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Horror für Halloween (XXIX): Draculas Rückkehr – Maigret fällt vom Dach

Dracula Has Risen from the Grave

Von Lars Johansen

Horror // 1958 hatten die Hammer-Studios den Vampirfürsten mit „Dracula“ zu neuem Leben erweckt. Christopher Lee war großartig, Peter Cushing als Van Helsing ebenso. Der kehrte schon 1960 zurück, in „Dracula und seine Bräute“, welcher aber ohne den echten Vampirgrafen auskommen musste. Dracula ruhte bis 1966, als ihn Terence Fisher in „Blut für Dracula“ auferstehen ließ. Lee hatte davor aber schon 1959 „Schlechte Zeiten für Vampire“ in Italien erlebt, 1961 im antiken Griechenland erneut, wo er in Mario Bavas „Vampire gegen Herakles“ einen bissigen König gegeben hatte. Nachdem Hammer ihm nach seinem ersten Tod als Vampir immerhin acht Jahre Ruhe zugebilligt hatte, musste er jetzt schon nach nur zwei Jahren wiederauferstehen und dann in immer kürzer werdenden Abständen bis 1973 noch viermal. Die erste dieser fast schon seriellen Produktionen war „Draculas Rückkehr“ von 1968.

Geläute(r)t

Die Handlung knüpft nahezu direkt an „Blut für Dracula“ an, wo Dracula in seinem Schloss in der Nähe von Karlsbad im Eis versunken und ertrunken ist. Können Vampire eigentlich ertrinken? Natürlich nicht, ein paar Tropfen Blut von der Hand des Dorfpfarrers reichen aus, um ihn erneut zu erwecken. Schuld daran ist eigentlich Monsignore Ernst Müller (Rupert Davies), der aus dem fernen Keinenberg angereist ist, um sich die Kirchen im Lande anzusehen. In Karlsbad (oder wie auch immer der Ort jetzt heißt) ist das Gotteshaus nicht nur leer, Pfarrer und Bevölkerung halten sich sogar während des Gottesdienstes im Wirtshaus auf. Schuld sei der Schatten Draculas, und so macht sich der Monsignore mit dem überforderten Priester auf zum Schloss, um das Gemäuer mit einem großen Kreuz für alle Zeiten für den Vampir zu versiegeln. Dabei kommt es während eines Unwetters zu dem besagten Unfall, der den Vampir wieder auferstehen lässt. Mit dem eher unwilligen Priester als Diener im Schlepptau folgt Dracula dem Monsignore bis nach Keinenberg, wo er sich an dessen Nichte (Veronica Carlson) labt. Nebenbei vampirisiert er die örtliche Kellnerin und tötet auch den Monsignore. Aber da ist ja auch noch Paul (Barry Andrews), der Freund der Nichte. An ihm ist es nun, den Vampir endgültig zu vernichten.

Vom Eise befreit

Die Handlung ist nicht wirklich überraschend und es ist klar, ohne groß zu spoilern, dass es für Dracula am Ende nicht gut ausgeht. Auch wenn er diesmal nach nur zwei Jahren gleich in zwei Filmen, „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ und „Dracula – Nächte des Entsetzens“, erneut sterben durfte. Man merkt „Draculas Rückkehr“ an, dass die guten alten Zeiten von Terence Fisher vorbei sind. Vieles hier wirkt standardisiert, wenn auch auf hohem Niveau. Es sind die Kleinigkeiten, die zeigen, dass anders gearbeitet wird. Wenn der Kirchendiener in der ersten Szene sein Fahrrad vor dem Kirchentor hinwirft, ist es verschwunden, wenn der Priester die Kirche kurz danach betritt. Entweder ist Karlsbad die Hauptstadt der Fahrraddiebe oder man hat ein wenig bei der Kontinuität geschlampt. Nun ist Freddie Francis beileibe kein schlechter Regisseur, als Kameramann hat er sogar zwei Oscars erhalten, und in den Vorjahren hatte er für Hammer ein paar schöne, altmodische, schwarz-weiße Thriller („Ein Toter sucht seinen Mörder“, „Haus des Grauens“ und „Der Satan mit den langen Wimpern“) gedreht, die alle unbedingt sehenswert sind. Dabei versuchte er, seinem großen Vorbild James Whale („Frankenstein“, „Der Unsichtbare“) nachzueifern. Und obwohl er eigentlich nur in Schwarz-Weiß filmt, auch wenn er in Farbe dreht, wie er selbst sagt, so ist er doch hier in der Farbgestaltung sehr originell und innovativ. Immer wenn Dracula erscheint, wird der Auftritt, der dadurch erst zum echten Auftritt wird, von fast schon psychedelischen Farbspielen begleitet, die trotzdem eine angenehme Dezenz ausstrahlen.

Trinkspiele

Ein wenig vermisst man Peter Cushing, der aber von Rupert Davies ausgezeichnet vertreten wird. Er und Lee waren sich im Vorjahr in „Die Pagode zum fünften Schrecken“ begegnet und hatten 1968 auch noch „Die Hexe des Grafen Dracula“ überstanden, wo aber von Dracula weit und breit nichts zu sehen war. Davies war Anfang der 60er-Jahre vor allem als „Kommissar Maigret“ in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt geworden, einer Rolle, in der er sogar von Maigret-Erfinder Georges Simenon als ideale Besetzung gelobt wurde. Sein Monsignore Ernst Müller ist glaubwürdig als liebevoller Onkel und jovialer Kirchenmann, der trotzdem nach strengen Regeln lebt, handelt und von anderen erwartet, dass sie diese ebenfalls einhalten. Sein relativ früher Tod ist wirklich ein Verlust, denn Barry Andrews („In den Krallen des Hexenjägers“) als jugendlicher Held gewinnt nur wenig Profil. Ihm war dann auch keine große Karriere beschieden.

Bettspiele

Auch Veronica Carlson, die für Hammer noch zwei Frankenstein-Filme drehen würde, blieb eher farblos. Sie kommt leider nicht über die Rolle einer hübschen Dreingabe hinaus, ihre Seelenqual bleibt Behauptung. Der Priester, der am Ende im Angesicht der Not seinen Glauben wiederfindet, wird von Ewan Hooper eher unauffällig gestaltet. Bleibt also nur Christopher Lee, der wunderbar dämonisch wirkt, aber den charmanten Verführer völlig unter den Tisch fallen lässt. Eher spielt er seinen Dracula wie ein tollwütiges Tier, das sich nur mit den allernötigsten Dialogfetzen verständigt und alles andere über reine Gewalt regelt. Er macht wirklich Angst. Aber warum ihm die Frauen verfallen, bleibt letztlich unklar.

Falsches Zimmer, Herr Pfarrer

An all diesen Dingen ist das Drehbuch nicht ganz unschuldig. Das hatte Anthony Hinds routiniert unter seinem Standard-Hammer-Pseudonym John Elder verfasst. Hinds produzierte einen Großteil der Hammer-Produktionen mit, bis er sich Ende der 60er-Jahre auf Druck von außen von diesem Posten zurückziehen musste. In dieser Phase scheint das Drehbuch entstanden zu sein, dem eine gewisse Lustlosigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Dazu kommen Unwahrscheinlichkeiten, die dem Ergebnis auch nicht bekommen sind. So kann sich Dracula auf einmal einen Pfahl aus seinem Herzen ziehen, weil beim Vorgang des Pfählens keine Gebete gesprochen wurden. Dafür stürzt er am Ende über die Mauerbrüstung seines Schlosses direkt auf das anscheinend nur dafür bereit stehende Kreuz. Und wenn der jugendliche Held erst ein langweiliges und unsinniges Trinkspiel über sich ergehen lassen muss und später seine Geliebte in dem doch eher übersichtlichen Keller der Gaststätte sucht, dann sieht man deutlich, dass Zeit geschunden werden soll, was dem Tempo des Films nicht bekommt.

