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Der Kampf um den Piratenschatz – Stilbildender, wenig vorhersehbarer Flickenteppich

Blackbeard, the Pirate

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Navy-Leutnant Robert Maynard (Keith Andes) will dem scheinbaren Ehrenmann Sir Henry Morgan (Torin Thatcher) nachweisen, dass er sich durch Piraterie zu bereichern versucht. Maynard glaubt, Charles Bellamy sei mit Morgan im Bunde, der Offizier versucht daher, sich auf Bellamys Schiff einzuschleichen. Dort erwartet ihn allerdings Edward Teach alias Blackbeard (Robert Newton), während Bellamy hoch an einem Mast baumelt. Gemeinsam mit Edwina Mansfield (Linda Darnell), die Bellamy eigentlich heiraten wollte und ebenso unverhofft auf den irrwitzigen „Schwarzbart“ stößt, gerät Maynard in eine Schatzjagd, die seinen Weg womöglich doch noch mit Henry Morgan kreuzen wird. Nur lebt es sich unter dem Kommando von Blackbeard verdammt gefährlich.

Dass für „Der Kampf um den Piratenschatz“ in den USA ausgerechnet Weihnachten 1952 als Kinostarttermin auserkoren wurde, ist ein bemerkenswerter Umstand. Ein Film voller unsympathischer Charaktere als knallhartes Kontrastprogramm zum romantisch-gemütlichen Einerlei. Halsabschneider, soweit das Auge reicht und der einzige Mehr-oder-minder-Held der Geschichte, Maynard, ist in der Verkörperung von Keith Andes so blass, dass man auf der Seite dieses Bürschchens eigentlich dennoch nicht sein will. Dazu eine Liebesgeschichte, bei der nicht die Bohne ein Funke überspringt. Selbst die Musik von Victor Young, der 1957 posthum den Oscar für seinen Score zu „In 80 Tagen um die Welt“ (1956) gewann, plätschert erstaunlich höhepunktfrei und leblos vor sich hin. Man könnte fast so weit gehen zu sagen, dass dies vielleicht der ultimative Anti-Weihnachtsfilm unter all den Produktionen ist, die zu Zeiten des klassischen Hollywoods je an Weihnachten in den USA im Kino gestartet sind. Ob unfreiwillig oder nicht – auf seine Art ist dieser Film ein ziemlich frecher Biss in jedes weihnachtlich gestimmte Gemüt.

… während man eifrig dabei ist, andere Pläne zu schmieden …

Wenn man sich vor Augen führt, dass für die Besetzung ursprünglich angeblich Robert Mitchum („Weiße Frau am Kongo“), Victor Mature („Sensation am Sonnabend“) und Jack Buetel („An der Spitze der Apachen“) vorgesehen waren, hätte aus „Der Kampf um den Piratenschatz“ wirklich ein origineller Meilenstein werden können. Sie alle sollten an der Seite von Faith Domergue („Metaluna IV antwortet nicht“) agieren, die anstelle von Linda Darnell („König der Toreros“) zu sehen gewesen wäre. Als Regisseur war Robert Stevenson („Mary Poppins“) vorgesehen – nicht zu verwechseln mit Robert Louis Stevenson, dem Autor einer anderen legendären Piratengeschichte: „Die Schatzinsel“. Stattdessen wurde schließlich der Hauptdarsteller der Disney-Verfilmung von „Die Schatzinsel“ (1950), Robert Newton, engagiert, um Blackbeard zu spielen und setzte sich dabei auch gegen Boris Karloff und Charles Laughton durch. Laughton hatte aufgrund seiner Verkörperung von William Kidd in „Unter schwarzer Flagge“ (1945), ähnlich wie Newton, eine Vorgeschichte, die ihn für die Rolle prädestinierte. Man kann guten Gewissens sagen, dass Laughton als Captain Kidd und Newton als Long John Silver Stand 1952 die beiden wahrscheinlich populärsten Inkarnationen reibeiserner Piratenkapitäne mindestens der vorausgegangenen zehn Jahre in Hollywood waren. Während der Zuschlag für Blackbeard bei Robert Newton blieb, kehrte Charles Laughton trotzdem an Bord eines Piratenschiffs zurück und parodierte seine populär gewordene Rolle als Kidd in „Abbott und Costello unter Piraten“, der in den USA fast zeitgleich mit „Der Kampf um den Piratenschatz“ anlief und als unmittelbare Antwort auf selbigen verstanden worden sein könnte.

