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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Michael Rooker, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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Die Hölle Vietnams – A Bright Shining Lie: Eine US-Laufbahn in Vietnam

A Bright Shining Lie

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Am 23. März 1962 trifft John Paul Vann (Bill Paxton) in Saigon ein. Um Karriere zu machen, hat er sich als militärischer Berater des südvietnamesischen Regimes dorthin versetzen lassen. Dafür lässt er auch seine Frau Mary Jane (Amy Madigan) mit den gemeinsamen Kindern in den USA zurück. Mit ehelicher Treue hält er es ohnehin nicht so streng.

In Kooperation mit südvietnamesischen Offizieren merkt Vann schnell, dass die einheimische Armee ganz andere Ziele verfolgt als das Zurückdrängen der Vietcong. Wichtiger erscheint die Bekämpfung innerer Gegner des südvietnamesischen Präsidenten Diệm. Vann bemerkt auch, wie mit Wissen der US-Verantwortlichen Falschmeldungen lanciert werden, um Niederlagen in Siege umzuwidmen. Im Wissen, dass er damit seine Karriere torpediert, lässt er den Kriegsberichterstatter Steven Burnett (Donal Logue) von der New York Times seine Sicht der Dinge verbreiten.

Als Zivilist zurück nach Vietnam

Zurück in seiner Heimat hält er Vorträge über die seiner Ansicht nach richtige Strategie, den Konflikt in Fernost zugunsten der USA zu entscheiden. Weil er nicht bis zum Generalstab vordringen kann, quittiert Vann den Militärdienst und nimmt einen Bürojob an, doch Vietnam lässt ihn nicht los. 1965 kehrt er für ein ziviles Hilfsprogramm in das kriegsgeschüttelte Land zurück, nur um sich zügig mit dem ihm zugeteilten regionalen Kommandanten Colonel Dinh (Les Mau) anzulegen – mit tragischen Folgen.

Gedreht wurde in Thailand und Indonesien. Bei „Die Hölle Vietnams – A Bright Shining Lie“ handelt es sich um eine TV-Produktion des renommierten Kabelfernseh-Anbieters HBO. Visuell merkt man das dem Kriegsdrama auch an, dennoch gibt es ausreichend ausladendes militärisches Szenario vor fernöstlicher Kulisse, sodass der Film optisch durchaus mit einigen Kinoproduktionen mithalten kann. Für die Geschichte gilt das ohnehin. Wir haben es mit einer reizvollen Kombination aus Historiendrama und Psychogramm zu tun. Die Handlung fokussiert stets auf John Paul Vann, den wir dank Bill Paxtons gewohnt großartigen Schauspiels gut kennenlernen – so gut, wie das ein Biopic leisten kann.

Was wollten die USA in Vietnam?

Gemäß der von US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1954 verkündeten Domino-Theorie laufen Länder Gefahr, dem Kommunismus anheimzufallen, wenn sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft kommunistischer Staaten befinden. Aus dieser These ziehen die USA seitdem die Legitimation, weltweit offen oder verdeckt zu intervenieren, um die Ausbreitung der Ideologie einzudämmen – sei es in Lateinamerika, sei es in Afrika, sei es in Asien. Das führte mehrfach zu einer völligen Ignoranz vor Menschenrechtsfragen, wenn etwa (Militär-)Diktaturen unterstützt wurden, nur weil sich die Machthaber linken Bewegungen ausgesetzt sahen. „Die Hölle Vietnams – A Bright Shining Lie“ wirft insofern unbequeme Fragen zur amerikanischen Intervention in Vietnam auf und stellt einen wertvollen filmischen Beitrag zum Thema dar. Allerdings werden einige Fehlentwicklungen des US-Militäreinsatzes vornehmlich mit Inkompetenz, Korruption und den Interessenlagen des südvietnamesischen Militärs erklärt. Sogar die dem Krieg mehr und mehr kritisch gegenüberstehende US-Presse bekommt ihr Fett weg, womit gewissermaßen eine beliebte Dolchstoßlegende am Leben erhalten wird. Das verwässert eine Antikriegsbotschaft, zu der der Film ansonsten das Zeug gehabt hätte, nimmt ihm aber nichts von seiner Faszination. Über die Laufzeit von nahezu zwei Stunden bin ich als Zuschauer gern am Ball geblieben, um mehr zu erfahren.