Ein Mann sieht rot

Alles in allem bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Schöne Momente stehen neben eher öden, unsinnige Handlungelemente neben atmosphärisch sehr gelungenen und zwei exzellente Schauspieler vor einem farblosen Ensemble. Man spürt schon, dass hier eine Serie droht, der Erfolg stellte sich zwar noch einmal ein, aber die nachfolgenden Produktionen fanden nur noch schwer ihr Publikum. Kein Wunder, denn in einem Jahr, dass „2001 – Odysse im Weltraum“ und „Rosemarys Baby“ hervorgebracht hatte, aber mit Jean Rollins „Die Vergewaltigung des Vampirs“ und George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ auch eine ganz andere, neue Ästhetik des Schreckens, musste ein altmodischer Vampir wie das Relikt einer vergangenen Zeit wirken.

Zwei Männer sehen röter

Die Veröffentlichung von Anolis Entertainment beziehungsweise in der Neuauflage der Blu-ray Studio Hamburg Enterprises ist sehr solide geraten, wie man es vom Label gewohnt ist. Die Extras sind ordentlich, nur mit dem Audiokommentar tue ich mich mal wieder ein wenig schwer. Die Kompetenz von Uwe Sommerlad wird immer wieder durch wenig zielführende Fragen und Anmerkungen von Dr. Rolf Giesen unterlaufen. Wer sich mit Hammerfilmen auskennt, kann vielleicht zusätzlichen Nutzen daraus ziehen, alle anderen dürften eher ein wenig verwirrt werden.

Wem die Stunde schlägt

Das Mediabook von 2018 ist im Handel sogar noch zu finden, Sammler sollten aber nicht zu lange warten. Es enthält mehr Bonusmaterial und wie gewohnt ein informatives Booklet, wobei auch hier ein Kritikpunkt ins Auge fällt: Es erscheint suboptimal, dass Anolis fürs Booklet zwei Autoren verpflichtet, beiden aber außer „Schreibt mal etwas über den Film und die Entstehung“ anscheinend keine Vorgaben macht und die beiden sich offenbar auch nicht absprechen. Trotzdem lohnt ein Kauf unbedingt – ob im Amaray-Case oder dem etwas teureren Mediabook-Format sei jedem Sammler selbst überlassen. In besserer Qualität wird man „Draculas Rückkehr“ in Deutschland schwerlich zu Gesicht bekommen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind unter Regisseure zu finden, Filme mit Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 27. September 2019 als Blu-ray, 31. Oktober 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (drei Covervarianten) und Blu-ray, 24. September 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dracula Has Risen from the Grave
GB 1968
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Rupert Davies, Veronica Carlson, Barry Andrews
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Dokumentation „Dracula – The Antichrist“, Dokumentation „Composing for the Count“, britischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, britische Ad Card, britischer und deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Lars Dreyer-Winkelmann
Zusatzmaterial 2019: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, englischer und deutscher Trailer, Werberatschläge, Bildergalerie mit Musik
Label/Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label 2018: Anolis Entertainment GmbH
Vertrieb 2018: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Anolis Entertainment GmbH / Studio Hamburg Enterprises

 

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Horror für Halloween (XXI): Dracula – Ikone des Grauens

