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Schlagwort-Archive: Comicverfilmung

Hellboy – Call of Darkness: Vorerst letzter Auftritt des Höllenknilchs?

Hellboy

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Die Kultstatus genießenden Graphic Novels von Mike Mignola habe ich nie gelesen. An Guillermo del Toros erste Verfilmung „Hellboy“ von 2004 mit Ron Perlman in der Titelrolle entsinne ich mich kaum noch, seine Fortsetzung „Hellboy – Die goldene Armee“ (2008) habe ich gar nicht geschaut. Das nur vorab, damit ihr meine folgenden Zeilen einordnen könnt. Ich nehme mir „Hellboy – Call of Darkness“ somit völlig unbeleckt vor. Ob Neil Marshalls Regiearbeit eine adäquate Umsetzung der Comic-Vorlage und gegenüber del Toros Versionen einen Fort- oder Rückschritt darstellt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Hellboy als Wrestler

Ein Prolog führt uns ins finstere Mittelalter des Jahres 517 nach Christus. König Artus persönlich besiegt die böse Nimue (Milla Jovovich), die sogenannte Blood Queen. Er zerstückelt ihren Körper und lässt die Einzelteile in aller Welt verstreut vergraben, damit Nimue nie wieder Unheil über die Menschen bringen kann.

Hellboy steigt in den Ring

Nach einem Zeitsprung ins mexikanische Tijuana an der Grenze zu den USA lernen wir Hellboy (David Harbour, „Stranger Things“) kennen, der als Ermittler paranormalen Phänomenen auf der Spur ist – ungeachtet dessen, dass er selbst ein solches Phänomen darstellt. In einem Wrestling-Ring trifft er auf seinen Kollegen und Kumpel Esteban Ruiz (Mario de la Rosa), in den während dessen jüngster Mission der vampirische Dämon Camazotz gefahren ist. Nach Ruiz’ Tod wird Hellboy von seinem Ziehvater Trevor Bruttenholm (Ian McShane, „John Wick“-Reihe) nach Colorado verfrachtet, dem Sitz des „Bureau for Paranormal Research and Defense“ (BPRD). Dort erhält er einen Auftrag, der ihn nach Großbritannien führt.

Trevor Bruttenholm hat mit Hellboy etwas vor

Ursprünglich war eine zweite Fortsetzung von del Toros 2004er-„Hellboy“ geplant, aber aufgrund der berühmten „kreativen Differenzen“ stiegen Guillermo del Toro und Ron Perlman irgendwann aus – oder wurden sanft aus dem Projekt herauskomplimentiert, wer weiß das schon? Nun ist aus „Hellboy – Call of Darkness“ ein sogenanntes Reboot geworden, das eine von den beiden vorherigen Kino-Umsetzungen völlig abgekoppelte Geschichte erzählt. Angesichts des Misserfolgs an den Kinokassen und der alles andere als schmeichelhaften Resonanz bei der Filmkritik kann es allerdings gut sein, dass Hellboy im Kino bis auf Weiteres Geschichte ist. Eine Wertung von gerade mal 17 Prozent im „Tomatometer“ bei „Rotten Tomatoes“ spricht eine deutliche Sprache (Stand August 2019).

Der Kampf gegen die drei Riesen

Dabei geizt „Hellboy – Call of Darkness“ nicht mit Schauwerten. Der Kampf des rotgesichtigen Höllenknilchs mit den abgesägten Teufelshörnern gegen drei Riesen macht viel Freude, und Neil Marshall kennt auch kein Pardon, was CGI-blutige Details angeht. Die FSK hatte offenbar einen gnädigen Tag, als sie trotz durchbohrter und zerteilter Körper die Altersfreigabe ab 16 Jahren zückte. In der Folge bekommt es Hellboy mit dem Gruagach zu tun, einem rachsüchtigen Dämon mit Wildschweinkopf, der im Auftrag der Hexe Baba Yaga unterwegs ist, Nimues Körperteile zusammenzutragen, um die Blood Queen wiederauferstehen zu lassen. Es droht die Apokalypse, aber dafür benötigt Nimue offenbar Hellboy. Immerhin erhält er Unterstützung durch Alice Monaghan (Sasha Lane, „American Honey“), die er einst vor Dämonen rettete, als sie ein Baby war, und die seitdem die Fähigkeiten eines Mediums in sich trägt, und den BPRD-Soldaten Ben Daimio (Daniel Dae Kim, „Lost“), einen Gestaltwandler. Dessen Verwandlung in ein Jaguar-ähnliches Wesen erinnerte mich frappierend an die berühmte Transformations-Szene in John Landis’ „American Werewolf“ (1981) – eine schöne Hommage immerhin.

