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Darfur – Der vergessene Krieg: Die Welt hat mal wieder nur zugeschaut

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Darfur

Von Volker Schönenberger

Der Darfur-Konflikt gilt als Völkermord und größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Mehr als 2,5 Millionen Zivilisten wurden vertrieben, und die Zahl der Toten beziffert sich auf über 400.000 Menschen. (Übersetzung einer Texttafel zu Beginn des Films)

Kriegsdrama // Irgendwann in der ersten Dekade unseres Jahrtausends: Um Menschenrechtsverletzungen im Darfur-Konflikt zu dokumentieren, hält sich eine Gruppe von internationalen Journalisten in der Region im Westsudan auf. Die Kriegsberichterstatter reisen ins Dorf Nabagaia, angeführt von Captain Jack Tobamke (Hakeem Kae-Kazim) von der Afrikanischen Union und ein paar Soldaten. Auf der Strecke bemerkt die Gruppe ein Massengrab. Im Dorf angekommen, befragen die Reporter die Bewohner. Nach einiger Zeit bricht man wieder auf. Kurz darauf nähert sich eine Staubwolke dem Dorf – berittene und motorisierte Dschandschawid, die ganz eindeutig keine friedlichen Absichten haben.

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Massengrab, Zeugnis eines Völkermords

Wer „Darfur – Der vergessene Krieg“ noch nicht geschaut hat und das nachholen möchte, sollte die folgenden drei Absätze aufgrund massiver Spoiler überspringen oder erst nach Sichtung des Films weiterlesen.

Ab hier wird gespoilert

Puh, das ist harte Kost. Ein Dorf wird abgeschlachtet – Vorsicht, Uwe Bolls Drama ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Der streitbare Filmemacher erspart uns zwar einen ausufernden Splatter-Exzess, zeigt das Gemetzel aber als die Grausamkeit, die es ist. Da werden Dorfbewohnerinnen vergewaltigt, Kleinkinder abgeschlachtet, Macheten und Kalaschnikows gegen Wehrlose eingesetzt. Das lässt den Atem stocken und bei manchen Zuschauern einen Kloß im Hals entstehen.

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Zur Untätigkeit verdammt: Reporter Bob Jones

Schonungslos demonstriert Boll die ausweglose Lage der Dörfler und die Hilflosigkeit der Journalisten. Der Dschandschawid-Anführer (Sammy Sheik), ein gutaussehender Beduine, lässt sich von Anfang an auf keine Diskussion mit Captain Tobamke ein, bedeutet ihm unmissverständlich, dass dessen Gruppe umgehend das Dorf zu verlassen habe, andernfalls werde man sie als Teil der Einwohner betrachten – eine unverhohlene Drohung und Ankündigung der finsteren Absichten. Als die Reporter seiner Aufforderung nicht schnell genug Folge leisten, schießt der Anführer eiskalt einem Dorfjungen in den Kopf. Später beschließen die Reporter Freddie (David O’Hara) und Theo (Noah Danby), zum Ort des Massakers zurückzukehren, um Überlebende zu retten und Vergeltung zu üben. Tobamke schließt sich ihnen an, was alle drei schlussendlich das Leben kostet. An Freddie wird gar ein Exempel statuiert: Ein Dschandschawid übergießt ihn mit Benzin, er verbrennt bei lebendigem Leibe.

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Eiskalt: der Kommandant der Dschandschawid

„Darfur – Der vergessene Krieg“ ist nicht nur ein Fanal um Aufmerksamkeit für einen Völkermord, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit vollzogen wurde, sondern auch eine vorzügliche Darstellung des Dilemmas, in dem sich Kriegsberichterstatter oft befinden: An sich ist ihre Aufgabe die des Chronisten, eines unbeteiligten Dokumentierers. Sie sollen sich, so sprach einst der Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs, nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Klar, niemand kann verlangen, dass sie zur Waffe greifen, wie es einige der Reporter in diesem Fall tun – sei das eine Botschaft Bolls gewesen oder in erster Linie ein Vorantreiben der Handlung; aber humanitäre Hilfe kann man an sich schon erwarten. Wann sollen Reporter den Notizblock und das Aufnahmegerät beiseite legen und tatkräftig eingreifen? Diese Frage ist erst recht dann kaum zu beantworten, wenn ein Eingreifen oder gar die pure Anwesenheit mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben verbunden ist wie im Dorf Nabagaia. Dort will die kleine Gruppe die Einwohner retten, indem sie sich als lebendes Schutzschild vor sie stellt. Sie scheitert auf schlimmstmögliche Weise, die Dschandschawid erweisen sich als skrupellos und blutrünstig.

