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Brian De Palma (VII): Schwarzer Engel – Obsession als „Vertigo“-Hommage

Obsession

Von Simon Kyprianou

Thriller // „Schwarzer Engel“ ist ein etwas unglücklicher deutscher Titel für Brian De Palmas Film, trifft der Originaltitel „Obsession“ den Ton des Thrillers doch eigentlich ideal. Dem Vernehmen nach wollten De Palma und Drehbuchautor Paul Schrader einen ganz anderen Film machen, entschieden sich aber nach einer gemeinsamen Sichtung von „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958), dazu eine Hommage, bzw. eine bizarre Nachahmung zu drehen, die die Perversion von Hitchcocks Klassiker mit James Stewart zuerst an die Oberfläche führt und dann die Geschichte wiederholt. Deswegen passt der Originaltitel auch so gut: „Obsession“. Schon im Titel führen De Palma und Schrader zur Essenz ihres Vorbildes, weisen darauf hin, worum es gehen wird, während der Titel „Vertigo“ das Gegenteil tut und verbirgt, worum es tatsächlich geht.

Kidnapping setzt die tragische Geschichte in Gang

In „Schwarzer Engel“ geht es um den Geschäftsmann Michael Courtland (Cliff Robertson), dessen Frau Elizabeth (Geneviève Bujold) und Tochter Amy (Wanda Blackman) entführt werden. Bei der misslingenden Lösegeldübergabe wird seine Familie getötet. 15 Jahre später wird Courtland von seinem Geschäftspartner Lasalle (John Lithgow) überredet, ihn auf eine Geschäftsreise nach Florenz zu begleiten. Dort trifft er die junge Sandra, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

Eine Frau wird zerstört

Regisseur Christian Petzold sagt über Hitchcocks Film: „,Vertigo‘ von Alfred Hitchcock habe ich gut 50 Mal gesehen. […] Er zeigt die Obsession, man schaut einem Perversen zu, der versucht, wieder einen hochzukriegen. Und die Frauen werden dafür zugerichtet. Mindestens 20 Mal habe ich den Film auch gehasst.“ In „Schwarzer Engel“ passiert etwa dasselbe: Ein Mann ist besessen von einer Frau und am Ende führt die Besessenheit zur Zertrümmerung der Frau.

Michaels Leben wird danach vom Tod bestimmt

De Palma hat sich für seinen Film Hitchcock-Komponisten Bernard Herrmann geholt, es ist dessen letzte Arbeit: Kurz nach Fertigstellung des Soundtracks starb er. Herrmanns Musik legt sich über den Film als eine unheimlich romantische, melodramatische Patina, eine auf den ersten Blick eigentlich unpassende, auf den zweiten Blick mit ihren waghalsigen emotionalen Untiefen den Film aber völlig begreifende Musik. Und es dreht sich ja auch alles um eine unglückliche Liebe, besser noch: um eine unmögliche Liebe. „Schwarzer Engel“ ist ohnehin viel mehr Melodram als Thriller, De Palma ist hauptsächlich daran interessiert, den schicksalshaften Strömungen der Liebe durch die Zeit nachzuspüren und mit anzusehen, wie die Wellen, die diese Liebe schlägt, den Verstand der Liebenden langsam abtragen und die Menschen nach und nach in die Tiefe bröckeln lässt.
Die wirklich wunderbare Kameraarbeit stammt vom genialen Kameramann Vilmos Zsigmond, der unter anderem auch Steven Spielbergs fantastischen Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, De Palmas „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“, Robert Altmans „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ und Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ bebildert hat.

Die dunklen Untiefen kommen ans Licht

Man mag „Schwarzer Engel“ ablehnen, weil er es sich anmaßt, die Dinge, die in „Vertigo“ als dunkle Untiefen stattfinden, die den Film aus der Tiefe heraus so gefährlich und kalt machen, an die Oberfläche zu führen und im Licht zu begutachten. Zwar nicht in einem kalten analytischen Laborlicht, als ein Film der die Vorlage zwanghaft erklären und analysieren will, sondern im warmen Sonnenlicht von Italien. Vermutlich sollte man aber so nicht denken, es gibt genug zu mögen an „Schwarzer Engel“: die hemmungslose Romantik, diese fantastische letzte Musik von Herrmann, das wunderbare Spiel von Geneviève Bujold, die Bilder von Zsigmond und der wenn auch etwas problematische, so doch auch kühne Ansatz von De Palma und Schrader.

