RSS

Schlagwort-Archive: Biopic

Stan & Ollie – Ziemlich beste Freunde

Stan & Ollie

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Die ganze Welt hat über sie gelacht: In Spanien sind sie als „El Gordo y El Flaco“ bekannt, in der Niederlande als „Dikke und Dunne“, in Polen als „Flip & Flap“, die Italiener nennen sie „Krick & Krock“, die Brasilianer „O Gordo e o Magro“, in den englischsprachigen Ländern heißen sie „Laurel & Hardy“ und im deutschsprachigen Raum „Dick & Doof“. Die Rede ist natürlich von Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957), die zu den erfolgreichsten Komikern des 20. Jahrhunderts gehörten. Von 1926 bis 1951 drehten sie zusammen über 100 Filme, darunter „Der zermürbende Klaviertransport“, der 1932 in der damals frisch eingeführten Kategorie „Beste Kurzfilm-Komödie“ den Oscar gewann.

In den 1930er-Jahren gehören Oliver (l.) und Stan zu den erfolgreichsten Komikern der Welt

Erfreulicherweise orientierte sich Drehbuchautor Jeff Pope („Philomena“, 2013) für „Stan & Ollie“ nicht an dem schablonenhaften Aufbau erfolgreicher Filmbiografien, die chronologisch und meist völlig gehetzt die Höhen aus dem Leben einer Persönlichkeit nacherzählen, als Beispiele seien hier „Walk the Line“ (2005) und „Bohemian Rhapsody“ (2017) genannt. Stattdessen konzentriert sich Pope mit Ausnahmen von einigen wenigen Rückblicken auf einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der beiden Komiker: ihre letzte Tour, die sie 1953 nach Großbritannien führen sollte. Als Vorlage diente ihm dabei das Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ (1993) von A. J. Marriot.

Anfang und Ende des Ruhms

„Stan & Ollie“ startet im Jahr 1937, als Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind. Eine knapp fünfminütige, ohne sichtbaren Schnitt gedrehte Kamerafahrt begleitet die Komiker von ihrer Garderobe aus durch ein Filmstudiogelände bis hin zum Set von „Zwei ritten nach Texas“, wo sie schließlich mit Studiochef Hal Roach (Danny Huston) in Streit geraten. Dabei unterhalten sich Stan und Ollie über ihre Exfrauen, über aktuelle Liebschaften, über ihre Finanzen, Pferdewetten und darüber, dass sie mehr Gehalt verhandeln wollen. Der schottische Regisseur John S. Baird („Drecksau“) erzählt diese kleine Einleitung völlig unaufgeregt und effizient, sodass das Publikum gleich ein Gefühl dafür bekommt, wie die zwei befreundeten Arbeitskollegen miteinander umgehen. Wir erhalten gleichzeitig einen kleinen Blick hinter die Hollywood-Kulissen der 30er-Jahre. Schnell wird klar: Oliver ist der Lebemann, der sich an jedem freien Tag mit diversen Frauen und auf Partys vergnügt, während Stan bis tief in die Nacht an neuen Gags arbeitet – dennoch lässt er sich von Oliver überreden, ihn auf einen Bootsausflug zu begleiten, um möglicherweise eine Frau kennenzulernen.

Auf und neben der Bühne sind Stan und Ollie immer für einen Spaß zu haben

Dann erfolgt ein Zeitsprung von 16 Jahren, ins Jahr 1953, wo Stan und Oliver im englischen Newcastle in einer kleinen Herberge einchecken. Die Zeiten haben sich geändert, die Tage des Luxus sind vorbei. „Um ehrlich zu sein, ich dachte sie wären im Ruhestand“, erklärt ihnen die Empfangsdame. „Wir werden älter, aber wir sind noch nicht am Ende“, erwidert Oliver. Die beiden müssen ihre Koffer selbst aufs Zimmer tragen. Auch die Freundschaft von Stan und Oliver hat in der vergangenen Zeit offenbar ein paar Schrammen abbekommen. Fans des Duos kennen den Grund dafür: die Komödie „Zenobia, der Jahrmarktselefant“ (1939), bei dem Ollie seinem langjährigen Partner Stan „untreu“ wurde und stattdessen an der Seite von Harry Langdon vor der Kamera stand. Die Großbritannien-Tour beginnt in kleinen und spärlich gefüllten Theatersälen. Erst als die Komiker einige PR-Termine wahrnehmen, werden die Briten wieder auf das legendäre Paar aufmerksam. Die Tour, bei der auch Stans Ehefrau Ida (Nina Arianda) und Olivers Gattin Lucille (Shirley Henderson) einen Besuch abstatten, wird doch noch ein Erfolg. Stan und Oliver nähern sich langsam wieder aneinander an – doch dann erleidet Oliver einen Schwächeanfall …

Ein magisches Band

Früher liefen die Filme des Komikerduos im Fernsehen rauf und runter. Das ZDF zeigte die zusammengeschnittenen Slapstick-Einlagen ab Mitte der 1970er- bis Anfang der 80er-Jahre im Vorabendprogramm. Ob die Kinder heutzutage „Dick und Doof“ noch kennen? Auf jeden Fall werden sich alte Fans schnell durch das Biopic an diese unbeschwerten TV-Stunden zurückerinnern. Jon S. Baird gelang eine warmherzige Liebeserklärung und gleichzeitig Hommage an die beiden Schauspieler, die von John C. Reilly und Steve Coogan hervorragend verkörpert werden. Zeitweise vergisst man fast, dass hier nicht die echten Komiker zu sehen sind. Neben der perfekt imitierten Mimik und Gestik, hat besonders die Make-up-Abteilung ganze Arbeit geleistet, um Reilly in den fülligen Oliver Hardy zu verwandeln. Für seine Leistung erhielt er eine Nominierung für den Golden Globe.

Lucille (l.) und Ida besuchen ihre Ehemänner auf der Tour

Reilly und Coogan dürfen natürlich auch einige bekannte Scherze aufführen, etwa die vertauschte Melone oder ein Krankenbesuch, bei dem Patient Ollie durch Stans Tollpatschigkeit ständig ein schweres Gewicht auf den Kopf kracht. So leicht ist es, die Leute zum Lachen zu bringen. Doch Baird zeigt auch, dass diese Leichtigkeit harte Arbeit war und Stan und Ollie ein perfekt eingespieltes Team waren. Selbst in der Öffentlichkeit führen sie ihre Comedy-Routinen immer wieder auf, um den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Dass die zwei Komiker mehr als Arbeitskollegen waren, beweist auch die Tatsache, dass Stan nach Ollies Tod 1957 trotz einiger Angebote keine einzige Filmrolle mehr annahm. Die beiden waren ziemlich beste Freunde, die ein magisches Band zu verbinden schien.

Küss die Hand, werte … Dame?!

Es geht im Biopic zwar größtenteils harmonisch zu, doch die Probleme, die beide Stars mit dem Älterwerden und dem nahenden Ende ihrer Karriere hatten, werden zwischen den Zeilen angedeutet. So versucht Stan einen Filmproduzenten erfolglos davon zu überzeugen, dass er gemeinsam mit Ollie einen neuen „Robin Hood“-Film drehen will. Die Zeit von „Laurel & Hardy“ ist Anfang der 1950er-Jahre vorbei. Sie passen nicht mehr ins Hollywood-System. Und dies vermittelt „Stan & Ollie“ auf liebevoll-wehmütige Weise.

Komische Liebesgeschichte im Mediabook

capelight pictures würdigt die Komiker mit einer großartig ausgestatteten Mediabook-Edition von „Stan & Ollie“. Auch auf der einzeln erhältlichen Blu-ray beziehungsweise DVD befindet sich unter anderem der komplette Film „Der zermürbende Klaviertransport“ als Extra, doch nur im Mediabook finden sich ein ausführlicher Text von Jenny Jecke über die zeitlose Faszination des Duos sowie die 105 Minuten lange Dokumentation „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ in HD des deutschen Regisseurs Andreas Baum, die 2012 bereits von Studiocanal auf DVD in der 92-minütigen-TV-Fassung veröffentlicht wurde und von FunFactoryFilms in der hier vorliegenden „Director’s Cut“-Version erschienen ist. Zusammen mit dem wunderbaren Film ein rundum gelungenes Gesamtpaket. Wer danach immer noch nach Lesestoff über die beiden Komiker giert, möge sich die noch lieferbare #10 der online bestellbaren Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zulegen. Die Titelgeschichte der Ausgabe widmet sich US-Filmkomikern, der Beitrag über Laurel und Hardy stammt von „Die Nacht der lebenden Texte“-Blogbetreiber Volker.

