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Erdbeben – Wenn „The Big One“ zuschlägt

Earthquake

Von Volker Schönenberger

Katastrophen-Action // Frühmorgens joggt der Bauingenieur Stewart Graff (Charlton Heston) durch die sonnigen Straßen von Los Angeles. Daheim trainiert der Ex-Footballer noch ein wenig mit dem Expander, streitet sich derweil mit seiner Frau Remy (Ava Gardner), mit der er eine seit langer Zeit lieblose Ehe führt und die – womöglich genau deswegen – gern einen über den Durst trinkt. Als er nach einer Dusche das Haus verlassen will, bemerkt er, dass sie wie leblos auf dem Bett liegt. Eine leere Tablettendose lässt ihn vermuten, dass sie erneut eine Überdosis Pillen eingeworfen hat. Doch als ein Erdstoß das Haus erschüttert, schreckt Remy hoch und wirft sich in Panik in Stewarts Arme – sie hat den Selbstmordversuch nur vorgetäuscht. Erbost sucht er das Weite.

Remy beklagt sich bei ihrem Vater Sam Royce über ihren Ehemann

Auf dem Weg ins Büro schaut Stewart noch bei der jungen Schauspielerin – und Witwe – Denise Marshall (Geneviève Bujold) vorbei, bringt ihrem Sohn Corry (Tiger Williams) einen signierten Football; wenig später erfahren wir, dass Stewart und Denise eine Affäre haben. Remys Vater Sam Royce (Lorne Greene) ist gleichzeitig Stewarts Boss. Er bietet seinem Schwiegersohn an diesem Tag die Leitung des Unternehmens an, doch Stewart erbittet sich Bedenkzeit.

Der Supermarkt-Verkäufer als Stalker

Derweil muss sich der desillusionierte Polizist Lou Slade (George Kennedy) damit abfinden, vom Dienst suspendiert worden zu sein, weil er nach einer wilden Verfolgungsjagd außerhalb der Reviergrenzen einem Kollegen eine gepfeffert hat. Parallel bereitet der Motorradfahrer Miles Quade (Richard „Shaft“ Roundtree) mit seinem Partner Sal Amici (Gabriel Dell) eine spektakuläre Stuntshow vor. Sals vollbusige Schwester Rosa (Victoria Principal, „Dallas“) soll dabei als Blickfang dienen, zeigt sich aber nicht sonderlich erpicht auf den Job. Sie ahnt nicht, dass sie in dem Supermarkt-Verkäufer Jody Joad (Marjoe Gortner) einen Verehrer hat, mit dem sie in Kürze noch üble Erfahrungen machen wird. Jody wird nach dem morgendlichen Erdbeben als Mitglied der Nationalgarde zu seiner Einheit beordert.

„The Big One“ erschüttert Los Angeles

Die kurzen Erdstöße in der Früh hatten bereits fatale Folgen: An der Hollywood-Talsperre (dem Mulholland Dam) ertrinkt ein Aufseher bei einem Kontrollgang, als ein Aufzugschacht voll Wasser läuft. Zwei Wissenschaftler des Seismologischen Instituts Kalifornien sterben, als sie bei Untersuchungen in einem Graben aufgrund von Erdbewegungen verschüttet werden. Dann bricht das Inferno über Los Angeles herein: das große Beben.

Herausragende Tricktechnik

Beeindruckend, welche Illusionen die Tricktechnik auch in vordigitaler Zeit erzeugen konnte. Mit Miniaturen, gemalten Kulissen – sogenannte Matte Paintings – und zwecks ruckelnder Bewegungen auf Rollen montierter Sets versetzt „Erdbeben“ sein Publikum mitten in die titelgebende Naturkatastrophe. Hinzu kamen Kamera-Systeme, die selbst Schüttelbewegungen ausführten und so den Eindruck der Erdstöße verstärkten. Zahlreiche Stunts taten ihr Übriges, das Resultat ist auch fast 45 Jahre später atemraubend. Es wurde seinerzeit in den Kinos akustisch mit dem neuen, wenn auch kurzlebigen Sensurround-Verfahren verstärkt, das besonders tiefe Töne erzeugte. Nur vier weitere Filme kamen mit Sensurround-Ton in die US-Lichtspielhäuser: „Schlacht um Midway“ (1976), „Achterbahn“ (1977), „Kampfstern Galactica“ (1978) und „Mission Galactica – Angriff der Zylonen (1979). „Erdbeben“ erhielt 1975 einen Oscar für den Ton, bei der Verleihung zudem einen „Special Achievement Award“ für die visuellen Effekte. Auch in den Kategorien Kamera und Schnitt war „Erdbeben“ nominiert, unterlag dort aber dem anderen großen Katastrophenfilm des Jahrs 1974, „Flammendes Inferno“, der auch an den Kinokassen die Nase vorn hatte. In der Kategorie „Art Direction – Set Decoration“ schnappte „Der Pate 2“ beiden Filmen den Academy Award weg.

Stewart hat das Bürogebäude erreicht …

Die Beziehungen der Figuren sind spannend genug geraten, ihre Entwicklung dient aber natürlich letztlich nur dazu, auf den Höhepunkt hinzusteuern – das große Beben. Immerhin interessiert man sich ausreichend dafür, wer überlebt und wer nicht. Legendär ist natürlich der Gastauftritt von Walter Matthau als Schnapsdrossel in der Kneipe. Der Gute hat kaum Text, lallt lediglich ab und zu den Namen einer berühmten Persönlichkeit hinaus, dem er zuprostet. Im Abspann war Matthau als Walter Matuschanskayasky genannt – Auslöser des sich hartnäckig haltenden, aber falschen Gerüchts, er hieße tatsächlich so. Matthau war Mitte der 1970er-Jahre schon ein großer Star, der derlei Minirollen nicht nötig hatte; er übernahm den Part, um dem Produzenten Jennings Lang einen Gefallen zu tun, mit dem er gut befreundet war.

Langfassung fürs US-Fernsehen

Für die US-Fernsehpremiere zwei Jahre nach dem amerikanischen Kinostart wurde „Erdbeben“ um eine satte halbe Stunde verlängert. An sich für den neuen „Big Events“-Sendeplatz von NBC vorgesehen, der inklusive Werbung auf zwei Stunden angelegt war, war die Kinofassung dafür mit knapp über zwei Stunden Nettolaufzeit deutlich zu lang. Dank der Verlängerung des Films machte der Sender aus der Not eine Tugend und die als Großereignis konzipierte und beworbene Ausstrahlung zum Zweiteiler.

… und beteiligt sich daran, die Menschen abzuseilen

Dabei wurden ein paar Szenen eingebaut, die beim Schnitt der Kinofassung der Schere des Cutters zum Opfer gefallen waren, so etwa die Einleitung, in der ein Sprecher die San-Andreas-Verwerfung thematisiert. Dabei handelt es sich um eine tektonische Transformstörung, an der die Pazifische Platte auf die Nordamerikanische Platte trifft. Die San-Andreas-Verwerfung wird für die seismischen Aktivitäten und Erdbeben in Kalifornien verantwortlich gemacht, darunter auch das Erdbeben von San Francisco 1906 mit mehr als 3.000 Toten. In Kalifornien wird seit etlichen Jahrzehnten befürchtet, ein neues großes Beben werde die Katastrophe vom Beginn des 20. Jahrhunderts noch übertreffen. Wann kommt „The Big One“?

Derweil sucht Denise ihren Sohn …

Den Großteil der zusätzlichen Szenen machten allerdings neue Sequenzen aus, die ohne Mitwirkung von Regisseur Mark Robson gedreht wurden. Am auffälligsten ist ein vollständig neuer Handlungsstrang um die jungen Eheleute Kathie und Tony (Debralee Scott, Sam Chew), die sich auf dem Flug nach Los Angeles befinden. Tony hofft darauf, von Stewart Graff einen lukrativen Job angeboten zu bekommen. Kathie legt während des Flugs die Karten und erkennt nahendes Unheil. Ihr Passagierflugzeug setzt ausgerechnet während des Erdbebens zur Landung auf dem Los Angeles International Airport an. Ich hätte darauf gut verzichten können, zumal Bild und Ton der Kinofassung auf der Blu-ray im capelight-Mediabook deutlich besser sind als bei der TV-Fassung. Obendrein ist das 2.35:1-Breitbild dem 1.33:1-Fernsehformat vorzuziehen, zudem wurde der Film fürs Fernsehen minimal entschärft, also zensiert, so etwa um ein paar Schimpfwörter. Auch ein – allerdings ohnehin überaus künstlich aussehender und eher als blutiger Gag wirkender – Blutschwall am Ende einer Szene im Fahrstuhl wurde entfernt. Die genauen Unterschiede zwischen Kino- und Fernsehfassung finden sich im Schnittbericht.

… und begibt sich dabei in Lebensgefahr

Regisseur Mark Robson (1913–1978) begann seine Laufbahn unter dem Produzenten Val Lewton mit den vier bemerkenswerten Arbeiten „The 7th Victim“ (1943), „The Ghost Ship“ (1943), „Isle of the Dead“ (1945) und „Bedlam“ (1946). Mystery-Thriller und Horror – komplett anderer Stoff als „Erdbeben“, gleichwohl außergewöhnlich und sehenswert. Für „Glut unter der Asche“ (1957) und „Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit“ (1958) war Robson Oscar-nominiert. „Erdbeben“ war seine vorletzte Regiearbeit. Kurz nach der Fertigstellung von „Lawinenexpress“ (1979) starb er, der Actionthriller mit Lee Marvin und Robert Shaw kam posthum in die Kinos.

Mediabook von capelight pictures

capelight pictures hat das Mediabook von „Erdbeben“ mit zwei Blu-rays und einer DVD bestückt, wobei sich auf der zweiten Blu-ray die TV-Fassung befindet. Diese lediglich mit englischer Originaltonspur in Stereoton, da die zusätzlichen Szenen nie ins Deutsche synchronisiert worden sind. Deutsche Untertitel lassen sich zuschalten. Bei der Kinofassung lässt sich die englische Version sogar mit Sensurround-Ton auswählen. Wie das im Heimkino klingt, darüber kann ich mangels Surround-Anlage leider keine Auskunft erteilen – Asche auf mein Haupt. Das Bonusmaterial auf den Discs enthält drei interessante Featurettes. Im gewohnt schmuck layouteten und bebilderten Booklet findet sich ein kenntnisreicher Text zu „Erdbeben“. Darin geht der Autor zu Beginn auch auf die Erfolgswelle der 70er-Jahre-Katastrophenfilme ein, die im Gegensatz zum seit Mitte der 60er aufgekommenen New Hollywood stand. Auch wenn es langsam langweilig wird: Wie immer reckt sich der Daumen auch bei dieser capelight-Veröffentlichung steil nach oben.

Cop Lou Slade verpflichtet Stewart …

Nichts gegen den mit massiver CGI-Unterstützung entstandenen „San Andreas“ (2015) mit Dwayne Johnson – der Reißer hat mir ebenfalls Spaß gemacht. Die Erdbeben-Referenz aber bleibt – genau – „Erdbeben“.

… als Helfer

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ava Gardner unter Schauspielerinnen, Filme mit George Kennedy, Charlton Heston und Walter Matthau in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 20. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD), und DVD, 4. Juli 2013 als Blu-ray, 31. Mai 2012 und 16. Juni 2003 als DVD

Länge: 152 Min. (Blu-ray, TV-Fassung), 122 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 117 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (TV-Fassung nur Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Earthquake
USA 1974
Regie: Mark Robson
Drehbuch: George Fox, Mario Puzo
Besetzung: Charlton Heston, Ava Gardner, George Kennedy, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree, Marjoe Gortner, Barry Sullivan, Lloyd Nolan, Victoria Principal, Walter Matthau, Monica Lewis, Gabriel Dell, Pedro Armendáriz Jr., Lloyd Gough, Debralee Scott, Sam Chew, Tiger Williams
Zusatzmaterial Mediabook: 3 Featurettes: „Scoring Disaster – The Music of Earthquake“ (16:42), „Painting Disaster – The Matte Art of Albert Whitlock“ (10:36), „Sounds of Disaster – Ben Burtt Talks about Sensurround“ (11:20), alle Szenen der TV-Fassung, zusätzliche/entfallene TV-Szenen, Original Kinotrailer, Original TV-Spot, 24-seitiges Booklet
Label Mediabook: capelight pictures
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 capelight pictures

 

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Der Pazifikkrieg (II): Schlacht um Midway – Wendepunkt im Pazifik

Midway

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // In den ersten Monaten des Kriegsjahrs 1942 frohlockte das kaiserliche Japan: Nach dem vernichtenden Angriff auf Pearl Harbor und der damit einhergehenden enormen Schwächung der Pazifikflotte der USA wähnte sich die Kaiserlich Japanische Marine als Herrscherin des Pazifik.

Bis es im Juni 1942 zur Schlacht um Midway kam …

Das mit Top-Stars gespickte monumentale Kriegsdrama „Schlacht um Midway“ vom heute nicht mehr vielen Filmfans bekannten Regisseur Jack Smight („Der Tätowierte“) setzt mit Schwarz-Weiß-Bildern amerikanischer B-25-Langstreckenbomber ein, die von einem Flugzeugträger aus starten – es handelt sich um den sogenannten Doolittle Raid. Die tödliche Luftfracht trifft Tokio und andere japanische Metropolen, wie kurz darauf Vize-Admiral Isoroku Yamamoto (Toshirô Mifune), Oberbefehlshaber der Vereinigten Flotte, von seinem Adjutanten Commander Watanabe (Clyde Kusatsu) erfährt. Die Schäden und Opfer halten sich in Grenzen, aber dass die United States Army Air Forces zu einem solch frühen Zeitpunkt des Konflikts zwischen Japan und den USA einen Schlag gegen das japanische Festland führen konnten, darf als kleiner psychologischer Erfolg gewertet werden.

Vater und Sohn ziehen in den Krieg

Der im Hauptquartier der US-Pazifikflotte stationierte Captain Matt Garth (Charlton Heston) erlebt eine Überraschung, als er auf seinen Sohn Thomas Garth (Edward Albert) trifft, der sich als Fähnrich freiwillig gemeldet hat. Die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß: Thomas hat sich mit der japanischstämmigen Haruko Sakura (Christina Kokubo) verlobt – die allerdings wurde kürzlich in der Folge des Angriffs auf Pearl Harbor im Verbund mit ihren Eltern in Honolulu interniert (die Internierung japanischstämmiger Amerikaner und auf US-Boden lebender Japaner gehört zu den wenig ruhmreichen Kapiteln der US-Geschichte des Zweiten Weltkriegs).

Captain Matt Garth bereitet sich auf den Einsatz vor

Derweil plant der japanische Generalstab, die Amerikaner aus ihren Höhlen zu locken. Im Mai 1942 kommt es zur Schlacht im Korallenmeer mit schweren Verlusten auf beiden Seiten, einer ersten sogenannten Trägerschlacht, bei der auf beiden Seiten Flugzeugträger zum Einsatz kommen und ihre tödlichen Schwärme aussenden. Vize-Admiral Yamamoto plant, den japanischen Einflussbereich weiter auszudehnen und den US-Vorposten auf den Midway-Inseln im Nordpazifik anzugreifen, ein zwar kleines Atoll, für die Amerikaner aber nicht unbedeutend. Und während die Aufklärungsflugzeuge auf beiden Seiten versuchen, in den Weiten des Pazifiks die feindlichen Schiffe zu entdecken, bringen sich diese unausweichlich in Position für die große Schlacht.

Das ist großartige Schnitttechnik, die „Schlacht um Midway“ da auffährt: Wenn das Geschehen noch vor den Hauptgefechten eine ganze Weile permanent zwischen den Fliegern in der Luft und den Entscheidungsträgern an Bord der Flugzeugträger hin und her wechselt, baut sich kaum fassbare Spannung in der Erwartung der tödlichen Kämpfe auf, zu denen es dann auch kommt. Als friedliebender Mensch sollte man sich der Faszination dieses schweren militärischen Geräts eigentlich entziehen, aber das fällt schwer, und als bekennender Fan des Kriegsfilmgenres in all seinen Facetten will ich auch gar nicht moralisieren.

Perfekter Kriegsfilm?

Perfekter Kriegsfilm zitiert Koch Films auf dem Cover der Blu-ray das „Lexikon des internationalen Films“, verkürzt die Aussage damit allerdings gehörig – anderswo findet sich der Satz in voller Länge: Ein handwerklich perfekter Kriegsfilm mit prominenter Besetzung, der jedoch den Krieg auf fatale Weise zu einem „Spiel für harte Männer“ reduziert und keine historischen Zusammenhänge aufzeigt. Das trifft es schon eher, besteht doch allein schon zwischen perfekter Kriegsfilm und handwerklich perfekter Kriegsfilm ein großer Unterschied. Mich wundert das etwas, habe ich Koch Films doch in den vergangenen Jahren als seriösen Publisher kennengelernt. Aber die Veröffentlichung liegt auch schon fünf Jahre zurück. Historische Zusammenhänge bekommen wir in der Tat nicht erklärt, deutlich wird lediglich, dass Japan einen Angriffskrieg führt und die USA als defensive Kriegspartei agieren und reagieren. Letztlich geht es einzig um die Darstellung der titelgebenden Schlacht.

Die US-Kampfpiloten suchen die feindlichen Flugzeugträger

Verstehen wir uns nicht falsch: Sofern man sich kriegerische Auseinandersetzungen als fesselndes Entertainment geben will, ist „Schlacht um Midway“ dafür vorzüglich geeignet. Ich habe mich über die gesamte Dauer von mehr als zwei Stunden hervorragend unterhalten gefühlt. Die reine Darstellung der Entwicklung und Vorbereitung der Schlacht sowie die kriegerischen Auseinandersetzungen und Verluste scheinen mir auch den historischen Fakten zu entsprechen. Was das individuelle Agieren der Handlungs- und Entscheidungsträger angeht, bleibt vieles zwangsläufig der Fantasie und Interpretation der Drehbuchautoren überlassen, völlig legitim.

Parallelen zu „Tora! Tora! Tora!“

„Schlacht um Midway“ ist zweifellos alles andere als ein Antikriegsfilm und will das auch gar nicht sein. Das Sterben zahlloser junger Soldaten wird zwar gezeigt, hat aber eher den Charakter einer Randnotiz. Welch schicksalhafte und tragische Wucht der Krieg auf Individuen und Familien haben kann, bleibt ungesagt. Hier geht es um das große Ganze, den Erfolg in der Schlacht. Das eint Jack Smights Regiearbeit mit dem epischen Pearl-Harbor-Kriegsdrama „Tora! Tora! Tora!“ von 1970, und ohnehin ähneln beide Kriegsdramen einander, allein schon durch den permanenten Schwenk von Amerikanern zu Japanern und zurück. Dieser Perspektivwechsel steht ihnen gut zu Gesicht. Schurken gibt es keine, dafür zu allem entschlossene Männer, die schwere Entscheidungen treffen und gleichzeitig die Entscheidungen ihrer Kontrahenten vorausahnen müssen – Irrtümer können und werden für viele Soldaten den Tod bedeuten. Immerhin sind hochrangige Offiziere mit gewaltigen Entscheidungsbefugnissen an Bord der Flugzeugträger mitten im Geschehen, scheuen sich also nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Wir haben es mit Heldenkino zu tun. Großes Kino – das lässt sich ohne Übertreibung feststellen.

Einen gewichtigen Unterschied zum qualitativ und vom Anspruch ebenbürtigen „Tora! Tora! Tora!“ gibt es allerdings: Während der sich ganz auf das Kriegsgeschehen konzentriert, wartet „Schlacht um Midway“ mit der Geschichte um Vater und Sohn Garth auf, im Übrigen zwei fiktive Figuren. Auf mich wirkte der Konflikt der beiden um die Liebe des Sohns zu einer Japanerin gar nicht mal aufgesetzt, sondern fügte dem Film eine interessante Facette hinzu. Stirnrunzeln löste es bei mir allerdings aus, dass sich der vom Mittvierziger Charlton Heston verkörperte Captain Garth am Ende selbst in einen Sturzkampfbomber setzt und persönlich den vierten japanischen Flugzeugträger angreift. Meines Wissens beenden Kampfpiloten ihre aktive Zeit deutlich früher.

Stars in Uniform

Zu Heston gesellen sich weitere große Namen: Henry Fonda spielt Admiral Chester W. Nimitz, den Oberbefehlshaber der alliierten Marineeinheiten im Pazifik. Um den 20 Jahre älteren Seeoffizier darzustellen, ließ sich Fonda dem Vernehmen nach die Haare grau tönen. Glenn Ford ist als Rear Admiral Raymond Ames Spruance zu sehen. Hal Holbrook tritt als Codeknacker Joseph Rochefort auf, der maßgeblich am Abfangen geheimer japanischer Nachrichten beteiligt war. Robert Mitchum wiederum spielt in einem denkbar kurzen Auftritt Admiral William F. Halsey, der das Geschehen aufgrund einer schweren Erkrankung nur vom Krankenhausbett aus verfolgen kann. Den als Assistenten des Gerichtsmediziners „Quincy“ bekannten Robert Ito bekommen wir als japanischen Luftkampf-Strategen Genda Minoru zu Gesicht, der Vize-Admiral Nagumo Chūichi (James Shigeta) berät, welcher den Angriff auf Midway führt. In weiteren, nicht allzu großen Rollen: James Coburn, Cliff Robertson und Robert Wagner.

Der Kampf um Midway hat begonnen

Am Soundtrack des x-fach Oscar-nominierten und fünf Mal auch prämierten „Star Wars“-Komponisten John Williams gibt es ebenso wenig etwas auszusetzen wie an der Kamera von Harry Stradling Jr. („Little Big Man“). Für die Flugzeugaufnahmen bediente sich „Schlacht um Midway“ bei existierendem Material: Die Bombardierung Tokios zu Beginn beispielsweise stammt aus Mervyn LeRoys „Dreißig Sekunden über Tokio“ (1944). Wenn die japanischen Flugzeuge Midway attackieren, erinnert das nicht zufällig an „Tora! Tora! Tora!“. Die unsanfte Landung eines Flugzeugs, bei dem eins der Fahrwerke nicht ausgefahren war, habe ich jedenfalls sofort wiedererkannt. Den Trivia der Internet Movie Database zufolge wurden weitere Luftkampfsequenzen womöglich dem englischen Kriegsdrama „Die Luftschlacht um England“ von 1969 entnommen. Auch aus dem weniger bekannten „Klar Schiff zum Gefecht“ (1956) entlieh man offenbar ein paar Szenen. Sogar beim japanischen „Banzai-Banzai, die Piloten des Teufels“ von 1960 bediente sich „Schlacht um Midway“, und last not least wurden auch Farbaufnahmen echter Luftkämpfe eingebaut. Selbstverständlich erkennt man die unterschiedliche Bildqualität sofort, aber das suggeriert Authentizität und wirkt daher nicht störend. Sieht man von diesen Schwankungen ab, lässt sich konstatieren, dass die Bildqualität hervorragend ist. Auch beim Ton fielen mir keine Makel auf, dieses Urteil steht aber unter dem Vorbehalt meiner akustisch suboptimalen technischen Ausstattung. In die Kinos kam der Film seinerzeit mit dem sogenannten Sensurround-Tonverfahren, das ein intensives akustisches Erlebnis versprach, aber keine große Verbreitung erfuhr und bald eingestellt wurde.

Zeitzeuge John Ford

Der legendäre Western-Regisseur John Ford („Faustrecht der Prärie“) war während der Schlacht um Midway vor Ort und filmte die Gefechte. Dabei wurde er sogar leicht verwundet. Das Resultat trägt wie der 1976er-Spielfilm den Titel „Schlacht um Midway“ („The Battle of Midway“). Weil die 18-minütige Doku als Teil der Public Domain gemeinfrei ist, kann sie kostenlos im Netz angeschaut und sogar heruntergeladen werden. Eine restaurierte Fassung findet sich bei YouTube. Bei der Verleihung der Academy Awards 1943 erhielt sie einen Oscar. Aufgrund der Gemeinfreiheit hätte Koch Films Fords Dokumentarfilm an sich problemlos ins Bonusmaterial der Blu-ray stecken können. Vielleicht wurde das übersehen, oder es gab andere, mir nicht bekannte Gründe, weshalb das nicht geschehen ist. Auch so enthält die Blu-ray aber interessante Featurettes, die eine Bereicherung darstellen – gelungene Veröffentlichung eines großartigen Kriegs-Spektakels. Roland Emmerichs „Midway – Für die Freiheit“ (2019) muss sich daran messen lassen.

Im Anschluss: Guadalcanal

Die Schlacht um Midway brachte die US-Pazifikflotte wieder auf Augenhöhe mit der japanischen Kriegsmarine und versetzte die US-Streitkräfte in die Lage, initiativ vorzugehen und nicht mehr nur zu reagieren wie in den Monaten nach Pearl Harbor. Diese setzten die Amerikaner ab August 1942 mit der Landung auf der Salomonen-Insel Guadalcanal zügig in die Tat um. Die Schlacht um Guadalcanal gilt gegenüber der Schlacht um Midway als nächster, womöglich größerer Wendepunkt des Pazifikkriegs. Terrence Malick hat sie für sein meisterhaftes Kriegs-Epos „Der schmale Grat“ (1998) aufgegriffen. Die zehnteilige Miniserie „The Pacific“ von 2010 beginnt mit der Landung auf Guadalcanal.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Coburn, Henry Fonda, Charlton Heston, Hal Holbrook, Toshirô Mifune und Robert Mitchum haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 20. März 2014 als Blu-ray, 29. November 2007 als DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Midway
USA 1976
Regie: Jack Smight
Drehbuch: Donald S. Sanford
Besetzung: Charlton Heston, Henry Fonda, James Coburn, Glenn Ford, Hal Holbrook, Toshirô Mifune, Robert Mitchum, Cliff Robertson, Robert Wagner, Edward Albert, Robert Webber, Ed Nelson, James Shigeta, Christina Kokubo, Monte Markham, Biff McGuire, Clyde Kusatsu
Zusatzmaterial: Making-of (39 Min.), Featurette über die Musik (6 Min.), Featurette zum Sensurround-Ton (4 Min.), geschnittene Szenen der TV-Version (11 Min.), Doku-Special „Sie waren dabei“ mit Charlton Heston (6 Min.), Super-8-Fassung (18 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, deutscher und amerikanischer Kinotrailer
Label/Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2014 Koch Films, Packshot DVD: © 2007 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Zum 100. Geburtstag von Jack Palance: Die Bestie der Wildnis – Pessimistisch, provokant, düster

Arrowhead

Von Ansgar Skulme

Western // Die US-Armee sieht sich kurz vor einem vermeintlich aussichtsreichen Friedensabkommen mit den Apachen. Nur der Scout Ed Bannon (Charlton Heston), selbst bei den Ureinwohnern aufgewachsen, äußert vehement seine Skepsis. So lange bis er schließlich sogar vor dem Rauswurf steht. Gefährdet er mit seiner sturen Beharrlichkeit die Annäherung oder ahnt er, dass es sich bloß um eine Ruhe vor dem bösen Sturm handelt? Die Heimkehr des Häuptlingssohns Toriano (Jack Palance) scheint Gutes zu verheißen – er hat an der Ostküste eine großstädtische Ausbildung genossen. Doch Bildung lässt sich bekanntlich auch zu negativen Zwecken missbrauchen, insbesondere wenn man als großer Hoffnungsträger auf die bedingungslose Gefolgschaft seiner Anhänger setzen kann.

„Die Bestie der Wildnis“ zeigt Jack Palance, der am 18. Februar 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, in einer seiner physischsten Rollen. Der Sohn ukrainischer Einwanderer wirkt dabei als nordamerikanischer Ureinwohner recht überzeugend und liefert energisch eine der finstersten Indianerdarstellungen der Westerngeschichte ab. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte Palance während eines Trainingsflugs schwere Verbrennungen erlitten und sich nur knapp durch einen Fallschirmsprung aus einem brennenden B-24-Bomber retten können. Es heißt, dass die nachfolgenden operativen Eingriffe sein prägnantes Gesicht, die sehr tief zu sitzen scheinenden Augen und ungewöhnlich hervorstechenden Wangenknochen, in der heute bekannten Form bedingt hätten. Palance war sich der Möglichkeiten, die sein Aussehen mit sich brachte, offenkundig bestens bewusst. Er erhielt in den 50ern zwar auch einige Heldenrollen und machte sogar als Liebhaber eine gute Figur, konnte in „Die Bestie der Wildnis“ aber ein Schurke der brutalsten Sorte sein und dieses einmalige Gesicht dementsprechend ausspielen. Die Rolle war eine Herausforderung, die er sichtlich ernst nahm, wobei er sein eindrückliches Antlitz geschickt nutzte. In manchen Szenen wirkt er regelrecht wie der leibhaftige Tod, außer Atem und gefühlt jeden Muskel seines Körpers anspannend, zudem immer wieder die Augen intensiv einsetzend. Mir sind nicht viele Spielfilm-Beispiele bekannt, in denen die Gesichtszüge eines Schauspielers in einer Rolle so sehr einem nur sachte mit Haut überzogenen Totenkopf ähneln wie hier. Eine eindrucksvolle, offensive Performance, die ein so provokant mit Extremen hantierender Film tatsächlich sogar braucht, um konsequent zu bleiben.

Ein Film, der Grenzen austestet

„Die Bestie der Wildnis” war das Nachfolgeprojekt zu „Pony Express“ – derselbe Produzent (Nat Holt), derselbe Drehbuchautor (Charles Marquis Warren), derselbe Kameramann (Ray Rennahan), derselbe Komponist (Paul Sawtell), derselbe Hauptdarsteller (Charlton Heston). In den USA wurden beide Filme binnen eines Vierteljahres veröffentlicht. Der zentralste personelle Unterschied: Charles Marquis Warren übernahm diesmal auch selbst die Inszenierung seines Skripts. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass der Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera hier aus dem Technicolor noch mehr grandiose Bilder herauszukitzeln vermochte als im vorausgegangenen Film – mutmaßlich, weil sich hier mehr Zeit für die entsprechenden Bildkompositionen genommen worden sein mag –, ist nicht gesichert, aber denkbar. „Die Bestie der Wildnis“ wirkt technisch abgerundeter als „Pony Express“. Unterstützt von Paul Sawtells erneut recht mystischer, düsterer Musik wird dieser pessimistische Western so zu einem Paradebeispiel für ästhetische Düsternis im Genre, einschließlich einiger wundervoll gefilmter und beleuchteter Nachtaufnahmen.

Ein Western, der letztlich von dem Punkt handelt, an dem alle Verhandlungen scheitern, weshalb im Kampf die finale Entscheidung über den existenzialistischen Streit der Kulturen gesucht wird, und der dadurch eine gewisse Art Endzeit-Stimmung generiert. Und wenn ein Film die gewaltsame Auseinandersetzung als mögliche Lösung eines solchen Konflikts heraufbeschwört und ausführlich bebildert, heißt das wohlgemerkt nicht automatisch, dass die Macher Partei für eine solche Lösung ergreifen – und das muss auch keine Sensationslust sein, sondern kann schlicht als Dokumentation eines sehr tragischen Verlaufs von Geschehnissen verstanden werden, sogar unabhängig vom Ansinnen, dass die Verantwortlichen mit dem Film verfolgt haben mögen oder auch nicht. Es ist ja nicht die originäre Aufgabe von Filmen, immer die bestmöglichen Lösungen aufzuzeigen, sondern genauso gut können Anti-Beispiele ins Feld geführt werden. Filmische Schilderungen, die gut für ein „Nie wieder!“ zu einem solch brutalen Konflikt herhalten könnten, wofür man die Eskalation dann aber auch erst einmal in aller Deutlichkeit zeigen sollte – und so ein Film ist „Die Bestie der Wildnis“ unter dem Strich. Im Grunde eine Art Western-Kriegsfilm in diese Genres eindrücklich vermischender Form, in dem die Apachen so in etwa das Pendant zu beispielsweise den Japanern sind.

Verklärungen ins Positive und Negative

Rückblickend wurde dem Konzept zuweilen vorgeworfen eine so radikale Negativposition gegenüber den Indianern zu vertreten, dass „Die Bestie der Wildnis“ dahingehend ein Extrembeispiel der Westerngeschichte sei. Daran sind die Macher ein Stück weit sicher auch selbst schuld, da sie sich durch historisch kontextualisierende, rahmende Textpassagen im Film angreifbar machen. Wenn ich den Film von vornherein in einen Zusammenhang mit gewissen historischen Personen setze, muss ich natürlich damit leben, dass mir dann schnell einmal Verklärung unterstellt wird. Man sollte daher in jedem Fall festhalten, dass der von Charlton Heston verkörperte Protagonist Ed Bannon genau genommen die einzige Figur in „Die Bestie der Wildnis“ ist, die kein gutes Haar an den Ureinwohnern lässt und auch nicht an allen Indianern, sondern explizit nur an den Apachen, was persönlichen Motiven der Figur geschuldet ist. Bannon hegt Rachegedanken, die sein schroffes und gegenüber den Apachen sehr böses Auftreten erklären, aber dass das Motiv der Rache allein ein Grund dafür ist, diesem Western grundsätzlich indianerfeindliche oder gar rassistische Tendenzen zu unterstellen, zweifle ich stark an. Letztlich bleibt der Film doch der Botschaft treu, das Übel entstehe dadurch, dass die Apachen von Toriano aufgehetzt werden. Von einer Dämonisierung des gesamten Volkes der Apachen oder gar aller Indianer kann daher keine Rede sein. Man muss sogar herausstellen, dass „Die Bestie der Wildnis“ beispielsweise – im Gegensatz zu diversen anderen Western – auf eine Darstellung mancher Indianer als schlicht dumm beziehungsweise grobschlächtig und ungebildet verzichtet. Selbst die sich besonders verschlagen zeigenden Charaktere machen im Endeffekt eine recht clevere Figur, da sie ja schließlich eine Rolle spielen, um die Soldaten zu täuschen. Wenn man etwa an die stumpf brandschatzenden, profil- und motivlosen Meuchelmörder mit Söldnercharakter denkt, die John Ford in „Trommeln am Mohawk“ (1939) auf die Zuschauer losließ, ist „Die Bestie der Wildnis“ vergleichsweise regelrecht eine Verbeugung vor für eine Sache und ihre Kultur kämpfenden Indianern, die lediglich gegenüber den „Weißen“ ab einem gewissen Punkt ähnlich rassistisch auftreten, wie manche „Weiße“ gegenüber ihnen. Mögen sie auch auf fehlgeleiteten Pfaden unterwegs sein und eindeutig falsche, drastische sowie unfaire Mittel wählen – der Film stellt sie definitiv nicht als minderwertig dar, und das ist letztlich entscheidend.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eher die Frage stellen: „Selbst wenn es historisch nur einen einzigen Ureinwohner-Stamm gegeben haben sollte oder könnte, der einmal in dieser Form gegenüber den US-Soldaten agierte – warum darf man darüber nicht auch mal einen Film machen?“ Ob dies historisch dann nun Apachen waren oder nicht, ist letzten Endes Erbsenzählerei, da diese Figuren nur eine eher symbolische Aufgabe im narrativen Kontext erfüllen, die man nicht persönlich nehmen sollte. Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung spricht eigentlich nichts dagegen, sogar einmal einen vom Negativsten ausgehenden Blick zu wagen, der dann natürlich im Kontext sonstiger Blickwinkel gesehen werden muss. Am Ende des Tages hat ein solcher Western genau dieselbe Daseinsberechtigung wie gegenteilige Extreme vom Schlage „Winnetou“. Dass die historische Wahrheit sicher irgendwie in der Mitte liegt, kann man sich als findiger Zuschauer mit Bildung leicht selbst erschließen.

Atmosphärisch fesselnd

Wenn man sich von den Historisierungen einmal löst, verbleibt ein atmosphärisch dichter, kameraästhetisch ausgesprochen sehenswerter, spannender Film, der zudem eine ganze Reihe an guten Darbietungen vorweist. Hierbei sollte man neben Jack Palance auch Charlton Heston nicht vernachlässigen – mag man von der Moral seiner Figur auch halten, was man will. Heston wirkt in „Die Bestie der Wildnis“ wesentlich älter als beispielsweise in „Pony Express“ (1953), „Die größte Schau der Welt“ (1952) und „Stadt im Dunkel“ (1950), was dem Wesen der Rolle, der Leistung der Crew-Mitglieder in der Maske, die hier mit dezenten Mitteln viel bewirkten, und seiner überzeugenden schauspielerischen Darbietung geschuldet ist. An seiner Seite freut man sich über wichtige Charakterdarsteller des klassischen Hollywoods mit besonderem Profil wie Robert J. Wilke, Pat Hogan, Frank DeKova – bei dem die Maske ebenfalls Beachtliches leistete –, Peter Coe und James Anderson. Dazu eine tragische Rolle für Katy Jurado, die diesen Film kurz nach ihrem ersten großen Hollywood-Erfolg, „12 Uhr mittags“, drehte. Ferner spielte Brian Keith, dem schon bald darauf Hauptrollen überantwortet wurden, in „Die Bestie der Wildnis“ seine erste Kinorolle mit Nennung in den Credits und eine recht große noch dazu.

Nicht zuletzt ist da eine sehr gelungene deutsche Synchronfassung, in der Keith von keinem Geringeren als Harald Juhnke vertont wurde – der bekam als Synchronsprecher häufiger als vor der Kamera Gelegenheit, die Vielfältigkeit seines Talents und Könnens zu beweisen. Als Stimme von Charlton Heston macht auch hier Heinz Engelmann eine gute Figur. Wenngleich sich später vor allem Ernst Wilhelm Borchert etablierte, möchte ich Engelmann als Hestons Stimme in den beiden Nat-Holt-Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ keinesfalls missen. Zwei gute Beispiele dafür, dass Engelmann einfach so etwas wie die ideale Western-Stimme hatte und die Zuschauer allein schon durch seine stimmliche Präsenz hervorragend in diese filmischen Welten zu ziehen vermochte.

Was die Darbietung von Jack Palance angeht, erinnere ich mich, dass ich lange Zeit davon ausging, er sei hier genau wie beispielsweise in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – wo er eine ähnlich finstere Rolle mit leibhaftigem Totenkopf-Charakter spielte – von dem für Palance schlicht grandios funktionierenden Friedrich Joloff synchronisiert worden. Doch die dunkle Erinnerung hatte mir einen Streich gespielt – das passiert einem in der Filmwissenschaft beim Rekapitulieren früherer Seherlebnisse dann doch ab und an einmal, wie ich immer wieder feststelle. Als ich „Die Bestie der Wildnis“ nach vielen Jahren erneut sah, war ich dementsprechend überrascht, Fritz Tillmann als Toriano zu hören. Tillmann gelang es gut, die schräge Art und Weise, wie Jack Palance seine Mimik in der Rolle im Original einsetzt, stimmlich zu adaptieren und den dazugehörigen atemlosen Wahnwitz im Unterton mitschwingen zu lassen. Das wirkt manchmal etwas sonderbar, aber nur deswegen, weil sich Tillmann gut durchdacht dem Gesamtbild der Figur unterordnete. Er spielt die expressive Mimik von Palance gewissermaßen durch seine Stimme mit, während Torianos Stimme im Original oft viel ruhiger scheint.

Der Mann mit der Blüte im Knopfloch

Wenn man zum 100. Geburtstag von Jack Palance einen Film auswählen soll, sieht man sich einem vielseitigen Portfolio eines Schauspielers gegenüber, der heute für einige seiner Nebenrollen wahrscheinlich sogar bekannter als für die nicht zu unterschätzende Zahl an Hauptrollen ist, die er verkörpert hat. Da ist der schon in den frühen 50ern in Hollywood erfolgreiche Jack Palance, der schnell zum Star aufstieg, der ab den 60er-Jahren aber auch in italienischen Filmen sehenswerte Gastspiele feierte und sich in dem Italowestern „Mercenario – Der Gefürchtete“ (1968) schließlich eines der besten Duelle der Geschichte des Genres mit Tony Musante, im Beisein von „Django“-Legende Franco Nero, lieferte. Eine Sequenz, die man schon allein als Fan von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (2012) unbedingt einmal gesehen haben sollte, da eine bestimmte Passage mit Jack Palance in „Il Mercenario“ eindeutig als Inspiration für eine Szene mit Leonardo DiCaprio bei Tarantino diente. Jack Palance ist einer der wenigen Schauspieler, die sowohl im klassischen Hollywood-Western der 50er als auch im Italowestern mehrfach in großen Rollen zu sehen waren. Auch im hohen Alter machte er zudem noch mit Filmen wie „Out of Rosenheim“ (1987), „Batman“ (1989), „Tango und Cash“ (1989) sowie „City Slickers – Die Großstadt-Helden“ (1991) von sich reden. Für letztgenannte Komödie gewann er mit 73 Jahren schließlich sogar seinen ersten und einzigen Oscar und präsentierte im Zuge seiner Dankesrede auf der Bühne spontan ein paar Liegestütze, mit einem Arm am Körper anliegend – womit er sich ein weiteres Denkmal schuf.

Was die DVD-Veröffentlichungen von „Die Bestie der Wildnis“ international anbelangt, scheinen mir einige rechtliche Hintergründe unklar. Sicher ist, dass der Film in den USA schon 2004 offiziell von Paramount veröffentlicht wurde, es aber im Anschluss daran – im Gegensatz zu Produktionen wie „Der nackte Dschungel“ (1954) und „Rivalen ohne Gnade“ (1956), zwei anderen Paramount-Filmen aus diesem Zeitfenster mit Charlton Heston – bedauerlicherweise nicht via Paramount-Vertrieb nach Deutschland schaffte. Die wunderbaren Bilder von Ray Rennahan verdienen es, in bestmöglicher Qualität betrachtet zu werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlton Heston und Jack Palance haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung (USA): 9. November 2004 als DVD

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Arrowhead
USA 1953
Regie: Charles Marquis Warren
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Charlton Heston, Jack Palance, Katy Jurado, Brian Keith, Milburn Stone, Pat Hogan, James Anderson, Mary Sinclair, Peter Coe, Frank DeKova
Verleih: Paramount Pictures

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