RSS

Schlagwort-Archive: Border

Border – Da stöhnen sie wieder

Gräns

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Drama // Vom Autor der Romanvorlage und des Drehbuchs zu „So finster die Nacht“ („Låt den rätte komma in“, 2008) – das weckt schon mal hohe Erwartungen, gehört der schwedische Vampirfilm doch zu den Highlights moderner Blutsauger-Geschichten. Dem Booklet des Mediabooks zufolge hat sich der Regisseur Ali Abbasi dem magischen Realismus verschrieben, was ich erst mal nachschlagen musste. Dabei handelt es sich um eine künstlerische Strömung, die unsere greifbare Realität mit Halluzinationen und Träumen verschmilzt und auf diese Weise eine „dritte Realität“ schafft. Der Übergang zum Surrealismus sei fließend. Vertreter des magischen Realismus brechen offenbar gern mit Sehgewohnheiten, was ich anhand etlicher abfälliger Kommentare von Filmfans zu „Border“ bereits wahrgenommen habe. So viel zum Einstieg. Abbasi wurde 1981 in Teheran geboren, ging 2002 nach Stockholm, wo er Architektur studierte, bis er 2007 nach Kopenhagen übersiedelte und die dänische Filmschule besuchte.

Tina arbeitet mit einigem Erfolg beim Zoll

Tina (Eva Melander) arbeitet als Grenzbeamtin in einem schwedischen Fährhafen. Der kräftige 40-Jährigen mit deformiertem Gesicht hilft eine besondere Gabe dabei, Schmuggler unter den Reisenden herauszufiltern: Sie wittert Gefühle wie Angst, Scham und Schuld. Mit dem erfolglosen Hundetrainer Roland (Jörgen Thorsson) führt sie eine Beziehung ohne körperliche Nähe, sie lässt ihn bei sich wohnen. Ihren an einer Demenzerkrankung leidenden Vater (Sten Ljunggren) besucht sie oft im Altersheim.

Dort trifft sie erstmals auf Vore

Ein wiederholt durchkommender Reisender weckt ihre Aufmerksamkeit: Vore (Eero Milonoff), dessen Gesicht ähnlich deformiert wirkt wie ihres und behauptet, Insekten zu züchten. Er will in der Gegend bleiben, bezieht Quartier in der Jugendherberge der Gegend, bis Tina ihm Unterkunft im Gästehaus ihres Grundstücks anbietet. Nach einiger Zeit offenbart sich, welch sonderbares Band Tina und Vore verbindet …

Ein Film für Gaffer?

Wir Menschen tragen das Gaffer-Gen in uns. Angesichts von Verkehrsunfällen oder beim Anblick von Personen mit körperlichen Auffälligkeiten haben wir den Drang hinzuschauen. Das gilt nicht als anständig und ist es oft auch nicht, weshalb diejenigen unter uns mit guter Kinderstube der Versuchung in der Regel widerstehen. So geht es uns auch mit Tina und Vore, deren abnormen Gesichtszüge wir als abstoßend empfinden und die wir dennoch anstarren wollen. Da es sich um einen Film handelt, ist ausnahmsweise nichts dabei. Ein anderer Filmgucker äußerte über „Border“, der Film sei ein bisschen wie ein Unfall – es sehe schlimm aus, aber man müsse hingucken. Da ist was dran, und es erklärt auch, dass einige Rezipienten des Werks nicht nur verstört, sondern geradezu abgestoßen reagieren. Der eine spricht „Border“ das Dasein als Kunstwerk ab, der andere hält Leute, die einen solchen Film drehen, für krank. Solche Abfälligkeiten sagen natürlich nichts über den Film aus, dafür viel über die Kommentatoren. Tatsächlich haben wir es mit einem außergewöhnlichen Film zu tun, dessen technische Qualität allein schon versiertes Handwerk verrät. Zwei Handlungsfäden vereinen sich dabei zu einem kunstvollen Ganzen: Da ist zum einen Tinas besondere Gabe, die sie einsetzt, um der Polizei bei Ermittlungen gegen einen Kinderschänderring zu helfen. Zum anderen erfährt sie von Vore viel über sich selbst, was zu einer richtiggehenden Erweckung führt, über die ich zwecks Spoilervermeidung nichts weiter schreiben werde – nur eines noch: Die Auflösung ist geradezu mythisch.

