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Lesson of the Evil – Blutiger Unterricht

ARN Blu-Ray

Aku no kyôten

Gastrezension von Matthias Holm

Thriller // Er hat wieder zugeschlagen. Bevor Takashi Miikes „Wara no tate – Die Gejagten“ bei uns in die Kinos kommt, veröffentlicht Al!ve den bereits 2012 gedrehten „Lesson of the Evil“. Und wie so häufig bei dem Regie-Exzentriker aus Japan: Auch dieser Film ist nach der ersten Sichtung nur schwer greifbar.

Miike mag Mackie Messer

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Mit diesen bekannten Liedzeilen aus der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht beginnt der Film. Ein Ehepaar streitet, offenbar geht es um den Sohn, der anscheinend etwas sehr Böses getan hat. Als besagter Sohn das Zimmer betritt, gibt es einen Schnitt. Wir befinden uns nun an einer japanischen Schule. Der junge, gut aussehende Englisch-Lehrer Hasumi Seiji (Hideaki Ito) ist durch seine unkonventionelle, schwungvolle Art sehr beliebt bei seinen Schülern. Was die jedoch nicht wissen: Er ist das Kind aus dem Prolog und die Geschichte mit seinen Eltern ist äußerst blutig zu Ende gegangen …

Goethes Werther und Odins Raben – was denkt sich Takashi Miike nur?

Takashi Miike erweist sich in diesem Film als Kenner der deutschen Literatur. Nicht nur Brecht, auch Goethe und dessen „Werther“ finden Platz. Des Weiteren spielen Odins Raben Hugin und Munin aus der nordischen Mythologie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Während der Werther-Effekt und die Namensherkunft der beiden Raben im Film erklärt werden, muss der Zuschauer den Bezug zu Brechts Werk und seiner Figur Mackie Messer selbst herstellen.

Brecht scheint es Miike besonders angetan zu haben. Immer wieder hört man die Moritat von Mackie Messer. In einer Traumsequenz, in der Hasumis Vergangenheit in den Staaten gezeigt wird, hört der psychopathische Lehrer die bekannte Jazz-Version des Liedes, nur um sie als billige Kopie abzustempeln. Das Original ist halt immer am besten. Auch übernimmt Miike das von Brecht in „Der gute Mensch von Sezuan“ ironisierte Theater-Element der Deus ex machina, die in diesem Fall die Polizei auf die richtige Fährte lockt.

Warnung vor dem Spoiler

All diese Verweise und Andeutungen werden in den ersten 90 Minuten immer wieder gestreut. Nebenbei entwickelt sich eine recht konventionelle Geschichte um den Schulalltag in Japan. Doch immer wieder scheint der Wahnsinn des Lehrers durch. Wenn Hasumi dann in der letzten halben Stunde das Gewehr auspackt und Jagd auf seine Schüler macht, tut jeder Schuss dem Zuschauer fast körperlich weh.

Denn hier scheint man endlich mal versucht zu haben, auf die Gesetze der Physik zu hören. Wenn Hasumi eine Schrotkugel durch Jugendliche schießt, werden die Opfer meist direkt von den Beinen geholt und fliegen schon mal ein paar Meter durch die Luft. Der Gore-Effekt hält sich dabei zum Glück in Grenzen. Es gibt zwar reichlich Blut zu sehen, aber es gibt keine Spielereien mit irgendwelchen Gedärmen oder ähnlich Unappetitliches. Trotzdem geht die Altersfreigabe ab 18 Jahren in Ordnung.

Das Ende ist wohl das Verwirrendste am gesamten Film. Es passt einfach nicht zum restlichen Ton des Thrillers, wenn sich Miike durch eine klischeehafte Wendung die Möglichkeit auf eine Fortsetzung lässt, oder sich Hasumi in einem plötzlichen Fantasy-Einschlag als mögliche Reinkarnation des Rabens Munin (wörtlich übersetzt: die Erinnerung) offenbart. Um hier wirklich alles zu verstehen, wird man die Brotkrumen der ersten zwei Drittel des Films noch einmal aufsammeln müssen.

Dementsprechend ist der Film auch nichts für Leute, die schnelle und unkomplizierte Unterhaltung suchen. Auch die Gorehounds, die viel Splatter sehen wollen, kommen kaum auf ihre Kosten, dafür kommt der brutale Teil der Story viel zu spät. Wer aber gern filmische Puzzlespielchen à la „A Tale of Two Sisters – Der Fluch der zwei Schwestern“ mag, der wird mit „Lesson of the Evil“ seinen Spaß haben.

Takashi Miike bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Audition (1999)
Lesson of the Evil (JAP 2012)
Wara no tate – Die Gejagten (JAP 2013)
Yakuza Apocalypse (JAP 2015)

Veröffentlichung: 13. Juni 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 124 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Aku no kyôten
JAP 2012
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Takashi Miike, nach einem Roman von Yûsuke Kishi
Besetzung: Hideaki Ito, Takayuki Yamada, Ruth Sundell, Fumi Nikaidô, Howard Harris, Saki Takaoka, Daniel Genalo
Zusatzmaterial: Making-of, Kinotrailer
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Matthias Holm
Packshot: © 2014 Al!ve AG

 
 

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