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Danny Boyle (V): Yesterday – Eine Welt ohne die Beatles

Yesterday

Kinostart: 11. Juli 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Musikkomödie // Wenn man nur einen positiven Aspekt von Danny Boyles fantasievoller Beatles-Hommage hervorheben möchte, dann den, dass es dem englischen Filmemacher gelungen ist, uns in etlichen Szenen an die Magie der wunderbaren Lieder der Fab Four zu erinnern. Nicht, dass wir sie vergessen haben könnten, aber wir nehmen all diese großartigen Melodien vielleicht als viel zu selbstverständlich hin. Besonders fiel mir das in einer Szene auf, in der der verkrachte Singer-Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) seinen Eltern Sheila und Jed (Meera Syal, Sanjeev Bhaskar) seine neueste Komposition vorspielen will und dabei immer wieder gestört wird. Titel des Songs: „Let It Be“ …

Die neue Gitarre muss mit „Yesterday“ eingeweiht werden

Aber der Reihe nach: Mit seiner Klampfe tingelt Jack seit Jahren durch die englische Provinz, in der er lebt. Hier ein Pub-Auftritt, dort sogar mal ein Festival, wenn auch nur im kleinen Zelt ohne Publikum, wenn man von seiner kleinen Clique absieht. Als Managerin, Fahrerin und überhaupt Mädchen für alles fungiert Ellie (Lily James), die ihn leidenschaftlich anhimmelt, seit er als Jugendlicher beim Schulfest „Wonderwall“ von Oasis performte.

Stromausfall fegt die Beatles hinfort

Nach besagtem Festival zieht Jack die Reißleine und beschließt, dass der Traum von der Karriere als Musiker ausgeträumt ist. Als er spätabends auf dem Fahrrad unterwegs ist, ändert ein zwölfsekündiger, weltweiter Stromausfall einiges: Jack wird von einem Bus angefahren. Als er erwacht, fehlen ihm zwei Zähne und sein Vollbart, weshalb sich Ellie erst mal über ihn lustig macht. Da seine Gitarre bei dem Unfall zerstört wurde, schenkt sie ihm ein neues, sehr schönes Instrument, was zum Einstieg nach einem besonderen Lied verlangt: „Yesterday“. Ellie und die anderen sind hingerissen. Weshalb hat ihnen Jack diese bewegende Komposition bislang vorenthalten? Der chronisch erfolglose Musiker glaubt sich verhohnepiepelt, bis er daheim im Internet nach den Beatles sucht: Offenbar hat es die vier Pilzköpfe aus Liverpool nie gegeben. Jack fällt aus allen Wolken: Niemand außer ihm kennt all diese wunderbaren Songs. Bald reift in ihm ein cleverer Plan. Aus seinem Gedächtnis kramt er so viele Beatles-Titel hervor, wie ihm nur einfallen, und er versucht, Text und Noten zu rekonstruieren. An „Eleanor Rigby“ beißt er sich lange die Zähne aus.

Ed Sheeran (r.) mag Jack Maliks Songs

Nachdem Jack ein paar „seiner“ neuen Kompositionen lokal veröffentlicht hat, klingelt eines Abends sein Handy. Ein gewisser Ed Sheeran zeigt sich interessiert. Jack glaubt an einen Scherz und wimmelt den Anrufer ab, doch bald steht Ed Sheeran leibhaftig vor seiner Tür. Von dort bis zum Supportauftritt in Moskau und einem Vertrag mit Sheerans so ehrgeizigen wie kaltherzigen Managerin Debra Hammer (Kate McKinnon) ist es nicht mehr weit. Weil Ellie ihr Job als Lehrerin am Herzen liegt, engagiert Jack kurzerhand seinen leichtlebigen und großmäuligen Kumpel Rocky (Joel Fry) als Roadie und Mädchen für alles. Bald winkt der Weltruhm.

