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Clint Eastwood (XXV): Der Fall Richard Jewell – Held oder Täter?

Richard Jewell

Kinostart: 25. Juni 2020

Von Philipp Ludwig

Drama // Anfang März 2020 besuchte ich die Hamburger Pressevorführung von „Der Fall Richard Jewell“. Dass es sich hierbei um meinen auf längere Sicht wohl letzten Kinobesuch handeln würde, konnte ich dabei natürlich nicht ahnen. Trotz sich bereits damals zumindest in Ansätzen andeutender Coronakrise.

Als Schauspieler und Regisseur groß: Clint Eastwood

Clint Eastwood hat sich als herausragender Schauspieler über Jahrzehnte hinweg einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen redlich verdient. Auch als Regisseur zeigt er seit vielen Jahren nun schon sein großartiges Talent auch für die Arbeit hinter der Kamera. Filme wie „Letters from Iwo Jima“ (2007) oder „Gran Torino“ (2008) waren für mich persönlich zumindest wahre filmische Ausnahmeerlebnisse. Den Stil von Eastwood zeichnet vor allem seine präzise Schnörkellosigkeit aus. In seinen Filmen erfolgen keine großen Experimente. Rasante Kamerafahrten, visuelle und auditive Tricks oder innovative Erzählstrategien sucht man in der Regel vergebens. Gerade diese klassische Art und Weise der Inszenierung, stringent und ohne viel kreativen Schnickschnack eine Geschichte zu erzählen, muss in den häufig viel zu hektischen Filmen unserer Zeit gewiss kein Nachteil sein. Ganz im Gegenteil. Wenn man einen von Eastwood gemachten Film besucht, weiß man in der Regel, was einen erwartet. Und wird für gewöhnlich auch nicht enttäuscht.

Richard Jewell (M.) hat alles unter Kontrolle

Ein weiteres Merkmal der Arbeit des Regisseurs Eastwood ist sein herausragendes Gespür für die Besetzung von Rollen sowie sein Umgang mit seinen Darstellerinnen und Darstellern. Selbst aus renommierten Haudegen des Geschäfts vermag der Altmeister besondere Leistung herauszukitzeln. Nicht umsonst schwärmt etwa eine unangefochtene Schauspielgröße wie Tom Hanks in höchsten Tönen von seiner früheren Zusammenarbeit mit Eastwood, wie er unter anderem in der populären britischen Talkshow „The Graham Norton Show“ anmerkt. Dennoch ist der Mensch Clint Eastwood natürlich nicht frei von Kontroversen. Der konservative und patriotisch veranlagte Unterstützer der Republikaner verkörpert nicht nur in seinen prägendsten Rollen das Bild eines „weißen Mannes“, das in dieser Form eigentlich schon längst nicht mehr zeitgemäß erscheint. Auch in seinen Filmen schimmert wiederholt ein Stück zu sehr die persönliche Meinung des Regisseurs durch, die trotz all seiner künstlerischen Genialität nicht immer vollends begrüßenswert ist. Gleichwohl – es ist seine Meinung, und er hat jedes Recht, sie zu verkünden.

Clint Eastwood: Liebhaber des „Alltagshelden“?

Clint Eastwood verdankt seinen Ruhm als Schauspieler in erster Linie seiner prototypischen Verkörperungen zahlreicher einsamer Helden und Rächer. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich auch als Regisseur auf die Geschichten von kleinen und großen Helden des Alltags konzentriert. In seinem neuesten, auf wahren Begebenheiten beruhenden Werk widmet er sich nun dem tragischen Fall von Richard Jewell (Paul Walter Hauser, „I, Tonya“). Der dickliche Außenseiter macht im ersten Moment jedoch nicht einmal ansatzweise den Eindruck eines mutigen Helden, hatte von klein auf aber dennoch nur einen Wunsch: Polizist zu werden. Mit der Gesetzestreue nimmt es der mittlerweile 33-Jährige, der immer noch bei seiner Mutter wohnt, allerdings ein wenig zu genau. So verlor er nicht nur recht schnell seine Anstellung als Deputy beim örtlichen Sheriffbüro – auch in zahlreichen weiteren Beschäftigungen als Sicherheitsmann kommt es wiederholt zu Vorfällen, bei denen er es mit der Pflichterfüllung sowie der Auslebung seiner Autorität ein wenig übertreibt, sodass er anschließend vor die Tür gesetzt wird.

