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Blair Witch – „Heather! Heather!!“

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Blair Witch

Kinostart: 6. Oktober 2016

Von Volker Schönenberger

Horror // Es war ein Coup, die Produktion der zweiten Fortsetzung von „The Blair Witch Project“ so lange geheim zu halten. Produziert wurde sie als „The Woods“, und unter diesem Titel gab es eine Vorführung des Horrorfilms auf der Comicmesse San Diego Comic-Con International im Juli 2016. Damit war die Katze natürlich aus dem Sack, und noch während der Film lief, tauschte man die „The Woods“-Plakate aus – „Blair Witch“ war geboren. Drehbuchautor Simon Barrett begründete das mit der Ablehnung, die bei Ankündigung eines Sequels im Internet zu erwarten sei. Das ist nicht von der Hand zu weisen, und negative Publicity kann die Entstehung eines Films zweifellos negativ beeinflussen. Doch gute Tarnung in Verbindung mit einer charmanten Enthüllung sind keine Garanten für eine gelungene Fortsetzung, wie „Blair Witch“ zeigt.

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Warnungen kann man mal ignorieren

Vor 20 Jahren verschwand seine Schwester Heather mit zwei Freunden im Black Hills Forest bei Burkittsville in Maryland. Nun macht sich James Donahue (James Allen McCune) auf, ihr Schicksal zu ergründen. Ein YouTube-Video brachte ihn auf die Spur. Die Filmstudentin Lisa (Callie Hernandez) hält seine Suche filmisch fest, um einen Dokumentarfilm daraus zu machen. James‘ Freunde Ashley (Corbin Reid) und Peter (Brandon Scott) begleiten die beiden. In Burkittsville trifft die kleine Gruppe Lane (Wes Robinson), der das Video bei YouTube hochgeladen hat – er gibt an, es tief im Wald gefunden zu haben. Lane und seine Freundin Talia (Valorie Curry) bestehen aber darauf, die anderen zum Fundort zu begleiten. Ein Backpacker-Trip in den tiefen Wald nimmt seinen Anfang. Das Grauen beginnt, als die Protagonisten morgens um ihre Zelte herum aus Ästen und Seil zusammengebastelte Figuren entdecken. Auch sonderbare Steinhaufen werfen Fragen auf. James und seine Freunde beschuldigen Lane und Talia und schicken sie fort.

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Ashley hat sich verletzt

Wenn die Protagonisten mit Handkameras oder am Ohr angebrachten Minikameras unterwegs sind, geht es wacklig zu, das bringt die Found-Footage-Methode zwangsläufig mit sich. Bisweilen geraten die Bilder aber so unruhig, dass das den Genuss arg schmälert. „Cloverfield“ ist so ein Fall, auch wenn der Schocker um ein riesiges Monster in New York seine Qualitäten hat. „Blair Witch“ toppt dessen Wackel-Feeling leider noch. Es würde mich nicht wundern, wenn sich bei dem einen oder anderen Kinogänger angesichts der hektisch hin und her zuckenden Bilder ein schummriges Gefühl im Bauch einstellt, das sich im Einzelfall zu einer ausgewachsenen Übelkeit entwickelt.

Mit Drohne im Gepäck

Mit den erwähnten Minikameras am Ohr umgeht Regisseur Adam Wingard immerhin ein großes Manko vieler Found-Footage-Filme: Weshalb filmen die Figuren selbst angesichts größter Gefahr munter weiter, statt die Kamera einfach fallen zu lassen und die Beine in die Hand zu nehmen? Die Kamera von Ohr zu nehmen, bringt allerdings keine Vorteile auf der Flucht, also kann man sie auch dranlassen. Die Technik hat sich seit 1999 eben entwickelt, nun kommt sogar eine Drohne zum Einsatz, auch wenn sie über den Status eines Gimmicks nicht hinausgeht.

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Wer hat die Figuren angebracht?

