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Anna – Matroschka Nikita

Anna

Von Lars Johansen

Actionthriller // Relativ am Anfang des Films verkauft die Titelfigur Anna (Sasha Luss) Matroschkas auf einem Markt. Bekanntermaßen sind das die russischen Figuren aus Holz, die sich öffnen lassen und in denen immer neue Matroschkas stecken. Irgendwann bist du bei der letzten angelangt und wenn du sie in einer Reihe aufstellst, steht dort immer die gleiche Figur, nur eine kleiner als die andere. Vielleicht kann man so am ehesten Luc Bessons Arbeiten der vergangenen Jahre beschreiben. „Lucy“ (2014) ist eine actionorientierte und gut choreografierte Science-Fiction-Variation von „Nikita“ (1990), ohne dessen Niveau zu erreichen. Die Verfilmung einer damals 50 Jahre alten Comicserie (die bei uns als „Valerian und Veronique“ veröffentlicht wurde) „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) ist die kindgerechte Fassung von „Das fünfte Element“ (1997), der von der gleichen Vorlage sehr stark beeinflusst war. Und „Anna“ ist erneut „Nikita“ mit Elementen von den nicht von Besson, aber nahezu zeitgleich gedrehten „Atomic Blonde“ (2017) und „Red Sparrow“ (2018).

„Ich bin nicht Nikita, kapiert?“

Unschwer ist zu erkennen, dass man immer wieder bei dem beinahe 30 Jahren alten „Nikita“ landet, der nicht nur ein direktes amerikanisches Remake, sondern auch mindestens zwei aus Hongkong, diverse Imitate aus aller Welt und gleich zwei Fernsehserien (1997–2001; 2010–2013) nach sich zog. Die Geschichte handelt von einer drogensüchtigen jungen Frau, die nach einem Polizistenmord im Knast landet, von einer obskuren Regierungsorganisation befreit, für tot erklärt und zu einer Auftragsmörderin ausgebildet wird. Der Film wurde damals von der Kritik verrissen, entwickelte sich aber zu einem gigantischen Publikumserfolg und tatsächlich wahren Kultfilm. Er wirkte stilbildend für das Actionkino der 90er und erzählte eine neue, unverbrauchte Geschichte, die zur Abwechslung einmal eine starke Frau in den Mittelpunkt stellte, welche als Actionheldin mit gebrochener Biografie überzeugte. Wenn dann noch eine Ikone wie Jeanne Moreau als Lehrmeisterin mitwirkt, schlägt das gleichzeitig den Bogen zur französischen Filmgeschichte.

Luc Besson und die Frauen

Seit „Nikita“ spielen häufig solche starken Frauenfiguren eine wichtige Rolle in Bessons Kino-Universum. Auffallend oft werden diese von sehr jungen Frauen gespielt, manchmal auch ehemaligen Models, die bei ihm zum ersten Mal in größeren Rollen auftreten. Oftmals werden sie dann auch noch seine Partnerinnen im Leben, sodass der Eindruck entsteht, seine Filmarbeit mit ihnen gehe weit über eine reine Arbeitsbeziehung hinaus. Dieses geradezu Obsessive vermag intensive Filmerlebnisse zu erzeugen, wie zum Beispiel bei „Johanna von Orleans“ (1999), in dem seine Ehefrau Milla Jovovich so stark spielte, wie es ihr danach nie wieder gelingen sollte. Kennengelernt hatte er die damals Elfjährige zwölf Jahre zuvor beim Dreh für einen Werbespot von L’Oréal. Mit der dreizehnjährigen Natalie Portman drehte er 1994 „Léon – Der Profi“, in dem sie zur Killerin wird. Immer wieder sind es im wahrsten Sinne des Wortes männermordende Kindfrauen, die er hier einsetzt.

Rosa Klebb

„Anna“ ist die etwas verschachtelt erzählte x-te Variation dieses Themas. Für das russische Model Sasha Luss ist es ihr zweiter Filmauftritt nach einer Minirolle in Bessons „Valerian …“. Sie ist eine drogensüchtige junge Russin, die Ende der 80er-Jahre versucht, sich in Moskau durchzuschlagen. Der KGB macht ihr ein Angebot, das sie nicht abschlagen kann und sie wird zu einem männermordenden Mannequin in Mailand, Moskau und dem Rest der Welt. Als die CIA ihr auf die Schliche kommt, muss sie in der Wendezeit von 1989 zwischen den beiden Weltmächten lavieren. Sie soll sogar den Chef des KGB ermorden. Das klingt nicht nur nikitaesk, das ist es auch, ganze Handlungsstränge werden repetiert, aus dem fehlenden Ausgang beim ersten Auftrag im Original wird eine ungeladene Waffe in „Anna“. In beiden Fällen muss die Heldin unerwartet improvisieren. Helen Mirren spielt die Jeanne-Moreau-Rolle als völlig aus der Zeit gefallene Version von Lotte Lenyas Rosa Klebb in „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963). Man wartet fast auf eine Giftspitze im Schuh. Luke Evans auf russischer und Cillian Murphy auf amerikanischer Seite teilen sich die Ausbilderrolle, die in „Nikita“ mit Tchéky Karyo besetzt worden war. Ihr Freund und Liebhaber im Alltag ist hier zu einer Modelkollegin geworden, mit der sie eine homosexuelle Beziehung zu haben scheint, die aber keine große Rolle für die Handlung spielt, was der Dramatik nicht unbedingt bekommt.

„Ihr Auftrag, Nikita.“

Immer wieder sehen wir einer Variation des besseren Originals zu. Das beginnt schon damit, dass „Anna“ in der gleichen Zeit wie „Nikita“ spielt, ohne dass dieser Zeitbezug sich wirklich herstellt. Mobiltelefone, Laptops, mobile Datenspeicher und SUVs tauchen auf, die es so zu dieser Zeit nicht gegeben hat. Dadurch bekommt die Geschichte, die eigentlich in einem sehr konkreten historischen Kontext spielt, etwas eigenartig Zeitloses, als sei es Besson vollkommen egal, wo und wann die Geschichte verortet wird. Die verschachtelte Erzählweise, die immer wieder vor und zurück springt, nutzt sich schon nach relativ kurzer Zeit ab, denn eigentlich verläuft sie immer nach dem gleichen Schema. Wir sehen eine Handlung, die uns dann mit einer Rückblende erklärt wird. Da sind wir wieder bei der Matroschka, denn in jeder Szene steckt eine andere. Leider sind die Erklärungen eher banal und lassen sich kilometerweit vorausahnen, was die Spannung beträchtlich mindert.

Ein künftiger Kultfilm?

Aber vielleicht ist es auch hier der Kritiker, der sich irrt, und ein künftiger Kultfilm wartet auf uns. Eigentlich gefällt mir die Idee sehr gut, einen Film wieder und wieder zu drehen, bis er endlich die perfekte Version seiner selbst geworden ist. Aber das Problem ist, dass Besson es zwar versucht, dabei aber von Mal zu Mal etwas mehr nachlässt, so als seien die alten Ideen aufgebraucht und die neuen nicht zu gebrauchen. Die Actionszenen sind ordentlich choreografiert, gehen aber nicht über das hinaus, was er vor 30 Jahren gemacht hat. Da haben mittlerweile andere Regisseure größere Maßstäbe gesetzt. Die politisch brisante Situation der späten 80er wird leichtfertig verschenkt und zu kleinen Privatfehden der beteiligten Personen umgedeutet. Das nimmt dem Plot die gesamtgesellschaftliche Brisanz, die er entwickeln könnte. Nun war Gesellschaftskritik nie die Stärke oder überhaupt ein Anliegen Bessons, dem es in seinen Geschichten eigentlich fast immer eher um durchschnittliche Menschen in Ausnahmesituationen ging, die über sich hinauswachsen mussten. Der Look der Filme spielte in Bessons Karriere durchgehend eine größere Rolle als der Inhalt. Das liebt oder hasst man an seinen Werken. Wenn es einen gleichgültig lässt oder gar ein wenig langweilt wie bei „Anna“, dann ist das ein Alarmsignal. Der Luc könnte ganz gut etwas neuen Input vertragen.

„Sehe ich so etwa aus wie Nikita?“

Die Qualität der Blu-ray ist sehr gut, die Extras sind knapp gehalten, gehen aber in Ordnung. Kein Pflichtkauf, aber für Besson-Enthusiasten ein energisches „Vielleicht“.

„Sag mal, bist du jetzt eigentlich Nikita oder nicht?“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Luc Besson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Luke Evans und Cillian Murphy in der Rubrik Schauspieler.

„Na gut, von mir aus: Dann bin ich eben Nikita.“

Veröffentlichung: 28. November 2019 als 4K UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Anna
F 2019
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Besetzung: Sasha Luss, Helen Mirren, Cillian Murphy, Luke Evans, Lera Abova, Alexander Petrov, Nikita Pavlenko, Anna Krippa
Zusatzmaterial: Making-of-Featurettes („Die Kostüme“, „Der Restaurant-Kampf“, „Die Produktion“, „Die Verfolgungsjagd“), Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Lars Johansen

Felix Leiter

Szenenfotos & Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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Free Fire – Feuer frei!

Free Fire

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Ob Horror mit „Kill List“, schwarze Komödie mit „Sightseers – Killers on Tour!“ oder Science-Fiction fürs TV mit „Doctor Who“: Der britische Regisseur Ben Wheatley lässt sich in keine Schublade quetschen. Auch mit seinem neuesten Werk betritt er wieder ein persönliches Genre-Neuland. Dabei erinnert der im Jahr 1978 angesiedelte Actionthriller mit Starbesetzung entfernt an zwei seiner anderen Arbeiten.

Ein Waffendeal soll in einer verlassenen Lagerhalle über die Bühne gehen

Ähnlich wie die böse Gesellschaftssatire „High-Rise“ ist auch „Free Fire“ von einem starken Stilwillen geprägt, der in erdigen, aber strahlenden Farben, den Klamotten, Frisuren und der Musik – in diesem Fall größtenteils von John Denver – die 70er-Jahre wiederaufleben lässt. Von seinem in Schwarz-Weiß gedrehten mysteriösen Historiendrama „A Field in England“ übernimmt Wheatley wiederum die Grundidee, das gesamte Geschehen lediglich an einem einzigen Ort stattfinden zu lassen. In diesem Fall in einer verlassenen Lagerhalle in Boston, wo sich des Nachts knapp ein Dutzend zwielichtiger Gesellen versammelt.

Ein Waffendeal geht schief

Justine (Brie Larson) hat die Zusammenkunft der Iren Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley) mit den Geschäftsmännern Vernon (Sharlto Copley) und Ord (Armie Hammer) in die Wege geleitet. Ein Waffendeal soll über die Bühne gehen – an sich eine simple Angelegenheit. Da beide Seiten einander misstrauen, hat jede Gruppe ein paar ihrer Handlanger zum Übergabeort mitgebracht. Zwei von ihnen lassen die Situation eskalieren: In der Nacht zuvor hatten Stevo (Sam Riley) und Harry (Jack Reynor) eine handfeste Auseinandersetzung wegen einer Frau. Nun treffen sie überraschend wieder aufeinander. Nach einigen deutlichen Wortwechseln zwischen den Streithähnen dauert es nicht lange, bis der erste Schuss fällt. Auch alle anderen Gangster zücken ihre Waffen, und schnell verwandelt sich das Lagerhaus in eine bleihaltige Schützenarena, in der jede/r Anwesende ums Überleben kämpft.

Western-Showdown in Spielfilmlänge

Was wie der Showdown eines klassischen Westerns klingt, macht Wheatley zum Mittelpunkt eines kompletten Spielfilms. Fast eine volle Stunde lang dauern die Schusswechsel an. Die Kugeln fliegen den Protagonisten laut krachend nur so um die Ohren. Wenn ihr den Film schaut, regelt Ihr besser die Anlage etwas herunter, sonst rufen Eure Nachbarn am Ende die Polizei. Kurze Pausen gibt es nur zum Durchschnaufen, Nachladen, um ein paar grobe Nettigkeiten auszutauschen oder ein Ablenkungsmanöver zu initiieren.

Aber die Situation eskaliert

Bei den Feuergefechten setzt Wheatley größtenteils auf Realismus: Nicht jeder Schuss trifft ins Schwarze, nicht jede Kugel führt zum sofortigen Tod. So schleppen sich bald etliche Figuren schwer verwundet durch die staubige Lagerhalle, wo sie verzweifelt nach Deckung suchen, um ihre Wunden notdürftig zu versorgen oder eine Verschnaufpause einzulegen, bevor sie sich wieder in den Kugelhagel stürzen. Auf diese Weise schlagen sogar längst Totgeglaubte noch einmal zurück. Wheatley verlangt seiner namhaften Darsteller-Riege dabei einiges ab, doch die Beteiligten hatten offensichtlich viel Spaß beim Kleinkrieg mit Waffen aller Art.

Prominenter Unterstützer

„Free Fire“ ist ein Ensemblefilm, keiner der Stars ist wirklich Hauptdarsteller. Dadurch verliert man trotz der bleihaltigen Atmosphäre nach einiger Zeit etwas das Interesse daran, welcher der bösen Gesellen lebt oder stirbt. Wheatley gelingt es damit nicht ganz, die Spannung über die gesamte Lauflänge aufrechtzuerhalten. Was aber voll und ganz überzeugt ist, wie virtuos ausgearbeitet die einzelnen Schusswechsel inklusive Schnitt und Ton inszeniert sind. Wer feuert wann, auf wen und was passiert danach?

Auch Justine weiß, wie man sich zur Wehr setzt

Laut eigener Aussage hatte der Brite das gesamte Lagerhaus im Videospiel „Minecraft“ nachgebaut, um alles genau vorauszuplanen. In jeder Sequenz erkennt man, wieviel Arbeit Wheatley mit seinem Team in den Film hineingesteckt hat, um seine Vision so perfekt wie möglich umsetzen zu können. Dieses Talent würdigte kein Geringerer als Meisterregisseur Martin Scorsese, der „Free Fire“ als ausführender Produzent unterstützte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ben Wheatley sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Brie Larson und/oder Cillian Murphy in der Rubrik Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Für Chris, Stevo und Frank (v. l.) bleibt nicht viel Zeit zum Verschnaufen

Veröffentlichung: 25. August 2017 als Blu-ray im limitierten Futurepak, Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Free Fire
GB/F 2016
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Ben Wheatley, Amy Jump
Besetzung: Sharlto Copley, Brie Larson, Cillian Murphy, Armie Hammer, Enzo Cilenti, Sam Riley, Michael Smiley, Babou Ceesay, Noah Taylor, Jack Reynor
Zusatzmaterial: Making-of, B-Roll, Interviews, Wendecover
Vertrieb: Splendid Film

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Splendid Film

 

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Dunkirk – Die mythische Rettung aus dem Kessel der Wehrmacht

Dunkirk

Kinostart: 27. Juli 2017

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Schlacht von Dünkirchen während des Zweiten Weltkriegs hat im Vereinigten Königreich geradezu mythischen Charakter. „Es ist ein bedeutsamer Teil unserer Kultur. Wir haben Dünkirchen in unseren Knochen“, äußert der 1970 in London geborene Regisseur Christopher Nolan im Presseheft zu „Dunkirk“. Im Mai und Juni 1940 hatte die deutsche Wehrmacht in der französischen Hafenstadt an der Küste zum Ärmelkanal das Britische Expeditionskorps sowie Teile der französischen Armee eingekesselt. Ein bis heute historisch nicht bis ins Letzte aufgearbeiteter Haltebefehl an die deutschen Panzer-Divisionen und Truppen bewahrte die alliierten Streitkräfte vor der Vernichtung. Mit der Operation Dynamo gelang es, bis zum 4. Juni 1940 mehr als 330.000 britische und französische Soldaten nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Der Großteil der Truppen gelangte zwar mit Kriegsschiffen über den Kanal, der Einsatz zahlreicher kleiner ziviler Fahrzeuge vom Fischkutter bis zur Segelyacht war jedoch bemerkenswert und trug zweifellos dazu bei, dass die britischen Streitkräfte und die Zivilbevölkerung noch enger zusammenrückten, um die schweren Kriegsjahre, die da noch kommen würden, gemeinsam zu überstehen. Die Vernichtung oder Gefangennahme der in Dünkirchen eingekesselten Alliierten hätte wahrscheinlich die Kapitulation des Vereinigten Königreichs zur Folge gehabt – mit kaum auszudenkenden Folgen für den Kriegsverlauf. Die Welt wäre heute vielleicht eine ganz andere.

Tommy gerät unter Beschuss

Die Ereignisse sind filmisch wiederholt aufbereitet worden, darunter 1958 in der US-britischen Koproduktion „Dunkirk – Die Schlacht von Dünkirchen“ („Dunkirk“) von Leslie Norman und 1964 in Henri Verneuils französisch-italienischem Kriegsdrama „Dünkirchen 2. Juni 1940“ („Week-end à Zuydcoote“) mit Jean-Paul Belmondo. 2004 entstand fürs englische Fernsehen das dreistündige Doku-Drama „Dunkirk“ mit Benedict Cumberbatch („Sherlock“) sowie Bond-Darsteller Timothy Dalton als Erzähler. Im Fahrwasser von Christopher Nolans 2017er-Big-Budget-Produktion hat gar die berüchtigte Trash-Produktionsfirma The Asylum mit „Operation Dunkirk“ einen Mockbuster auf den Markt geworfen. Wer’s braucht …

Szenische Aufbereitung statt Chronologie

Christopher Nolan ist zu sehr visueller Filmemacher, als dass er schlicht eine Chronologie der Ereignisse abliefern würde, wie sie manchen cineastischen Aufarbeitungen historischer Begebenheiten zu eigen ist. Der Regisseur inszeniert vielmehr eine Abfolge kleiner und großer Geschehnisse rund um ein paar Figuren. Dabei wechselt er ständig die Schauplätze zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Die Soldaten müssen auf Molen …

Zu Beginn lernen wir den englischen Gefreiten Tommy (Fionn Whitehead) kennen, der sich durch deutschen Beschuss in den Straßen Dünkirchens mit Müh und Not an den Strand retten kann, der bereits voller alliierter Soldaten ist, die auf Rettung warten. Gelegentliche Attacken deutscher Sturzkampfbomber schlagen tödliche Schneisen in den Sand. Mit einem zufälligen Partner (Aneurin Barnard) versucht Tommy, mit allen Mitteln auf ein Schiff zu gelangen, um die rettende Heimat zu erreichen. Aber auch an Bord droht der Tod.

… und am Strand auf Rettung warten

In der Luft versuchen einige wenige britische Spitfires der Royal Air Force, die tödlichen Angriffe der deutschen Luftwaffe aufzuhalten. Unter anderen ist speziell der Pilot Farrier (Tom Hardy) willens, den Kampf gegen den Feind bis zum letzten Tropfen Kerosin weiterzuführen. Am Strand kann Commander Bolton (Kenneth Branagh) von der Royal Navy nicht viel mehr tun, als sich in Hoffnung zu üben und mit seinen Männern auf Rettung zu warten. „Dunkirk“ folgt schließlich auch dem zivilen Skipper Mr. Dawson (Mark Rylance), der mit seiner kleinen Yacht den heimischen Hafen verlässt, um den Kanal zu überqueren und Soldaten zu retten. An Bord hat er seinen halbwüchsigen Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan). Bald retten sie einen verängstigten Soldaten (Cillian Murphy) vom Wrack eines kieloben treibenden Schiffs. Der will auf keinen Fall zurück zum vom Krieg gepeinigten Festland.

Commander Bolton hat keine Optionen

Spätestens wenn zum Finale die kleinen Schiffe und Boote den Strand von Dünkirchen erreichen, merkt man, dass es Christopher Nolan sichtlich darum ging, den zahllosen Rettern der Operation Dynamo ein Denkmal zu setzen. Wenn Kenneth Branagh ob des Anblicks der zivilen Wasserfahrzeuge das Wasser in die Augen steigt, verfehlt das auch nicht seine Wirkung. Mr. Dawson wiederum sieht sich nicht als Held, er tut auf lakonische Weise lediglich das, was er für das Richtige hält, als sei es selbstverständlich, sich als Zivilist im Krieg derart in Lebensgefahr zu begeben. So verkörpern er und seine beiden jugendlichen Begleiter die Vielzahl der namenlosen Helfer, wie viele auch immer es gewesen sein mögen.

Zu viel Hans Zimmer

Mit dem permanent Spannung aufbauenden, dräuenden Score von Hans Zimmer übertreibt Nolan es etwas. Die Musik scheint stets einen nahenden Höhepunkt anzukündigen, das nervt auf Dauer. Ab und zu mal Sequenzen ganz ohne musikalische Untermalung – das scheint zu viel verlangt zu sein. Erstmals sind mir unmittelbar vor dem Ende zwei ruhige Sekunden aufgefallen, das ist zu wenig. Weniger wäre definitiv mehr gewesen, zumal einzelne Passagen sehr gut Suspense aufbauen und darin die Musik sehr gut und effektiv funktioniert. Das erwähnte Finale mit den herannahenden Zivilschiffen gerät dann etwas pathetisch, das sei Nolan aber verziehen.

Pilot Farrier kämpft einen aussichtslos erscheinenden Kampf

Auf blutiges Gemetzel à la „Der Soldat James Ryan“ verzichtet „Dunkirk“. Womöglich sollte eine zu hohe Altersfreigabe vermieden werden, weshalb wir keine abgerissenen Gliedmaßen und heraushängenden Gedärme zu sehen bekommen. Die FSK-12-Freigabe geht somit in Ordnung. Intensiv ist das Gezeigte dank kraftvollen Sounddesigns dennoch, und das von Anfang an mit den ersten Gewehrschüssen in Dünkirchens Straßen. An der gezeigten Schauspielkunst ist nicht das Geringste auszusetzen, das gilt für Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy und Mark Rylance ebenso wie für die hierzulande frischen Gesichter Fionn Whitehead, Aneurin Barnard und andere. Die Mischung aus Stars und weniger bekannten Akteuren funktioniert vorzüglich, die häufigen Szenenwechsel lassen einen Ensemblefilm im besten Sinne entstehen. Der Feind hingegen bleibt gesichtslos, deutsche Soldaten spielen als handelnde Figuren keinerlei Rolle, wenn man von den Kampfflugzeugen der Luftwaffe absieht.

Kleine Boote eilen in Richtung Dünkirchen

Im Presseheft zum Film bekennt Nolan: „Was in Dünkirchen geschah, ist eine der großartigsten Storys in der Geschichte der Menschheit, das ultimative Rennen um Leben und Tod gegen die Zeit.“ Und weiter: „Unsere Absicht mit diesem Film war es, das Publikum dort mit einem Höchstmaß an Respekt vor der Historie hineinzuwerfen, gleichzeitig aber mit einem Grad an Intensität und – natürlich – Sinn für Entertainment.“ Wenn man einen Regisseur an seinen Worten messen will, so ist zu konstatieren, dass er seine Absicht verwirklicht hat.

Auf ins IMAX – oder zur 70mm-Fassung?

Das visuelle und akustische Erlebnis im herkömmlichen Kinosaal der Pressevorführung war schon beeindruckend. In einigen ausgewählten Kinos wird „Dunkirk“ weltweit in 70mm gezeigt werden, auch IMAX-Lichtspielhäuser kommen zum Zug. Auch ein paar Kinos in Deutschland zeigen den Film in einem der beiden Formate. Freut euch drauf, das actionreiche Kriegsdrama ist für die große Leinwand gemacht. Nach Thrillern („Memento“, „Prestige – Die Meister der Magie“), Superhelden-Action („Batman“-Reihe) und Science-Fiction („Inception“, „Interstellar“) beweist Christopher Nolan, dass er auch historischen Kriegsstoff formidabel inszenieren kann – und das gar nicht mal in Überlänge, was ebenfalls positiv zu bewerten ist. Herausragend!

Wird die Flut den Kutter flottmachen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christopher Nolan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Tom Hardy in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dunkirk
NL/GB/F/USA 2017
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Besetzung: Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Jack Lowden, Fionn Whitehead, Damien Bonnard, Aneurin Barnard, James Bloor, Barry Koeghan, Mark Rylance, Tom Glynn-Carney, Adam Long, Harry Styles
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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