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The Leopard Man – Letzter Streich der grandiosen Lewton-Tourneur-Dreifaltigkeit

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The Leopard Man

Von Volker Schönenberger

Horror // Das Subgenre des Serienkillerfilms nahm erst in den 60er- und 70er-Jahren langsam Fahrt auf, um in den 80ern dann richtig durchzustarten. Zwar hatte der deutsche Film mit Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) und Fritz Langs „M – Eine Stadt jagt einen Mörder“ (1931) früh vorgelegt und auch Alfred Hitchcock lange vor „Psycho“ (1960) mit „Der Mieter“ (1927) und „Im Schatten des Zweifels“ (1943) Duftmarken gesetzt; dennoch mordeten die Unholde im klassischen Kino nur vereinzelt in Serie.

Tierhorror oder Monsterfilm? Von wegen

Jacques Tourneurs „The Leopard Man“ von 1943 wurde seitens der Kritik selten dem Serienkillergenre zugerechnet. Auch ich dachte vor meiner ersten Sichtung des Films eher an einen Monster-Horrorfilm, zumal das produzierende RKO-Studio mit dem Titel zweifellos auf den Zug des 1941er-Universal-Erfolgs von „The Wolf Man“ aufspringen wollte. In der ersten Hälfte führt der bei uns nie veröffentlichte „The Leopard Man“ die Zuschauer gar auf die Tierhorror-Fährte. Das liegt am im Film vorkommenden schwarzen Leopard, übrigens derselbe, der ein Jahr zuvor auch in Tourneurs „Katzenmenschen“ mitgewirkt hatte.

Das Tier wird von Nachtclub-Besitzer Jerry Manning (Dennis O’Keefe) angeschafft, damit seine Sängerin Kiki (Jean Brooks) ihre Auftritte spektakulärer gestalten kann. Dank deren sich zurückgesetzt fühlender Konkurrentin Clo-Clo (Margo) entkommt das verschreckte Tier in den Abend von New Mexico. Bald wird eine übel zugerichtete Frauenleiche gefunden.

Aus wenig Geld viel gemacht

Die dritte und letzte Zusammenarbeit von Regisseur Jacques Tourneur und Produzent Val Lewton nach „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ lebt wie die beiden Vorgänger von der Kameraarbeit und der formidablen Nutzung von Licht und Schatten. Das geringe Budget von 150.000 US-Dollar sieht man ihm nicht unbedingt an.

Eine Frau gerät in Panik, als sie spätabends allein auf dem Friedhof etwas herannahen hört – auf einem Baum rascheln die Blätter eines großen Astes zu sehr, als dass es vom Wind kommen kann. Eine Frau pocht aus Angst vor der Bestie panisch an die Tür, hinter der ihre kaltherzige Mutter zu beschäftigt ist, um zu öffnen. Wie man Spannung erzeugen und Furcht abbilden kann, ohne die Bedrohung tatsächlich zu zeigen, gelingt Tourneur in einigen Szenen auf beeindruckende Weise.

The Val Lewton Horror Collection

Das erreicht insgesamt nicht ganz die Intensität der beiden anderen Tourneur-Lewton-Kollaborationen, dennoch wird es höchste Zeit, dass sich in Deutschland ein Publisher dieses feinen Gruslers annimmt, um ihn hierzulande zugänglich zu machen. Da offen ist, ob es je dazu kommen wird, sei auf die tolle 5-DVD-Box „The Val Lewton Horror Collection“ hingewiesen, die 2005 in den USA erschienen ist und neun Filme aus dem nur 14 Filme umfassenden Produzenten-Oeuvre Lewtons enthält, darunter die drei erwähnten Tourneurs. Leider ist die Box vergriffen, im Gebrauchthandel aber zu finden, wenn auch bisweilen etwas teuer. Beachtet, dass die DVDs keine deutsche Tonspur enthalten und nur in Playern laufen, die den nordamerikanischen Regionalcode akzeptieren!

