RSS

Schlagwort-Archive: Crime

The Death Kiss – Mord vor laufender Kamera

The Death Kiss

Von Ansgar Skulme

Krimi // Die Dreharbeiten an dem Film „The Death Kiss“ neigen sich dem Ende zu, als es mitten in einer Szene plötzlich zu einem tödlichen Zwischenfall kommt. Schnell wird klar, dass es sich nicht um einen unglücklichen Zufall oder versehentlich ans Set gelangte scharfe Munition gehandelt haben kann. Zwei polizeiliche Ermittler (John Wray, Wade Boteler) versuchen, das komplizierte Geflecht an Personen vor und hinter der Kamera zu entwirren. Aber auch der Krimi-Drehbuchautor Franklyn Drew (David Manners) wagt sich an die Lösung des Mysteriums, um die Hauptverdächtige Marcia Lane (Adrienne Ames) zu entlasten.

Drew (M.) mischt sich mit Freude in die Ermittlungsarbeit der Polizei ein

Wer sich an klassischen Schwarz-Weiß-Krimis mit Täterrätsel erfreuen kann, in denen Spannung aber auch Humor wesentliche Rollen spielen, kommt mit „The Death Kiss“ bestens auf seine Kosten – dieses Crime-Subgenre hielt sich bis weit in die 60er-Jahre hinein gut im Geschäft, der vorliegende Film von 1932 ist ein früher Tonfilm-Vertreter. Das Regiedebüt von Edwin L. Marin („Die Todesschlucht von Arizona“, 1950) wurde zwar als gruseliges Bela-Lugosi-Horrorvehikel beworben, um vom Erfolg seiner „Dracula“-Rolle zu profitieren, doch hinter dem Etikettenschwindel verbirgt sich ein sehr unterhaltsamer Krimi mit gut aufgelegten Darstellern – darunter David Manners, der die eigentliche Hauptrolle spielt, und Edward Van Sloan, die beide bereits in „Dracula“ an Lugosis Seite zu sehen waren. Bela Lugosi spielt, bei Licht betrachtet, nur eine der etlichen tatverdächtigen Nebenfiguren, ohne künstlich in den Vordergrund inszeniert zu werden. Das Konzept, einen Mord aufzuklären, der vor laufender Kamera geschah und somit immer wieder betrachtet werden kann, zeigt sich schon hier als reizvolle Grundkonstellation.

Lass sie mal machen – es sind doch Profis!

Auffällig ist, dass ich sowohl David Manners als auch Edward Van Sloan aus „Dracula“ recht hölzern und unnahbar in Erinnerung habe, obwohl sie in dem Film durchaus wichtige, bekannte Rollen spielten. In „The Death Kiss“ wirken beide allerdings schon nach wenigen Momenten wie ausgewechselt. Wenn sich Van Sloan, der den Regisseur des Films im Film spielt, das erste Mal nachdenklich aus seinem Regiestuhl erhebt und danach zu seiner Crew spricht, ist da sofort eine völlig andere, souveräne Leinwandpräsenz. Auch David Manners ist plötzlich weit mehr als nur ein Schönling, der zum Gutaussehen da ist, und zeigt ungeahnte, verschmitzte schauspielerische Qualitäten, zum Beispiel im Zusammenspiel mit dem sehr begabten, für die meisten Lacher zuständigen Vince Barnett, der in seiner Rolle als Studio-Polizist tapsig versucht, dem ermittelnden Autor zur Hand zu gehen. Nicht zuletzt erliegt Marin Gott sei Dank nicht der Versuchung, Lugosi, zumindest wann immer er denn mal im Bild ist, sofort plakativ als besonders finster und verdächtig in Szene zu setzen und dabei mit teils abstrakten, deplatziert albernen Kameraeinstellungen zu arbeiten wie später einige seiner Regiekollegen. Natürlich hätten derartige Fährten bestens zur irreführenden Plakatwerbung gepasst, die für „The Death Kiss“ gemacht wurde, und es gibt durchaus Filme, bei denen man den Eindruck hat, dass fortwährend versucht wird, Lugosi in verkrampftester Art und Weise möglichst auffallend mysteriös wirken zu lassen, auch wenn es teilweise alles andere als Not tut und stattdessen schnell einmal sehr überkandidelt sowie unfreiwillig komisch anmutet. Aber um das alte Sprichwort „Weniger ist manchmal mehr!“ von Grund auf nachvollziehen zu können, genügt es letzten Endes eben wirklich, einfach die Filme von Bela Lugosi zu betrachten, die von großer Kunst bis zu inszenatorischem Totalversagen – auch schon vor seiner Zusammenarbeit mit Ed Wood – die ganze Bandbreite des Möglichen aufzeigen, was man mit einem Star und seinem Image so alles anstellen und verschlimmbessern kann.