Positiv: Wingard und sein Stamm-Drehbuchautor Simon Barrett verzichten darauf, den Mythos der Hexe von Blair zu entschlüsseln. Es ist oft ein Ärgernis, wenn ein Sequel Erklärungen liefert, die im Vorgänger bewusst im Dunkeln gelassen worden sind, um das Gefühl beklemmender Ungewissheit zu verstärken. Gut so, dass Wingard und Barrett auf diese Weise den Geist der Vorlage bewahren. Ohnehin nähern sie sich dem Sujet auf respektvolle Weise, huldigen „The Blair Witch Project“ etwa dergestalt, dass die erste und letzte Einstellung ihres Films wie eine Kopie des Erstlings wirkt: „Blair Witch“ beginnt mit einer Texttafel, die uns darüber informiert, dass ein paar junge Leute in den Wäldern von Burkittsville verschwanden und nur ihre Filmaufnahmen gefunden worden sind; am Ende fällt eine Kamera zu Boden, ganz wie in „The Blair Witch Project“.

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Lisa hält alles filmisch fest

James und die anderen verlieren unvermittelt ihr Zeitgefühl, bemerken beim Aufwachen überrascht, dass es schon früher Nachmittag ist. Und die nächste Nacht will überhaupt nicht mehr enden – eine an sich originelle und beklemmende Idee, die aber zur Folge hat, dass der Rest des Films ausschließlich bei Dunkelheit spielt. Es mangelt an Tageslicht-Einstellungen als Erholung für geplagte Zuschauer-Augen. So schlägt die Handlung einige Haken, die mal mehr mal weniger gelungen sind. Manchmal stellen sich James & Co. gar nicht so dumm an, wie man es aus vielen Horrorfilmen von Opfern gewohnt ist. Bei anderen Gelegenheiten wiederum fragt man sich, ob es denn wirklich nötig ist, sich zum Austreten so weit von der Lichtung mit den Zelten zu entfernen. Solche fragwürdigen Verhaltensweisen fallen ein paar Mal auf, sie sind offenbar notwendig, um den folgenden Horror erst herbeizuführen. Irgendwann wird auch viel zu viel geschrien.

Knackende Äste

Sounddesign spielt eine große Rolle in „Blair Witch“, sei es knackendes Geäst oder seien es statische Geräusche aus den Lautsprechern des technischen Equipments – auch Walkie-Talkies kommen zum Einsatz. Etwas zu oft wartet man als Zuschauer auf den nächsten Jump-Scare und das nächste Erschrecken. So wirkt es ebenso selbstzweck- wie stümperhaft inszeniert, wenn urplötzlich Ashley hinter Lisa steht und diese mitsamt den Zuschauern erschreckt, obwohl sie vor einem Moment noch krank in ihrem Zelt lag.

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James entdeckt ein Haus

„Blair Witch“ wird einigen Found-Footage-Fans gut gefallen. Wer die endlos scheinende Remake- und Sequel-Welle aus Prinzip ablehnt, wird sowieso kein gutes Haar daran lassen, aber auch wenn man einigermaßen unvoreingenommen an den Film herangeht, sind Kritikpunkte augenfällig. Dass „Blair Witch“ dereinst einen Status haben wird, der über den einer Sequel-Fußnote des Horrorgenres hinausgeht, darf bezweifelt werden.

Lisa (Callie Hernandez)

Das Grauen steht Lisa ins Gesicht geschrieben

Adam Wingard und Simon Barrett haben sich unter anderem mit „You’re Next“ und Segmenten der „V/H/S“-Anthologie-Reihe einen Namen als viel versprechendes Regisseur-Drehbuchautor-Gespann des Horrors einen Namen gemacht und mit „The Guest“ 2014 einen fesselnden Psychothriller vorgelegt. Ihr nächstes gemeinsames Projekt ist das US-Remake des beinharten und schonungslosen südkoreanischen Krimi-Schockers „I Saw the Devil“ von 2010. Die Neuverfilmung wird sicher ihre Qualitäten haben, aber hoffen wir, dass sich die beiden danach verstärkt Originalstoffen zuwenden. Das Zeug dazu haben die beiden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Adam Wingard haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Lisa (Callie Hernandez)

Wer begibt sich schon freiwillig in einen engen Erdtunnel?