Drehbuch von Richard Curtis

Danny Boyle verfilmte das Drehbuch von Richard Curtis, der seine Skripts ansonsten auch gern selbst inszeniert. Wer gibt sich nicht zu Weihnachten hemmungslos der Romantik von „Tatsächlich … Liebe“ (2003) hin? Mit „Radio Rock Revolution“ (2009) hat Curtis auch schon Erfahrung mit Musik im Kino gesammelt, in „Alles eine Frage der Zeit“ (2013) verband er eine romantische Liebesgeschichte mit einer schönen Fantasy-Prämisse. Beste Voraussetzungen also für einen herzerwärmenden Wohlfühlfilm, und so ist es dann auch gekommen.

Managerin Debra wittert einen Reibach und eine neue Villa

Natürlich muss man sich auf die Prämisse einlassen können, dass die Beatles aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind, aber es gibt ausreichend absurdere Plots, sodass das kein echtes Problem darstellen sollte. Als ich erstmals die Story von „Yesterday“ las, fragte ich mich, wie Richard Curtis und Danny Boyle wohl mit dem unermesslichen Einfluss umgehen, den die Fab Four auf die Musikwelt hatten und haben, was beispielsweise mit einer Band wie Oasis wäre. Und siehe da: Auch Oasis sind verschwunden, so weit, so logisch. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach sind allerdings auch Coldplay durchaus Beatles-beeinflusst – und die Band existiert im Universum nach dem Stromausfall weiterhin. Selbst Ed Sheeran hat die Beatles als eine seiner größten Inspirationsquellen genannt, in einer Welt ohne die Pilzköpfe wäre vielleicht auch er kein Star. Aber ich will da mal nicht päpstlich sein. Weshalb es Coca-Cola nicht mehr gibt, dafür findet Jack Malik keine Erklärung. Irgendwie hängt eben alles miteinander zusammen. Vielleicht hat erst Coca-Cola auf unergründliche Weise die Entstehung der Beatles beeinflusst, und als der Stromausfall das Koffein-Zucker-Gesöff von der Erdoberfläche tilgte, verschwanden logischerweise eben auch die Beatles. Aber ich spekuliere hier viel mehr, als „Yesterday“ das tut. Danny Boyle nötigt uns, das Verschwinden einiger Elemente der Popkultur einfach hinzunehmen. Das wird Raucher und Harry-Potter-Fans womöglich hart treffen …

Mit Songs wie „Here Comes the Sun“ wird Jack zum Phänomen

Lily James („Cinderella“, „Baby Driver“) verzaubert als Ellie nicht nur Jack, auch wenn er es lange Zeit nicht bemerkt, sondern auch das Publikum. Man möchte den Sänger schütteln, damit er endlich rafft, was Sache ist. Himesh Patel ist hierzulande wenig bekannt, im Vereinigten Königreich hat er von 2007 bis 2016 in der langlebigen Serie „EastEnders“ mitgewirkt. Er gibt den Normalo, an dessen Äußerem gern herumkritisiert wird, insbesondere Managerin Debra (Kate McKinnon) nimmt in der Hinsicht kein Blatt vor den Mund und lässt nichts unversucht, das Image ihres neuen Schützlings aufzupolieren. Ed Sheeran spielt auf sympathische Weise sich selbst und lässt sich auch ein wenig – nicht zu sehr – durch den Kakao ziehen, als Jack Maliks Karriere die seine pulverisiert. Die Comedy-erfahrene Kate McKinnon („Ghostbusters“, „Saturday Night Live“) füllt ihren skrupellosen Part als Managerin mit viel Verve aus und ist sich nicht zu schade, ein echtes Biest zu sein. Die Musikindustrie kriegt nicht nur damit ihr Fett weg, sondern auch mit einem enorm wichtigen Meeting der Plattenfirma in Los Angeles, bei dem alle Anwesenden jeden Satz des Marketingchefs (Lamorne Morris) beklatschen, weil sie sich letztlich alle selbst toll finden. Herrlich, wie der Redner Jack Maliks Titelvorschläge fürs kommende Album in der Luft zerreißt: „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“? Viel zu lang. „The White Album“? Da mangelt es an Diversität. „Abbey Road“? Eine unbedeutende Straße.