Avery weiß, wie der Hase läuft

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Edwin L. Marin beim Umgang mit seinen Schauspielern alles in allem auch schlichtweg einen wesentlich ergiebigeren Job machte als der, wie ich finde, generell sehr überbewertete Tod Browning, der zuvor bei Lugosis berühmtestem Vampir-Auftritt in „Dracula“ im Regiestuhl saß, und dort eben auch David Manners und Edward Van Sloan unter seiner Fittiche hatte. Die Darsteller in „The Death Kiss“ wirken nicht nur angenehm ungebremst und mit Freiheiten ausgestattet, sondern – mit Ausnahme der Spaßvögel und Trottel – auch ziemlich natürlich, bekommen ihre Momente zum Innehalten und ruhigen Ausspielen einer Situation, ohne dass deswegen aber gleichzeitig wiederum Erzähl- und Schnitttempo verschleppt werden. Es wirkt, als sei es dem Regisseur wichtig gewesen, eine gewisse Form von Naturbelassenheit im Schauspiel deutlich werdend zu bewahren – welche Schauspieltechniken und Varianten, diese in einzelnen Kameraeinstellungen aufzulösen und zur Geltung kommen zu lassen, im damaligen Hollywood nun auch üblich gewesen sein mögen. Selbst Bela Lugosi wirkt natürlich; und das will tatsächlich etwas heißen.

Zudem hat der Film genau die richtige Mischung an Tatverdächtigen, sodass das Täterrätsel bis zum Ende spannend bleibt. Es werden keine entscheidenden Fehler gemacht, die zu einer auffälligen Ungleichmäßigkeit zwischen den einzelnen Figuren führen. Dass ich bei derartigen Filmen den Täter ab einem gewissen Punkt schon allein aufgrund zu weniger Verdächtiger oder aufgrund zu wenig beziehungsweise zu viel Präsenz innerhalb der Geschichte erkannte, ehe alles aufgelöst wird, ist durchaus bereits vorgekommen. Aber „The Death Kiss“ kann das besser.

Das könnte wem bekannt vorkommen

Nette Einblicke hinter die Kulissen damaliger Filmsets bringt der Handlungsort zudem gewissermaßen automatisch, als kostenlosen Bonus mit. Dazu ein paar überraschende Farbeffekte im Schwarz-Weiß-Bild, die damals per Hand koloriert wurden und in ihrer Wirkung kurioserweise zumindest ein bisschen dem Effekt der Mischung von Farbe und Schwarz-Weiß im Bild vorgreifen, der über 70 Jahre später sehr ergiebig von den beiden „Sin City“-Filmen genutzt wurde. Dass die Art und Weise des ersten Todesfalls in „The Death Kiss“ tragisch an den Unfalltod von Bruce Lees Sohn Brandon 1993 am Set von „The Crow“ erinnert, ist ein bitterer Beigeschmack, der dem Film nachträglich aber auch eine gewisse Form ungeahnter Authentizität verschafft, mag er zuvor vielleicht noch eher den Anschein gehabt haben, nichts als reißerisches, aber gut unterhaltendes Popcorn-Kino und eine ziemliche „Räuberpistole“ zu sein. Zuweilen werden Filme einfach in der einen oder anderen Form von der Realität eingeholt. Manchmal leider Gottes, manchmal zum Glück.

Steiner hofft auf Licht im Dunkel

Wem „The Death Kiss“ genauso wie mir gefällt, dem möchte ich ausdrücklich „The House of Fear“ (1939) des österreichischen, in die USA emigrierten Regisseurs Joe May („Asphalt“, 1929) empfehlen. Dort geht es um einen Mord auf einer Theaterbühne, der zur Schließung des Theaters führt – nach einer Weile wird zur Wiedereröffnung dasselbe Stück aus der Mordnacht, mit derselben Besetzung, angekündigt, um den Täter an Ort und Stelle zu entlarven. Vor einigen Monaten wurde diese Produktion in Berlin im Kino wiederaufgeführt und machte mindestens genauso viel Spaß wie „The Death Kiss“ ohnehin schon. Zwei Filme, die für ein Double Feature wirklich wie geschaffen sind. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem Sherlock-Holmes-Film „Das Haus des Schreckens“ von 1945, der im Original ebenfalls „The House of Fear“ heißt und ebenfalls von Universal produziert wurde, eine völlig andere Geschichte erzählt, allerdings gleichermaßen zu empfehlen ist. Kurz nach „The House of Fear“ wurde „Der Unsichtbare kehrt zurück“ (1940) als nächster Joe-May-Film und wahrscheinlich seine rückblickend bekannteste Hollywood-Produktion veröffentlicht – einer der seltenen Fälle, in denen eine Fortsetzung zu einem Horrorklassiker in der ertragreichen 30er-/40er-Phase, aus meiner Sicht, sogar den vorausgegangenen ersten Teil der Reihe toppte. Nicht nur, weil Vincent Price als Unsichtbarer in diesem Sequel ein genialer Kunstgriff war, noch bevor Price etliche Jahre später zu dem berühmten Horrorstar wurde, als der er heute immer noch gilt.

