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Knives Out – Mord ist Familiensache: Agatha Christie hätte ihre Freude

Knives Out

Von Volker Schönenberger

Krimikomödie // Die Filmografie des Regisseurs Rian Johnson liest sich denkbar interessant: Sein Langfilm-Debüt „Brick“ mit dem jungen Joseph Gordon-Levitt entpuppte sich 2005 als Jugend-Krimidrama im Highschool-Milieu, dessen coole Dialoge wie aus einem Film noir entnommen wirken. „Brothers Bloom“ (2008) porträtiert zwei von Adrien Brody und Mark Ruffalo verkörperte Brüder, die als internationale Betrüger unterwegs sind. „Looper“ (2012) hatte erneut Joseph Gordon-Levitt als Hauptdarsteller, der in einem Science-Fiction-Setting als Berufskiller agiert, dessen Aufträge aus der Zukunft kommen und der eines Tages sein 30 Jahre älteres Ich töten soll. Fünf Jahre später ging es für Johnson auf der Karriereleiter ein paar Stufen aufwärts: „Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi“ (2017) wurde zwar wie alle jüngeren „Krieg der Sterne“-Filme kontrovers aufgenommen, macht sich in der Filmografie aber natürlich schmuck. Und ist mit all seinen Stars ein gutes Übungsfeld für weitere Regiearbeiten, bei denen man viele Darstellerinnen und Darsteller von prächtiger Prominenz bändigen muss.

Bestseller-Autor Harlan Thrombey (M.) ist 85 Jahre alt geworden

Das gilt besonders für „Knives Out – Mord ist Familiensache“, der mit illustren Namen nur so gespickt ist. Im Zentrum der Handlung steht der erfolgreiche Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer), den seine Haushälterin Fran (Edi Patterson) am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot auffindet. Trotz durchgeschnittener Kehle proklamieren die Behörden offiziell Selbstmord als Todesursache. Die beiden Polizisten Elliot (LaKeith Stanfield) und Wagner (Noah Segan) befragen die zahlreichen Familienmitglieder, die nach der Geburtstagsparty noch anwesend sind, beginnend mit Harlans Tochter Linda Drysdale (Jamie Lee Curtis) und ihrem Ehemann Richard (Don Johnson). Da sind etwa Thrombeys jüngster Sohn Walt (Michael Shannon), der das Verlagshaus der Familie leitet, und Schwiegertochter Joni Thrombey (Toni Collette), Witwe des vor 15 Jahren verstorbenen Sohns Neil. Harlan unterstützte Joni finanziell und bezahlte obendrein jedes Jahr die Studiengebühren ihrer Tochter Meg (Katherine Langford). Während der Befragung durch die beiden Kriminalbeamten wundern sich die Familienmitglieder über den im Hintergrund sitzenden Typen. Der stellt sich als Benoit Blanc (Daniel Craig) vor, seines Zeichens berühmter Privatdetektiv.

Die Pflegerin im Fokus

Brillant inszeniert: In diesen etwa 20 ersten Minuten der ersten Befragungen zeigt sich bereits der virtuose Einsatz von Montage und Schnitt. Geschickt wechselt Regisseur Rian Johnson die Befragten aus – was der eine gefragt wird, beantwortet die andere, um ein Beispiel zu geben. Enthüllungen über Gespräche – und Streitigkeiten – am Abend der Geburtstagsparty werden als Rückblenden gezeigt. Schnell offenbaren sich diverse Motive für einen Mord am Patriarchen. Benoit Blanc entdeckt zügig, dass Harlan Thrombeys junge Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas) eine Schlüsselrolle zukommt. Die Tochter einer Einwandererfamilie aus Ecuador genoss das uneingeschränkte Vertrauen des Bestsellerautors. Sie hat eine Eigenschaft, die sie für Blanc zur perfekten Unterstützerin macht …