Nichts für Zyniker: „Here Comes the Sun“

Den gehörigen Wohlfühlfaktor von „Yesterday“ kann man natürlich kritisieren, aber musikalische Meisterstücke wie „Here Comes the Sun“, „The Long and Winding Road“ und der Titelsong eignen sich nun mal nicht für Zynismus. Wenn Jack Malik den Tipp bekommt, „Hey Jude“ in „Hey Dude“ umzutiteln (von wem kommt der wohl?), bleibt kein Auge trocken, die Gagdichte ist fast ebenso hoch wie die der großen Gefühle. Wer einige Sequenzen kitschig findet, liegt völlig richtig, erinnert euch an meine Worte, wenn Ihr beim Auftritt im Wembley-Stadion angekommen seid. Aber wer mag nicht ab und zu eine Prise Kitsch? Und dann ist da noch der kurze Gastauftritt von Robert Carlyle, bei dem Danny Boyle die Gefühlsklaviatur voll ausspielt.

„Hey Dude“ existiert!

Fun Fact am Rande: Eine Coverversion mit dem Titel „Hey Dude“ gibt es wirklich. Sie stammt von der Band Beatallica, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Musik der Beatles mit dem Sound von Metallica zu verbinden. Dabei modifiziert sie auf augenzwinkernde Weise auch die Texte. „Hey Dude“ findet sich auf dem 2007er-Debütalbum „Sgt. Hetfield’s Motorbreath Pub Band“.

Am Scheideweg: Jack und Ellie

Irgendwann legen das Drehbuch und damit Danny Boyles Regie den Fokus verstärkt auf die Lovestory zwischen Jack und Ellie, was einige rührende Momente mit sich bringt, bei denen nur herzlose Gesellen cool bleiben. Die Fantasy-Prämisse rückt dann etwas in den Hintergrund. Ich hätte eine Welt ohne Beatles-Songs gern noch etwas ergründet, der Gedanke gibt sicher einige Ideen her, birgt aber auch Gefahren in Form riesengroßer Logiklöcher. Vielleicht wollten Curtis und Boyle das vermeiden. Der Flughafen von Liverpool immerhin heißt bei ihnen schlicht Liverpool Airport und nicht, wie in unserer Welt, Liverpool John Lennon Airport.

Wohlfühlfilm vom „28 Days Later“-Regisseur

Was soll ich groß herumreden – „Yesterday“ ist ein Wohlfühlfilm. Nicht unbedingt Danny Boyles Kerndisziplin, von Richard Curtis kann man das schon eher behaupten. Aber der Regisseur von heftigen Werken wie „Trainspotting – Neue Helden“, „The Beach“ und „28 Days Later“ meistert die Aufgabe mit Unterstützung seines Drehbuchautors, als hätte er nie etwas anderes getan. Das Projekt lag Boyle offenbar so sehr am Herzen, dass er dafür die Regie des 25. Bond abgab. Also lasst Nihilismus, Zynismus und Misanthropie zu Hause und lasst euch von „Yesterday“, all den anderen tollen Beatles-Songs und einem spielfreudigen Ensemble verzaubern!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Lily James und Robert Carlyle unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Weltruhm

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Yesterday
GB/USA 2019
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Richard Curtis
Besetzung: Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran, Kate McKinnon, Joel Fry, Sophia Di Martino, Ellise Chappell, Meera Syal, Harry Michell, Vincent Franklin, Michael Kiwanuka, Karma Sood, Gus Brown, Sanjeev Bhaskar, Karl Theobald, Alexander Arnold, Dominic Coleman, Lamorne Morris, Robert Carlyle
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH (erstes, zweites und fünftes Foto: Jonathan Prime)

 
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Verfasst von - 2019/07/09 in Film, Kino, Rezensionen

 

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It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond – Feierstunde ohne Musik

It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond

Von Dirk Ottelübbert

Musik-Doku // It was twenty years ago today / Sgt. Pepper taught the band to play / They’ve been going in and out of style / But they’re guaranteed to raise a smile / So may I introduce to you / The act you’ve known for all these years / Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band

Im Spätsommer 1966 wünschten John, Paul, George und Ringo die Beatlemania zum Teufel. Ihre gerade zu Ende gegangene US-Tournee hatte in Chaos, Hektik und Stress gegipfelt, gegen das Kreischen der entfesselten Fans kam schon lange kein Bühnenverstärker mehr an. Live-Auftritte, in frühen Jahren der Humus ihrer Geniewerdung, bedeuteten nun Stillstand, Verhinderung der musikalischen Weiterentwicklung, welche den vier Jungs stets so wichtig war.