Nach den Ereignissen im Centennial Park wird er zum gefragten Medienstar

Nachdem er daher mal wieder seinen Job als Wachmann in einem College verloren hat, heuert er im Sommer 1996 als Sicherheitsmann bei dem Event des Jahres an: den Olympischen Spielen! Für das in seiner Heimatstadt Atlanta stattfindende Großereignis wurde im Centennial Park extra ein großes Festivalgelände für Konzerte und zahlreiche weitere Veranstaltungen eingerichtet. Eines Abends erfolgt für das stets gut besuchte Gelände eine Bombendrohung. 30 Minuten gibt der anonyme Anrufer den Sicherheitsbehörden, einen versteckten Sprengsatz zu finden. Richard Jewell gelingt das tatsächlich, er verhindert somit eine Katastrophe.

Der Held gerät unter Verdacht

Innerhalb weniger Stunden wird der bis dato so unscheinbare Richard zum strahlenden Helden einer ganzen Nation und gefragten Medienstar. Doch bald lenkt FBI-Agent Tom Shaw (Jon Hamm, „Mad Men“) den Verdacht auf den die Aufmerksamkeit ein wenig zu sehr liebenden Richard. Nachdem zudem Details aus dessen Vergangenheit und über die etwas überzogenen Auslebungen seines Sicherheitswahns bekannt werden, wird der zunächst gefeierte Held schnell zum Hauptverdächtigen des Anschlags. Neben seiner Mutter Bobi (Kathy Bates, „The Highwaymen“) kann dieser nur noch auf den streitlustigen und bislang nur wenig renommierten Anwalt Bryan Watson (Sam Rockwell, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) hoffen, der ihm trotz zunächst schier aussichtsloser Lage zur Seite steht. Wird es ihnen gelingen, Richards Unschuld zu beweisen? Dazu muss aber vor allem der allzu obrigkeitstreue Möchtegernpolizist verstehen, dass die Ermittler ihm nicht nur nicht helfen wollen, sondern erst recht nicht seine „Kollegen“ sind. Keine einfache Angelegenheit.

FBI-Agent Tom Shaw traut dem Helden nicht

Die eingangs beschriebenen Vorzüge von Eastwoods Filmen zeigen auch in „Der Fall Richard Jewell“ voll und ganz ihre Wirkung. Das Werk überzeugt insbesondere durch seine ruhige und chronologisch stringente Erzählweise. Eastwood nimmt sich angenehm viel Zeit, um uns in den eigenwilligen Charakter Jewells und dessen Lebenswelt einzuführen, ohne dabei in die narrativen Gefahren von Längen oder Langeweile zu geraten. Überzeugen kann der Regisseur vor allem mit der in Echtzeit inszenierten Bombensuche und anschließend versuchten Entschärfung im Centennial Park. Die dabei herrschende Anspannung gerade beim Sicherheitspersonal überträgt sich gekonnt bis in den Kinosaal. Aber auch die kurze Zeit, in der Richard als Held gefeiert wird, und die anschließenden, umfassenden Ermittlungen des FBI sowie der ermüdende Kampf gegen Windmühlen des „Teams Jewell“ werden nicht nur umfassend, sondern stets spannend durchleuchtet.

Der endgültige Durchbruch für Paul Walter Hauser?

Ebenso zeigt sich in „Der Fall Richard Jewell“ Clint Eastwoods Gespür für die optimale Besetzung und seine hervorragende Schauspielerführung am Set. Allen voran erlebt der bislang oft unterschätzte Paul Walter Hauser hier seine absolute Glanzstunde. Der war bislang eher als Nebendarsteller bekannt, speziell als latent dämlich angehauchter Comic Relief in Erfolgsfilmen wie „I, Tonya“ (2017) oder „Blackkklansmen“ (2018). In seiner ersten großen Hauptrolle verfällt er auch als Richard Jewell zunächst in sein daher zu erwartendes Darstellermuster, um dann mit zunehmender Laufzeit ein beeindruckendes darstellerisches Talent zu offenbaren. Ebenso schafft er es mit seiner schrulligen Interpretation von Jewell, für den einen oder anderen bitter benötigten Lacher in dem ansonsten so ernsten Stoff zu sorgen. Mit hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern wie dem großartigen Oscar-Preisträger Sam Rockwell, die für ihre Rolle von Jewells Mutter für einen Oscar nominierte Kathy Bates, Jon Hamm oder auch Olivia Wilde („The Lazarus Effect“) ist „Der Fall Richard Jewell“ zudem bis in die Nebenrollen hinein vorzüglich besetzt.

