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Menschen am Sonntag – Unbeschwerte Berlin-Fingerübung späterer Hollywood-Granden

Menschen am Sonntag

Von Volker Schönenberger

Stummfilm-Melodram // Kommen euch die Wochenenden auch immer so kurz vor? Das mag daran liegen, dass sie es im Vergleich zur Arbeitswoche auch sind. Von Montag bis Freitag machen wir uns krumm, um im Anschluss schlappe zwei Tage frei zu haben. Immerhin zwei, zumindest wenn man bedenkt, dass der Samstag in den 1920er- und 1930er-Jahren hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag war. Demzufolge war der Sonntag umso heiliger, und das gar nicht mal im religiösen Sinne.

Annie verschläft den Sonntag

Lange vor seinem Hollywood-Ruhm schrieb ein gewisser Billy Wilder – damals noch als Billie vermerkt – anhand einer Reportage von Kurt Siodmak das Filmskript zu „Menschen am Sonntag“. Regie führten Kurts älterer Bruder Robert Siodmak sowie Edgar G. Ulmer. Kameramann war Eugen Schüfftan, 1962 Oscar-Gewinner für die Kamera von „Haie der Großstadt“. Ihm assistierte ohne Nennung in den Credits Fred Zinnemann. Was für eine Ansammlung großer Namen! Umso schöner, das Werk nun wieder genießen zu können, wenn auch nicht ganz vollständig.

Brigitte hat ihren Plattenspieler mitgebracht

Film ohne Schauspieler findet sich als Einblendung zu Beginn, kurz darauf folgt die Info: Diese fünf Leute standen hier zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Kamera. Heute gehen sie alle wieder ihren Berufen nach. Als ersten Protagonisten lernen wir den Taxifahrer Erwin Splettstößer kennen, danach die Schallplatten-Verkäuferin Brigitte Borchert und den Weinreisenden Wolfgang von Waltershausen, der uns auch als Offizier, Landwirt, Antiquar und Eintänzer vorgestellt wird – aber was genau macht ein Weinreisender? Klingt interessant. Vierte im Bunde ist die Film-Komparsin Christl Ehlers, und zuletzt folgt das „Mannekin“ Annie Schreyer.

Verabredung am Sonntag

Noch ist Sonnabend. Bei schönem Wetter herrscht geschäftiges Treiben in den Straßen von Berlin. Busse, S-Bahnen und Straßenbahnen bringen ihre Passagiere ans Ziel. Unweit vom Bahnhof Zoo laufen Wolfgang und Christl einander über den Weg, die beiden verabreden sich für den nächsten Tag am Wannsee. Wolfgang bringt seinen Kumpel Erwin mit, Christl ihre Freundin Brigitte. Nur Erwins Freundin Annie ist nicht aus den Federn zu kriegen. Das Quartett verbringt den Sonntag gut gelaunt am See, mal geht es unbeschwert zu, mal gar frivol, ein paar Eifersüchteleien sind auch zu bemerken. Zwischendurch zeigt die Kamera auch immer wieder andere Menschen in der Nähe, den schönen Sommertag will offenbar ganz Berlin im Freien verbringen, und sei es nur am Fenster.

Brigitte und Wolfgang im kühlen Nass

„Menschen am Sonntag“ feierte am 4. Februar 1930 in Berlin Uraufführung. Die Scheinblüte der 1920er-Jahre war im Deutschen Reich noch nicht von der Weltwirtschaftskrise hinweggefegt worden. Die Schrecken und Verluste des Ersten Weltkriegs verblassten langsam, noch waren die Nazis nicht allzu präsent – im Film überhaupt nicht, die Leichtigkeit der Bilder ist bemerkenswert. Ein Kuriosum stellt er ohnehin dar, beschränkt sich die Spielhandlung doch auf genau das, was der Titel aussagt. Die später großen Filmemacher können unbeschwert drehen und ihren Einfällen folgen. Das Gezeigte wirkt authentisch, und das vermeintliche Defizit des Stummfilms erweist sich hier als hilfreich, da wir keine Dialoge zu hören bekommen, die aufgrund der Laiendarsteller womöglich hölzern ausgefallen wären.