Eine echte Schönheit: Gruagach

Die Story gibt einiges her, ihre Umsetzung erschöpft sich aber im nicht zu leugnenden Einfallsreichtum bei der Visualisierung der Figuren. Sie sind schön, bisweilen hübsch hässlich anzuschauen, wirken aber recht seelenlos. Immer wieder muss sich Hellboy garstige Kreaturen vom Leib halten, die ihm ans widerstandsfähige Leder wollen. Er wird verraten, von Speeren durchbohrt und erleidet weiteres Unbill – zum Glück hat er gutes Heilfleisch. So recht ans Herz will er mir leider nicht wachsen, das erscheint mir aber als durchaus bedeutsame Prämisse, um „Hellboy – Call of Darkness“ fesselnd zu finden. Vermutlich lasse ich Mike Mignola damit Unrecht widerfahren, aber mein Interesse an den Vorlagen hat der Film nicht geweckt. Der Comicautor wird es verschmerzen können.

Was hat Baba Yaga vor?

Ein paar Rückblenden unterbrechen immer wieder die Haupthandlung. Sie sind mal interessant, mal leidlich interessant geraten, stören aber bisweilen den Erzählfluss. Das trägt ab und zu den Charakter einer Nummernrevue. Sonderlich dialogstark erscheint mir das Ganze auch nicht. Ich habe gelegentlich zwischen der deutschen Synchronisation und der englischen Sprachfassung hin und her geschaltet – die Original-Tonspur ist erwartungsgemäß vorzuziehen. Im Finale bricht kurz ein Inferno über London herein, das aber schneller vorbei ist, als es begonnen hat. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Neil Marshall setzt fremdes Drehbuch um

Mit „Hellboy – Call of Darkness“ hat Neil Marshall („The Descent – Abgrund des Grauens“) erstmals ein Drehbuch aus fremder Feder umgesetzt. Vielleicht ist er mit Verfilmungen eigener Skripts besser beraten, bei denen seine Stimme dann auch mehr Gewicht hat – bei der ins Kino gelangten Schnittfassung („Final Cut“) von „Hellboy – Call of Darkness“ hatte er kein Mitspracherecht mehr. Er ist auch für den Regiestuhl von „Skull Island – Blood of the Kong“ vorgesehen. Da ich Marshalls Arbeit mag, freue ich mich darauf, aber gegenüber „Hellboy – Call of Darkness“ muss er eine gehörige Schippe drauflegen.

Das ungleiche Team muss sich …

Das Ende des Films kündigt nach Kräften die wenig überraschende Absicht der Macher an, Fortsetzungen zu drehen, um ein großes Kino-Universum rund um den Höllenknaben zu etablieren: Sowohl ein Epilog als auch eine Szene während und eine nach Ende des Abspanns bieten Cliffhanger dafür. Angesichts des Misserfolgs von „Hellboy – Call of Darkness“ muss sich das Marvel Cinematic Universe aber wohl keine Sorgen machen, vom Franchise-Thron gestoßen zu werden. Ob es je ein Sequel geben wird?

… der bösen Nimue stellen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Marshall sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Milla Jovovich unter Schauspielerinnen.