Der erklärt ihr einiges …

Fast hätte ich Darstellerin Eva Melander und Darsteller Eero Milonoff meinen Respekt wegen ihres Mutes zur Hässlichkeit bekundet, aber für Schauspielerinnen und Schauspieler sollte es keine besondere Mutprobe darstellen, in hässliche Masken und Kostüme zu schlüpfen und sich verstörend zu gebärden. Sieht man Melander und Milonoff in natura, lässt sich nur konstatieren: Respekt vor den Make-up-Künstlern in der Filmcrew, die dafür folgerichtig 2019 eine Oscar-Nominierung für „Best Achievement in Makeup and Hairstyling“ erhielten – der Academy in der Kategorie ging an „Vice – Der zweite Mann“, für die Dick-Cheney-Maske von Christian Bale.

… auch körperlich

Natürlich sind einige Sequenzen des Films angetan, uns zu verstören. Ich will gar nicht leugnen, dass auch ich Tina und Vore für hässlich halte. Will ich die beiden beim Sex beobachten? Sicher nicht. Aber die Klasse eines Films bestimmt sich nun mal nicht nach seinem Wohlfühlfaktor – außer, er ist als ausgemachter Wohlfühlfilm konzipiert. Und das ist „Border“ ganz sicher nicht. Einige Wendungen treiben sowohl unseren Erkenntnisgewinn als auch die Handlung voran, auch diese Kombination hebt die Qualität weit über den Durchschnitt. Alle Aufklärungen ergeben in der Welt von „Border“ ihren Sinn, die Fäden laufen clever zusammen.

Fantasy mit Realitätsbezug

Besonders beeindruckend: Angesichts der fremdartigen Gesichter von Tina und Vore wäre es einfach zu inszenieren gewesen, wenn Personen, auf die die beiden treffen, abgestoßen reagieren, um auf diese Weise einen Kommentar darüber abzugeben, wie wir Menschen generell auf Fremde oder auf das Fremde reagieren. Ali Abbasi jedoch hielt sich mit der Darstellung verstörter Reaktionen auf die beiden sehr zurück. Ein paar Blicke hier und dort, das war es schon. Der Kommentar über die menschliche Ablehnung des Fremden ergibt sich von selbst bei uns Filmguckern, den Gaffern und den Lästerern. Insofern ist „Border“ zwar ein fantastischer Film, aber mit cleverem und schlüssigem Realitätsbezug zu unserer Lebenswirklichkeit und natürlich alles andere als Eskapismus – womit ich eskapistischer Fantasy keineswegs die Daseinsberechtigung absprechen will.

Wonach riecht der Stein?

„Border“-Regisseur Ali Abbasi erhielt 2018 in Cannes den „Un Certain Regard Award“, zudem gab es in sechs Kategorien den schwedischen Filmpreis „Guldbagge“, darunter als bester Film, für Hauptdarstellerin Eva Melander, das Make-up und Eero Milonoff, überraschenderweise als Nebendarsteller. Bei einigen internationalen Festival gab es weitere Preise. Sehr verdient, wenn ihr mich fragt, bei aller Unbequemlichkeit, die „Border“ ausstrahlt.

Interview mit Regisseur Ali Abbasi im Mediabook

Das Mediabook von capelight pictures sieht wieder mal schnieke aus, ein Film wie „Border“ hat auch eine attraktive Edition verdient. Außer Trailern gibt es leider kein digitales Bonusmaterial. Im Booklet findet sich ein sehr interessantes Interview mit Ali Abbasi, im Auftrag von „Deadline – Das Filmmagazin“ geführt von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Leonhard Elias Lemke. Der Regisseur verrät dort, dass es in der dem Film zugrundeliegenden Kurzgeschichte lediglich ein paar Beschreibungen der Hauptfiguren gab, etwa das Aussehen eines „russischen Serienmörders“ für den Vore. Er habe sie „hässlich und andersartig, aber dennoch normal genug aussehen lassen“ wollen, „um in unsere Gesellschaft zu passen. Im Supermarkt oder auf der Arbeit sollten sie nicht für Außerirdische gehalten werden.“ Das kann als gelungen bezeichnet werden.

Will ich „Border“ noch einmal schauen? Ich weiß es nicht, vorerst jedenfalls nicht, aber das Mediabook kommt ins Regal (Filme, die ich sicher nicht erneut sichten will, landen nicht in meiner Sammlung). Solche einzigartigen Werke bringen den fantastischen Film voran.

Veröffentlichung: 16. August 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Schwedisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gräns
SWE/DK 2018
Regie: Ali Abbasi
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist, nach Lindqvists Kurzgeschichte „Gräns“
Besetzung: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Ann Petrén, Sten Ljunggren, Kjell Wilhelmsen, Andreas Kundler, Matti Boustedt, Tomas Åhnstrand, Josefin Neldén, Henrik Johansson
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem von Leonhard Elias Lemke für „Deadline – Das Filmmagazin“ geführtes Interview mit Regisseur Ali Abbasi
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, 3-fach-Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures, Szenenfotos: Meta Spark

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: