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Horror für Halloween (XXIX): Draculas Rückkehr – Maigret fällt vom Dach

Dracula Has Risen from the Grave

Von Lars Johansen

Horror // 1958 hatten die Hammer-Studios den Vampirfürsten mit „Dracula“ zu neuem Leben erweckt. Christopher Lee war großartig, Peter Cushing als Van Helsing ebenso. Der kehrte schon 1960 zurück, in „Dracula und seine Bräute“, welcher aber ohne den echten Vampirgrafen auskommen musste. Dracula ruhte bis 1966, als ihn Terence Fisher in „Blut für Dracula“ auferstehen ließ. Lee hatte davor aber schon 1959 „Schlechte Zeiten für Vampire“ in Italien erlebt, 1961 im antiken Griechenland erneut, wo er in Mario Bavas „Vampire gegen Herakles“ einen bissigen König gegeben hatte. Nachdem Hammer ihm nach seinem ersten Tod als Vampir immerhin acht Jahre Ruhe zugebilligt hatte, musste er jetzt schon nach nur zwei Jahren wiederauferstehen und dann in immer kürzer werdenden Abständen bis 1973 noch viermal. Die erste dieser fast schon seriellen Produktionen war „Draculas Rückkehr“ von 1968.

Geläute(r)t

Die Handlung knüpft nahezu direkt an „Blut für Dracula“ an, wo Dracula in seinem Schloss in der Nähe von Karlsbad im Eis versunken und ertrunken ist. Können Vampire eigentlich ertrinken? Natürlich nicht, ein paar Tropfen Blut von der Hand des Dorfpfarrers reichen aus, um ihn erneut zu erwecken. Schuld daran ist eigentlich Monsignore Ernst Müller (Rupert Davies), der aus dem fernen Keinenberg angereist ist, um sich die Kirchen im Lande anzusehen. In Karlsbad (oder wie auch immer der Ort jetzt heißt) ist das Gotteshaus nicht nur leer, Pfarrer und Bevölkerung halten sich sogar während des Gottesdienstes im Wirtshaus auf. Schuld sei der Schatten Draculas, und so macht sich der Monsignore mit dem überforderten Priester auf zum Schloss, um das Gemäuer mit einem großen Kreuz für alle Zeiten für den Vampir zu versiegeln. Dabei kommt es während eines Unwetters zu dem besagten Unfall, der den Vampir wieder auferstehen lässt. Mit dem eher unwilligen Priester als Diener im Schlepptau folgt Dracula dem Monsignore bis nach Keinenberg, wo er sich an dessen Nichte (Veronica Carlson) labt. Nebenbei vampirisiert er die örtliche Kellnerin und tötet auch den Monsignore. Aber da ist ja auch noch Paul (Barry Andrews), der Freund der Nichte. An ihm ist es nun, den Vampir endgültig zu vernichten.

Vom Eise befreit

Die Handlung ist nicht wirklich überraschend und es ist klar, ohne groß zu spoilern, dass es für Dracula am Ende nicht gut ausgeht. Auch wenn er diesmal nach nur zwei Jahren gleich in zwei Filmen, „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ und „Dracula – Nächte des Entsetzens“, erneut sterben durfte. Man merkt „Draculas Rückkehr“ an, dass die guten alten Zeiten von Terence Fisher vorbei sind. Vieles hier wirkt standardisiert, wenn auch auf hohem Niveau. Es sind die Kleinigkeiten, die zeigen, dass anders gearbeitet wird. Wenn der Kirchendiener in der ersten Szene sein Fahrrad vor dem Kirchentor hinwirft, ist es verschwunden, wenn der Priester die Kirche kurz danach betritt. Entweder ist Karlsbad die Hauptstadt der Fahrraddiebe oder man hat ein wenig bei der Kontinuität geschlampt. Nun ist Freddie Francis beileibe kein schlechter Regisseur, als Kameramann hat er sogar zwei Oscars erhalten, und in den Vorjahren hatte er für Hammer ein paar schöne, altmodische, schwarz-weiße Thriller („Ein Toter sucht seinen Mörder“, „Haus des Grauens“ und „Der Satan mit den langen Wimpern“) gedreht, die alle unbedingt sehenswert sind. Dabei versuchte er, seinem großen Vorbild James Whale („Frankenstein“, „Der Unsichtbare“) nachzueifern. Und obwohl er eigentlich nur in Schwarz-Weiß filmt, auch wenn er in Farbe dreht, wie er selbst sagt, so ist er doch hier in der Farbgestaltung sehr originell und innovativ. Immer wenn Dracula erscheint, wird der Auftritt, der dadurch erst zum echten Auftritt wird, von fast schon psychedelischen Farbspielen begleitet, die trotzdem eine angenehme Dezenz ausstrahlen.