Vann erlebte während seiner mehrjährigen Aufenthalte bedeutende Phasen des Vietnamkriegs. Er befand sich auch in Saigon, als die Vietcong am 30. Januar 1968, dem Vorabend des vietnamesischen Neujahrsfests Tết Nguyên Đán, ihre Tet-Offensive starteten. General Westmoreland, im Film dargestellt von Kurtwood Smith, hatte dem Film zufolge die Anzeichen der Vietcong-Aktivitäten und Vanns Warnungen nicht ernstgenommen. John Paul Vann starb am 9. Juni 1972 in Vietnam, als sein Helikopter während eines Gewitters abstürzte.

Pulitzer-Preis für die Buchvorlage von Neil Sheehan

Für die Buchvorlage „A Bright Shining Lie – John Paul Vann and America in Vietnam“ erhielt der US-Journalist Neil Sheehan 1988 den National Book Award für Sachbücher und ein Jahr später den Pulitzer-Preis für Sachbücher.

Veröffentlichung: 26. Mai 2003 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Bright Shining Lie
Alternativtitel: Vietnam – Die letzte Rettung
USA 1998
Regie: Terry George
Drehbuch: Terry George, nach der Vorlage „A Bright Shining Lie – John Paul Vann and America in Vietnam“ von Neil Sheehan
Besetzung: Bill Paxton, Bo Eason, William L. Mansey, Karina Logue, Amy Madigan, Robert L. Hull, Donal Logue, Harve Presnell, Robert John Burke, Josh Somsak Orajan
Zusatzmaterial: Zahlen und Fakten, historischer Überblick, Bildergalerie „Vietnam – 25 Jahre später“, Trailer, Trailershow
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XXXV): Dämonisch – Axtmorde von der Hand Gottes

Frailty

Von Volker Schönenberger

Zur Erinnerung an Bill Paxton und Powers Boothe.

Horrorthriller // Sonderbar – bis heute ist Bill Paxtons 2001er-Kino-Regiedebüt „Dämonisch“ bei uns nicht auf Blu-ray erschienen. Und obwohl die 2003 erschienene Doppel-DVD im Handel vergriffen ist, ist sie auf dem Gebrauchtmarkt für vergleichsweise günstigen Kurs zu haben. Sollte der Schocker, der hierzulande beim Fantasy Filmfest 2002 umjubelte Premiere gefeiert hatte, etwa in Vergessenheit geraten sein? Höchste Zeit, das zu ändern! Verdient hat es der im Februar dieses Jahres mit nur 61 Jahren verstorbene Bill Paxton allemal. Vier Jahre nach „Dämonisch“ drehte er mit dem Golf-Biopic „Das größte Spiel seines Lebens“ seinen zweiten und letzten Kinofilm als Regisseur.

„God’s Hand“ („Hand Gottes“) nennt sich der Serienmörder, der Texas seit zwei Jahrzehnten heimsucht. Eines Abends sitzt ein Mann (Matthew McConaughey), der sich als Fenton Meiks vorstellt, beim mit dem Fall betrauten FBI-Agenten Wesley Doyle (Powers Boothe) im Büro und behauptet, den Täter zu kennen: Es sei sein Bruder Adam. Doyle reagiert erwartungsgemäß skeptisch, hört sich aber nichtsdestoweniger Meiks’ Geschichte an, die im Sommer 1979 ihren Anfang nahm:

