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The Death Kiss – Mord vor laufender Kamera

The Death Kiss

Von Ansgar Skulme

Krimi // Die Dreharbeiten an dem Film „The Death Kiss“ neigen sich dem Ende zu, als es mitten in einer Szene plötzlich zu einem tödlichen Zwischenfall kommt. Schnell wird klar, dass es sich nicht um einen unglücklichen Zufall oder versehentlich ans Set gelangte scharfe Munition gehandelt haben kann. Zwei polizeiliche Ermittler (John Wray, Wade Boteler) versuchen, das komplizierte Geflecht an Personen vor und hinter der Kamera zu entwirren. Aber auch der Krimi-Drehbuchautor Franklyn Drew (David Manners) wagt sich an die Lösung des Mysteriums, um die Hauptverdächtige Marcia Lane (Adrienne Ames) zu entlasten.

Drew (M.) mischt sich mit Freude in die Ermittlungsarbeit der Polizei ein

Wer sich an klassischen Schwarz-Weiß-Krimis mit Täterrätsel erfreuen kann, in denen Spannung aber auch Humor wesentliche Rollen spielen, kommt mit „The Death Kiss“ bestens auf seine Kosten – dieses Crime-Subgenre hielt sich bis weit in die 60er-Jahre hinein gut im Geschäft, der vorliegende Film von 1932 ist ein früher Tonfilm-Vertreter. Das Regiedebüt von Edwin L. Marin („Die Todesschlucht von Arizona“, 1950) wurde zwar als gruseliges Bela-Lugosi-Horrorvehikel beworben, um vom Erfolg seiner „Dracula“-Rolle zu profitieren, doch hinter dem Etikettenschwindel verbirgt sich ein sehr unterhaltsamer Krimi mit gut aufgelegten Darstellern – darunter David Manners, der die eigentliche Hauptrolle spielt, und Edward Van Sloan, die beide bereits in „Dracula“ an Lugosis Seite zu sehen waren. Bela Lugosi spielt, bei Licht betrachtet, nur eine der etlichen tatverdächtigen Nebenfiguren, ohne künstlich in den Vordergrund inszeniert zu werden. Das Konzept, einen Mord aufzuklären, der vor laufender Kamera geschah und somit immer wieder betrachtet werden kann, zeigt sich schon hier als reizvolle Grundkonstellation.

Lass sie mal machen – es sind doch Profis!

Auffällig ist, dass ich sowohl David Manners als auch Edward Van Sloan aus „Dracula“ recht hölzern und unnahbar in Erinnerung habe, obwohl sie in dem Film durchaus wichtige, bekannte Rollen spielten. In „The Death Kiss“ wirken beide allerdings schon nach wenigen Momenten wie ausgewechselt. Wenn sich Van Sloan, der den Regisseur des Films im Film spielt, das erste Mal nachdenklich aus seinem Regiestuhl erhebt und danach zu seiner Crew spricht, ist da sofort eine völlig andere, souveräne Leinwandpräsenz. Auch David Manners ist plötzlich weit mehr als nur ein Schönling, der zum Gutaussehen da ist, und zeigt ungeahnte, verschmitzte schauspielerische Qualitäten, zum Beispiel im Zusammenspiel mit dem sehr begabten, für die meisten Lacher zuständigen Vince Barnett, der in seiner Rolle als Studio-Polizist tapsig versucht, dem ermittelnden Autor zur Hand zu gehen. Nicht zuletzt erliegt Marin Gott sei Dank nicht der Versuchung, Lugosi, zumindest wann immer er denn mal im Bild ist, sofort plakativ als besonders finster und verdächtig in Szene zu setzen und dabei mit teils abstrakten, deplatziert albernen Kameraeinstellungen zu arbeiten wie später einige seiner Regiekollegen. Natürlich hätten derartige Fährten bestens zur irreführenden Plakatwerbung gepasst, die für „The Death Kiss“ gemacht wurde, und es gibt durchaus Filme, bei denen man den Eindruck hat, dass fortwährend versucht wird, Lugosi in verkrampftester Art und Weise möglichst auffallend mysteriös wirken zu lassen, auch wenn es teilweise alles andere als Not tut und stattdessen schnell einmal sehr überkandidelt sowie unfreiwillig komisch anmutet. Aber um das alte Sprichwort „Weniger ist manchmal mehr!“ von Grund auf nachvollziehen zu können, genügt es letzten Endes eben wirklich, einfach die Filme von Bela Lugosi zu betrachten, die von großer Kunst bis zu inszenatorischem Totalversagen – auch schon vor seiner Zusammenarbeit mit Ed Wood – die ganze Bandbreite des Möglichen aufzeigen, was man mit einem Star und seinem Image so alles anstellen und verschlimmbessern kann.

