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Ad Astra – Zu den Sternen: Im postfaktischen Weltraum hört dich keiner schreien

Ad Astra

Kinostart: 19. September 2019

Von Florian Schneider

Weltraum-Abenteuer // Nachdem der Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) die Havarie einer orbitalen Weltraumantenne auf Grund einer mächtigen Energiewelle durch Geistesgegenwart und Nervenstärke – sein Pulsschlag erhöhte sich trotz Lebensgefahr nur unwesentlich – überlebte, wird er von seinen Vorgesetzten für eine heikle Mission ausgewählt. Es besteht der Verdacht, dass McBrides Vater Clifford (Tommy Lee Jones), der vor 20 Jahre zu einer Weltraummission aufbrach und seit einigen Jahren spurlos verschwunden ist, nicht nur noch am Leben ist, sondern vom Planeten Neptun aus der Auslöser des Energieschlags gegen die Erde war. Roy soll sich daher mit Zwischenstopp auf dem Mond bis zum Mars begeben und dort versuchen, per Funk mit seinem Vater Kontakt aufzunehmen. Auf seiner Reise wird Roy begleitet von Colonel Pruitt (Donald Sutherland), einem alten Freund seines Vaters. Dieser erzählt ihm von einem dunklen Geheimnis, das die Mission umgibt.

Der psychologische Schnellcheck gehört für Astronaut Roy McBride zur Alltagsroutine

Die Filme von Regisseur James Gray („Die versunkene Stadt Z“, 2016) sind oftmals kleine, aber unreine Diamanten. Zu nennen sind hier hauptsächlich „Little Odessa“ (1994) und „The Yards – Im Hinterhof der Macht“ (2000). Bereits bei diesen Frühwerken konnte Gray mit ordentlich Starpower aufwarten; und die Stars lieferten auch beachtliche Leistungen ab. Doch vor allem bei Zweitgenanntem verhinderte eine unterdurchschnittliche Geschichte den ganz großen Erfolg. Die Konzentration auf den Rhythmus des Filmes, auf das Zwischenmenschliche, auf die Figuren und auf das Milieu können die Drehbuchschwächen nicht völlig ausgleichen. Dennoch funktionieren die Filme hauptsächlich durch ihre klare Positionierung als dialogstarke Dramen, die Actionmomente eher spärlich aufweisen.

Ein „Space Cowboy“ (l.) will’s noch einmal wissen

Auch „Ad Astra – Zu den Sternen“ erzählt im Kern eine Vater-Sohn-Geschichte, ist mehr Beziehungsdrama als Science-Fiction-Abenteuer. Dieser Kern ist außerordentlich gelungen: Brad Pitt liefert eine grandiose Leistung als zurückgewiesener Sohn, der sich letztlich nur nach väterlicher Liebe sehnt und lernen muss, loszulassen und sich abzunabeln. Erzählt wird dieser innere Prozess in einem größtenteils meditativen Rhythmus als analoge Reise durch die Weiten des Weltalls. Wer sich nun an Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und damit an Francis Ford Coppolas wahnwitziges Kriegsdrama „Apocalypse Now“ (1979) erinnert fühlt, tut gut daran. Doch wo Coppola gleichsam dem Wahnsinn Vietnams ein brutales Denkmal schafft, bleiben die Actionszenen in „Ad Astra – Zu den Sternen“ lediglich visuelle Schauwerte ohne Bindung zur Geschichte und ohne jegliche innere und äußere Logik. Und auch die schlussendliche Konfrontation zwischen Vater und Sohn vermag nicht zu überzeugen, kulminiert in küchenpsychologischem Niedrigwasser, als Roy metaphorisch die Nabelschnur zu seinem Vater (sic!) kappt.

„Wohin wird mich die Suche nach meinem Vater führen …“

Alfonso Cuarón mit „Gravity“ (2013) und Christopher Nolan mit „Interstellar“ (2014), haben vorgemacht, wie man das Weltraum-Setting durchdachter einsetzt. Auch Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (2015) hat mehr drauf.

„… und warum hat er mich verlassen?“

Mag das postmoderne Kino in seiner Fortschreibung der vergangenen 30 Jahre inzwischen im postfaktischen Zeitalter angekommen sein, so erweisen sich die inhaltlosen Zitationen kinetischer und cineastischer Sternstunden (etwa ein völlig sinnloses „Mad Max“-Verfolgungsrennen auf dem Mond) gepaart mit einer Prise „Space Cowboys“ (wäre James Garner noch Leben, hätte er sicherlich auch eine Rolle bekommen) sowie zahllosen Logiklöcher als das eigene Todesurteil. Aus dem Nichts kommender Menschenaffen-Horror sei noch erwähnt, so schnell vorbei, wie er begonnen hat, und ohne jeden Bezug zu irgendwas. Schade, denn mit seinem Retroschick und einer originellen Neuinterpretation von Conrads/Coppolas Verortung und Auslotung des modernen Subjekts hätte Gray ein großer Wurf gelingen können. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von James Gray sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tommy Lee Jones, Brad Pitt und Donald Sutherland unter Schauspieler.

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Ad Astra
BRA/USA/CHN 2019
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray, Ethan Gross
Besetzung: Brad Pitt, Liv Tyler, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Ruth Negga, Anne McDaniels, John Ortiz, Loren Dean, Kimberly Elise, Greg Bryk, Halszka Kuza, Kimmy Shields, John Finn, LisaGay Hamilton
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2019 by Florian Schneider

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/09/16 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Once Upon a Time in Hollywood – Zur Rettung des Kinos

Once Upon a Time in Hollywood

Kinostart: 15. August 2019

Von Lucas Gröning

Drama // Quentin Tarantino gilt als einer der besten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Seit 1992, als sein erster Film „Reservoir Dogs“ Einzug in die Lichtspielhäuser hielt, bereichert der Filmemacher mit Werken wie „Pulp Fiction“, den „Kill Bill“-Filmen und „Inglourious Basterds“ das Kinopublikum. Der Lohn: je zwei Oscars und Golden Globes für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“, dazu die Goldene Palme in Cannes für „Pulp Fiction“ sowie zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen etlicher prestigeträchtiger Preise der weltweiten Filmindustrie. Eine Industrie, die in den USA vor allem durch einen Ort geprägt wurde – Hollywood. Die Traumfabrik gilt seit jeher als das Zentrum der amerikanischen Filmwirtschaft. Wenn man es als Schauspieler, Regisseur oder Drehbuchautor dorthin geschafft hat, ist man gewissermaßen an der Spitze der Nahrungskette angekommen. Seine jüngste Arbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ widmet Tarantino genau diesem Ort und zeigt uns die Traumfabrik im Jahr 1969. Ein Jahr, dass rückblickend vor allem durch ein Ereignis geprägt ist, welches sich am 9. August in Los Angeles ereignete: die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiterer Personen in ihrem Haus am Cielo Drive durch Mitglieder der Manson Family. Ein Ereignis, dass auch in Tarantinos Film einen zentralen Platz hat – er nimmt es zum Anlass, einigen aktuellen Debatten rund um die Entwicklung der amerikanischen Filmlandschaft auf den Grund zu gehen.

Hollywoods Goldene Ära ist passé

In jenem Jahr hat sich das Goldene Zeitalter Hollywoods längst dem Ende zugeneigt, New Hollywood hat das Zepter übernommen. Viele der einstigen Helden bleiben verloren zurück. Einer von ihnen ist Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Wie so viele aufstrebende Schauspieler hat er den endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik nie geschafft. Oft war er lediglich in der Endauswahl, wenn es um die Besetzung der Hauptrolle in einer großen Hollywood-Produktion ging, die seinen Durchbruch hätte bedeuten können. So hat sich Rick als Fernsehstar durchgeschlagen, unter anderem in der (fiktiven) Westernserie „Bounty Law“, doch auch dies scheint vorbei, als der Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) ihm unterschwellig zu verstehen gibt, dass seine Zeit in Hollywood abgelaufen ist. Trost findet der einstige B-Star bei seinem guten Freund und Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff fährt Rick zu seinen Jobs, fungiert für ihn als Haussitter seiner Villa, erledigt verschiedene Sachen für ihn und spendet dem Schauspieler Trost, wenn er mal wieder einem Anfall von Selbstmitleid erliegt. Eines Tages zieht mit Roman Polanski (Rafal Zawierucha) ein Filmemacher in die Nachbarschaft des abgehalfterten Fernsehstars, der aktuell als einer der heißesten Regisseure gilt. Mit dabei: die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), Polanskis Ehefrau.

Cliff (l.) und Rick gehen ihrem Leben in Hollywood nach

In der Folge schwingt sich Sharon Tate neben Rick und Cliff zur Protagonistin des Films auf. Fortan beobachten wir die drei, wie sie ihrem Leben in Hollywood nachgehen. Rick versucht mithilfe kleinerer Serienproduktionen, im Gespräch zu bleiben und vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen, Cliff fährt vor allem in der Stadt herum und läuft Gefahr, den Verführungskünsten eines jungen Hippiemädchens zu erliegen, und Sharon Tate sehen wir auf ihren Pfaden durch die Straßen Hollywoods, während sich der 9. August stetig nähert.

Ein Feuerwerk an Referenzen

Im Verlauf des Films passiert an sich relativ wenig. Bis ins letzte Drittel hinein ist keine klare Handlung zu erkennen. Die drei Protagonisten folgen einfach ihren individuellen Pfaden, ohne dass sich viel ereignet. Stattdessen nutzt Tarantino seine Figuren dazu, uns das Hollywood der damaligen Zeit zu präsentieren. An jeder Ecke sehen wir Plakate einst populärer Filme, berühmte Stars wie Steve McQueen, Einschübe von Fernsehserien klassischer Machart oder Filmausschnitte aus einigen großen Werken. „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt uns Einblicke in Szenen aus unter anderem „Rollkommando“ („The Wrecking Crew“), „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) und er zitiert Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (Rosemary’s Baby“). Tarantino demonstriert hier eine tiefe Liebe zum damaligen Hollywood und zum europäischen Autorenkino, welches langsam Einzug ins amerikanische Kino hält. Gleichwohl zitiert er auch moderne Werke, vor allem seine eigenen. Wir sehen eine Szene, in der Nazis verbrannt werden, wie in „Inglourious Basterds“. Ein schmutziges Buch, das Rick am Set einer Produktion liest, erinnert uns an „Pulp Fiction“. Und wenn Rick den Antagonisten in einem Western-Piloten spielen soll, ruft uns das Leonardo DiCaprios Rolle in „Django Unchained“ ins Gedächtnis. Vor allem über die Darsteller zitiert der Regisseur hier sehr viel. So wird etwa Cliff als Stuntman durch den von Kurt Russell porträtierten Randy ausgewählt – Eine Referenz an Russells Rolle in Tarantinos „Death Proof“. Tarantino, so muss man sagen, erschafft hier eine wunderschöne Welt und präsentiert uns ein Hollywood, das schon lange der Vergangenheit angehört. Doch wer jetzt glaubt, Tarantino schwelge mit seiner Darstellung lediglich in der Vergangenheit, der irrt. Der Regisseur nutzt diese Zeit und die sich anbahnenden Umstände rund um Sharon Tate, um einige aktuelle Fragen zu verhandeln, denen wir uns auch heute noch in Bezug zum Kino stellen müssen.

Die Zerstörung des Kinos

Um die Schönheit des Kinos im Generellen zu repräsentieren nutzt Tarantino in seinem neusten Film vor allem eine Person: Sharon Tate. In ihr findet sich alles, was das Medium in seiner reinen Form ausmacht und eine bis heute ungebrochene Faszination hervorruft. Zum Ersten einmal rein optisch eine Schönheit, die uns auch das Kino in Form von ästhetisch wundervollen Bildern vermitteln kann. Als Nächstes eine ungebrochene Naivität und Verträumtheit, mit der wir uns als Zuschauer einem jeden Werk hingeben können und uns fern von jedweder intellektueller Beschäftigung mit dem Medium auseinandersetzen können. Trotzdem ist Intellektualität ebenfalls ein Teil von Sharon Tate und somit, in diesem Verständnis, auch Teil des Mediums Film. Zu guter Letzt, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, ist es die Unschuld, die das einstige It-Girl repräsentiert. Tarantino begriff das Kino immer als einen unschuldigen Ort. Einen Ort, der nicht zum Instrument ideologischer Botschaften gemacht werden dürfe, um beispielsweise eine bestimmte politische Agenda durchzusetzen. Die Freiheit der Kunst an sich stellt das höchste Gut im Kino dar und darf die in keinster Weise beschnitten werden. Bereits in „Inglourious Basterds“ erteilte Tarantino der Instrumentalisierung des Lichtspielhauses eine Absage, indem er die Nazis für ihre Entweihung dieses für ihn heiligen Ortes bestrafte. Doch es sind nicht nur Nazis, die dem Kino ihre Unschuld nehmen wollen.

Auch im 21. Jahrhundert droht das Kino seine Unschuld zu verlieren, doch diesmal droht die Gefahr nicht ausschließlich von rechter Seite. Sowohl fehlgeleitete linksliberale Ideologien, als auch das von den Großkonzernen der Traumfabrik verfolgte Profitinteresse sorgen für eine Zerstörung des alten, ideologiefreien Hollywoodkinos. Im Vordergrund steht oftmals nicht mehr das Schaffen von künstlerisch wertvollen Werken, sondern die Durchsetzung einer bestimmten Agenda. So gibt es in Politik und in Wirtschaft seit geraumer Zeit die Diskussion rund um die Unterrepräsentation von Frauen oder Menschen anderer Hautfarben in bestimmten Berufszweigen. Eine Diskussion, die in der Realität durchaus zielführend und notwendig ist, wurde von manchen auch auf die Fiktion und speziell auf das Kino übertragen. Es führte dazu, dass man angefangen hat, die Frauen auf der Leinwand zu zählen und anschließend zu evaluieren, ob das weibliche Geschlecht im Vergleich zum Mann ausreichend repräsentiert wurde. Sobald ein Werk mit nur wenigen Frauen gearbeitet hatte, gab es einen großen Aufschrei, was eine bedenkliche Entwicklung in der Kinolandschaft zufolge hatte und sich in durch und durch „weiblichen“, pseudofeministischen, qualitativ jedoch unzureichenden Remakes und Fortsetzungen Ausdruck verschaffte. „Ghostbusters“ (2016) und „Ocean’s Eight“ seien beispielhaft genannt. Das Kino wurde zu einem Ort, in dem es nicht mehr darum ging, Kunst zu schaffen, sondern das Medium so zu gestalten, dass man zum einen möglichst viele Menschen „zufriedenstellen“ und zum anderen große finanzielle Erfolge unter dem Deckmantel der Diversität generieren kann.

Rick versucht, seine Karriere am Leben zu erhalten

In Verbindung dazu sind es die großen Konzerne, die das Kino zerstören. Konzerne, die Filme produzieren, welche finanziell natürlich erfolgreich sein sollen. Zu diesem Zweck wird zum einen der linksliberalen Forderung nach Diversität Genüge getan, zum anderen sind Entwicklungen zu erkennen, mit denen das Kino in gewisser Weise familienfreundlicher gestaltet werden soll. Dazu zählt immer häufiger der Verzicht auf expliziete Gewaltdarstellungen, Sex und auf den Konsum von Drogen. Lediglich in einigen Independent-Filmen finden sich noch Auszüge dieser Aspekte, in großen Kinoproduktionen geht man mittlerweile überwiegend konservativ damit um. Auch hier wird dem Kino seine Unschuld genommen und es findet eine große Einschränkung der Kunstschaffenden statt. Der Hays Code lässt grüßen.

Mit aller Gewalt

In „Once Upon a Time in Hollywood“ werden beide Aspekte durch die Manson Family repräsentiert. Die Gruppierung erscheint als durch und durch weibliche Organisation, nur vereinzelt kommen Männer vor. Die Family lebt auf einer alten Ranch, auf der früher einmal Westernfilme gedreht wurden. Der heruntergekommene Ort dient dabei als hässlicher Kontrapunkt zum leuchtenden Hollywood, nur vereinzelt ist zu erkennen, das die Ranch einmal Teil der Traumfabrik war. Hier haben wir die Vereinnahmung in Verbindung mit einer Einschränkung des alten Hollywoods durch die pseudofeministische Ideologie. Eine Ideologie, welche die Filmindustrie dazu verleitet, ihre alten Helden zu vergessen, kreativen Schaffensprozessen abzuschwören, somit träge zu werden und sich unter dem Deckmantel der Diversität im wahrsten Sinne des Wortes „befriedigen“ zu lassen. Zugleich sehen wir in der Manson Family eine Hippie-Bewegung, die auf den ersten Blick nichts als Liebe in die Welt hinaustragen will. Die Menschen der Bewegung lehnen Gewalt scheinbar ab und wollen alles Gewalttätige aus der Welt verbannen. Im Hollywoodkino der damaligen Zeit und somit all dem, was Tarantino über den Großteil der 161 Minuten zitiert und feiert, sehen sie eine Konzentration dieser Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Ihr Ziel ist somit eine Beschneidung der Filmindustrie und letztlich der Filmkunst an sich. Ein Vorhaben, das Tarantino in Gänze ablehnt. Mit aller Macht stellt er sich gegen jene, die dem Kino seine Unschuld nehmen wollen, und mobilisiert alles, was Hollywood seit jeher zu einem derart schönen Ort gemacht hat, gegen diejenigen, die das Kino zu einem Instrument der politischen Propaganda machen wollen. Wie in „Inglourious Basterds“, als das Kino zu einer Waffe gegen die Faschisten wurde, wird hier Hollywood zu einem Bollwerk gegen die drohende Gefahr. Ein Bollwerk, das mit aller Gewalt zurückschlägt, die dazu noch in einer Härte ästhetisiert wird, wie man sie selbst in einem Werk von Quentin Tarantino selten gesehen hat.

Phasenweise grandios

Der Film zeigt diesen Kampf für die Freiheit der Filmschaffenden in teilweise grandiosen Bildern, die von starren Einstellungen bis hin zu ewig lang gehaltenen Kamerafahrten variieren. Besonders die dadurch gezeigten, extra für den Film gebauten Kulissen sowie der tolle Soundtrack tragen einen großen Teil zur fantastischen Atmosphäre des Films bei. Auch die Darsteller machen hier einen grandiosen Job. Allen voran Leonardo DiCaprio zieht hier alle Register und schlüpft nicht nur in seine Rolle als Schauspieler Rick Dalton, sondern innerhalb dieses Charakters auch in die Rollen, in denen Dalton für seine Arbeitgeber performen muss. Auch Brad Pitt und Margot Robbie bieten herausragende Leistungen, genauso wie die zahlreichen weitere Darsteller der mit Stars gespickten Besetzung. Das alles macht „Once Upon a Time in Hollywood“ zu einem brillianten Film, der jedoch auch einige wenige Schwächen hat. Zum einen haben die Dialoge längst nicht die nötige Schärfe, die wir von einem Tarantino-Film gewohnt sind, zum anderen hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, das ein Schnitt teilweise zu früh oder zu spät gesetzt wurde, sodass viele der duchaus starken Gags leider nicht zünden. Dennoch hält der Film vor allem durch das vorausgesetzte Wissen in Bezug zum Mord an Sharon Tate eine ungeheure Spannung aufrecht, die gerade gegen Ende der Handlung extrem gut ausgenutzt wird, um auf den Höhepunkt des Films zuzusteuern. Somit reiht sich „Once Upon a Time in Hollywood“ zwar nicht in die Riege der absoluten Meisterwerke des Regisseurs rund um „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ ein, das Drama besticht dennoch durch ein nach wie vor enorm hohes Niveau – das konnte Tarantino ja allen Anfeindungen zum Trotz über seine gesamte Karriere hinweg konstant aufrechterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Brad Pitt unter Schauspieler.

Währendessen genießt Sharon Tate das Leben in L.A.

Länge: 161 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Once Upon a Time in Hollywood
USA 2019
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Rafal Zawierucha, Julia Butters, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Luke Perry, Damian Lewis
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 
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Verfasst von - 2019/08/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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David Fincher (III): Sieben – Vom Heldenmythos zum Heilungsmythos

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Anmerkung des Bloggers: Zu diesem Gastbeitrag kam ich wie die Jungfrau zum Kinde – aus heiterem Himmel. Kurzes Überfliegen machte bereits deutlich, dass es sich um eine hervorragende Analyse von Finchers düsterem Thriller handelt, die sehr in die Tiefe geht. Das führt zwangsläufig dazu, dass der eine oder andere Spoiler enthalten ist. All jenen, die „Sieben“ noch nie gesehen haben, gilt somit die Empfehlung: Erst den Film schauen (es lohnt sich), dann diesen Text lesen (es lohnt sich).

Se7en

Gastrezension von Lutz R. Bierend

Thriller // Als David Fincher 1992 sein Spielfilmdebüt „Alien 3“ vorlegte, spotteten einige Kritiker. Der ehemalige Musikvideo-Regisseur sei mit einer Spielfilmproduktion hoffnunglos überfordert gewesen – das Alien sei halt kein Popstar. Diese Einschätzung änderte sich schlagartig, als Fincher mit „Sieben“ einen der verstörendsten und stilprägendsten Hollywoodfilme der 90er-Jahre vorlegte.

Die sieben Todsünden als mörderische Schablone

In einer namenlosen amerikanischen Großstadt tritt Detective David Mills (Brad Pitt) seinen ersten Arbeitstag an, um den alternden, desillusionierten Kollegen William Somerset (Morgan Freeman) abzulösen. Ihr erster gemeinsamer Fall konfrontiert sie mit einem Serienkiller, der auf grausame Art und Weise nach den Motiven der biblischen sieben Todsünden mordet. John Doe, wie er sich selbst nennt, ist methodisch, präzise und geduldig. Fast tatenlos muss die Polizei mit ansehen, wie der Mörder seinen grausigen Plan in die Tat umsetzt. Umso größer ist die Verwunderung der Detectives, als sich John Doe (Kevin Spacey) nach dem fünften Mord freiwillig stellt. Er bietet ihnen an, ein vollständiges Schuldbekenntnis zu unterschreiben, wenn Mills und Somerset ihn zu den letzten beiden Opfern begleiten. Die Detectives stimmen zu – und werden so zu Auftragsgehilfen des Serienmörders. Als die Polizisten das Ausmaß und die Perfidie des Plans durchschauen, ist es zu spät: John Does Rechnung geht auf.

Mythologische Archetypen und neue Sichtweisen

Was „Sieben“ derart verstörend macht, ist seine moralische Grundhaltung, die für den normal sozialisierten Menschen schwer zu akzeptieren ist. Geschickt spielt David Fincher mit den klassischen Archetypen und lockt so den Zuschauer auf falsche Fährten.

Heldenmythos

Der Film beginnt wie ein klassischer Heldenmythos. Es scheint die Initiationsgeschichte des jungen, hitzköpfigen Detectives David Mills zu sein, der zwar nicht mehr ganz unerfahren ist, der aber keine Vorstellung hat, was ihm in der verkommenen Welt bevorsteht. Am Ende seiner Heldenreise soll er sich als adäquater Nachfolger von Detektive William Somerset bewiesen haben. Dieser ist ein lebenserfahrener Routinier, der kurz vor dem Ruhestand steht. Er übernimmt die Rolle des Mentors, des alten, weisen Mannes, dem es auferlegt ist, Mills auf diese Reise vorzubereiten. Der Gegenspieler ist John Doe – der selbstgerechte psychopathische Killer, dessen Plan gestoppt werden muss, um Mills’ Heldenreise zu vollenden.

In dieser Konstellation ist dem Film wirklich ein böses Ende zu bescheinigen. Nicht nur, dass Mills bei seiner Heldenreise in allen Punkten versagt. John Doe integriert den Detective auch in seinen Mordplan, sodass Mills zum Schluss eine lange Gefängnisstrafe, wenn nicht sogar die Todesstrafe, erwartet. Folgt man dieser Interpretation, so ist „Se7en“ nicht mehr als ein weiterer – wenngleich stilistisch bemerkenswerter – Serienkillerfilm in der Art von Jonathan Demmes 1991er-Geniestreich „Das Schweigen der Lämmer“. Mit der Unterscheidung, dass das Ende einer düsteren Weltsicht angepasst wurde, in der das Böse triumphiert. Diese Erkenntnis beschert dem Zuschauer wahrscheinlich einen depressiven Abend. Moralisch jedoch folgt der Film immerhin konventionellen Wertvorstellungen: John Doe ist das personifizierte Böse, dessen Handeln verurteilt werden kann.

Heilungsmythos

Drehbuch und Film sind aber glücklicherweise innovativ: Fincher inszeniert keinen Heldenmythos, sondern einen Heilungsmythos. Detective Somerset ist der von Zweifeln und Verzweiflung geplagte Held, der an der krankhaften Apathie leidet, die ihn umgibt. In den Jahren als Polizist hat ihn diese apathische Umgebung schleichend an sich angepasst. Seine Kraft, dagegen anzukämpfen, ist aufgebraucht. Bevor er selbst endgültig der Krankheit verfällt, will er den Dienst quittieren und fortziehen, um vor ihr zu fliehen.

Der Schatten der Geschichte ist die namenlose Stadt mit ihren abgestumpften Bewohnern. Wie dem Fetischwarenhersteller, der die Anfertigung der bizarren Mordwaffe für John Doe damit rechtfertigt, er habe vermutet, Doe sei ein Performance-Künstler. Oder wie Somersets Kollegen, die sich einreden, die Welt sei schon immer so gewesen. Und die es nicht mehr ertragen, dass sich Somerset nicht mit der Oberfläche zufrieden geben, sondern dahinter schauen will.

Der Mentor in diesem Heilungsmythos ist David Mills und das Medikament ist: John Doe. Ein Beispiel aus der Filmgeschichte stützt diese Deutung. In Frank Capras „Hier ist John Doe“ (1941) schreibt eine von Arbeitslosigkeit bedrohte Reporterin (Barbara Stanwyck) unter dem Pseudonym John Doe einen Brief, in dem dieser John Doe ankündigt er würde sich aus Protest gegen eine unmenschliche Gesellschaft das Leben nehmen. Als dieser die Nation ins Herz trifft, engagiert sie einen Niemand (Gary Cooper), der die Rolle des John Doe spielen soll. Sie will die Story so weiter ausschlachten. Doch es entsteht eine wahre Bewegung der Menschlichkeit, und schließlich nimmt John Doe seine Rolle ernster als gewünscht, was in ein klassisches Happy End mündet, wie wir es von Frank Capra kennen: Der idealistische Einzelkämpfer setzt sich gegen das Establishment durch.

Dramaturgie und Mythos

Auch ein Blick auf das dramaturgische Gerüst von „Sieben“ stützt diese Interpretation: Folgt man den Regeln von Drehbuch-Guru Syd Field und wendet dessen Dramaturgieschema mit Plotpoint 1 und 2 auf „Sieben“ an, funktioniert die Geschichte nicht, wenn man sie als Heldenmythos begreifen will: David Mills erfährt keine Plotpoints, durch die sich die Geschichte für ihn wandeln würde. Zwar scheint es zeitweilig, als würde Mills einen Lernprozess durchlaufen, indem er Somersets Stil nacheifert. Doch Mills tut dies nicht aus Überzeugung, er will es lediglich vermeiden, sich vor seinem älteren Kollegen eine Blöße zu geben. Offenkundig wird dies, als Mills Sekundärliteratur zu den von Somerset empfohlenen Büchern liest, was mit einem Fluchanfall endet: Fuckin’ Dante… poetry-writing faggot! Piece of shit, motherfucker! Mills übernimmt kein Charaktermerkmal seines Mentors, und es gibt im ganzen Film lediglich eine Situation, in der die beiden einer Meinung sind.

Folgt man hingegen der Idee vom Heilungsmythos, so eröffnen sich einem durchaus zwei Plotpoints: Der erste ist die Szene, in der Somerset seinen Vorgesetzten bittet, ihn von dem Fall abzuziehen. Sein Blick für Details sagt ihm bereits nach dem ersten Mord, dass dies nicht sein letzter Fall werden würde. Der zweite Plotpoint ist jene Szene, in der sich Somerset nach einem Streitgespräch mit Mills doch dazu entscheidet, den Fall abzuschließen, bevor er in den Ruhestand tritt.

Moralisches Dilemma

In der Heilungsmythos-Variante bekommt auch Somersets Schlusssatz eine neue Dimension: Ernest Hemingway once wrote: “The world is a fine place and worth fighting for.” I agree with the second part. Der optimistische Tenor ist nun nicht mehr als ein Zugeständnis an das schockierte Publikum zu verstehen. Vielmehr bestätigt er die Prophezeiung von John Doe: We see a deadly sin on every street corner, in every home, and we tolerate it. We tolerate it because it’s common, it’s trival. We tolerate it morning, noon, and night. Well, not anymore. I’m setting the example. And what I’ve done is going to be puzzled over, and studied, and followed… forever.

John Doe hat nicht nur sein Werk vollendet. Das Werk erfüllt auch noch einen Zweck. Doe wird somit zum Antihelden: Er handelt zwar nicht in einer Weise, die vom Publikum als moralisch korrekt empfunden wird. Doch er nimmt ohne Rücksicht auf die persönlichen Konsequenzen den Kampf gegen die Verkommenheit der Welt auf. Dies ist nicht zu verwechseln mit jenen selbstgerechten Schatten, für die der Zweck die Mittel heiligt. Im Gegensatz dazu ist John Doe moralisch integer: Er kehrt auch seine eigenen Sünden gegen sich und opfert sein Leben, um den Leuten die Augen zu öffnen.

Optimismus trotz brutaler Morde

Hier liegt das moralische Problem: Wie kann ein Film durch die Vollendung einer Serie brutaler Morde an – zumindestens im juristischen Sinn – unschuldigen Menschen zu einem Happy End führen? Genau das drückt Somerset mit seinem Hemmingway-Zitat aus, dass er geheilt ist. Er hat seine Lethargie überwunden, wird sich nicht mehr per Selbsthypnose in den Schlaf schaukeln. Auch wenn er die Welt noch immer nicht schön findet, hat er erkannt, dass sie es wert ist, um sie zu kämpfen. Wie er schon beim ersten Mordopfer erkannt hat, wird dies nicht sein letzter Fall sein. Denn, so brachte es der Kulturanarchist John Cage einst auf den Punkt: There is no reason for anything but optimism. Auch wenn John Doe mit seiner ersten Botschaft Recht hat: Long is the way and hard, that out of Hell leads up to light.

David Fincher zeigt sehr schön, das Optimismus nichts mit einer rosaroten Brille oder Naivität zu tun hat. Optimismus ist die Grundlage, um den Kampf für eine bessere Welt aufzunehmen – egal, wie düster und deprimierend Finchers Filme auf den ersten Blick auch wirken mögen. Sie gehen davon aus, dass der Einzelne die Welt durchaus verändern kann. Fincher hegt dabei Sympathien für die radikalen Außenseiter, die bereit sind, rückhaltlos für eine bessere Welt zu kämpfen. Sei es Sean Penn, der als Conrad Van Orton das Leben seines Bruders Nicholas „Michael Douglas in „The Game – Das Geschenk seines Leben“ (1997) auf den Kopf stellt, um ihn vor dem Schicksal seines Vaters zu bewahren; sei es Tyler Durden, der in „Fight Club“ (1999) seine durch einen zynischen Job produzierte Schlafloskeit nicht mehr durch Selbstbetrug beseitigt, sondern durch einen Kampf für eine bessere Welt, und damit Finchers bisherigen Höhepunkt gefunden hat. Auch wenn die unmoralischen Antihelden wie John Doe und Tyler Durden letztlich sterben – sie vollenden Ihr Werk, und die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Fincher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Morgan Freeman, Brad Pitt und Kevin Spacey in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. November 2012 als Blu-ray-Steelbook, 21. Januar 2011 als Blu-ray, 1. Oktober 2010 als Premium Collection Blu-ray, 14. Juli 2006 als DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: Se7en
USA 1995
Regie: David Fincher
Drehbuch: Andrew Kevin Walker
Besetzung: Brad Pitt, Morgan Freeman, Kevin Spacey, Gwyneth Paltrow, Daniel Zacapa, John Cassini, R. Lee Ermey, George Christy
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Lutz R. Bierend
Packshots: © 2011/2012 Warner Home Video

 

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