Bei ihrer Ankunft in Irland werden Stan und Ollie von den Massen gefeiert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Steve Coogan und John C. Reilly haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. September 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Stan & Ollie
GB/KAN/USA 2018
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jeff Pope, inspiriert von dem Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ von A. J. Marriot
Besetzung: Steve Coogan, John C. Reilly, Shirley Henderson, Nina Arianda, Rufus Jones, Danny Huston, Joseph Balderrama, John Henshaw
Zusatzmaterial: Im Gespräch mit Regisseur Jon S. Baird, Shirley Henderson, Steve Coogan und John C. Reilly, Featurettes: „Die Prothesen“ & „Die Beziehung“, Kurzfilm: „Der zermürbende Klaviertransport“ (1932), Kinotrailer, nur Mediabook: „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ (Director’s Cut, 105 Min., HD, mit dt. Tonspur), 24-seitiges Booklet mit einem Text von Jenny Jecke
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Tolkien – Visionär für Auenland und Mittelerde

Tolkien

Kinostart: 20. Juni 2019

Von Iris Janke

Drama // Es soll tatsächlich Leute geben, die noch nie von den Büchern von J. R. R. Tolkien gehört haben, die weder „Der Herr der Ringe“ (1954–1955) noch „Der Hobbit“ (1937) gelesen noch deren bildgewaltige Blockbuster-Verfilmungen von Peter Jackson („Herr der Ringe“ 2001–2003, „Der Hobbit“ 2012–2014) geschaut haben. Alle anderen sind vermutlich der Fantasie des Autors hoffnungslos erlegen. Sie sind fasziniert und fragen sich, was ihn inspiriert hat.

Der junge Tolkien steckt voller Tatendrang

Die mögliche Antwort darauf ist ganz einfach: Regisseur Dome Karukoski („Tom of Finland“) gibt darüber hat in seinem Biopic „Tolkien“ Aufschluss. Er hat die Jugend- und Studienjahre des Autors verfilmt. Demnach hat Tolkien (grandios gespielt von Nicholas Hoult, „X-Men – Dark Phoenix“) seine ultimative Inspiration für das Auenland und Mittelerde, die Orte, die er in seinen Büchern so eindrucksvoll beschreibt, in seinem eigenen Leben gefunden. Karukoski zeigt den Tolkien, den die meisten meinen zu kennen, den alle wegen seiner blühenden Fantasie lieben, und einen Tolkien, den fast niemand kennt. Er zeigt einen verletzlichen jungen, verliebten Mann im Kreise seiner Schulfreunde und späteren Kriegskameraden, einen Mann, der er schon mit zwölf Jahren seine Mutter verlor und seinen Vater noch viel früher.

Schön, jung und voller Energie: Edith

Der Zuschauer erfährt, dass Tolkien sowohl für sein Kinderbuch „Der Hobbit“ als auch für die „Herr der Ringe“-Trilogie eine eigene Welt mit eigener Sprache erfunden hat. Ursprungsort aller Inspiration ist die renommierte King Edward’s School in Birmingham. Dort schließt sich Tolkien jugendlichen Gleichgesinnten an, diskutiert mit ihnen über Literatur, selbstgeschriebene Gedichte und Kompositionen. In der Pension, in der Tolkien zu seiner Schulzeit wohnt, trifft er die drei Jahre ältere, hübsche Edith Ann Bratt (Lily Collins, „Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“, 2012), eine Seelenverwandte und die Liebe seines Lebens, die er später heiratet. Edith und Tolkien passen als verliebtes junges Künstlerpaar perfekt zusammen. Die Besetzung beider zeigt sich als Glückgriff. Hoult und Collins in den Hauptrollen funktionieren als Paar, eindrucksvoll und chariamatisch.

Inspiration von den Schlachten an der Somme

Wenn man das literarische Werk Tolkiens betrachtet, denkt man früh an opulente, monströse Schlachten. Auch für diese Inspiration des Autors stand das eigene Leben Pate: dunkle, brutale Kriegsbilder in Sepia-Tönen; die Schlachten an der Somme waren Vorbild für das schwarze Land Mordor in der „Herr der Ringe“-Trilogie. „Tolkien“ funktioniert als Film, weil er das Bild eines faszinierenden Autors vervollständigt, weil er das erzählt, was sich viele Leser und Zuschauer schon oft gefragt haben, und weil er zumindest ein wenig Licht ins geheimnisvolle Innenleben des Autors bringt.

