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Sieben Tage im Mai – Wer ist hier der Judas?

Seven Days in May

Von Ansgar Skulme

Politthriller // Colonel „Jiggs“ Casey (Kirk Douglas) kommt durch Zufall einem geheimen Stützpunkt das US-Militärs innerhalb der Vereinigten Staaten auf die Spur, von dessen Existenz noch nicht einmal der US-Präsident (Fredric March) etwas weiß. Allem Anschein nach wissen die dort beschäftigten Soldaten zum Teil wiederum nichts davon, dass der Stützpunkt vor dem Staatsoberhaupt geheim gehalten wird. Die Anzeichen verdichten sich, dass ein militärischer Putsch zum Sturz der Regierung geplant ist, der General James Mattoon Scott (Burt Lancaster) den Weg an die Spitze des Landes ebnen soll. Hinter sich hat er pro-militärische Kritiker eines Atom-Abrüstungsdeals zwischen dem US-Präsidenten und der Sowjetunion versammelt, die das Vertrauen in ein vertragliches Abkommen mit den Sowjets als Landesverrat darzustellen versuchen, den das Weiße Haus zu verantworten habe.

Nach seinem großen kommerziellen Erfolg mit „Botschafter der Angst“ (1962) – Originaltitel: „The Manchurian Candidate“ – legte John Frankenheimer mit „Sieben Tage im Mai“ einen weiteren Film höchster politischer Brisanz nach. Denkt man zudem vor allem an Otto Premingers „Sturm über Washington“ (1962) und Sidney Lumets „Angriffsziel Moskau“ (1964), ist klar, welche Bedeutung derartige Polit-Epen vergleichbarer Grundstimmung, mit diversen berühmten Schauspielern in den Besetzungslisten, für das US-Kino der ersten Hälfte der 60er-Jahre hatten. „Sieben Tage im Mai“ jedoch ist der einzige dieser vier Filme, der in Deutschland bisher noch nicht auf DVD geschweige denn Blu-ray veröffentlicht worden ist – während sich in den USA bereits die Warner Brothers um dieses Paramount-Erbstück kümmern.

Ein Wunschfilm von John F. Kennedy

Diese nach einem Drehbuch von „The Twilight Zone“-Schöpfer Rod Serling entstandene Produktion hat aus heutiger Sicht einen bitteren Beigeschmack: John F. Kennedy war ein großer Freund der Idee einer Verfilmung des Romans von 1962 rund um die Verschwörung gegen den Präsidenten und fiel wenig später bekanntlich unter bis heute nicht abschließend geklärten Umständen wirklich einem Attentat zum Opfer. Es heißt, der baldige Kinostart von „Sieben Tage im Mai“ sei am Tag der Ermordung Kennedys groß, mit einer der ersten ganzseitigen Anzeigen für diese kommende Veröffentlichung, in der New York Times beworben worden – ein düsterer Zufall. Wohl auf Drängen von Burt Lancaster wurde der Starttermin dann verschoben.

Das Weiße Haus war relativ eng in die Dreharbeiten involviert. Beispielsweise gewährte man dem Produktionsteam Zutritt, um einen möglichst originalgetreuen Nachbau der Filmsets zu ermöglichen; auch durfte unmittelbar vor dem Anwesen gedreht werden. So weit, John Frankenheimer und seiner Crew eine Drehgenehmigung am Pentagon zu verschaffen, reichte offenbar jedoch nicht einmal die Macht des US-Präsidenten. Dort filmte man daher mit versteckter Kamera, und Nichtsahnende salutierten dem passend zum Rang eines Colonels uniformierten Kirk Douglas – was sich natürlich gut in die Handlung fügt. Auch eine Szene, in der sich der von Martin Balsam gespielte Paul Girard dem Flugzeugträger „USS Kitty Hawk“ nähert, wurde ohne vorherige Genehmigung des Verteidigungsministeriums gefilmt, damit das stolze Schiff in jedem Falle zu sehen sein konnte.