Trinkspiele

Ein wenig vermisst man Peter Cushing, der aber von Rupert Davies ausgezeichnet vertreten wird. Er und Lee waren sich im Vorjahr in „Die Pagode zum fünften Schrecken“ begegnet und hatten 1968 auch noch „Die Hexe des Grafen Dracula“ überstanden, wo aber von Dracula weit und breit nichts zu sehen war. Davies war Anfang der 60er-Jahre vor allem als „Kommissar Maigret“ in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt geworden, einer Rolle, in der er sogar von Maigret-Erfinder Georges Simenon als ideale Besetzung gelobt wurde. Sein Monsignore Ernst Müller ist glaubwürdig als liebevoller Onkel und jovialer Kirchenmann, der trotzdem nach strengen Regeln lebt, handelt und von anderen erwartet, dass sie diese ebenfalls einhalten. Sein relativ früher Tod ist wirklich ein Verlust, denn Barry Andrews („In den Krallen des Hexenjägers“) als jugendlicher Held gewinnt nur wenig Profil. Ihm war dann auch keine große Karriere beschieden.

Bettspiele

Auch Veronica Carlson, die für Hammer noch zwei Frankenstein-Filme drehen würde, blieb eher farblos. Sie kommt leider nicht über die Rolle einer hübschen Dreingabe hinaus, ihre Seelenqual bleibt Behauptung. Der Priester, der am Ende im Angesicht der Not seinen Glauben wiederfindet, wird von Ewan Hooper eher unauffällig gestaltet. Bleibt also nur Christopher Lee, der wunderbar dämonisch wirkt, aber den charmanten Verführer völlig unter den Tisch fallen lässt. Eher spielt er seinen Dracula wie ein tollwütiges Tier, das sich nur mit den allernötigsten Dialogfetzen verständigt und alles andere über reine Gewalt regelt. Er macht wirklich Angst. Aber warum ihm die Frauen verfallen, bleibt letztlich unklar.

Falsches Zimmer, Herr Pfarrer

An all diesen Dingen ist das Drehbuch nicht ganz unschuldig. Das hatte Anthony Hinds routiniert unter seinem Standard-Hammer-Pseudonym John Elder verfasst. Hinds produzierte einen Großteil der Hammer-Produktionen mit, bis er sich Ende der 60er-Jahre auf Druck von außen von diesem Posten zurückziehen musste. In dieser Phase scheint das Drehbuch entstanden zu sein, dem eine gewisse Lustlosigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Dazu kommen Unwahrscheinlichkeiten, die dem Ergebnis auch nicht bekommen sind. So kann sich Dracula auf einmal einen Pfahl aus seinem Herzen ziehen, weil beim Vorgang des Pfählens keine Gebete gesprochen wurden. Dafür stürzt er am Ende über die Mauerbrüstung seines Schlosses direkt auf das anscheinend nur dafür bereit stehende Kreuz. Und wenn der jugendliche Held erst ein langweiliges und unsinniges Trinkspiel über sich ergehen lassen muss und später seine Geliebte in dem doch eher übersichtlichen Keller der Gaststätte sucht, dann sieht man deutlich, dass Zeit geschunden werden soll, was dem Tempo des Films nicht bekommt.