Tolkien (r.) fühlt sich wohl im Kreise seiner Schulkameraden

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nicholas Hoult sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Sein Kriegsdienst trennt Tolkien und Edith voneinander

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Tolkien
USA 2019
Regie: Dome Karukoski
Drehbuch: David Gleeson, Stephen Beresford
Besetzung: Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney, Harry Gilby, Laura Donnelly, Guillermo Bedward, Nia Gwynne, Pam Ferris, Adrian Schiller, Ty Tennant, Mimi Keene
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2019 by Iris Janke

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Die dunkelste Stunde – Mehr als nur eine Gary-Oldman-Show?

Darkest Hour

Von Philipp Ludwig

Historiendrama // Was hat dieser Film nach seiner ausgedehnten Festivaltour im Herbst 2017 und dem US-Kinostart am 22. Dezember doch für einen Aufruhr ausgelöst! Zu Beginn des Jahres 2018, nach dem Start in Deutschland sowie im Vorfeld der Golden-Globe- und insbesondere der Oscar-Verleihung nahm der Hype um dessen imposanten Hauptdarsteller beinahe schon unbegrenzte Ausmaße an. Der Oscar für Gary Oldman war angesichts dessen langer und beeindruckender Karriere überfällig – und für seine Verkörperung des so schrulligen wie unbeugsamen britischen Premierministers Winston Churchill auch mehr als verdient. Doch hat das ambitionierte historische Politdrama des britischen Regisseurs Joe Wright („Hanna“, 2011) mehr zu bieten als einen famosen Hauptdarsteller?

London im Mai 1940

Wright hält sich nicht lange mit allzu großen Erklärungen und Einführungen auf. Unvermittelt beginnt „Die dunkelste Stunde“ Anfang Mai 1940 mit einer hitzigen Debatte im britischen Unterhaus. Neville Chamberlain (Ronald Pickup), stark gealterter, noch amtierender Premierminister, steht schwer unter Druck. Fordert die Labour-Opposition doch vehement seinen Rücktritt, aus Unzufriedenheit über seine langjährige und mittlerweile dramatische Unterschätzung der von Nazi-Deutschland ausgehenden Gefahr. Die zentraleuropäische Großmacht hat den Nachbarn Frankreich durch eine blitzartige Invasion an den Rand der Niederlage gebracht. Doch nicht nur die Opposition übt Druck auf den Premier aus, auch in seiner eigenen Partei rumort es. Chamberlain bietet daher zunächst Lord Halifax (Stephen Dillane) als seinen Nachfolger an der Spitze eines überparteilichen Kriegskabinetts an, der jedoch überraschenderweise ablehnt. Die Opposition scheint aber sowieso nur einem Kandidaten aus den Reihen der regierenden Konservativen die Aufgabe zuzutrauen: Winston Churchill (Oldman). Doch der schrullige und sturköpfige, ebenfalls in die Jahre gekommene Politiker ist sowohl in seiner eigenen Partei als auch allgemein ebenfalls nicht gerade unumstritten.

„Give Peace a Chance?“

Die Herausforderungen für den neuen Premierminister sind von Beginn an gewaltig. Durch den drohenden Fall des französischen Bündnispartners ist auch die knapp 400.000-Mann starke British Expeditionary Force (BEF) in akuter Gefahr. Sie war zur Unterstützung im Kampf gegen die Wehrmacht nach Frankreich entsendet worden und steht nach einer Reihe militärischer Niederlagen vom Feind eingekesselt an der Küste Dünkirchens mit dem Rücken zur Wand. Doch statt sich in Ruhe um weitere Möglichkeiten zur Unterstützung Frankreichs geschweige denn um eine Lösung zur Rettung des Herzstücks der britischen Armee zu kümmern, muss sich Churchill zunächst einmal darum bemühen, die zahlreichen politischen Widerstände, vor allem in seiner eigenen Partei, im Keim zu ersticken. Insbesondere sein Vorgänger Chamberlain und dessen Vertrauter Halifax erweisen sich als ärgste Widersacher des eigenwilligen Neu-Premiers – und sie haben weiterhin eine Menge mächtiger Unterstützer, wurden von Churchill aber dennoch ins Kabinett berufen. Sie sind vor allem von dessen meist reißerischen Durchhalteparolen sowie seinen kriegerischen Absichten gegenüber dem Deutschen Reich wenig überzeugt, plädieren weiterhin für eine friedliche Lösung mit dem schier übermächtigen Feind. Ein Friedensabkommen mit dem unberechenbaren Adolf Hitler? Für Churchill unvorstellbar. Zur Seite stehen ihm in seinen Bemühungen um politische Einheit seine Frau Clementine (Kristin Scott Thomas), seine neue, junge Sekretärin Elizabeth Layton (Lily James) sowie sein engster politischer Vertrauter, Anthony Eden (Samuel West). Und dann ist da noch König George VI. (Ben Mendelsohn), der dem neuen Premierminister zunächst ebenfalls skeptisch gegenübersteht. Der Monarch will einerseits, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen als Marineoffizier im vorherigen Weltkrieg, einen zweiten unbedingt verhindern, andererseits hat er Churchills Unterstützung für seinen großen Bruder, den vorherigen König Edward VIII., in der sogenannten Abdication-Crisis nicht vergessen. Kann sich Churchill mit seinem rigorosen Festhalten am Kurs des kriegerischen Widerstands gegen die Nazis gegen seine Kritiker durchsetzen? Und was passiert nun eigentlich mit den Soldaten in Dünkirchen?

Die Lage ist ernst für das Vereinigte Königreich

Um die Frage aus der Überschrift direkt zu beantworten: Ja, der Film hat definitiv mehr zu bieten als nur seinen Hauptdarsteller. Joe Wright ist ein vorzügliches und interessantes historisches Politdrama gelungen, das die ersten Wochen von Churchills Amtszeit spannend und nervenaufreibend, gleichzeitig aber auch äußerst unterhaltsam wie auch gefühlvoll darstellt. Insbesondere die angespannte Stimmungslage in England im Angesicht der drohenden Niederlage Frankreichs und der schieren Übermacht Nazi-Deutschlands sowie die damit einhergehende politische Spaltung im Land in Bezug auf das weitere Vorgehen sind hervorragend getroffen. In Verbindung mit dem an vielen Stellen Spannung erzeugenden Soundtrack sind die politische Unruhe und Unsicherheit jener Zeit deutlich spürbar. „Die dunkelste Stunde“ ist daher stellenweise fast schon in den Bereich des Polit-Thrillers einzuordnen. Auch wenn es durchaus immer mal wieder ruhige und mitunter sehr emotionale Momente gibt – diese wirken dadurch umso nachdrücklicher. Ebenso wie eine Reihe humoristischer Passagen, die der ungewöhnliche und mit zahlreichen Macken versehene Charakter Churchills zuhauf bietet.

Auch beim Zuschauen bleibt nur wenig Zeit zum Durchatmen

Regisseur Wright verlangt uns Zuschauern eine Menge ab, verzichtet er doch auf große Erklärungen. Das Tempo der Handlung und der gesamten Inszenierung erfordert hohe Aufmerksamkeit, ansonsten kann man in dem ereignisreichen Plot schnell den Faden verlieren. Ebenso ist ein gewisses Grundwissen über die historischen Ereignisse hilfreich, droht doch aufgrund der Fülle an historischen Persönlichkeiten sowie einer eher sparsamen Informationspolitik des Regisseurs in der einen oder anderen Situation ansonsten Ratlosigkeit aufzukommen. Aber selbst wer nicht sämtliche Zusammenhänge immer so ganz verstehen sollte, kann durch die ansprechende und kurzweilige Inszenierung wohl dennoch zufriedengestellt werden. Zur Lektüre sei das Sachbuch „Die dunkelste Stunde: Churchill – Als England am Abgrund stand“ („Darkest Hour – How Churchill Brought us Back from the Brink“) vom neuseeländischen Drehbuchautor Anthony McCarten („Die Entdeckung der Unendlichkeit“, 2014) empfohlen, in dem dieser die im Film dargestellten, ereignisreichen Wochen des Mais 1940 gut recherchiert und ebenfalls außerordentlich spannend aufbereitet hat. Passenderweise ist er auch für das Skript des hier behandelten filmischen Werks verantwortlich.