Avery weiß, wie der Hase läuft

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Edwin L. Marin beim Umgang mit seinen Schauspielern alles in allem auch schlichtweg einen wesentlich ergiebigeren Job machte als der, wie ich finde, generell sehr überbewertete Tod Browning, der zuvor bei Lugosis berühmtestem Vampir-Auftritt in „Dracula“ im Regiestuhl saß, und dort eben auch David Manners und Edward Van Sloan unter seiner Fittiche hatte. Die Darsteller in „The Death Kiss“ wirken nicht nur angenehm ungebremst und mit Freiheiten ausgestattet, sondern – mit Ausnahme der Spaßvögel und Trottel – auch ziemlich natürlich, bekommen ihre Momente zum Innehalten und ruhigen Ausspielen einer Situation, ohne dass deswegen aber gleichzeitig wiederum Erzähl- und Schnitttempo verschleppt werden. Es wirkt, als sei es dem Regisseur wichtig gewesen, eine gewisse Form von Naturbelassenheit im Schauspiel deutlich werdend zu bewahren – welche Schauspieltechniken und Varianten, diese in einzelnen Kameraeinstellungen aufzulösen und zur Geltung kommen zu lassen, im damaligen Hollywood nun auch üblich gewesen sein mögen. Selbst Bela Lugosi wirkt natürlich; und das will tatsächlich etwas heißen.

Zudem hat der Film genau die richtige Mischung an Tatverdächtigen, sodass das Täterrätsel bis zum Ende spannend bleibt. Es werden keine entscheidenden Fehler gemacht, die zu einer auffälligen Ungleichmäßigkeit zwischen den einzelnen Figuren führen. Dass ich bei derartigen Filmen den Täter ab einem gewissen Punkt schon allein aufgrund zu weniger Verdächtiger oder aufgrund zu wenig beziehungsweise zu viel Präsenz innerhalb der Geschichte erkannte, ehe alles aufgelöst wird, ist durchaus bereits vorgekommen. Aber „The Death Kiss“ kann das besser.

Das könnte wem bekannt vorkommen

Nette Einblicke hinter die Kulissen damaliger Filmsets bringt der Handlungsort zudem gewissermaßen automatisch, als kostenlosen Bonus mit. Dazu ein paar überraschende Farbeffekte im Schwarz-Weiß-Bild, die damals per Hand koloriert wurden und in ihrer Wirkung kurioserweise zumindest ein bisschen dem Effekt der Mischung von Farbe und Schwarz-Weiß im Bild vorgreifen, der über 70 Jahre später sehr ergiebig von den beiden „Sin City“-Filmen genutzt wurde. Dass die Art und Weise des ersten Todesfalls in „The Death Kiss“ tragisch an den Unfalltod von Bruce Lees Sohn Brandon 1993 am Set von „The Crow“ erinnert, ist ein bitterer Beigeschmack, der dem Film nachträglich aber auch eine gewisse Form ungeahnter Authentizität verschafft, mag er zuvor vielleicht noch eher den Anschein gehabt haben, nichts als reißerisches, aber gut unterhaltendes Popcorn-Kino und eine ziemliche „Räuberpistole“ zu sein. Zuweilen werden Filme einfach in der einen oder anderen Form von der Realität eingeholt. Manchmal leider Gottes, manchmal zum Glück.

Steiner hofft auf Licht im Dunkel

Wem „The Death Kiss“ genauso wie mir gefällt, dem möchte ich ausdrücklich „The House of Fear“ (1939) des österreichischen, in die USA emigrierten Regisseurs Joe May („Asphalt“, 1929) empfehlen. Dort geht es um einen Mord auf einer Theaterbühne, der zur Schließung des Theaters führt – nach einer Weile wird zur Wiedereröffnung dasselbe Stück aus der Mordnacht, mit derselben Besetzung, angekündigt, um den Täter an Ort und Stelle zu entlarven. Vor einigen Monaten wurde diese Produktion in Berlin im Kino wiederaufgeführt und machte mindestens genauso viel Spaß wie „The Death Kiss“ ohnehin schon. Zwei Filme, die für ein Double Feature wirklich wie geschaffen sind. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem Sherlock-Holmes-Film „Das Haus des Schreckens“ von 1945, der im Original ebenfalls „The House of Fear“ heißt und ebenfalls von Universal produziert wurde, eine völlig andere Geschichte erzählt, allerdings gleichermaßen zu empfehlen ist. Kurz nach „The House of Fear“ wurde „Der Unsichtbare kehrt zurück“ (1940) als nächster Joe-May-Film und wahrscheinlich seine rückblickend bekannteste Hollywood-Produktion veröffentlicht – einer der seltenen Fälle, in denen eine Fortsetzung zu einem Horrorklassiker in der ertragreichen 30er-/40er-Phase, aus meiner Sicht, sogar den vorausgegangenen ersten Teil der Reihe toppte. Nicht nur, weil Vincent Price als Unsichtbarer in diesem Sequel ein genialer Kunstgriff war, noch bevor Price etliche Jahre später zu dem berühmten Horrorstar wurde, als der er heute immer noch gilt.