Hellboy im Infight mit Gruagach

Veröffentlichung: 23. August 2019 als 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray), Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 130 Min. (Blu-ray), 125 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hellboy
GB/BUL/USA 2019
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Andrew Cosby, nach einer Vorlage von Mike Mignola
Besetzung: David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane, Sasha Lane, Daniel Dae Kim, Brian Gleeson, Mark Stanley, Penelope Mitchell, Nadya Keranova, Maria Tepavicharova, Ana Tabakova, Mario de la Rosa, Atanas Srebrev, Dawn Sherrer, Michael Heath
Zusatzmaterial: „Tales of the Wild Hunt – Hellboy Reborn“ (nicht DVD), entfernte Szenen, Previzualiations, 2 Featurettes, nur Blu-rays: 3 weitere Featurettes („The Forever Warriors – Story and Characters“, „Ye Gods And Devils – Creatures And Gear“ und „Rise Of The Blood Queen – Production“), Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Universum Film

 

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Spider-Man – Far from Home: Spinnenmann schwingt sich durch Europa

Spider-Man – Far from Home

Kinostart: 4. Juli 20169

Von Iris Janke

SF-Action // Erwachsenwerden auf der Klassenfahrt – paradox, aber genau dieses Kunststück gelingt Jon Watts („Clown“) mit „Spider Man – Far from Home“, seiner auf „Spider-Man – Homecoming“ folgenden Regiearbeit. Watts schickt Peter Parker (Tom Holland) alias Spider-Man diesmal auf eine Klassenfahrt quer durch Europa. Dabei versucht der junge Mann, den richtigen Moment zu finden, seiner Klassenkameradin Michelle Jonas (Zendaya, „K.C. Undercover“) alias MJ seine Gefühle zu gestehen.

Spinnenmann auf Klassenausflug

Peter Parkers ursprünglicher Plan für den Europatrip sah vor: viel Entspannung, das rote Superheldenkostüm auf jeden Fall daheim lassen und MJ auf dem Eiffelturm ein romantisches Geschenk überreichen. Doch dabei hat er die Rechnung ohne Happy Hogan (Jon Favreau) gemacht. Der informiert ihn, dass sein neuer Ziehvater Nick Fury (Samuel L. Jackson) ihn dringend sprechen will. Wir erinnern uns: Spider-Man-Förderer Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron-Man ist tot. Peter Parker jedoch steht der Sinn gerade wenig nach Action. Kein Wunder also, dass er Happy Hogans Aufforderung ignoriert, Nick Fury zu kontaktieren. Fury allerdings lässt sich nicht so leicht abweisen. Kurzerhand leitet er den gesamten Europatrip der Klasse um – geradewegs dahin, wo sich vier übermächtige Bösewichte tummeln: die Elementals Hydron, Magnum, Zephyr und Hellfire. Klar, dass Peter Parker in altbekannte Gefahrensituationen gerät und sich zwecks Rettung seiner Klassenkameraden und der übrigen Bevölkerung plötzlich durch Venedig, Prag, Berlin und London schwingt. Seltsam: Überall dort, wo gerade eine Katastrophe passiert, taucht Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) alias Mysterio, auf …

Soll Peter Parker MJ seine Liebe gestehen?

Der MCU(Marvel Cinematic Universe)-Episode „Spider-Man – Far from Home“ tut es extrem gut, dass sie an für Spider-Man ungewöhnlichen Orten spielt. Scheinbar mühelos lässt Regisseur Watts den Spinnenmann in – gefühlt – ganz Europa Menschen retten. Spider-Man Peter Parker mit Tom Holland in der Hauptrolle wirkt, anders als seine Rollen-Vorgänger (Tobey Maguire und Andrew Garfield) frischer, jünger und irgendwie entstaubt. Auch Zendaya als Peter Parkers neuer Schwarm MJ trägt zur Verjüngung des Teams bei. Ebenfalls toll besetzt: Jake Gyllenhaal als Hingucker Mysterio, umso interessanter, da er einst selbst einst als Spider-Man-Besetzung im Gespräch war. Watts gelingt der Mix aus guten jungen Schauspielern und etablierten Stars, computeranimierten Superschurken, historischer Kulisse und pointierten Gags. Ergebnis: gelungenes buntes Popcornkino für alle.