Christl bleibt lieber am Ufer

„Menschen am Sonntag“ war Ende der 1990er-Jahre im EYE Film Institute Netherlands rekonstruiert und restauriert worden, dabei griff man auch auf in Archiven in Belgien, Italien und der Schweiz gefundenes Material zurück. 2010 erfolgte an Ort und Stelle die Digitalisierung des Werks. Unter der Leitung der Deutschen Kinemathek wurde dieser 2K-Scan schließlich 2014 in Berlin digital bearbeitet und gemastert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn die vollständige Originalfassung mangels Originalnegativ nicht erhalten ist. Um es exakt zu benennen: Die vollständige Version umfasste 2.014 Meter Film, aus der 1.615 Meter langen niederländischen Fassung wurde mithilfe der genannten Fundstücke schließlich die 1.856 Meter lange vorliegende Endfassung. Mehr war offenbar nicht drin. Das tut dem Filmgenuss aber keinen Abbruch, die Handlung besteht ohnehin aus vielen Momentaufnahmen. Aus historischer Sicht ist der Verlust der fehlenden Meter natürlich bedauerlich.

Doku „Weekend am Wannsee“ im Bonusmaterial des Mediabooks

Deutsche Zwischentitel wurden neu angefertigt, ebenso entstand 2014 eine neue musikalische Begleitung durch den Pianisten Robert Sosin, da sich die Originalversion von Otto Stenzel als unbrauchbar erwies. Ausführliches zum gesamten Prozess, der zur Endfassung führte, findet sich im Booklet des Mediabooks von atlas film. Ein paar zeitgenössische Texte ergänzen das vorzüglich. Im Bonusmaterial findet sich die halbstündige Doku „Weekend am Wannsee“, die Informatives sowohl zur Entstehung des Films als auch zur Restaurierung bietet, inklusive Interviews mit einigen Beteiligten, darunter Brigitte Borchert, inzwischen eine alte Dame geworden. Im Gegensatz zu den Filmemachern verschwanden die drei Darstellerinnen und zwei Darsteller im Anschluss an „Menschen am Sonntag“ wieder im Alltag.

Picknick am Wannsee

atlas film hat sich der Aufgabe verschrieben, restaurierte Produktionen der Nero Film AG in schönen Editionen wieder zugänglich zu machen, was mit „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ (1930), „Kameradschaft“ (1931) und „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) sowie jüngst „Die 3-Groschen-Oper“ (1931) als gelungen bezeichnet werden kann. „Menschen am Sonntag“ reiht sich da nahtlos ein. Ein echtes Kleinod, nicht nur für Berlin-Nostalgiker unschätzbar. Der Film endet am Montag, der Arbeitsalltag hat Berlin wieder im Griff. Vier Millionen warten auf den nächsten Sonntag.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder und Fred Zinnemann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Tretboot nicht in Seenot

Veröffentlichung: 26. Oktober 2018 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD)

Länge: 74 Min. (Blu-ray), 71 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Menschen am Sonntag
Internationaler Titel: People on Sunday
D 1930
Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Rochus Gliese, Curt Siodmak, Fred Zinnemann
Drehbuch: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder, nach einer Reportage von Curt Siodmak
Besetzung: Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer, Kurt Gerron, Valeska Gert, Heinrich Gretler, Ernö Verebes
Zusatzmaterial: Dokumentarfilm „Weekend am Wannsee“ (29:58) inklusive Interviews der Beteiligten, 20-seitiges Booklet
Label: atlas film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2018 atlas film / Stiftung Deutsche Kinemathek

 
 

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Billy Wilder (VII): Zeugin der Anklage – Gerichtskino in Perfektion

Witness for the Prosecution

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Der Strafverteidiger Sir Wilfried Robarts (Charles Laughton) nimmt trotz seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung einen kniffligen Fall an: Leonard Vole (Tyrone Power) wird beschuldigt eine Frau umgebracht zu haben. Zuerst scheint der Fall nach Robarts’ Eingreifen gut zu laufen, aber dann taucht plötzlich Voles Frau Christine (Marlene Dietrich) als Zeugin der Anklage auf und belastet ihn schwer.