Dracula

Von Volker Schönenberger

Horror // „Dracula“ – welch schillernder Name! Aus der Vielzahl der Schauergestalten der Filmgeschichte ragt der transsylvanische Graf weit heraus, und bei einer Umfrage, mit welchem Schauspieler man die Rolle am ehesten verbinde, käme zweifellos Christopher Lee (1922–2015) mit den meisten Nennungen heraus. Sicher, mit Bela Lugosi („Dracula“, 1931) gab es zuvor eine prägende Version, und auch Gary Oldman in „Bram Stokers Dracula“ (1992) von Francis Ford Coppola hat dem Vampir seine ganz eigene Note verliehen; mein Favorit bleibt Max Schrecks nur notdürftig als Graf Orlok getarnte Dracula-Verkörperung in Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922), auch Klaus Kinskis an Max Schreck angelehnte Interpretation in Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) sei lobend erwähnt. Aber was Christopher Lee unter der Regie von Hammer-Films-Stammregisseur Terence Fisher („Der Fluch von Siniestro“) 1958 aus dem blutgierigen Grafen gemacht hat, ist aller Ehren wert und ein bedeutsames Stück Horrorfilmgeschichte – und das mit lediglich sieben Minuten Leinwandzeit. Nicht nur, weil es sich um den ersten Technicolor-Auftritt Draculas handelt. Lees Dracula ist elegant, aber weitaus animalischer als Lugosis Graf, kann vor Bösartigkeit geradezu explodieren. Mit erst hochmütigem, dann gierigem Blick fixiert er seine Gegenüber, gelegentlich unterstützt durch blutig gefärbte Kontaktlinsen, die Lee beim Dreh in der Sicht behinderten. Sieben Mal verkörperte der hochgewachsene Londoner den Vampirfürsten für die britische Produktionsfirma Hammer Films, dazu ein weiteres Mal 1970 in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ unter der Regie des spanischen Trash-Regisseurs Jess Franco.

Freie Adaption von Bram Stokers Roman

Der Film startet dem Roman treu als „The Diary of Jonathan Harker“. Per Stimme aus dem Off berichtet der Genannte (John Van Eyssen) von seiner Ankunft am Schloss des Grafen Dracula am Nachmittag des 3. Mai 1885. Weil sich der Kutscher geweigert hatte, ihn dorthin zu bringen, musste Harker die letzten Kilometer zu Fuß zurücklegen. Hier strafft die Handlung des Films Harkers in Bram Stokers Roman viel ausführlicher geschilderten Trip stark, die Stationen Bistritz und die herrlich gruselige Kutschfahrt zum Borgo-Pass entfallen vollständig. Kenner des Romans werden bei ihrer ersten Sichtung der Hammer-Films-Version ohnehin schnell gemerkt haben, dass sich Handlung, Orte und Personen stark von der Vorlage unterscheiden. Drehbuchautor Jimmy Sangster verwendete lediglich Versatzstücke und Figuren, um daraus seine ganz eigene Geschichte zu machen. Einige Straffungen, insbesondere die Beschränkung auf weniger Schauplätze, waren dem geringen Budget geschuldet. So entfällt beispielsweise die wunderbare Seefahrt nach England, auf der Dracula die Besatzung dezimiert. Auch bei den Figuren gab es Modifikationen: Der wahnsinnige, unter Draculas Einfluss stehende Renfield fiel völlig weg, die holden Damen Mina (Melissa Stribling) und Lucy (Carol Marsh) wurden anders angelegt. All das ändert nichts an der filmischen Qualität der 1958er-Adaption, macht aber Lust, dieses wunderbare Buch endlich mal wieder zu lesen. Was dem Film an Schauplätzen fehlt, macht er mit sorgfältigstem Setdesign wieder wett – auf Hammer Films war damals eben Verlass, das gilt auch für Ausstattung und Kostüme.

Graf Dracula – Ikone des Bösen

Aufs zeitgenössische Kinopublikum muss diese Szene nachhaltigen Eindruck gemacht haben: Die junge Frau (Valerie Gaunt), die Jonathan Harker eben noch um Hilfe angefleht hat, ist drauf und dran, ihre Vampirzähne in dessen Hals zu schlagen, als Dracula unter dramatischer Musik mit blutunterlaufenen Augen und blutverschmiertem Mund hineinstürmt und dem ein Ende setzt. Der Spuk ist zügig vorbei – eine temporeiche Sequenz, nach der Harker mit Brummschädel auf seinem Bett erwacht und die Zuschauerinnen und Zuschauer erst einmal durchatmen können. Im Roman ist es Jonathan Harkers Aufgabe, als Rechtsanwalt mit Graf Dracula dessen beabsichtigten Kauf eines Hauses in London in trockene Tücher zu bringen. In der filmischen Umsetzung von 1958 hingegen tritt Harker eine Stelle als Bibliothekar im Schloss an, verfolgt tatsächlich aber ganz andere Absichten …

Pflock ins Herz!

In seinem Schlafgemach findet sich Harker als Gefangener wieder, und die Bisswunde an seinem Hals versetzt ihn in Schrecken. Durchs Fenster kann er entkommen, beschließt, die Schlafstatt von Dracula und seiner Vampirsklavin ausfindig zu machen und beiden einen hölzernen Pflock durchs Herz zu treiben. Hier bringt ein kleines Logikloch die beabsichtigte Dramatik: Der Sonnenuntergang steht kurz bevor, Harker bleibt nur noch wenig Zeit, doch statt zuerst den ungleich stärkeren Dracula zu töten, widmet sich Harker zunächst der Vampirin. Ein Fehler …

Jonathan Harker entdeckt verräterische Spuren am Hals

Auftritt Abraham Van Helsing (Peter Cushing): In einem mit viel Knoblauch verhängten Gasthof in Klausenberg fragt er nach seinem Freund Jonathan Harker, doch der verängstigte Wirt reagiert ausweichend und unwirsch. Dessen Tochter hingegen überreicht Van Helsing Harkers Tagebuch, das in der Nähe des Schlosses gefunden wurde. Als Van Helsing am Schloss eintrifft, verlässt gerade eine schwarze Kutsche mit einem weißen Sarg in rasender Fahrt das Gemäuer.

Schrecken in 1958er-Kinosälen

„Dracula“ hat einige gruselige Szenen zu bieten, die hartgesottenen Konsumenten moderner Horrorfilme zwar harmlos vorkommen mögen, aufs damalige Publikum aber ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt haben dürften. Wenn ein Holzpflock ein weißes Kleid und den darin befindlichen Frauenkörper durchstößt und das Technicolor-grelle Blut spritzt, wird das einige im Kinosaal Sitzende das Fürchten gelehrt haben.

Kurz nach seiner Verkörperung von Baron Victor Frankenstein im Hammer-Film „Frankensteins Fluch“ („The Curse of Frankenstein“, 1957) spielte Peter Cushing mit dem Vampirjäger Dr. Van Helsing erneut eine ikonische Figur der Horrorliteratur. Desgleichen Christopher Lee, der in „Frankensteins Fluch“ das Monster darstellte. Es war ihr erster gemeinsamer Film mit bedeutsamen Rollen für beide – viele weitere sollten folgen.

Ein deutscher Vampir?

Klausenberg? Waterfield? Was denn nun? Ganz einfach: Schaut Ihr „Dracula“ mit der englischen Originaltonspur, spielt der Film durchweg in Osteuropa, womöglich sogar irgendwo im östlichen Deutschland, wie einige deutschsprachige Inschriften vermuten lassen. Die deutsche Synchronisation verlegt das Schloss des Grafen nach Transsylvanien, die spätere Handlung nach England.

Professor Van Helsing greift ein …

Die vorbildliche Veröffentlichung von Anolis Entertainment enthält sowohl die 2007 vom British Film Institute restaurierte Fassung als auch die Hammer-Films-Restaurierung von 2012. Ein Jahr zuvor waren in Tokio einige alte Filmrollen aufgetaucht, die bis dato unbekannte Szenen enthielten. So gibt es eine gegenüber der älteren Fassung erweiterte Szene zwischen Dracula und Mina und etwas mehr „Fleisch“ im Finale. Ich verzichte darauf, stärker auf die nicht allzu großen Unterschiede am Ende einzugehen, da theoretisch die Möglichkeit besteht, dass eine Leserin oder ein Leser dieses Textes „Dracula“ noch nie gesehen hat (Skandal!). Wer mehr darüber erfahren will, wende sich dem Schnittbericht zu. Jedenfalls stellen die zusätzlichen Sequenzen eine kleine, aber feine Ergänzung des Films dar.

Massig Bonusmaterial

Was Anolis an Bonusmaterial auf die Disc gepackt hat, ist dem Status dieses großen Klassikers des Vampirfilms würdig. Diverse Featurettes mit etlichen Berichten von am Dreh Beteiligten und anderen Experten bringen massig Informationen – siehe die Auflistung unten –, auch das sorgsam bebilderte Booklet des Mediabooks bietet unterhaltsame und aufschlussreiche Lektüre für an „Dracula“-Verfilmungen Interessierte. Für eines der drei Cover des Mediabooks – natürlich das beste und bekannteste Motiv – muss man etwas tiefer in die Tasche greifen: Anolis hat es exklusiv in eine Holzbox gepackt, der zusätzlich eine Metall-Halskette mit Dracula-Schriftzug beiliegt. Box und Kette habe ich bislang nur auf Fotos gesehen, daher kann ich über die Wertigkeit nichts sagen. Wer von jedem Film die spektakulärste Edition haben muss, möge zuschlagen, die Holzbox-Edition ist noch zu bekommen. Mir reicht mein Mediabook mit Cover B, welches ich zum üblichen Tarif erstanden habe – mittlerweile ist es out of print und erzielt Sammlerpreise. Anolis sei es gegönnt, an diesem Label können sich einige Repack-Massenproduzenten ein Beispiel nehmen.

Wer Horrorfilmen im Allgemeinen und Vampirfilmen im Besonderen gern Platz im Regal gewährt, kommt nicht daran vorbei, auch „Dracula“ dort einzureihen. Ob das nun unbedingt ein Mediabook sein muss oder die Blu-ray in herkömmlichem Softcase ausreicht, sei allen Sammlern selbst überlassen. Eine der beiden restaurierten Fassungen sollte es schon sein, bei Anolis erhält man sogar beide, und das in hervorragender Bild- und Tonqualität.

… und schlägt zu

Die Zahl der Dracula-Darsteller ist Legion. Den besten gibt es nicht, jede/r darf sich ihren/seinen Favoriten wählen. Aber selbst wer Bela Lugosi, Gary Oldman, Max Schreck, Klaus Kinski, Frank Langella („Dracula“, 1979) oder gar – Gott bewahre! – Thomas Kretschmann („Dario Argentos Dracula“, 2012) bevorzugt, wird anerkennen müssen: Kaum einer seiner Kollegen hat Bram Stokers Schauergestalt so geprägt wie Christopher Lee. Er ruhe in Frieden.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Peter Cushing und Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler. Ein lesenswerter Text zu „Dracula“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Veröffentlichung: 19. Dezember 2017 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in drei Covervarianten, eine davon exklusiv in Holzbox-Edition) und Blu-ray, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 82 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dracula
US-Titel: Horror für Dracula
GB 1958
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Jimmy Sangster, nach dem Roman von Bram Stoker
Besetzung: Christopher Lee, Peter Cushing, Michael Gough, Melissa Stribling, Miles Malleson, Carol Marsh, Olga Dickie, John Van Eyssen, Valerie Gaunt, Janina Faye, Charles Lloyd Pack
Zusatzmaterial: Dokumentation „Dracula Reborn – The Making of a Hammer Classic“ (31:46) – mit Jimmy Sangster, Janina Faye, Mark Gatiss, Jonathan Rigby und Kim Newman, Dokumentation „Resurrecting Dracula“ (17:36) – über die Restauration des Films inclusive des Wiedereinfügens des „verlorenen“ Materials, Dokumentation „Censoring Dracula“ (9:37) – die Zensurgeschichte des Films, Dokumentation „The Demon Lover – Frayling on Dracula“ (29:55) – der britische Historiker Christopher Frayling spricht über Dracula, „Janina Faye liest Stoker“ (12:45) – am 18. Februar 2012 auf dem Vault Festival, Super-8-Fassung (in Schwarz-Weiß, 1966, 8:35), US-Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, deutsche Werberatschläge, französischer Werberatschlag, Filmprogramme, Bildergalerien
Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz zur Hammer-Restaurierung 2012, Audiokommentar mit Marcus Hearn und Jonathan Rigby zur Hammer-Restaurierung 2012, Audiokommentar mit Marcus Hearn und Jonathan Rigby zur BFI-Restaurierung 2007, Bildergalerien und Trailer, nur Mediabook: Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, nur Holzbox: Metall-Halskette mit Dracula-Schriftzug
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH (DVD: Warner Home Video)

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2017 Anolis Entertainment GmbH

 

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Nosferatu – Phantom der Nacht: Werner Herzogs beeindruckende Hommage an Murnaus Meisterwerk

Nosferatu – Phantom der Nacht

Von Volker Schönenberger

Horror // Schon die Anfangssequenz zieht die Zuschauer unweigerlich in ihren Bann: Zu den düster-tragenden Klängen von Popol Vuhs „Brothers of Light, Sons of Darkness“ zeigt Werner Herzog Aufnahmen der Mumien von Guanajuato, auf natürliche Weise mumifizierter Leichname von Menschen, die im 19. Jahrhundert meist an Cholera gestorben und später exhumiert worden waren, wenn ihre Angehörigen die Friedhofsgebühren nicht zahlen konnten. Die zentralmexikanische Stadt Guanajuato zählt zum Weltkulturerbe.

Jonathan Harker erlebt im Schloss das Grauen

Eine Fledermaus im Dunkeln. Aus dem Schlaf schreckt Lucy Harker (Isabelle Adjani) schreiend hoch. Kaum kann ihr Ehemann Jonathan (Bruno Ganz) seine junge Frau beruhigen. „Ich sehe etwas Grauenhaftes.“ Wir befinden uns im Wismar des 19. Jahrhunderts. Jonathan Harkers Chef, der Makler Renfield (Roland Topor) beauftragt ihn mit einer Dienstreise. Harker soll nach Transsilvanien reisen, um dort einem gewissen Graf Dracula (Klaus Kinski) ein Haus in Wismar zu verkaufen. Mit schelmischem Gekicher warnt Renfield seinen Angestellten vor: „Sie brauchen viel Zeit dazu, und es wird Sie einigen Schweiß kosten und vielleicht auch – ein wenig Blut.“ Trotz großer Ängste seiner Frau reist Harker ab.

Seine Frau Lucy merkt in Wismar, dass etwas ganz und gar nicht stimmt

Ein paar Widrigkeiten ziehen seine Reise kurz vor Erreichen des Ziels in die Länge – die Einheimischen reagieren verschreckt, als Harker ihnen offenbart, ins Schloss von Graf Dracula zu wollen. Ein Kutscher weigert sich, ihn zu befördern oder ihm auch nur ein Pferd zu überlassen. Wohl oder übel muss Harker zu Fuß weiter und erreicht das Schloss des Nachts. Der Hausherr empfängt ihn mit ausgesuchter Höflichkeit und bewirtet ihn persönlich, da die Dienstboten um diese Zeit nicht mehr tätig seien. Als sich Harker mit einem Messer einen harmlosen Schnitt am Daumen zufügt, löst das in Graf Dracula etwas aus …

Aus Graf Orlok wird Graf Dracula

Ende der 1970er-Jahre waren die Rechte an Bram Stokers Roman bereits ausgelaufen, sodass sich Werner Herzog frei bedienen konnte. Graf Dracula, Jonathan Harker, Lucy, Renfield, Dr. van Helsing – bei den Namen der Figuren blieb er der literarischen Vorlage zwar treu, insgesamt orientierte er sich in seiner Umsetzung der Vampirgeschichte stark an F. W. Murnaus expressionistischem Stummfilm-Meisterwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Gauens“ von 1922. Dem wiederum wäre ein Urheberrechtsstreit mit Stokers Witwe beinahe zum Verhängnis geworden, aber dazu vielleicht dereinst etwas mehr. Klaus Kinski verleiht seinem Dracula mit dämonischer Ruhe eine fast ebenso furchterregende Präsenz wie weiland Max Schreck dem Grafen Orlok bei Murnau. Böse Zungen könnten versucht sein, Kinskis Verkörperung des Vampirs als Kopie zu interpretieren, dabei ist es doch tatsächlich eine große Hommage an Graf Orlok. Die Maske ähnelt stark der des 1922er-Vampirfürsten, und einige Einstellungen mit Kinski sind überdeutlich erkennbar an Szenen des alten Films angelehnt.