Filmische Grenzgänge zwischen Fakten und Fiktion

Auch „Die dunkelste Stunde“ zeigt uns, dass historische Spielfilme als cineastische Grenzgänger zwischen Fakten und Fiktion in erster Linie, bei aller Faktentreue, vor allem fiktionale Spielfilme sind – und sich daher auch künstlerische Freiheiten in der Umsetzung ihrer historischen Vorlagen erlauben können und dürfen. McCartens Drehbuch macht da keine Ausnahme. Denn ohne zu viel verraten zu wollen, sind doch einige Momente des Films (beispielsweise Churchills nächtlicher und verzweifelter Anruf bei US-Präsident Roosevelt sowie seine erste Fahrt mit einer Londoner U-Bahn nebst emotionalen Diskussionen mit der britischen Bevölkerung) zwar besonders eindrücklich inszeniert, historisch betrachtet aber Humbug. Es sei den Machern verziehen. Die Eckpunkte der Geschehnisse hingegen sind treffend und historisch korrekt zusammengefasst, der Ernst der Lage kommt eindrucksvoll rüber. Auch sind die imposanten und mitreißenden Durchhaltereden von Churchill nach dessen Amtsantritt hervorragend und mitunter äußerst innovativ in Szene gesetzt. Gerade die Inszenierung seiner ersten Radioansprache lässt sich besonders sehen, ist hier doch die Macht der Stimme audio-visuell bestens in Szene gesetzt worden. Interessant ist auch, dass diese berühmten Reden Churchills, wie etwa die von „blood, toil, tears, and sweat“ und „We shall fight on the beaches“ aufgrund ihrer Imposanz zwar in die Historie eingegangen sind und bis heute allen an jener Epoche Interessierten ein Begriff sein dürften, insbesondere von seinen politischen Zeitgenossen jedoch durchaus mit einer – milde ausgedrückt – gewissen Skepsis bedacht wurden.

Der neue Premierminister checkt die Stimmung in der Bevölkerung

Prunkstück von „Die dunkelste Stunde“ ist und bleibt dieser eine Mann: Gary Oldman. Wie die britische Schauspielgröße hier eine der interessantesten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte interpretiert, ist einfach nur phänomenal, und ich ziehe daher einfach mal sämtliche Hüte, obwohl ich gar keine besitze. Angesichts einer ganzen Reihe an Churchill-Interpretationen, die die Film- und Fernsehgeschichte zu bieten hat, lehne ich mich einfach mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass es etwas Vergleichbares noch nicht gegeben hat. Nicht nur dank einer hervorragenden Maske wird Oldman quasi mit Haut und Haaren sowie mit seinem gesamten Körper, mit Geist, Gestik, Mimik und Sprache in aller Umfänglichkeit zum ehemaligen britischen Premierminister. Zudem verleiht er seiner historischen Figur große Tiefe, stellt er doch nahezu sämtliche Facetten dieses vielseitigen und höchst interessanten Charakters eindrucksvoll zur Schau. So war ich am Ende vor allem deswegen enttäuscht, nun nicht noch mehr von Oldmans ganz persönlicher Churchill-Show zu sehen zu bekommen. Ich hätte ihm noch Stunden dabei zusehen können, wie er einfach nur bei seinem umfangreichen Frühstück im Bett sitzend Anweisungen bellt, in der Badewanne liegend nuschelnd Reden und Briefe diktiert oder was auch immer gerade treibt. Selbst einen schlafenden Churchill würde Oldman wohl noch mit Bravour darstellen. Selten war ein Oscar verdienter als in diesem Fall. An dieser Stelle wieder einmal meine nachdrückliche Empfehlung: Schaut „Darkest Hour“ in der Originalfassung. Selbst wenn man des Englischen nicht so mächtig sein sollte, sollte man dieser einfach eine Chance geben – zur Not mit Untertiteln. Denn Churchill zeichnete sich ja neben den vielen politischen und charakterlichen Aspekten auch durch seine besondere Stimme und seine Sprechweise aus – diesem Umstand in der deutschen Synchronisation auch nur annähernd gerecht zu werden ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auch wenn sich Oldmans Stammsynchronsprecher Udo Schenk selbstverständlich redlich bemüht.

Trotz aller nach außen gezeigter Zuversicht und Stärke …

Oldman bietet uns eindrucksvoll eine Figur an, die, trotz all ihrer Eigenheiten und nach außen gezeigter Zuversicht und Stärke auch sehr verletzlich scheint und aufgrund der schwierigen Situation oft kurz vor der Überforderung steht. Wir haben es mit einem zutiefst menschlichen Churchill zu tun, der, in seiner verständlichen Erschöpfung und drohenden Resignation, eine breite Basis für eine hohe Empathie unsererseits bietet. Denn der für uns heute oft als selbstverständlich hingenommene spätere Kriegsverlauf war im Mai 1940 alles andere als sicher. Ganz im Gegenteil, eine drohende Niederlage war für England ein nur allzu reales und bedrohliches Szenario, vielleicht damals sogar wahrscheinlicher als etwa der tatsächliche Kriegsverlauf mit dem endgültigen Sieg der Alliierten im Mai 1945. Blogbetreiber Volker hat das in seiner Rezension von Christopher Nolans „Dunkirk“ (2017) bereits beschrieben, ich zitiere ihn einfach mal: Die Vernichtung oder Gefangennahme der in Dünkirchen eingekesselten Alliierten hätte wahrscheinlich die Kapitulation des Vereinigten Königreichs zur Folge gehabt – mit kaum auszudenkenden Folgen für den Kriegsverlauf. Die Welt wäre heute vielleicht eine ganz andere.

… befindet sich auch Winston Churchill (hier mit seiner Frau Clementine) oft am Rande der Verzweiflung

Es sind vor allem ruhige Momente, die überzeugen und uns einen Menschen in einer Extremsituationen zeigen, der dem Druck einer ganzen Nation, ja beinahe schon eines ganzen Kontinents oder gleich der ganzen Welt auf seinen Schultern ausgesetzt ist. Hier sei erneut auf die besonders eindrückliche Szene verwiesen, in der ein erschöpfter und fast schon hoffnungs- wie auch ratloser Churchill in seinem unterirdischen Hauptquartier Präsident Roosevelt anruft und diesen (vergeblich) um Unterstützung beinahe schon „anbettelt“. Auch wenn es für diese Szene keinerlei Belege gibt, bestand im Mai 1940 doch noch gar keine feste Standleitung zwischen den USA und Großbritannien, wie der Film suggeriert.

Muss sich an ihren neuen Chef erst gewöhnen: Sekretärin Elizabeth Layton

Doch wäre es unfair, sich in Bezug auf die schauspielerischen Leistungen auf den Hauptdarsteller zu beschränken – ist doch auch der restliche Cast hochkarätig mit namhaften und vor allem aus britischen Filmen und Serien bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern gespickt, die ebenfalls durchweg zu überzeugen wissen. Hier sei vor allem die wieder einmal bezaubernde Lily James („Downton Abbey“) hervorzuheben, die Churchills neue Sekretärin Elizabeth Layton verkörpert. Mit ihr sind wir auf Zuschauerseite von Beginn an besonders eng verbunden, ist ihr erstes, außerordentlich nervenaufreibendes Zusammentreffen mit ihrem neuen, cholerischen Chef doch auch unser erstes Aufeinandertreffen mit Churchill. Auch danach sehen wir viele der Ereignisse durch ihre Augen. Ebenso bietet uns diese Figur wiederum die Möglichkeit, über das Verhältnis von Fakten und Fiktion zu fabulieren: Zwar hat es die Sekretärin von Churchill wirklich gegeben und wurde sie tatsächlich zu einer seiner engsten Vertrauten, zu seinem Stab stieß sie allerdings tatsächlich erst nach den im Film dargestellten Ereignissen. Auch ist ihr Bruder nicht, wie im Film suggeriert, beim Rückzug nach Dünkirchen gefallen. Aber zurück zu Lily James. Diese gehört für mich zu den größten schauspielerischen Nachwuchstalenten, von ihr werden wir in Zukunft hoffentlich noch einiges zu sehen bekommen. Auch wenn die 1989 in England Geborene schon nicht mehr wirklich als Talent bezeichnet werden kann, sondern eher schon als neue feste Größe in der Kinolandschaft (schaut man sich ihre exponentiell steigende Rollenzahl über die vergangenen Jahre einmal an). Sie weiß aber irgendwie immer zu überzeugen und auch in diesem Werk zeigt sie wiederholt, dass sie imstande ist, ihre Figuren mit Herzlichkeit, Wärme und Tiefe auszustatten und durch eine ungemeine Leinwandpräsenz zu brillieren. Für mich ist es immer wieder eine Freude, Lily James bei der Arbeit zusehen zu dürfen. Ja, ich gebe zu, ich bin ein kleiner Fan.

Ist Ben Mendelsohn der Zwillingsbruder des Königs?