Mehr über die Produzentenlegende

Eine sehenswerte Doku über Val Lewton ist 2007 unter dem Titel „Val Lewton: The Man in the Shadows“ entstanden. Kein Geringerer als Martin Scorsese berichtet darin fachkundig über den Produzenten mit der kleinen Filmografie und dem großen Einfluss aufs Spannungskino. In der mittlerweile leider vergriffenen Ausgabe #12 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ mit dem Titelschwerpunkt Horror findet sich ein von mir verfasster Beitrag über ihn. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jacques Tourneur sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 4. Oktober 2005 als Bestandteil der 5-DVD-Box „The Val Lewton Collection“ mit neun Spielfilmen und einer Doku

Länge: 66 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Französisch
Originaltitel: The Leopard Man
USA 1943
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Ardel Wray, nach Cornell Woolrichs Roman „Black Alibi“
Besetzung: Dennis O’Keefe, Margo, Jean Brooks, Isabel Jewell, James Bell, Margaret Landry, Abner Biberman, Tuulikki Paananen, Ben Bard
Zusatzmaterial: Audiokommentar von William Friedkin (Regisseur von „Der Exorzist“), Kinotrailer
Vertrieb: Turner Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 

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Die Nacht hat tausend Augen – Vom Fluch, die Zukunft zu kennen

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Night Has a Thousand Eyes

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Bühnenmagier John Triton (Edward G. Robinson) arbeitet mit den typischen Tricks und Schwindeleien und tut so, als könne er die innersten Wünsche der Leute erkennen und ihre Zukunft voraussagen. Eines Tages beginnt er unvermittelt, wirklich in die Zukunft zu sehen – er kann schlimme Dinge erahnen, die passieren werden.

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Die Polizei glaubt Triton (2. v. l.) seine Geschichte nicht

Diese Bürde und die damit verbundene schuldhafte Verantwortung sind zu viel für seine Schultern. Triton verlässt seine Verlobte Jenny (Virginia Bruce) und seinen besten Freund Whitney Courtland (Jerome Cowan) und lebt über Jahrzehnte isoliert und anonym in der Großstadt. Eines Tages sieht er den Tod von Jennys Tochter Jean (Gail Russell) voraus. Sie und ihr Freund Elliot Carson (John Lund) schenken seiner Warnung keinen Glauben, doch immer mehr seiner Vorhersagen bewahrheiten sich.

Zärtliches Drama

Film noir trifft es im Fall von „Die Nacht hat tausend Augen“ nicht recht, es ist ein ganz wunderlicher, idiosynkratischer Film. Am ehesten kann man vielleicht von einem Mystery-Thriller sprechen, oder auch schlicht von einem zärtlichen Drama.

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Auch Carson (l.) ist skeptisch

Regisseur John Farrow erzählt seinen Film gewissenhaft und genau. In der ersten Hälfte erzählt er mit exzessiv gebrauchten Voice-over die Vorgeschichte seines Protagonisten. Die klug genutzte Stimme aus dem Off gibt die schmerzliche Innensicht auf Triton frei, dessen Gabe eher ein Fluch ist. Schuld und Gewissensbisse treiben Triton zur Flucht vor sich selbst in die Isolation.

Die Perspektive wechselt

Erst in der zweiten Hälfte stößt Farrow den Kriminal-Plot an, der als fesselnde Murder-Mystery inszeniert wird. Spannend zu beobachten ist auch der geschickte Perspektivwechsel, der zwischen den beiden Filmhälften stattfindet. Das Voice-over in der ersten Hälfte versetzt den Zuschauer in Tritons Perspektive, wohingegen die zweite Filmhälfte aus der Perspektive der Polizei, beziehungsweise Carsons Perspektive erzählt ist, also einer der Fähigkeiten Tritons gegenüber kritischen Sichtweise, sodass der Zuschauer vor die Wahl gestellt wird.

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Dennoch wird Jean unter Bewachung gestellt

Ganz grandios ist Edward G. Robinson, der still und leise spielt, von tiefer Trauer ergriffen. Sein tragisches Schicksal, dem er nicht entfliehen kann und das Farrow zu einem konsequent negativen Ende führt, erinnert dann doch wieder an den Film noir.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist ein wunderbarer Film. Erfreulich, dass er in der Koch Media Film noir Collection endlich bei uns veröffentlicht worden ist.

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 14. Mai 2015 als DVD

Länge: 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Night Has a Thousand Eyes
USA 1948
Regie: John Farrow
Drehbuch: Barré Lyndon, Jonathan Latimer, nach dem Roman von Cornell Woolrich
Besetzung: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan, Onslow Stevens
Zusatzmaterial: Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Booklet
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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