Vision vom Engel

Die beiden Brüder Fenton (Matt O’Leary) und Adam Meiks (Jeremy Sumpter) leben mit ihrem Vater (Bill Paxton), einem Kfz-Mechaniker, in der Kleinstadt Thurman. Ihre Mutter starb bei Adams Geburt. Die drei haben es sich in ihrem Männerhaushalt gut eingerichtet – bis eine Nacht alles verändert: Ihr Vater weckt seine Söhne und berichtet ihnen von einer Vision, die er gerade hatte: Ein Engel sei ihm erschienen und habe ihnen eine Aufgabe übertragen: die Welt von Dämonen zu befreien, die die Erde bevölkern. Während Adam seinem Vater bereitwillig Glauben schenkt, will sein älterer Bruder damit nichts zu tun haben. Doch bald darauf hat Vater Meiks durch Visionen die Instrumente zum Kampf gegen die Dämonen erhalten – darunter eine Axt; und noch ein wenig später hat er eine Liste mit den Namen der ersten Dämonen in Menschengestalt, die es von der Erde zu tilgen gilt. Damit er nicht versehentlich Unschuldige tötet, hat er die Fähigkeit erhalten, die Missetaten der Dämonen zu erkennen, wenn er sie berührt.

Ein Vater und seine Söhne gegen die Dämonen

Über weite Strecken speist sich das Grauen in „Dämonisch“ daraus, dass der Vater seinen Söhnen seine Vision aufnötigt und sie zwingt, an seinem grausigen Tun teilzuhaben. Das steht und fällt mit den schauspielerischen Leistungen des Trios – es steht, die drei harmonieren vorzüglich miteinander. Die Szenen, in denen Papa Meiks – sein Vorname wird nicht genannt – vor den Augen seiner Söhne die Axt gegen seine gefesselten Opfer hebt, prägen sich nachhaltig ein. Wenn sich der junge Fenton mehr und mehr verstört zeigt und überlegt, wie er seinem Vater Einhalt gebieten kann, überträgt sich seine Verängstigung auf die Zuschauer.

Die 18er-Freigabe erfolgt vermutlich eher aufgrund der eben dieser verstörenden Wirkung, die das Einbeziehen der beiden Kinder in das tödliche Treiben des Vaters ausübt, und weniger aufgrund der Gewaltdarstellung: Die Gewalt ist zwar jederzeit präsent, wird aber nicht drastisch gezeigt – sobald die Axt schwingt, folgt der Schnitt. Splatterfans mögen das missbilligen, es nimmt „Dämonisch“ aber nicht ein bisschen von der Intensität, die den Horrorthriller auszeichnet. „Frailty“ (englisch für Zerbrechlichkeit, Schwächlichkeit) lautet der Originaltitel, das war dem deutschen Verleih vielleicht fürs hiesige Publikum zu vage, weshalb man sich für das etwas deutlichere „Dämonisch“ entschied – kann man machen. Eine Wendung zum Finale setzt dem hoch spannenden Geschehen dann noch die Krone auf.

Bill Paxton und Powers Boothe

Aus dem Cast war in diesem Jahr nicht nur Bill Paxton zu betrauern: Auch Powers Boothe starb – im März mit 68 Jahren. Außer in „Dämonisch“ hatten die beiden auch in der Western-Miniserie „Hatfields & McCoys“ (2012) zusammen gespielt, 2011 hatte Boothe eine Rolle in Paxtons Kurzfilm „Tattoo“ übernommen. Ihr erster gemeinsamer Kinoauftritt im Wyatt-Earp-Western „Tombstone – Das Gesetz sind wir“ datiert von 1993. Der großartige „Dämonisch“ zeigt eindrucksvoll, was Paxton mit einem ausgeklügelten Horrorthriller-Plot und passender Besetzung anstellen konnte. Er und Boothe mögen in Frieden ruhen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Powers Boothe, Matthew McConaughey und Bill Paxton sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Oktober 2003 als Doppel-DVD

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Frailty
USA/D 2001
Regie: Bill Paxton
Drehbuch: Brent Hanley
Besetzung: Bill Paxton, Matthew McConaughey, Powers Boothe, Matt O’Leary, Jeremy Sumpter, Luke Askew, Levi Kreis, Derk Cheetwoo, Missy Crider
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Bill Paxton, Drehbuchautor Brent Hanley, Cutter Arnold Glassman, Komponist Brian Tyler und Produzent David Kirschner, Interviews mit Bill Paxton, Matt O’Leary und Matthew McConaughey, geschnittene Szenen (mit optionalem Audiokommentar von Bill Paxton), „Anatomy of a Scene“ (Dokumentation der Entstehung einer Szene, „Behind the Scenes“-Footage, Making-of, TV-Spots
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

 

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