Ein Mann sieht rot

Alles in allem bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Schöne Momente stehen neben eher öden, unsinnige Handlungelemente neben atmosphärisch sehr gelungenen und zwei exzellente Schauspieler vor einem farblosen Ensemble. Man spürt schon, dass hier eine Serie droht, der Erfolg stellte sich zwar noch einmal ein, aber die nachfolgenden Produktionen fanden nur noch schwer ihr Publikum. Kein Wunder, denn in einem Jahr, dass „2001 – Odysse im Weltraum“ und „Rosemarys Baby“ hervorgebracht hatte, aber mit Jean Rollins „Die Vergewaltigung des Vampirs“ und George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ auch eine ganz andere, neue Ästhetik des Schreckens, musste ein altmodischer Vampir wie das Relikt einer vergangenen Zeit wirken.

Zwei Männer sehen röter

Die Veröffentlichung von Anolis Entertainment beziehungsweise in der Neuauflage der Blu-ray Studio Hamburg Enterprises ist sehr solide geraten, wie man es vom Label gewohnt ist. Die Extras sind ordentlich, nur mit dem Audiokommentar tue ich mich mal wieder ein wenig schwer. Die Kompetenz von Uwe Sommerlad wird immer wieder durch wenig zielführende Fragen und Anmerkungen von Dr. Rolf Giesen unterlaufen. Wer sich mit Hammerfilmen auskennt, kann vielleicht zusätzlichen Nutzen daraus ziehen, alle anderen dürften eher ein wenig verwirrt werden.

Wem die Stunde schlägt

Das Mediabook von 2018 ist im Handel sogar noch zu finden, Sammler sollten aber nicht zu lange warten. Es enthält mehr Bonusmaterial und wie gewohnt ein informatives Booklet, wobei auch hier ein Kritikpunkt ins Auge fällt: Es erscheint suboptimal, dass Anolis fürs Booklet zwei Autoren verpflichtet, beiden aber außer „Schreibt mal etwas über den Film und die Entstehung“ anscheinend keine Vorgaben macht und die beiden sich offenbar auch nicht absprechen. Trotzdem lohnt ein Kauf unbedingt – ob im Amaray-Case oder dem etwas teureren Mediabook-Format sei jedem Sammler selbst überlassen. In besserer Qualität wird man „Draculas Rückkehr“ in Deutschland schwerlich zu Gesicht bekommen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind unter Regisseure zu finden, Filme mit Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 27. September 2019 als Blu-ray, 31. Oktober 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (drei Covervarianten) und Blu-ray, 24. September 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dracula Has Risen from the Grave
GB 1968
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Rupert Davies, Veronica Carlson, Barry Andrews
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Dokumentation „Dracula – The Antichrist“, Dokumentation „Composing for the Count“, britischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, britische Ad Card, britischer und deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Lars Dreyer-Winkelmann
Zusatzmaterial 2019: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, englischer und deutscher Trailer, Werberatschläge, Bildergalerie mit Musik
Label/Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label 2018: Anolis Entertainment GmbH
Vertrieb 2018: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Anolis Entertainment GmbH / Studio Hamburg Enterprises

 

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Die Braut des Satans – Hammers letzter Horror

To the Devil a Daughter

Von Lars Johansen

Horror // Eine Vierzehnjährige zieht sich aus, um sich mit einem Teufelsbalg zu paaren. Etwas später macht sie das auch in einem „Tatort“, nur ohne Teufelsbraten. Und vielleicht ist es tatsächlich das, was von der Schauspielkarriere der jungen Nastassja Kinski bleiben wird. Aber erst einmal zurück an den Anfang: Meine erste Begegnung mit diesem Film liegt schon über 40 Jahre zurück, und dabei traf ich nicht auf den Film direkt, sondern auf ein Buch aus dem Tessloff-Verlag über das Filmemachen („Die Braut des Satans – Wie ein Filmteam arbeitet“) von Marjorie Bilbow, für das Christopher Lee ein Vorwort geschrieben hatte.

Nasty Nun

1976 war der Hammer-„Dracula“ mit Lee zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden, und jetzt so etwas in der kleinen Stadtteilbibliothek in den Händen zu halten, war eine große Sache. Dazu kam noch Nastassja Kinski in der Titelrolle, die seit ihrem „Tatort“-Auftritt einem pubertierenden Teenager sehr erotische Träume verpasst hatte. Der Film selber erschien in den 80ern zwar auf Video, wurde aber ziemlich schnell indiziert und dadurch genauso unerreichbar wie die Kinski. 2009 fiel mir dann ein Bootleg in die Hände und ich konnte den Mythos zum ersten Mal sehen. Jetzt endlich, zehn Jahre später, hat sich ein offizielles Label gefunden, das den Film, der mittlerweile schon ab 16 freigegeben ist, legal und in ausgezeichneter Qualität veröffentlicht hat. Denn, so viel vorweg, die Qualität ist tatsächlich sehr gut, was bei einem verlässlichen Label wie Anolis Entertainment nicht wirklich zu verwundern vermag.

Gezwungenes Grinsen

Um etwas zur Entstehungsgeschichte zu sagen, muss man ein wenig ausholen. Der Autor der Vorlage, Dennis Wheatley, war am Okkulten sehr interessiert und gehörte zum Umfeld von Aleister Crowley, den er zwar nicht unbedingt positiv beschreibt, der aber großen Einfluss auf ihn hatte. So drehen sich viele seiner Arbeiten, von denen nur relativ wenige in Deutschland veröffentlicht wurden, um das Thema der schwarzen Messen, welches in den 50er- und 60er-Jahren mindestens in England und den USA äußerst populär war, konnte es doch dadurch relativ explizit Sexualität thematisieren, ohne in der Schmuddelecke zu landen. In der Tradition von Huysmans oder, etwas trivialisierter, William Hope Hodgsons Geisterjäger Carnacki, welchen Wheatley in den 70ern in seiner Anthologie fantastischer Autoren wiederveröffentlichte, hatte er durchaus Erfolg als Bestsellerautor, der aber nach seinem Tod Ende der 70er-Jahre ziemlich schnell abflaute, da seine literarische Qualität mit den Genannten ganz sicher nicht mithalten konnte. Jedenfalls freundete er sich mit Christopher Lee an und gestattete ihm, einige seiner Bücher verfilmen zu lassen. Das klappte endlich 1968 mit „Bestien lauern vor Caracas“ („The Lost Continent“) von Michael Carreras, der eher etwas campy daherkommt und vor allem mit „The Devil Rides Out“, der einer der besten Hammer-Filme der 60er-Jahre geworden ist, auch wenn er gar keinen so großen Erfolg hatte, in den USA floppte und in Deutschland erst sehr spät und nur im Fernsehen als „Die Braut des Teufels“ gezeigt wurde. Christopher Lee ist großartig als okkult gebildeter Duc de Richleau, der einen Freund aus den Klauen des fiesen Teufelsbeschwörers Moccata befreit, den Charles Gray wunderbar unterkühlt spielt. Terence Fishers Regie ist wirklich effizient und zusammen mit dem feinen Drehbuch von Richard Matheson hebt sie dieses unterschätzte kleine Meisterwerk weit hinaus über die ewigen Fortsetzungen von Hammers Erfolgsfilmen Dracula und Frankenstein. Aber im Zeitalter von „Rosemarys Baby“ aus dem gleichen Jahr war damit kein Teufelskind zu gewinnen.

Bettspiele

Es dauerte noch ein paar Jahre, bevor sich Hammer des nächsten Werkes von Wheatley annahm, der gern zusagte, war er doch von „The Devil Rides Out“ sehr begeistert gewesen. Das sollte sich bei „Die Braut des Satans („To the Devil a Daughter“) radikal ändern. Sowohl Lee als auch Wheatley äußerten sich wenig begeistert über das Resultat. Richard Widmark hatte die ganze Drehzeit über schlechte Laune und Klaus Kinski sagte gleich ab – man hatte ihn in der Rolle des Vaters von Nastassja Kinskis Figur besetzen wollen. Schlechte Voraussetzungen für einen Film, den Hammer ohnehin schon mit der deutschen „Terra Filmkunst“ und einem weiteren Partner realisieren musste. Der australische Regisseur Peter Sykes hatte mit „Dämonen der Seele“ („Demons of the Mind“, 1972) schon mal einen Film für Hammer realisiert, versandete aber danach im Fernsehen. Das sprach insgesamt nicht gerade für einen erfolgreichen Film. Aber es sollte dann doch ein wenig anders kommen. Nur leider nicht für Hammer, denn obwohl der Film ein weltweiter Erfolg wurde, blieb der Gewinn vor allem bei den koproduzierenden Firmen hängen. Und so war dies der vorläufig letzte Kino-Horrorfilm des Studios.

Mehr Bettspiele

Pater Michael Rayner (Lee), ein exkommunizierter Priester, plant, den Satan auf die Erde loszulassen. Dazu braucht er zum einen eine jungfräuliche Nonne (Nastassja Kinski), die im Rahmen einer schwarzen Messe gezeugt worden ist, zum anderen einen teuflischen Säugling, der, 16 Jahre später, ebenfalls bei einer solchen Gelegenheit gezeugt und dann mit eben dieser Nonne zusammengebracht werden muss. Aus dieser Verbindung soll Astaroth entstehen, der als teuflischer Avatar die Welt beherrschen wird. Doch der eigentliche Vater des Mädchens (Denholm Elliott) bekommt Gewissensbisse und informiert den Okkult-Bestseller-Autoren John Verney (Widmark), der das Mädchen, welches aus einem deutschen Kloster nach London geflogen wird, am Flughafen abfängt. Als sie seine Agentin (Honor Blackman) ermordet und flieht, kommt es zu einem Wettlauf gegen die Zeit, der weitere Opfer kosten wird.

Teller Dwellar

Das klingt unspektakulär, ist aber ansprechend inszeniert und mit einer Riege exzellenter Schauspieler garniert, zu denen sich als weitere deutsche Beigabe Eva Maria Meineke gesellt. Elliott ist als völlig verängstigter Vater einfach großartig, Lee war selten besser in einer wirklich bösen Rolle, Widmark macht einen mehr als ordentlichen Job und die Kinski ist sehr dekorativ. Aber mehr wird auch nicht von ihr verlangt. Wenn sie durch das zeitgenössische London irrt, dabei wie eine Drogensüchtige wankt und fällt und niemand der Passanten eingreift, hat das tatsächlich hohe Qualität. Honor Blackman bringt hochintelligente Erotik in die Szene und selten ist der Horror „gothic“, vielmehr ganz und gar zeitgemäß. Gerade das macht einige Szenen, die im hellen Tageslicht einer modernen Großstadt spielen, so unheimlich. Also eigentlich alles gut, aber dann gibt es noch das Finale, und das bleibt, ohne dass ich hier spoilern möchte, viel zu unspektakulär. Der Spannungsbogen bis dahin stimmt und wird nicht überdehnt, aber dann passiert – nichts. Ein paar Lichteffekte, eine betrübliche Auflösung und das war es dann. Dieses Ende macht einen wirklich guten Film zu einer dann insgesamt doch nur mittelmäßigen Angelegenheit.

Das kalte Grausen

Das Bild der Blu-ray ist exzellent, die Extras nicht zu üppig, aber zielführend und die kleine Doku sehr klug und informativ geworden. Anolis leistet hier wie gewohnt sehr gute Arbeit. Dann ist da noch der Audiokommentar, den diesmal Dr. Rolf Giesen, Volker Kronz und Uwe Sommerlad eingesprochen haben. Sie werden dabei dem Film, den sie nicht zu mögen scheinen, leider nicht ganz gerecht. Sie fallen einander ins Wort, schweifen ab und Uwe Sommerlad scheint der Einzige zu sein, der weiß worüber er hier redet. Rolf Giesen, den ich einmal sehr geschätzt habe, ist hier nur noch ein Schatten seiner selbst und erzählt ein paar nette Anekdoten, die nichts erklären. Volker Kronz klingt wie ein medienaffiner Buchhalter. Aber diese kleine Einschränkung fällt nicht weiter ins Gewicht, denn die Veröffentlichung ist insgesamt eine runde Sache geworden.

Messerscharf kombiniert

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt, Filme mit Christopher Lee und Richard Widmark unter Schauspieler. Ein lesenswerter Text zu „Die Braut des Satans“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Veröffentlichung: 23. August 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in drei Covervarianten) und Blu-ray

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: To the Devil a Daughter
GB/BRD 1976
Regie: Peter Sykes
Drehbuch: Christopher Wicking, nach einem Roman von Dennis Wheatley
Besetzung: Richard Widmark, Christopher Lee, Honor Blackman, Denholm Elliott, Michael Godliffe, Nastassja Kinski, Eva Maria Meineke, Anthony Valentine, Petra Peters, Frances de la Tour
Zusatzmaterial 2019: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz, Dokumentation: „Dark Arts: Inside ‚To The Devil a Daughter‘“, Interview mit Synchronsprecher Christian Rode, britischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, Super-8-Fassung, amerikanische Radiospots, amerikanisches Pressbook, deutscher Werberatschlag, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 

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Rasputin – Der wahnsinnige Mönch: Erst dämonischer Dracula, dann wollüstiger Wanderprediger

Rasputin – The Mad Monk

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Mit dem legendenumwitterten russischen Mönch bin ich erstmals durch den Disco-Hit „Rasputin“ von Boney M. in Berührung gekommen – meine allererste Lieblingsgruppe, das sei verschämt eingestanden. Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen – welch tolle Textzeile! War der Rauschebart wirklich Russia’s greatest love machine, wie die seinerzeit höchst erfolgreiche Popkombo von Frank Farian behauptete? Über den historischen Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916) bin ich nicht wirklich im Bilde, und es sind Zweifel angebracht, ob Verfilmungen wie „Rasputin, der Dämon der Frauen“ (1932) mit Conrad Veidt in der Titelrolle, „Rasputin, der Dämon von Petersburg“ (1960) oder „Rasputin – Orgien am Zarenhof“ (1983) ein authentisches Bild der historischen Persönlichkeit liefern.

Rasputin kriegt Mecker vom Bischof

Dies lag zweifellos auch nicht in der Absicht von Hammer Films, als sich das Studio entschloss, „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ zu produzieren. Den Regiestuhl übernahm Don Sharp, der mit „Der Kuss des Vampirs“ (1963) und „Die Teufelspiraten“ (1964) bereits für Hammer tätig gewesen war und kurz zuvor für Hallam Productions „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) inszeniert und dort ebenfalls Christopher Lee in der Titelrolle geführt hatte. Gedreht wurde in den Kulissen des gerade (oder gleichzeitig) abgefilmten „Blut für Dracula“, in welchem natürlich einmal mehr Lee in der Titelrolle zu sehen ist. „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ hält somit das hohe Niveau des Hammer-typischen Produktionsdesigns. Wer erkennt schon den Unterschied zwischen einem Vampirschloss in den Karpaten und einem Zarenpalast in St. Petersburg?

Vom Vampirkostüm in die Mönchsrobe

In der Rolle des Vampirfürsten Graf Dracula strahlt Christopher Lee bei aller Bösartigkeit stets Würde und Noblesse aus. Als Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin darf er sich mal so richtig austoben – und er tut das mit Elan und mit einer Leinwandpräsenz, die seine Ko-Darsteller blass aussehen lässt und der Ausstrahlung seiner Dracula-Darstellungen in nichts nachsteht. Etwas mehr „larger than life“ als bei Dracula ist das angelegt, dennoch wirkt Lees Leistung zu keiner Zeit wie Overacting. Jedenfalls traut man Lees Rasputin jederzeit den Bösen Blick zu. Dem Vernehmen nach hatte Christopher Lee zur Vorbereitung ausgiebig über den historischen Rasputin recherchiert.

Der kann das mit die Frauen

Zu Beginn heilt der Wanderprediger durch Handauflegen die im Fieberwahn dahinsiechende Frau eines Gastwirts in einer Kaschemme im hinteren Russland. Im Anschluss widmet er sich ausgiebig Wein, Wodka und Weib. Ein eifersüchtiger Bauernbursche will das nicht hinnehmen und bezahlt dafür mit dem Verlust einer Hand. Für dieses Verhalten und andere Verfehlungen wird Rasputin vor seinen Bischof (Joss Ackland) beordert, dem er eine an sich nachvollziehbare Rechtfertigung liefert: Wenn ich beichte, biete ich Gott nicht nur Eifersucht und belanglose Streitigkeiten, sondern Sünden, die seine Vergebung wert sind. Eine wunderbare Begründung für Wollust, Trunksucht und sonstige Sünden. Vielleicht sollte ich zum Katholizismus konvertieren, da doch die Beichte eine sehr pragmatische Methode zu sein scheint, Vergebung zu erlangen. Nun gut, der Bischof hält diese Haltung für Blasphemie, aber was wissen die Pfaffen schon von weltlichen Genüssen?

Ab an den Zarenhof

Rasputin entzieht sich seinem geistlichen Boss, indem er sich nach St. Petersburg begibt, wo er sich nach einem siegreichen Trinkspiel bei Dr. Zargo (Richard Pasco) einnistet und Sonia (Barbara Shelley) kennenlernt, ihres Zeichens Hofdame der Zarin und eine der Betreuerinnen des jungen Zarewitsch (Robert Duncan). Mit hypnotischen Kräften und seiner Manneskraft macht er sie sich gefügig, und bald steht er vor der Zarin (Renée Asherson) persönlich.

Wer würde diesen Augen widerstehen?

Die sexuelle Komponente zieht sich mehr oder minder deutlich durch viele Hammer-Produktionen, hier kommt sie umso expliziter zum Tragen, wenn sich Rasputin mit einer Gespielin ins Heu oder Bett verzieht. Mitte der 1960er-Jahre stand das Studio noch in voller Blüte, sodass selbst das vergleichsweise ungewöhnliche Sujet des Historiendramas gemeistert wurde. Rasputins wollüstiges Treiben und sein Streben nach Einfluss bürgen dafür, dass die anderthalb Stunden ohne einen Anflug von Langeweile wie im Fluge vergehen. Der so actionreiche wie dramatische Showdown tut sein Übriges dazu. Insgesamt ist dennoch zu konstatieren, dass „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ ohne Christopher Lee womöglich nur die Hälfte wert wäre.

Üppig ausgestattetes Mediabook

Anolis Entertainment hat das Werk in gewohnt üppiger Manier auf Blu-ray im Mediabook mit zwei Covervarianten gepackt, Mediabook-Verächter können auf eine Blu-ray im Softcase zugreifen, die alle digitalen Boni enthält. Darunter beispielsweise den Film auch im ursprünglichen CinemaScope-Format 2,55:1 – im Vergleich zu den 2,35:1 des Haupt-Features der Blu-ray. An der Bildqualität gibt es wie immer nichts auszusetzen. Beim Ton liegt die Original-Sprachfassung qualitativ deutlich vor der deutschen Synchronisation. Fans von Audiokommentaren werden gleich dreifach bedient: Zu zwei neuen mit bewährtem Personal – siehe unten – gesellt sich ein älterer mit den Darstellern Christopher Lee und Francis Matthews sowie den Darstellerinnen Barbara Shelley und Suzan Farmer. Ein 25-minütiges Making-of und ein viertelstündiges Featurette über Bücher zu Hammer-Filmen runden das Rundum-Sorglos-Paket ab. Englische Untertitel wären für mich das Tüpfelchen auf dem i gewesen, aber womöglich ist die Nachfrage in Deutschland nicht groß genug, dass sich der Zukauf oder die Produktion von diesen für Anolis rechnet. Sammler des Labels werden ohnehin bereits zugegriffen haben, und auch Freunden gepflegter Historien-Exploitation sei „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ empfohlen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Sonia scheint etwas zu klammern

Veröffentlichung: 25. Januar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rasputin – The Mad Monk
GB 1966
Regie: Don Sharp
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Barbara Shelley, Richard Pasco, Francis Matthews, Suzan Farmer, Dinsdale Landen, Renée Asherson, Derek Francis, Joss Ackland, Robert Duncan
Zusatzmaterial: Filmfassung im Originalformat 2,55:1, Audiokommentar mit Christopher Lee, Barbara Shelley, Francis Matthews und Suzan Farmer, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Gerd Naumann, Audiokommentar mit Uwe Sommerlad und Volker Kronz, „Tall Stories: The Making of Rasputin – The Mad Monk“ (25:21), „Hammer Novelisations – Brought to Book“ (15:07), britischer Kinotrailer, US Double Feature Trailer, TV Spots, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, nur Softcase: Wendecover
Label/Vertrieb Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Anolis Entertainment GmbH / EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 
 

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