Tod auf dem Meer

Herzog findet mit so sparsamer wie pointierter musikalischer Untermalung im Doppelsinne unheimlich stimmungsvolle Bilder für seine vampirische Schauermär. Die Windmühlen und Grachten kommen nicht von ungefähr, einige Außenaufnahmen entstanden in den Niederlanden. Anders als bei Murnau wurde nicht in Wismar gedreht, aber immerhin nutzte Werner Herzog für eine schöne Einstellung auch die Lübecker Salzspeicher, wie es Murnau getan hatte. Etliche Sequenzen bringen wunderbaren Schauder, etwa Draculas Schiffsreise vom Schwarzen Meer in Richtung Ostsee, während der er nach und nach die Besatzung tötet, wie der Kapitän in seinem Logbuch festhält. Als das Schiff mit dem nun toten Skipper, der sich noch selbst ans Steuerrad gefesselt hatte, in Wismar eintrifft, bringt es zahllose Ratten – und die Pest.

Harker hetzt zurück in die Heimat

Sieben Jahre nach „Aguirre – Der Zorn Gottes“ (1972) markierte „Nosferatu – Phantom der Nacht“ die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Werner Herzog und Hauptdarsteller Klaus Kinski. Angeblich wollte Kinski den Vampir etwas dynamischer spielen, als es Herzog vorschwebte, sodass der Regisseur bei seinem Star vor dem Dreh einer Szene einen Wutausbruch provozierte, was bekanntermaßen nicht schwierig war. Dadurch etwas erschöpft, spielte Kinski nun so ruhig, wie Herzog es sich wünschte. Das Ergebnis gibt ihm recht. Wahrheit oder Legende – egal, eine schöne Geschichte allemal. Im selben Jahr drehten die beiden zusammen „Woyzeck“, später folgten „Fitzcarraldo“ (1982) und „Cobra Verde“ (1987). Insgesamt fünf Kooperationen, die Filmgeschichte schrieben – Herzog verarbeitete sie 1999 in seinem Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“.

Murnau oder Herzog? Schreck oder Kinski?

Bleiben die Fragen: Murnau oder Herzog? Schreck oder Kinski? Manche heutigen Filmgucker mögen keine Stummfilme oder Schwarz-Weiß-Bilder mehr schauen, ihnen fällt die Wahl leicht – dafür entgeht ihnen aber auch einiges. Für mich ist „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nach wie vor das Maß aller Dinge im Vampirsektor und ein unerreichtes Meisterwerk – siehe auch meine Rangliste der besten Vampirfilme. Umso bemerkenswerter, dass es Herzog gelungen ist, den Geist beider Vorlagen – Stokers literarischer und Murnaus filmischer – einzufangen und daraus sein ganz eigenes, sehr romantisches Werk zu machen. Wer „Nosferatu – Phantom der Nacht“ als großes Vampirdrama anpreist, tut das völlig zu Recht. Und wer Herzogs Regiearbeit gegenüber Murnaus Stummfilm den Vorzug gibt, möge das auch gern tun. Grandios sind sie beide. Gespenstisch genial.

Doch Graf Dracula ist bereits eingetroffen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Werner Herzog sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Klaus Kinski in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 24. Januar 2013 als Blu-ray, 12. Oktober 2007 und 30. September 2003 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Nosferatu – Phantom der Nacht
BRD/F 1979
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog, nach Bram Stokers Roman „Dracula“
Besetzung: Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast, Dan van Husen, Til Schweiger, Martje Grohmann
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Werner Herzog und Laurens Straub, englische Fassung, Fotogalerie, Making-of, Soundtrack-Auszüge, Dokumentation „Was ich bin, sind meine Filme“ (90 Min.), Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2013 Studiocanal Home Entertainment

 

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