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The Wild Boys – Fünf Freunde auf dem Schlaraffeneiland der Lust

Les garçons sauvages

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Abenteuer // Anfang des 20. Jahrhunderts auf der französischen Insel La Réunion: Fünf maskierte Jungen aus gutem Hause begehen ein sexuell-okkultes Ritual. Sie binden ihre Lehrerin halbnackt auf ein Pferd und beginnen lüstern zu masturbieren. Doch das Pferd geht durch, kurz darauf ist die Lehrerin tot. Vor Gericht schieben die Bengel alles dem Opfer in die Schuhe. Mit Rum hätte die Frau sie gefügig gemacht, sie seien nicht mehr Herr ihrer Sinne gewesen. Dank ihrer Lügen und der privilegierten Stellung ihrer Eltern werden die Jungs des Mordes freigesprochen. Dennoch kommen Romuald (Pauline Lorillard), Hubert (Diane Rouxel), Tanguy (Anaël Snoek), Jean-Louis (Vimala Pons) und Sloane (Mathilde Warnier) in die Obhut eines knorrigen Kapitäns (Sam Louwyck), der ihnen auf seinem Schiff mit harter Hand Zucht und Ordnung beibringen soll und täglich haarige Früchte als Speise serviert. Ihre Reise endet auf einer mysteriösen Insel …

William S. Burroughs trifft auf Jules Verne

Aufgrund seiner körnigen Schwarz-Weiß-Bilder, die nur von wenigen farbigen Szenen unterbrochen werden, könnte man das Langfilmdebüt des französischen Regisseurs und Drehbuchautors Bertrand Mandico für einen avantgardistischen Experimental- oder Undergroundfilm aus den 1960er- oder 1970er-Jahren halten. Auch David Lynchs „Eraserhead“ (1978) nutzt einen ähnlichen Stil. Doch tatsächlich stammt „The Wild Boys“ von 2017 und feierte im gleichen Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig seine Weltpremiere.

Fünf wilde Jungs verbergen ihre Identität

Bei dem Filmtitel müssen Kinder der 1980er-Jahre sicher gleich an den gleichnamigen Hit von Duran Duran denken. Ganz falsch liegen sie damit nicht: Sowohl die britische Band als auch der französische Filmemacher ließen sich von der gleichen Vorlage inspirieren: Dem Roman „The Wild Boys: A Book of the Dead“, in der deutschen Übersetzung „Die wilden Boys“, von William S. Burroughs (1914–1997). Bereits 1972 wollte der „Naked Lunch“-Autor seine Geschichte über eine Gruppe Homosexueller verfilmen, die in einer apokalyptischen Welt die westliche Zivilisation zu Fall bringen will. Burroughs’ Plan scheiterte ebenso wie knapp zehn Jahre später der Versuch von „Highlander“-Regisseur Russell Mulcahey, der für den Soundtrack – genau – Duran Duran verpflichten wollte.

Der Kapitän nimmt sich der Delinquenten an

In dem aufschlussreichen Interview, welches im Booklet der Veröffentlichung des Labels Bildstörung abgedruckt ist, betont Bertrand Mandico, dass sein Film zwar von Burroughs’ Werk beeinflusst ist, es aber nur wenige inhaltliche Parallelen gibt: Dieser Titel verfolgt mich. (…) Einige Teile des Romans waren direkte Inspirationen, zum Beispiel für die Szenen, in denen die Jungen mit einer hypersexuellen Pflanzenmasse Sex haben. Aber es handelt sich in keinster [sic!] Weise um eine Adaption, sondern vielmehr eine Träumerei über diesen Titel. Der Regisseur wollte einen unmöglichen Steckling kreieren, so als hätte Burroughs eine Robinsonade à la Jules Verne kontaminiert.

Sex mit Pflanzen

Wenn eine Gruppe Heranwachsender auf einer Insel strandet, muss man wohl unweigerlich an William Goldings Romanklassiker „Herr der Fliegen“ (1954) denken. Dem Vergleich hält „The Wild Boys“ aber nur vordergründig stand. Die fünf Delinquenten wollen keine neue soziale Ordnung untereinander aufbauen, gehorsam waren sie sicher nie, ihre kindliche Unschuld hatten sie spätestens bei dem Ritual mit der Lehrerin verloren, bei der die Ejakulate in Zeitlupe in die Luft spritzten. Auch den Hund des Kapitäns haben sie auf dem Gewissen. Hier geht es mehr um das sexuelle Erwachen der wilden Jungs oder was sie dafür halten: Der Kapitän und die als wohl einziger Mensch dort lebende Wissenschaftlerin Séverine (Elina Löwensohn) ermuntern sie sogar dazu, sich auf der Insel ordentlich auszutoben. Denn die ebenso wild wachsende Flora hat überraschende Freuden zu bieten. Pflanzen stoßen aus phallusartigen Blüten eine milchige Masse aus, an dem sich die Fünf köstlich laben. Und wenn einer von ihnen einen Ständer hat, kann er es in, oder besser: mit den Büschen treiben. Die Freunde sind auf einem Schlaraffeneiland der Lust gelandet, auf dem es nach Austern riecht. Sie genießen dieses Paradies in vollen Zügen und können berauscht ihr Glück kaum fassen: So geil können Rehabilitationsmaßnahmen sein!

Auf der Insel gibt es viele Freuden …

Doch wie es nun mal so ist: Für die Sünder gibt es kein Erbarmen – und ein böses Erwachen. Die Jungs machen bald eine Metamorphose durch, auf die ich aus Spoiler-Gründen nicht näher eingehen will. Alles Teil des Plans der Wissenschaftlerin und ihres Handlangers, dem Kapitän, die sich dadurch eine friedlichere Welt versprechen. Aber so leicht geben sich die „Wild Boys“ nicht geschlagen.

… und lauern viele Gefahren

Die Verwandlung der Figuren war für mich ziemlich verblüffend. Obwohl diese im Nachhinein offensichtlich war, hatte ich das nicht kommen sehen. Zu überzeugend waren das Spiel des jungen Ensembles und das Make-up. Eine Zweitsichtung erweitert hier die Perspektive.

Ein wilder Trip

Das surreale Fantasy-Abenteuer ist im französischen Originalton mit deutschen Untertiteln als Nummer 35 innerhalb der hervorragenden „Drop Out“-Reihe von Bildstörung erschienen – und passt dort bestens rein. „The Wild Boys“ ist ein unkonventionelles, immer wieder überraschendes Regiedebüt mit atmosphärischen Bildern. Ebenso wie der Film ist auch der Soundtrack kaum klar einzuordnen, fast schon postmodern geraten. Die Musik reicht von der „Barcarole“ aus Jaques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ bis hin zu „Naturträne“ von Nina Hagen. Nur die wenigen Farbsequenzen haben mich gestört, weil dadurch eine Studiooptik zu erkennen war, die mich mitunter aus der filmischen Illusion gerissen hat.

Welchen Plan verfolgt die geheimnisvolle Séverine?

Erotik und Gewalt regieren zwar in der Geschichte, aber alles wird mit ironischer Distanz gebrochen, wie Bertrand Mandico bestätigt: Ich versuche nicht, explizit zu sein, ich versuche, durch visuelle Metaphern oder organische Kollagen einen Umweg zu gehen. Den Penis des Kapitäns habe ich zum Beispiel durch eine Rinderzunge ersetzt – das ist nicht sehr erotisch auf dem Papier, erzeugt jedoch eine tief verstörende Wirkung. William S. Burroughs hätte dieser wilde Trip sicherlich gefallen. Wer sich vor dem Erwerb der Bildstörung-Edition von den Qualitäten von „The Wild Boys“ überzeugen will, kann dies noch bis zum 13. Juli 2021 in der Arte-Mediathek erledigen. Aber Vorsicht: Der Text unter dem Stream geht inhaltlich etwas weiter als meine Rezension.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 25. Oktober 2019 als 2-Disc Special Edition Blu-ray (inkl. Bonus-DVD) und 2-Disc Special Edition DVD (inkl. Bonus-DVD)

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Les garçons sauvages
F 2017
Regie: Bertrand Mandico
Drehbuch: Bertrand Mandico
Besetzung: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek, Sam Louwyck, Mathilde Warnier, Elina Löwensohn
Zusatzmaterial: Vier Kurzfilme von Bertrand Mandico: „Depressive Cops“ (2016, 12 min.), „Any Virgin Left Alive?“ (2015, 9 min.), „Our Lady of Hormones“ (2014, 31 min.), „Prehistoric Cabaret“ (2013, 10 min.), Trailer, Behind the Scenes, Deleted Scenes, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Olaf Möller und einem Interview mit Bertrand Mandico, Schuber
Label: Bildstörung
Vertrieb: AlIve AG

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos: © 2019 Ecce Films, unterer Packshot & Trailer: © 2019 Bildstörung

 

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