Extra auf hohem Niveau

Ostalgica hat „The Death Kiss” im Bonusmaterial von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ im Originalton mit deutschen Untertiteln auf Blu-ray veröffentlicht. Davon, dass es sich um einen Film handelt, der mittlerweile in Public Domain übergegangen ist, muss man sich hinsichtlich der Bildqualität erfreulicherweise nicht abschrecken lassen. Zwar schwankt die Detailqualität bei Bild und Ton während des Films, es gibt ein paar kleine Sprünge und kurze Asynchronität, was offenkundig alles am nicht gleichmäßig gut erhaltenen Ausgangsmaterial liegt, aber weite Passagen liegen tatsächlich in einer Auflösung vor, wie man sich das für eine Blu-ray-Veröffentlichung eines über 85 Jahre alten Films nur wünschen kann. Das mag zu wenig für heutige Digital-Ansprüche sein, um als sehr alter US-Klassiker und Hauptfilm in Deutschland auf Blu-ray im Alleingang auf den Markt losgelassen zu werden, aber zumindest reicht es locker, um als hervorragendes Extra durchzugehen. Und bei echten Nostalgikern genießen Bild- und Tonqualität sowieso per se nicht oberste Priorität als Maßstäbe, die an einen Filmklassiker angelegt werden. Ansonsten könnte man ja etliche Klassiker, die es einfach nicht mehr in entsprechender Qualität gibt, nie mehr ansehen – wem täte man damit einen Gefallen?

Auch die einstmals per Hand kolorierten, hier möglicherweise in rekonstruierter Fassung vorliegenden Passagen sind auf der Ostalgica-Blu-ray enthalten und fallen nicht einer reinen Schwarz-Weiß-Bildfassung zum Opfer. Angesichts des absolut angemessenen Preises dieser „Classic Chiller“-Edition sollte man sich vor Augen führen, dass man für das Geld eben auch zwei Filme und dazu weiteren Bonus zum Hauptfilm, vom Hörspiel bis zum Audiokommentar, bekommt. Was man in etwa bezahlen würde, würde man beide Filme und das Hörspiel jeweils einzeln auf den entsprechenden Datenträgern erwerben, kann sich zum Vergleich ja jeder selbst ausrechnen. Aus meinem Blickwinkel ist das Veröffentlichungskonzept der „Classic Chiller Collection“ absolut unterstützenswert. Nicht zuletzt, da man mit dem Kauf der Produkte auch seinen finanziellen Beitrag dazu leistet, dass der eine oder andere Klassiker erstmals deutsch vertont wird und somit künftig mehr Menschen erreichen kann. „Deadline – Das Filmmagazin“ hat „The Death Kiss“ im Übrigen bereits 2010 als zweiten Teil der „The Scare-ific Collection“ veröffentlicht. Die DVD kann im Online-Shop der Zeitschrift einzeln oder im Bundle mit anderen Titeln der Reihe bestellt sowie als Aboprämie ausgewählt werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als Blu-ray, 1. Juni 2010 als DVD („The Scare-ific Collection“ #2 von „Deadline – Das Filmmagazin“)

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK 16 (Freigabe der gesamten Blu-ray, auf der „The Death Kiss“ als Bonus enthalten ist)
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Death Kiss
USA 1932
Regie: Edwin L. Marin
Drehbuch: Barry Barringer, Gordon Kahn, Joe Traub, nach einem Roman Madelon St. Dennis
Besetzung: David Manners, Adrienne Ames, Bela Lugosi, John Wray, Vince Barnett, Alexander Carr, Edward Van Sloan, Harold Minjir, Wade Boteler, Al Hill
Zusatzmaterial: Bonus auf der Blu-ray nur zum Hauptfilm „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“
Zusatzmaterial „Scare-ific Collection“ #2: Kapitel 3 und 4 des 12-teiligen SF-Fantasy-Serials „Undersea Kingdom“ (1936)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH
Label 2010: Deadline – Das Filmmagazin

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Filmplakat: Fair Use, Szenenbilder: Public Domain

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Der Panther – Rauben, morden, fliehen, verstecken

Highway 301

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Die US-Bundesstaaten North Carolina, Maryland und Virginia werden von einer skrupellosen Räuberbande terrorisiert. Ihr Anführer ist George Legenza (Steve Cochran) – ein eiskalter Vollblut-Egoist, der lieber seinem Betthäschen in den Rücken schießt, als auch nur das kleinste Risiko einzugehen, an die Polizei verraten zu werden. Nur, wenn er selbst Todesangst hat, zeigt dieser Legenza echte Gefühle. Mit purer Berechnung lassen sich viele Verbrechen erfolgreich gestalten, doch wenn man sich beim Beseitigen von Spuren vom Hundertsten ins Tausendste verstrickt, wird das Eis immer dünner. Ärgerlich vor allem dann, wenn mal ein Coup schiefgelaufen ist und man trotzdem nun erst einmal die Nachwehen überleben muss.

„Der Panther“ ist ein von den Warner Brothers in die Kinos gebrachtes, auf wahren Begebenheiten basierendes Prestige-Projekt von Andrew L. Stone, der sowohl für Drehbuch als auch Regie verantwortlich war. Dieser Noir startet zwar reichlich absurd mit gleich drei ziemlich hölzernen Kurz-Gastauftritten der damaligen Gouverneure von North Carolina, Maryland und Virginia, die ihm zusätzliche Glaubhaftigkeit verleihen sollen, aber eher das Gegenteil bewirken – dann jedoch folgen rund 80 Minuten wirklich spannende, mit konsequenter Kompromisslosigkeit punktende Thriller-Unterhaltung.

Lektionen im steifen Textaufsagen vor der Kamera

Vor allem das deutsche Publikum kommt bestens auf seine Kosten, da die drei Gastauftritte der Gouverneure hierzulande glücklicherweise, wohl schon für die Kinoauswertung, geschnitten wurden. Mitsamt dieser skurrilen politisch verpackten Moral-Cameos hingegen hat „Der Panther“ leider von vornherein – bis hin zum ähnlich belehrend gearteten Schlusswort des allerdings von einem Schauspieler verkörperten polizeilichen Ermittlers – recht deutlich das eine oder andere Momentum eines Propaganda-Films auf seiner Seite. Dass es hier gegen Bankräuber und Raubmörder geht, und nicht gegen Kommunisten, ändert an der Vorgehensweise mit dem erhobenen Zeigefinger und der pauschalen Glorifizierung sämtlicher Gesetzeshüter letztlich wenig, was nun einmal unschön an im selben Zeitfenster in Hollywood entstandene antikommunistische Hetzfilme erinnert. Ob die Attitüde des Propaganda-Films in so einem Fall nun statthaft ist, da der Zweck die Mittel heiligt, und es diese Kriminellen – da es um aus reiner Geldgier handelnde Diebe und Raubmörder geht – ja eventuell wirklich nicht besser verdient haben könnten, als an den Pranger gestellt zu werden, ist eine moralisch schwierige, fast schon philosophische Frage; aber zum Glück ist das allem Anschein nach wenigstens nie ein Problem der deutschen Synchronfassung gewesen.

Du kannst nicht davonlaufen!

Eine von zwei großen Stärken dieses Films ist die Darbietung von Steve Cochran in der Hauptrolle, der hier eine der besten Verkörperungen eines eiskalten Gangsters im Film noir der 40er- und 50er-Jahre hinterlässt. Dieser Faktor allein macht „Highway 301“ – wie das Werk im Original heißt – schon wichtig für das Genre. Spannend auch insofern, als Cochran in dieser Rolle einen äußerst abwertenden Umgang mit Frauen pflegt, Prügel und Mord inbegriffen. Ausgerechnet Cochran, der in Hollywood seinerzeit als Frauenheld und Schürzenjäger bekannt war. So gesehen dürfte dieser Auftritt damals manch einen Kinogänger oder vielmehr manch eine Kinogängerin gleich doppelt geschockt und einige Traumbilder zerstört haben. Es war bei weitem nicht das einzige Mal, dass Cochran einen Kriminellen spielte, aber so böse und so respektlos gegenüber der Damenwelt wie hier hat man ihn selten gesehen. Da wird der Wunsch nach Nähe knallhart von der Angst abgelöst, ihm den Rücken zuzudrehen.