Sir Wilfried verteidigt den des Mordes angeklagten Leonard Vole

Jeder Moment, der Humor hergibt ist ein Scherz, ein Kalauer – da gibt es versteckten Alkohol, versteckte Zigarren und dann wieder Dialogmonster, die gegeneinander aufgefahren werden, um sich greifende Hysterie. Die Dialoge selbst sprühen vor klugem Witz. Als Glücksgriff erwies sich auch die Entscheidung, der Vorlage mit Sir Wilfrieds strenger Krankenschwester Miss Plimsoll eine neue Figur hinzuzufügen – verkörpert von Charles Laughtons Ehefrau Elsa Lanchester, die als Nebendarstellerin immerhin den einzigen Golden Globe des Films einfuhr.

Billy Wilder lässt es brodeln

Die Figuren ständig am emotionalen Siedepunkt, in Wilders immer kochend heißem Film. Fugendichte Spannung, ohne dass er sie für einen Moment entweichen lassen würde, die sich immer intensiver durch den Film frisst, ohne dass der seine Leichtfüßigkeit verlieren würde. Wilders Spiel mit den Wendungen nimmt den Zuschauer zeitlos ein, so fließend und aufregend ist der Film inszeniert. Am Ende führt Wilder immer mehr das Kunststück vor, Spaß und Ernst, bis es dann irgendwann unkenntlich geworden ist, ineinander verschwimmen zu lassen, wie wenig sie einander doch ausschließen, wie nah sie immer beieinander liegen.

Krankenschwester Miss Plimsoll wacht mit Argusaugen über den Strafverteidiger

„Zeugin der Anklage“ ist klassische Hollywood-Kinokunst auf dem Höhepunkt. Wilders Regie unaufdringlich, nicht daran interessiert, auf sich aufmerksam zu machen, gerade das lässt die Filmerzählung so elegant fließen und lässt sie den Zuschauer einhüllen, bis er ihr völlig verfallen ist. Den Rest besorgen Marlene Dietrich, die einem in jeder Hinsicht den Verstand raubt, Tyrone Power und Charles Laughton.

Nach einer Vorlage von Agatha Christie

Es ist ein makelloser Film, ein Film, den man sich nicht einmal besser denken könnte. Nicht einmal Agatha Christie, von der die Theatervorlage von 1953 stammt: „Alles, was ich an Verfilmungen meiner Werke gesehen habe, fand ich ausgesprochen scheußlich, bis auf ‚Zeugin der Anklage‘ von Billy Wilder.“ Verdientermaßen gab es sechs Oscar-Nominierungen und der Film gilt heute immer wieder als einer der besten aller Zeiten. Die weiteren Umsetzungen der Geschichte – unter anderem eine TV-Fassung von 1982 mit Deborah Kerr, Diana Rigg und Ralph Richardson – können da zwangsläufig nicht mithalten, und auch Ben Affleck wird sich zweifellos die Zähne daran ausbeißen, wenn seine seit 2016 angekündigte Neuverfilmung denn je realisiert werden wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Billy Wilder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlene Dietrich unter Schauspielerinnen, Filme mit Charles Laughton und Tyrone Power in der Rubrik Schauspieler.

Welche Rolle spielt Voles Ehefrau Christine?

Veröffentlichung: 2. November 2018 und 7. Juli 2017 als Blu-ray, 24. November 2017 als Blu-ray im Digipack, 14. Februar 2014 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch, Französisch
Originaltitel: Witness for the Prosecution
USA 1957
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, Harry Kurnitz, nach einer Vorlage von Agatha Christie
Besetzung: Tyrone Power, Marlene Dietrich, Charles Laughton, Elsa Lanchester, John Williams, Henry Daniell, Ian Wolfe, Francis Compton, Torin Thatcher, Norma Varden, Una O’Connor, Philip Tonge, Ruta Lee
Zusatzmaterial:
Label/Vertrieb: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb 2014: MGM

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Szenenfotos & Packshots: © 2018 FilmConfect Home Entertainment

 
 

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Gewinnspiel: 2 x Der Glückspilz auf Blu-ray

Verlosung

„Der Glückspilz“ zeigt das Traumpaar Jack Lemmon und Walter Matthau als Schwäger, die nach einem Unfall bei einem Football-Spiel die Versicherung betrügen wollen. Koch Films hat Billy Wilders Komödie von 1966 kürzlich erstmals auf Blu-ray und in Neuauflage auf DVD veröffentlicht und uns zwei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Simons Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 7. Oktober 2018, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert, bislang sind noch alle Sendungen bei den Empfängern eingetroffen). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Imke,
– Sören Prescher.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Der Glückspilz“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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