Extra auf hohem Niveau

Ostalgica hat „The Death Kiss” im Bonusmaterial von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ im Originalton mit deutschen Untertiteln auf Blu-ray veröffentlicht. Davon, dass es sich um einen Film handelt, der mittlerweile in Public Domain übergegangen ist, muss man sich hinsichtlich der Bildqualität erfreulicherweise nicht abschrecken lassen. Zwar schwankt die Detailqualität bei Bild und Ton während des Films, es gibt ein paar kleine Sprünge und kurze Asynchronität, was offenkundig alles am nicht gleichmäßig gut erhaltenen Ausgangsmaterial liegt, aber weite Passagen liegen tatsächlich in einer Auflösung vor, wie man sich das für eine Blu-ray-Veröffentlichung eines über 85 Jahre alten Films nur wünschen kann. Das mag zu wenig für heutige Digital-Ansprüche sein, um als sehr alter US-Klassiker und Hauptfilm in Deutschland auf Blu-ray im Alleingang auf den Markt losgelassen zu werden, aber zumindest reicht es locker, um als hervorragendes Extra durchzugehen. Und bei echten Nostalgikern genießen Bild- und Tonqualität sowieso per se nicht oberste Priorität als Maßstäbe, die an einen Filmklassiker angelegt werden. Ansonsten könnte man ja etliche Klassiker, die es einfach nicht mehr in entsprechender Qualität gibt, nie mehr ansehen – wem täte man damit einen Gefallen?

Auch die einstmals per Hand kolorierten, hier möglicherweise in rekonstruierter Fassung vorliegenden Passagen sind auf der Ostalgica-Blu-ray enthalten und fallen nicht einer reinen Schwarz-Weiß-Bildfassung zum Opfer. Angesichts des absolut angemessenen Preises dieser „Classic Chiller“-Edition sollte man sich vor Augen führen, dass man für das Geld eben auch zwei Filme und dazu weiteren Bonus zum Hauptfilm, vom Hörspiel bis zum Audiokommentar, bekommt. Was man in etwa bezahlen würde, würde man beide Filme und das Hörspiel jeweils einzeln auf den entsprechenden Datenträgern erwerben, kann sich zum Vergleich ja jeder selbst ausrechnen. Aus meinem Blickwinkel ist das Veröffentlichungskonzept der „Classic Chiller Collection“ absolut unterstützenswert. Nicht zuletzt, da man mit dem Kauf der Produkte auch seinen finanziellen Beitrag dazu leistet, dass der eine oder andere Klassiker erstmals deutsch vertont wird und somit künftig mehr Menschen erreichen kann. „Deadline – Das Filmmagazin“ hat „The Death Kiss“ im Übrigen bereits 2010 als zweiten Teil der „The Scare-ific Collection“ veröffentlicht. Die DVD kann im Online-Shop der Zeitschrift einzeln oder im Bundle mit anderen Titeln der Reihe bestellt sowie als Aboprämie ausgewählt werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als Blu-ray, 1. Juni 2010 als DVD („The Scare-ific Collection“ #2 von „Deadline – Das Filmmagazin“)

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK 16 (Freigabe der gesamten Blu-ray, auf der „The Death Kiss“ als Bonus enthalten ist)
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Death Kiss
USA 1932
Regie: Edwin L. Marin
Drehbuch: Barry Barringer, Gordon Kahn, Joe Traub, nach einem Roman Madelon St. Dennis
Besetzung: David Manners, Adrienne Ames, Bela Lugosi, John Wray, Vince Barnett, Alexander Carr, Edward Van Sloan, Harold Minjir, Wade Boteler, Al Hill
Zusatzmaterial: Bonus auf der Blu-ray nur zum Hauptfilm „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“
Zusatzmaterial „Scare-ific Collection“ #2: Kapitel 3 und 4 des 12-teiligen SF-Fantasy-Serials „Undersea Kingdom“ (1936)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH
Label 2010: Deadline – Das Filmmagazin

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Filmplakat: Fair Use, Szenenbilder: Public Domain

 

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Das Geheimnis des Dr. Mirakel – Frauen am Kreuz und Tierblut-Experimente

Murders in the Rue Morgue

Von Ansgar Skulme

Horror // Im nächtlichen Paris des Jahres 1845 verschwinden junge Frauen von der Straße und tauchen wenig später tot wieder auf. Merkwürdige Male an den Körpern der Opfer wecken das Interesse des Medizinstudenten und Hobby-Detektivs Pierre Dupin (Leon Ames). Die Spur führt zum Jahrmarkt – ein wunderbarer Platz, um täglich frische Opfer kennenzulernen. Unter den Schaustellern ist auch Dr. Mirakel (Bela Lugosi), der verdammt fasziniert von Gorillas als ursprüngliche Form des Menschen ist – wenn nicht sogar davon besessen.

Der Zweck heiligt die Mittel

Ursprünglich sollte Bela Lugosi in Universals legendärer „Frankenstein“-Verfilmung von 1931 den Doktor spielen, der das Monster erschafft. Als Regisseur war der in Paris geborene Robert Florey auserkoren, der das Projekt bis fast zum Drehstart federführend künstlerisch entwickelte. Florey war es auch, der Lugosi die Rolle des Doktors anbot. Dann jedoch wurde Lugosi vom Studio angetragen, anstelle des Doktors doch lieber das Monster zu spielen. Umstritten ist, ob Lugosi dies letztlich beleidigt ablehnte oder aus anderen Gründen ersetzt wurde. Florey und Lugosi nahmen in den Sets von „Dracula“ (1931) sogar noch 20 Minuten an Testaufnahmen mit Lugosi als Monster auf. Dann jedoch verliert sich Lugosis Spur in diesem Projekt. Ein paar Passagen im fertigen „Frankenstein“-Film sollen noch von Robert Florey inszeniert worden sein, ehe schließlich James Whale übernahm und Boris Karloff als Monster zur Legende wurde. Überliefert ist, dass Florey von dem Projekt deutlich abweichende inhaltliche Vorstellungen hatte – unter seiner Regie hätte die Geschichte wohl an vielen Stellen anders ausgesehen. „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ wurde als Ersatzprojekt für Florey und Lugosi gewählt. Im Original „Murders in the Rue Morgue“ betitelt, basiert der Film auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, hierzulande als „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ bekannt.