Ursprünglich war für Kirk Douglas die Rolle des General Scott vorgesehen. Er hielt seinen mehrfachen Co-Star Burt Lancaster allerdings für die passendere Besetzung und setzte dessen Mitwirkung durch. Aus heutiger Sicht wird das gern einmal so dargestellt, als habe sich Douglas mit der weniger bedeutsamen Rolle begnügt, doch daran darf man berechtigte Zweifel haben. Seine in einen herben Gewissenskonflikt geratende Figur – einer, der zunächst sehr viel grübeln und in der Folge die Worte genauestens überdenken muss, die er schließlich zum Präsidenten und auch zu General Scott sagen wird – ist bei Licht betrachtet ein nicht minder vielschichtiger Part. Lancaster und Douglas wie auch Fredric March in der Rolle des US-Präsidenten nehmen sich dahingehend ausgesprochen wenig. Es ist ein Film der spannenden Figuren, was direkt bei den engsten Beratern des Präsidenten weitergeht, die von Edmond O’Brien, George Macready und Martin Balsam hervorragend verkörpert werden – O’Brien gewann für seine Leistung den Golden Globe und errang zudem eine Oscar-Nominierung, mit der er an Peter Ustinov für dessen Leistung in „Topkapi“ scheiterte. Nominierungen bei den Globes gab es auch für die Regie sowie Fredric March als besten Hauptdarsteller in einem dramatischen Film und die Musik von Jerry Goldsmith – bei den Oscars punktete, als zweite Nominierung neben O’Brien, stattdessen das Szenenbild in Schwarz-Weiß. O’Briens Sieg bei den Golden Globes blieb dabei jedoch der einzige auf beiden Preisverleihungen. Für eine kleine, aber brisante Rolle konnte außerdem der damals schon für seine Arbeiten auf der Bühne und als Filmproduzent populäre John Houseman („Rollerball“) gewonnen werden, der sich erst ab den 70er-Jahren vermehrt als Schauspieler vor der Kamera versuchte – dann bereits im gestandenen Alter um die 70 Jahre. Er wirkte in „Sieben Tage im Mai“ ohne namentliche Nennung mit, für seine erste große Filmrolle in „Zeit der Prüfungen“ (1973) gewann er sofort einen Oscar.

Die Wiederversöhnung

John Frankenheimer hatte zunächst Vorbehalte gegen die Beteiligung von Burt Lancaster, da die Dreharbeiten zu „Der Gefangene von Alcatraz“ (1962) nicht ohne Reibereien verlaufen waren, musste sich dem Willen von Kirk Douglas letztlich aber beugen, weil dieser versicherte, Lancaster werde sich gut benehmen. Überraschenderweise kamen Frankenheimer und Lancaster am Set dann tatsächlich sehr gut miteinander klar – der angehende Regie-Star lobte den Hünen Lancaster insbesondere für die lange Dialogszene zwischen General Scott und dem Präsidenten gar in den höchsten Tönen –, aber stattdessen geriet Frankenheimer ausgerechnet mit Kirk Douglas aneinander. Douglas lobte er für eine schauspielerisch als sehr kompliziert erachtete Szene, in der es zum eröffnenden Dialog mit dem US-Präsidenten kommt, jedoch ebenfalls in aller Deutlichkeit. Burt Lancaster holte John Frankenheimer kurz darauf sogar noch als Ersatz für Arthur Penn als Regisseur von „The Train – Der Zug“ (1964) an Bord. Erst während dieser Dreharbeiten zum Nachfolgeprojekt wurde offenbar auch das nun im Film sichtbare alternative Ende von „Sieben Tage im Mai“ nachgedreht; und das bedingt durch den Produktionsstandort von „Der Zug“ in Frankreich. Das vorher gedrehte, aber dann nicht verwendete Finale, das gleichfalls General Scott als Protagonisten nutzte, soll sich näher an der Romanvorlage orientiert haben.

Fans von Robert Siodmaks „Die Killer” (1946) könnten sich gleichsam ein wenig in ein anderes Projekt versetzt fühlen, da mit Burt Lancaster, Ava Gardner und Edmond O’Brien alle drei Hauptdarsteller aus dem legendären Film noir hier ebenfalls zu sehen sind, wobei sich ihre Berührungspunkte in „Sieben Tage im Mai“ in überschaubaren Grenzen halten. Eine weitere spannende Dopplung gibt es mit Stanley Kramers „Wer den Wind sät“ (1960), da ursprünglich Spencer Tracy für die Rolle des US-Präsidenten in „Sieben Tage im Mai“ vorgesehen war, der dann aber vom etwas älteren Fredric March ersetzt wurde, der in „Wer den Wind sät“ seinen fundamentalen Widersacher vor Gericht gespielt hatte. Es ist überliefert, dass die anderen Schauspieler mit sehr viel Ehrfurcht vor der Lebensleistung von March am Set von „Sieben Tage im Mai“ agierten, der von 1931 bis 1952 insgesamt fünfmal für den Hauptdarsteller-Oscar nominiert war und zweimal gewinnen konnte. Er hatte in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre einen Punkt in seiner Karriere erreicht, ab dem er so langsam nur noch sparsam ausgewählte Rollen übernahm. In der Folge erschienen bis zu seinem Tod lediglich drei weitere Spielfilme, jeweils im Abstand von etwa drei Jahren, in denen Fredric March zu sehen war.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

