten großen Westernwelle und ist dennoch gar kein typischer Genrevertreter. Er ist schwer zu kategorisieren – das eint bekanntlich die besten Filme. „Quigley der Australier“ ist brutal, blutig und geht dabei fast spielerisch mit den Gräueltaten um. In einigen Szenen erlangt die Story gar metaphysischen Charakter, Tom Selleck wird zum „Spirit Warrior“. Regisseur Simon Wincer vollzieht eine Gratwanderung zwischen Unterhaltungsfilm und bitterer Abrechnung der grausamen Taten. Wincers „Harlekin“ ist wahnsinnig toll, auch die von ihm inszenierte vierteilige Western-Miniserie „Weg in die Wildnis“ (1989) mit Robert Duvall und Tommy Lee Jones lohnt sich sehr. Ein Jahr nach „Quigley der Australier“ drehte er den Actionfilm „Harley Davidson und der Marlboro Mann“ mit Don Johnson und Mickey Rourke, den manche für kultig halten.

Auf der richtigen Seite

Der Action- und Komödienanteil von „Quigley der Australier“ sind zu begrüßen – so kann ein breiteres Publikum angesprochen und auf die Geschichte Australiens aufmerksam gemacht werden als mit einem todernsten Drama. Solche gibt es aber natürlich auch. Basil Poledouris als Komponist ist in der Regel schon allein ein Grund, sich einen Film anzusehen. Sein Soundtrack schöpft vor allem aus einem beschwingt-abenteuerlichen Repertoire, vermeidet aber den ganz großen Conan-Bombast, dem Inhalt Respekt zollend.

Widerwillen vereint?

Tom Selleck hätte gern schon zehn Jahre zuvor die Titelrolle gespielt, kam aber nicht au seinem „Magnum“-Vertrag (nicht für das Eis!) heraus. Als schnauzbärtiger Hüne ist er zunächst gewöhnungsbedürftig – einen Scharfschützen stellt man sich ja eher klein und geschmeidig vor, vielleicht mit Nickelbrille. Doch mit jeder Filmminute mehr merkt man ihm die Inbrunst an, die er in die Rolle gelegt hat. Selleck IST Quigley und er lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er im Outback steht. Oberfiesling Alan Rickman („Stirb langsam“, „Robin Hood – König der Diebe“ sowie die „Harry Potter“-Reihe) ist einfach herrlich anzusehen als eklig arroganter Menschenhasser – dem will man jederzeit eine reinhauen! Showstealerin des Streifens ist allerdings Laura San Giacomo als traumatisierte, erotische, verrückte Crazy Cora, bei der sowohl Publikum als auch Quigley nie so recht wissen, woran sie sind.

Heimkino-Gold

Das von capelight pictures veröffentlichte Mediabook mit Blu-ray und DVD ist ein Musterbeispiel für hochwertige Heimkinoauswertung. Äußerlich gefallen vor allem die matte Oberfläche und die schönen Artworks auf Vorder- und Rückseite, die nicht durch unnütze Infos verschandelt werden. Auch das Booklet ist auf wertigem dicken und matten Papier gedruckt. Hier gibt es keine Fettflecken! Auch finden schön gestaltete Stills ausreichend Platz. Da der Text von Christoph N. Kellerbach stammt, muss man sowieso eine Leseempfehlung aussprechen, denn es ist schier unglaublich, wie gut seine Recherchearbeiten sind. Er vermeidet blumige und ausufernde Sprache (zu der der Autor dieser Zeilen neigt) zugunsten einer klaren Struktur und Aussage. Bei den Extras sind eine tolle Featurette zur (scheinbaren) Wiedergeburt des Westerns und ein Interview mit Laura San Giacomo besonders hervorzuheben. Insgesamt einmal mehr eine vorbildliche Veröffentlichung eines wichtigen Down-Under-Westerns.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Simon Wincer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Alan Rickman unter Schauspieler.

Quigley bringt Licht in trübe Kolonialisten-Köpfe

Veröffentlichung: 22. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD, 20. Oktober 2003 als DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Quigley Down Under
AUS/USA 1990
Regie: Simon Wincer
Drehbuch: John Hill
Besetzung: Tom Selleck, Alan Rickman, Laura San Giacomo, Ben Mendelsohn, Chris Haywood, Ron Haddrick, Tony Bonner, Roger Ward, William Zappa
Zusatzmaterial: „Finding Crazy Cora“: Interview mit Laura San Giacomo, „This One Shoots a Mite Further“: Interview mit dem Waffenexperten Mike Tristano, Featurette „Die Wiedergeburt des Westerns“, TV-Spots, Original-Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2003: MGM

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos: © 2019 capelight pictures

 
 

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