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Bleeder – Nicolas Winding Refn kann auch anders

Bleeder

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Ein Sympath ist Leo (Kim Bodnia) nicht gerade. Vorzugsweise hängt er herum, schaut gern Filme mit seinen Kumpels Lenny (Mads Mikkelsen) und Kitjo (Zlatko Buric), die in einer Videothek arbeiten. Dennoch liebt Louise (Rikke Louise Andersson) den sich unwirsch gebenden Leo und ist glücklich, ein Kind von ihm zu erwarten. Der als Türsteher Jobbende sorgt sich allerdings mehr darum, was aus seinen paar Sachen wird – die nehmen in der Wohnung zwar wenig Platz weg, das hindert Louise aber nicht daran, laut darüber nachzudenken, sie wegzuräumen.

Leo hat sein Leben nicht im Griff

Der schüchterne Lenny hingegen ist zwar ein wandelndes Filmlexikon, weiß dafür aber nicht, wie er mit Frauen kommunizieren soll. Keine optimalen Voraussetzungen, mit der aparten Imbiss-Bedienung Lea (Liv Corfixen) ins Gespräch zu kommen, in die er sich insgeheim verguckt hat. Und dann ist da noch Louises so cholerischer wie rassistischer Bruder Louis (Levino Jensen), der nicht allzu viel von Leo hält. Als Leo eines Tages eine Sicherung durchbrennt und er seiner schwangeren Freundin eine runterhaut, kann Louis kaum an sich halten.

Die Freunde hängen gern ab

Für seinen zweiten Film versammelte der dänische Drehbuchautor und Regisseur Nicolas Winding Refn 1999 vor und hinter der Kamera dasselbe Team wie drei Jahre zuvor bei seinem Debüt „Pusher“, darunter Kameramann Morten Søborg, Komponist Peter Peter sowie Anne Østerud im Schneideraum. Das gilt auch für alle Hauptfiguren von „Bleeder“, lediglich Rikke Louise Andersson („Nachtwache“) stieß neu hinzu. Sie und Kim Bodnia verliebten sich am Set, heirateten 2013 und haben mittlerweile drei gemeinsame Kinder. Liv Corfixen wiederum ist seit 2007 mit Nicolas Winding Refn verheiratet, aus der Ehe gingen bislang zwei Kinder hervor.

Von wegen verkopftes Arthaus-Kino

Genug des Tratsches, zurück zu „Bleeder“. Wer mit Nicolas Winding Refn eher verkopftes, visuell betörendes, aber in puncto Storytelling rätselhaftes Arthaus-Kino à la „The Neon Demon“ (2016) und
Only God Forgives“ (2013) verbindet, wird sich bei diesem Frühwerk verwundert die Augen reiben. Dem Dänen gelingt ein gefühlvoller Blick auf seine Figuren, die er im Vergleich zu seinen späteren Filmen sehr lebensnah zeichnet. Wir leiden mit ihnen mit, einige verabscheuen wir womöglich, anderen wünschen wir nur das Beste – und ahnen, dass nicht allen ein gutes Los vergönnt ist. Teils Krimi, teils Sozialdrama, hat der Regisseur ein Gespür dafür, sein Ensemble zu einem Gesellschaftsporträt einiger Verlierer zusammenzufügen. Das ist fürwahr nicht immer angenehm anzuschauen, aber in jedem Moment beeindruckend. Es wäre den anderen Darstellerinnen und Darstellern gegenüber unfair, den sehr präsenten Kim Bodnia („The Good Cop“, 2004) und den stets gern gesehenen Mads Mikkelsen („Walhalla Rising“, 2009) hervorzuheben – auch die anderen tragen „Bleeder“ auf vorzügliche Weise mit.

Eigentlich ständig mies gelaunt: Louis

Die deutsche DVD von 2007 ist im Handel vergriffen, insofern erscheint die Veröffentlichung des Mediabooks mit Blu-ray und DVD gerechtfertigt. Tiberius Film ist damit einem Trend gefolgt und hat das Mediabook mit drei verschiedenen Covermotiven auf den Markt geworfen. Das kann man machen, für Filmkäufer, denen Mediabooks zu teuer sind, wären Blu-ray und DVD in Einzel-Editionen vielleicht eine gute Alternative gewesen. Zur Rezension lag mir lediglich die nackte Disc ohne Verpackung vor, sodass ich über die Aufmachung und Qualität des Mediabooks keine Angaben machen kann. „Bleeder“ ist jedenfalls nicht nur für Fans von Nicolas Winding Refn, Mads Mikkelsen oder Kim Bodnia interessant, sondern sei all jenen ans Herz gelegt, die eigenständigem europäischem Kino etwas abgewinnen können.