John Frankenheimer wollte „Sieben Tage im Mai“ gern als seine Art der Abrechnung mit dem berüchtigten Kommunistenjäger Joseph McCarthy verstanden wissen, der in den 50er-Jahren auch viele Karrieren in Hollywood zerstört hatte. Er wird mit den Worten zitiert, er habe McCarthy mit diesem Film einen Nagel in den Sarg schlagen wollen. Ein weiteres Ziel der Handlung ist Edwin Walker, ein Generalmajor der US-Armee, der durch seine rassistischen und antikommunistischen Ansichten, aber gerade 1962 auch durch seinen Versuch, in der Politik Fuß zu fassen und die Bevölkerung gegen angebliche Verschwörungen aufzuwiegeln, von sich reden machte. Er versuchte unter anderem, die Kennedy-Regierung als Landesverräter darzustellen, und inszenierte sich im Zuge einer fünftägigen Inhaftierung als angeblicher politischer Gefangener Kennedys. Der nach heutigem Stand der Erkenntnisse als Kennedy-Attentäter bezeichnete Lee Harvey Oswald soll schon im April 1963 – über ein halbes Jahr vor der Ermordung Kennedys – versucht haben, auch Walker zu erschießen. Der Versuch scheiterte allerdings knapp und resultierte lediglich in einer leichten Verletzung.

Topaktuell zeigte sich „Sieben Tage im Mai“ auch durch ein Verbot in Brasilien, wo Ende März / Anfang April 1964 ein Militärputsch stattfand, der den Schilderungen im Film ähnlich genug war, dass man seitens der Verantwortlichen Angst hatte, die Geschichte quasi parallel dem Kinopublikum zu zeigen, und daher eine Kino-Veröffentlichung verhinderte. Kurioserweise wurde dieser Militärputsch allerdings von der US-Regierung unterstützt – wenige Monate nach John F. Kennedys Ermordung. Zu einem regulären Kinostart in Brasilien kam es daher offenbar auch später nicht mehr.

Nicht zuletzt verweist „Sieben Tage im Mai“ neben seinen vielen recht zeitlosen politischen Botschaften auch mit ein wenig erfinderischem Reichtum in die Zukunft, was mit dem Auge des heutigen Betrachters auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen ist. Da die Geschichte einige Jahre später, in der nahen Zukunft der 70er-Jahre spielt, wird die Video-Konferenz als Kommunikationsmittel in der Führungsetage des Landes gezeigt – in der ersten Hälfte der 60er, zum Zeitpunkt des Drehs, war das allerdings noch Zukunftsmusik. Außerdem versuchte man beispielsweise durch die Verwendung exotisch aussehender ausländischer Autos – anstelle in den USA geläufiger Marken – ein futuristisches Äußeres zu suggerieren. Von heute aus betrachtet schwer nachzuvollziehen, wenn man nicht darum weiß.

Bewährte Kost aus Berlin

Die deutsche Synchronfassung greift mehrere bereits geläufige Varianten bei der Sprecherbesetzung auf. So ist Arnold Marquis einmal mehr als Stimme von Kirk Douglas zu hören, während unter den diversen Sprechern, die seit den frühen 50ern für Burt Lancaster immer wieder zu Einsätzen gekommen waren, hier Horst Niendorf den Vorzug erhielt, der Lancaster zuvor schon unter anderem in „Der rote Korsar“ (1952) und „Zwei rechnen ab“ (1957) seine Stimme geliehen hatte. Die Besetzung von Paul Wagner für Fredric March ist eine Wiederentdeckung aus zwei Filmen aus der Mitte der 50er-Jahre. Siegfried Schürenberg wäre bei March eine andere Möglichkeit des Rückgriffs auf die 50er gewesen – der spricht in „Sieben Tage im Mai“ allerdings George Macready und passt so gut, dass man sich fragt, warum es diese Besetzung nicht viel öfter gegeben hat. Ähnliches gilt gleichfalls für eine weitere starke neu entdeckte Variante: die hervorragende Darbietung von Fritz Tillmann, der die preisgekrönte Rolle von Edmond O’Brien auch im Deutschen zu einem besonderen Erlebnis macht. Der spätere „Tatort“-Kommissar Martin Hirthe hatte hier einen seiner frühesten Einsätze als Stimme von Martin Balsam und kam bis weit in die 70er-Jahre hinein häufig für Balsam zum Einsatz.