Stirb für mich!

An der Kinokasse scheiterte der Film, was dazu führte, dass Bela Lugosi bei Universal keinen neuen Vertrag in „Dracula“-Größenordnungen erhielt. Aus heutiger Sicht jedoch hat der in Schwarz-Weiß gedrehte Klassiker einen guten Ruf, beispielsweise wegen einer starken visuellen Nähe zum deutschen filmischen Expressionismus der 20er-Jahre-Stummfilmzeit – begünstigt durch den deutschen Kameramann Karl Freund (Kamera bei „Metropolis“, 1927 sowie bei „Dracula“, 1931; Regie bei „Die Mumie“, 1932) sowie wunderbar gestaltete Sets, Tiefenkonstruktionen im Raum und Licht-/Schattenstimmungen. Dazu ein paar für die frühen 30er durchaus beachtliche, ansehnliche Kamerabewegungen. Wie sehr die Ähnlichkeit der Sequenz über den Dächern von Paris gegen Ende mit dem Finale von „Metropolis“ und der Anwesenheit von Karl Freund zu tun hat, darüber kann man getrost ein paar Mutmaßungen anstellen.

Potenzielle Opfer auf dem Präsentierteller

Bemerkenswert ist auch, dass „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar noch entstand, bevor die Zensur-Einschränkungen des Hays Codes ab 1934 verpflichtend für ganz Hollywood wurden, dennoch aber – aufgrund der gezeigten Gewalt – auf Initiative des Studios hin in stattlicher Art und Weise von 80 auf 61 Minuten gekürzt wurde. Zudem wurden Nachdrehs vom Regisseur verlangt, die dieser innerhalb von etwa zehn Tagen, rund einen Monat nach Abschluss der eigentlichen Dreharbeiten, Ende 1931 umsetzte.

Trotz alledem ist der rabiate, verstörende Umgang des verrückten Wissenschaftlers mit seinen Opfern auch in der ins Kino gelangten Version des Films immer noch recht starker Tobak, was dunkel erahnen lässt, wie heftig die ungekürzte Fassung wohl gewesen sein muss. Dr. Mirakel quält die Frauen so lange, dass er teilweise schon gar nicht mehr mitbekommt, ob sie überhaupt noch leben, und schreit die ohnehin schon Wehrlosen oder Verstorbenen im Wahn noch an, als seien sie an allem schuld, wenn seine Experimente mit ihnen nicht gelingen. All das in einem Szenario, das die jungen Frauen wie gekreuzigte Engel im Bild erscheinen lässt. Diese sanften Wesen sterben einfach als Versuchsobjekte für ihn, damit der Schlächter seine pseudo-wissenschaftlichen Ziele erreichen kann. Wie er angesichts des sterbenden Leibes regelrecht vor eine Wand schreit und im Wahn notfalls mit Geschrei das Gelingen seiner Experimente zu erzwingen versucht, zählt zum Denkwürdigsten, was Bela Lugosi auf der Leinwand hinterlassen hat. Zwar bewegte sich der berühmte ungarische Mime beim Verkörpern seiner Rollen häufig hart an der Grenze zum hoffnungslosen Überzeichnen, doch gerade als Dr. Mirakel gelingt es ihm recht gut, die totale Eskalation in einigen Momenten, in denen er die Fassade völlig fallen lässt, konsequent auf den Punkt zu bringen. Einer der eher seltenen Fälle, bei denen es ihm wirklich überzeugend glückte, so zu wirken, als würde seine Figur absolut hoffnungslos einen komplett kranken Film in ihrem Kopf schieben. Gelegentlich scheiterte er an solchen Psycho-Rollen auch mit einigen Anflügen unfreiwilliger Komik. Hier jedoch nicht.

Wenn es nicht nach Dr. Mirakels Kopf geht, beschimpft er auch Leichen – und macht ihnen Vorwürfe

Schwerer hat es da schon der Gorilla, den Grusel-Faktor des Films nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, da die Art und Weise, wie Dr. Mirakel dieses Tier einsetzt, doch arg an den Haaren herbeigezogen und insgesamt sehr unglaubwürdig wirkt. Zudem sieht das Kostüm auch nicht wirklich bedrohlich aus – der Darsteller Charles Gemora war derselbe, der später auch in „Dick & Doof als Salontiroler“ (1938) auf einer Hängebrücke im Gorilla-Kostüm auf Stan Laurel und Oliver Hardy traf. Und im Wesentlichen wirkt es so, als sei auch das Kostüm womöglich dasselbe. Nur ist das eine eben eine Slapstick-Komödie und das andere ein düsterer Horrorfilm – zwei Genres, wie sie gegensätzlicher kaum sein können.

