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Blinded by the Light – Kick It Like Springsteen

Blinded by the Light

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Musik-Tragikomödie // Zwei Fragen an die Bruce-Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieses Textes: Was hat euch mit dem Boss-Virus infiziert? Erinnert ihr euch noch an den Moment oder das Ereignis, der oder das die Leidenschaft für den Rockmusiker aus New Jersey in euch entfacht hat? Bei mir war es das Konzert der Tunnel-of-Love-Express-Tour im Reitstadion München-Riem 1988. Ich hatte den Boss natürlich zuvor schon wahrgenommen. Wenn ich mich recht entsinne, besaß meine ältere Schwester das Album „Born in the U.S.A.“; ich selbst wünschte mir – und bekam – die grandiose 5-LP-Box „Live 1975-85“ zu Weihnachten 1986 oder 1987, doch erst mein erstes Springsteen-Konzert von bis heute 13 löste das Bruce-Fieber in mir aus. Wie es so schön heißt, gibt es zwei Arten von Menschen: Springsteen-Fans und solche, die ihn noch nicht live gesehen haben.

Sein gestrenger Vater Malik …

Beim 16-jährigen Javed (Viveik Kalra) sind „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ für seine Springsteen-Leidenschaft verantwortlich. Sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) hat ihm die beiden Alben in Form von zwei Audio-Kassetten in die Hand gedrückt. Javed lebt 1987 im englischen Luton. Wir befinden uns in der Ära des Thatcherismus, in welcher der Arbeiterschaft unter der Premierministerin Margaret Thatcher die Luft zum Atmen ebenso genommen wird, wie es auch den US-Arbeitern in den Fesseln der Reaganomics ging. Javeds Vater Malik (Kulvinder Ghir), einst mit seiner Frau Noor (Meera Ganatra) aus Pakistan eingewandert, arbeitet für einen großen Autohersteller, während sich Noor als Näherin die Finger wundarbeitet, um das nicht allzu üppige Haushaltseinkommen aufzubessern.

… hat feste Vorstellungen, was für Javed das Beste ist

Sein traditionell eingestellter Vater darf natürlich nicht wissen, dass Javed seit langer Zeit seine Gedanken niederschreibt – er führt Tagebuch, verfasst auch Gedichte und träumt davon, einmal Schriftsteller zu werden. So recht glaubt er nicht daran, diesen Wunsch verwirklichen zu können, aber immerhin ermutigt ihn seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell). Der Nachbarsjunge Matt (Dean-Charles Chapman), der sich mit Haarspray und Make-up als Teil der New Romantics gibt, ist sein einziger Freund, immerhin seit Kindestagen. Zu allem Überfluss muss Javed damit klarkommen, dass die pakistanische Gemeinde von Luton und damit auch er selbst Anfeindungen von rassistischen Rechtsradikalen ausgesetzt ist. Der frustrierte Teenager hat die beiden Springsteen-Tapes in seinem Rucksack fast vergessen, als sie ihm eines Abends doch wieder in die Hände fallen. Er packt eine der Kassetten in seinen Walkman und erlebt mit „Dancing in the Dark“ eine geradezu religiöse Erweckung …

Die Lehrerin Miss Clay ermutigt den Jungen

Asche auf mein Haupt: Der Smash-Hit „Dancing in the Dark“ gehört nicht zu meinen Favoriten in Springsteens Œuvre – mir ist der Pop-Appeal des Gassenhauers etwas zu dominant. Aber der Titel gehört zu den beliebtesten Songs des Boss, ist nach wie vor häufig im Radio zu hören und regelmäßiger Bestandteil des Zugabenblocks bei Springsteen-Konzerten, also wer bin ich, daran herumzukritisieren? Und wenn ich mir den Text vor Augen führe, aus dem Regisseurin Gurinder Chadha in besagter Szene diverse Zeilen kunstvoll einblendet, stelle ich fest: Er passt perfekt zu Javeds Gefühlswelt. Ein paar Auszüge gefällig? Bitte schön:

I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

Man I ain’t getting nowhere
I’m just living in a dump like this

They say you gotta stay hungry
Hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book

Auch Javed weiß nichts mit sich anzufangen, sehnt sich danach, dass mit seinem Leben etwas passiert, während er in seinem Zimmer sitzt und schreibt. Nicht erst bei der letzten von mir zitierten Zeile gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hat einen Rockmusiker entdeckt, der ganz genau seinen Gemütszustand in Worte zu fassen vermag. Ein Sänger aus dem US-Staat New Jersey versteht offenbar, was ein Arbeitersohn in England denkt und fühlt. Javed ist mehr als beeindruckt. Chadha inszeniert diese Erweckung als eine der zentralen Sequenzen des Films, gibt Javeds wachsender Euphorie großen Raum – der Junge stürmt gar aus dem Haus und tanzt mitten in der Nacht durch die Gegend. Kurz darauf bekommen wir auch „The Promised Land“ zu hören, der Javed vielleicht mehr noch als „Dancing in the Dark“ in Aufbruchstimmung versetzt:

But your eyes go blind and your blood runs cold
Sometimes I feel so weak I just want to explode
Explode and tear this whole town apart
Take a knife and cut this pain from my heart
Find somebody itching for something to start

The dogs on Main Street howl cause they understand
If I could take one moment into my hands
Mister I ain’t a boy, no I’m a man
And I believe in a promised land

Javed fühlt sich schwach, gleichzeitig spürt er eine Wut in sich. Auch er will zweifellos den Schmerz aus seinem Herzen schneiden. Und plötzlich merkt er: Er ist kein Kind mehr, sondern ein Mann! Na ja, sagen wir ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann.

Ein Geschenk von Roops (r.) verändert sein Leben

„Blinded by the Light“ beginnt geradezu klischeehaft als 80er-Hommage – mit einem Zauberwürfel. Und wir bekommen keineswegs ausschließlich Springsteen-Songs zu hören, sondern diverse Top-Hits jener Dekade wie „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys. Immerhin hat Javeds Kumpel Matt für Springsteen nicht viel übrig, der DJ des schulischen Radiosenders ebenfalls nicht und der blasierte Chefredakteur der Schülerzeitung schon mal gar nicht.

Bollywood lässt grüßen

Für eine überkandidelte Szene ließ sich die britische Regisseurin mit indischen Wurzeln sogar von Bollywood inspirieren: Auf einem Markt singt Javed seine Angebetete Eliza (Nell Williams) an, eine politisch engagierte Mitschülerin. Der Song: „Thunder Road“. Ich war gespannt, ob Javed auch die Zeile You ain’t a beauty, but hey, you’re alright unverändert unterbringt, gehört sie doch nicht unbedingt zu Bruce Springsteens charmantesten Songzeilen – und tatsächlich ist Eliza eine sehr aparte Person. Aber Javed bringt die Zeile – im Duett mit Matts Vater, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn als Springsteen-Fan entpuppt und sich gemeinsam mit Javed ein wenig über Matt lustig macht. Und tatsächlich eignet sich „Thunder Road“ sehr gut dafür, seinen Gefühlen für ein Mädchen Ausdruck zu verleihen:

Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again

Well now, I’m no hero, that’s understood
All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood
With a chance to make it good somehow
Hey, what else can we do now?

Später folgt auch Springsteens Signature Song „Born to Run“ als bollywoodeske Einlage, in der Javed, Roops und Eliza ausgelassen von der Schule aus durch Lutons Straßen laufen.

Aw, honey, tramps like us
Baby, we were born to run

Noch Fragen? Dass Bruce Springsteen zu Javed passt wie die Faust aufs Auge, wird spätestens bei „Independence Day“ deutlich, einem jener Songs, in denen der Boss wiederholt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater thematisiert hat, der wie Javeds Vater ein einfacher Arbeiter war:

’Cause the darkness of this house has got the best of us
There’s a darkness in this town that’s got us too
But they can’t touch me now
And you can’t touch me now
They ain’t gonna do to me
What I watched them do to you

So say goodbye it’s Independence Day
It’s Independence Day

Der Titel spielt natürlich auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag 4. Juli an, gemeint ist zweifellos aber auch der Tag, an dem sich ein Junge von den Fesseln seines Vaters befreit. Javed will nicht denselben Zwängen des Arbeiterdaseins unterliegen – ein zentrales Motiv von „Blinded by the Light“. Malik ist ein strenger Vater, der das Leben seines Sohns vorherbestimmen will, wie es in seiner Kultur üblich ist. Dass sein Sohn schreiben will, tut er als Hirngespinst ohne Zukunft ab, als er davon erfährt.

Javed schöpft aus Springsteens Musik viel Kraft …

Das zwischenzeitliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ist unausweichlich. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass das nicht das letzte Wort zwischen ihnen bleibt, immerhin handelt es sich kurz nach Danny Boyles „Yesterday“ erneut um ein musikalisches Feelgood-Movie aus dem Vereinigten Königreich. Klar, Strukturwandel der Industrie und damit einhergehende Arbeitslosigkeit, Rassismus, familiäre Probleme, Liebeskummer – all das kommt zum Tragen. Aber wir haben es mit einer Komödie respektive Tragikomödie mit großem Coming-of-Age-Anteil zu tun und nicht mit einem schwermütigen Gesellschaftsdrama. Und angesichts des Elends in der Welt ist ein Wohlfühlfilm wie dieser bei mir ab und zu willkommen, ein Film mit Bruce-Springsteen-Musik erst recht.

… und er traut sich sogar, Eliza anzusprechen

Manch ein/e rationell eingestellte/r Musikhörer/in mag nun argwöhnen, Javeds – und auch Roops’ – Leidenschaft für den Boss sei übertrieben dargestellt. Lasst euch versichern: Sie ist es nicht! Mein nicht Springsteen zugeneigtes privates Umfeld hält mich schon für einen seiner größten Fans, aber das bin ich mitnichten – nicht mal annähernd. Oben erwähnte ich meine insgesamt 13 Konzertbesuche seit 1988. Diese Zahl erreichen einige Gleichgesinnte, die ich persönlich kenne, schon bei einer einzigen Springsteen-Tournee. So viel dazu! Und ungeachtet dessen, dass der Boss Multimillionär ist und zuletzt ein Dauer-Engagement am Broadway hatte, dessen Eintrittskarten sündhaft bis geradezu obszön teuer waren, ist es ihm doch im Lauf seiner Karriere immer wieder gelungen, den sogenannten kleinen Leuten eine Stimme zu geben. Insofern verwundert Javeds Passion niemanden, der schon mit beinharten Springsteen-Fans in Berührung gekommen ist. Mir fallen einige ein, die viel Kraft aus seiner Musik ziehen – auch ein paar, deren Verehrung vielleicht schon übertrieben religiöse Züge annimmt. Das Wort Fan leitet sich nicht von ungefähr von fanatisch ab.

„Hey, that’s me and I want you only!“

„Blinded by the Light“ trägt ohnehin stark autobiografischen Charakter: Der Film basiert auf den 2007 veröffentlichten Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“ von Sarfraz Manzoor, der seit Mitte der 1990er-Jahre als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Gurinder Chadha hat daraus eine wunderbare Tragikomödie gemacht, der Bruce Springsteen persönlich seinen Segen gab und die gewisse Parallelen zu ihrer Regiearbeit „Kick It Like Beckham“ aufweist, mit der sie 2002 international auf sich aufmerksam machte. Die romantische Komödie handelt von einer indischstämmigen jungen Engländerin, deren Leidenschaft für Fußball ihren traditionell eingestellten Eltern ein Dorn im Auge ist.

Nummer-1-Hit für Manfred Mann’s Earth Band

Kurz zum Filmtitel: „Blinded by the Light“ stammt von Springsteens 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park N.J.“. Bei dem Song handelt es sich um seinen ersten Nummer-1-Hit, allerdings nicht in der Springsteen-Version, sondern der Interpretation von Manfred Mann’s Earth Band, die zugegeben sehr gelungen ausgefallen ist. Die Formation hat mit „For You“ und „Spirits in the Night“ (im Original „Spirit“ im Singular) zwei weitere Springsteen-Kompositionen zu Hits gemacht, die auch heute noch gern im Radio gespielt werden und nach wie vor zum Live-Repertoire der Band gehören.

„Tramps like us …“

Manche Menschen lehnen Bruce Springsteens Musik mit voller Inbrunst ab, weil sie ausschließlich völlig andere Genres hören oder der Boss ihnen viel zu sehr im Mainstream verankert erscheint. Denen kann ich auch nicht helfen, allen anderen sei der Besuch von „Blinded by the Light“ sehr ans Herz gelegt. Sich im Kinosaal knapp zwei Stunden lang einfach nur wohlzufühlen und dazu noch tolle Musik zu genießen – was will man mehr? Und an die Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieser Rezension richte ich die Bitte, per Kommentar meine eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenn ihr Lust habt.

„… Baby, we were born to run!“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blinded by the Light
GB 2019
Regie: Gurinder Chadha
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor, nach Manzoors Autobiografie
Besetzung: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Hayley Atwell, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Sally Phillips
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
 

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Tunes for Eternity (II): Bruce Springsteen – Youngstown

Bruce Springsteen – Youngstown

Von Volker Schönenberger

Rockmusik // Für viele ist der Boss lediglich einer der größten Rockstars aller Zeiten. Okay, das kann man so stehen lassen, ist ja auch was wert. Wer in Deutschland einen der typischen Radiosender hört, wird in der Regel nur mit den Gassenhauern wie „Hungry Heart“, „Dancing in the Dark“ und „Born in the U.S.A.“ beschallt werden – obwohl letztgenannter Titel auch ein gutes Beispiel für den „anderen“ Springsteen abgibt, aber über den Song wollte ich nun mal nicht schreiben. Dieser „andere“ Bruce Springsteen, das ist der Singer-Songwriter, der etwas zu sagen hat und das mit aller Überzeugung tut. Dabei greift er Probleme der Arbeiterschaft und der sogenannten „kleinen Leute“ auf. Wer meint, ein großer Rockstar und Multimillionär könne solche Themen nicht glaubwürdig vermitteln, darf gern so denken. Für mich zählt Bruce Springsteen nach wie vor zu den glaubwürdigsten unter den großen Musikern.

Erstmals machte er 1982 mit seinem Solo-Album „Nebraska“ als Singer-Songwriter auf sich aufmerksam, auch wenn diese Qualität bereits in diversen vorherigen Albumbeiträgen durchgeschimmert hatte – man musste nur richtig hinhören. 1995 erschien mit „The Ghost of Tom Joad“ erneut eine Platte, die sich zurücknahm und dazu einlud, sich intensiv mit den Texten zu beschäftigen. „Youngstown“ markiert den vierten Titel von insgesamt zwölf Songs und bildet für mich den Höhepunkt eines bärenstarken Albums, das bei mir allerdings etwas Zeit brauchte, seine Wirkung zu entfalten.

Aufstieg und Fall einer Stahlstadt

Bruce Springsteen besingt in „Youngstown“ den Aufstieg und Fall einer Stahlstadt – und nicht mal einer fiktiven: Youngstown liegt in Ohio, und ihre Geschichte ist in etwa so verlaufen, wie der Boss es besingt: Im Jahr 1803 hatten die Brüder James und Daniel Heaton eine Erzader entdeckt und daraufhin einen Hochofen gebaut. Here in north east Ohio, back in eighteen-o-three, James and Danny Heaton found the ore that was linin’ yellow creek. They built a blast furnace, here along the shore. Die aufkommende Industrialisierung ließ den Ort erblühen, die Eisen- und Stahlproduktion machte Youngstown reich – zumindest seine führenden Bürger.

Die Arbeiter schufteten hart unter erschwerten Bedingungen. Well my daddy worked the furnaces, kept ’em hotter than hell. I come home from Nam worked my way to scarfer, a job that’d suit the devil as well. Der Vater des Erzählers arbeitete direkt an den Hochöfen, hielt sie heißer als das Höllenfeuer. Der Erzähler selbst arbeitete sich nach seiner Rückkehr aus Vietnam bis zum „Scarfer“ hoch, einem Job, der seiner Ansicht nach dem Teufel gut zu Gesicht stehen würde. Der deutsche Ausdruck ist mir nicht geläufig, ein Scarfer hat die Aufgabe, die Stahlprodukte weiter zu behandeln, um Ungleichmäßigkeiten zu entfernen und die Oberfläche zu glätten. Dies als grobe Erläuterung. Sollte sie ungenau oder ergänzenswert erscheinen, korrigiert mich gern per Kommentar.

Das hat nicht mal Hitler geschafft

Der Strukturwandel machte auch vor Youngstown nicht Halt. Die Industrieanlagen und Hochöfen wurden stillgelegt, die Stahlkocher verloren ihre Jobs. Now the yards just scrap and rubble. Nun folgen Zeilen, die zu den zornigsten gehören, die Bruce Springsteen je verfasst hat. Er lässt den Vater des Erzählers resigniert konstatieren: Them big boys did what Hitler couldn’t do. Die „big boys“, das sind die Großkopferten, die Top-Manager, die mit Rationalisierungen, Auslagerungen und Werksschließungen die US-Arbeiterschaft in die Knie zwangen, etwas, das selbst Adolf Hitler nicht gelungen sei. These mills they built the tanks and bombs, that won this country’s wars. We sent our sons to Korea and Vietnam. Now we’re wondering what they were dyin’ for. In den Stahlschmieden waren die Panzer und Bomben gebaut worden, die die Kriege des Landes gewannen. Die Söhne des Landes wurden nach Korea und Vietnam geschickt, nun fragt man sich, wofür sie überhaupt sterben mussten.

Seine Inspiration zu „Youngstown“ zog Bruce Springsteen aus dem erstmals 1985 erschienenen Buch „Journey to Nowhere – The Saga of the New Underclass“ des Journalisten Dale Maharidge und des Fotografen Michael Williamson. Für eine spätere Auflage steuerte Springsteen sogar ein Vorwort bei.

Ich habe dich so reich gemacht, dass du meinen Namen vergisst

Now sir, you tell me the world’s changed. „Sir“ – offenbar einer jener Top-Manager, die sich vor ihre Belegschaft stellen und mit gesenkter Stimme beklagen, dass es keine andere Möglichkeit gebe als die Massenentlassung. Sie selbst haben ihre Schäfchen dank der Leistung der Arbeiter natürlich im Trockenen, lehnen sich zurück und vergessen die Namen und das Schicksal ihrer Mitarbeiter: Once I made you rich enough – rich enough to forget my name. Bruce ist wütend, so viel ist klar.

Ich mag die deutsche Sprache, sie ist einer der Gründe, weshalb ich das Schreiben zu meiner Profession gemacht habe. Aber auch das Englische hat einen wunderbaren Klang, der mir bisweilen sogar besser gefällt – deshalb heißt diese Textreihe auch „Tunes for Eternity“ und nicht „Lieder für die Ewigkeit“. Jedenfalls weiß Bruce Springsteen seit Anbeginn seiner Karriere ganz wunderbar mit der Phonetik des Englischen umzugehen. Hört euch nur mal einige Zeilen aus „Blinded by the Light“, „Lost in the Flood“ und „The Angel“ von seinem 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park, N. J.“ an und sprecht sie nach! Auch „Youngstown“ strotzt vor Formulierungen, bei denen sich Springsteen zweifellos auch überlegt hat, wie die Wörter klingen. From the Monongaleh valley, to the Mesabi iron range, to the coal mines of Appalacchia – the story’s always the same. Zeilen für die Ewigkeit, auch sie machen „Youngstown“ zu einem meiner „Tunes for Eternity“.

Beim Schreiben und den Fakten zum Song hat mir June Skinner Sawyers überaus lesenswertes Buch „Tougher than the Rest – 100 Best Bruce Springsteen Songs“ von 2006 geholfen, das sich kenntnisreich mit Springsteens Liedern auseinandersetzt. Es ist hierzulande unter dem Titel „Tougher than the Rest – Stärker als die anderen“ erschienen.

Zurückgenommen auf dem Album, live explosiv mit der E Street Band

Handelt es sich bei „Youngstown“ in der originalen Albumversion um einen reduzierten Singer-Songwriter-Titel, in dessen erster Strophe sich Springsteen selbst an der Akustikgitarre begleitet und in dem dann erst eine reduzierte Bandbegleitung einsetzt, hat sich der Song bei der 1999er-Reunion-Tour zu einem Rock-Monument entwickelt, das den Wall of Sound von Bruce Springsteen & The E Street Band prächtig zur Geltung bringt. Max Weinbergs mächtiges Schlagzeug treibt ihn voran, Nils Lofgrens virtuose Gitarre macht dem Boss Feuer unter dem Hintern. Die erst später zur E Street Band gestoßenen Soozie Tyrell und Charles Giordano bereicherten „Youngstown“-Versionen bei folgenden Touren mit fein arrangiertem Violinen- (Tyrell) und Akkordeonspiel (Giordano).

Sowohl die Albumfassung als auch die Fullband-Liveversionen sind großartig, wobei mir die Vollbedienung etwas passender erscheint, weil sie Springsteens Zorn über den Niedergang der Stahlindustrie von Youngstown besser abbildet. So oder so: ein „Tune for Eternity“.

Meine Reihe „Tunes for Eternity“ im Überblick:

01. David Bowie – Space Oddity
02. Bruce Springsteen – Youngstown
03. Peter Gabriel – Mercy Street
04. Cowboy Junkies – Sweet Jane
05. ???

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2018/05/26 in Musik, Rezensionen

 

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Wie ich zu Bruce kam – Aus dem Leben eines Springsteen-Fans

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Der folgende Gastbeitrag von Otto Hahlbohm ist erstmals in der im August 2015 erschienenen Ausgabe #71 der Zeitschrift THE WISH veröffentlicht worden, einem Clubmagazin des deutschen Bruce-Springsteen-Fanclubs mit dem Namen – richtig – THE WISH. Autor Otto und Zeitschriften-Herausgeber Rüdiger waren so freundlich, mir den Text zur Online-Verwertung zu überlassen. Mehr über den mehr als 200 Mitglieder zählenden Fanclub erfahrt Ihr hier.

Biografie // Es ist jetzt ziemlich genau 30 Jahre her. Ich war 16 Jahre alt, ziemlich schlecht in Englisch, und sollte in den Sommerferien drei Wochen Sprachferien in Brighton machen. Prima Sache, wir waren etwa 100 Teenager aus ganz Europa, sogar ein paar Japaner waren da. Untergebracht waren wir in einem altehrwürdigen Internat, das in den Ferien leer stand. Es war ein richtig schöner Sommer, Boris Becker hatte gerade zum ersten Mal Wimbledon gewonnen und alle Schüler verstanden sich untereinander prächtig.

Knutschen zu Bruce

Einmal in der Woche war Disco-Abend. Beim letzten Song, einer ruhigen Nummer tanzte ich eng umschlungen mit Laura aus Barcelona. Bei den letzten Takten fingen wir an zu knutschen und merkten erst, dass der Song schon lange zu Ende war und die Lichter an waren, als die übrigen Kids einen Kreis um uns gebildet hatten und applaudierten. Der Song hieß „I’m on Fire“ …

Am nächsten Tag gab es einen Ausflug nach London. Ich schaute mir die Oxford Street an und stand plötzlich vor dem Virgin Megastore. Die gesamte Front des vierstöckigen Gebäudes war mit einem riesigen „Born in the U.S.A.“-Werbebanner verhangen. Ich bin dann gleich rein und kaufte das Album, allein schon als Erinnerung an Laura.

Die Erweckung

Wieder zu Hause in Deutschland legte ich das Album auf – und war sofort begeistert. Das war genau meine Musik! Mächtige Gitarrenbreitseiten, Piano, Orgel, und dieses geile Saxophon! Und natürlich Bruce selbst, so viel Power in der Stimme, Wahnsinn. Nach und nach kaufte ich mir von meinem Taschengeld auch die älteren Scheiben und merkte, dass ich einiges schon kannte: Ich hatte eine Menge Radiosendungen auf Kassette mitgeschnitten und einige Songs, die ich besonders mochte, waren überraschenderweise auch von Bruce – etwa „Hungry Heart“ und „The River“. Meine Lieblingsalben waren damals „Born in the U.S.A.“, „Born to Run“,„The River“ und „Darkness on the Edge of Town“. Mit den frühen Sachen und „Nebraska“ konnte ich zu der Zeit noch nicht viel anfangen, dazu musste ich etwas älter werden.

Als in der Zeitschrift „Musikexpress“ 1986 die 5-LP-Box „Live 1975–1985“ angekündigt wurde, war mein Weihnachtswunsch klar. In dem Artikel wurde von Springsteens legendären Live-Qualitäten geschwärmt, aber ich kannte bis dahin nur die paar Songs, die auf der „No Nukes“ Dreifach-LP enthalten waren.

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Am schlimmsten war das Warten von Anfang November, als die Box erschien, bis Weihnachten. Nach der Bescherung hörte ich alle fünf LPs von Anfang bis Ende und dachte nur: Bei der nächsten Tour musst du da hin! Das sollte aber noch ein gutes Jahr dauern, bis im Frühjahr 1988 die „Tunnel of Love Express“-Tour angekündigt wurde. Zum Glück mochte mein vier Jahre älterer Nachbar Bruce ebenfalls – er wollte nach Frankfurt zum Konzert. Also reisten wir einen Tag früher an und feierten mit etwa 30 Fans, die wie wir in Zelten auf dem Parkplatz vor dem Stadion übernachteten, eine super Party. Als Andenken nahmen wir das 1 x 3 Meter große Schild mit, das über dem Eingang zum Stadion angebracht war. Gut, immer einen 16er-Schlüssel im Auto dabei zu haben … (siehe Foto)

Wir schafften es in die erste Reihe ziemlich mittig und das war unser Glück, da es sehr heiß war und wir dort wenigstens Luft von vorn bekamen. Damals gab es ja noch kein Front of Stage, das Gedränge war groß und in den drei Stunden von Einlass bis Konzertbeginn wurden jede Menge Fans mit Kreislaufproblemen abtransportiert. Die Roadies legten Wasserschläuche, um die schwitzende Menge abzukühlen. Zum Konzert selbst muss ich nicht viel sagen. Ich hatte vorher Die Ärzte und Grönemeyer gesehen, aber Bruce spielte in einer ganz anderen Liga. Das Ticket kostete 1988 übrigens 42 Mark. Die vertrockneten Blätter einer Rose, die Bruce am Anfang ins Publikum geworfen hat, bewahre ich heute immer noch in meinem Album mit Zeitungskonzertberichten auf.

„Shake it up baby …“

Nach den letzten Takten von „Twist and Shout“, dem letzten Song des Konzerts, war für mich klar, dass ich mehr haben muss. Das nächste Konzert war in West-Berlin, da hatte ich glücklicherweise Verwandtschaft und somit eine Schlafgelegenheit. Bevor es los ging, schaute ich mir das Konzert in Ost-Berlin (Weißensee) an, wir empfingen im östlichsten Zipfel Niedersachsens ja DDR-Fernsehen.

Ich wohnte damals in einem 300-Einwohner-Kaff im Landkreis Lüchow-Dannenberg, bekannt durch das Stichwort Atommüll-Zwischenlager Gorleben. Die nächste Autobahn war 70 Autominuten entfernt. Ich stand also frühmorgens am Konzertvorabend in unserem Dorf, sang „Tramps like us“ vor mich hin und streckte den Daumen in den Wind. Die Reise per Anhalter ging überraschend glatt. Am Nachmittag kam ich über die Transitstrecke Helmstedt in West-Berlin an.

Ich habe Bruce Springsteens Fender-Guitar berührt

Am nächsten Tag erlebte ich das bis heute beste Konzert meines Lebens. Erste Reihe Mitte, Bruce und Band wie immer super, Abklatschen mit Bruce, die heilige Fender berührt und das alles in der unbeschreiblichen Atmosphäre der Berliner Waldbühne. Ein Amphitheater ist einfach viel besser als ein Stadion.

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Eine Woche später dann noch das Konzert in Bremen mitgenommen, dann war die Tour vorbei. Konnte ja keiner ahnen, dass die E Street Band erst 11 Jahre später wieder antreten würde. In der Schule hatte ich nach diesen drei Konzerten hintereinander und dem permanenten Tragen von Bruce-Shirts natürlich meinen Spitznamen weg: „Hey Bruce, warst du schon wieder bei dem Schreihals zum Konzert?“ Wer in den 80ern aufwuchs, kennt das. Sie kannten halt nur den Song „Born in the U.S.A.“ und hielten ihn für einen patriotischen Ronald-Reagan-Fanboy.

Nach dem Abi 1989 ging’s zur Bundeswehr-Grundausbildung nach Goslar. Am ersten Abend, ziemlich verunsichert, was das hier werden sollte, latschte ich im Bruce-Shirt Richtung Duschraum. Mir kam ein Typ mit einem anderen Bruce-Shirt entgegen. Wir grinsten uns an, kamen natürlich sofort ins Gespräch und wurden gute Kumpel. Er kopierte mir meine allerersten Bootlegs auf Kassetten. Cleveland 1978 war das erste Konzert, das ich auf diese Weise bekam, das weiß ich noch. Mit diesem Grundstock setzte ich eine Kleinanzeige in den Musikexpress und fand auch gleich Tauschpartner. Ich bekam sogar ein paar Sachen auf VHS-Kassette. Die Freude kann man sich heute in Zeiten des Internets gar nicht mehr vorstellen. Danke, Olli B.!

Springsteen-Konzert statt EM-Finale

Als die Bundeswehrzeit 1990 beendet war, ging ich zum Studium nach Kiel, wo ich bis heute wohne. Hard Times, 1988 hatte Bruce mit der Band Schluss gemacht, lange Jahre nichts, bis 1992 endlich die beiden neuen Alben erschienen. Nur ein ganz kurzes Zögern, dann sofort das Ticket für die Frankfurter Festhalle besorgt. Das würde ich nur für einen einzigen Musiker tun: Konzertbesuch am Tag eines Fußball-Europameisterschaftsfinales (Dänemark gewann 2:0 gegen Deutschland, da hielt sich im Nachhinein die Trauer, das Spiel verpasst zu haben, in Grenzen).

Ein Jahr später im April war Bruce zurück. Ich schaute mir die beiden Konzerte in Dortmund an. Die neue Band war nicht schlecht, aber an die E Street Band reichte sie nicht ran. Außerdem gab es bei „Glory Days“ auch Jon Bongiovi und Richie Sambora zu sehen.

Aber das Beste kommt jetzt:

Von Kiel nach Kopenhagen ist es nicht so weit. Und es war eine Gruppenfahrt mit Mitgliedern des Fanclubs „The Wish“ geplant. Wir waren etwa 12 Leute, zelteten vor dem Stadion und erlebten ein tolles Konzert. Am nächsten Tag schlenderten wir durch Kopenhagen und bemerkten vor dem Plaza Hotel ein paar Fans. Wir sprachen sie an und sie sagten, dass die Band hier wohnt. Und tatsächlich: Kurz darauf kamen nach und nach die Musiker, unter ihnen auch Pianist Roy Bittan und Manager Jon Landau, gaben bereitwillig Autogramme und plauderten mit uns. Inzwischen war die Fanmenge auf etwa 50 angewachsen.

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Dann kam Bruce heraus. Er wurde eskortiert von Terry, seinem Bodyguard („Terrys Song“), und ging direkt in den bereitstehenden Minivan. Terry sah uns an und sagte: „Macht eine Reihe auf, schön ruhig, dann bekommt jeder sein Autogramm.“ Gesagt, getan, und plötzlich saß ich neben Bruce Springsteen im Auto. Ich wollte ihm so viel sagen, wie viel er mir bedeutet, dass seine Musik mir etwas geholfen hat, über den Tod meines Vaters, ich war 17, hinwegzuhelfen, und was weiß ich nicht alles. Heraus kam Gestammel: „Great Show, I saw you seven times“ Bruce sah meine Aufregung, klopfte mir auf die Schulter und lächelte: „ Where do you want your Autograph?“ Ich deutete auf meinen Rücken, wo sich schon die anderen Autogramme der Band befanden, und er unterschrieb. Noch ein Schulterklopfer und es war vorbei. Die ganze Sache hat höchstens 30 Sekunden gedauert, aber bleibt unauslöschlich in meinem Gedächtnis. Das Shirt hängt natürlich gerahmt in meinem Wohnzimmer (siehe Foto).

Ich habe auf den folgenden Touren nie versucht, ein Autogramm zu bekommen oder Bruce zu begegnen. Dieses Ereignis soll etwas Einmaliges bleiben.

Auf Schalke den miesesten Sitzplatz

Es kamen danach noch einige Konzerte und Erlebnisse, wie die Anhaltertour nach Bremen 1999, auf der ich den VW-Bus zurück fahren musste, weil meine beiden Fahrer total besoffen waren, oder das Schalke-Desaster 2003, wo ich den wahrscheinlich schlechtesten Sitzplatz im ganzen Stadion hatte (zum ersten und letzten Mal Sitzplatz!). Das erste Konzert zusammen mit meiner Freundin in Hannover 2013, die jetzt auch Fan ist. Zitat: „Das beste Konzert, was ich je gesehen habe!“

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Und es gibt immer wieder schöne Momente, wenn man Bruce-Fan ist. Vorletztes Jahr war ich mit meiner Freundin auf der Fähre nach Oslo, da sprach mich beim Abendessen jemand an: „Hey, nice T-Shirt“ Wir fachsimpelten etwas und er schenkte mir eine CD seiner Band.

Oder der Film „Springsteen & I“. Mein Video wurde zwar leider nicht genommen, aber mein Foto ist auf dem Filmposter und auf dem Cover der DVD. Ich sammle alles über Bruce: Poster, Bücher, Bootlegs, über 400 Konzert-DVDs, meine Wohnung ist ein Bruce-Museum. Vor ein paar Jahren habe ich eine neunstündige Springsteen-Biografie für den Radiosender des Offenen Kanals Kiel produziert. Ich hoffe, es dauert noch eine Weile und viele Touren, aber ich habe verfügt, dass irgendwann mal auf meiner Beerdingung „Thunder Road“ und „Jungleland“ gespielt werden.

Text & Fotos: Copyright Otto Hahlbohm

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2015/09/14 in Musik

 

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