Sound-Tüfteleien im Studio

Bereits das im Dezember 1965 erschienene „Rubber Soul“-Album markierte die Hinwendung der Beatles zur Studiokunst, das nächste Pop-Meisterwerk „Revolver“ (1966) setzte mit seinen Sound-Tüfteleien den Trend fort. Was Wunder, dass die Fab Four von erstgenannter Platte nur einige wenige Stücke live spielten – etwa „Nowhere Man“ oder „If I Needed Someone“ – und von „Revolver“ dann gar nichts mehr.

Nun also nur noch Studio. „Nur“ – haha! Ende 1966 begannen die Beatles mit den Aufnahmen für ihr achtes Album, und die Sessions gerieten zum kreativen Kraftakt ohnegleichen: Vier Monate verbrachten die Vier in den Abbey Road Studios – ihre Debüt-LP „Please Please Me“ hatten sie 1963 an einem einzigen Tag aufgenommen! Unmengen an Studiozeit gingen also drauf sowie die für die damalige Zeit rekordverdächtige Summe von 25.000 Pfund (umgerechnet etwa 165.000 Euro). Allein die Arrangements fürs LP-Cover verschlangen 3.000 Mäuse, für Johns surrealistisches Opus magnum „A Day in the Life“ bestellten sie ein 40-köpfiges Orchester ein. Auch nicht billig.

Produzent George Martin rückt ins zweite Glied

Aber sie waren eben mittlerweile die Chefs. Entschieden, welche Takes verwendet wurden, wann welcher Song in welcher Abmischung tauglich klang. Ihr Mentor George Martin (1926–2016), vormals in aufnahmetechnischen Belangen der Captain, war nur noch Erster Offizier und hatte sich nach Kräften zu mühen, die speziellen Sound-Ideen seiner Jungs umzusetzen, bis die neue 4-Spur-Maschine glühte.

Legendäre Klamotten: die Pepper-Uniformen

Fürs ikonografische Cover hüllten sich John, Ringo, Paul und George, allesamt Bärtchen tragend, in die heute ebenfalls ikonografischen knallbunten Fantasie-Uniformen und firmierten als – ja, genau: „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Es war die Neuerfindung ihrer selbst in Form einer Alter-Ego-Combo, einerseits natürlich augenzwinkernder Jux, zugleich aber ein Indiz dafür, wie sehr sich die einstigen Pilzköpfe endgültig verabschiedeten vom alten Image, von der Beatles-Musik für Kids.
„Sgt. Pepper“ ist ganz sicher das exzentrischste und experimentierfreudigste Werk der Fab Four. Die vielfältige psychedelische Song-Collage mit Evergreens wie „Lucy in the Sky with Diamonds“, „With a Little Help from My Friends“, „Lovely Rita“ und natürlich dem Titeltrack gilt als erstes Konzeptalbum der Pop-Historie, läutete den „Summer of Love“ mit ein und geriet auch in kommerzieller Hinsicht zum epochalen Ereignis. Die exorbitante Wartezeit aufs neue Album hatte die Erwartungen von Fans und Kritikern ordentlich angeheizt. Sie löste sich in einem gewaltigen Ansturm auf die Plattengeschäfte. Offiziell veröffentlicht am 1. Juni 1967, besetzte „Sgt. Pepper“ in Großbritannien 22 Wochen Platz eins der LP-Charts, in den USA immerhin 15 Wochen. Allein bis 1971 ging der Longplayer sieben Millionen Mal über den Ladentisch.