So stark, wie man ihn sein ließ

Ein Resultat der vom Studio geforderten Kürzungen dürfte sein, dass der Film seine Konzentration im Mittelteil vor allem dem jungen Ermittler widmet. Dieser Pierre Dupin basiert auf Edgar Allan Poes Figur C. Auguste Dupin, die auch in zwei anderen Poe-Geschichten auftaucht. Der Spannungsbogen leidet etwas darunter, dass Dr. Mirakel nicht wenigstens noch zwei oder drei Szenen mehr sein Unwesen treiben darf. Wenn man die Erzählung mit „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932) oder „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) vergleicht, ist da am Ende einfach immer noch zu wenig unmittelbare Konfrontation mit dem geballten Bösen. Das Potenzial, sich auf Augenhöhe mit diesen beiden Farb-Horrorklassikern zu bewegen, hat „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“, jedoch wird es nur punktuell erschöpft. Und das liegt tatsächlich – für mich durchaus überraschend – am wenigsten an der Darstellung von Bela Lugosi; und natürlich auch nicht an der Stimmungskraft der Bilder. Es sind narrative Probleme, die eben manchmal aufkommen, wenn man einem Regisseur als Studio ins Handwerk pfuscht. Einen Film um ein Viertel zu kürzen, ist keine Kleinigkeit und kein Kavaliersdelikt – und kann im Grunde gar nicht anders, als aufzufallen. Erfreulich ist immerhin, dass der junge Ermittler alles andere als ein Milchgesicht ist, sondern in der Verkörperung von Leon Ames, der damals noch unter dem Nachnamen Waycoff firmierte, für ein solches Rollenbild im Hollywood der 30er- und 40er-Jahre optisch angenehm aus dem Rahmen fällt – das bewahrt den Film vor einer zu akuten Verwässerung, wenn die Figur Übergewicht im Windschatten von Dr. Mirakel bekommt.

Bei diesem Gorilla sind alle unten durch

So bleibt am Ende ein komprimiertes Gesamtpaket von dem übrig, was sich Robert Florey ursprünglich einmal vorgestellt haben mag, das es aufgrund des Schockpotenzials einiger Szenen zumindest aber doch recht geschmeidig über die knappe Dauer von rund 60 Minuten schafft. Zu den Top 10 der US-Horrorfilme, die in der kurzen, aber genialen, brutalen und verstörenden Phase zwischen Beginn des Tonfilms und verpflichtender Installation des Hays Codes 1934 entstanden, würde ich „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar eventuell nicht ganz zählen, aber das kann man durchaus als knappe Entscheidung werten. Und man kann guten Gewissens behaupten, dass die klassische Horrorliteratur- und Horrorfilmfigur des verrückten Wissenschaftlers nur selten so brutal auf die Spitze getrieben wurde wie hier. Wenn auch nur in relativ wenigen Sequenzen erhalten, sind es doch Passagen, die in Erinnerung bleiben und zum Heftigsten zählen, was das Genre damals diesbezüglich hervorgebracht hat.

Kurzum: Dafür, dass er offensichtlich sogar noch viel besser hätte sein können, allein schon, wenn man den Regisseur zufriedengelassen hätte, ist dieser Film erstaunlicherweise dennoch ziemlich denkwürdig gelungen. Selbst die Version mit angezogener Handbremse toppt viele spätere Vertreter des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren, weil einige Nadelstiche einfach perfekt sitzen. Und bei Dr. Mirakel, in seinen Opfern, sitzen die Nadelstiche zudem auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Genau das, was der Klassiker-Markt jetzt braucht

Das Label Ostalgica hat dem Film im Rahmen seiner „Classic Chiller Collection“ eine brillante Veröffentlichung mit klasse Bild als Blu-ray spendiert. Hierfür wurde er, unter der Regie von Bodo Traber, eigens neu synchronisiert, wenngleich es von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ offenbar schon eine frühere Synchronfassung aus dem Jahr 1978 gibt. Wenigstens annähend zeitgenössische, zumindest noch in den 50ern entstandene Synchronfassungen findet man zu klassischen Hollywood-Horrorfilmen der 30er und 40er ja leider ohnehin nur selten. Es verdient Sonderlob, einen solchen Film mithilfe einer selbst auf die Beine gestellten Synchronfassung wieder für den deutschen Markt interessant zu machen. Von den zur Wahl stehenden Ton-Optionen ist aus meiner Sicht eher die möglichst originalgetreu gehaltene deutsche Fassung gegenüber der nachträglich mit zusätzlicher Orchester-Musik aus dem Hause Universal bestückten Fassung vorzuziehen. In ähnlicher Form wie „Dracula“ – da nachträglich aus der Feder von Philip Glass – wurde auch „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ also viele Jahrzehnte später eine um Musik erweiterte, alternative Ton-Fassung beschert. Filme der frühen 30er zeichnen sich für meinen Geschmack nun einmal oft gerade dadurch narrativ aus, dass begleitende Musik eine relativ kleine Rolle spielt und so in der Form noch nicht entdeckt beziehungsweise erschlossen war. Erfreulich, dass man auf der Ostalgica-Blu-ray frei die Variante wählen kann, die man selbst bevorzugt.

Der Frauenfänger von Paris

Im Übrigen muss ich offen zugeben, dass es wohl keinen anderen Schauspieler gibt, dessen deutsche Synchronstimmen mich so selten überzeugt haben, wie es bei Bela Lugosi der Fall ist. Erstaunlich vor allem, weil ich sonst überhaupt keinen großartigen Wert darauf lege, dass Synchronstimmen dem Original möglichst ähnlich klingen müssen. Aber seine äußerst prägnante Stimme, die mitsamt eines sehr eigenen Sprechrhythmus und Akzents wirklich enorm starken Einfluss auf seine Rollengestaltung hat, ist einfach nur äußerst kompliziert atmosphärisch ersetzbar. Die vorliegende Synchronfassung ist engagiert gemacht, aber Lugosi auf Deutsch bleibt für mich auch hier nach wie vor eine schwere Prüfung. Insbesondere dann, wenn die Stimme viel tiefer und/oder rauer als das Original klingt. Ich bin auch kein Freund der Lösung, die in „Dracula“ als deutsche Stimme gewählt wurde – es hat also absolut nichts damit zu tun, dass die vorliegende Fassung von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ so neu ist oder ansonsten misslungen wäre. Und man sollte, das sei ausdrücklich betont, solche Fassungen natürlich auch nicht generalisierend dafür verurteilen, wenn sie an etwas „scheitern“, was erstens mein subjektiver Eindruck und zweitens eventuell sowieso nahezu unmöglich zu schaffen ist.

Der will doch nur spielen – oder auch nicht

Eine DVD-Auskopplung des Films enthält diese Edition, im Gegensatz zu anderen Teilen der „Classic Chiller“-Reihe zwar nicht, dafür aber zwei Audio-CDs für den Hörspiel-Bonus. Der Pappschuber sowie das Wendecover in der Amaray-Hülle sind grafisch sehr schön gestaltet. Dazu ein Booklet und ein Audiokommentar sowie ein ausgezeichneter Bonusfilm: der Whodunit-Krimi „The Death Kiss“ (1932) mit Lugosi und zwei „Dracula“-Co-Stars. Diese Kollektion ist jeden Cent wert und man kann sich nur auf jeden weiteren Klassiker freuen, der da noch kommt. Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es „Murders in the Zoo“ (1933), der mit seinem belanglosen Titel im „Snakes on a Plane“-Stil oberflächlich gut die fies-brutale Wundertüte kaschiert, die dann über den Zuschauer hereinbricht, wenn man sich einmal auf das womöglich harmlose Vergnügen eingelassen hat. Für alle, die „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ vor allem für seine verrücktesten und brutalsten Momente feiern, ist „Murders in the Zoo“ genau das richtige Topping.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als 3-Disc Edition (Blu-ray & 2 CDs) der „Classic Chiller Collection“

Länge: 61 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Deutsch mit neuer Musikspur von Universal, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Murders in the Rue Morgue
Deutscher Alternativtitel: Mord in der Rue Morgue
USA 1932
Regie: Robert Florey
Drehbuch: Tom Reed, Dale Van Every, Robert Florey, John Huston, Ethel M. Kelly, nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe
Besetzung: Bela Lugosi, Sidney Fox, Leon Ames, Bert Roach, Betty Ross Clarke, Brandon Hurst, D’Arcy Corrigan, Noble Johnson, Arlene Francis, Agostino Borgato
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke und Dr. Gerd Naumann, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Booklet, Bildergalerie, Hörspiel „Der Doppelmord in der Rue Morgue“, Bonusfilm „The Death Kiss” (1932)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Ostalgica

 

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Horror für Halloween (XXXIII): Insel der verlorenen Seelen – Verstörendes im „Haus des Schmerzes“

Island of Lost Souls

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Aus dem Hochsee-Nebel taucht der Frachter „Covena“ auf. Ein Schiffbrüchiger wird gerettet und an Bord geholt. Edward Parker (Richard Arlen) hatte sich an Bord eines anderen Schiffs befunden, das gesunken ist. Sein vermeintliches Glück im Unglück: Die „Covena“ steuert die Südee-Insel Apia an, auch sein Ziel. Dort will Parker seine Verlobte Ruth Thomas (Leila Hyams) heiraten. Das Schiff transportiert im Auftrag des geheimnisumwitterten Dr. Moreau (Charles Laughton) etliche wilde Tiere verschiedener Arten, die dem Doktor bei einem Zwischenstopp mitten auf See übergeben werden sollen. Per Schiffskran werden die Tiere von der „Covena“ auf Moreaus Schoner gehievt. Weil sich Parker kurz zuvor mit Kapitän Davies (Stanley Fields) angelegt hatte, wirft der ihn kurzerhand über Bord auf das andere Schiff.

Edward Parker trifft auf fremdartige Kreaturen

Widerwillig, aber freundlich nimmt Dr. Moreau seinen neuen Passagier mit auf seine eigene Insel und gewährt ihm dort Gastfreundschaft in seiner Privatklinik. Der Wissenschaftler stellt seinem Gast die schöne Lota (Kathleen Burke) vor, deren freundliches Wesen mit einer merkwürdigen geistigen Schlichtheit einhergeht. Als Parker schließlich bemerkt, dass die Forschungsarbeit seines Gastgebers aus ethisch höchst fragwürdigen Experimenten besteht und er offenbar Menschen und Tiere gleichermaßen als Versuchskaninchen für grausame Zwecke missbraucht, flieht er aus der Klinik. Kurz darauf findet er sich unter fremdartigen Kreaturen wieder, menschenähnlichen Wesen mit animalischen Charakteristika. Was geht auf der Insel vor? Und was hat es mit Dr. Moreaus „House of Pain“ auf sich?

