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Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich: Humor-Nachhilfe für Präsidentschaftskandidatin

Long Shot

Kinostart: 20. Juni 2019

Von Philipp Ludwig

Komödie // Ein ehemaliger Fernsehstar sitzt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Weißen Haus. Er scheint jedoch für diesen anspruchsvollen Job nicht nur komplett ungeeignet zu sein, darüber hinaus zeigt er auch kein sonderlich großes Interesse an den hiermit verbundenen Aufgaben. Zu seinem Glück werden die Geschicke aber eh von fadenscheinigen Strippenziehern im Hintergrund gelenkt. Regisseur Jonathan Levine zieht in seinem neuesten Komödien-Spektakel „Long Shot“ eindeutig Parallelen zur aktuellen politischen Lage. Doch ausnahmsweise geht es hier einmal nicht um das omnipräsente, twitternde Trumpeltier. Levines fiktionaler Präsident Chambers (Bob Odenkirk – Saul Goodman aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) ist dann auch kein ehemaliger Reality-TV-Star, sondern ein gefeierter Fernsehschauspieler. Dessen größter Erfolg passenderweise die Rolle als US-Präsident in einer populären aber nur wenig anspruchsvollen Politthriller-Serie darstellte.

Präsident Chambers (l.) bittet seine Außenministerin Charlotte Field zum Gespräch

Chambers hat jedoch schon längst wieder genug vom lästigen Präsidentendasein und wähnt sich nun endlich bereit für den nächsten großen Schritt in seiner Laufbahn – den Sprung vom Fernsehen ins Filmbusiness! Das ist nämlich gar nicht so einfach, da sind sich in „Long Shot“ sämtliche Protagonisten einig. Seine Pläne teilt der scheidende Präsidentendarsteller seiner Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron, „Mad Max – Fury Road“) im Oval Office persönlich mit. Ist diese zwar zunächst ein wenig baff, so überkommt sie schnell die große Freude – denn Chambers will sie vor dem anstehenden Wahlkampf öffentlich als seine Nachfolgerin vorschlagen. Die ehrgeizige Charlotte wähnt sich am Ziel ihrer Träume. Einziges Problem: Die Umfragewerte bescheinigen der populären Politikerin und scheinbaren Mrs. Perfect nur in einem Punkt keine Traumwerte – ihrer menschlichen Nahbarkeit. Vor allem in Sachen Humor hat sie anscheinend noch Nachholbedarf und die Außenwirkung ist schließlich alles, was im Wahlkampf zählt, oder etwa nicht? Wen interessieren schon Inhalte?

Flarsky (2. v. r.) soll Charlotte (r.) als Redenschreiber lockerer machen – ihre Berater sind skeptisch

Zum Glück läuft Charlotte zufällig auf einem der zahlreichen Empfänge, an denen sie als Ministerin teilnehmen muss, Fred Flarsky (Seth Rogen) über den Weg, den sie aus längst vergangen zu scheinenden Zeiten kennt. Obwohl dieser nur wenig jünger ist als sie, hatte sie ihn zur Schulzeit als Babysitterin betreut. Mit ihrer Feststellung, dass er sich kaum verändert habe, lässt sich Flarsky dann auch ziemlich gut beschreiben – wirkt der jugendlich anmutende Enddreißiger doch zumindest vom äußeren Erscheinungsbild in seinem Schlabberlook und seiner wenig zurückhaltenden Art wie das komplette Gegenteil der seriösen und zugeknöpften Charlotte. Doch Flarsky hat auf seine Weise Karriere gemacht – als krawallartiger, unerschrockener Investigativjournalist. Der, ausgestattet mit einem gesunden Zynismus und einer feinen Prise schwarzen Humor, über die Ungerechtigkeiten der Welt schreibt und hierdurch einigen Ruhm einheimsen konnte. Dass er dabei auch bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, zeigt „Long Shot“ in einer eindrucksvollen und höchst amüsanten Einstiegssequenz – mit Flarsky in verdeckter journalistischer Mission bei einem Haufen dumpfer White-Power-Knalltüten. In Charlottes Augen scheint er daher jedenfalls der perfekte Kandidat für den vakanten Posten ihres neuen Redenschreibers zu sein, um ihren bisherigen Stil etwas aufzulockern. Auch wenn ihr Berater-Team (June Diane Raphael und Riv Patel) da gänzlich anderer Meinung ist.