Nick Fury (r.) will Spider-Man für seine Zwecke einsetzen

Kenner des MCU werden zudem ihren Spaß daran haben, diesen „Spider-Man“-Teil in die „richtige“ zeitliche Reihenfolge der anderen Teiles zu bringen. Wichtig: Unbedingt bis nach dem Abspann im Kinosessel sitzen bleiben, denn wie bei den meisten Marvel-Filmen gibt es einen Ausblick auf kommende Ereignisse, tatsächlich sogar zwei völlig verschiedene – einen vergleichsweise kurz nach Beginn des Abspanns, den anderen ganz am Ende.

Freunde? Spider-Man und Mysterio (r.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jake Gyllenhaal und Samuel L. Jackson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Neuer schwarzer Anzug für Spider-Man

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Spider-Man – Far from Home
USA 2019
Regie: Jon Watts
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers, nach den Comicvorlagen von Steve Ditko und Stan Lee
Besetzung: Tom Holland, Jake Gyllenhaal, Samuel L. Jackson, Marisa Tomei, Jon Favreau, Zendaya, Jacob Batalon, Remy Hii, Angourie Rice, Cobie Smulders, Martin Starr, Numan Acar
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Iris Janke

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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X-Men – Dark Phoenix: Die Tragik der Jean Grey

Dark Phoenix

Kinostart: 6. Juni 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Das Überangebot an Kino-Superhelden aus Gelddruckmaschinen wie dem Marvel Cinematic Universe und dem DC Extended Universe hat mich zuletzt so genervt, dass ich sogar meiner Lieblingshelden „X-Men“ überdrüssig geworden bin und sowohl „X-Men – Apocalypse“ (2016) als auch „Logan“ (2017) bis dato nicht geschaut habe. Erstgenannten Film habe ich immerhin kürzlich nachgeholt. So kam die Einladung zur Pressevorführung von „X-Men – Dark Phoenix“ recht überraschend, weil ich den Film gar nicht auf dem Zettel hatte, und plötzlich verspürte ich auch wieder Lust dazu.

Heikler Einsatz im Weltraum

Im Presseheft ist vom „bis dato radikalsten ,X-Men‘-Film“ die Rede, von „diesem Höhepunkt der Superheldensaga“ und der „Krönung von fast zwanzig Jahren Superheldenfilmen“. Große Worte, die „X-Men – Dark Phoenix“ trotz unbestrittener Qualitäten nicht einlösen kann. In einem Prolog erhalten wir einen Einblick in ein tragisches Ereignis aus der Kindheit von Jean Grey (Summer Fontana). Die Haupthandlung setzt 1992 ein, vielleicht knapp zehn Jahre nach den Ereignissen von „X-Men – Apocalypse“. Menschen und Mutanten haben sich arrangiert und leben friedlich miteinander – doch es ist eine brüchige Gemeinschaft, wie sich später zeigen wird. Als Weltenretter genießen die X-Men den Status von Stars, sind beinahe schon im Boulevard angekommen. Als einer Raumfähre der NASA im Weltall Unheil durch ein außergewöhnliches Phänomen droht, schickt Professor Xavier (James McAvoy) ein Rettungsteam hinterher, dem unter anderen Hank McCoy alias Beast (Nicholas Hoult), Ororo Munroe alias Storm (Alexandra Shipp), Kurt Wagner alias Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence) angehören. Auch Jean Grey (Sophie Turner) ist dabei, und nicht zuletzt ihren besonderen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass alle Astronauten der Raumfähre mit dem Leben davonkommen. Dabei jedoch wird sie der Wirkung des Phänomens voll ausgesetzt, was in der jungen Mutantin etwas auslöst, das ihre Gabe der Telepathie und Telekinese ins Unermessliche verstärkt. Nach und nach mutiert sie zu Dark Phoenix …

Eine außerirdische Bedrohung

Bald darauf erfährt Jean von Professor Xavier ein Detail ihrer familiären Vergangenheit, das dieser ihr bislang vorenthalten hatte und das sie bis ins Mark erschüttert. Sie verlässt die X-Men, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, während ihr Zorn mehr und mehr wächst. Parallel erwächst Menschen wie Mutanten weiteres Ungemach: Außerirdische sind auf der Erde gelandet und haben sich der Körper einiger Menschen (u. a. Jessica Chastain) bemächtigt.