Bela Lugosi ganz haarig als Verkünder der Gesetze

Bela Lugosi! Jawohl auch der „Dracula“-Darsteller tritt prominent in Erscheinung. Allerdings ist er kaum zu erkennen, da sich sein Gesicht hinter starker Behaarung verbirgt. Die Make-up-Crew hat nicht nur bei ihm ganze Arbeit geleistet, die auch heute noch Respekt abringt. Lugosi gibt den „Sayer of the Law“ („Verkünder der Gesetze“), einen Affenmenschen, der die wilde Horde von „Beast Men“ („Tiermenschen“) führt, die allesamt unter der strengen Knute von Dr. Moreau stehen. Charles Laughton verkörpert diesen frühen filmischen „Mad Scientist“ mit Inbrunst und in blasierter Kultiviertheit. Sein Dr. Moreau ist geradezu die Personifizierung des verrückten Wissenschaftlers, wobei Verrücktheit gar nicht mal seine hervorstechendste Eigenschaft darstellt. Viel nachhaltiger wirkt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer seine Skrupellosigkeit, die tatsächlich heute noch fassungslos macht. Do you know what it feels to feel like god? Die Frage, wie es sich anfühle, sich wie Gott zu fühlen, stellt er seinem Gast Edward Parker in voller Ernsthaftigkeit; und in der Tat gebärdet er sich gegenüber den Kreaturen auf der Insel wie ein Gott. Der „liebe“ Gott des Alten Testaments war ja ebenfalls mit großer Skrupellosigkeit gesegnet, aber das nur am Rande. Ob Gott oder nicht, gegenüber Laughtons Schauspielkunst verblassen zwangsläufig alle anderen Darstellerinnen und Darsteller.

Grausliche Experimente

Fragen nach Verantwortung und Hybris der Wissenschaft stellen sich bei „Insel der verlorenen Seelen“ nicht, gar zu monströs ist Moreaus Wirken. Wie genau seine Operationen und Vivisektionen zu Resultaten führen, erfahren wir nicht, das erscheint auch als richtige Entscheidung, da die Ergebnisse allzu absurd anmuten – was aber der Wirkung keinen Abbruch tut. Ob damalige Kinogängerinnen und -gänger das Gezeigte für machbar gehalten haben? Die Ergebnisse von Moreaus Experimenten und Operationen sind auch nach heutigen Maßstäben grauslich. Und mögen sie auch unrealistisch sein, ganz und gar nicht weltfremd ist es, uns Menschen grausamste Versuche mit unseresgleichen zuzutrauen, wie etwa die Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und das Wüten der Einheit 731 der Kaiserlich Japanischen Armee in der Mandschurei nachdrücklich belegen.

„Freaks“ und „Graf Zaroff“ lassen grüßen

In Verbindung mit der formidablen Ausleuchtung und dem damit einhergehenden Licht-und-Schattenspiel entfaltet sich wahrer Horror in dem Panoptikum mutierter Wesen, die bisweilen aus dem Gehölz auftauchen und dem nichts Böses ahnenden Zuschauer direkt ins Gesicht starren. Tod Brownings „Freaks“ aus demselben Jahr kam mir während der Sichtung von „Insel der verlorenen Seelen“ in den Sinn. Beide Werke dürften auf das Kinopublikum der 1930er-Jahre eine vergleichbar verstörende Wirkung gehabt haben. Mit seinem auf eine Insel begrenzten Setting und dem sinistren Herrn der Insel erinnert der Film auch an „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, ebenfalls aus dem Produktionsjahr 1932.

Bilder vom „Sunrise“-Kamerapionier Karl Struss

In den Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen Studiokulissen und Außen-Drehorten. Kein Wunder, denn mit Karl Struss findet sich dann auch ein echter Könner als Kameramann, der als einer der Wegbereiter der Technik und Handhabung von Filmkameras in Hollywood gilt und nicht umsonst 1929 für seine Arbeit an F. W. Murnaus „Sonnenaufgang“ mit dem Oscar prämiert wurde – bei der ersten Oscar-Verleihung überhaupt. Bis 1942 war Struss drei weitere Male nominiert: 1932 für „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, 1934 für „Im Zeichen des Kreuzes“ und 1942 für „Aloma, die Tochter der Südsee“.

Drehort Santa Catalina Island

Die Außenaufnahmen entstanden auf Santa Catalina Island vor der kalifornischen Küste. Die Insel diente ein paar Jahre später auch als Drehort für „Meuterei auf der Bounty“ (1935), bei dem Charles Laughton ebenfalls in tragender Rolle zu sehen ist. Auch Teile des Horror-Trashfilms „Sand Sharks“ (2012) sind dort entstanden.

Pre-Code in Reinkultur

1932 existierte der Hays-Code zwar schon, die darin gelisteten Vorgaben zur Produktion von Filmen, die dem vermeintlichen sittlichen Empfinden der Gesellschaft nicht schaden sollten, waren für die Hollywood-Studios aber noch nicht verbindlich, eher als freiwillige Selbstverpflichtung zu verstehen. Demzufolge ließ sich die Traumfabrik in der Zeit bis zur Verbindlichwerdung dieses Zensurwerks in den sogenannten Pre-Code-Filmen häufig zu etwas deutlicheren Andeutungen und Darstellungen von Sexualität und Gewalt hinreißen, auch wenn viele Szenen nach heutigen Maßstäben harmlos erscheinen mögen. „Insel der verlorenen Seelen“ wartet mit einigen Motiven auf, die in Zeiten des Hays-Codes nicht mehr durchgegangen wären, etwa die Andeutung sexueller Verlockungen zwischen Edward Parker und Lota, die nach 30er-Jahre-Maßstäben umso skandalöser wirkt, da es sich um einen Weißen und eine Polynesierin handelt und Lota zudem gar … aber ich will nicht spoilern. Zum Finale werden wir Zeuge einer versuchten Vergewaltigung durch eine animalische, nur halb menschliche Kreatur, und Dr. Moreaus Grausamkeit mit der Peitsche und am OP-Tisch ist natürlich alles andere als Hays-kompatibel, von seinem blasphemischen Auftreten als „Gott der Insel“ ganz zu schweigen. Mit der Zensur durch empörte Moralwächter hatte „Insel der verlorenen Seelen“ dann auch ordentlich zu kämpfen. In Schweden beispielsweise wurde die Aufführung 1933 untersagt, desgleichen im Vereinigten Königreich, dort sogar mehrfach bis in die 1950er-Jahre hinein. Auch in Nazi-Deutschland verhinderte die Obrigkeit, dass das Kinopublikum den Film zu sehen bekam. Wurde er in Deutschland überhaupt je irgendwann gezeigt, etwa im Fernsehen? Hinweise dazu nehme ich gern per Kommentar entgegen.

Nach dem Roman von H. G. Wells

„Insel der verlorenen Seelen“ bildet die erste Verfilmung des 1896 veröffentlichten Romans von H. G. Wells („Die Zeitmaschine“). Zwei weitere folgten ihr deutlich später: 1977 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Burt Lancaster in der Titelrolle, 1996 mit John Frankenheimers „D.N.A. – Experiment des Wahnsinns“ mit Marlon Brando als Dr. Moreau. Beide Adaptionen tragen im Original denselben Titel wie die Romanvorlage: „The Island of Dr. Moreau“.

Gibt es eine Rettung von der Insel?

Den Trivia der IMDb zufolge mochte Wells „Island of Lost Souls“ nicht, weil der Horror zu sehr über die philosophischen Aspekte seiner Geschichte dominierte. Die Filmhandlung unterschlägt auch bedeutsame Aspekte des Romans, etwa zur gesellschaftlichen Struktur der Kreaturen. Eine kritische Meinung steht dem Romanautor natürlich zu, wir hingegen können konstatieren: Regisseur Erle C. Kenton („Frankenstein kehrt wieder“, „Draculas Haus“) hat mit „Insel der verlorenen Seelen“ ein Meisterwerk des frühen Tonfilm-Horrorgenres geschaffen.

Erst 2019 in deutsche Heimkinos

Der Film hat es in Deutschland erst im August 2019 im Rahmen der „Classic Chiller Collection“ des Labels Ostalgica ins Heimkino geschafft. Da mir die Edition nicht vorliegt, kann ich darüber nichts äußern. Referenz-Veröffentlichungen kommen einmal mehr vom US-Label The Criterion Collection sowie in der „The Masters of Cinema Series“ des englischen Labels Eureka Entertainment. Eureka hat den Titel nicht nur im herkömmlichen Softcase veröffentlicht, sondern auch als überaus attraktiv aufgemachtes Steelbook. Beide Varianten enthalten den Film auf Blu-ray und DVD, ein 32-seitiges Booklet mit vielen Fotos und einem lesenswerten Text des englischen Publizisten Kim Newman rundet das Gesamtpaket vorzüglich ab.

Dass sich nur wenige deutschsprachige Texte zu „Insel der verlorenen Seelen“ im Netz finden, lässt vermuten, dass der Film hierzulande weniger bekannt ist, als er es verdient hat. An sich nehme ich genug Filmfreunde mit Interesse an uralten Horror- und Science-Fiction-Stoffen wahr, diese müssten sich die Finger nach dem Werk lecken. Vielleicht gelingt es der Ostalgica-Veröffentlichung, „Insel der verlorenen Seelen“ die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Laughton und Bela Lugosi sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. August 2019 als 3-Disc Classic Chiller Collection (Blu-ray & 2 DVDs)

Länge: 73 Min. (Blu-ray), 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Island of Lost Souls
USA 1932
Regie: Erle C. Kenton
Drehbuch: Waldemar Young, Philip Wylie, nach dem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ von H. G. Wells
Besetzung: Charles Laughton, Bela Lugosi, Richard Arlen, Leila Hyams, Kathleen Burke, Arthur Hohl, Stanley Fields, Paul Hurst, Hans Steinke, Tetsu Komai, George Irving
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke & Gerd Naumann, „Trailers from Hell“ mit John Landis, englischer Originaltrailer, Bildergalerie, Audio-CD mit Hörspiel nach H. G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Aushangmotive & Packshot Classic Chiller Collection: © 2019 Ostalgica

 

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