Leider merkt man dem fertigen Film, aus meiner Sicht, an, dass Alan Le May recht kurzfristig verpflichtet wurde, um das Drehbuch knapp vor Produktionsstart noch einmal neu zu schreiben. Hätte Stevenson die Geschichte mit Mitchum, Domergue, Mature und Buetel verfilmt, wäre die Grundlage also wahrscheinlich ein anderes Drehbuch gewesen. So richtig rund wirkt die Story nicht, eher bruchstückhaft zusammengeschustert, und die Einfallslosigkeit bei der Auswahl der Handlungsorte ist fast schon erschreckend. Selbst wenn die Darsteller alle funktionieren würden und die Musik besser wäre, ist das immer noch eine Menge an Baustellen. Piratenfilme können so wunderbar bunt und abwechslungsreich sein. Dieser Film ist es nicht. Zu lange wird sich nur an Bord des Schiffes herumgetrieben, zu wenig Ideen greifen später an Land. Schauplätze vom Schlage einer Pirateninsel Tortuga fehlen schmerzlich, stattdessen wirken viele Settings, als hätte man absichtlich kostensparend so viel wie möglich im Studio und in kaum wechselnden Kulissen gedreht – was aber nicht zu den teuren Stars und einem Regisseur der Hausnummer Raoul Walsh passt. Obendrein fehlen bis auf wenige Ausnahmen kantige Gesichter und Nebenrollen von einer gewissen Gestalt unter den Piraten, die Robert Newton wenigstens ansatzweise das Wasser reichen könnten. Aus unklaren Gründen wurden prägnante Charakterdarsteller wie insbesondere Anthony Caruso („Flucht aus Zahrain“) und Jack Lambert („Die Killer“) in Kleinstrollen verheizt. Amüsant immerhin Alan Mowbray („Gold in Neuguinea“), der als durchgeknallter Blackbeard-Doppelgänger kaum wiederzuerkennen ist.

Auffällig ist, dass die Rolle des Maynard, in der Art, wie er quasi von außen in die Geschehnisse und eine ihm fremde Welt fällt, und wie er dabei stellenweise als beobachtender Erzähler der Geschichte agiert, der auf spektakuläre Gestalten stößt, sehr an Richard Webb (in der Rolle des Lieutenant Tufts) in Walshs an Weihnachten im Jahr zuvor veröffentlichtem Western-Meisterwerk „Die Teufelsbrigade“ erinnert. Diese Rollen-Parallele sowie die Besetzung eines Webb optisch ähnelnden Schauspielers in „Der Kampf um den Piratenschatz“, können auf den Einfluss des Regisseurs hinweisen. Der Ansatz birgt auch Potenzial, wenn der Schauspieler es zu tragen versteht. Dann ist da aber eben das Problem, dass Webb in „Die Teufelsbrigade“, trotz der wenigen Möglichkeiten sich zu profilieren, die diese Rolle ihm bot, um Längen überzeugender ist als der damals noch höchst unerfahrene Andes, der zuvor nur wenige Filme gedreht hatte, in „Der Kampf um den Piratenschatz“. Nicht zuletzt fehlt Andes einfach ein Gary Cooper an seiner Seite, der die eigentlichen Heldenaufgaben stemmt, denn in „Die Teufelsbrigade“ war dies gar nicht Richard Webbs Job, sondern der von Cooper. Keith Andes, Linda Darnell und eine dauerkreischende Dienerin allein mit einem Rudel Piraten auf dem Schiff – das ist schlicht zu wenig.

Im Zuge seiner unbeholfenen Bauart sowie der Konstellation mit vielen unsympathischen Figuren erweist sich der Film aber kurioserweise auch als wenig vorhersehbar und dadurch in gewisser Hinsicht spannend, wenngleich eine Figur zum Andocken und Mitfiebern fehlt. Wenn man so will, generiert er seine größte narrative Stärke also aus einer Schwäche.

Der geistige Vater von Jack Sparrow

Am Ende retten drei Piraten den „Kampf um den Piratenschatz“ quasi im Alleingang. Robert Newtons Blackbeard folgte dem Aussehen nach natürlich historischen Überlieferungen, sein extrovertiertes Spiel aber setzte Maßstäbe, die eindeutig ihm selbst zuzuschreiben sind. Einer der anschaulichsten Belege in der Filmgeschichte, wie effektiv „Overacting“ in geeignetem Kontext sein kann. Einmal auf der stimmlichen Ebene, und erst recht hinsichtlich seiner ständig wechselnden Miene, womit er gewissermaßen immer wieder seine Gedanken nach außen trägt, oder mimisch sein gesprochenes Wort oder die Aussagen anderer, höchst anschaulich überzeichnend, kommentiert. Er nutzt Grimassen, macht sich das ausdrucksstarke Bewegen oder auch Zusammenkneifen der Augen vielfach zunutze, bewegt den Kopf häufig hin und her als würde er unter Drogeneinfluss stehen. Es ist davon auszugehen, dass diese Performance auch auf Johnny Depps Verkörperung des Captains Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe einen gewissen Einfluss hatte. In der deutschen Fassung wurde er, wie auch schon in „Die Schatzinsel“, von Eduard Wandrey synchronisiert, der den hartkantigen Piraten bestens draufhatte. In der Originalfassung merkt man allerdings zudem gewisse Abstufungen, die ich persönlich so interpretieren würde, dass Newton versuchte, den schwankenden Alkoholisierungspegel seiner Figur stimmlich zu differenzieren. So hört er sich tagsüber zum Teil wirklich anders, etwas klarer, jünger und weniger exzentrisch an als zu späterer Stunde – eine witzige Idee, die allerdings leider etwas untergeht, oder doch schlichtweg einer von der Chronologie im Film abweichenden Drehreihenfolge der Szenen, je nach Handlungsort, geschuldet? Wer weiß?