Album in „Super Deluxe Edition“ erschienen

50 Jahre liegt dieser Rummel jetzt zurück. Eine verdammt lange Zeit. Jung geblieben ist der Album-Meilenstein dennoch, nicht zuletzt dank eines üppigen, von George Martins Sohn Giles verantworteten Re-Releases zum Jubiläum. Diese am 26. Mai 2017 erschienene „Super Deluxe Edition“ enthält unter anderem eine neue Stereo-Abmischung auf Grundlage der seinerzeit auch von den Beatles favorisierten Monoversion.

Ringo, George, Paul und John bei einem PR-Termin

In die Jubiläumsfeierlichkeiten mit obiger Neuveröffentlichung und zahlreichen klugen bis schwärmerischen Aufsätzen grätscht nun Alan G. Parkers Dokumentation „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“. Sie entpuppt sich allerdings als ein seltsamer Zaungast.

Ein Beatles-Film ohne Beatles-Musik

Viel geredet wird in diesem Film, aber er bleibt trotzdem stumm. Denn es gibt – mutmaßlich wegen rechtlicher Schwierigkeiten – tatsächlich nicht einen Fetzen Beatles-Musik zu hören, weder vom „Sgt. Pepper“-Album noch aus dem übrigen Hit-Katalog. Ernsthaft, Leute? Eine filmische Huldigung zum 50-Jährigen des Albums, und kein Pieps von Aufnahmesessions oder fertigen Songs. Geht nicht.

Dass Parker eine illustre Riege von Wegbegleitern, Kennern und Angehörigen vor der Kamera versammelt, ist erst einmal aller Ehren wert. Zum Interview bitten ließen sich die Grandseigneurs unter den Beatles-Publizisten: Philip Norman, Hunter Davies und Ray Connolly. Des Weiteren geben Tony Bramwell von Apple Records, der einstige Beatles-Drummer Pete Best, Buzzcocks-Gitarrist Steve Diggle, Lennons Schwester Julia sowie eine Fanclub-Sekretärin ihre persönlichen Erinnerungen, Einschätzungen und Anekdoten zum Besten. Klar, dass auch die Liverpooler Helden selbst mit zahlreichen Archivaufnahmen vertreten sind.

Langer Atem: John stößt ins Horn

Amüsant und aufschlussreich gerät das durchaus, vor allem für Nichtkenner. Wer mit der Beatles-Historie vertraut ist, wird hier allerdings wenig Neues hören – zumindest kaum etwas, das nicht schon in der Miniserie „The Beatles Anthology“ (1995) zur Sprache kommt. Durchdachter und gewissenhafter recherchiert ist auch John Sheppards famose Dokumentation von 1987 zum 20-jährigen „Pepper“-Jubiläum. Ihr Titel? Erraten: „It Was 20 Years Ago Today“.

Indische Mystik und Meditation

Zum „Sgt. Pepper“-Material mit in der Summe zu vielen „talking heads“ gesellt der Regisseur ein beliebiges und im „Sgt. Pepper“-Zusammenhang wenig erhellendes „Beyond“: Nebenstränge drehen sich um den tragischen Tod von Manager Brian Epstein im August 1967, die Hinwendung der Beatles, insbesondere George Harrisons, zu Meditation und indischer Mystik sowie die Gründung ihres Unternehmens Apple.

Der Film – kein Ärgernis, aber certainly not a thrill. Ich gehe dann mal das Album auflegen.

Die Beatles beim Guru Maharishi Mahesh Yogi (vorn r.)