Die zweite große Stärke sind drei von Andrew Stone sehr sorgfältig inszenierte, von großer Furcht im Angesicht des Todes durchzogene, spannend und mit Ausdauer in die Länge gezogene Katz-und-Maus-Spiele, in denen Cochran zweimal der Jäger ist – nur, dass er Frauen hier eben nicht jagt, um Zärtlichkeiten mit ihnen auszutauschen. Und schließlich ist er auch einmal der Gejagte. Drei denkwürdige Szenen mit wirklich harten Abschlüssen, wobei die letzte dieser drei Szenen obendrein eine recht realistisch gelungene Schießerei in einem Krankenhaus – ein durchaus perfide gewählter Handlungsort – mitbringt, die schon für sich genommen als kleines, aber feines Actionelement äußerst sehenswert ist. Man merkt allen voran diesen drei Episoden des Films sehr deutlich an, dass Stone klare Visionen hatte, die er umsetzen wollte, wofür er auch bereit war, sich einiges an Handlungszeit zu nehmen. Dass Drehbuchautor und Regisseur dieselbe Person waren, ist an diesen Stellen ziemlich gut nachvollziehbar. Irgendwann wird einem dann auch bewusst, dass der Film eigentlich nur ein recht kurzes Zeitfenster umspannt – und manchmal recht eng mit dem späteren „24“-Konzept kokettiert, Geschehnisse über lange Zeiträume in Echtzeit wiederzugeben – und dafür Dramatik und Spannung einiger Szenen besonders stark auskostet. Dass die gejagten Menschen hier vorzugsweise ziemlich wehrlos sind und zudem gern einmal der falschen Hoffnung unterliegen, bereits entkommen zu sein, ehe sie schließlich doch noch ins offene Messer laufen, lässt „Highway 301“ zu einem ausgesprochen bösen und heimtückischen Noir werden, der ein manchmal regelrecht Elemente des italienischen Giallo vorwegnehmendes Gesicht zeigt. Einigen Kritikern war das erheblich zu reißerisch – vielleicht ist dieser Aspekt aber auch gerade ein Zeichen dafür, dass dieser Film seiner Zeit voraus war. So oder so ist er mehr als nur ein Geheimtipp, spielte weltweit etwa das Dreifache seiner Produktionskosten, allein über Kinoauswertungen, ein und kann somit in jedem Fall als Publikumserfolg gewertet werden.

Bekannte Gesichter in frühen Rollen – vor der Kamera und hinter dem Mikrofon

Nicht zuletzt ist da der Bonuspunkt, dass man die später in einigen durchaus bedeutenden Filmen und großen Rollen zu sehen gewesenen Richard Egan und Robert Webber hier ganz früh in ihrer Karriere, als Teil der Räuberbande, erleben darf. Ergänzt von Wally Cassell in der Rolle von George Legenzas engstem Vertrauten. Cassell beendete zwar schon Mitte der 60er-Jahre seine Laufbahn als Film- und Fernsehschauspieler, starb aber erst 2015 im stolzen Alter von 103 Jahren, was ihn zu einem der am ältesten geworden Menschen macht, die jemals in Hollywood als Schauspieler tätig waren. Der abenteuerlustige Steve Cochran war zu dem Zeitpunkt bereits knapp 50 Jahre tot – 1965 im Alter von nur 48 Jahren an Bord seiner Yacht vor der Küste Guatemalas gestorben. Standesgemäß in alleiniger Begleitung von drei mexikanischen Girls. Eine üble Tragödie, zumal die jungen Frauen nicht wussten, wie man das Schiff bedient, und daher etwa zehn Tage mit dem Leichnam umhertrieben, ehe die Yacht schließlich an Land gespült wurde. Gerüchte, Cochran sei vergiftet worden, konnten nicht erhärtet werden.

Ähnlich wie Robert Webber und Richard Egan vor der Kamera, kamen auch für die deutsche Synchronfassung mehrere erst später (nicht nur hinter dem Mikrofon) ziemlich populär gewordene Schauspieler zum Einsatz: Wolfgang Kieling („Der zerrissene Vorhang”) ist als Stimme von Robert Webber zu hören, Erik Ode („Der Kommissar“) für Wally Cassell. Die Hauptrolle beziehungsweise in der deutschen Fassung „Der Panther“ gleichzeitig auch Titelrolle spricht der mit seiner Stimme, passend zum Part des George Legenza hier, unter anderem auf eiskalte Vollstrecker spezialisiert gewesene Friedrich Joloff („Raumpatrouille Orion“). Die Synchronfassung ist überzeugend gelungen, atmosphärisch dicht und versiert besetzt. Was diesem Film einzig fehlt, ist eine digitale Veröffentlichung in Deutschland. In den USA gibt es schon seit knapp zehn Jahren eine im Rahmen der „Warner Archive Collection“ erschienene DVD – wir warten.