Dazu William Bendix („Blut im Schnee“), der als Typ und sogar stimmlich ähnelnd, so etwas wie der Mario Adorf des klassischen Hollywood-Kinos war. Ein sympathischer, vielseitiger Schauspieler, dem man gern zusieht, und der sich hier mal von seiner eher komödiantischen Seite zeigen durfte. Als Dritter im Bunde Skelton Knaggs – ein unglaubliches Gesicht, vor allem durch düstere Krimis und Horrorfilme bekannt –, der allein zwar nicht reicht, um einen bunten Piratenhaufen zu repräsentieren, aber zumindest die richtige Richtung aufzeigt, zumal er schauspielerisch durchaus versiert war, in diesem Film wunderbar selbstironisch agiert, aber auch regungslos mit einem Blick verharrend immer noch eine Menge gruseliger Energie über die Leinwand schickt. Sein Gesicht könnte als Vorbild für die Zeichnung von „Billy the Kid“ im gleichnamigen Lucky-Luke-Comic gedient haben – die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend. Tragisch, dass sowohl er als auch Robert Newton nur wenige Jahre später an den Folgen von Alkoholismus starben.

Weihnachten am Galgen, unter Dieben und Mördern

Eine offizielle DVD-Veröffentlichung des Films scheint es in Deutschland bisher noch nicht zu geben. RKO-Filme sind auf dem deutschen DVD-Markt leider generell recht unterpräsent – vermutlich, weil es das Studio schon seit circa 60 Jahren nicht mehr gibt, obwohl es bis dahin zu den fünf größten Hollywoods (neben MGM, Warner, 20th Century Fox und Paramount) gehörte und der Rechtebestand daher logischerweise anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, als es im Regelfall bei Filmen damaliger Studios der Fall ist, die es heute auf die eine oder andere Art immer noch gibt. Eine verstärkte Erschließung der von RKO produzierten Filme für den deutschen DVD-Markt, wäre einer meiner Weihnachtswünsche, nicht nur weil ein Anti-Weihnachtsfilm wie „Der Kampf um den Piratenschatz“, der allen Widrigkeiten zum Trotz doch irgendwie sehenswert ist, eine angemessene Würdigung erfahren sollte.

Ferner ist die popkulturelle Bedeutung der Piratendarstellungen von Robert Newton wirklich nicht zu unterschätzen und allein schon eine große Veröffentlichung wert. Der Mann hat unser Bild von Piratenkapitänen und davon, wie sie sich angeblich gebärden, wahrscheinlich mindestens genauso sehr geprägt wie Pierre Brice unser Bild von Indianern. Der Unterschied ist allerdings, dass bei Newton die Bekanntheit seines Wirkens heute eher indirekter Natur ist. Dieses gewisse Bild vom Piraten ist präsent, aber man verbindet Newton kaum noch damit. Sein Wirken überdauert für das heutige Publikum eher durch spätere Darstellungen anderer von ihm inspirierter Schauspieler sowie durch Figuren in Computerspielen oder in Animationsfilmen, die auf Newtons Piratendarstellungen fußen – während die ursprünglichen Vorlagen mit ihm selbst, die in „Die Schatzinsel“, der zugehörigen Fortsetzung und der zugehörigen TV-Serie sowie in „Der Kampf um den Piratenschatz“ zu sehen sind, zumindest in Deutschland mittlerweile weniger Bekanntheit genießen. Dies ist zweifelsohne unter anderem den vielen Remakes des „Schatzinsel“-Stoffes geschuldet, die davon ablenken, sich auch einmal die Version mit Newton anzuschauen, zumal diese auch bereits ein Remake und nicht wirklich „Das Original“ war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Raoul Walsh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blackbeard, the Pirate
USA 1952
Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Alan Le May, nach einer Vorlage von DeVallon Scott
Besetzung: Robert Newton, Linda Darnell, William Bendix, Keith Andes, Skelton Knaggs, Torin Thatcher, Alan Mowbray, Irene Ryan, Richard Egan, Anthony Caruso
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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