Veröffentlichung: 20. Oktober 2017 als Special Edition Blu-ray und 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond
GB 2017
Regie: Alan G. Parker
Mitwirkende (zum Teil Archivmaterial): John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr, George Harrison, Yoko Ono, Brian Epstein, George Martin, Pete Best, Roger Waters, Nick Mason, Richard Wright, Syd Barrett, Keith Moon, Marianne Faithfull, Barry Gibb, Maurice Gibb, Twiggy, Maharishi Mahesh Yogi, Patty Boyd, Jane Asher
Zusatzmaterial: Interviews und Featurettes: Liverpool/London introduced by Alan G. Parker, Director and Producer, Interviews, The Bootleg Beatles, Andy Peebles on his John Lennon Interview December 1980, Pete Best – Interview at the Hard Day’s Night Hotel, Julia Baird (John Lennon’s Sister) – Interview, John Lennon Blue Plaque, The Merseybeats, Ringo Archive, 12-seitiges Booklet
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2017 Studio Hamburg Enterprises

 

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A Hard Day’s Night – Vier schlaflose Jungs im swingenden London

HardDaysNight_Bluray

A Hard Day’s Night

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Musikkomödie // Zwei ganz normale Irrsinns-Tage im Leben der berühmtesten Band der Welt – das ist schon der ganze Plot von „A Hard Day’s Night“. Und die berühmteste Band der Welt spielt sich selbst. Der legendäre Anfangsakkord des Titelstücks, von George Harrison auf seiner 12-saitigen Rickenbacker intoniert, kickt uns hinein in diesen ersten und besten Kinofilm der Beatles: John, Paul, George und Ringo fliehen lachend vor hysterischen Fanhorden – tatsächlich Alltag in der Zeit der Beatlemania, die seit Ende 1963 in vollem Gange war. England lag den Fab Four zu Füßen, mit „I Want to Hold Your Hand“, TV-Auftritten und Konzerten hatten sie die USA erobert.

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Nur schnell …! Polizisten jagen arme Beatles

Die Flucht endet jedenfalls in einem Zug, der die vier Helden nach London bringt – im Gepäck ihr knurriger Manager Norm (Norman Rossington), Assistent Shake (John Junkin) und vor allem Pauls kauziger Großvater (Wilfrid Brambell), der sich die eine oder andere Eskapade leisten wird. In der Hauptstadt: weitere kreischende Fans, Fahrt zum Hotel, Pressekonferenz, Proben im TV-Studio, am Ende ein abendlicher Live-Auftritt.

Herumalbern und Mädchen den Kopf verdrehen – The Beatles

Regisseur Richard Lester („Der gewisse Kniff“), der ein Jahr später auch „Help!“ drehen wird, kleidet den Irrsinn in semi-dokumentarisch wirkende, dabei aber ungewöhnlich geschnittene und perfekt getimte Schwarz-weiß-Bilder. Er lichtet seine unfassbar gut aussehenden Stars in ikonografischen Posen ab, nur um alles im nächsten Moment ironisch zu brechen. Die Beatles haben breiten Raum zum Improvisieren, sie albern herum, klopfen Sprüche und ziehen einander auf. Der kluge und gewitzte Lester, damals 32, kennt die Images seiner Jungs natürlich genau. Er lässt Wortführer John Lennon und den enthusiastischen Mädchenmagneten Paul McCartney tatsächlich gern im Vordergrund agieren. Aber zwei grandiose „Soli“ gehören George und Ringo, den Beatles aus der zweiten Reihe (wenn man das überhaupt so sagen kann). George lässt cool einen zynischen Werbeagentur-Chef auflaufen. Der von Pauls Großvater zur Revolte animierte Ringo geht stiften und spaziert in der Nachmittagssonne die Themse entlang.

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Kurze Verschnaufpause für die Fab Four

In jeder Szene wirken die Pilzköpfe ganz bei sich, vor allem natürlich, wenn sie ihre Instrumente in den Händen halten: „I Should Have Known Better“ im Gepäckabteil, „If I Fell“, „And I Love Her“ und „I’m Happy Just to Dance with You“ im TV-Studio. Die schönste und witzigste Song-Sequenz ist ihr mit „Can’t Buy Me Love“ unterlegter Ausbüxer aus dem Studiogebäude. Im Zeitraffer, gefilmt aus der Luft, sehen wir sie auf freiem Feld herumtoben und herumkaspern. Ein kurzer Film im Film, ein hinreißender Musik-Clip aus Zeiten, als es noch keine Clips gab.