Die Zeit ist reif für einen „First Mister“

Und dann ist da noch die alte Geschichte, dass Flarsky damals natürlich unsterblich in seine hübsche Babysitterin verknallt war. Kann das gut gehen? Zeit hat Flarsky gerade jedenfalls genug, nachdem er aus Protest seinen Job gekündigt hat, da sein Hausblatt vom erzkonservativen britischen Medien-Mogul Parker Wembley (fantastisch wie immer: Andy „Gollum“ Serkis) aufgekauft wurde. Der beeinflusst mit seinem Hetz-Sender „Wembley News“ nicht nur die politische Stimmung des Landes, sondern scheint nicht gerade selten auch direkt hinter den Entscheidungen des Präsidenten Chambers zu stecken. Ähnlichkeiten zu Rupert Murdoch und Trumps Haussender „Fox News“ sind hier wohl ebenfalls nur rein zufälliger Natur. Zwinkersmiley.

Flarsky will Charlotte aus ihrem strengen Arbeitsalltag als Ministerin befreien

Während Charlotte und Flarsky in den Vorbereitungen auf die Ankündigung ihrer Kandidatur und aufgrund ihrer fordernden Arbeit als Außenministerin durch die Welt touren und eine Menge Zeit miteinander verbringen, kommen sie sich tatsächlich auch persönlich wieder näher, als manchen lieb ist. Denn Flarsky bietet der gestressten Charlotte viel mehr als nur seine sprachliche Kreativität: Er erinnert sie an ihr jugendliches Selbst und den verloren gegangen Spaß im Leben – mit ungeahnten Folgen. Doch ist ausgerechnet der nerdige und zynische Polit-Misanthrop Flarsky der geeignete Kandidat für den möglicherweise ersten „First Mister“ in der Geschichte der USA? Oder ist aus PR-Gründen nicht der schnieke kanadische Premierminister James Steward (Alexander Skarsgård, „Legend of Tarzan“) viel besser als Partner für Charlotte geeignet? Und was hält eigentlich Präsident Chambers davon, dass Charlotte, auch dank Flarskys Einfluss, plötzlich beginnt, dessen politische Arbeit beziehungsweise die seiner Gönner öffentlich anzugreifen und eine eigene Richtung einzuschlagen?

Große Comedy-Erfahrungen

Regisseur Jonathan Levine („Warm Bodies“) hat im Komödien-Bereich einige Erfahrungen gesammelt. Durchaus erfolgreich hat er sich hier zuletzt in 2017 nicht nur mit „Snatched“ bereits einen Namen gemacht und auch mit Hauptdarsteller Seth Rogen schon früher zusammengearbeitet („The Night Before“). Man kennt sich also. Für das Drehbuch zu „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ zeichnet ein interessantes Duo verantwortlich: Mit Dan Sterling hat man sich hier einen Schreiber ins Boot geholt, der sich als Autor im Fernsehen bereits seine Gag-Sporen verdient hat (u. a. bei „South Park“, „The Office“ und „The Daily Show with Jon Stewart“). Sterling hatte durch sein Drehbuch zum Polit-Klamauk „The Interview“ (2014) filmisch ebenfalls schon mit Komödien-Veteran Rogen zu tun, wodurch damals beinahe eine internationale Krise mit Nordkorea ausgelöst wurde. Als Ko-Autorin von Sterling fungiert die 1985 geborene Liz Hannah, die in erster Linie durch ihre Mitwirkung am Skript des renommierten Spielberg-Films „The Post“ (2017) mit Meryl Streep und Tom Hanks und weniger für anderes Mitwirken im komödiantischen Bereich bekannt sein dürfte.

Die Schöne und das Biest: Könnte Fred Flarsky tatsächlich der erste „First Mister“ der USA werden?

Diese Kombination aus dem zynischen, politisch-satirisch erfahrenen Levine und der „seriöseren“ Hannah ähnelt in gewisser Weise nicht nur dem von Rogen und Theron in „Long Shot“ verkörperten Leinwand-Duo Flarsky und Charlotte, es dürfte durch diese Mischung auch ein entscheidender Grund für das überaus gelungene Drehbuch zu der sehenswerten Polit-Persiflage sein. Die verliert sich daher glücklicherweise nicht allzu sehr im platten Klamauk, sondern bietet erstaunlich viel Tiefgang und inhaltliche Abwechslung. Ob als satirische Betrachtung der aktuellen politischen Lage oder des undurchschaubaren und oberflächlichen Politik-Zirkus allgemein, als ernstzunehmende Romanze, als Teenie-Komödie mit längst erwachsenen Protagonisten oder Persiflage auf unsere Social-Media-hörigen Zeiten, in denen die Außenwirkung das Einzige zu sein scheint, das zählt – „Long Shot“ wird dank seines Drehbuchs, Levines Inszenierung und Gags mitunter im Minutentakt in seinen 125 Minuten Laufzeit niemals langweilig. Die Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten sitzen ebenso wie die meisten der zahlreichen Verweise auf unsere zeitgenössische Popkultur und die humorvoll-kritischen Seitenhiebe auf die Medienlandschaft. „Game of Thrones“-Fans, aufgepasst: Wer wie ich zum Zeitpunkt der Pressevorführung noch nicht mit dem Schauen der siebten Staffel durch war, dem droht erhöhte Spoiler-Gefahr.

Politische Satire in Zeiten Donald Trumps

Am meisten überzeugt die treffende Darstellung des Polit-Zirkus, die perfekt in die abstruse gegenwärtige politische Weltlage passt. Wenn man bedenkt, dass sich auf den britischen Inseln nun auch noch der ehemalige Hofnarr Boris Johnson aufmacht, die Riege an herrschenden Polit-Clowns um eine weitere, besonders skurrile Figur zu erweitern, fragt man sich schon, ob nicht die Realität die Satire darstellt und weniger ein Film wie „Long Shot“. Es zeigt aber auch die Herausforderungen politischer Komödien und Satire in Zeiten, in denen die Trumps der Welt uns tagtäglich Realsatire vom Feinsten präsentieren. Wäre ein Plot wie der von „Long Shot“ vor zehn Jahren noch als absolut überzeichnet kategorisiert und ins Reich der Fantasie komplimentiert worden, so wirkt es heutzutage erstaunlicherweise tatsächlich nicht einmal ansatzweise zu weit hergeholt. Interessanterweise zielt die Vermarktung von „Long Shot“ dagegen in erster Linie auf den Aspekt der Beziehungskomödie zwischen Charlotte und Flarsky, wie der unten eingebettete Trailer zeigt.

Oder ist der schneidige kanadische Premierminister Steward nicht die bessere, da öffentlichkeitswirksamere Wahl als Gatte?

Neben dem kreativen und abwechslungsreichen Drehbuch sowie der unterhaltsamen Inszenierung punktet „Long Shot“ mit hervorragender Besetzung. Zu Seth Rogen braucht man in Bezug auf das Komödien-Genre eigentlich kaum noch etwas sagen. Der alte Witze-Haudegen und Kult-Film-Star (u. a. „Ananas Express“ und „Zack and Miri Make a Porno“) ist hier jedenfalls ganz in seinem Element, die Rolle des Fred Flarsky wurde ihm ganz offensichtlich von Sterling und Hannah auf den Leib geschrieben. Mag man von seinem Humor und Schauspiel halten was man will – darüber lässt sich sicher streiten –, seine Rolle füllt er wieder mit viel Freude an der Sache ansprechend aus, und er bietet natürlich aufgrund des nerdigen Charakters des Typs „ewiger College-Student“ seiner Figur Flarsky ein großes Sympathiepotenzial.

„Uncle Sam wants you!“ Präsident Chambers: Mann der großen Gesten, weniger der politischen Inhalte

Überraschender mag da die Besetzung von Charlize Theron anmuten, die ja eigentlich eher selten in komödiantischen Werken zu sehen ist – „Verrückt nach Mary“ von 1998 kommt zugegeben in den Sinn. Gerade sie entpuppt sich als absoluter Glücksfall. Ist Theron nun einmal einfach eine umwerfend schöne Frau, so besitzt sie als Schauspielerin auch eine ganz besonders beeindruckende Ausstrahlung. Allein durch diese Kombination ist sie eine perfekte Besetzung für den nach außen hin alles überstrahlenden Polit-Star Charlotte Field. Da sie aber auch eine hervorragende Schauspielerin ist, vermag sie es, ihrer im Grunde innerlich auch ziemlich verletzlichen Figur somit auch die entsprechende menschliche und charakterliche Tiefe zu geben und hierdurch einen Film, der vermutlich sonst eher den Status einer netten Komödie innegehabt hätte, nochmals auf einen ganz anderen filmischen Level zu heben. Sie ist ohne Wenn und Aber der große Star in „Long Shot“ und ich wage zu behaupten: Würde ihre Charlotte Field in real zur nächsten Wahl antreten – sie dürfte allein aufgrund ihrer beeindruckenden Präsenz eine echte Chance haben.

Anschlussverwendung für Präsidentendarsteller

Nimmt man die gut besuchte Pressevorführung als Gradmesser für das komödiantische Potenzial von „Long Shot“, so darf man einiges erwarten. War die Stimmung doch schier ausgelassen und es wurden dem tendenziell kritischen Publikum unzählige Lacher entlockt. Und auch wenn nun nicht alle Gags immer zu zünden vermögen, das erstaunlich tiefgründige und ansprechende Niveau des Films hin und wieder durch gelegentlich doch arg platte Jokes getrübt wird oder die zahlreichen popkulturellen Referenzen mitunter zu viel des Guten sind und ein wenig bemüht sowie konstruiert wirken – es schmälert den guten Gesamteindruck keinesfalls. Gebt „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ also eine Chance! Es dürfte trotz der kleineren Schwächen für jeden etwas zu lachen dabei sein. Darüber hinaus kann man nur hoffen, dass ein Donald Trump eventuell auch unter den künftigen Kinogängern sein – und er sich dann hoffentlich ein Beispiel an seinem fiktionalen Pendant Chambers nehmen wird. Eine Karriere im Filmgeschäft ist doch auch viel reizvoller als eine zweite, anstrengende Amtszeit im Weißen Haus, oder etwa nicht, Donald? In der nächsten „King Kong“- oder „Godzilla“-Verfilmung ist bestimmt eine angemessene Rolle als Monsterköder für dich frei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Alexander Skarsgård unter Schauspieler.

Wird Charlotte ihre Beziehung zu Flarsky mit ihrem Traum von der Präsidentschaft in Einklang bringen können?

Länge: 125 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Long Shot
USA 2019
Regie: Jonathan Levine
Drehbuch: Dan Sterling, Liz Hannah
Darsteller: Charlize Theron, Seth Rogen, June Diane Raphael, Ravi Patel, O’Shea Jackson Jr., Alexander Skarsgård, Bob Odenkirk, Andy Serkis, Lisa Kudrow, Claudia O’Doherty, Paul Scheer
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2019 Studiocanal Filmverleih. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Atomic Blonde – Das coolste 80er-Jahre-Berlin-Musikvideo

Atomic Blonde

Kinostart: 24. August 2017

Von Matthias Holm

Actionthriller // Der Action-Film scheint sich in letzter Zeit in eine äußerst interessante Richtung zu entwickeln. Ja, es gibt die stupiden „Transformers“-Filme oder die „Fast & Furious“-Reihe, aber es scheinen sich immer mehr Filmemacher dem Genre aus einer anderen Richtung zu nähern. So war „Mad Max – Fury Road“ ein energetischer Wahnsinns-Trip, und jüngst verschmolz Edgar Wright mit „Baby Driver“ Musik und Bild zu einem einzigartigen Cocktail. Auch die Trailer zu „Atomic Blonde“ ließen vermuten, dass man es mit einem ähnlichen Feuerwerk an Action zu tun hat. Doch auch wenn Regisseur David Leitch fantastische Faustkämpfe und Schusswechsel auf die Leinwand zaubert, liegt der Fokus eigentlich woanders.

Willkommen in Berlin

Im Kalten Krieg wird sich absolut nichts geschenkt. Dann taucht plötzlich in Berlin eine Liste auf, die sämtliche Identitäten von Spionen beinhalten soll – sogar mancher Doppelagenten. Natürlich beginnt ein Wettrennen der Geheimdienste um diese Liste und so landet die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in einer Stadt, die 1989 so kurz vor einem historischen Umbruch einem Pulverfass gleicht.

Berlin in den 80ern

„Atomic Blonde“ stellt seinen Stil vor alles andere. Wer bei schon bei der aus Graffiti und Neon bestehenden Titeleinblendung zu viel vom gewollten 80er-Jahre-Flair hat, sollte lieber das Weite suchen. Hier gibt es Punks und Stasi-Agenten, die zu Nenas „99 Luftballons“ durch ein graues Berlin ziehen. Der Film könnte auch problemlos in der Gegenwart einer beliebigen Stadt spielen, doch die Macher zwängen alles ins Korsett der gewählten Zeitperiode. Dadurch entsteht zwar manchmal der Eindruck eines sehr langen Musikvideos, zum Rest passt das aber allemal.

Lorraine und David Percival müssen einander vertrauen

Dabei achtet der Film deutlich mehr auf die Erzählung, als es die Trailer vermuten lassen. Wie in „Codename U.N.L.C.E.“ wird gelogen und betrogen, was das Agenten-Repertoir hergibt – nur ohne die Ironie eines Guy Ritchies. Alles ist bitterernst, der Informationskrieg wird an mehreren Fronten geführt und bei keiner Figur weiß man, ob man ihr auch wirklich trauen kann. So ergibt es sich allerdings auch, dass manche Szenen erst nach dem Abspann ihre volle Tragweite entfalten – vorher wirken sie im Filmkonstrukt eher zufällig und führen zu der einen oder anderen Länge.

Gleich wird es schmerzhaft

Doch zum Glück gibt es Charlize Theron. Bereits in „Mad Max – Fury Road“ bewies die Südafrikanierin, dass sie mit vollem Körpereinsatz bei der Action ist. „Atomic Blonde“ ist nun vollkommen auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, sämtliche Bilder wurden komponiert, um Theron gut aussehen zu lassen. Das wirkt allerdings nie zu plump, auch wenn manche Posen und Outfits von normalen Personen in den 80ern wohl eher selten bemüht worden sind. Seinen Höhepunkt findet das Ganze, wenn Lorraine in einem augenscheinlichen One-Take mehrere russische Agenten niedermacht. Das ist intensiv, hart, beeindruckend – und sicherlich eine der besten Actionszenen des Jahres. Durch diesen Fokus auf die Hauptfigur geraten die durchaus namenhaften Nebendarsteller, wie James McAvoy, John Goodman oder die interessante Newcomerin Sofia Boutella („Die Mumie“, „Kingsman – The Secret Service“), etwas ins Hintertreffen, aber einen Komplettausfall gibt es nicht zu berichten. Selbst Til Schweiger bewältigt seinen kurzen Gastauftritt als zwielichtiger Uhrmacher überzeugend.

Fesselnde Agentinnen-Action

„Atomic Blonde“ ist spannendes Agentinnen-Kino mit enorm physischen Action-Einlagen. Dass die Geschichte dabei komplexer wirkt, als sie eigentlich ist und bestimmte Wendungen bereits meilenweit gegen den Wind zu riechen sind, wird durch ein unbändiges Stil-Bewusstsein und eine famose Hauptdarstellerin aufgefangen. Ganz so unterhaltsam-kreativ wie Wrights „Baby Driver“ ist David Leitchs Ausflug nach Berlin zwar nicht geworden, dennoch sollte man sich auch mal auf diesen Trip begeben.

Lorraine und die Französin kommen einander näher

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James McAvoy und/oder John Goodman in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Atomic Blonde
D/USA/SWE 2017
Regie: David Leitch
Drehbuch: Kurt Johnstad, basierend auf den Comic „The Coldest City“ von Antony Johnson und Sam Hart
Besetzung: Charlize Theron, James McAvoy, Eddie Marsan, John Goodman, Toby Jones, James Faulkner, Sofia Boutella
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH</p

 

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Ridley Scott (VI): Prometheus – Dunkle Zeichen: Der Erklärbär hat zugeschlagen

Prometheus

Von Simon Kyprianou

Science-Fiction // Nach Jean-Pierre Jeunets kontrovers aufgenommenen „Alien 4 – Wiedergeburt“ (1997) hat es 15 Jahre gedauert, bis sich auch Ridley Scott mit „Prometheus – Dunkle Zeichen“ wieder des Alien-Stoffs annahm – ganze 33 Jahre seit seinem originalen „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979). „Prometheus – Dunkle Zeichen“ versteht sich dabei als eher loses Prequel, auch zwischen den Ereignissen liegen 33 Jahre, nur eben in der anderen Richtung: „Alien“ spielt im Jahre 2122, „Prometheus – Dunkle Zeichen“ beginnt im Jahre 2089.

Die „Prometheus“ erreicht ihr Ziel

Die beiden Forscher Elisabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) finden in Höhlenzeichnungen von ganz unterschiedlicher Kulturen Hinweise auf eine bestimmte Sternenkonstellation. Ihre Vermutung: Auf einem in jenem System zu findenden Planeten sind die Schöpfer der Menschen zu finden. Der mysteriöse Tycoon Peter Weyland (Guy Pearce) finanziert die Forschungsreise, an der auch Weylands Ziehsohn, der Android David (Michael Fassbender), die undurchsichtige Top-Managerin Meredith Wickers (Charlize Theron) und der geerdete Captain Janek (Idris Elba) und dessen Crew teilnehmen.

Jahrelanger Kälteschlaf

Nach mehrjährigem Kälteschlaf im Raumschiff „Prometheus“ auf dem Planeten angekommen, findet das Team tatsächlich Spuren einer menschenähnlichen Kultur, aber die Schöpfer stellen sich als völlig anders beschaffen heraus, als sich das die Forscher erhofft haben. Die Suche nach dem Ursprung des Lebens wird unerwartet zu einem Kampf ums Überleben.

Elizabeth Shaw erkundet den Planeten

Lebten die früheren „Alien“-Filme, insbesondere natürlich der erste Teil, von ihrem kühlen, fremdartigen, seltsam sexuell aufgeladenen, abstrakten Schrecken, der sich in HR Gigers Designs verdichtete und auf Erklärungen völlig verzichtete, geht „Prometheus – Dunkle Zeichen“ den entgegengesetzten Weg: Ridley Scott versucht sich an einer rückwirkenden Erklärung seines Meisterwerks. Der Regisseur will die Leerstellen füllen, dem einst Mysteriösen eine sinnstiftende Mythologie überstülpen und, so scheint es, die eigentlichen Stärken seines früheren Films rückwirkend zunichtemachen. Folgerichtig bleiben nach „Prometheus – Dunkle Zeichen“ dann auch keine Leerstellen mehr bestehen, in deren Dunkelheit sich Angst ausbreiten kann, keine Fragen mehr offen, weder die nach dem Schöpfer der Menschen noch die nach dem Schöpfer der Aliens. Alles wird auserzählt und der Alien-Stoff verliert dabei seine fremdartige Faszination und seinen kühlen Schrecken.

Drehbuch von Damon Lindelof

Ohne diese öde Erklärbär-Mentalität wäre eine Schöpfungsgeschichte durchaus ansprechend denkbar, gerade weil das Drehbuch von Damon Lindelof stammt, der hinter fantastischen Serien wie „Lost“ und aktuell „The Leftovers“ steht, die ebenfalls dringliche Fragen nach der Conditio humana zum Inhalt haben, ohne dabei alles auserzählen zu wollen, ganz im Gegenteil.

Eine Entdeckung gibt Rätsel auf

Inszenatorisch ist „Prometheus – Dunkle Zeichen“ natürlich recht ansprechend, Ridley Scott hat ja stets den Ehrgeiz, seine Filme sehr visuell zu erzählen. Auch in „Prometheus – Dunkle Zeichen“ gelingen ihm einige interessante Bildkompositionen: Die Momente, in denen sich der Film voll und ganz dem körperlichen Horror und seiner quälenden Ungewissheit hingibt – die Abtreibungs-Szene beispielsweise – sind durchaus intensiv. Oder eine Szene am Ende des Films, in der einer der Schöpfer (Ian Whyte) in einem aggressiven erotischen Akt mit einem der Monster zu einem Alien verschmilzt.

Michael Fassbender als Androide

Michael Fassbender ist durchaus faszinierend als Androide David und wird glücklicherweise im neuen „Alien – Covenant“ erneut eine tragende Rolle spielen. Noomi Rapace, Charlize Theron und Idris Elba sind ebenfalls sehr gut: Generell sind die Figuren auch gut geschrieben, sie konnten sich mehr Geheimnisse und Uneindeutigkeiten bewahren als die Handlung.

Vom Raumschiff aus überwachen Meredith Vickers und Captain Janek den Erkundungstrupp

Bleibt zu hoffen, dass Scott mit „Alien – Covenant“ mehr zu den Wurzeln der Reihe zurückkehrt, zu absolutem Schrecken, bestehend aus der quälenden Ungewissheit über das abstrakte und unerbittlich wütende Fremde.

Woran ist dieses Wesen gestorben?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charlize Theron unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Fassbender und Guy Pearce in der Rubrik Schauspieler.

Der Androide David untersucht einen Kopf

Veröffentlichung: 25. Oktober 2013 als 3-Disc Edition (Blu-ray 3D, Blu-ray 2D, Bonus-Blu-ray), 7. Dezember 2012 als Teil der 5-Blu-ray- bzw. 7-DVD-Edition „Prometheus to Alien – Evolution“, als 4-Disc Collector’s Edition (Blu-ray 3D, Blu-ray 2D, Bonus-Blu-ray, DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 119 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Originaltitel: Prometheus
USA/GB 2012
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Jon Spaihts, Damon Lindelof
Besetzung: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Logan Marshall-Green, Idris Elba, Guy Pearce, Sean Harris, Rafe Spall, Emun Elliott, Benedict Wong
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Fotos & Packshots: © 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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