Doch dann müssen drei Ermittler den Tod des Familienoberhaupts untersuchen

Eine Rolle spielen auch Wanetta „Nana“ Thrombey (K Callan), Harlan Thrombeys Mutter, deren Alter niemand mehr weiß, und Linda und Richard Drysdales Sohn Hugh Ransom (Chris Evans), der am Abend des Geburtstags nach einem Streit mit seinem Großvater wütend aus dem Haus stürmte. Eine weitere interessante Figur ist Walt Thrombeys minderjähriger Sohn Jacob, gespielt von Jaeden Martell, den wir aus der zweiteiligen Stephen-King-Verfilmung „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019) kennen. Leider bekommt er zu wenig Zeit, sich zu entfalten. Jacobs eher reaktionäre Einstellung hätte einiges hergegeben, so bleibt es bei ein paar Wortgefechten mit seiner freigeistigen Cousine Meg.

Von Hercule Poirot zu Sherlock Holmes

Puh, jetzt reicht es aber mit den Figuren. Immer diese Ensemble-Filme! Ich muss mir mal wieder ein Kammerspiel mit zwei Personen zum Rezensieren suchen. Ein paar Nebenrollen tauchen in „Knives Out – Mord ist Familiensache“ noch auf, aber das soll es zum Inhalt auch gewesen sein. Es entspinnt sich ein geradezu klassisch anmutendes Whodunit-Rätselspiel, bei dem das Publikum auf diverse Fährten und in die Irre geführt wird. Auch Benoit Blanc muss tief graben, aber er steht in bester Tradition eines Hercule Poirot, jenes von Agatha Christie ersonnenen belgischen Meisterdetektivs. Oder auch eines Sherlock Holmes, nennt er Marta doch spaßeshalber einmal sogar Watson.

Linda Drysdale und …

Auch wenn Blanc einen ganz anderen Typus verkörpert als Hercule Poirot, passt der Agatha-Christie-Vergleich doch insofern, als Rian Johnson 2010 in einem Interview bekannt hat, die Grande Dame der englischen Kriminalliteratur sehr zu lieben. In der Nacht zuvor erst sei ihm der Gedanke gekommen, einen schön altmodischen Krimi zu drehen: I haven’t told anyone this yet, but I was thinking last night it would be great to do an old fashioned murder mystery. Und so kam es zu „Knives Out“.

… ihr Bruder Walt sowie …

Nach knapp einer Stunde wird das Whodunit fürs Publikum plötzlich zu einem vermeintlichen Ende geführt – und dann geht es erst richtig los, und bald wissen wir nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Dabei gibt es ein paar entscheidende Hinweise, die wir serviert bekommen. Wer ausreichend Agatha Christie gelesen hat, hat es vielleicht leichter – ich habe das in der Tat, aber meine Lektüre zahlreicher ihrer Romane liegt lange zurück. Jedenfalls kommt es zu fein ausgeklügelten Wendungen, die viel Freude bereiten.

Weltpremiere beim Toronto International Film Festival

Gedreht wurde im letzten Quartal 2018 im US-Bundesstaat Massachusetts, seine Weltpremiere feierte „Knives Out – Mord ist Familiensache“ am 7. September 2019 beim Toronto International Film Festival. Ende November jenes Jahres folgte die US-Premiere mit flächendeckendem Kinostart, in Deutschland lief die Krimikomödie ab dem 2. Januar 2020 in den Lichtspielhäusern.

… Schwägerin Joni sind scharf aufs Erbe

Mit Agatha Christie im Kopf lieferte Rian Johnson tatsächlich einen sehr britisch wirkenden Krimi ab, auch wenn er in den USA spielt. Auch Szenenbild und Kulissen tragen zu dem Eindruck bei. Die genaue geografische Lokalisierung der Handlung im Film ist mir entgangen, vielleicht wurde sie gar nicht genannt. Vermutlich soll sich das Thrombey-Anwesen irgendwo in Massachusetts nicht allzu weit von Boston entfernt befinden.

Es gibt ein Publikum für raffinierte Krimikomödien

Bemerkenswert, dass in Zeiten solcher Larger-than-Life-Blockbuster wie den Filmen des Marvel Cinematic Universe und der „Fast & Furious“-Reihe ein solch dialoglastiges Ensemble-Krimiratespiel reüssieren kann. Für die Raffinesse, den feinen Humor und die scharfen Dialoge gibt es offenbar ein Publikum. Die spielfreudigen Stars trugen zweifellos ein Gutteil dazu bei, Menschen in die Kinos zu locken.

Gestatten: Blanc. Benoit Blanc

Da wir unbedingt wissen wollen, wie alle Fäden zusammenlaufen, vergehen die mehr als zwei Stunden auch wie im Flug. Auf subtile Weise streute Rian Johnson zu allem Überfluss ein paar gesellschaftliche Kommentare ein: Sicher nicht umsonst kommt die nach dem Erbe gierende US-Familie Thrombey nicht allzu gut weg, während wir mit der sympathischen Marta mitfiebern und ihr wünschen, aus dem Schlamassel heil herauszukommen. Eine Lateinamerikanerin! Was würde Donald Trump dazu sagen? Aber vermutlich würde er gar nicht so weit kommen, darüber nachzudenken, sondern nach einer halben Stunde aufstehen und gehen, weil ihn die Vielzahl der Figuren und der klug ersonnene Plot überfordern.

Wiedersehen bei James Bond

Ohne die Corona-Krise hätten wir Marta-Darstellerin Ana de Armas („Blade Runner 2049“) schon kurz nach „Knives Out“ an der Seite von Daniel Craig auf der großen Leinwand wiedersehen können: Die 1988 in Kuba Geborene spielt in „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ mit. Aktuell ist der Kinostart für den November angesetzt. Sowohl de Armas als auch Craig waren für ihre Parts in „Knives Out“ übrigens für einen Golden Globe nominiert – ebenso wie der Film. Rian Johnsons Originaldrehbuch erhielt sogar eine Oscar-Nominierung, unterlag aber dem koreanischen Sensations-Abräumer „Parasite“.

Pflegerin Marta steht im Zentrum des Geschehens

Manche Filme sind Kritikerlieblinge ohne großen Erfolg an den Kinokassen, manche sind Publikumslieblinge, an denen die Kritiker kaum ein gutes Haar lassen. Die geistreiche Krimikomödie „Knives Out – Mord ist Familiensache“ vereint beide Gruppen – und das völlig zu Recht. Und deshalb wird Daniel Craig den Privatdetektiv Benoit Blanc beizeiten erneut verkörpern. Rian Johnson wird erneut für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnen, viel mehr ist noch nicht bekannt. Freuen wir uns darauf!

Welche Absichten verfolgt Harlans Enkel Hugh Ransom?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Toni Collette und Jamie Lee Curtis haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Daniel Craig, Chris Evans, Christopher Plummer und Michael Shannon unter Schauspieler.

Wanetta „Nana“ Thrombey schaut sich das Ganze scheinbar unbeteiligt an

Veröffentlichung: 8. Mai 2020 als 2-Disc 4K Ultra HD Blu-ray (inkl. Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Knives Out
USA 2019
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Besetzung: Daniel Craig, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Toni Collette, Michael Shannon, Don Johnson, Ana de Armas, Katherine Langford, Christopher Plummer, LaKeith Stanfield, Noah Segan, Jaeden Martell, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, M. Emmet Walsh, K Callan, Raúl Castillo, nur Stimme: Joseph Gordon-Levitt
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Rian Johnson, Kameramann Steve Yedlin und Noah Segan (Schauspieler), entfernte Szenen, Rian Johnson: Planning the Perfect Murder, Meet the Thrombeys (Viral Ads), 3 Kinotrailer, Trailershow, nur Blu-ray: Kino-Kommentar von Rian Johnson, Multi-Part-Dokumentation „Making a Murder“, Director and Cast Q&A
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & 4K-UHD-Packshot: © 2020 Leonine

 
 

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Logan Lucky – Steven Soderbergh ist zurück

Logan Lucky

Von Simon Kyprianou

Thriller // 2013 hielt Steven Soderbergh auf dem San Francisco Film Festival eine vielbeachtete Rede über den aktuellen Zustand des Kinos und beschließt in als Filmemacher „in Rente“ zu gehen, sein letzter Film sollte der fürs Fernsehen inszenierte „Liberace – zu viel des Guten ist wundervoll“ werden. Vier Jahre später kehrt er mit „Logan Lucky“ doch wieder ins Kino zurück, sein nächster Film – der auf einem iPhone gedrehte „Unsane“ – ist auch schon fertig und wird auf der Berlinale Premiere feiern. Während seiner kurzen, selbst verordneten „Rente“ hat er zwei Staffeln seiner HBO-Serie „The Knick“ gedreht, von Ruhestand konnte also sowieso keine Rede sein.

Die Familie Logan zieht den Überfall gemeinsam durch

„Logan Lucky“ eignet sich gut für Soderberghs Kino-Rückkehr, für den Regisseur der „Oceans“-Reihe ist das Genre des Heist-Films bekanntes Terrain und man merkt dem Film Soderberghs Lust am Inszenieren an. Und sowieso ist das Genre des Heist-Movies ein sehr filmisches Genre, weil es so sehr um Beobachtung geht: die Beobachtung des Ortes, die Beobachtung der entscheidenden Mechanismen, die Beobachtung des Geldflusses – der Raubzug selbst ist dann wie eine Kettenreaktion, auch wunderschön zu beobachten. Und so unterschiedlich die Filme von Steven Soderbergh auch oft sind, sie verbindet, dass der Regisseur vornehmlich an Strukturen, Texturen, Kompositionen und Rhythmus interessiert ist und weniger an Dialogen oder Erklärungen. Folglich macht Soderbergh Kamera und Schnitt unter verschiedenen Pseudonymen auch selbst und auch das vermeintlich von der unbekannten Rebecca Blunt verfasste Drehbuch stammt angeblich von Soderbergh persönlich.

Überfall auf ein NASCAR-Büro

Natürlich erinnert „Logan Lucky“ inhaltlich und strukturell an die „Oceans“-Reihe, es ist eher der Kontext, den Soderbergh austauscht: Aus Las Vegas wird der heruntergekommene Süden, aus den Gentleman-Gangstern mit Charme und Geld werden die etwas dumpfbackigen, von Pech verfolgten Logan-Brüder. Jimmy (Channing Tatum) hatte eine große Karriere als Football-Star vor sich, aber eine Knieverletzung lässt den Traum platzen, jetzt ist der geschiedene Vater arbeitslos und pleite. Immerhin ist seine kleine Tochter obenauf, die eifrig an Schönheits- und Talentwettberwerben teilnimmt. Jimmys Bruder Clyde (Adam Driver) hat im Irakkrieg einen Arm verloren und jobbt als Barmann in einer kleinen Kneipe. Die Schwester Mellie (Riley Keough) arbeitet als Friseurin. Der verzweifelte Jimmy plant einen Überfall auf den Tresor einer NASCAR-Rennstrecke, er hat einen vermeintlich perfekten Plan. Aber dafür müssen sie zuerst den Sprengstoffprofi Joe Bang (Daniel Craig) aus dem Gefängnis holen.

Dafür brauchen sie die Hilfe von Joe Bang

Es ist ein schöner Film geworden, inszenatorisch sicher, Soderbergh erzählt ökonomisch und schnell. Nicht ganz so schön wie „Ocean 11“ oder „Ocean 12“, dafür ist er zu inkonsistent im Tonfall, verlässt sich dann doch nicht immer genug auf seine Bilder und ist immer im Zwiespalt zwischen dem strengen durchstrukturierten Aufbau, den kalten, distanzierten Beobachtungen und der Lockerheit, die von den Figuren kommt – als könne sich Soderbergh nicht entscheiden. Dafür dringt Soderbergh zu seinen Figuren durch und dreht mit „Logan Lucky“ zweifellos den witzigsten Film seiner Karriere, mit wunderbaren Schauspielleistungen, insbesondere von Adam Driver und Daniel Craig.

Filme über Trump-Wähler?

Oft wurde in Rezensionen zu „Logan Lucky“ angemerkt, Soderberghs Figurenpersonal stamme eben aus der gesellschaftlichen Schicht, aus der auch die Mehrheit der Trump-Wähler kommt, aus der weißen Unterschicht, die enttäuscht vom eigenen Land und den Lebensbedingungen ist. Es ist sicher begrüßenswert, dass sich Soderberghs Film diesen Menschen zuwendet, und das sehr emphatisch, ohne sie in ihrer Einfachheit bloßzustellen, aber es ist glücklicherweise auch nicht so, als würde Soderbergh einen aufdringlichen politischen Überbau konstruieren.

Der sitzt leider im Gefängnis

„Logan Lucky“ ist ein amüsanter Film, der sich aber leider zu jedem Zeitpunkt der Handlung so anfühlt, als bleibe er unter Sonderbergs Möglichkeiten, als verstünde der Regisseur ihn nur als Fingerübung. So oder so – jede von Soderberghs Regiearbeiten ist interessant, seine Rückkehr zum Kino erfreulich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Soderbergh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Hilary Swank in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Daniel Craig, Adam Driver und Channing Tatum unter Schauspieler.

Aber die Logan Brüder haben schon einen Plan

Veröffentlichung: 25. Januar 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K-UHD-Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Logan Lucky
USA 2017
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Rebecca Blunt
Besetzung: Channing Tatum, Adam Driver, Riley Keough, Daniel Craig, Katie Holmes, Katherine Waterston, Seth MacFarlane, Hilary Swank
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Making-of, Interviews
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2018 Studiocanal Home Entertainment

 

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James Bond 007 – Spectre: Der Held wird zum Mythos

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Spectre

Kinostart: 5. November 2015

Von Florian Schneider

Agenten-Abenteuer // Da ist er nun also, der voraussichtlich letzte Bond-Film mit Daniel Craig. Warum es meiner Meinung nach sogar mit Sicherheit sein letzter sein wird, sollte am Ende dieses Textes klar geworden sein.

Retrospektiv betrachtet ist mit „Spectre“ der große Masterplan hinter den vier Filmen klar zu erkennen, und es ist tatsächlich erstaunlich, wie klug diese Quadrologie, vor allem aus einer filmtheoretischen Perspektive, konzipiert ist und wie stimmig die einzelnen Teile aufeinander aufbauen.

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Wie immer unaufhaltbar: James Bond

Zum näheren Verständnis des Masterplans ein kurzgehaltener Exkurs in die Theorie der Genregeschichte:

Phase 1: Klassischer Genrefilm

Das Grundgerüst eines Filmgenres wird definiert, genrespezifische Handlungsmuster und Charaktere werden ausgearbeitet, eine genre-immanente Filmsprache etabliert sich.

Phase 2: Fortschreibung des klassischen Genrefilms

In dieser Phase finden die in Phase 1 gelernten Muster ihre Anwendung und erfahren erste Steigerungen und Radikalisierungen, etwa bezüglich einer Stereotypisierung der Charaktere oder einer Fokussierung auf bestimmte Handlungselemente.

Phase 3: Moderner Genrefilm

Zahlreiche Elemente des klassischen Genrefilms sind stark radikalisiert, Narration und Bildsprache unterliegen einer starken Selbstreflexion – der moderne Genrefilm ist in hohem Maße selbstreferenziell. Zahlreiche etablierte Handlungsmuster werden in übersteigerter Form dargeboten oder an ein historisches Ende gebracht, so zum Beispiel im Western beim Abgesang an den Wilden Westen und seinem klassischen Verständnis von Gut und Böse.

Phase 4: Postmoderner Genrefilm

Mit dem modernen Genrefilm ist die Fortschreibung der Genregeschichte an ein historisches Ende gekommen. Was in der postmodernen Phase geschieht, ist posthistorisch und damit mythisch, rein selbstreferenziell und oftmals stark ironisiert.

Wunderbarerweise arbeiten sich die Macher der letzten vier Bondfilme, also der Filme mit Daniel Craig als 007, beinahe sklavisch an diesem Schema ab.

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Ein Bond-Girl wie aus dem Bilderbuch: Madeleine Swann

„Casino Royale“ ist der Prototyp eines klassischen Agentenfilms. Als hätte es keinen Bond-Film vorher gegeben, wird unser Held als 007-Agent erst inthronisiert und von seiner Genre-Umgebung in seiner Handlungsweisen und charakterlich geprägt.
In „Ein Quantum Trost“ kennen wir diesen speziellen James Bond bereits, auch er selbst scheint zu wissen, was ihn im Lauf der Handlung erwartet. In Bezug auf die gesamte Serie ist „Ein Quantum Trost“ damit stereotyp und von den Filmen der Quadrologie damit vielleicht folgerichtig der einzige langweilige Stinker (vergleichbar mit den Dalton- und teilweise auch mit den Brosnan-Filmen in der Gesamtserie).

Mit „Skyfall“ an sich am Ende angelangt

„Skyfall“ hingegen führt die mit „Casino Royale“ begonnene Geschichte eigentlich schon an ihr Ende und setzt damit voraus, dass die lediglich mit „Ein Quantum Trost“ praktizierte Fortschreibung der klassischen Geschichten tatsächlich viel umfangreicher ist – was sie ja mit den Bond-Filmen vor der Ära „Craig“ im Bewusstsein der Zuschauer auch wirklich ist. Über diesen Umweg funktioniert das Bild eines in die Jahre gekommenen und müden Helden, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird und daran beinahe zugrunde geht.

Mit „Spectre“ in die Postmoderne

„Spectre“ wiederum hat diesen Abgesang bereits hinter sich: Bond ist jetzt postmoderner Mythos, die „Bond-Frau“ ist (Léa Seydoux) lediglich eine Art Zitat zahlreicher bisheriger Gespielinnen unseres Helden, Bösewicht Oberhauser (Christoph Waltz) ist natürlich eine Inkarnation des bekanntesten Superschurken, der wahren Nemesis Bonds: Ernst Stavro Blofeld. Auch wird in „Spectre“ die Geschichte James Bonds nicht einfach durch eine weitere Handlungsvariante fortgeschrieben (oder wiederholt), vielmehr ist die gesamte Handlung gespickt mit Zitaten etlicher Vorgängerfilme und damit eigentlich eine Collage aus bereits Geschehenem und Gesehenem.

Oberhauser = Blofeld

Das ist auf einer Metaebene durchaus amüsant, aber natürlich für einen eigenständigen Film nicht ausreichend. Deshalb gibt es auch in „Spectre“ eine Art eigener Geschichte, in der Blofeld alias Oberhauser mit seinem Verbrechersyndikat (S.P.E.C.T.R.E) nicht nur versucht, sich an James Bond zu rächen und ihn dabei auf perfide Weise zu töten, sondern eine Art Weltherrschaft anstrebt, indem er die Kontrolle über ein gemeinsames Computernetzwerk aller bedeutenden Geheimdienste zu erlangen versucht. Auch das Ende ist übrigens ein Zitat aus einem früheren Bond-Film – aus welchem genau, wird hier selbstverständlich nicht verraten.

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Superschurke: Blofeld alias Oberhauser

„Spectre“ ist hinsichtlich seiner Bedeutung für die Quadrologie und damit für die Bond-Reihe insgesamt ein äußerst intelligenter Vertreter seiner Zunft, der außerdem mit hohen Schauwerten und überdurchschnittlichen Darstellern zu überzeugen weiß.

Und wie geht es jetzt weiter? Mein nicht allzu gewagter Tipp: Die Konsequenzen, die sich durch die Ära Daniel Craig ergeben haben, nämlich, dass die Geschichte unseres Helden mit „Skyfall“ zu Ende erzählt und mit „Spectre“ final resümiert wurde, diese Konsequenzen werden geflissentlich ignoriert werden und es wird wieder heißen: „Mein Name ist Bond, James Bond.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Naomie Harris haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Daniel Craig, Ralph Fiennes und Christoph Waltz unter Schauspieler.

Länge: 148 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Spectre
GB/USA 2015
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
Besetzung: Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Ralph Fiennes, Monica Bellucci, Naomie Harris, Ben Whishaw, Andrew Scott, Rory Kinnear, Jesper Christensen
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH

Copyright 2015 by Florian Schneider

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

 

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