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Blair Witch
USA 2016
Regie: Adam Wingard
Drehbuch: Simon Barrett
Besetzung: James Allen McCune, Callie Hernandez, Corbin Reid, Brandon Scott, Wes Robinson, Valorie Curry
Verleih: Studiocanal Filmverleih GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2016 Studiocanal Filmverleih GmbH

 

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Der Horroctober: Horror zu Halloween – Simon empfiehlt

Gastbeitrag von Simon Kyprianou

Horror // Der Horroroctober stand an, langsam beginnt die kalte Jahreszeit, die Tage werden kürzer und kälter, bis der Monat an seinem letzten Tag mit Halloween endet, werden die Nächte stetig dunkler. Das habe ich mir zum Anlass genommen, auch selbst wieder mal etwas mit dem Horrorgenre zu beschäftigen, einem der wunderbarsten und wichtigsten Genres überhaupt. Einige Neusichtungen und auch einige Wiederansichten sind dabei, Gutes und Interessantes. Teilweise alte Filme, teilweise brandneue Werke, mal bekannte Filme, mal vergessene Schätze. Zum Zwecke von Anregungen und Tipps für die Leser habe ich zu jedem der Filme ein paar Worte notiert.

1) Das letzte Haus links (The Last House on the Left, USA 1972): Am Anfang konnte sich die dörfliche Idylle vom urbanen Chaos noch klar abgrenzen, am Ende ist sie dahin. Auch im vermeintlichen Idyll hat die Gewalt längst unter der Oberfläche gebrodelt. Auswege oder Räume, in denen sich Jugendliche überhaupt sorgenfrei entfalten könnten, gibt es anscheinend keine.

2) Misery (USA 1990): Der obsessive Fan, der „number one Fan“ ist für Rob Reiner und Stephen King das Ende für die Freiheit der Kunst und der Kreativität. Unter dem Joch eines solchen Fans können diese Kunst und Kreativität nur limitiert ausgelebt werden. Und wer kennt sie nicht, die Fans, die ihre Lieblingskunstwerke, seien es Bücher oder Filme, vor etwas abseitigen oder vielleicht auch nur nicht ganz gängigen Interpretationsansätzen geradezu fanatisch beschützen wollen. Natürlich fantastisch: James Caan und die zu Recht Oscar-gekrönte Kathy Bates.

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© Twentieth Century Fox Home Entertainment

3) The Blair Witch Project (The Blair Witch Project, USA 1999): Daniel Myrick und Eduardo Sánchez sind gegenüber ihrem Found-Footage-Ansatz absolut konsequent. Der Wald, in dem beinahe der komplette Film spielt, dient dabei nicht nur als schaurige Kulisse, der Wald mit seinem immergleichen Wirrwarr aus Ästen, Blättern, Bächen und Bäumen wird zum Abbild der diffusen inneren Ängste der Figuren. Den Schrecken lässt „Blair Witch Project“ dabei nur erahnen, denn bei dem subjektiven Found-Footage-Ansatz kann der Horror ja gar nicht sichtbar werden, weil wir nur durch die Augen der Figuren sehen, die den Schrecken nur fühlen, wie wir ihn auch fühlen können.

4) Landhaus der toten Seelen (Burnt Offerings, USA/IT 1976): Der Film schafft Verbindungen innerhalb des Horrorkinos. Die Spiele mit Farben, die wüsten, aufgeladenen Farbräusche, die mehr oder weniger lebende Großmutter, die bedrohlich unter dem Dach haust, und die Familie die im Spukhaus, dem „Hounted House“ langsam zerbricht. Eine Inszenierung von unendlicher Sinnlichkeit veredelt „Landhaus der toten Seelen“ zu einem der großartigsten Horrorfilme überhaupt.

5) Knock Knock (USA/CHL 2015): Allumfassende Menschenfeindlichkeit wird in blutigen Exzessen zelebriert, wie so oft bei Eli Roth, der mit „Cabin Fever“ (2002) und „Hostel 2“ (2007) aber zwei gute Horrorfilme inszeniert hat. „Knock Knock“ ist leider dümmlich. Wo in „Hostel“ und jetzt auch in „Green Inferno“ ignorante Amerikaner mit dem Fremden konfrontiert werden, ist „Knock Knock“ eine unverhohlen sadistische Gewaltfantasie mit gefährlicher Moral. Zum Kinostart im Dezember werde ich den Film hier ausführlich vorstellen.