Und überhaupt – ausbüxen: Mit Wonne seilen sich die Jungs immer wieder ab. Sie verlassen das Hotelzimmer, um tanzen oder ins Casino zu gehen, schwänzen einen Teil der Pressekonferenz oder türmen aus dem Studio, was den steifen Aufnahmeleiter (Victor Spinetti) ein ums andere Mal zur Verzweiflung bringt. So erzählen Richard Lester und Drehbuchautor Alun Owen in ihrem so spritzigen wie hintersinnigen Film auch vom Aufbegehren gegen ein starres Establishment, sprich: gegen die Werte der 50er-Jahre.

Zugleich Huldigung und Verulkung der Beatlemania

„A Hard Day’s Night“ gelingt ein wunderbarer Spagat: Er ist selbst ein hundertprozentiges Produkt der Beatlemania, eine Feier der Fab Four und ihrer Musik – und zugleich die parodistische Veräppelung des ganzen Wahns um sie herum. Zu Recht gilt er überdies als einer der einflussreichsten Musikfilme überhaupt, lieferte die Blaupause für Videoclips folgender Jahrzehnte, für die Inszenierung von Konzertfilmen und für das Musikfernsehen.

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Zu Hause auf der Bühne: „She Loves You – Yeah, Yeah, Yeah!“

Wie heißt es im Titelsong? „…and I’ve been working like a dog.“ Ja, alle arbeiteten sie hart. Für den Dreh stand Richard Lester ein Budget von 200.000 Pfund zur Verfügung sowie dreieinhalb Wochen Zeit für den Schnitt. Die Beatles mussten ihr Album zum Film unter großem Zeitdruck fertigstellen. Das Ergebnis indes war ein Markstein ihrer Karriere, in jeder Hinsicht famos, die Musik schwelgerisch, romantisch und im besten Sinne unschuldig. Zum ersten Mal enthielt eine Beatles-LP nur Eigenkompositionen. Allein die Vorbestellungen für das Album spielten die Kosten des Films wieder ein. Der wiederum machte, nebenbei gesagt, einen Gewinn von zwölf Millionen Pfund. Auch Hollywood merkte auf: Es gab Oscar-Nominierungen für das beste Drehbuch und für Beatles-Produzent George Martin, der den Instrumental-Score verantwortete.

Die Swinging Sixties – auch heute ein großes Vergnügen

Am 6. Juli 1964 enterte „A Hard Day’s Night“ die britischen Kinos. 50 Jahre ist das her. Ist er gealtert? Keinen Tag! Ein smartes, stilsicheres und selbstironisches Zeitbild, das in die Swinging Sixties eintaucht, so einzigartig wie seine Stars – aber bestimmt nicht nur für Beatles-Fans ein Riesenvergnügen.

Veröffentlichung: 10. Juli 2014 als Blu-ray und DVD sowie Special Edition (Blu-ray, DVD + 2 Bonus-DVDs)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Hard Day’s Night
GB 1964
Regie: Richard Lester
Drehbuch: Alun Owen
Besetzung: John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell, Norman Rossington, John Junkin, Victor Spinetti
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Kinotrailer, Bildergalerie, Audiokommentar mit Cast & Crew, nur Special Edition: Booklet mit Erinnerungen von Produzent George Martin und anderen, Dokumentation „You Can’t Do That“ (von Phil Collins moderiertes Making-of, 60 Min.), Dokumentation „Things They Said Today“ mit Interviews der Beteiligten (38 Min.), Featurette „In Their Own Voices“ – Die Beatles über „A Hard Day’s Night“ (18 Min.), Featurette „The Beatles: The Road to A Hard Day’s Night“ mit Beatles-Biograph Mark Lewisohn (28 Min.), Featurette „Anatomy of a Style“ über Regisseur Richard Lester (17 Min.), Featurette „Picturewise“ mit Regisseur Richard Lester (28 Min.), Kurzfilm „The Running, Jumping & Standing Still“ von Regisseur Richard Lester (11 Min.), diverse Interviews (150 Min.)
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2014 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2014 Koch Media

 

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