Veröffentlichung (USA): 2. Dezember 2009 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Highway 301
USA 1950
Regie: Andrew L. Stone
Drehbuch: Andrew L. Stone
Besetzung: Steve Cochran, Virginia Grey, Gaby André, Edmon Ryan, Robert Webber, Wally Cassell, Aline Towne, Richard Egan, Edward Norris, John McGuire
Verleih: Warner Brothers

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Miami Exposé – Im Genre der hartgekochten Bullen

Miami Exposé

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ein Flugzeug explodiert, bald darauf wird ein führender Polizeibeamter Miamis ermordet aufgefunden. Umstände, die Lieutenant Bart Scott (Lee J. Cobb) dazu zwingen, seinen geplanten Rückzug aus dem Polizeidienst vorerst auf Eis zu legen. Seine Verlobte (Eleanore Tanin) hat bereits ihren früheren Mann im Polizeieinsatz verloren und erwartet daher von Scott den Ausstieg vor der Hochzeit. Der jedoch ist, trotz gewachsener Vernunft und Altersweisheit, im Grunde seines Herzens immer noch einer von der ganz abgebrühten Sorte. Er will und muss den Tod seines Freundes und Vorgesetzten persönlich aufklären, das ist er sich und ihm schuldig. Es dauert nicht lange, schon ist Scott auf dem Weg nach Kuba, um eine flüchtige Zeugin (Patricia Medina) einzufangen, mit deren Hilfe er vielleicht den Fall lösen und die in Miami sitzenden Drahtzieher entlarven kann.

Mit einem semi-dokumentarischen Cameo des damaligen Bürgermeisters von Miami, Randy Christmas, der sich vorab belehrend ans Publikum wendet, startet „Miami Exposé“ zunächst eher bieder in seine Geschichte (so ähnlich findet man es übrigens auch in anderen Noirs dieser Epoche mit verschiedenen Verantwortungs- und Würdenträgern). Dann allerdings folgt ein augenscheinlich von Jules Dassins großem Noir-Klassiker „Stadt ohne Maske“ (1948) inspirierter Off-Erzähler – bei Dassin so spannend und stilbildend wie kaum ein anderer Erzähler im gesamten Noir-Corpus – und reißt das Ruder blitzschnell herum, nur viel mehr Raum bekommt dieser Erzähler dann überraschenderweise nicht. Dem Rest der Geschichte merkt man bedauerlicherweise das niedrige Budget teils ziemlich deutlich an, jedoch überrascht das im Großen und Ganzen bestenfalls durchschnittliche Krimidrama mit einem der aus meiner Sicht potenzialreichsten Ermittler der Noir-Geschichte.

Cobb als abgebrühter Cop

Eine schöne Eigenheit des Noirs ist, dass hier auch mal Darsteller und Typen das Gesetz vertreten, die man auf den ersten Blick vielleicht eher auf Seiten der Gangster verorten würde. Für das klassische Hollywood als Heldenbild ein ansonsten eher ungewöhnliches Szenario. Es geht oft, im Vergleich mit anderen Genres, besonders wenig um edle, hübsche, junge Helden oder gar Strahlemänner, sondern um kernige Kerle. Harte Bandagen werden mit noch härteren Gesetzeshütern bekämpft – finster aussehende Männer tun hässliche Dinge, um üble Gesellen in den Griff zu bekommen.

Lee J. Cobb beweist in „Miami Exposé“ recht schnell, dass er den harten Hund vom Dienst sehr glaubhaft darzustellen vermochte und die dafür geeigneten Posen auch gut verstanden hatte. Dieser Film ist für viele Beteiligte kein Aushängeschild, für Cobb allerdings geradezu ein Bewerbungsschreiben. Man möchte fast ein wenig wehmütig werden, dass er eine derartige Hauptrolle nicht zeitnah in wesentlich größeren Produktionen wiederholen durfte. Ihm kauft man wirklich ab, dass der von ihm verkörperte Police Lieutenant eine ganze Menge gesehen, erlebt und überlebt hat. Ein Filmbulle der Sorte, die sich mit Kippe im Mundwinkel und einem bereits brennenden Streichholz in der Hand noch die Zeit nimmt, einfach mal innezuhalten, um dann mit verbrauchter Stimme einen trockenen Spruch rauszuhauen.

Tubbs auf der anderen Seite des Gesetzes

Sehenswert ist das Krimidrama zudem auch als finales Projekt von Edward Arnold („Meet Nero Wolfe“), der während der Produktion starb, mehrere Monate vor dem Kinostart. Ob es tatsächlich ein Zufall sein kann, dass seine Rolle in diesem in Miami spielenden Film den eher ungewöhnlichen Nachnamen Tubbs trägt, der knapp 30 Jahre später schließlich auch einer der beiden Hauptrollen der 80er-Kultserie „Miami Vice“ übertragen wurde, möchte man fast bezweifeln – zumal Miami für den Film noir auch ein vergleichsweise ungewöhnlicher Handlungsort ist und „Miami Exposé“ sich mit „Miami Vice“ somit in gewisser Weise eine Klinke in die Hand gibt. Für Fans von Edward Arnold dürfte „Miami Exposé“ aber eine gewisse Bewährungsprobe gewesen sein. Nicht nur, weil man ihn auch aus erheblich teureren Filmen kannte. Um dies genauer zu erklären, ist jedoch ein kurzer Spoiler notwendig. Wer den überspringen will, liest einfach ab der nächsten Zwischenüberschrift weiter.

Ob Edward Arnold die für ihn geplanten Szenen abschließen konnte, ist schwer zu rekonstruieren, jedoch wirkt der Film gen Ende in jedem Fall zumindest ein wenig, als würden Bausteine fehlen – unter anderem kommen die zum Titel beitragenden Exposés, deren Inhalte die Grundlage für die Erpressung diverser Einflussträger bilden sollen, eigentlich kaum zur Geltung. Gruselig allerdings ist, dass eine Schlussszene mit Edward Arnold durchaus vorhanden ist, in der dieser hervorragende Mime regungslos, wie paralysiert, einem Opfer gegenübersitzt, das er gerade erschossen hat. Eine finale Szene mit einem Schauspieler in Schockstarre, der dabei nahezu aussieht als hätte er soeben einen Schlaganfall erlitten, welcher wenig später dann wirklich starb, ist schon ziemlich starker Tobak. Zumal er dann auch nicht mehr spricht, obwohl seine Figur nicht erschossen wurde, sondern jemand anderen erschossen hat, wirkt es für Augenblicke geradezu als sei er kurz vor oder mitten in seiner letzten Szene mit offenen Augen vor der Kamera verstorben. Der Nachgeschmack ist bitter – auf eine Art allerdings auch ein bärenstarker Abgang von der Leinwand, nach großartiger Karriere, der im Gedächtnis bleibt.

Sterne von Columbia

Da es sich um eine Regiearbeit von Fred F. Sears, mit Patricia Medina in der größten Damenrolle und beispielsweise Michael Granger in einer Nebenrolle handelt, merkt man – unabhängig von Cobb und Arnold – recht schnell, dass man sich in einem 50er-Jahre-Columbia-Film befindet. Zugegeben: Sears hat sicherlich einige bessere Filme als „Miami Exposé“ gedreht. Vor allem aus den Szenen mit Edward Arnold und seinem krummen Geschäftspartner, der von Alan Napier gespielt wird, hätte man wesentlich mehr herauskitzeln können. Sowohl Napier als auch Arnold haben zwar schon allein ihres Aussehens wegen eine so starke, charismatische Leinwandpräsenz, dass gewissermaßen ihre bloße Anwesenheit ein Statement ist – aber, dass sie deutlich unterfordert wirken, wenn man sie aus anderen Rollen kennt, ist dennoch schade. Zudem setzt der Film auch den Showdown ziemlich in den Sand.

Patricia Medina wiederum merkt man für meinen Geschmack immer wieder an, dass sie mehr Talent hatte, als es viele ihrer B-Filmrollen hergaben. Darunter auch eine gesunde Portion Selbstironie, die sie vor der Kamera zu zeigen bereit schien. Ich assoziiere sie allerdings aus heutiger Sicht so stark mit Columbia Pictures wie kaum eine andere Dame des 50er-Hollywoods. Mehr Abwechslung im Stil von Orson Welles’ „Herr Satan persönlich!“ (1955) hätte ihrer Karriere vermutlich gutgetan. Ein Regisseur wie Welles hätte vermutlich nicht auf sie gesetzt, wäre da nicht ein gewisses Etwas der ganz besonderen Art gewesen. Bereits kurz nach „Miami Exposé“ kippte ihre Karriere sehr stark weg vom Kino, in Richtung von Gastrollen in TV-Serien.