Eine gewisse Absurdität hinsichtlich der Synchronfassung findet sich bei Ava Gardner: Diese war ab 1952 lange Zeit recht konstant von Edith Schneider gesprochen worden. Überwiegend handelte es sich dabei allerdings um MGM-Filme, ein Studio/Verleih, dessen Star-Stammbesetzungen häufig von den deutschen Versionen abwichen, die andere (Synchron-)Studios und Verleihe parallel für dieselben Schauspieler etablierten. Ava Gardner jedoch hatte bei anderen Studios/Verleihen gar keine alternative Stammsprecherin, da sie dafür in den 50ern auch einfach zu selten abseits des Hoheitsgebietes von MGM arbeitete. Punktuell wurde Edith Schneider seinerzeit sogar übernommen, wenn einmal nicht MGM am Werk war. In der zweiten Hälfte der 50er gab es selbst bei MGM aber plötzlich Abweichungen bei der Besetzung von Ava Gardner – und ab den 60ern wurden für diese gestandene Hollywood-Größe mit einem Mal munter die Stimmen durchgewechselt, auffällig oft für einen Star dieser Kategorie. Schon ab 1956, und nicht erst in ihrem Spätwerk in den 70ern oder 80ern, setzte man ständig andere Synchronschauspielerinnen für sie ein, von denen es alle außer Edith Schneider, die 1959 noch ein letztes Mal – in dem United-Artists-Film „Das letzte Ufer“ – nach vorausgegangenen Unterbrechungen für Ava Gardner zu hören war, nur auf wenige Einsätze für Gardner brachten. Recht absurd, dass sich dies in den 60er-Jahren und später derart niederschlägt, weil Gardner gerade da ja dann keine enge Bindung mehr an MGM-Produktionen hatte und man somit eigentlich besser denn je, relativ unproblematisch eine verlässliche, studioübergreifende Stammbesetzung hätte verfestigen können, die auch nicht mehr ständig von MGMs Eigensinn unterbrochen worden wäre. Warum auch immer man nun Edith Schneider nicht mehr besetzte, wäre man zumindest gut beraten gewesen, sich auf neue konstante Varianten festzulegen. Die Option mit der recht rauen Stimme von Gisela Trowe in „Sieben Tage im Mai“ würde ich dabei sogar als besonders unglücklich bewerten; sicher eine der unpassendsten Stimmen, die sie jemals hatte. Edith Schneider war in jedem Falle noch sehr lange im Synchron aktiv und nicht aus der Welt, aber zu einem Comeback für Ava Gardner kam es dennoch nicht. Ihre letzten Kinorollen übernahm sie mit weit über 80 Jahren, als sie im vierten und fünften Teil der „Harry Potter“-Reihe ihre sieben Jahre jüngere Kollegin Bettina Schön als Stimme von Maggie Smith ersetzte, die sich in den Ruhestand verabschiedet hatte.

Ava Gardner hielt sich nicht für eine gute Schauspielerin und machte im Rückblick auf ihr Leben einmal deutlich, dass die damaligen weiblichen Stars bei MGM ihrer Ansicht nach alle nur zum Gutaussehen dagewesen seien. Mancher Kritiker oder Fan des klassischen Hollywoods macht auch absolut keinen Hehl daraus, dass er ihre eigene Einschätzung über ihr Talent teilt. Aber egal, ob das wilde Durchwechseln ihrer Sprecherinnen ab dem Ende ihrer MGM-Festanbindung nun Zufall war – ja, selbst wenn es eine Art Protest anderer Studios gegen die auffällig eigensinnigen MGM-Synchronbesetzungen der 50er und 60er gewesen wäre, die langjährige und natürlich auch als solche wahrgenommene „MGM-Stars“ wie Ava Gardner für sonstige Studios gewissermaßen vom Synchronmarkt entfernten, so dass man sich dann später im Synchron nur an einer MGM-Besetzung orientieren oder neu starten hätte können, während sich MGM seinerseits aber auch eher selten an den anderen Studios orientierte –, sollte eines wohl klar sein oder zumindest klargestellt werden: So unbedeutend, dass sie nicht einmal annähernd Konstanz bei ihrer deutschen Stimme über schlappe fünf bis sieben Jahre ihrer Karriere hinaus verdient hatte, war Ava Gardner beileibe nicht! Und ob jemand bedeutend war oder nicht, hat zudem auch nicht zwingend etwas damit zu tun, ob er als Schauspieler, oder worin auch immer, gut war oder nicht. Gut zu sein und bedeutend zu sein, sind zwei grundverschiedene Dinge, die manchmal parallel laufen, manchmal aber auch nicht – man kann beides ohne das jeweils andere sein oder eben beides gleichzeitig. Das gilt beim Film und bekanntlich auch noch in vielen anderen Feldern des Lebens.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Frankenheimer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ava Gardner unter Schauspielerinnen, Filme mit Martin Balsam, Kirk Douglas, Burt Lancaster und Fredric March in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 2. Mai 2017 als Blu-ray, 22. November 2016 als DVD, 16. Mai 2000 als DVD

Länge: 118 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Seven Days in May
USA 1964
Regie: John Frankenheimer
Drehbuch: Rod Serling, nach einem Roman von Fletcher Knebel und Charles W. Bailey II
Besetzung: Burt Lancaster, Kirk Douglas, Fredric March, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Martin Balsam, Andrew Duggan, Whit Bissell, George Macready, John Houseman
Verleih: Paramount Pictures / Warner Bros.
Label/VErtrieb: Warner Archive Collection

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Der Mitternachtsmann – Bearbeitung einer Männlichkeitskrise

The Midnight Man

Von Lucas Gröning

Krimidrama // Der auf Bewährung freigelassene Ex-Polizist Jim Slade (Lancaster) nimmt einen neuen Job als Nachtwächter an einem College an. Eigentlich ein ruhiger Job, so erscheint es dem ehemaligen Gesetzeshüter, doch bereits in seiner ersten Nacht bricht jemand in eines der Campusgebäude ein und entwendet wichtige Aufnahmen der dortigen Universitätspsychatrie. Ein paar Nächte später folgt der nächste Schock: Eine junge Frau, ausgerechnet die Tochter des dort ansässigen Senators, findet sich tot in einem der Gebäude. Es beginnen unruhige Zeiten, der Mordfall überfordert die ansässige Polizei. Nun liegt es ausgerechnet am in den Rang eines Nachtwächters degradierten Ex-Cop, der Sache auf den Grund zu gehen.

Das ist die Ausgangslage in Roland Kibbees und Burt Lancasters Film „Der Mitternachtsmann“ von 1974. Beide schrieben darüber hinaus das Drehbuch, dessen Geschichte auf dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony aus dem Jahr 1969 basiert. Lancasters Verkörperung des Ex-Cops gehört zu seinen weniger bekannten Rollen, kennt man ihn doch eher auch aus Filmen wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Der Leopard“ (1963) und „Elmer Gantry“ (1960), für den er 1960 den Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte. Roland Kibbee wiederum kennt man vor allem für seine Arbeit als Drehbuchautor für Fernsehserien, etwa „Barney Miller“ (1974–1982), „Columbo“ (1973–1975) und „The Bob Newhart Show“ (1961–1962). „Der Mitternachtsmann“ stellt seine einzige Langfilm-Regiearbeit dar, zuvor hatte er auch nur ein einziges Mal bei einer Serienepisode Regie geführt. Man kann es bereits vorweg anführen: Die Zusammenarbeit einer über die gesamte Karriere vor allem als Schauspieler tätigen Filmikone und eines Drehbuchautors für Fernsehserien sorgt nicht unbedingt dafür, dass am Ende ein brillanter Film herauskommt. Für Lancaster war es nach „Der Mann aus Kentucky“ (1955) seine zweite und letzte offizielle Regiearbeit – die IMDb gibt ihn für „Weißer Herrscher über Tonga“ von 1954 als Ko-Regisseur „uncredited“ an, sein tatsächlicher Anteil an der Regie des Pazifik-Abenteuers bleibt aber offen.

Film oder Fernsehserie?

So oder so finden sich in „Der Mitternachtsmann“ einige interessante Aspekte, die es zu analysieren gilt. Kommen wir zunächst zur Ästhetik des Films, die sich in gewisser Weise extrem ambivalent verhält und das sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Zum einen werden uns zum Teil wunderschön komponierte Bilder präsentiert, die sowohl hinsichtlich der Aufteilung ihrer Objekte als auch was die Ausleuchtung mit ganz verschiedenen Farben, beispielsweise dem roten Licht in einer Diskothek, angeht, durchaus zu beeindrucken wissen. Auch eine toll eingesetzte Plansequenz in Kombination mit einem inneren Monolog gehört zu den besten technischen Umsetzungen des Werkes. In diesen Momenten merkt man dem Film Burt Lancasters große Kinoerfahrung aus der Zusammenarbeit mit etlichen Regisseuren an. Durch den ganzen Film ziehen sich diese tollen Bilder jedoch nicht, denn es ist neben Lancasters Einfluss auch noch derjenige der anderen Person zu erkennen, die auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Die zum Teil recht innovativen und ästhetisch wertvollen Bilder wechseln sich nämlich mit recht innovationslosen und einfach gehaltenen Eindrücken ab. Dies wird besonders in den Dialogen ersichtlich, wenn sich die Kamera oftmals keiner weiteren Mittel bedienen kann als dem klassischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Hier wird auch keine weitere Ebene aufgemacht, indem man die Personen zum Beispiel aus verschiedenen Winkeln von oben oder unten filmt, um beispielsweise die Überlegen- oder Unterlegenheit eines Charakters gegenüber einem anderen zu suggerieren. Stets zeigt die Kamera hier ein Aufeinandertreffen von Personen auf Augenhöhe, obwohl das, was uns die Geschichte über diese erzählt, oftmals etwas ganz anderes vermuten lässt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Kameramann Jack Priestley mit wenigen Ausnahmen ausschließlich fürs Fernsehen tätig war. So wechseln sich hier lediglich vor allem halbnahe Aufnahmen und Close-ups ab, je nachdem, ob man den Dialogen noch einen Schuss Emotionalität hinzufügen will. Dialoge sind hier ein gutes Stichwort, denn diese dienen in „Der Mitternachtsmann“ anscheinend an vielen Stellen in erster Linie zur Streckung, nämlich dann, wenn die sprechenden Personen sich über Nichtigkeiten und Aspekte austauschen, die in keinem Bezug zur Handlung stehen. Darüber hinaus fällt auch die in vielen Szenen merkwürdige, etwas jazzige Popmusik auf, die sich mit eher bluesigen Tönen in ruhigen Momenten abwechselt. Die Kombination aus der nur begrenzt kreativ eingesetzten Kamera, den zum Teil belanglosen Dialogen und dieser Form der Musiknutzung erinnert frappierend an Fernsehserien der 70er- und 80er-Jahre wie eben zum Beispiel „Columbo“. Hier ist ein deutlicher Einfluss von Regisseur Roland Kibbee zu spüren, auch wenn dieser für das finale Ergebnis sicherlich nicht allein verantwortlich gemacht werden sollte.

Das Wiedererlangen der Männlichkeit

Nun, da wir die formalen Aspekte des Films, zumindest im Ansatz, analysiert haben, soll es um das dominierende Motiv von Lancasters und Kibbees Werk gehen. Hierbei fällt auf, dass „Der Mitternachtsmann“ ein enorm subjektiver Film ist, in dem uns nur in Ausnahmefällen Szenen gezeigt werden, in denen wir nicht der Hauptfigur des College-Nachtwächters Slade folgen. Ansonsten dreht sich das Krimidrama ausschließlich um den Protagonisten, wir haben es geradezu mit einem Psychogramm des Ex-Cops zu tun. Dabei ist es zunächst wichtig zu erfahren, warum Slade überhaupt im Gefängnis war. Begründet wird dies damit, Slade habe in einem Anfall von Eifersucht den Liebhaber seiner Frau erschossen, wofür er zu einem nicht näher bezifferten Aufenthalt im Gefängnis verurteilt wurde.

Der zweite wichtige Punkt ist generell der Job des Nachtwächters, der dem eines Polizisten ideell zwar recht nahe kommt, in dem sich jedoch nicht die Befugnisse und das gesellschaftliche Ansehen eines Polizisten vereinen. Dies wird besonders deutlich in Szenen, in denen Slade auf höhergestellte Menschen wie seine Bewährungshelferin und sein gleichzeitiges Love-Interest Linda (Susan Clark) oder auf andere Polizisten und in besonderer Weise dann auf den Senator und Vater des Mordopfers, Clayborne (Morgan Woodward), trifft. Hinzu kommt eine entscheidende Äußerung Slades. In einer Szene des Beisammenseins fragt Linda den Ex-Polizisten, warum er denn überhaupt Polizist werden wollte. Slade verweist auf den Berufsweg seines Vaters, der ebenfalls als Gesetzeshüter für den Staat tätig war. Das gewünschte Schicksal Slades orientiert sich also an dem seines Vaters, während ein Verfolgen eigener, davon losgelöster Motivationen keine Option darstellt. Wir haben es hier in gewisser Weise mit einer Form von ödipalem Konflikt zu tun, in dem es darum geht, den eigenen Vater stolz zu machen um so dessen Anerkennung zu gewinnen. Der Faktor, dass Slade nun nicht mehr als Polizist arbeitet, sondern lediglich den Job eines Nachtwächters ausführt, stellt hier im Freudschen Sinne die Kastration dar, genauso wie die sich im Seitensprung offenbarende sexuelle Unzufriedenheit seiner Ex-Frau. Das Lösen des Falles um das ermordete Mädchen drückt hierbei eine symbolische Rückkehr in den Beruf des Polizisten aus, in deren letzter Konsequenz sich die Rehabilitierung als Mann und somit die erneute Ausstattung mit dem Phallus vollenden soll.

Maskulinismus statt Feminismus

Dieses Motiv macht den Film als psychoanalytische Aufarbeitung einer Männlichkeitskrise durchaus interessant, wie er jedoch mit seinen Frauenfiguren umgeht, macht ihn allerdings rückschrittlich. Dies wird an der Darstellung der Bewährungshelferin Linda besonders ersichtlich. Diese wird von Slade in erster Linie als Objekt sexueller Begiere betrachtet, was dadurch sichtbar wird, dass er sie immer wieder danach fragt, ob sie einen Freund hat oder ob ein anderer Mann ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Die Motivationen Lindas selbst spielen für ihn nur eine geringe Rolle und müssen seinen eigenen Interessen untergeordnet werden. Zwar werden grundsätzliche emotionale Ausfälle des Protagonisten gegenüber Linda, wie zum Beispiel eine Ohrfeige, vom Film durchaus kritisch betrachtet und auch als Aspekt seiner Hilflosigkeit durch den Verlust der eigenen Männlichkeit dargestellt, ein generelles Hinterfragen, eine Verschiebung oder eine Gleichsetzung der Machtverhältnisse findet hier jedoch nicht statt. Man könnte auch sagen, dass hier der Maskulinismus, also die natürliche Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau und das Zurückbesinnen des Mannes auf seine Männlichkeit propagiert werden und das feministische Strömungen beziehungsweise hier Lindas individuelle Interessen, in dieser Welt über keinen Platz verfügen. So ist der Film leider nur als psychologische Studie von Slade interessant, ohne am Ende den entscheidenden letzten Schritt zu gehen und auch das Verhältnis von Mann und Frau auf intelligente Weise zu bearbeiten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. November 2019 als Blu-ray und DVD, 11. November 2010 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Midnight Man
USA 1974
Regie: Roland Kibbee, Burt Lancaster
Drehbuch: Roland Kibbee, Burt Lancaster, nach dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony
Besetzung: Burt Lancaster, Susan Clark, Cameron Mitchell, Morgan Woodward, Harris Yulin, Robert Quarry, Joan Lorring, Lawrence Dopkin, Ed Lauter, Mills Watson, Charles Tyner, Catherine Bach
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Bildergalerie
Label 2019: explosive media
Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2010: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning

 
 

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Gewinnspiel: 5 x Scorpio, der Killer auf Blu-ray

Verlosung

„Scorpio, der Killer“ – das ist Alain Delon, der in der Titelrolle als CIA-Auftragsmörder seinen von Burt Lancaster verkörperten Ausbilder und Mentor um die Ecke bringen soll. Koch Films hat den Thriller von 1973 jüngst erstmals auf Blu-ray veröffentlicht und uns fünf Exemplare zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,45 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Lucas Grönings Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 19. Mai 2019, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung nicht von Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben,

– Christoph B.,
– Birgit,
– Dirk Busch,
– nowitzki.tim
– Rainer Pampuch.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Scorpio, der Killer“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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