Auch Mystique ist mit von der Partie

Gleich im nächsten Teil nach „X-Men – Apocalypse“ droht also erneut das Ende der Menschheit inklusive der Mutanten. Das Endzeit-Szenario des Vorgängers war wuchtig und beeindruckend genug geraten, damit kann „X-Men – Dark Phoenix“ nicht mithalten. So mächtig die Außerirdischen auch sind, ihr Erscheinen scheint mir in erster Linie als eine Art Katalysator zu dienen, um den Fokus auf Jean Grey alias Phoenix zu legen – denn deren Fähigkeiten wecken bei den Aliens Begehrlichkeiten. Und daher kommt es auch keineswegs erneut zu Szenen, in denen die Welt am Abgrund steht, dafür aber zu einigen atemraubenden Begegnungen von Mutanten und Aliens in Menschengestalt. Speziell eine Sequenz in und auf einem auf den Gleisen dahinrasenden Militär-Zug hat es in sich. Angesichts der Größe der Bedrohung durch die Außerirdischen wäre es angebracht gewesen, dem mehr Raum oder zumindest den extraterrestrischen Wesen mehr Profil zu verleihen, das war aber aufgrund der Konzentration der Geschichte auf Jean Grey wohl nicht gewollt. So ganz überzeugt mich das nicht, eine Lösung kann ich dafür aber auch nicht anbieten – ich bin ja kein Drehbuchautor.

The Dark Phoenix Saga

Grundzüge der Handlung basieren auf der Comicvorlage „The Dark Phoenix Saga“. „Game of Thrones“-Star Sophie Turner verleiht Jean Grey das nötige Profil, um die schwierige Entwicklung der Figur glaubhaft zu machen. Da sich die erste Jean-Grey-Darstellerin Famke Jansen großer Beliebtheit erfreut, hat Sophie Turner mit ihrem nunmehr zweiten Auftritt in der Rolle kein leichtes Erbe angetreten, aber sie macht ihre Sache gut. Das gilt für auch für alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, Turners Leistung ist aber natürlich die bedeutsamste, da der Film mit ihrer Figur steht und fällt.

Jean Grey mutiert zu Dark Phoenix

Professor Charles Xavier wird gewohnt souverän von James McAvoy verkörpert, der ohnehin problemlos in die Fußstapfen des ersten Xavier-Darstellers Patrick „Captain Picard“ Stewart getreten und längst aus dessen Schatten herausgewachsen ist. Xaviers Heiligenschein bekommt diesmal ein paar trübe Flecken, welche die Figur interessanter machen, als sie sowieso ist. Er gefällt sich in der Rolle des Weltenretters und schickt seine Schützlinge in riskante Einsätze, ohne selbst etwas zu riskieren. Auch Erik Lehnsherr alias Magneto (Michael Fassbender) kommt zum Einsatz – einem „X-Men“-Film ohne ihn würde auch etwas fehlen. Bedauerlich genug, dass wir auf Wolverine verzichten müssen. Die Mutationen beziehungsweise besonderen Fähigkeiten der X-Men sind erwartungsgemäß technisch perfekt inszeniert.

Keine Pause von Hans Zimmer

Auch wenn ich mich damit für manche meiner Leserinnen und Leser zum Soundtrack-Banausen mache: Ich kann die typischen Hans-Zimmer-Scores langsam nicht mehr hören, die nahezu jede Szene bedeutungsschwanger aufladen. Vor allem nervt mich, dass es in Hollywood-Blockbustern wie diesem kaum noch Momente zu geben scheint, die ohne musikalische Untermalung auskommen. In den großen Actionszenen funktionieren Zimmers Klänge sehr gut, tragen zur Wirkung des Gezeigten wesentlich bei. In vielen anderen Sequenzen von „X-Men – Dark Phoenix“ hätte ich gern darauf verzichtet. Aber auf mich hört ja keiner. Ich gönne dem Deutschen Hans Zimmer seine zehn Oscar-Nominierungen und den Oscar für „Der König der Löwen“ (1994) sowie all seine weiteren Auszeichnungen, darunter zwei Golden Globes, habe davon aber mittlerweile mehr als genug.