Michael Granger, der hier den Gangster Ascot spielt, ist mir vor allem durch seine wenigen, aber prägnanten Interpretationen von Indianerhäuptlingen im 50er-Jahre-Hollywood-Western im Gedächtnis geblieben, wo mir seine sehr ruhig und besonnen wirkende Rollenauslegung gut gefiel und mich an zuvor gesehene Karl-May-Filme aus den 60er-Jahren erinnerte. Ein Ansatz, den ich für das 50er-Hollywood in der Form als eher untypisch empfand. Gemeint ist insbesondere seine Darbietung in „Battle of Rogue River“ (1954), ergänzend kann man „Fort der Rache“ (1953) hinzuziehen. Als Gangster, wie hier in „Miami Exposé“, hat er ebenfalls etwas Stilbildendes an sich. Er hätte vermutlich einen guten Al Capone abgegeben – im gleichnamigen Biopic von 1959 verkörperte jedoch Rod Steiger diese Rolle. Granger war, aufgrund seiner prägnanten, angenehm tiefen Stimme in späteren Jahren eher vor dem Mikrofon als im Bild gefragt. Nach über 15 Jahren Pause von Kino- sowie Fernsehrollen vor der Kamera feierte er 1977 in einer Folge von „Kojak – Einsatz in Manhattan“ eine Art kurzes TV-Comeback, ehe er 1981 im Alter von nur 58 Jahren starb. Ein gutes Beispiel für einen meiner Meinung nach völlig unterschätzten Schauspieler des 50er-Hollywoods, der leider nicht viel über einige TV-Rollen und ein paar größere Kinorollen in relativ kostengünstigen Produktionen sowie ein paar kleinere Rollen in größeren Filmen hinauskam, zwischen die sich auch mehrfach ungenannte Auftritte mit sehr kleinen Parts gesellten. Karriereverläufe dieser Art sind in diesem Kapitel der Filmgeschichte keine Rarität – auch bei talentierten Darstellern nicht. Der Produzent Sam Katzman setzte mehrfach auf ihn, wodurch unter anderem alle drei namentlich in den Credits genannten Auftritte von Michael Granger in Filmen unter der Regie von Fred F. Sears – darunter „Miami Exposé“ – und eine gewisse Bindung zu Columbia Pictures für wenige Jahre zustande kamen.

Sicher ist nur, dass man sterben muss

Obwohl sich Lee J. Cobb mit der Zeit durchaus einen gewissen Namen gemacht hat, hat es dieses Krimidrama selbst in den USA bis heute leider nicht auf DVD geschafft. Eine deutsche Synchronfassung wurde offenbar nie erstellt. Mag auch sonst nicht viel für „Miami Exposé“ sprechen, halte ich die Aspekte, Cobb hier mal in einer 50er-Hauptrolle sehen zu können und dass man Edward Arnolds Abschiedsvorstellung noch dazu bekommt, schon einmal für gute Argumente, die diesen Film interessant machen. Zudem wäre „Miami Exposé“ bei mir, der Darbietung Lee J. Cobbs wegen, auf jedem noch so kleinen Filmstapel vertreten, würde mich jemand um Tipps für besonders griffige Polizistendarstellungen im Film noir fragen, die bis heute als Inspiration Sinn machen, wenn man im Geiste dieses Genres agieren will. „Miami Exposé“ ist für den US-Noir der 50er phasenweise in etwa das, was „Ein Dollar zwischen den Zähnen“ (1967) für den Italowestern ist – ein Film, dem man das geringe Budget konstant anmerkt, der mit einigen schauspielerischen Nadelstichen aber bemerkenswert zielsicher ins Schwarze trifft und sogar stellenweise großartige Momente generiert, die die eine oder andere wichtige Zutat des Genres erstaunlich gut zu repräsentieren vermögen. Der Film noir braucht Figuren – darunter auch Gesetzeshüter –, die den Eindruck vermitteln, dass ihre erste Idee, wenn sie den Sensenmann bei sich daheim im Wandschrank fänden, wäre, ihm eine Zigarette anzubieten und ihm erst mal Feuer zu geben, ehe über den Rest abgerechnet wird. Zumindest diese eine Hausaufgabe macht „Miami Exposé“ absolut bravourös und sticht dahingehend viel Konkurrenz aus – das ist eine ganze Menge wert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee J. Cobb sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Miami Exposé
USA 1956
Regie: Fred F. Sears
Drehbuch: Robert E. Kent
Besetzung: Lee J. Cobb, Patricia Medina, Edward Arnold, Alan Napier, Michael Granger, Harry Lauter, Eleanore Tanin, Chris Alcaide, Hugh Sanders, Barry L. Connors
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: