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Der Pazifikkrieg (II): Schlacht um Midway – Wendepunkt im Pazifik

Midway

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // In den ersten Monaten des Kriegsjahrs 1942 frohlockte das kaiserliche Japan: Nach dem vernichtenden Angriff auf Pearl Harbor und der damit einhergehenden enormen Schwächung der Pazifikflotte der USA wähnte sich die Kaiserlich Japanische Marine als Herrscherin des Pazifik.

Bis es im Juni 1942 zur Schlacht um Midway kam …

Das mit Top-Stars gespickte monumentale Kriegsdrama „Schlacht um Midway“ vom heute nicht mehr vielen Filmfans bekannten Regisseur Jack Smight („Der Tätowierte“) setzt mit Schwarz-Weiß-Bildern amerikanischer B-25-Langstreckenbomber ein, die von einem Flugzeugträger aus starten – es handelt sich um den sogenannten Doolittle Raid. Die tödliche Luftfracht trifft Tokio und andere japanische Metropolen, wie kurz darauf Vize-Admiral Isoroku Yamamoto (Toshirô Mifune), Oberbefehlshaber der Vereinigten Flotte, von seinem Adjutanten Commander Watanabe (Clyde Kusatsu) erfährt. Die Schäden und Opfer halten sich in Grenzen, aber dass die United States Army Air Forces zu einem solch frühen Zeitpunkt des Konflikts zwischen Japan und den USA einen Schlag gegen das japanische Festland führen konnten, darf als kleiner psychologischer Erfolg gewertet werden.

Vater und Sohn ziehen in den Krieg

Der im Hauptquartier der US-Pazifikflotte stationierte Captain Matt Garth (Charlton Heston) erlebt eine Überraschung, als er auf seinen Sohn Thomas Garth (Edward Albert) trifft, der sich als Fähnrich freiwillig gemeldet hat. Die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß: Thomas hat sich mit der japanischstämmigen Haruko Sakura (Christina Kokubo) verlobt – die allerdings wurde kürzlich in der Folge des Angriffs auf Pearl Harbor im Verbund mit ihren Eltern in Honolulu interniert (die Internierung japanischstämmiger Amerikaner und auf US-Boden lebender Japaner gehört zu den wenig ruhmreichen Kapiteln der US-Geschichte des Zweiten Weltkriegs).

Captain Matt Garth bereitet sich auf den Einsatz vor

Derweil plant der japanische Generalstab, die Amerikaner aus ihren Höhlen zu locken. Im Mai 1942 kommt es zur Schlacht im Korallenmeer mit schweren Verlusten auf beiden Seiten, einer ersten sogenannten Trägerschlacht, bei der auf beiden Seiten Flugzeugträger zum Einsatz kommen und ihre tödlichen Schwärme aussenden. Vize-Admiral Yamamoto plant, den japanischen Einflussbereich weiter auszudehnen und den US-Vorposten auf den Midway-Inseln im Nordpazifik anzugreifen, ein zwar kleines Atoll, für die Amerikaner aber nicht unbedeutend. Und während die Aufklärungsflugzeuge auf beiden Seiten versuchen, in den Weiten des Pazifiks die feindlichen Schiffe zu entdecken, bringen sich diese unausweichlich in Position für die große Schlacht.

Das ist großartige Schnitttechnik, die „Schlacht um Midway“ da auffährt: Wenn das Geschehen noch vor den Hauptgefechten eine ganze Weile permanent zwischen den Fliegern in der Luft und den Entscheidungsträgern an Bord der Flugzeugträger hin und her wechselt, baut sich kaum fassbare Spannung in der Erwartung der tödlichen Kämpfe auf, zu denen es dann auch kommt. Als friedliebender Mensch sollte man sich der Faszination dieses schweren militärischen Geräts eigentlich entziehen, aber das fällt schwer, und als bekennender Fan des Kriegsfilmgenres in all seinen Facetten will ich auch gar nicht moralisieren.

Perfekter Kriegsfilm?

Perfekter Kriegsfilm zitiert Koch Films auf dem Cover der Blu-ray das „Lexikon des internationalen Films“, verkürzt die Aussage damit allerdings gehörig – anderswo findet sich der Satz in voller Länge: Ein handwerklich perfekter Kriegsfilm mit prominenter Besetzung, der jedoch den Krieg auf fatale Weise zu einem „Spiel für harte Männer“ reduziert und keine historischen Zusammenhänge aufzeigt. Das trifft es schon eher, besteht doch allein schon zwischen perfekter Kriegsfilm und handwerklich perfekter Kriegsfilm ein großer Unterschied. Mich wundert das etwas, habe ich Koch Films doch in den vergangenen Jahren als seriösen Publisher kennengelernt. Aber die Veröffentlichung liegt auch schon fünf Jahre zurück. Historische Zusammenhänge bekommen wir in der Tat nicht erklärt, deutlich wird lediglich, dass Japan einen Angriffskrieg führt und die USA als defensive Kriegspartei agieren und reagieren. Letztlich geht es einzig um die Darstellung der titelgebenden Schlacht.

Die US-Kampfpiloten suchen die feindlichen Flugzeugträger

Verstehen wir uns nicht falsch: Sofern man sich kriegerische Auseinandersetzungen als fesselndes Entertainment geben will, ist „Schlacht um Midway“ dafür vorzüglich geeignet. Ich habe mich über die gesamte Dauer von mehr als zwei Stunden hervorragend unterhalten gefühlt. Die reine Darstellung der Entwicklung und Vorbereitung der Schlacht sowie die kriegerischen Auseinandersetzungen und Verluste scheinen mir auch den historischen Fakten zu entsprechen. Was das individuelle Agieren der Handlungs- und Entscheidungsträger angeht, bleibt vieles zwangsläufig der Fantasie und Interpretation der Drehbuchautoren überlassen, völlig legitim.

Parallelen zu „Tora! Tora! Tora!“

„Schlacht um Midway“ ist zweifellos alles andere als ein Antikriegsfilm und will das auch gar nicht sein. Das Sterben zahlloser junger Soldaten wird zwar gezeigt, hat aber eher den Charakter einer Randnotiz. Welch schicksalhafte und tragische Wucht der Krieg auf Individuen und Familien haben kann, bleibt ungesagt. Hier geht es um das große Ganze, den Erfolg in der Schlacht. Das eint Jack Smights Regiearbeit mit dem epischen Pearl-Harbor-Kriegsdrama „Tora! Tora! Tora!“ von 1970, und ohnehin ähneln beide Kriegsdramen einander, allein schon durch den permanenten Schwenk von Amerikanern zu Japanern und zurück. Dieser Perspektivwechsel steht ihnen gut zu Gesicht. Schurken gibt es keine, dafür zu allem entschlossene Männer, die schwere Entscheidungen treffen und gleichzeitig die Entscheidungen ihrer Kontrahenten vorausahnen müssen – Irrtümer können und werden für viele Soldaten den Tod bedeuten. Immerhin sind hochrangige Offiziere mit gewaltigen Entscheidungsbefugnissen an Bord der Flugzeugträger mitten im Geschehen, scheuen sich also nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Wir haben es mit Heldenkino zu tun. Großes Kino – das lässt sich ohne Übertreibung feststellen.

Einen gewichtigen Unterschied zum qualitativ und vom Anspruch ebenbürtigen „Tora! Tora! Tora!“ gibt es allerdings: Während der sich ganz auf das Kriegsgeschehen konzentriert, wartet „Schlacht um Midway“ mit der Geschichte um Vater und Sohn Garth auf, im Übrigen zwei fiktive Figuren. Auf mich wirkte der Konflikt der beiden um die Liebe des Sohns zu einer Japanerin gar nicht mal aufgesetzt, sondern fügte dem Film eine interessante Facette hinzu. Stirnrunzeln löste es bei mir allerdings aus, dass sich der vom Mittvierziger Charlton Heston verkörperte Captain Garth am Ende selbst in einen Sturzkampfbomber setzt und persönlich den vierten japanischen Flugzeugträger angreift. Meines Wissens beenden Kampfpiloten ihre aktive Zeit deutlich früher.

Stars in Uniform

Zu Heston gesellen sich weitere große Namen: Henry Fonda spielt Admiral Chester W. Nimitz, den Oberbefehlshaber der alliierten Marineeinheiten im Pazifik. Um den 20 Jahre älteren Seeoffizier darzustellen, ließ sich Fonda dem Vernehmen nach die Haare grau tönen. Glenn Ford ist als Rear Admiral Raymond Ames Spruance zu sehen. Hal Holbrook tritt als Codeknacker Joseph Rochefort auf, der maßgeblich am Abfangen geheimer japanischer Nachrichten beteiligt war. Robert Mitchum wiederum spielt in einem denkbar kurzen Auftritt Admiral William F. Halsey, der das Geschehen aufgrund einer schweren Erkrankung nur vom Krankenhausbett aus verfolgen kann. Den als Assistenten des Gerichtsmediziners „Quincy“ bekannten Robert Ito bekommen wir als japanischen Luftkampf-Strategen Genda Minoru zu Gesicht, der Vize-Admiral Nagumo Chūichi (James Shigeta) berät, welcher den Angriff auf Midway führt. In weiteren, nicht allzu großen Rollen: James Coburn, Cliff Robertson und Robert Wagner.

Der Kampf um Midway hat begonnen

Am Soundtrack des x-fach Oscar-nominierten und fünf Mal auch prämierten „Star Wars“-Komponisten John Williams gibt es ebenso wenig etwas auszusetzen wie an der Kamera von Harry Stradling Jr. („Little Big Man“). Für die Flugzeugaufnahmen bediente sich „Schlacht um Midway“ bei existierendem Material: Die Bombardierung Tokios zu Beginn beispielsweise stammt aus Mervyn LeRoys „Dreißig Sekunden über Tokio“ (1944). Wenn die japanischen Flugzeuge Midway attackieren, erinnert das nicht zufällig an „Tora! Tora! Tora!“. Die unsanfte Landung eines Flugzeugs, bei dem eins der Fahrwerke nicht ausgefahren war, habe ich jedenfalls sofort wiedererkannt. Den Trivia der Internet Movie Database zufolge wurden weitere Luftkampfsequenzen womöglich dem englischen Kriegsdrama „Die Luftschlacht um England“ von 1969 entnommen. Auch aus dem weniger bekannten „Klar Schiff zum Gefecht“ (1956) entlieh man offenbar ein paar Szenen. Sogar beim japanischen „Banzai-Banzai, die Piloten des Teufels“ von 1960 bediente sich „Schlacht um Midway“, und last not least wurden auch Farbaufnahmen echter Luftkämpfe eingebaut. Selbstverständlich erkennt man die unterschiedliche Bildqualität sofort, aber das suggeriert Authentizität und wirkt daher nicht störend. Sieht man von diesen Schwankungen ab, lässt sich konstatieren, dass die Bildqualität hervorragend ist. Auch beim Ton fielen mir keine Makel auf, dieses Urteil steht aber unter dem Vorbehalt meiner akustisch suboptimalen technischen Ausstattung. In die Kinos kam der Film seinerzeit mit dem sogenannten Sensurround-Tonverfahren, das ein intensives akustisches Erlebnis versprach, aber keine große Verbreitung erfuhr und bald eingestellt wurde.

Zeitzeuge John Ford

Der legendäre Western-Regisseur John Ford („Faustrecht der Prärie“) war während der Schlacht um Midway vor Ort und filmte die Gefechte. Dabei wurde er sogar leicht verwundet. Das Resultat trägt wie der 1976er-Spielfilm den Titel „Schlacht um Midway“ („The Battle of Midway“). Weil die 18-minütige Doku als Teil der Public Domain gemeinfrei ist, kann sie kostenlos im Netz angeschaut und sogar heruntergeladen werden. Eine restaurierte Fassung findet sich bei YouTube. Bei der Verleihung der Academy Awards 1943 erhielt sie einen Oscar. Aufgrund der Gemeinfreiheit hätte Koch Films Fords Dokumentarfilm an sich problemlos ins Bonusmaterial der Blu-ray stecken können. Vielleicht wurde das übersehen, oder es gab andere, mir nicht bekannte Gründe, weshalb das nicht geschehen ist. Auch so enthält die Blu-ray aber interessante Featurettes, die eine Bereicherung darstellen – gelungene Veröffentlichung eines großartigen Kriegs-Spektakels. Roland Emmerichs „Midway – Für die Freiheit“ (2019) muss sich daran messen lassen.

Im Anschluss: Guadalcanal

Die Schlacht um Midway brachte die US-Pazifikflotte wieder auf Augenhöhe mit der japanischen Kriegsmarine und versetzte die US-Streitkräfte in die Lage, initiativ vorzugehen und nicht mehr nur zu reagieren wie in den Monaten nach Pearl Harbor. Diese setzten die Amerikaner ab August 1942 mit der Landung auf der Salomonen-Insel Guadalcanal zügig in die Tat um. Die Schlacht um Guadalcanal gilt gegenüber der Schlacht um Midway als nächster, womöglich größerer Wendepunkt des Pazifikkriegs. Terrence Malick hat sie für sein meisterhaftes Kriegs-Epos „Der schmale Grat“ (1998) aufgegriffen. Die zehnteilige Miniserie „The Pacific“ von 2010 beginnt mit der Landung auf Guadalcanal.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Coburn, Henry Fonda, Charlton Heston, Hal Holbrook, Toshirô Mifune und Robert Mitchum haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 20. März 2014 als Blu-ray, 29. November 2007 als DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Midway
USA 1976
Regie: Jack Smight
Drehbuch: Donald S. Sanford
Besetzung: Charlton Heston, Henry Fonda, James Coburn, Glenn Ford, Hal Holbrook, Toshirô Mifune, Robert Mitchum, Cliff Robertson, Robert Wagner, Edward Albert, Robert Webber, Ed Nelson, James Shigeta, Christina Kokubo, Monte Markham, Biff McGuire, Clyde Kusatsu
Zusatzmaterial: Making-of (39 Min.), Featurette über die Musik (6 Min.), Featurette zum Sensurround-Ton (4 Min.), geschnittene Szenen der TV-Version (11 Min.), Doku-Special „Sie waren dabei“ mit Charlton Heston (6 Min.), Super-8-Fassung (18 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, deutscher und amerikanischer Kinotrailer
Label/Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2014 Koch Films, Packshot DVD: © 2007 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Zum 100. Geburtstag von Jack Palance: Die Bestie der Wildnis – Pessimistisch, provokant, düster

Arrowhead

Von Ansgar Skulme

Western // Die US-Armee sieht sich kurz vor einem vermeintlich aussichtsreichen Friedensabkommen mit den Apachen. Nur der Scout Ed Bannon (Charlton Heston), selbst bei den Ureinwohnern aufgewachsen, äußert vehement seine Skepsis. So lange bis er schließlich sogar vor dem Rauswurf steht. Gefährdet er mit seiner sturen Beharrlichkeit die Annäherung oder ahnt er, dass es sich bloß um eine Ruhe vor dem bösen Sturm handelt? Die Heimkehr des Häuptlingssohns Toriano (Jack Palance) scheint Gutes zu verheißen – er hat an der Ostküste eine großstädtische Ausbildung genossen. Doch Bildung lässt sich bekanntlich auch zu negativen Zwecken missbrauchen, insbesondere wenn man als großer Hoffnungsträger auf die bedingungslose Gefolgschaft seiner Anhänger setzen kann.

„Die Bestie der Wildnis“ zeigt Jack Palance, der am 18. Februar 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, in einer seiner physischsten Rollen. Der Sohn ukrainischer Einwanderer wirkt dabei als nordamerikanischer Ureinwohner recht überzeugend und liefert energisch eine der finstersten Indianerdarstellungen der Westerngeschichte ab. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte Palance während eines Trainingsflugs schwere Verbrennungen erlitten und sich nur knapp durch einen Fallschirmsprung aus einem brennenden B-24-Bomber retten können. Es heißt, dass die nachfolgenden operativen Eingriffe sein prägnantes Gesicht, die sehr tief zu sitzen scheinenden Augen und ungewöhnlich hervorstechenden Wangenknochen, in der heute bekannten Form bedingt hätten. Palance war sich der Möglichkeiten, die sein Aussehen mit sich brachte, offenkundig bestens bewusst. Er erhielt in den 50ern zwar auch einige Heldenrollen und machte sogar als Liebhaber eine gute Figur, konnte in „Die Bestie der Wildnis“ aber ein Schurke der brutalsten Sorte sein und dieses einmalige Gesicht dementsprechend ausspielen. Die Rolle war eine Herausforderung, die er sichtlich ernst nahm, wobei er sein eindrückliches Antlitz geschickt nutzte. In manchen Szenen wirkt er regelrecht wie der leibhaftige Tod, außer Atem und gefühlt jeden Muskel seines Körpers anspannend, zudem immer wieder die Augen intensiv einsetzend. Mir sind nicht viele Spielfilm-Beispiele bekannt, in denen die Gesichtszüge eines Schauspielers in einer Rolle so sehr einem nur sachte mit Haut überzogenen Totenkopf ähneln wie hier. Eine eindrucksvolle, offensive Performance, die ein so provokant mit Extremen hantierender Film tatsächlich sogar braucht, um konsequent zu bleiben.

Ein Film, der Grenzen austestet

„Die Bestie der Wildnis” war das Nachfolgeprojekt zu „Pony Express“ – derselbe Produzent (Nat Holt), derselbe Drehbuchautor (Charles Marquis Warren), derselbe Kameramann (Ray Rennahan), derselbe Komponist (Paul Sawtell), derselbe Hauptdarsteller (Charlton Heston). In den USA wurden beide Filme binnen eines Vierteljahres veröffentlicht. Der zentralste personelle Unterschied: Charles Marquis Warren übernahm diesmal auch selbst die Inszenierung seines Skripts. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass der Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera hier aus dem Technicolor noch mehr grandiose Bilder herauszukitzeln vermochte als im vorausgegangenen Film – mutmaßlich, weil sich hier mehr Zeit für die entsprechenden Bildkompositionen genommen worden sein mag –, ist nicht gesichert, aber denkbar. „Die Bestie der Wildnis“ wirkt technisch abgerundeter als „Pony Express“. Unterstützt von Paul Sawtells erneut recht mystischer, düsterer Musik wird dieser pessimistische Western so zu einem Paradebeispiel für ästhetische Düsternis im Genre, einschließlich einiger wundervoll gefilmter und beleuchteter Nachtaufnahmen.

Ein Western, der letztlich von dem Punkt handelt, an dem alle Verhandlungen scheitern, weshalb im Kampf die finale Entscheidung über den existenzialistischen Streit der Kulturen gesucht wird, und der dadurch eine gewisse Art Endzeit-Stimmung generiert. Und wenn ein Film die gewaltsame Auseinandersetzung als mögliche Lösung eines solchen Konflikts heraufbeschwört und ausführlich bebildert, heißt das wohlgemerkt nicht automatisch, dass die Macher Partei für eine solche Lösung ergreifen – und das muss auch keine Sensationslust sein, sondern kann schlicht als Dokumentation eines sehr tragischen Verlaufs von Geschehnissen verstanden werden, sogar unabhängig vom Ansinnen, dass die Verantwortlichen mit dem Film verfolgt haben mögen oder auch nicht. Es ist ja nicht die originäre Aufgabe von Filmen, immer die bestmöglichen Lösungen aufzuzeigen, sondern genauso gut können Anti-Beispiele ins Feld geführt werden. Filmische Schilderungen, die gut für ein „Nie wieder!“ zu einem solch brutalen Konflikt herhalten könnten, wofür man die Eskalation dann aber auch erst einmal in aller Deutlichkeit zeigen sollte – und so ein Film ist „Die Bestie der Wildnis“ unter dem Strich. Im Grunde eine Art Western-Kriegsfilm in diese Genres eindrücklich vermischender Form, in dem die Apachen so in etwa das Pendant zu beispielsweise den Japanern sind.

Verklärungen ins Positive und Negative

Rückblickend wurde dem Konzept zuweilen vorgeworfen eine so radikale Negativposition gegenüber den Indianern zu vertreten, dass „Die Bestie der Wildnis“ dahingehend ein Extrembeispiel der Westerngeschichte sei. Daran sind die Macher ein Stück weit sicher auch selbst schuld, da sie sich durch historisch kontextualisierende, rahmende Textpassagen im Film angreifbar machen. Wenn ich den Film von vornherein in einen Zusammenhang mit gewissen historischen Personen setze, muss ich natürlich damit leben, dass mir dann schnell einmal Verklärung unterstellt wird. Man sollte daher in jedem Fall festhalten, dass der von Charlton Heston verkörperte Protagonist Ed Bannon genau genommen die einzige Figur in „Die Bestie der Wildnis“ ist, die kein gutes Haar an den Ureinwohnern lässt und auch nicht an allen Indianern, sondern explizit nur an den Apachen, was persönlichen Motiven der Figur geschuldet ist. Bannon hegt Rachegedanken, die sein schroffes und gegenüber den Apachen sehr böses Auftreten erklären, aber dass das Motiv der Rache allein ein Grund dafür ist, diesem Western grundsätzlich indianerfeindliche oder gar rassistische Tendenzen zu unterstellen, zweifle ich stark an. Letztlich bleibt der Film doch der Botschaft treu, das Übel entstehe dadurch, dass die Apachen von Toriano aufgehetzt werden. Von einer Dämonisierung des gesamten Volkes der Apachen oder gar aller Indianer kann daher keine Rede sein. Man muss sogar herausstellen, dass „Die Bestie der Wildnis“ beispielsweise – im Gegensatz zu diversen anderen Western – auf eine Darstellung mancher Indianer als schlicht dumm beziehungsweise grobschlächtig und ungebildet verzichtet. Selbst die sich besonders verschlagen zeigenden Charaktere machen im Endeffekt eine recht clevere Figur, da sie ja schließlich eine Rolle spielen, um die Soldaten zu täuschen. Wenn man etwa an die stumpf brandschatzenden, profil- und motivlosen Meuchelmörder mit Söldnercharakter denkt, die John Ford in „Trommeln am Mohawk“ (1939) auf die Zuschauer losließ, ist „Die Bestie der Wildnis“ vergleichsweise regelrecht eine Verbeugung vor für eine Sache und ihre Kultur kämpfenden Indianern, die lediglich gegenüber den „Weißen“ ab einem gewissen Punkt ähnlich rassistisch auftreten, wie manche „Weiße“ gegenüber ihnen. Mögen sie auch auf fehlgeleiteten Pfaden unterwegs sein und eindeutig falsche, drastische sowie unfaire Mittel wählen – der Film stellt sie definitiv nicht als minderwertig dar, und das ist letztlich entscheidend.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eher die Frage stellen: „Selbst wenn es historisch nur einen einzigen Ureinwohner-Stamm gegeben haben sollte oder könnte, der einmal in dieser Form gegenüber den US-Soldaten agierte – warum darf man darüber nicht auch mal einen Film machen?“ Ob dies historisch dann nun Apachen waren oder nicht, ist letzten Endes Erbsenzählerei, da diese Figuren nur eine eher symbolische Aufgabe im narrativen Kontext erfüllen, die man nicht persönlich nehmen sollte. Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung spricht eigentlich nichts dagegen, sogar einmal einen vom Negativsten ausgehenden Blick zu wagen, der dann natürlich im Kontext sonstiger Blickwinkel gesehen werden muss. Am Ende des Tages hat ein solcher Western genau dieselbe Daseinsberechtigung wie gegenteilige Extreme vom Schlage „Winnetou“. Dass die historische Wahrheit sicher irgendwie in der Mitte liegt, kann man sich als findiger Zuschauer mit Bildung leicht selbst erschließen.

Atmosphärisch fesselnd

Wenn man sich von den Historisierungen einmal löst, verbleibt ein atmosphärisch dichter, kameraästhetisch ausgesprochen sehenswerter, spannender Film, der zudem eine ganze Reihe an guten Darbietungen vorweist. Hierbei sollte man neben Jack Palance auch Charlton Heston nicht vernachlässigen – mag man von der Moral seiner Figur auch halten, was man will. Heston wirkt in „Die Bestie der Wildnis“ wesentlich älter als beispielsweise in „Pony Express“ (1953), „Die größte Schau der Welt“ (1952) und „Stadt im Dunkel“ (1950), was dem Wesen der Rolle, der Leistung der Crew-Mitglieder in der Maske, die hier mit dezenten Mitteln viel bewirkten, und seiner überzeugenden schauspielerischen Darbietung geschuldet ist. An seiner Seite freut man sich über wichtige Charakterdarsteller des klassischen Hollywoods mit besonderem Profil wie Robert J. Wilke, Pat Hogan, Frank DeKova – bei dem die Maske ebenfalls Beachtliches leistete –, Peter Coe und James Anderson. Dazu eine tragische Rolle für Katy Jurado, die diesen Film kurz nach ihrem ersten großen Hollywood-Erfolg, „12 Uhr mittags“, drehte. Ferner spielte Brian Keith, dem schon bald darauf Hauptrollen überantwortet wurden, in „Die Bestie der Wildnis“ seine erste Kinorolle mit Nennung in den Credits und eine recht große noch dazu.

Nicht zuletzt ist da eine sehr gelungene deutsche Synchronfassung, in der Keith von keinem Geringeren als Harald Juhnke vertont wurde – der bekam als Synchronsprecher häufiger als vor der Kamera Gelegenheit, die Vielfältigkeit seines Talents und Könnens zu beweisen. Als Stimme von Charlton Heston macht auch hier Heinz Engelmann eine gute Figur. Wenngleich sich später vor allem Ernst Wilhelm Borchert etablierte, möchte ich Engelmann als Hestons Stimme in den beiden Nat-Holt-Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ keinesfalls missen. Zwei gute Beispiele dafür, dass Engelmann einfach so etwas wie die ideale Western-Stimme hatte und die Zuschauer allein schon durch seine stimmliche Präsenz hervorragend in diese filmischen Welten zu ziehen vermochte.

Was die Darbietung von Jack Palance angeht, erinnere ich mich, dass ich lange Zeit davon ausging, er sei hier genau wie beispielsweise in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – wo er eine ähnlich finstere Rolle mit leibhaftigem Totenkopf-Charakter spielte – von dem für Palance schlicht grandios funktionierenden Friedrich Joloff synchronisiert worden. Doch die dunkle Erinnerung hatte mir einen Streich gespielt – das passiert einem in der Filmwissenschaft beim Rekapitulieren früherer Seherlebnisse dann doch ab und an einmal, wie ich immer wieder feststelle. Als ich „Die Bestie der Wildnis“ nach vielen Jahren erneut sah, war ich dementsprechend überrascht, Fritz Tillmann als Toriano zu hören. Tillmann gelang es gut, die schräge Art und Weise, wie Jack Palance seine Mimik in der Rolle im Original einsetzt, stimmlich zu adaptieren und den dazugehörigen atemlosen Wahnwitz im Unterton mitschwingen zu lassen. Das wirkt manchmal etwas sonderbar, aber nur deswegen, weil sich Tillmann gut durchdacht dem Gesamtbild der Figur unterordnete. Er spielt die expressive Mimik von Palance gewissermaßen durch seine Stimme mit, während Torianos Stimme im Original oft viel ruhiger scheint.

Der Mann mit der Blüte im Knopfloch

Wenn man zum 100. Geburtstag von Jack Palance einen Film auswählen soll, sieht man sich einem vielseitigen Portfolio eines Schauspielers gegenüber, der heute für einige seiner Nebenrollen wahrscheinlich sogar bekannter als für die nicht zu unterschätzende Zahl an Hauptrollen ist, die er verkörpert hat. Da ist der schon in den frühen 50ern in Hollywood erfolgreiche Jack Palance, der schnell zum Star aufstieg, der ab den 60er-Jahren aber auch in italienischen Filmen sehenswerte Gastspiele feierte und sich in dem Italowestern „Mercenario – Der Gefürchtete“ (1968) schließlich eines der besten Duelle der Geschichte des Genres mit Tony Musante, im Beisein von „Django“-Legende Franco Nero, lieferte. Eine Sequenz, die man schon allein als Fan von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (2012) unbedingt einmal gesehen haben sollte, da eine bestimmte Passage mit Jack Palance in „Il Mercenario“ eindeutig als Inspiration für eine Szene mit Leonardo DiCaprio bei Tarantino diente. Jack Palance ist einer der wenigen Schauspieler, die sowohl im klassischen Hollywood-Western der 50er als auch im Italowestern mehrfach in großen Rollen zu sehen waren. Auch im hohen Alter machte er zudem noch mit Filmen wie „Out of Rosenheim“ (1987), „Batman“ (1989), „Tango und Cash“ (1989) sowie „City Slickers – Die Großstadt-Helden“ (1991) von sich reden. Für letztgenannte Komödie gewann er mit 73 Jahren schließlich sogar seinen ersten und einzigen Oscar und präsentierte im Zuge seiner Dankesrede auf der Bühne spontan ein paar Liegestütze, mit einem Arm am Körper anliegend – womit er sich ein weiteres Denkmal schuf.

Was die DVD-Veröffentlichungen von „Die Bestie der Wildnis“ international anbelangt, scheinen mir einige rechtliche Hintergründe unklar. Sicher ist, dass der Film in den USA schon 2004 offiziell von Paramount veröffentlicht wurde, es aber im Anschluss daran – im Gegensatz zu Produktionen wie „Der nackte Dschungel“ (1954) und „Rivalen ohne Gnade“ (1956), zwei anderen Paramount-Filmen aus diesem Zeitfenster mit Charlton Heston – bedauerlicherweise nicht via Paramount-Vertrieb nach Deutschland schaffte. Die wunderbaren Bilder von Ray Rennahan verdienen es, in bestmöglicher Qualität betrachtet zu werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlton Heston haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung (USA): 9. November 2004 als DVD

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Arrowhead
USA 1953
Regie: Charles Marquis Warren
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Charlton Heston, Jack Palance, Katy Jurado, Brian Keith, Milburn Stone, Pat Hogan, James Anderson, Mary Sinclair, Peter Coe, Frank DeKova
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

 

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Pony Express – Der Stoff, aus dem Legenden sind

Pony Express

Von Ansgar Skulme

Western // Die USA kurz vor Beginn des Bürgerkrieges: Zwischen Missouri und Kalifornien soll der sogenannte Pony-Express seinen Betrieb aufnehmen. Buffalo Bill (Charlton Heston) und Wild Bill Hickok (Forrest Tucker) geben den Organisatoren Rückendeckung, denn dem Projekt droht Gefahr von kalifornischen Separatisten, die teils politisch-ambitionierte, teils rein wirtschaftliche Ansinnen verfolgen. Ferner halten die Sioux unter ihrem grobschlächtigen Anführer „Gelbe Hand“ (Pat Hogan) wenig von den ungebetenen Gästen, die ihr Land kreuzen wollen. Mit Unterstützung von keinem Geringeren als Jim Bridger (Porter Hall), der zweifelnden Separatistin Evelyn Hastings (Rhonda Fleming), der nur auf den ersten Blick burschikosen Denny Russell (Jan Sterling) und vielen mehr stürmt der Pony-Express seinem waghalsigen Start entgegen.

Der Westen – unendliche Weiten …

Historische Genauigkeit darf man von „Pony Express“ nicht erwarten. Um sich darüber klar zu werden, genügt schon allein die Feststellung, dass Buffalo Bill im Jahre 1860 eigentlich erst 14 Jahre alt war. Der Western ist allerdings ohnehin das Genre der Legendenbildung und durch das Aufgreifen historischer Figuren wie Buffalo Bill, Wild Bill Hickok und Jim Bridger ist ein Film wie „Pony Express“ in diesem Kontext lediglich eine Art Vorreiter. Dass die Figuren hier nicht für voll zu nehmen sind, gilt ebenso für die Helden wie auch die Indianer auf der anderen Seite, an denen der Film kein gutes Haar lässt, die sich als Antagonisten in der atmosphärisch dicht gestrickten Story aber dennoch sehr gut machen.

Unterbewertete Klasse-Western

„Pony Express“ war der erste von drei 1953 erschienenen Filmen, die nach einem Drehbuch von Charles Marquis Warren, mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera und mit Musik von Paul Sawtell durch den Produzenten Nat Holt über Paramount Pictures in die Kinos gebracht wurden. Alle drei – die beiden Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ sowie der Actionkrimi „Flug nach Tanger“ – schafften es bereits im Folgejahr in einer synchronisierten Fassung in die deutschen Kinos. Nat Holt war einer der wichtigsten Western-Produzenten der ersten Hälfte der 50er-Jahre, der dem Genre neben den beiden besagten Kollaborationen mit Charles Marquis Warren auch Filme wie „Die Todesschlucht von Arizona“ (1950), „Am Marterpfahl der Sioux“ (1951), „Die roten Teufel von Arizona“ (1952) oder „Terror am Rio Grande“ (1952) schenkte – kurzum: eine ganze Reihe sowohl farblich sehr schöner als auch atmosphärisch fesselnder Produktionen. Neben Marquis Warren gehörte Frank Gruber zu den maßgeblich für die Nat-Holt-Erfolge verantwortlichen Autoren. Gegenüber den Indianern waren diese Filme oft eher negativ eingestellt – vor allem in den Western, zu denen Marquis Warren das Drehbuch schrieb –, allerdings sind sie mitreißend inszeniert und schildern den existenzialistischen Kampf um das Land in ähnlich gekonnter Art und Weise wie beispielsweise „Die Teufelsbrigade“ (1951).

Nicht perfekt, aber mit natürlichen Fehlern schön

„Pony Express“ wurde als einzige der drei Nat-Holt-Produktionen nach Drehbüchern von Marquis Warren nicht von letzterem selbst inszeniert, sondern von Jerry Hopper. Dieser schuf gemeinsam mit Kameramann Rennahan ein malerisches Western-Erlebnis mit ein paar handwerklichen Schwachstellen, dafür aber stylishen Actionszenen und weiteren guten erzählerischen Ideen. Gekrönt von Paul Sawtells teils furioser, stellenweise aber auch fast schon mystisch-düsterer Musik. Wenngleich die Kamera manchmal überraschend unvorteilhaft positioniert scheint, stehen dem diverse tolle Einstellungen gegenüber – darunter ein grandioses Eröffnungs- sowie ein gleichsam episches Schlussbild. Die Weite der Landschaft wird mehrfach herrlich bebildert.

Interessant ist auch der Eintritt in die Story, da sich die ersten 15 Minuten des Films nahezu in Echtzeit abzuspielen scheinen. Erst als die kurzhaarige Denny Russell das erste Mal auftritt, spürt man einen wirklichen Szenen- und Schauplatzwechsel, nachdem man sich zuvor ohne nennenswerte Unterbrechungen fortlaufend gemeinsam mit Buffalo Bill durch die Landschaft bewegt und bereits mehrere Abenteuer mit ihm bestanden hat. Zum Zeitpunkt des Sprungs in die Stadt sind sowohl die Sioux als auch die Separatisten als gegnerische Gruppen eingeführt, und die Beziehung zwischen Buffalo Bill und Evelyn Hastings ist ebenfalls bereits ein gutes Stück vorangekommen. Der Film zieht den Zuschauer dadurch recht schnell in seinen Bann. Man hat von vornherein das Gefühl, sehr nah an Buffalo Bill dran zu sein – eine erzählerische Stärke, die sich auch ganz am Ende bezahlt machen wird.

Denny (l.) macht sich nichts aus klassischen Frauenrollen

Sehenswert ist zudem die eher unscheinbar, manchmal regelrecht heimtückisch gehaltene Komposition der Tiefe des Bildes. Da tauchen auch mal Bedrohungen durch Menschen im Hintergrund auf, die man – wie der Held selbst – zunächst gar nicht bemerkt. Der Ansatz hat etwas Erfrischendes, da es hier weniger darum geht, dass die Bilder ästhetisch tipptopp aussehen, als darum, dass sie ihren Zweck erfüllen, und das ist hier nun einmal der Überraschungseffekt. Sehr stark auf ein ästhetisch-stilistisch spektakuläres Aussehen hin komponierte Bilder verlieren im Normalfall automatisch den Faktor der Unscheinbarkeit von Begebenheiten im Bild, auch im Raum bzw. im Hintergrund – aber genau dieser Bruch, nämlich eine scheinbare Sicherheit, die urplötzlich komplett kippt und zu Verfolgungsjagden oder Schießereien führt, ist hier der springende Punkt. Es ergibt Sinn, dass die Bilder nicht immer wie gelackt aussehen, dafür stellenweise aber etwas ziemlich Unvorhersehbares haben.

Die Schusswechsel gefallen ferner dadurch, dass die Action stark durch die Bewegungen im Bild, innerhalb einer Einstellung, statt durch Schnitte und häufige Einstellungsgrößenwechsel kommt. Charlton Heston zeigt sich dabei mehrfach als um keinen Sprung in den Dreck verlegen – mag die Szenerie noch so ruhig erscheinen, lässt er sich auf einmal überraschend fallen, um gegnerischen Kugeln auszuweichen und diese zu erwidern. Aus dem Nichts, wie ein nasser Sack, wechselt er seine Position im Bild in die Horizontale. Ein Schelm, wer dabei an Neymar denkt. Wenn Kinder „Cowboy und Indianer“ spielen, sieht es nicht viel anders aus – und das hat Charme. Das wirkt tatsächlich auch nicht lächerlich, sondern eher sehr ursprünglich und auf eine Art ehrlich – da die Schießerei nicht durch Kameraeinstellungen und Schnitte aufgebauscht wird, sondern gewissermaßen auf den Kern der Sache reduziert. Schießereien in Western hätten öfter so minimalistisch inszeniert werden sollen – wirklich eine nette Abwechslung. Dass die Macher von „Pony Express“ es auch anders konnten, zeigt wiederum eine fetzige Kamerafahrt auf einen der Separatisten, während dieser zusammengeschossen wird, im finalen Feuergefecht. Das ist dann visionäre Action, wie man sie noch heute findet; ein Spiel mit der Bewegung des Bildes zur Steigerung der Spannung und mit der Einnahme der Perspektive eines der Protagonisten durch den Zuschauer.

Figuren, die bleiben

Der heimliche Star von „Pony Express“ ist allerdings eine Frau – Denny Russell, gespielt von Jan Sterling. Eine der interessantesten Frauenfiguren der Westernhistorie, die in einer glaubwürdig gebastelten Liebesgeschichte mit ihrer natürlichen Art, redend wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und offen über ihre Gefühle sprechend, emotional ans Herz geht. Die außerdem mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihrem ungezwungenen, authentischen Auftreten, anstelle jeder Etikette, allen Klischees beziehungsweise der typischen Rolle der Frau im Western einen Strich durch die Rechnung macht. Auch ihr Widerstreit mit Evelyn Hastings um die Gunst von Buffalo Bill ist sympathisch gelöst und spiegelt eine recht große Bandbreite an emotionalen Ebenen zwischen beiden Frauen. Am Ende findet der Film zu einem ergreifenden Finale, das auch die Bedeutung der Natur für einen Mann wie Buffalo Bill eindrucksvoll unterstreicht. Ebenso kommt das Motiv der Männerfreundschaft – für den Western gleichsam wichtig – in der gesamten Geschichte nicht zu kurz. Das erste Zusammentreffen von Buffalo und Will Bill gerät denkwürdig: Beide schießen sich gegenseitig eine ganze Ladung an Kugeln vor die Füße und um die Ohren, treffen sich dabei aber mit Absicht nicht. Eine kultverdächtige Art, „Hallo!“ zu sagen.

Seine Hechtsprünge machen Buffalo Bills Schießeinlagen ziemlich unberechenbar

An dieser Stelle will ich eine Lanze für Forrest Tucker brechen. Tucker, der hier als Wild Bill Hickok zu sehen ist, war einer der kernigsten Hauptdarsteller, die der damalige Western zu bieten hatte, machte sich aber auch als Sidekick für eine andere Hauptfigur, wie hier in „Pony Express“, oder als Schurke gut. Oder irgendwo dazwischen: mal grobschlächtig, mal verbohrt und gestrig, mal als derjenige, der sich am Ende doch noch auf den richtigen Pfad besinnt, selbst wenn ihn das das Leben kostet, mal als vernünftiger Gegenpart zu einem Antihelden am Scheideweg. Zudem besaß er auch komödiantisches Talent. Ohne Forrest Tucker wäre der US-Western der 50er-Jahre nicht das, was er ist. Er beherrschte gewissermaßen das komplette Portfolio aller Männer-Rollen, die das Genre hergab, gegebenenfalls sogar Charaktere spielend, die deutlich älter waren als er selbst. Nur als Indianer wurde er, aufgrund seiner physischen Beschaffenheit, soweit ich den Korpus überschaue, offenbar nie besetzt – wenngleich es andere gab, die ähnliche Rollen wie Tucker im Western spielten, aber auch einmal oder mehrmals einen Ureinwohner. Beispielsweise Stuart Randall, der in „Pony Express“ als Verschwörer Pemberton zu sehen ist, im selben Jahr aber auch einen Indianer in Lew Landers’ Pocahontas-Verfilmung „Steppe in Flammen“ verkörperte, oder der in Berlin geborene Henry Brandon, der in „Pony Express“ den geldgierigen Joe Cooper spielt und eine seiner bekanntesten Rollen als Indianer in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) hatte.

Und dann gab es Schauspieler wie Pat Hogan, die über ihre gesamte Karriere hinweg meist als Ureinwohner besetzt wurden. So in „Pony Express“ als „Gelbe Hand“, der offenbar vor allem von dem Gedanken angetrieben wird, sich damit Ruhm zu verdienen, Buffalo Bills Leben zu einem Ende zu führen. Hogan spielte wohlgemerkt nicht nur negativ behaftete Indianer, sondern beispielsweise auch erinnerungswürdig den treuen Gefährten des Helden in Anthony Manns „Draußen wartet der Tod“ (1955). Nichtsdestotrotz lieferte er aber auch einige der besten Darstellungen flach-brutaler Indianer mit simpler „Weißer Mann, du sterben! Weiße Frau, du brennen!“-Ideologie ab. Rollen, die sicherlich politisch fragwürdig wären, hätten politische Diskussionen in Bezug auf den Western so etwas wie einen Mehrwert. Figuren, die allerdings Spaß machen und überzeugen, wenn man sie im selben Kontext betrachtet wie beispielsweise die Figur des Dr. No im ersten Film der heute noch erfolgreichen James-Bond-Reihe. Es sind absichtlich überzeichnete Antagonisten mit exotischem Touch, mehr nicht. Wer unbedingt eine Rassismus-Diskussion um klassische US-Western und deren Indianer-Bilder vom Zaun brechen will, muss sich dann eigentlich auch fragen, ob „Dr. No“ (1962) alle Asiaten oder „Leben und sterben lassen“ (1973) alle Afro-Amerikaner diskriminiert. Und dass derartige Diskussionen die Bond-Reihe bisher in über 50 Jahren nicht wirklich belastet haben, hat gute Gründe. Warum der klassische US-Western davon bis heute mehr belastet wird, ist diskutabel.

Überraschung inmitten der Masse

Für alle, die sich fragen, warum auf der Vorderseite des Covers der deutschen Blu-ray und DVD von einem Film des Regisseurs James Cruze die Rede ist, sei erwähnt, dass dieser den Stummfilm „The Pony Express“ (1925) inszenierte. Der wertschätzende Kommentar auf dem vorliegenden Cover bezieht sich auf ebendiesen und nicht auf den Film, der sich auf der Disc befindet. Das ist insofern etwas unglücklich, als das falsch ausgewählte Zitat auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, es handle sich bei der vorliegenden Veröffentlichung um eine nicht sorgfältig gestaltete und womöglich sogar um ein Bootleg – zumal in jüngerer Zeit einige klassische US-Western ohne Nennung der Verleihe bzw. Rechteinhaber auf dem Cover in Deutschland auf DVD erschienen sind, wenn auch nicht bei Black Hill Pictures (Spirit Media), die für „Pony Express“ verantwortlich zeichnen. Bei solchen Erscheinungen werden die Hinweise auf den Verleih auch gern mal aus dem Vorspann und gegebenenfalls Abspann entfernt. Wer sich vom äußerlichen Trugschluss anhand der Vorderseite des Covers blenden lässt, verpasst mit „Pony Express“ eine komplett legale Veröffentlichung mit schönem Bild, gutem Ton sowie einem Mindestmaß an Standard-Bonusmaterial, die auch das Paramount-Logo überall dort vorweist, wo es hingehört. Nun also doch Sublizenzen bei Klassikern aus dem Hause Paramount? Sehr gut! Da geht noch einiges – nicht nur im Bereich Western. Ärgerlich, dass viele Paramount-Western der damaligen Zeit mittlerweile nun schon in fragwürdiger Qualität auf unseren DVD-Markt geworfen worden sind. Das dürfte sie für neuerliche Veröffentlichungen in vollständig professioneller Qualität für die Labels vorerst uninteressant machen.

Wenn das Geld stimmt, ist Joe Cooper (vorn) für jede Revolution zu haben

Die deutsche Synchronfassung weiß mit dem als Western-Held immer überzeugenden Heinz Engelmann in der Hauptrolle zu gefallen, der Charlton Heston nur zu Beginn seiner Karriere sprach – darunter allerdings fallen beide Western in Zusammenarbeit mit Charles Marquis Warren, „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ –, ehe sich schließlich Ernst Wilhelm Borchert mit Filmen wie „Die zehn Gebote“ und „Ben Hur“ als erste große Stammkraft etablierte und dabei auch gegen Gert Günther Hoffmann sowie Horst Niendorf durchsetzte. Sehr gelungen ist ferner die etwas überraschende Besetzung von Siegfried Schürenberg für Forrest Tucker. Der eloquente, elegant klingende Schürenberg – besser bekannt vor der Kamera als Sir John in vielen Edgar-Wallace-Filmen der 60er-Jahre – gibt dem kantigen Tucker eine interessante, recht reife und schlaue Note. Dass ein Revolverheld mit rauer Schale im Western vom ersten Moment an auch sehr gebildet erscheint, ist nicht unbedingt der Regelfall. Während Axel Monjé in zwei vorausgegangenen Western-Hauptrollen einfach nur zu jung und glatt für Tucker klingt – als radikales Kontrastprogramm zur reibeisernen Schale –, findet Schürenberg genau den richtigen Mittelweg. Fritz Tillmann spricht in „Pony Express“ wie auch in „Die Bestie der Wildnis“ den blutrünstigen Indianerhäuptling, hier Pat Hogan, dort Jack Palance in einer wesentlich größeren Rolle – beide Synchronfassungen dürften in recht engem Austausch entstanden sein. Tillmanns ungewöhnlich emotionslose Darbietung in „Pony Express“ mit sonderbarer Betonung, erweckt tatsächlich ein wenig den Eindruck, dass „Gelbe Hand“ sowohl die Sprache kaum versteht als auch psychisch ziemlich neben der Spur ist. Mit gekonnter Einfühlung ist es Tillmann geglückt, den Eindruck völliger Fremdheit dieser Figur – gegenüber Buffalo Bill, den Eindringlingen im Sioux-Land und deren „weißer“ Kultur – zu erwecken. Ein schönes Kontrastprogramm zu den sonst oft extrovertiert krakeelenden Antagonisten dieser Art. Tillmann spricht die Rolle, als hätte er sich den Indianer vorgestellt, wie er selbst im Synchronstudio steht und das erste Mal in seinem Leben ein Mikrofon und eine Leinwand sieht – eine kurze, aber außergewöhnliche Performance, ohne jede Theaterhaftigkeit.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlton Heston haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Ein Mann, ein Sattel, schier grenzenlose Natur – das Kernrezept des Westerns

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Pony Express
Deutscher Alternativtitel: Die Outrider
USA 1953
Regie: Jerry Hopper
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einer Vorlage von Frank Gruber
Besetzung: Charlton Heston, Rhonda Fleming, Jan Sterling, Forrest Tucker, Stuart Randall, Pat Hogan, Michael Moore, Henry Brandon, Richard Shannon, Porter Hall
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Deutscher Kinotrailer, Super-8-Vorabversion, Bildergalerie, Biografien
Label: Black Hill Pictures / Spirit Media
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2018 Black Hill Pictures / Spirit Media

 

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