Mit seinem Geschäftspartner Lasalle reist Michael nach Italien

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Dort stolpert er erneut in eine von Tod überschattete Liebesgeschichte

Veröffentlichung: 25. August 2017 als Blu-ray und DVD, 7. April 2017 als Blu-ray im Mediabook, 7. Juli 2011 als DVD (Concorde Home Entertainment)

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Obsession
USA 1976
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Cliff Robertson, Geneviève Bujold, John Lithgow, J. Patrick McNamara, Sylvia Kuumba Williams, Wanda Blackman, Stanley J. Reyes, Nick Kreiger, Stocker Fontelieu, Don Hood
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Fotos & Packshot Blu-ray: © 2017 Al!ve AG / Endless Classics, Packshot DVD: © 2011 Concorde Home Entertainment

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Der große Minnesota Überfall – Jesse James reitet wieder

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The Great Northfield, Minnesota Raid

Von Volker Schönenberger

Western // Jesse James (1847–1882) gehört zu den großen mythischen Figuren des Wilden Westens. Die Verbrecherlaufbahn seiner Bande hat sich daher zwangsläufig in vielfacher Weise auf der Kinoleinwand niedergeschlagen. Tyrone Power hat ihn 1939 in „Jesse James – Mann ohne Gesetz“ gespielt, Audie Murphy 1950 in „Reiter ohne Gnade“ und 1969 in „A Time for Dying“, Robert Wagner 1957 in „Rächer der Enterbten“. Bemerkenswert ist Walter Hills ohnehin großartige Umsetzung „The Long Riders“ (1980), in dem vier Brüdergespanne der Story jeweils von Schauspieler-Brüdergespannen gespielt worden sind – Jesse und Frank James von James und Stacy Keach. 1986 entstand der Fernsehfilm „Die letzten Tage von Frank und Jesse James“ mit Johnny Cash und Kris Kristofferson in den Titelrollen.

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Jesse James lässt die Vergangenheit nicht los

Kongenial verfilmt hat Andrew Dominik das Ende des Outlaws 2007 in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ mit Brad Pitt – obwohl (oder gerade, weil?) Dominik bemüht war, die historischen Details so akkurat wie möglich nachzuerzählen.

Robert Duvall als Jesse James

Robert Duvall sehen wir ja immer wieder gern. Der siebenfach Oscar-nominierte und für „Comeback der Liebe“ (1983) immerhin einmal Oscar-prämierte Kalifornier spielte Jesse James 1973 in „The Great Northfield, Minnesota Raid“, so der Originaltitel. „Der große Minnesota Überfall“ hat tatsächlich stattgefunden: am 7. September 1876. Sein Ausgang wird in Northfield – Vorsicht, Spoiler – sogar jährlich gefeiert: bei „The Defeat of Jesse James Days“, einem fünftägigen Volksfest mit zahlreichen Attraktionen, darunter natürlich Inszenierungen des Überfalls.

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Die Bande bereitet sich auf den Überfall vor

Der Film beschreibt, wie die Banditen um Jesse und Frank (John Pearce) James sowie Cole Younger (Cliff Robertson) nach dem Ende des US-Bürgerkriegs um ein Haar amnestiert werden. Einige Bankiers hintertreiben die Begnadigung aber. Die jagen ihnen die legendäre Pinkerton-Agentur auf die Fersen. Dennoch planen die Gangster einen großen Coup: den Überfall auf die Bank von Northfield in Minnesota.

Die Ära des Spätwesterns

1973 war New Hollywood in vollem Gange, was sich auch aufs Westerngenre auswirkte: Sam Peckinpah hatte mit „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ (1969) und „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ (1973) ebenso eher Abgesänge abgeliefert wie George Roy Hill mit „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (1969). Es geht – auch durch den Einfluss des Italo-Westerns – schmutziger, staubiger und schlammiger zu als in den Edel-Western mit John Wayne oder James Stewart. Das gilt auch für „Der große Minnesota Überfall“, einem Frühwerk von Philip Kaufman („Die Körperfresser kommen“, „Der Stoff, aus dem die Helden sind“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“).

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Fatale Folgen

Kaufman kontrastiert famos die beiden treibenden Kräfte der Bande: Cole Younger, dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan, ist willens, sich dem veränderten Lauf der Dinge anzupassen, Jesse James hingegen will weiter das machen, was er vorher gemacht hat. Für ihn ist der Bürgerkrieg gegen die Yankees noch lange nicht vorüber.

Deutsche Erstveröffentlichung – auch als Blu-ray

Das macht „Der große Minnesota Überfall“ zu einem mehr als würdigen Vertreter der „Edition Western Legenden“ von Koch Films – in deutscher Erstveröffentlichung (eine uralte VHS-Version mag es geben, das entzieht sich aber meiner Kenntnis) und sogar auf Blu-ray. Bild und Ton haben anständige Qualität, aber ohne Wow-Effekt. Trotzdem natürlich eine bedeutsame Veröffentlichung eines sehenswerten Films – ein toller Spätwestern.

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schiess zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)
50. Garten des Bösen (Garden of Evil, USA 1954)

Veröffentlichung: 28. Januar 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Great Northfield, Minnesota Raid
USA 1972
Regie: Philip Kaufman
Drehbuch: Philip Kaufman
Besetzung: Cliff Robertson, Robert Duvall, Luke Askew, R. G. Armstrong, Dana Elcar, Donald Moffat, Matt Clark, Royal Dano, Elisha Cook Jr., William Callaway
Zusatzmaterial: Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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