Eher schüchtern: Lenny

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Nicolas Winding Refn sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Mads Mikkelsen in der Rubrik Schauspieler.

Leo rastet aus

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 666 Exemplare), 21. Juni 2007 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bleeder
DK 1999
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn
Besetzung: Kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Rikke Louise Andersson, Liv Corfixen, Levino Jensen, Zlatko Buric, Claus Flygare, Ole Abildgaard, Gordana Radosavljevic, Marko Zecewic, Dusan Zecewic
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit den Hauptdarstellern und Regisseur Nicolas Winding Refn, Trailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Label/Vertrieb 2007: FilmConfect Home Entertainment GmbH (Rough Trade)

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Tiberius Film

 

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Greyzone – No Way Out: Staffel 1 – Skandinavischer Drohnen-Terror

Greyzone

Von Volker Schönenberger

Thriller-Serie // Im Hafen von Göteborg kontrollieren Eva Forsberg (Tova Magnusson-Norling) vom schwedischen Geheimdienst Säpo und ein Zollbeamter einen deutschen Lastwagen, der per Fähre aus Dänemark eingetroffen ist. Als sich die Agentin gerade im Laderaum befindet, erschießt einer der Insassen des Fahrzeugs den Zöllner. Forsberg kann den Schützen ausschalten, doch obwohl sie auch den Fahrer verwundet, gelingt dem die Flucht. Die Durchsuchung des Lkws fördert einen voll funktionstüchtigen Raketensprengkopf zutage, konventionell bestückt, aber von gewaltiger Detonationskraft. Einer von zwei Sprengköpfen, die vor einiger Zeit von einer NATO-Basis gestohlen worden sind. Schweden muss offenbar mit einem schweren Terroranschlag rechnen. Oder wird Dänemark zum Ziel? Eva Forsberg wird Teil einer vom dänischen Geheimdienstler Henrik Dalum (Lars Ranthe) geleiteten dänisch-schwedischen Anti-Terror-Einheit, die die Säpo in Kooperation mit dem dänischen Nachrichtendienst PET bildet.

Victoria präsentiert eine Neuentwicklung der Drohnen-Antriebstechnik

In einen zweiten Handlungsstrang lernen wir die dänische Software-Ingenieurin Victoria Rahbek (Birgitte Hjort Sørensen, „Automata“) kennen, die gerade auf einer internationalen Konferenz in Frankfurt am Main einen neuartigen Drohnenantrieb vorgestellt hat. Dort trifft sie auf Iyad Adi Kassar (Ardalan Esmaili), mit dem sie vor Jahren in Lund studiert hat. Ihr Ex-Kommilitone gibt vor, für ein Technik-Magazin als Journalist zu arbeiten, und bittet Victoria um ein Interview. Sie stimmt zu, doch zurück in ihrer Wohnung in Kopenhagen überwältigt Iyad sie, nimmt auch ihren fünfjährigen Sohn Oskar (Virgil Katring-Rasmussen) als Geisel. Er will Victoria zwingen, eine Drohne zu programmieren, und zwar so, dass sie auch Flugverbotszonen ansteuern kann. Zu diesem Zweck muss die Ingenieurin aus den Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers sensible Daten und Gerätschaften entwenden. Ein mehr als heikles Unterfangen …

Binge-Watching an einem Tag?

„Greyzone – No Way Out“ ist wendungsreich und packend inszeniert worden – so packend, dass man zügig wissen will, wie es denn weitergeht. Wer Gelegenheit zum Binge-Watching hat, wird sich wundern, wie schnell die zehn knapp dreiviertelstündigen Folgen weggeatmet sind. Dabei hält die Serie das gewohnt hohe Niveau der Krimi- und Thriller-Serien aus Skandinavien – angesichts der großen Auswahl in diesem Bereich kann es sich auch kaum eine Produktion erlauben zu schwächeln. Ortswechsel werden oft mit einer Luftaufnahme eingeleitet, was gut zum Sujet des bevorstehenden Drohneneinsatzes durch die Terroristen passt. Wo soll die Rakete einschlagen? Die Frage gewinnt allerdings erst in der letzten Folge an Bedeutung.