Die junge Mutantin weckt außerirdische Begehrlichkeiten

Letztlich ist es mir aber gelungen, den in manchen Szenen übertrieben eingesetzten Score auszublenden und mich einmal mehr mit Vergnügen ins „X-Men“-Universum zu begeben. Simon Kinberg ist als Produzent und Drehbuchautor schon lange Teil des Teams, für „X-Men – Dark Phoenix“ hat er sich nun erstmals auf den Regiestuhl gesetzt. Es sei ihm gegönnt, grobe Regieschnitzer habe ich nicht bemerkt. Zu meinen Favoriten der Reihe schließt sein Debüt zwar nicht auf, das sind nach aktuellem Stand „Wolverine – Weg des Kriegers“ (2013) und „X-Men – Zukunft ist Vergangenheit“ (2014); Kinbergs Arbeit reiht sich insgesamt aber gut in den „X-Men“-Kosmos ein und bietet außer massig Action auch Tragik und charakterliche Tiefe.

Keine Post-Credit-Szene

Die Post-Credit-Szene von „X-Men – Apocalypse“ konnte ich übrigens nicht mit dem Geschehen in „X-Men – Dark Phoenix“ in Einklang bringen, sie verwies wohl eher auf „Logan“ (2017), den ich noch schauen muss. Wie bei der Pressevorführung von „Godzilla II – King of the Monsters“ habe ich es – selbstlos, wie ich bin – für die Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“ auf mich genommen, den Abspann bis zum Ende auszusitzen, doch diesmal erfolglos: Es folgte überhaupt keine Szene, somit gibt es auch keinen Ausblick auf einen nächsten Teil.

Doch die X-Men haben etwas dagegen

Damit ist es aber natürlich nicht getan: Zum Kino-Universum der „X-Men“ gehören bekanntermaßen auch „Deadpool“ (2016) und „Deadpool 2“ (2018). Als sei das nicht genug, wird es 2020 einen weiteren Ableger geben: den bereits 2017 abgedrehten „New Mutants“, dessen mehrfache Verschiebung jedoch die Hoffnung trübt, dass wir es mit einem herausragenden Beitrag zum Franchise zu tun bekommen werden. Wie der Titel bereits andeutet, stehen neue Mutanten im Fokus der Story – tatsächlich wohl einige der ersten Schülerinnen und Schüler von Professor Xaviers Schule. Die uns wohlbekannten Figuren der bisherigen „X-Men“-Filme kommen offenbar nicht vor. Allerdings steht hinter dem US-Starttermin im April ein großes Fragezeichen in Form der kürzlichen Übernahme von Fox durch den Disney-Konzern für satte 71 Milliarden Dollar. Unter dem Micky-Maus-Dach befinden sich auch Marvel und damit das Marvel Cinematic Universe. Wer will ausschließen, dass sich die Mutanten auf Disney-Geheiß künftig mit den Avengers zusammentun? Mir würde das womöglich endgültig den Superheldenrest geben. Auch „X-Men – Dark Phoenix“ wurde übrigens bereits 2017 gedreht, etwa zum gleichen Zeitpunkt wie „Deadpool 2“ und „New Mutants“. Für mich war der zwölfte Film des „X-Men“-Franchises ein schönes Wiedersehen mit den Mutanten, das Lust gemacht hat, mir die gesamte Reihe erneut anzuschauen. Und wer weiß, welche Filme dann meine Favoriten bilden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Sophie Turner sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Michael Fassbender, Nicholas Hoult und James McAvoy unter Schauspieler.

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dark Phoenix
USA 2019
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg, nach der Comic-Story „The Dark Phonix Saga“ von John Byrne, Chris Claremont und Dave Cockrum
Besetzung: Sophie Turner, Jessica Chastain, James McAvoy, Nicholas Hoult, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, Evan Peters, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, Alexandra Shipp, Evan Jonigkeit
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

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