6) The Others (USA/SP/F/IT 2001): Wunderbar klassizistischer, feinfühliger Hounted-House-Film – punktgenau inszeniert und wirklich schaurig. Das twistige Ende hätte es gar nicht mehr gebraucht. Schönster Moment: die Begegnung im Nebel.

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© Universum Film

7) Der Babadook (The Babadook, AUS/KAN 2014): Der am spannendsten gescheiterte Film des Jahres, auf den William Friedkin großes Lob angestimmt hat. Elegant gefilmt, inhaltlich hochinteressant, aber doch zu nah an den Vorbildern und zu unentschlossen, um wirklich das Fürchten zu verbreiten. Am Ende leider auch eine unnötige Auffahrt an Krawall, die dem sonst so geerdeten Film nicht wirklich steht. Dennoch: Regisseurin Jennifer Kent sollte man unbedingt im Auge behalten.

8) Mary Reilly (USA/GB 1996): Kaum ein Bild in „Mary Reilly“ ist hell, meist sind die wunderschön schaurigen Kulissen des alten Englands in Schatten und Nebel gehüllt, die Welt wird schier von der Dunkelheit verschluckt. Das Schlachthaus und die Leichenhalle dieser dunklen, kalten Stadt liegen praktischerweise direkt nebeneinander. In dieser herrlich klassischen anmutenden Gruselwelt erzählt Stephen Frears mit betörender Zärtlichkeit von Mary Reilly (Julia Roberts) und ihrem Zusammentreffen mit Dr. Jekyll/Mr. Hyde (John Malkovich). Der Film ist strukturiert als eine Aneinanderreihung von kurzen Begegnungen, und bei jeder Begegnung lässt der Schrecken ganz behutsam ein wenig mehr von sich erahnen. Die schönste Entdeckung des Oktobers, mit Abstand.

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© Sony Pictures Home Entertainment

9) Das Stendhal-Syndrom (La sindrome di Stendhal, IT 1996): Eine Frau wird vergewaltigt, will Rache an der Männerwelt üben und wird dabei zum Mann. Hitchcocks „Vertigo“ radikal weiter gedacht, auf gewisse Weise jedenfalls. Ein berauschendes visuelles Fest, ein wüster, wilder, bizarrer Film, der sich nie in die Karten schauen lässt. Der letzte große Film von Dario Argento.

10) Alexandre Ajas Maniac (Maniac, 2012): Nichts an „Maniac“ ist subtil, mit wenigen Ausnahmen bindet uns Regisseur Franck Khalfoun an die Perspektive des titelgebenden Wahnsinnigen (daher kaum im Bild: Elijah Wood). Spätestens seit „Augen der Angst“ („Peeping Tom“, 1960) ist die subjektive Kamera ja fester Bestandteil des Horrorfilms; in „Maniac“ wird sie so konsequent beibehalten wie selten zuvor. An einem Psychogramm oder einer Reflexion der Figur hat der Regisseur kein Interesse, dafür wäre eine Außensicht vonnöten gewesen. Khalfoun will den Zuschauer einfach einsperren in die psychischen und traumatischen Gefängnisse im Kopf des Maniacs, er macht das Publikum wie selbstverständlich zu Handlangern und Komplizen der bestialischen Gewalttaten. Die betörend schöne, sinnliche, in urbanes Neonlicht getauchte Inszenierung – man fühlt sich an Walter Hill und Nicolas Winding Refn erinnert – ist problematisch, bindet sie die Gräultaten doch in eine berauschende Ästhetik ein. Doch macht diese Ambivalenz das Remake von William Lustigs „Maniac“ (1980) nur noch schwerer ertragbar. Ein radikales Film-Ungeheuer, in der ungekürzten Fassung der „Cinema Extreme“-Edition bei uns allerdings beschlagnahmt.

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

 

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