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Die Beduinen metzeln die Dörfler nieder

Mit improvisierten Dialogen und Handkamera-Bildern verleiht Uwe Boll seiner Regiearbeit eine zum Teil dokumentarische Anmutung. Gelegentlich, vor allem am Ende, verlässt er diese Richtung, indem er einen getragenen Score über seine Aufnahmen legt, der gar nicht nötig gewesen wäre. Dennoch ist festzuhalten, dass der vermeintlich talentlose Schrottfilmer Uwe Boll mit „Darfur – Der vergessene Krieg“ ein gelungenes und – jawohl – wichtiges Bürgerkriegsdrama inszeniert hat. Das Werk hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, ist weit mehr als nur einer von wenigen Nach-oben-Ausreißern Bolls. Das hat seinerzeit immerhin der Rezensent von Amnesty International gewürdigt: Ein durch und durch ungewöhnlicher Menschenrechtsfilm … durchaus ernstzunehmender Film, der versucht, öffentliches Bewusstsein für die Tragödie im Sudan herzustellen. Zitiert nach Amnesty Journal 10/11 2010.

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Ein Bewohner wehrt sich

Uwe Boll ist es immer wieder gelungen, interessante Namen aus der zweiten Reihe zu verpflichten. Das gilt auch für das Reporterteam in „Darfur – Der vergessene Krieg“: Edward Furlong ist nach seinem Debüt in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) hoch gehandelt worden und hat mit John Waters‘ Komödie „Der Pecker“ und dem Neonazidrama „American History X“ (beide 1998) weitere wertige Titel in seiner Filmografie, sich aber mit privaten Problemen selbst ins Abseits bugsiert. Der Sprung von TV- und Direct-to-Video-Produktionen auf die große Leinwand gelang Kristanna Loken 2003 für kurze Zeit mit ihrer Rolle als Terminatrix in „Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“. Dort traf sie übrigens nicht auf Edward Furlong, der an sich erneut die Rolle des John Connor übernehmen sollte – seine erwähnten privaten Probleme verhinderten aber, dass er wieder besetzt wurde. Ebenfalls genannt sei Billy Zane als Teil des Journalistenteams. Er ist bekannt aus den ersten beiden „Zurück in die Zukunft“-Filmen (1985 und 1989) sowie aus „Titanic“ (1997). 1996 spielte er „Das Phantom“.

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Freddie greift ein

Kürzlich hat Boll das Ende seiner Regisseurs-Laufbahn verkündet und das mit dem Zusammenbruch des Markts für unabhängige Filmemacher begründet. Wiederholt hat er geäußert, dass er einigen seiner Produktionen nicht nur aus persönlicher Eitelkeit heraus mehr Erfolg gewünscht hätte, sondern weil ihm deren politische Botschaft ein Anliegen ist. Die mangelnde internationale Aufmerksamkeit für „Darfur – Der vergessene Krieg“ gehört womöglich zu Bolls größten Enttäuschungen. Wenn man sich etwa auch seinen intensiven, obgleich reißerischen Vietnamkriegs-Actioner „Tunnel Rats“ (2008) anschaut, der die damaligen Tunnelkämpfe im Dschungel abbildet, kann man es durchaus bedauern, dass Boll nicht mehr auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Da muss man gar nicht als Gegenbeispiele seine zweifellos vorhandenen missratenen Streifen auflisten. „Darfur – Der vergessene Krieg“ ist jedenfalls dafür geeignet, Bolls Kritiker zum Verstummen zu bringen. Seine stets unterhaltsamen Interviews werden uns fehlen – der Mann hat nie ein Blatt vor den Mund genommen.

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Das führt zu seinem grausamen Tod

Für all jene, die sich für den Darfur-Konflikt interessieren: Die oben verlinkten Wikipedia-Artikel enthalten zum Teil aufschlussreiche weitere Verlinkungen, ihre englischen Pendants ebenfalls. Sehenswert sind auch die beiden Dokumentarfilme „Die Todesreiter von Darfur“ („The Devil Came on Horseback“, 2009) und der von George Clooney koproduzierte „Sand and Sorrow“ (2007). Dennoch ist es vermutlich so, dass Spielfilme oft in der Lage sind, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und damit auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen als das Dokus vermögen. Umso bedauerlicher, dass Uwe Boll nach seinen mäßigen bis unterirdischen Videospielverfilmungen einen dermaßen schlechten Ruf hat, dass ein ernsthafter und absolut sehenswerter Beitrag wie „Darfur – Der vergessene Krieg“ nicht so wahrgenommen wird, wie er es verdient hätte: als aufrüttelnder Kommentar zu einem bitteren Weltgeschehen, das die Staatengemeinschaft einmal mehr nicht verhindert hat. Der Völkermord in Ruanda lag erst wenige Jahre zurück, die Welt hätte es wissen können.

Dass wir den Völkermord nicht beendet haben, beweist, dass wir aus der Geschichte nichts gelernt haben. (Übersetzung einer Texttafel am Ende des Films)

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Die Dschandschawid brennen das Dorf nieder

Veröffentlichung: 29. Oktober 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Darfur
KAN/RSA/D 2009
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Uwe Boll, Chris Roland
Besetzung: Kristanna Loken, Billy Zane, Edward Furlong, David O’Hara, Noah Danby, Matt Frewer, Hakeem Kae-Kazim, Sammy Sheik
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Audiokommentar von Regisseur Uwe Boll, Trailershow
Vertrieb: Splendid Film / WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshot: © 2010 Splendid Film / WVG Medien GmbH

 
 

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Gottes General – Schlacht um die Freiheit: Epische Chronik eines Bürgerkriegs

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For Greater Glory – The True Story of Cristiada

Von Volker Schönenberger

Historien-Kriegsdrama // Sagt euch der Guerra Cristera etwas? Mir vor Sichtung von „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ auch nicht. In dem von 1926 bis 1929 dauernden Bürgerkrieg in Mexiko kämpften christliche Milizen, die sogenannten Cristeros, gegen die Regierung von Präsident Plutarco Elías Calles und dessen Maßnahmen gegen die katholische Kirche. Beide Seiten gingen mit brutalen Mitteln und ohne Gnade vor.

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Präsident Calles (3. v. r.) geht mit aller Härte vor

„Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ beginnt mit einer Ankündigung von Präsident Calles (Rubén Blades), der die antiklerikalen Gesetze verschärft: Ausländische Geistliche müssen ausreisen, Priester, die die Regierung kritisieren, müssen mit fünfjähriger Haft rechnen; sie dürfen in der Öffentlichkeit keine religiöse Tracht tragen. In der Bevölkerung regen sich Proteste in Form von Demonstrationen und Boykotten. Calles ergreift härtere Maßnahmen, lässt das Militär Kirchen stürmen und Teilnehmer von Gottesdiensten massakrieren. Geistliche werden ohne Verfahren an die Wand gestellt oder gehenkt, darunter der greise Padre Christopher (Peter O’Toole). Dessen junger Schützling José Sánchez del Río (Mauricio Kuri) muss den Tod seines Mentors mit ansehen und schließt sich anschließend dem Widerstand an.

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Familie Gorostieta wird im Krieg getrennt

Die Cristeros formieren sich, darunter der heißspornige Victoriano „El Catorce“ Ramírez (Oscar Isaac) und der vom Priester zum General mutierte José Reyes Vega (Santiago Cabrera). Es gelingt der Nationalen Liga zur Verteidigung der Religionsfreiheit, den angesehenen General Enrique Gorostieta (Andy García) für ihre Sache zu gewinnen – er soll den Aufstand anführen. Der ist zwar nicht religiös, der Kirche jedoch um seiner Frau Tulita (Eva Longoria) willen wohlgesonnen. Er verlegt sich auf eine Guerilla-Taktik.

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Die Cristeros formieren sich

Knapp zweieinhalb Stunden – „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ verrät allein schon durch die Länge den epischen Anspruch. Etwas kürzer hätte es auch getan, aber die ambitionierte Produktion ist üppig ausgestattet und beim großen Ganzen um Genauigkeit bemüht – soweit ich das mit nur grober Kenntnis der historischen Ereignisse beurteilen kann. Es wird heldenhaft gekämpft und gestorben. Dass „Gottes General“ Enrique Gorostieta Kirche und Religion kritisch gegenübersteht, wird kurz thematisiert und löst sich am Ende etwas pathetisch auf. Aber in Unkenntnis der Haltung der historischen Gestalt Gorostieta zur Religion sei das hingenommen.

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Ungestüm: Victoriano Ramírez

Der echte José Sánchez del Río wird in Mexiko als Märtyrer verehrt und wurde 2005 von Papst Benedikt mit zwölf weiteren Märtyrern seliggesprochen. Entsprechend bewegend und pathetisch ist sein Tod im Film inszeniert worden – inklusive des Kreuzes, das er sterbend mit dem Finger in den Boden gemalt haben soll. Als sei das nicht genug, fand man nun sogar ein Wunder, das man José zuschreiben kann, sodass seiner für den Oktober 2016 angesetzten Heiligsprechung durch Papst Franziskus nichts mehr entgegensteht.

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Gottes General: Gorostieta zettelt einen Guerillakrieg an

Etwas verwundert nimmt man zur Kenntnis, dass in einer mexikanischen Produktion über bedeutsame mexikanische Ereignisse keine Mexikaner in Hauptrollen zu sehen sind, aber die erlesene internationale Besetzung ist über Zweifel erhaben. Immerhin haben Andy García („Die Unbestechlichen“), Oscar Isaac („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) und Rubén Blades („The Counselor“) lateinamerikanische Wurzeln, „Desperate Housewives“-Star Eva Longoria ist sogar mexikanischer Abstammung.

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Die Soldaten der Regierung …

Für Peter „Lawrence von Arabien“ O’Toole (1932–2013) war es eine seiner letzten Rollen. Als Regisseur verpflichteten die Produzenten den Debütanten Dean Wright, der ansonsten visuelle Effekte verantwortet, darunter für „Titanic“, zwei „Der Herr der Ringe“-Teile und zwei „Die Chroniken von Narnia“-Teile. Den Soundtrack lieferte James Horner (1953–2015), zweifacher Oscar-Preisträger für die Filmmusik und den Song „My Heart Will Go on“ aus „Titanic“. Da hat man sich also nicht lumpen lassen und vom nördlichen Nachbarn Kalifornien große Namen für Mexiko verpflichtet. „Gottes General – Schlacht um die Freiheit“ sollte Hollywood-Format erhalten, das ist zweifelsohne gelungen. Etwas glattes, gleichwohl beeindruckendes episches Breitwand-Kino.

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… kennen keine Gnade

Oscar Isaac bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Gottes General – Schlacht um die Freiheit (2012)
Revenge for Jolly! (2012)
Inside Llewyn Davis (2013)
A Most Violent Year (2014)
Ex Machina (2015)
Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht (2015)
X-Men – Apocalypse (2016)

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Vom Priester zum General: José Vega

Veröffentlichung: 12. Februar 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 139 Min. (Blu-ray), 135 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch/Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: For Greater Glory – The True Story of Cristiada
MEX 2012
Regie: Dean Wright
Drehbuch: Michael Love
Besetzung: Andy García, Oscar Isaac, Catalina Sandino Moreno, Rubén Blades, Peter O’Toole, Eva Longoria, Mauricio Kuri, Adrian Alonso, Eduardo Verástegui, Nestor Carbonell, Santiago Cabrera, Jorge Luis Moreno, Bruce Greenwood, Bruce McGill, Joaquín Garrido, Alma Martinez, Horacio Garcia Rojas, Raúl Méndez
Zusatzmaterial: Die wahre Geschichte der Cristeros (27. Min.), Wendecover
Vertrieb: Pandastorm Pictures

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Pandastorm Pictures

 

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Der stolze Rebell – Hoffnung im Schatten des Krieges

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The Proud Rebel

Von Ansgar Skulme

Western-Melodram // Ein früherer Südstaatensoldat (Alan Ladd) reist nach dem Bürgerkrieg mit seinem Sohn David (David Ladd) in den Norden, stetig auf der Suche nach einem Arzt für das Kind. Der Junge musste in Abwesenheit des Vaters mit ansehen, wie das Haus der Familie niederbrannte und die Mutter dabei zu Tode kam – seitdem hat er die Sprache verloren und hängt mehr denn je an seinem treuen Freund, einem kleinen Hund. Nur die alleinstehende Linnett Moore (Olivia de Havilland) und ein freundlicher Mediziner (Cecil Kellaway) kümmern sich um die Kriegsverlierer, aber auch auf dem Land von Miss Moore droht den Gebeutelten Unheil: Die Burleigh-Familie (unter anderem: Dean Jagger) hat es auf die Ländereien abgesehen und der Geschäftsmann Bates (James Westerfield) auf den Hund vom kleinen David …

Das Ganze liest sich auf den ersten Blick schrecklich vorhersehbar und rührselig, aber da man dem ohnehin in seinen 50er-Jahre-Filmen häufig recht resigniert wirkenden Alan Ladd diese Rolle hervorragend abkauft und seinem Sohn David im Alter von nur zehn Jahren eine enorm gute schauspielerische Leistung gelang, funktioniert dieses Spätwerk von Michael Curtiz durchaus ansprechend. David Ladd wurde verdient für gleich zwei reguläre Golden Globes nominiert und letztlich mit einem Special Award als bester jugendlicher Darsteller ausgezeichnet. „Der stolze Rebell“ wirkt bemerkenswert aufrichtig und ist dadurch bewegend, was letztlich in erster Linie dem guten Gespür von Michael Curtiz zu verdanken ist, die Bilder nüchtern zu belassen, da die Story ohnehin melodramatisch genug ist. Es besteht schlicht keine Notwendigkeit einer Dopplung von melodramatischer Handlung und Bildsprache, wie man es etwa von Douglas Sirk („Was der Himmel erlaubt“) kennt. Im Ergebnis heißt das: Viel glaubwürdiger als „Der stolze Rebell“ kann man ein Melodram im Grunde kaum inszenieren.

Momente das Abschieds

Glaubwürdig ist der Film aber auch, weil man Olivia de Havilland – hier im fünften ihrer nur sechs Filme aus den 50er-Jahren zu sehen – die bescheidene, alleinstehende Frau als ehrlich und liebevoll abnimmt; rüstig verwaltet sie ein großes Stück Land und ist glücklich, als sie sieht, wie sich der kleine Junge über sein neues Zuhause freut, das bisher ihr alleiniges Heim war. Einmal mehr überzeugt de Havilland als starke Kämpferin für das Gute, der alles Böse komplett fremd zu sein scheint – das Rollenprofil, mit dem sie seit den 30er-Jahren berühmt geworden war. Es war nicht nur ihr letzter Kino-Western, dem lediglich noch eine Episode der Serie „Big Valley“ von 1965 folgte, sondern auch ihr letzter Film mit Michael Curtiz, dem Regisseur, der sie mit Filmen wie „Unter Piratenflagge“ (1935) und „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) berühmt gemacht hatte.

Mit Alan Ladd, der sich zunächst vor dem raubeinigen Umgang des Regisseurs mit seinen Stars gefürchtet hatte, drehte Curtiz unmittelbar danach noch den Kriminalfilm „Das tödliche Netz“ (1959). Binnen nur weniger weiterer Jahre sollten die Hollywood-Karrieren beider Stars und des Regisseurs enden: Michael Curtiz starb 1962, Alan Ladd 1964 und Olivia de Havilland war nachfolgend nur noch in vier Hauptrollen im Kino zu sehen – 1964 in ihrer letzten. Ein Spätwerk war der Film aber auch für den angehenden Jungstar Tom Pittman, welcher einen der beiden Söhne der Burleigh-Familie spielt. Pittman wurde seinerzeit als Nachfolger von James Dean gehandelt, starb aber fünf Monate nach der Premiere des Films mit 26 Jahren bei einem Autounfall. Der Film „Verboten!“, eine Zusammenarbeit mit Samuel Fuller, und seine erste Kinohauptrolle „High School Big Shot“, die ihm im Doppelpack wahrscheinlich eine große Tür aufgestoßen hätten, erschienen 1959 erst posthum.

Ein rares Synchronvergnügen

In den USA wurde der Film 2011 von Echo Bridge Home Entertainment auf DVD veröffentlicht und dabei offen als Familienfilm angepriesen – mit einem Cover, das stark an Disney-Veröffentlichungen von Produktionen jener Zeit erinnert. Zuvor gab es bereits 2007 eine Veröffentlichung, im August 2015 folgte eine weitere. Kurzum: Selbst in seinem Herkunftsland schieben kleine Labels den Film hin und her. Für den Kino-Verleih in den USA war ursprünglich Buena Vista zuständig, in Deutschland wurde der Film von MGM auf die Leinwand gebracht. Offen bleibt, ob es aus dieser Sachlage einen Ausweg für das Werk auf eine deutsche DVD gibt. Lohnend wäre eine Veröffentlichung in der Bundesrepublik schon allein deswegen, weil es sich hierbei um einen der wenigen Filme handelt, in denen Werner Peters (1918–1971) in der Hauptrolle, als Stimme von Alan Ladd, zu hören ist – ein auch vor der Kamera in den 50er- und 60er-Jahren durchaus namhafter deutscher Schauspieler („Der Untertan“, 1951), der es bis ins internationale Kino und in Filme wirklich großer Regisseure schaffte. Peters arbeitete in den 50ern zwar häufig als Synchronsprecher und war auch oftmals in recht großen Rollen im Einsatz, den an erster Stelle genannten Star eines Films durfte er aber leider nur ausgesprochen selten sprechen. Wer nach weiteren Beispielen Ausschau hält, dem sei noch der Film noir „Der Henker nimmt Maß“ (1957) empfohlen, in dem Werner Peters in einer Doppelrolle für Jack Palance zu hören ist. Auch hierbei handelt es sich um eine MGM-Veröffentlichung – ein Studio, das oftmals mit ungewöhnlichen Synchronbesetzungen auffiel und auch gern einmal lange bewährte Kontinuitäten missachtete, im Falle von Peters aber einen guten Schachzug tätigte.

Von der Reduzierung des Michael Curtiz

Abschließend bietet es sich an, ausgehend von diesem Film und anknüpfend an meinen Text zu „Goldene Erde Kalifornien“ (1938), den allgemeinen filmhistorischen Umgang mit Michael Curtiz zu kritisieren, nicht zuletzt was die Veröffentlichung seiner Filme bis heute anbelangt – speziell in Deutschland. Curtiz war ein überaus fleißiger Regisseur, der gewissermaßen bis zum letzten Atemzug auf höchstem Niveau arbeitete. Einer, der bereits in den 30er-Jahren enorm erfolgreich gewesen ist und nach dem Tonfilm auch alle neuen Farbverfahren stets zeitnah erproben durfte. Schon Anfang der 30er war er eine sichere Bank und die Produzenten brachten ihm großes Vertrauen entgegen. Viele seiner 30er-Filme waren bei uns in Deutschland noch sehr lange im TV präsent, regelmäßig im Nachtprogramm der ARD und der dritten Programme vertreten, und sind es teilweise noch heute. Ab Ende der 30er-Jahre wird Curtiz‘ Schaffen aber zu sehr mit Blick auf seine Zusammenarbeiten mit Errol Flynn (und Olivia de Havilland) reduziert – nicht nur in Deutschland.

Von den mehr als 30 Filmen, die er nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. etwa ab seinem 60. Lebensjahr bis zu seinem Tod binnen weniger als 20 Jahren fertigstellte, sind viele heute kaum noch bekannt, obwohl von fast allen (sogar von fast allen seit Anfang der 30er-Jahre!) eine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Curtiz drehte rund 100 Tonfilme, die beinahe von Beginn an erfolgreich waren, und hatte zuvor auch schon rund 70 Stummfilme realisiert, aber eine Michael-Curtiz-Box oder -Collection lässt selbst in den USA oder Großbritannien bis heute auf sich warten. Curtiz war weder nur der Haus-und-Hof-Regisseur von Errol Flynn, als der er gern einmal verkauft wird, noch brachte der an Heiligabend geborene Regie-Veteran in den 50ern nicht mehr als lediglich die beiden großen Weihnachtsklassiker „Weiße Weihnachten“ (1954) und „Wir sind keine Engel“ (1955) zustande. Bis zu seinem Tod im Alter von 75 Jahren war er quer durch die Genrewelt aktiv, und noch seine finalen drei Filme waren bei Licht betrachtet Hausnummern: die Mark-Twain-Verfilmung „Abenteuer am Mississippi“ (1960), das heute fast vergessene Biopic „Franz von Assisi“ (1961) und schließlich der John-Wayne-Western „Die Comancheros“ (1961), doch ebenso stiefmütterlich wie „Franz von Assisi“ werden auch die meisten anderen Filme behandelt, die er vor, nach und während seiner Zeit mit Errol Flynn drehte. Selbst seine im TV noch einigermaßen präsent gebliebenen 30er-Filme gibt es hierzulande größenteils nicht auf DVD.

Das Problem der Vielseitigkeit

Die Filmografie von Michael Curtiz sachgemäß und qualitativ angemessen zugänglich zu machen und in ihrer Breite zu erschließen, für die Errol Flynn nur ein Baustein war, ist eine große, bisher nicht bewältigte Aufgabe. Was in Deutschland an Filmen vergessen wurde, wurde in den USA zu einem guten Teil zumindest degradiert. Stellt sich eigentlich nur die Frage, wo man zuzugreifen und dies zu ändern beginnt. Selbst wenn man vorerst nur die Filme ab dem Beginn seines wirklich großen Erfolgs mit einigen Genre-Meilensteinen im Horror-, Kriminal- und Gangsterfilm Anfang der 30er berücksichtigt, bleiben von dort aus bis zu seinem Tode immer noch dreißig Jahre eher spärlich beleuchtete Kinogeschichte übrig.

Der gebürtige Budapester Michael Curtiz ist einer der Regisseure, denen es zum Verhängnis geworden zu sein scheint, dass sie praktisch alles konnten, dies ausgewogen zeigten und einfach nicht auf ein Genre festzunageln sind, mit dem man sie assoziiert. John Ford verbindet man mit dem Western, James Whale oder Tod Browning mit dem Horrorfilm, Hal Roach mit Slapstick, Alfred Hitchcock mit dem Thriller, Cecil B. DeMille mit epischen Großproduktionen; allesamt werden sie als Meister des jeweiligen Sektors ausgerufen – und das sicher nicht zu Unrecht, aber ihre Schwerpunkte waren auch dementsprechend gelagert. Und Michael Curtiz, der keinen wirklichen Schwerpunkt hatte, sondern alles ausprobierte, technisch und inhaltlich sehr offen war, assoziiert man … mit Errol Flynn und „Casablanca“ (1942). Der einzige sehr rege bei großen Studios aktive Regisseur, dem man auf diese Weise Unrecht tut, ist er aber sicher nicht. Man könnte nun beispielsweise mit Allan Dwan weitermachen, dem das Cinema-Ritrovato-Festival in Bologna immerhin erst vor wenigen Jahren eine Retrospektive widmete, aber das ist eine andere Geschichte.

Olivia de Havilland bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Wiegenlied für eine Leiche (1964)

Michael Curtiz bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Die Comancheros (1961)

Veröffentlichung (USA): 12. August 2015, 3. Mai 2011 und 22. Mai 2007 als DVD

Länge: 103 Min. (Kino)
Originaltitel: The Proud Rebel
USA 1958
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Joseph Petracca & Lillie Hayward, nach einer Geschichte von James Edward Grant
Besetzung: Alan Ladd, Olivia de Havilland, Dean Jagger, David Ladd, Cecil Kellaway, Harry Dean Stanton, Tom Pittman, Henry Hull, Eli Mintz, John Carradine, Percy Helton
Vertrieb: Buena Vista Film Distribution Company & Metro-Goldwyn-Mayer

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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