Ebenso überzeugt Ben Mendelsohn („Rogue One – A Star Wars Story“, 2016) in der schwierigen Rolle des populären Königs George VI. Der australische Schauspieler, den ich vor allem seit seiner beeindruckenden Performance in der tollen Netflix-Serie „Bloodline“ außerordentlich schätze, bietet hier sowohl vom äußerlichen Erscheinungsbild als auch in Gestus und Sprache ein Abbild des echten Königs. Man könnte fast meinen, er sei dessen Zwillingsbruder, so stark ähneln sich beide im Aussehen sowie in ihrer reservierten und förmlichen, stets aber auch warmen, herzlichen und offenen Art. Daher ist es auch eine große Freude, die Entwicklung einer beginnenden Freundschaft zwischen Churchill und George VI. aufgrund deren jeweiligen tollen Darsteller präsentiert zu bekommen. Im Vergleich zur damals zwar großartigen schauspielerischen Leistung von Colin Firth als George VI. in „The King’s Speech“ (2010), der hierfür auch völlig zu Recht einen Oscar erhalten hat, dem echten König aber überhaupt nicht ähnelte, wird uns hier nun eine beeindruckend authentische filmische Version des historischen Vorbilds geboten. Auch wird dessen berühmtes Stottern hier deutlich näher dem realen Vorbild entsprechend inszeniert. Neben James und Mendelsohn ist auch die übrige Besetzung hervorzuheben, sie hat es verdient: ob etwa Kristin Scott Thomas („Der englische Patient“, 1996) als Clementine Churchill, die als einzige Person ihren Mann wirklich im Griff zu haben scheint, Stephen Dillane („Game of Thrones“) als gefasster, edler und nobler, aber auch hartnäckiger politischer Widersacher Lord Halifax oder Samuel West („Mr. Selfridge“) als unermüdlicher Unterstützer Antony Eden.

Erst Skeptiker, dann freundschaftlicher Verbündeter Churchills: König George VI.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist zudem die innerhalb kürzester Zeit erneute filmische Behandlung der historischen Ereignisse von Dünkirchen. Nur wenige Monate vor Joe Wrights Churchill-Film hatte Christopher Nolan seinen imposanten Kriegs-Thriller „Dunkirk“ in die Kinos gebracht. Beide Werke waren dann auch in der gleichen Oscarverleihung nominiert. Auch wenn Wright in seinem Werk, im Gegensatz zu „Dunkirk“, die Evakuierung der Soldaten nur als Randthema verwendet und nicht groß in Szene setzt, ist es dennoch interessant, in der Kombination dieser beiden zeitlich nah beieinander entstandenen Filme eine Art filmisch abgerundetes Bild präsentiert zu bekommen.

Churchill erklärt Elizabeth die angespannte Lage in Dünkirchen

Joe Wright gelingt mit „Die dunkelste Stunde“ also ein beeindruckendes und kurzweiliges historisches Politdrama, das in seiner knapp zweistündigen Laufzeit ungemein viel zu bieten hat: Es ist sowohl Historiendrama und Biopic als auch Politthriller mit einer Menge Spannung sowie Gefühl, Emotionen, stillen Momenten und sogar einer ganzen Reihe humoristischer Elemente. Zu bemängeln gibt es eigentlich kaum etwas. Höchstens die mutige Entscheidung des Regisseurs sowie seines Drehbuchautors McCarten, den Zuschauern relativ wenige Informationen an die Hand zu geben, sodass in der mitunter rasanten Abhandlung der historischen Ereignisse der Überblick verloren gehen mag. Ebenso sind die mitunter recht hanebüchenen künstlerischen Freiheiten in Bezug auf die historische Faktentreue zwar für die filmische Inszenierung von zentraler Bedeutung und bilden hier auch einige der stärksten Momente, bieten aber durchaus Potenzial für Kritik. Dies ist aber wohl stark vom jeweiligen subjektiven Rezeptionsverhalten abhängig. In welchen Ausmaßen man bei solchen Filmen vollständige historische Korrektheit erwartet, unterliegt wohl der Bewertung jedes einzelnen Zuschauers. Wer „Die dunkelste Stunde“ bislang noch nicht gesehen hat: Schaut ihn euch an – es lohnt sich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lily James sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Kann der neue Premier seine Skeptiker überzeugen?

Veröffentlichung: 24. Mai 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Darkest Hour
GB/USA 2017
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Anthony McCarten
Besetzung: Gary Oldman, Lily James, Ben Mendelsohn, Kristin Scott Thomas, Stephan Dillane, Ronald Pickup, Samuel West, David Schoefield
Zusatzmaterial: Featurettes zu Regie und Besetzung
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Philipp Ludwig

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: