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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Michael Rooker, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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Zum 100. Geburtstag von Chuck Connors: Jahr 2022 … die überleben wollen – Albtraum in Kotzgrün

Soylent Green

Von Tonio Klein

Science-Fiction // Eine vielleicht hundertjährige Vergangenheit. Menschen, die einen Gipfel erklimmen – familiäres Leben – Landwirtschaft – Industrialisierung – aus dem Ford T für Jedermann werden Autoschrottberge – immer schneller schneidet die Kamera vom Segen zum Fluch des Fortschrittsgipfels, zeigt Krieg, Hunger, Armut, Explosionen, Bilderfetzen nur noch (den multiplen Split Screen kennen wir vom Regisseur, meisterhaft eingesetzt 1968 in „Der Frauenmörder von Boston“). Dann wird es wieder ruhiger, und die Montage kommt im Jahre 2022 an.

Fu- oder kurios?

Nach dieser furiosen Eröffnung des genialen Richard Fleischer fasst man sich aber an den Kopf. New York City misst also 40 Millionen Einwohner, und die haben es nicht mal geschafft, das Design ihrer Wohnungen, Autos, Fernseher, Klamotten, Frisuren, Bücher (gibt’s noch) auch nur ansatzweise zu verändern gegenüber 1973, dem Entstehungsjahr von „Jahr 2022 … die überleben wollen“? Hier ist der Film auf fast schon rührende Weise flach. Aber auch wieder ganz interessant. Man reibt sich die Augen und denkt zurück an die 70er mit ihrem abenteuerlichen Design und mit ihren Kaffeesatzlesern, die sich Futurologen nannten und sich wissenschaftlich gaben, aber rückschauend jämmerlich versagten. Science-Fiction-Filme, die in der Zukunft spielen, verweisen scheinbar paradoxerweise oft am deutlichsten auf ihre Entstehungszeit und altern schnell. Es geht nicht um die Zukunft, sondern darum, wie man sie sich im Entstehungsjahr vorgestellt hatte, und nichts altert so schnell wie dies.

Aktuelles …

Nach dem zweiten Sehen erscheint mir das in einem milderen Licht, zumal die gar nicht unmoderne Ökodystopie des Filmes vor allem durch den Klimawandel mehr in den realen Fokus gerückt ist. Der Film thematisiert Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Auswirkungen auf die Nahrungsmittelindustrie. Wenn man sich einmal ansieht, was auf dem Gebiet der Manipulation und Verkünstlichung der Lebensmittel heute nicht nur möglich, sondern Alltag ist, so lässt sich auch dies vorstellen: Ein „Vollwertnahrungsmittel“, von dem man satt wird, aber nicht zu erkennen braucht, was es eigentlich ist. Darum geht es in „Jahr 2022 … die überleben wollen“, denn die Firma Soylent stellt Derartiges her. In irgendwie eklig aussehenden schreienden Farben, wobei ich das originaltitelgebende „Soylent Green“ als Kotzgrün bezeichnen würde. Hier zeigt sich eine Stärke von Fleischer: sein Umgang mit Farben. Oft hat er sie hervorgehoben, oft ausgebleicht. Manche seiner Filme haben einen ausgesprochen schönen Look, etwa „Die Wikinger“ (1958) mit dem großen Jack Cardiff an der Kamera. Viele sehen aber eher schmuddelig aus, was meist zu den schmuddeligen im Sinne von perversen Welten passt, die Fleischer uns da zeigt. Der Mörder in „Stiefel, die den Tod bedeuten“ (1971) oder die Titelfigur in „Der Frauenmörder von Boston“; die monochromen Salzminen, in denen die Titelfigur in „Barabbas“ (1961) Sklavenarbeit verrichten muss. Genauso trist geht es auch in der „Soylent Green“-Welt zu. Etwas übertrieben ist dann aber der Effekt, viele Außenaufnahmen bei Tag mit einem zu dick aufgetragenen Grünfilter zu überziehen, der sich unlogischerweise stets über die oberen drei Viertel des Bildes erstreckt, ganz egal, wo sich die Kamera gerade befindet. Was bei „Barabbas“ zum Setting und zur Stimmung passte, wirkt hier aufgesetzt.

… und Seltsames

Man braucht auch erst eine Weile, um in diesen Film hineinzukommen, der einen immer mal wieder vor den Kopf stößt. Schaufelbagger, um Demonstranten abzuräumen – kannn man nicht von der Schaufel springen, statt sich in den Laster kippen zu lassen? Der Mord an einem Priester – merkt der Nächste in der Schlange vor dem Beichtstuhl nicht, dass der Priester nicht mehr die Absolution erteilen kann, sodass der Attentäter schnell entdeckt werden könnte? Ein großes Geheimnis, was tatsächlich in Soylent Green enthalten ist – wieso kann der von Charlton Heston gespielte Detective Thorn mal eben in fünf Minuten in die Fabrik eindringen und es knacken? Gibt es dort keine Videokameras, die ja bereits 1973 bekannt waren? Die ärmliche Behausung von Thorn und seinem Freund und Assistenten Sol Roth (Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle) vs. eine Luxuswohnung, die vor 1970er-Designsünden nur so trieft: Da war Fritz Langs „Metropolis“ 1926 bedeutend visionärer. Frauen als „Inventar“ einer Luxuswohnung – ist das nicht mittlerweile aus der dystopischen Mottenkiste?

Darsteller in erdrückenden Räumen

Der Film weiß dennoch zu fesseln und steigert sich gegen Ende enorm. Zudem gibt es gestalterisch nicht nur Schwachpunkte, sondern auch Pluspunkte. Und gute Schauspielerei. Leider kommt Chuck Connors, der am 10. April 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, arg unter die Räder, dessen Schurkenrolle wenig mehr hergibt, als sich von Charlton Heston verprügeln zu lassen. Wie er in einer Nebenrolle glänzen konnte, habe ich ausführlicher in meinem „Geburtstagstext“ zu „Weites Land“ (1958) gewürdigt.

Heston und Robinson überzeugen. Wenn sie ein paar wenige Stücke popeliges Gemüse und andere natürliche Nahrungsmittel ergattern, sieht man ihnen an: Der Jüngere hat so etwas noch nie gesehen und der Ältere bekommt wehmütige Erinnerungen an eine lange vergangene Zeit, die er aber noch erlebt hatte. Fleischer hebt diese Dinge wie kostbare Schätze auch farblich heraus. Und das gilt auch für ein schönes echtes Rindfleischstück. Bei aller Zivilisationskritik ist dies kein Film für Vegetarier, sondern ein Plädoyer für unverfälschte Nahrungsmittelherstellung, ob mit Fleisch oder ohne. Fleischer überzeugt von einigen Ausnahmen abgesehen gestalterisch durchaus – auch bei der Tristesse, die von Fleisch und Obst und Gemüse nicht durchbrochen werden kann, zumal man Letzteres einmal sinnbildlich hinter einem Maschendrahtzaun sieht; es wird gehütet wie ein Goldschatz in einer Bank. So sind Räume mit leicht gebogenen Linsen und Weitwinkeloptik fast immer so gefilmt, dass die Decken erdrückend niedrig wirken – auch die Luxusräume, was darauf hindeutet, dass diese Welt letztlich alle erniedrigt, nicht nur eine unterdrückte Klasse.

Wenn das Individuum zum Teil einer Masse wird

Fatalismus auch bei der Anordnung von Menschen. Wenn sie in Massen auftreten, werden sie fast wie Dinge gefilmt, was aber anklagend statt kritiklos geschieht. Die nicht ganz runde Schaufelbaggerszene bekommt auf diese Weise etwas Beklemmendes – Menschenmassen werden wie Unrat weggeräumt. Und sie sind allgegenwärtig. Die Massen von Obdachlosen liegen fast so lückenlos auf allen Außentreppen, dass sich Detective Thorn auf seinem Weg zur Arbeit reichlich Mühe geben muss, auf niemanden zu treten. Bei einem Kampf in einer proppenvollen, zum Armenhaus umfunktionierten Kirche kann er nicht verhindern, dass die Menschen, die dort eine Art Asyl haben und fast jeden Quadratzentimeter bedecken, in Mitleidenschaft gezogen werden. Das ist nicht nur eine filmtechnische Meisterleistung und war sicherlich ungemein schwierig ohne echte Verletzungsgefahr zu drehen. Es zeigt auch, dass hier niemand dem Problem des Massenleidens entkommen kann. Strahlende Helden, die über allem, über allen und außerhalb der Gesellschaft stehen, gibt es nicht. Selbst den Luxuswohnungsbewohnern fällt die Decke auf den Kopf.

Spoilerwarnung für den nächsten Absatz

Es gibt zwei sehr interessante gestalterische Brüche: In einem scheint es so, dass Fleischer uns sagen will, der einzig Mächtige hier sei derjenige, der die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert. Eine der letzten Szenen spielt in der Soylent-Fabrik; es ist die einzige Szene, die mit auffallend hohen Räumen zum ganzen Rest des Films in scharfem Kontrast steht. Der zweite Bruch ist noch wichtiger, ist sehr schön, sehr berührend, aber auch gemein und unendlich traurig: Sol Roth entschließt sich zum Freitod; hierfür gibt es professionelle Einschläferungsanstalten, die dem Wort Euthanasie (wörtlich „schöner Tod“) eine neue Bedeutung verleihen. Das ist ein modernes Dienstleistungsunternehmen, in dem die Würde des Menschen in freundlichen Farben und zuvorkommender Höflichkeit pervertiert wird. Roths Lieblingsfarbe ist Orange, er kommt in eine Kabine, in der alles in dieser Farbe ausgeleuchtet und wirklich wunderschön ist. Dazu werden ihm nach Einnahme eines tödlichen Medikamentencocktails die letzten 20 Minuten versüßt, indem ihm auf Großbildleinwand Bilder von erlesener Schönheit gezeigt werden, die man in Fleischers Dystopie in der Realität nicht mehr zu sehen bekommt. Schöne Landschaften, glückliche Kühe, Blumen; dazu erklingt passenderweise Beethovens Erster Satz aus der „Pastorale“, der übrigens den Titel „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ trägt. Hier mal nicht popelige 1973er-Fernseher, hier mal ein gewagtes Bild, Eskapismus, naturalistische Farben kombiniert mit Robinson in Orange, und sein leuchtendes Gesicht in Großaufnahme zeigt leuchtende Augen: So etwas wollte er noch einmal sehen, er hatte jahrzehntelang nicht mehr die Gelegenheit dazu (zuvor wurde im Dialog erklärt, dass es nicht erlaubt wird, auf das Land zu reisen). Kollege Thorn, der dazukommt, ist anzusehen, dass er Dinge von einer Schönheit sieht, die er überhaupt noch nie gesehen hat. Das Spiel der beiden, der Kontrast zu ihrer Wirklichkeit, die Traurigkeit, auch jetzt noch diese schönen Bilder nur als Film im Film zu sehen (der Bildkader ist immer erkennbar) – und vielleicht noch das spätere Wissen, dass dies tatsächlich Edward G. Robinsons letzter Film sein sollte: eine ausgesprochen ergreifende Szene.

Des Publikums Zimmer mit Aussicht

Beim Abspann dann noch einmal Beethoven und nun die erlesenen Bilder ohne Rahmen – wir dürfen kurz an der besseren Welt schnuppern, aber nur in dem Wissen, dass der Film vorbei ist und dies den Protagonisten vorenthalten bleibt. So schön wie traurig. Und so hat sich dieser Film trotz gewisser Schwächen dann doch seine Ehren redlich verdient.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Chuck Connors, Joseph Cotten und Charlton Heston unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. April 2011 als Blu-ray, 18. September 2003 als DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Originaltitel: Soylent Green
USA 1973
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Stanley R. Greenberg, nach einem Roman von Harry Harrison
Besetzung: Charlton Heston, Leigh Taylor-Young, Edward G. Robinson, Joseph Cotten, Chuck Connors, Brock Peters, Paula Kelly, Stephen Young, Mike Henry, Lincoln Kilpatrick, Roy Jenson, Leonard Stone, Robert Ito
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Richard Fleischer und Darstellerin Leigh Taylor-Young, Featurette „Ein Blick in die Welt von Soylent Green“ (10 Min.), „MGMs Hommage an Edward G. Robinsons 101. Film“ (5 Min.), US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Tonio Klein

 

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Zum 100. Geburtstag von Chuck Connors: Weites Land – Gegen manch enge Stirn

 

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The Big Country

Von Tonio Klein

Western // Vielleicht die schönste Stelle beim zweiten Sehen von William Wylers „Weites Land“ (1958): Der Seefahrer James McKay (Gregory Peck) zieht von der Ostküste in den Wilden Westen, um in die Familie Terrill einzuheiraten. Seine Braut Patricia (Carroll Baker) trifft er zunächst im Haus ihrer Freundin, der Lehrerin Julie Madigan (Jean Simmons). Und weil Julie gerade nicht da ist, kann James mit Patricia ungestört knutschen und kommentiert die Freude darüber mit einem Kompliment an die Abwesende: „Die gefällt mir jetzt schon.“

Im weiten Land sind Umwege nötig

So viel darf verraten werden: Wie recht er doch hat … Im Laufe der Zeit spielt sich Jean Simmons’ Julie klammheimlich und mit ihrer vielgerühmten stillen Stärke in das Zentrum des Films und das Herz von James. Hier haben wohl ein aufmerksamer Regisseur und ein aufmerksames Drehbuch schon zu Beginn ein Zeichen gesetzt. So wie dieser ungewöhnliche epische Western ohnehin ein Meisterwerk der bedeutungsvollen Zeichen, Worte, Blicke, Gesten, Kameratotalen ist. Man kann ihn wieder und wieder sehen und wird feststellen, dass etwas selten so perfekt, aber dennoch mit Seele und Liebe inszeniert wurde. Und was ist es, das Seele und Liebe hat? Die Geschichte eines Mannes, der in feinem Zwirn und mit einer ruhigen Überlegenheit in den Westen kommt und mit männlichem Imponiergehabe so gar nichts anfangen kann. In dieser Haltung versucht er schließlich, in einem Familienkrieg zwischen den Terrills und den verkommen wirkenden Hannassays um eine Wasserstelle zu vermitteln. Und ist beeindruckt von Julie, in der er eine verwandte Seele findet, in die er sich schließlich verlieben wird.

Show, don’t tell

Wyler gelingt es, dieses Moralstück ohne zu viel Zeigefinger zu inszenieren. Mehrere Gründe sind anzuführen: Zum einen ist nicht alles in den Dialog verlagert. Ein minutiös perfekt inszenierter Blick sagt bei 40-Takes-Willy genauso viel wie Worte. Wenn beispielsweise illustriert wird, dass bei den Terrills die nackte Gier regiert und dass auch James’ Braut Patricia davon nicht lassen kann, können wir Patricia in James’ Armen sehen, wie sie sich um Kopf und Kragen redet und hofft, James doch noch für ihre und ihres Vaters Ziele einspannen zu können. Aber wir sehen auch immer James’ Gesicht dabei. Das Gesicht eines Gentlemans, der von Understatement geprägt ist und dem es sichtlich schwer fällt, deutlich auszusprechen, dass die Hochzeit platzen wird. Aber dass er sie platzen lassen wird, können wir aus seinen Zügen lesen. Wir sehen, was Patricia nicht sieht. Wir sehen sowieso öfter einmal, was andere nicht mitbekommen – wenn James etwa ihm angetragene „Mutproben“ später klammheimlich doch noch absolviert, nur für sich selbst, obwohl er sich vor Publikum geweigert hatte und meint, einer Frau, die ihn liebt, nichts beweisen zu müssen. Hierdurch bekommen wir einen Informationsvorsprung, dringen ins Innerste der Figuren ein, kommen ihnen wirklich nahe, ohne dass Wyler diese Dinge forciert. Die Kamera ist gelegentlich so weit entfernt, dass Menschen wie kleine, unbedeutende Punkte im weiten Land erscheinen. Aber der Film ist damit nie Ausstellungsstück, er fordert eher ein bisschen zu Mäßigung und Demut auf und schafft gerade damit bewegende Porträts von Menschen, die wir teils lieben können, aber denen wir nie blind hinterherhecheln. Seltsamerweise ist der Film bei aller Kritik an menschlicher Gier niemals misanthropisch, sondern zeigt teils „Gute“, teils Gescheiterte, aber nie richtig Böse. Major Terrill (Charles Bickford) ist letztlich Opfer seiner Sozialisation, und sein Gegner Rufus Hannassay (Burl Ives) ist ein verbitterter Mann mit einem guten Kern.

This boot is made for actin’

Rufus’ Sohn Buck wird vom Jubilar Chuck Connors gespielt. Am 4. Oktober 1921 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, hatte er nicht die klassische Schauspielerausbildung, sondern verdiente er nach seiner Armeezeit sein Geld mit Basket- und Baseball. Er erkannte, dass er es dort nicht zum Topspieler bringen konnte, und griff zu, als ihn ein MGM-Talentsucher auf dem Baseballfeld in Aktion sah und an ihn herantrat. Es war ja nicht ungewöhnlich, Hollywoodkarrieren auf Äußerlichkeiten aufzubauen, wobei manche der so Gelockten das Schauspiel erstaunlich gut lernten. Nur startete der großgewachsene, athletische Connors zu einem Zeitpunkt, als das alte Studiosystem schon im Umbruch war, 1952. Zu kleinen und mittelgroßen Kinorollen gesellte sich das Fernsehen, wo er in „Westlich von Santa Fé“ (1958–1963) die Hauptrolle innehatte. Später bereicherte der für Western prädestinierte, kantige Connors auch das italienische Genrekino. Wobei der Italowestern „Töte alle und kehr allein zurück“ (1968), glaubt man dem Filmpublizisten Christian Keßler, um einiges besser ist als der Thriller „Maniac Killer“ (1987) des in Sex und/oder Crime immer extremen Andrea Bianchi. Auch sonst dünnt Connors’ Filmografie gegen Ende deutlich aus, und zwar nicht quantitativ. Der ganz große Star war er nie gewesen, als er 1992 in Los Angeles an Lungenentzündung infolge eines Lungenkrebsleidens starb. 1984 durfte er aber immerhin den Golden Boot Award entgegennehmen, der für Leistungen in Kino- und Fernsehwestern vergeben wird.

Chuck Connors brilliert mit radikal antifilmischer Figur

Connors’ Darstellung in „Weites Land“ ist bemerkenswert, weil Buck eine extrem unvorteilhafte, darin aber auch unschuldige Figur ist. Als so eine kann man keinen Oscar gewinnen, aber die Darstellung blieb mir schon beim ersten Sehen im Jahr 2003 (Programmänderung anlässlich Gregory Pecks Tod) nachhaltig im Gedächtnis. Dieser Buck ist wirklich alles, was weder ein Held noch ein Schurke sein sollte, und Regisseur Wyler und Darsteller Connors heben das weit über den doofen Heavy, der immer auf die Mütze bekommt. Die Bösen seien gefälligst charismatisch, gerissen oder zumindest zum Fürchten stark? Nicht so Buck, der zu unschuldig ist, um ihn zu hassen, aber auch zu aufdringlich und gewalttätig, um ihn zu bemitleiden. Am deutlichsten zum Ausdruck kommt dies bei einem Vergewaltigungsversuch, begangen an Julie. Die Szene zeigt auch, wie gut der Film bei etwas, wo das besonders schwierig ist, gealtert ist. Buck sagt, als er an der Fortsetzung der Untat gehindert wird, etwas wie „Wir wollten nur ein bisschen Spaß haben“ – also die notorische Ausrede, zu der 1991 Louise in „Thelma & Louise“ die richtigen Worte (und die richtige Waffe) fand. Das schier Unglaubliche: Man nimmt ihm diesen Satz ab! Um nicht missverstanden zu werden: Man glaubt, dass er selbst das glaubt. Was es nicht besser macht, was Buck aber als einen völlig Hilflosen charakterisiert, so schlecht, dass er nicht mal böse ist. Das muss man erst einmal hinbekommen!

Schauwerte und Mehrwerte

Minutiös gelingt Wyler und seinem Team eine kluge Demontage von Westernmythen, und man wird in einem mehr als zweieinhalbstündigen Film, der weitgehend actionfrei ist, auch noch prächtig unterhalten. Es gibt eine prachvoll-schmissige, aber im Einzelnen sehr nuancierte Musik von Jerome Moross, und es gibt klassische Westernbilder en masse, inclusive eines (kleinen) Showdowns in einem imposanten Canyon. Aber Wyler lässt das nie zum Selbstzweck verkommen. Auch wenn er das titelgebende weite Land in Dialog und Bild reichlich zelebriert, sehen wir das mit einem kritischen Auge. Von den Menschen, die mitunter klein wie Punkte werden, war schon die Rede. Auch Details wie das, dass James zur See gefahren war, verliert Wyler nie aus den Augen: James kennt von den Ozeanen ganz andere Weiten als diejenigen, die ihm von den Westernern gezeigt werden, und er kann sich gegen alle Erwartungen in dem weiten Land orientieren (selbst schuld, wenn die Westerner noch nie einen Kompass gesehen haben). Nicht nur hier ist dies ein Film der Gegensätze und Doppelungen, die immer auf den Gegensatz von Schein und Sein, von Verlogenheit und Aufrichtigkeit hinauslaufen. Beispielsweise nennen alle Mr. Terrill „Major“, aber ob er jemals Soldat war, erfahren wir nie. Umgekehrt trauen wir James McKay eher einen Offiziers- als einen Matrosenrang zu, vielleicht war er gar Kapitän, aber er und der Film haben es nicht nötig, darüber je ein Wort zu verlieren. Terrill freut sich, einmal mit James „allein“ sprechen zu können, als ganz klar ein schwarzer Hausangestellter im Hintergrund des Raumes zu erkennen ist. James hingegen beachtet das schwarze und Latino-Personal. James’ ursprüngliche Braut Patricia und Julie sind ebenfalls Schein und Sein. Man merkt es in vielen Szenen sehr genau, beispielsweise wenn sie zusammen ergründen, ob James heimlich doch das wildeste Pferd „Old Thunder“ zugeritten hat. James und Julie haben eine wunderbare erste Begegnung auf Julies alter Farm, in der sich auf recht spaßige Weise eine Seelenverwandtschaft und auf jeden Fall schon mal höchste Achtung und Sympathie ankündigen. James’ und Patricias Kommunikation ist hingegen oft von Missverständnissen und erst ganz kleinen, versteckten, schließlich immer deutlicheren Differenzen geprägt.

Schauwerte, Mehrwerte, Schauspieler

Obwohl mehr geredet als geschossen wird, wird immer ebensoviel durch Wylers punktgenau inszenierte Blicke und Gesten gezeigt. Hier sitzt noch jedes leichte Heben der Augenbraue! Und so geraten die Reden niemals zum großen, artifiziellen Gehabe wie etwa in „Vom Winde verweht“ (1939). „Weites Land“ ist lang, aber man hat das Gefühl, in ihm sei noch eine halbe bis ganze Stunde mehr enthalten. Alle Schauspieler erzielen Höchstleistungen, auch Charlton Heston. Ein Star, der sich die Hauptrollen aussuchen konnte, aber hier mit der zweiten Reihe in einem erstklassigen Film zufrieden war. Er ist der Terrill-Hausverwalter, der sich erst am Schluss von dessen und seinen Vorurteilen abwendet und vielleicht nach dem Abspann mit Patricia zusammenkommen kann. Auch für ihn also grob gesehen nicht viel zu reißen, aber das ist ein Film des Feinen. Man fühlt, wie der Mann zerrissen zwischen Gewohnheiten, Eifersucht auf James und Loyalität zum „Major“ ist. Von Jean Simmons’ stiller Stärke, die selten so glänzt wie hier, war schon die Rede. Wyler zeigt ein sicheres Gespür für die Idealbesetzung der Rolle einer Frau, die auf unspektakuläre Weise tief berühren und letztlich siegen soll. Gregory Peck ist der Gentleman, dem man dennoch die zurückgehaltenen Emotionen ansieht, so wie er schon in Wylers „Ein Herz und eine Krone“ (1953) auch das Tragische hinter dem Sonnyboy zeigen konnte.

Die deutsche Blu-ray von 2011 und die DVD von 2008 sind im Handel vergriffen und durchaus gesucht. Höchste Zeit für eine Neuauflage! Ich könnte noch seitenweise über diesen Film berichten, der mich 2003 völlig unvorbereitet wie ein Blitz traf und mich zum Wyler-Fan machte. Noch immer ist „Weites Land“ einer meiner Lieblingsfilme.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von William Wyler haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jean Simmons unter Schauspielerinnen, Filme mit Chuck Connors, Charlton Heston und Gregory Peck in der Rubrik Schauspieler.

Weites_Land-US-Plakat

Veröffentlichung: 10. Juli 2011 als Blu-ray, 14. März 2008 als DVD

Länge: 167 Min. (Blu-ray), 159 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: The Big Country
USA 1958
Regie: William Wyler
Drehbuch: James R. Webb, Sy Bartlett, Robert Wilder, nach einem Roman von Donald Hamilton
Besetzung: Gregory Peck, Jean Simmons, Charlton Heston, Carroll Baker, Burl Ives, Chuck Connors, Charles Bickford, Alfonso Bedoya, Chuck Hayward, Buff Brady, Jim Burk, Dorothy Adams
Zusatzmaterial: Making-of „Spaß auf dem Land“ (5 Min.), TV-Spot, Kinotrailer
Label/Vertrieb: MGM

Copyright 2021 by Tonio Klein
Packshot: © 2008 MGM, Filmplakat: Fair Use

 

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