Richards Mutter Bobi beobachtet den Medienandrang vor ihrem Haus

Doch leider ist auch Eastwoods neuester Streich nicht gefeit vor dessen persönlichen Fehlern. So steht sich der Altmeister mit seinen eigenen Ansichten gelegentlich selbst im Weg, wodurch auch der eigentlich durchweg gute Eindruck von „Der Fall Richard Jewell“ etwas leidet. So zeigt sich zum Beispiel Eastwoods implizierte Ablehnung gegenüber staatlichen Institutionen in einer ziemlich überzogenen Dämonisierung des FBI und dessen Ermittlern, die selbst vor der Unterwäsche oder kostbaren Tupperware von Jewells Mutter keinen Halt machen.

Auch führt seine grundlegende Ablehnung gegenüber den Medien zu einer zwar im Grunde berechtigten, aber mitunter gleichfalls überzogen wirkenden Medienschelte. Gerade die Medienkritik brachte dem Regisseur bislang den meisten Ärger ein. Dies liegt insbesondere an seiner filmischen Interpretation der realen Journalistin Kathy Scruggs (Wilde), die Eastwood einen Großteil des Films als besonders verachtenswerte Ausgabe ihres Berufsstandes inszeniert. So scheint diese in ihrem Karrierewahn nicht nur ohne Empathie oder so etwas ähnlichem wie eine menschliche Seele ausgestattet zu sein – sie schreckt auch nicht vor Einbrüchen und Sexdiensten zurück, um an Informationen zu gelangen. Hiermit soll Eastwood nicht nur dem historischen Vorbild unrecht tun, im Zeitalter vom „woke“-Gedanken und „#metoo“ sorgte zudem insbesondere das alte Klischee der „Frau bietet ihren Körper zum Wohl der Karriere an“ zu Recht für einige öffentliche Empörung.

Richards letzter Freund? Der streitlustige, frühere Karriereanwalt Watson Bryant

Ist man als Zuschauerin oder Zuschauer bereit, über diese teilweise problematischen Einschübe des Regisseurs hinwegzusehen, erwartet einen mit „Der Fall Richard Jewell“ rundum solide Eastwood-Kost. Der handwerklich und erzählerisch bestens inszenierte Film kann vor allem aufgrund der herausragenden Schauspielleistungen überzeugen. Er funktioniert zudem als Mahnmal für unsere gegenwärtige Zeit, in der Menschen nicht nur durch die etablierten, sondern insbesondere die umfangreichen sozialen Medien nur allzu schnell vorverurteilt und gesellschaftlich geradezu vernichtet werden. Nicht auszudenken, Richard Jewell hätte sich auch noch mit den Folgen eines massiven Internetmobs auseinandersetzen müssen. Doch auch so hatte die unvergleichliche emotionale Tour de Force für das reale Vorbild üble Folgen, starb dieser doch nur wenige Jahre später am 29. August 2007 an Herzversagen. Er wurde gerade einmal 44 Jahre alt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kathy Bates unter Schauspielerinnen, Filme mit Sam Rockwell in der Rubrik Schauspieler.

Doch wird sich der eigenwillige Mandant überhaupt helfen lassen?

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Richard Jewell
USA 2019
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Billy Ray, nach Vorlagen von Marie Brenner, Kent Alexander und Kevin Salwen
Besetzung: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Olivia Wilde, Kathy Bates, Jon Hamm, Brandon Stanley, Ryan Boz, Charles Green, Mike Pniewski, Ian Gomez
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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Clint Eastwood (XXIV): Weißer Jäger, schwarzes Herz – Der Regisseur als Regisseur

White Hunter Black Heart

Von Tonio Klein

Abenteuerdrama // Popcornfresser, Juden und Schwarze … Letztgenannte heißen in den Worten von John Wilson (Clint Eastwood) aber anders, nämlich Itzigs und Nigger. Und wie schon in „Bird“ (1988) – in welchem ein weißer Jude und ein Schwarzer jeweils einmal in die Haut des anderen schlüpfen müssen –, „Gran Torino“ (2008) und „Flucht von Alcatraz“ (1979) hat Eastwood ein untrügliches Gespür für Herz und Schnauze. Denn sein Wilson ist mit seinen Worten immer auf der Seite der Bezeichneten. Und die Popcornfresser? Da ist er gleichsam kompromisslos wie auch ein bisschen verlogen, aber Schwamm drüber.

Die Entstehung von „African Queen“

Dazu muss man wissen, worum es geht: 1951 brachte der Regisseur John Huston den unter nervenaufreibenden Strapazen an Originalschauplätzen entstandenen Abenteuerfilm „African Queen“ in die Kinos. Sein Drehbuchautor Peter Viertel verfasste darüber einen halb fiktiven, halb realen Schlüsselroman, den Eastwood 1990 verfilmte. Der Filmemacher spielt also einen Filmemacher, John Wilson = John Huston. Und obwohl Eastwood damals schon deutlich älter war als seinerzeit Huston: Besser hätte es nicht kommen können! Zwei Haudegen haben sich in Schauspieler und Rolle gefunden, sodass es auch gar nicht stört, dass Eastwood immer genauso sehr Eastwood wie Huston ist. Und Wilson sagt eben auf den Wunsch des Drehbuchautors Pete Verrill (klar, Peter Viertel ist gemeint) nach einem weniger deprimierenden Film-Ende, er ließe sich von 85 Millionen Popcornfressern nichts vorschreiben. Und noch mehr: „Um einen Film zu machen, musst du vergessen, dass ihn sich irgendjemand anschauen wird.“

Eastwood inszeniert seinen Wilson/Huston grandios, gerade in dieser Szene, in der das Set Design gar nicht hoch genug zu loben ist: ein stolzes Herrenhaus in Europa (man vermutet England, der echte Huston hatte – allerdings erst später – in Irland gelebt), das Hustons Hang zum Verschwenderischen, Exzentrischen, Kunstsinnigen wunderbar in jedem Raum, jedem Accessoire, jedem Hintergrundgemälde zum Ausdruck bringt. Passt zu einem Egomanen, den nicht interessiert, ob er das Geld dafür hat, was andere dazu sagen und ob sein Film einem Publikum gefällt. Dabei ist diese Haltung des tatsächlich kompromisslosen Filmemachens eine, die ich weder Huston noch Eastwood abnehme. Sicherlich, beide haben sich in zwischendurch immer wieder sehr mutigen Werken anscheinend einen Dreck darum geschert, ob sie Geld machen. Aber beide sind auch keine künstlerischen Onanisten, die ihr Publikum verachten, da man doch selbst dann, wenn man nur die Filme macht, die man will, damit auch Menschen erreichen möchte – sonst müsste man sie ja nicht machen.

Heute darf Eastwood weinen

Gerade Eastwood weiß genau, was er seinem Publikum zumuten kann: 1995 war es bei „Die Brücken am Fluss“ noch nicht so weit, einen weinenden Clint zu akzeptieren, und er wandte sich von der Kamera ab – als bewusste Entscheidung dokumentiert in „Clint Eastwood – Out of the Shadows“ (2000). 2004 wusste er dann, dass er sein Publikum so weit hatte und flennte hemmungslos in die Kamera in „Million Dollar Baby“, einem gleichsam grandiosen wie in jeder Hinsicht erfolgreichen Film. Weiß auch John Wilson, was er seinem Publikum zumuten kann? Nein, und das ist sein Problem. Dieser Wilson ist ein Egomane, dabei zwar oft nicht unsympathisch, etwa wenn er mit unnachahmlichem Eastwood-Gestus und grinsend vorgetragenem Monolog eine Antisemitin fertigmacht, aber das ganze Filmunternehmen gefährdend, und auch sich selbst.

Der reale John Huston war passionierter Großwildjäger. John Wilson möchte in Afrika unbedingt einen Elefantenbullen schießen. Eastwood benutzt gern große Worte und nimmt sie erfrischend ernst, wie zum Beispiel das Schwören in „Absolute Power“ (1997): Was er vorhabe, sei eine „Sünde“, die einzige, für die man eine Erlaubnis kaufen könne, und darum müsse er diese Sünde begehen, bevor er etwas anderes, gleichsam Schlimmes tue. Da hat Wilson wohl nicht aufgepasst, das Drehbuchteam um Eastwood aber sehr wohl: „Sünde“ kommt aus dem Griechischen und steht für „sein Ziel verfehlen“. Es wird etwas geschehen, was alles verändert, für Wilson aber auch kathartische Rettung und Neuanfang bedeuten kann. Und so verzeihen wir seinem Wilson auch die etwas angeberische Publikumsverachtung: Man sieht – und das Drehbuch betont es am Ende auch noch einmal hübsch knapp –, dass sie eben nicht aufgeht und dass Wilson das lernen muss.

Prügelei mit dem Rassisten

Eastwood hat es längst verstanden. Wusste John Huston es? Es ist mir offen gesagt nicht so wichtig, wie viel an Roman und Film Wahrheit und wie viel Fiktion ist. Fest steht jedenfalls, dass in dem Stoff genug Anspielungen auf den realen John Huston enthalten sind; so hat er beim Dreh in Afrika tatsächlich die Großwildjagd betrieben und wollte die insoweit renitente Katharine Hepburn ebenfalls überreden, es einmal zu versuchen. Und auch eine gewisse egomane Rücksichtslosigkeit sowie eine nicht ganz geringe Überzeugung von sich selbst liest man immer wieder aus Anekdoten von Viertel, aber auch aus Hustons Autobiografie „… mehr als nur ein Leben“ heraus. Und ein hartgesottener Haudegen und Abenteurer war er, der sich vor keinem Drehort scheute und dort zudem den Kontakt zu Land und Leuten suchte (großartig zum Beispiel, was 1958 in Hollywood noch absolut unüblich war: „Der Barbar und die Geisha“ wurde in der Geisha-Rolle tatsächlich mit einer Japanerin besetzt, die er vor Ort gecastet hatte). Dabei letztlich genauso angenehm altmodisch wie Eastwood: Da gibt es in „Weißer Jäger, schwarzes Herz“ beispielsweise eine Szene, in der sich Wilson und ein rassistischer Hoteldirektor prügeln, ganz wie bei einer verabredeten Prügelei, bei der man im Streit beschließt, nach draußen zu gehen und alle Anwesenden auch zugucken, aber eine gewisse Fairness gewahrt und zum Beispiel nicht auf einen am Boden Liegenden eingedroschen wird. John Huston hatte sich auf diese Weise einmal eine ganze Stunde lang mit Errol Flynn geprügelt, aber das war eher wie ein verabredeter Kampf, und hinterher waren die Animositäten eben auch ausgefochten, sodass Huston völlig objektiv Flynn später in einem Film besetzte, weil er sich keinen Besseren für die zu vergebende Rolle vorstellen konnte.

Eastwoods Film enthält daneben ein paar augenzwinkernde Parallelen zur Realität am Rande; so haben die beiden Hauptdarsteller von „African Queen“ kleine Rollen. Obwohl diesmal ohne Namensähnlichkeiten, sind unschwer Übereinstimmungen mit den realen Darstellern Humphrey Bogart und Katharine Hepburn auszumachen (und ja, der männliche Hauptdarsteller hat seine schöne junge Frau mit dem langen ondulierten Haar dabei; eine Anspielung auf Bogies Gattin Lauren Bacall, die tatsächlich damals dabei gewesen war). In der deutschen Fassung wird der Effekt noch durch den Einsatz des Bogie-Synchronsprechers verstärkt. Schließlich sei erwähnt, dass der Film mit wunderschönen Natur- und Tieraufnahmen glänzt, die in Zimbabwe entstanden sind.

Im Alter immer besser

Fazit: Abenteuer, Film-Film und Charakterstudie in einem; großartig, weil Eastwood immer weiß, welche Stoffe zu seiner Erzähl- und Schauspielweise am besten passen. Bei manchen Künstlern schätze ich nicht so sehr, wenn sie immer auch zu einem gewissen Teil sie selbst sind. Bei Eastwood, der vieles, aber gewiss kein Chamäleon ist, ist das umgekehrt: In seinen Erzählungen steckt immer auch etwas von ihm selbst, zumindest von seinem eigenen Stil, aber er wählt die richtigen Stoffe dafür, sodass eine perfekte Symbiose aus Erzählung und Erzähltem entsteht. Noch in seinem jüngsten Regie-Hauptrollen-Film „The Mule“ (2019) ist dies so, in dem die wahre Geschichte eines greisen Drogenkuriers nur so lose verwendet wurde, dass sie zu Eastwood passt wie die Magnum zu Dirty Harry.

Bei allen Unterschieden im Übrigen: Dies verbindet ihn mit einem anderen großen Geschichtenerzähler des US-Films, der ebenfalls souverän das Wort Renteneintrittsalter aus seinem Vokabular gestrichen hat und munter Film um Film dreht: Woody Allen. Ob man dem einen das (mehr als schwach belegte) #Metoo-Vorgeworfene und dem anderen seine Trump-Unterstützung übelnimmt, sei dahingestellt. Von den beiden versuche ich immer noch, jedes neue Werk zu sehen, und ich bewundere sie für ihre Schaffenskraft auf weitgehend gleichbleibend hohem Niveau. Verachtet mir die Alten nicht! Und seht auch mal einen 30 Jahre alten Eastwood-Film, bei dem der gute Mann ebenfalls schon nicht mehr der Jüngste war. Aber im Grunde wurde er ungefähr ab dieser Zeit noch viel besser, ernsthafter und endlich auch von den Feuilletons geachtet. Ohne sich zu verleugnen. Weiter so, Clint – und nein, Popcorn fresse ich im Kino nicht, sondern bin ganz bei deinen Werken.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 1. Januar 2010 und 23. Oktober 2003 als DVD

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: White Hunter Black Heart
USA 1990
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Peter Viertel, James Bridges, Burt Kennedy, nach Viertels Roman
Besetzung: Clint Eastwood, Jeff Fahey, Charlotte Cornwell, Norman Lumsden, George Dzundza, Edward Tudor-Pole, Richard Warwick, Roddy Maude-Roxby, Catherine Neilson, Marisa Berenson, John Rapley
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2020 by Tonio Klein
Packshots: © Warner Home Video

 

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Clint Eastwood (XXIII): Nur Du allein – Kluger Taschentuch-Alarm

Never Say Goodbye

Von Tonio Klein

Melodram // „Nur Du allein“ ist ein reichlich tränendrückendes Melodram von 1956 mit Qualitäten – hatte doch der Meister Douglas Sirk seine Finger im Spiel. Der bereitete den Dreh vor, überließ die Regie in der Folge wegen eines anderen Projekts Jerry Hopper, drehte aber später ein paar Szenen mit seinem Freund George Sanders nach. Natürlich ist das auch ein gut geöltes Studioprodukt mit manch üblichem Universal-Verdächtigen wie Rock Hudson und Komponist Frank Skinner. Aber Sirks Einfluss ist deutlich spürbar. Das gilt schon für die dreiaktige Struktur, an deren Ende sich ein Kreis schließen wird, was in einem echten Sirk-Titel („Never Say Goodbye“) bereits antizipiert wird: Eine Familie wird wieder vereint sein.

Zufall oder Schicksal?

Sehr unwahrscheinliche Zufälle sind als schicksalhaft zu deuten. Am ehesten erinnert alles an die Sirk-Melodramen „All meine Sehnsucht“ (1953), in der die Rückkehr zur Familie nach zehn Jahren zurückliegenden Ereignissen beschrieben wird, und an „Die wunderbare Macht“ (1954), in dem das Heilende der Tätigkeit eines Arztes genauso symbolische Bedeutung hat wie die Blindheit. Wie hier Dr. Parker (Hudson) bei der Begegnung mit einem Blinden seine eigene Blindheit erkennt, ist ein kleines Meisterstück. Und dabei ist er doch Experte im Röntgen, was er auch gleich bei der schönen, verunfallten Lisa (Cornell Borchers) macht, die zudem nicht ganz ohne Parkers Zutun schicksalhaft vor ein Auto läuft wie zwei Jahre zuvor Jane Wyman in „Die wunderbare Macht“. Aber durch die Haut seiner eigenen, obsessiven Eifersucht (der Oberflächlichkeit von Hudsons Rolle in „Die wunderbare Macht“) wird er lange nicht sehen können. Und so hat Parker ein Lügengebäude als alleinerziehender Vater errichtet, welches gut zu funktionieren scheint, in dem die zehnjährige Suzy (Shelley Fabares) aber letztlich kaum Kind sein kann: Sie idolisiert die totgeglaubte Mutter und muss für den geliebten Vater Tochter und treusorgende Ehefrau zugleich sein (und nein, das ist nicht inzestuös gemeint). Dabei ist Mutter Lisa gar nicht tot, wie wir im Mittelteil erfahren, der im Viersektorenwien von 1945 bis 1947 spielt …

Die Ambivalenz von Gelb

Es mag sein, dass Sirk das Ganze noch etwas delirierender inszeniert hätte – der war am Wahnsinn jedenfalls gelegentlich so nah wie am Weinen. Aber „Nur Du allein“ ist – mindestens – sehr solide Handwerkskunst. Es ist schon interessant zu sehen, wann auffällig platzierte Blumen die Szenerie rot aufhübschen, wie bei einer schnittarmen Kameraführung mehrere Personen zueinander und im Bild platziert sind, wie Menschen über Spiegel kommunizieren, einander Abbild nur sehen, aneinander vorbeireden. Oder wie sie im Hintergrund auftauchen, manchmal durch Gegenstände im Raum abgetrennt und auch von den anderen unbemerkt, was narrativ Dramatisches auslösen wird. Oder wie Lisa ein dunkelgrünes Kleid reduzierter Eleganz trägt, in der Finalszene aber in einem sehr ambivalenten Gelb gekleidet ist (Gelb kann sonnenklar, aber auch leicht fäulnishaft sein, es ist die Farbe der Verfolgten, Ausgestoßenen, was sich laut der Habilitationsschrift „Farbe im Kino“ von Susanne Marschall selbst noch in der Perfidie des „Judensterns“ gezeigt hat).

Der Schuft?

Neben Vielem steckt in dem Film auch eine Dreiecksgeschichte, oder besser gesagt: eine Andeutung davon, die uns eher den Blick des argwöhnischen Dr. Parker einnehmen lässt. Hierbei zeigt sich die kluge Besetzung des vielleicht nebenbuhlenden Mannes mit George Sanders, der ganz nach dem Titel seiner Autobiografie auf den „professional cad“ abonniert war. Hier ist die Sache etwas komplizierter, aber Sanders als Künstler Victor, mit dem Lisa schon in Wien gemeinsam aufgetreten ist, bringt immer einen Sanders-typischen Hauch von abgeklärter Fiesheit in seine „wittiness“ – sodass wir zu Dr. Parker werden und ebenfalls argwöhnen, Victor habe mehr als nur berufliches Interesse an Lisa. Was wohl auch stimmt, aber noch lange nichts darüber sagt, ob er seinen Charme auch ausnutzen wird und ob Lisa darauf eingehen wird, obschon bereits mit Parker verheiratet. Sanders’ nuanciertes Spiel hält den Verdacht immer aufrecht, aber auch in der Schwebe – wunderbar.

Das deutsche Heimkino wartet

Auch wenn das Ende erwartbar ist und man darum den letzten Akt vielleicht etwas hätte kürzen können, ist schließlich der entscheidende Clou wieder besonders gelungen und erinnert ebenfalls an Sirk. In „Die wunderbare Macht“ spielen Porträtbilder eine Rolle, und man hat es schon religiös gedeutet, dass dort ein Mann sämtliche Personen malen kann, nur einen Mann nicht, dem eine gottgleiche Verehrung gebührt. Hier nun andersherum: Erst, als Victor für die kleine Suzy ein Bild der Mutter malt, ist diese ihrer Tochter nicht mehr Göttin, sondern Mensch. Die Familie kommt wieder zusammen, entgegen der hochgeschätzten Sirk-Biografin Elisabeth Läufer nicht eventuell ironisch. Schön, klug, und dem Taschentuchabsatz extrem förderlich. Warum noch nicht in Deutschland auf DVD? In Westeuropa haben das Vereinigte Königreich, Frankreich und Spanien jedenfalls vorgelegt.

Wo bleibt denn nun Clint Eastwood

Ach ja, Clint Eastwood. Auch in seinem fünften Spielfilm erhielt er lediglich eine Minirolle mit einem einzigen Kurzauftritt in der vierten Minute und einmal mehr keine Credits. Laut Trivia der IMDb trug er dafür eine Brille, doch Hauptdarsteller Rock Hudson forderte sie für sich ein, da er ja einen Arzt spiele. Es blieb die einzige Szene des gesamten Films, in der Hudson eine Brille trägt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Never Say Goodbye
USA 1956
Regie: Jerry Hopper, ohne Credits: Douglas Sirk
Drehbuch: Charles Hoffman, nach einem Theaterstück von Luigi Pirandello
Besetzung: Rock Hudson, Cornell Borchers, George Sanders, Shelley Fabares, Ray Collins, David Janssen, Helen Wallace, John Wengraf, Raymond Greenleaf, John Banner, Clint Eastwood
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb USA: Universal

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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