Iyad setzt seinen Plan in die Tat um

Das sogenannte Stockholm-Syndrom wird Thema – die emotionale Annäherung zwischen Entführer und Entführungsopfer in der Ausnahmesituation auf engem Raum. Victoria wird von der Angst um ihr Überleben und das ihres Sohnes angetrieben. Dafür würde sie alles tun, dafür zeigt sie Stärke, was hinreichend belegt wird, wenn sie allein nach Stockholm fliegt, um im Büro der Firma „Besorgungen“ zu erledigen, die für Iyads Mission unerlässlich sind. Hier verlassen sich die Terroristen meines Erachtens zu sehr darauf, dass ihrer Geisel ihre riskanten Beutezüge im Büro gelingen. Mehrfach kommt Victoria nur durch Zufall davon, derlei Zufälle müsste ein derart ausgeklügelter Plan an sich ausgeschlossen haben, denn nur ein kleines Scheitern bringt alles zum Einsturz. Aber okay, vielleicht bin ich bei der Glaubwürdigkeitsfrage in solchen Details auch etwas päpstlich, Hochspannung bringen diese Szenen jedenfalls.

Eva und Jesper ermitteln auf Hochtouren

Die Figuren sind charakterlich gut und differenziert ausgeleuchtet, wir entwickeln als Zuschauer Beziehungen zu ihnen. Das gilt auch für die Ermittler um Eva Forsberg, darunter Jesper Lassen (Joachim Fjelstrup, „9. April – Angriff auf Dänemark“), den sein Boss Henrik Dalum erst einmal wieder rekrutieren muss, weil er die besten Kontaktleute kennt, den Geheimdienst aber vor einiger Zeit aufgrund eines besonderen Vorfalls verlassen hat. Dieser Vorfall offenbart sich uns nach einigen Episoden und passt gut ins Bild. Weniger gut passt ein familiäres Problem, das Eva mit sich herumträgt. Es soll vermutlich den immensen Druck und Stress dokumentieren, dem Agenten wie sie ausgesetzt sind, und ihrer Figur Tiefe geben, wird dafür aber allzu nebensächlich thematisiert und treibt die Handlung auch nicht voran. Zugegeben, ich jammere da auf hohem Niveau, an den Charakterzeichnungen gibt es an sich nichts auszusetzen. Auch Geiselnehmer Iyad ist mehrschichtig gezeichnet und nicht der verblendete islamistische Terrorist, als der er charakterisiert werden könnte. Seine Spießgesellen sind da deutlich einseitiger porträtiert, aber hier weiter in die Tiefe zu gehen, hätte irgendwann den Rahmen gesprengt. Der Fokus des Handlungsstrangs um Victoria liegt ohnehin auf ihr und Iyad, und diese beiden lernen wir sehr gut kennen, was völlig ausreicht. Ein paar anderweitige Klischees lassen sich da gut tolerieren. Als Drahtzieher des geplanten Anschlags ist Kida Khordr Ramadan zu sehen, Hauptdarsteller der hochgelobten deutschen Gang-Serie „4 Blocks“.

Die Angst vor dem Terror

Während meiner Sichtung habe ich mich gefragt, ob realitätsnah inszenierte und authentisch wirkende Filme und Serien wie diese nicht allzu sehr die Angst vor Terror schüren und somit Anlass zur Kritik geben. Zu einem abschließenden Schluss bin ich nicht gekommen. Ganz von der Hand weisen lässt sich das sicher nicht, aber deswegen in der Fiktion auf Terroristen-Szenarien gänzlich zu verzichten, kann auch keine Lösung sein. Wichtig ist eine ausgewogene Darstellung, und in dieser Hinsicht punktet „Greyzone – No Way Out“. Zum einen müssen die Ermittler schwerwiegende Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf die Menschen haben, die sie beschützen sollen, ja müssen. Diesen Konflikt arbeitet die Serie sehr gut heraus, gerade Rückkehrer Jesper Lassen fungiert hier als Gewissen und Mahner, der an seiner Arbeit leidet, wenn nicht gar zerbricht. Zum anderen erfahren wir in Rückblenden, wie Iyad zu dem wurde, der er ist. Er ist nicht einfach ein fundamentalistischer Muslim, der den gesamten Westen hasst, nach und nach entfalten sich sein Schicksal und seine Motive.

Kann die Anti-Terror-Einheit den Anschlag verhindern?

„Greyzone – No Way Out“ lief bereits beim Spartensender ZDFneo, auf dem das Zweite Deutsche Fernsehen durchaus mutig mit neuen Formaten experimentiert und der die Serie auch mitfinanziert hat. Besonderer Mut gehörte in diesem Fall allerdings nicht dazu, die Serie hat das Niveau, auch auf dem Mutterkanal Quote zu bringen. In der Kombination aus linearer TV-Ausstrahlung, Bereitstellung zur kostenlosen Sichtung in der ZDF-Mediathek (derzeit alle Folgen verfügbar!) und DVD-Auswertung erhält sie hoffentlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Ob eine zweite Staffel geplant ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wer Serien wie „Homeland“ und „Countdown Copenhagen“ oder auch „Der Adler – Die Spur des Verbrechens“ mag, wird auch an „Greyzone – No Way Out“ Gefallen finden. Hochkarätige Thriller-Unterhaltung in Reinkultur mit einem hervorragendem Ensemble.

Der Drahtzieher des Terrors

Die zehn Episoden der ersten Staffel:

01. Die Vereinbarung (En aftale)
02. Die erste Mission (Første mission)
03. Oskar (Hjemkomst)
04. Der Code (En chance)
05. Kontakt (Rekrutteret)
06. Doppelagent (Dobbelagent)
07. Zugriff (Ofret)
08. Überleben (Overlevelse)
09. Simone (Simone)
10. Eine neue Welt (En ny verden)

Victoria muss dem enormen Druck standhalten

Veröffentlichung: 12. Oktober 2018 als 3-DVD-Box

Länge: 10 x 45 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Dänisch, Schwedisch
Untertitel:
Originaltitel: Greyzone
DK/SWE 2018
Regie: Jesper W. Nielsen
Drehbuch: Rasmus Thorsen, Morten Dragsted, Oskar Söderlund, Mikkel Bak Sørensen
Besetzung: Birgitte Hjort Sørensen, Ardalan Esmaili, Tova Magnusson, Joachim Fjelstrup, Lars Ranthe, Johan Rabaeus, Virgil Katring-Rasmussen, Christopher Wollter, Özlem Saglanmak, Karin Franz Körlof, Kida Khordr Ramadan, Olaf Højgaard
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew
Label/Vertrieb: Edel Germany GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 Edel Germany GmbH

 

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The Guilty – Der Schuldige in meinem Kopf

Den skyldige

Kinostart: 18. Oktober 2018

Von Lutz R. Bierend

Thriller // Wer die Brillanz Ernest Hemingways in einem kurzen Beispiel demonstrieren will, zitiert gern die Anekdote, wie Hemingway die Wette gewann, er könne mit sechs Worten eine ganze Geschichte auf einer Serviette schreiben: „For sale: baby shoes. Never worn.“ Sechs Worte, die ein ganzes menschliches Drama im Kopf des Lesers entstehen lassen.

Echtzeit-Kammerspiel in polizeilicher Telefonzentrale

Gustav Möller hat mit seinem Langfilm-Regiedebüt „The Guilty“ (nach einem Kurzfilm) Ähnliches fürs das Kino geschaffen. Ein 85-minütiges Echtzeit-Kammerspiel, welches in der Notrufzentrale der dänischen Polizei abläuft. Die Abgründe dieses menschlichen Dramas werden dabei aber nur im Kopf des Zuschauers erzeugt. Vermittelt durch Jakob Cedergren in der Rolle des strafversetzen Polizisten Asger Holm und jenen Menschen am anderen Ende der Telefonleitung. Keinen Gesprächspartner bekommen wir im Verlauf der Handlung je zu Gesicht, weshalb die Nennung der Darsteller eigentlich keinen Sinn ergibt, da in deutschen Kinos in der Regel die Synchronsprecher zu hören sein werden.

Fremdkörper in der Notrufzentrale: der strafversetzte Polizist Asger Holm

Es ist der letzte Tag vor seiner disziplinarischen Anhörung. Asger Holm absolviert seinen Strafdienst in der Notrufzentrale der Polizei. Was er getan hat, erfahren wir nicht, aber sein Chef versichert ihm, morgen werde alles gut und er dürfe wieder auf die Straße, wo er ja auch hingehöre. Es wird klar: Telefondienst ist keine ernst zu nehmende Polizeiarbeit. Aber gut, einen Abend nur noch muss Holm die Notrufe von Männern, die im Rotlichtviertel von Prostituierten überfallen oder betrogen wurden, an die Kollegen auf der Straße weitervermitteln; sich am Telefon beschimpfen lassen oder auch selbst mal „Du hast doch selber Schuld“ schimpfen, wenn ein Speedjunkie in seiner Psychose um einen Krankenwagen bittet.

Anruf einer Entführten

Dann nimmt er den Anruf einer Frau entgegen, die ihn „Schätzchen“ nennt. Auf seine Bemerkung, sie habe die Notrufzentrale angerufen reagiert sie nicht. Eine Stimme im Hintergrund macht ihn misstrauisch. Mit ein paar nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantwortender Fragen findet Holm heraus, dass die Frau entführt wurde. Der Entführer glaubt, sie würde mit ihrer Tochter sprechen. Die Technik zeigt Asger ihren Namen – Iben – und den Funkmast, über den ihr Handy gerade Verbindung hat. Sie befindet sich auf einer Autobahn Richtung Norden. In einem weißen Transporter. Das reicht, um die Kollegen auf den einzigen passenden Autobahnabschnitt zu schicken. Bevor er mehr herausbekommen kann, muss die Entführte auflegen. Die Kollegen entdecken einen Transporter, der gerade die Autobahn verlässt, und stoppen ihn. Keine Frau an Bord. Für eine weitere Fahndung bräuchten sie ein Nummernschild.

Als Asger Holm mit „Schätzchen“ angesprochen wird, ahnt er nichts Böses

Asger ruft bei Iben zu Hause an und bekommt ein verstörtes kleines Mädchen an den Apparat. Ibens Tochter Mathilde erzählt ihm, Mama und Papa hätten sich im Zimmer ihres kleinen Bruders gestritten. Dann habe Papa ein Messer genommen und Mama an den Haaren aus der Wohnung gezerrt. Asger erfährt, dass ihr Papa Michael einen weißen Transporter hat. Sie weiß auch Papas Telefonnummer. Die musste sie sich merken, hat Papa gesagt. Für den Notfall.

Täter, Opfer, Held – vermeintlich einfach zu beantworten

Bis hierhin klingt „The Guilty“ noch wie eine klassische Geschichte, die man auch der Spielfilmredaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders zutrauen würde. Eine Geschichte über häusliche Gewalt, bei der Täter, Held und Opfer einfach auszumachen sind. Allerdings gelingt es Möller meisterlich, uns bei unseren Vorurteilen zu packen und mehrfach den Boden unter den Füßen wegzuziehen, sodass am Ende der Schuldige derjenige ist, der glaubt, sich anhand mangelhafter Information ein Urteil erlauben zu können.

Das Grauen entblättert sich, als die Streifenpolizisten in der Wohnung des Opfers eintreffen

Erinnert die Prämisse des Films ein wenig an Brad Andersons Thriller „The Call – Leg nicht auf!“ (2013) mit Halle Berry, so könnten die Filme in ihrer Ausführung nicht unterschiedlicher sein. Anderson braucht einen klassischen Serienmörder mit inzestuösem Schwesterkomplex, um mit dem Opfer mitfiebern und der Hauptdarstellerin ihre Chance auf Erlösung geben zu können, auch wechselt der Film regelmäßig zwischen dem Innenleben der Notrufzentrale und der Außenwelt, wo „The Call“ schließlich seinen Showdown findet. Gustav Möller hat all das nicht nötig. Seine Figuren sind keine Reißbrettfabrikate, seine Geschichte ist eine, die sich so hinter vielen Türen unserer anonymen Wohnblöcke abspielen kann und das macht den Film, den Möller in unserem Kopf abspielen lässt, so beklemmend und erdrückend. Man liest sie leider viel zu häufig, die Trennungsdramen, die in erweitertem Suizid enden, oder die Geschichten von überforderten Alleinerziehenden, die ihre Kleinkinder in verwahrlosten Wohnungen allein lassen und Möller macht uns auf schonungslose Weise deutlich, wie oberflächlich unsere Schubladen sind, in die wir die Beteiligten gern ablegen wollen, damit unser Bild von gut und böse, schuldig und unschuldig erfüllt ist. Es ist nicht verwunderlich, dass für „The Guilty“ bei „Rotten Tomatoes“ mit glatten 100 Prozent Kritikerwertungen zu Buche stehen (Stand September 2018). Gustav Möller steht mit seinem Thriller in einer großartigen Tradition skandinavischer Regisseure, die mit niedrigen Budgets und hierzulande meist unbekannten Schauspielern Spannungskino produzieren, das tief im Gedächtnis steckenbleibt. Vor allem, weil sie sich nicht mit den Hollywood-Klischees zufriedengeben. Ole Bornedal hat „Nachtwache“ (1994) ebenso eine internationale Karriere ermöglicht, wie „Jo Nesbø’s Headhunters“ (2011) Morten Tyldum.

Bitte kein US-Remake!

Wenn das Brachenblatt Variety mutmaßt, die großen Hollywood-Produzenten würden sich schon alle zehn Finger lecken, um die Rechte für ein US-Remake von „The Gulty“ zu bekommen, kann man nur hoffen, dass ihr Begehren unerhört bleibt, denn in der Vergangenheit hat kaum ein Hollywood-Aufguss den skandinavischen Geschichten Gutes getan. Ausnahmen bilden vielleicht das amerikanische Remake des schwedischen Vampirfilms „So finster die Nacht“ und die Krimiserie „The Killing“. Und gerade „The Call“ zeigt, wohin Hollywood mit seinem Wunsch nach eindeutigen Helden und Schurken so eine Geschichte vermutlich führen würde.

Erschreckende Erkenntnis des Abends: Nichts ist, wie es scheint

Gustav Möllers Kunststück liegt darin, mit einem minimalen Budget, für welches sich ein deutscher „Tatort“-Regisseur vermutlich nicht einmal zum Set bewegt hätte, ein Drama zu erstellen, bei dem die Dreh-Ökonomie als Stilmittel so effektiv funktioniert. Zu keiner Zeit wirkt der für Dänemark ins Oscar-Rennen gehende Film unfreiwillig beschränkt. Die Darsteller (on- wie offline) agieren mit einer Intensität, die den Zuschauer an den Kinosessel fesselt und nie den Wunsch aufkommen lässt, mehr zu sehen, als Möller uns zeigen möchte. Und wer glaubt, dass er für so ein Kammerspiel gern mal bis zur Heimkino-Veröffentlichung warten kann, sei gewarnt: Gerade aufgrund seiner Intensität ist „The Guilty“ ein Film, der für den schwarzen Raum des Kinos, für das Gruppenerlebnis mit Gleichgesinnten gemacht ist. Manchmal ist es wichtig, Filme außerhalb des gemütlichen Wohnzimmers zu erfahren. An einem Ort, aus dem man sich nicht mal eben in die Pinkelpause retten kann, wenn das Drama Scheibe für Scheibe im Kopf entblättert wird. Wer sich zu den durchschnittlichen Deutschen mit ihren 1,4 Kinobesuchen pro Jahr zählt, sollte „The Guilty“ in die engere Auswahl nehmen – besser kann es 2018 kaum noch werden.

Feierabend eines vermeintlichen Helden

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Den skyldige
DK 2018
Regie: Gustav Möller
Drehbuch: Emil Nygaard Albertsen, Gustav Möller
Besetzung: Jakob Cedergren, Jessica Dinnage, Omar Shargawi, Johan Olsen, Jacob Lohmann, Katinka Evers-Jahnsen, Jeanette Lindbaek, Simon Bennebjerg, Laura Bo, Morten Suurballe
Verleih: NFP marketing & distribution
Vertrieb: Filmwelt Verleihagentur

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 NFP marketing & distribution, zusätzlich Szenenfotos 1 & 2: © Nikolaj Møller, Szenenfotos 3, 4 & 5: © J. Spanning

 

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