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Danny Boyle (V): Yesterday – Eine Welt ohne die Beatles

Yesterday

Kinostart: 11. Juli 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Musikkomödie // Wenn man nur einen positiven Aspekt von Danny Boyles fantasievoller Beatles-Hommage hervorheben möchte, dann den, dass es dem englischen Filmemacher gelungen ist, uns in etlichen Szenen an die Magie der wunderbaren Lieder der Fab Four zu erinnern. Nicht, dass wir sie vergessen haben könnten, aber wir nehmen all diese großartigen Melodien vielleicht als viel zu selbstverständlich hin. Besonders fiel mir das in einer Szene auf, in der der verkrachte Singer-Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) seinen Eltern Sheila und Jed (Meera Syal, Sanjeev Bhaskar) seine neueste Komposition vorspielen will und dabei immer wieder gestört wird. Titel des Songs: „Let It Be“ …

Die neue Gitarre muss mit „Yesterday“ eingeweiht werden

Aber der Reihe nach: Mit seiner Klampfe tingelt Jack seit Jahren durch die englische Provinz, in der er lebt. Hier ein Pub-Auftritt, dort sogar mal ein Festival, wenn auch nur im kleinen Zelt ohne Publikum, wenn man von seiner kleinen Clique absieht. Als Managerin, Fahrerin und überhaupt Mädchen für alles fungiert Ellie (Lily James), die ihn leidenschaftlich anhimmelt, seit er als Jugendlicher beim Schulfest „Wonderwall“ von Oasis performte.

Stromausfall fegt die Beatles hinfort

Nach besagtem Festival zieht Jack die Reißleine und beschließt, dass der Traum von der Karriere als Musiker ausgeträumt ist. Als er spätabends auf dem Fahrrad unterwegs ist, ändert ein zwölfsekündiger, weltweiter Stromausfall einiges: Jack wird von einem Bus angefahren. Als er erwacht, fehlen ihm zwei Zähne und sein Vollbart, weshalb sich Ellie erst mal über ihn lustig macht. Da seine Gitarre bei dem Unfall zerstört wurde, schenkt sie ihm ein neues, sehr schönes Instrument, was zum Einstieg nach einem besonderen Lied verlangt: „Yesterday“. Ellie und die anderen sind hingerissen. Weshalb hat ihnen Jack diese bewegende Komposition bislang vorenthalten? Der chronisch erfolglose Musiker glaubt sich verhohnepiepelt, bis er daheim im Internet nach den Beatles sucht: Offenbar hat es die vier Pilzköpfe aus Liverpool nie gegeben. Jack fällt aus allen Wolken: Niemand außer ihm kennt all diese wunderbaren Songs. Bald reift in ihm ein cleverer Plan. Aus seinem Gedächtnis kramt er so viele Beatles-Titel hervor, wie ihm nur einfallen, und er versucht, Text und Noten zu rekonstruieren. An „Eleanor Rigby“ beißt er sich lange die Zähne aus.

Ed Sheeran (r.) mag Jack Maliks Songs

Nachdem Jack ein paar „seiner“ neuen Kompositionen lokal veröffentlicht hat, klingelt eines Abends sein Handy. Ein gewisser Ed Sheeran zeigt sich interessiert. Jack glaubt an einen Scherz und wimmelt den Anrufer ab, doch bald steht Ed Sheeran leibhaftig vor seiner Tür. Von dort bis zum Supportauftritt in Moskau und einem Vertrag mit Sheerans so ehrgeizigen wie kaltherzigen Managerin Debra Hammer (Kate McKinnon) ist es nicht mehr weit. Weil Ellie ihr Job als Lehrerin am Herzen liegt, engagiert Jack kurzerhand seinen leichtlebigen und großmäuligen Kumpel Rocky (Joel Fry) als Roadie und Mädchen für alles. Bald winkt der Weltruhm.

Drehbuch von Richard Curtis

Danny Boyle verfilmte das Drehbuch von Richard Curtis, der seine Skripts ansonsten auch gern selbst inszeniert. Wer gibt sich nicht zu Weihnachten hemmungslos der Romantik von „Tatsächlich … Liebe“ (2003) hin? Mit „Radio Rock Revolution“ (2009) hat Curtis auch schon Erfahrung mit Musik im Kino gesammelt, in „Alles eine Frage der Zeit“ (2013) verband er eine romantische Liebesgeschichte mit einer schönen Fantasy-Prämisse. Beste Voraussetzungen also für einen herzerwärmenden Wohlfühlfilm, und so ist es dann auch gekommen.

Managerin Debra wittert einen Reibach und eine neue Villa

Natürlich muss man sich auf die Prämisse einlassen können, dass die Beatles aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind, aber es gibt ausreichend absurdere Plots, sodass das kein echtes Problem darstellen sollte. Als ich erstmals die Story von „Yesterday“ las, fragte ich mich, wie Richard Curtis und Danny Boyle wohl mit dem unermesslichen Einfluss umgehen, den die Fab Four auf die Musikwelt hatten und haben, was beispielsweise mit einer Band wie Oasis wäre. Und siehe da: Auch Oasis sind verschwunden, so weit, so logisch. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach sind allerdings auch Coldplay durchaus Beatles-beeinflusst – und die Band existiert im Universum nach dem Stromausfall weiterhin. Selbst Ed Sheeran hat die Beatles als eine seiner größten Inspirationsquellen genannt, in einer Welt ohne die Pilzköpfe wäre vielleicht auch er kein Star. Aber ich will da mal nicht päpstlich sein. Weshalb es Coca-Cola nicht mehr gibt, dafür findet Jack Malik keine Erklärung. Irgendwie hängt eben alles miteinander zusammen. Vielleicht hat erst Coca-Cola auf unergründliche Weise die Entstehung der Beatles beeinflusst, und als der Stromausfall das Koffein-Zucker-Gesöff von der Erdoberfläche tilgte, verschwanden logischerweise eben auch die Beatles. Aber ich spekuliere hier viel mehr, als „Yesterday“ das tut. Danny Boyle nötigt uns, das Verschwinden einiger Elemente der Popkultur einfach hinzunehmen. Das wird Raucher und Harry-Potter-Fans womöglich hart treffen …

Mit Songs wie „Here Comes the Sun“ wird Jack zum Phänomen

Lily James („Cinderella“, „Baby Driver“) verzaubert als Ellie nicht nur Jack, auch wenn er es lange Zeit nicht bemerkt, sondern auch das Publikum. Man möchte den Sänger schütteln, damit er endlich rafft, was Sache ist. Himesh Patel ist hierzulande wenig bekannt, im Vereinigten Königreich hat er von 2007 bis 2016 in der langlebigen Serie „EastEnders“ mitgewirkt. Er gibt den Normalo, an dessen Äußerem gern herumkritisiert wird, insbesondere Managerin Debra (Kate McKinnon) nimmt in der Hinsicht kein Blatt vor den Mund und lässt nichts unversucht, das Image ihres neuen Schützlings aufzupolieren. Ed Sheeran spielt auf sympathische Weise sich selbst und lässt sich auch ein wenig – nicht zu sehr – durch den Kakao ziehen, als Jack Maliks Karriere die seine pulverisiert. Die Comedy-erfahrene Kate McKinnon („Ghostbusters“, „Saturday Night Live“) füllt ihren skrupellosen Part als Managerin mit viel Verve aus und ist sich nicht zu schade, ein echtes Biest zu sein. Die Musikindustrie kriegt nicht nur damit ihr Fett weg, sondern auch mit einem enorm wichtigen Meeting der Plattenfirma in Los Angeles, bei dem alle Anwesenden jeden Satz des Marketingchefs (Lamorne Morris) beklatschen, weil sie sich letztlich alle selbst toll finden. Herrlich, wie der Redner Jack Maliks Titelvorschläge fürs kommende Album in der Luft zerreißt: „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“? Viel zu lang. „The White Album“? Da mangelt es an Diversität. „Abbey Road“? Eine unbedeutende Straße.

Nichts für Zyniker: „Here Comes the Sun“

Den gehörigen Wohlfühlfaktor von „Yesterday“ kann man natürlich kritisieren, aber musikalische Meisterstücke wie „Here Comes the Sun“, „The Long and Winding Road“ und der Titelsong eignen sich nun mal nicht für Zynismus. Wenn Jack Malik den Tipp bekommt, „Hey Jude“ in „Hey Dude“ umzutiteln (von wem kommt der wohl?), bleibt kein Auge trocken, die Gagdichte ist fast ebenso hoch wie die der großen Gefühle. Wer einige Sequenzen kitschig findet, liegt völlig richtig, erinnert euch an meine Worte, wenn Ihr beim Auftritt im Wembley-Stadion angekommen seid. Aber wer mag nicht ab und zu eine Prise Kitsch? Und dann ist da noch der kurze Gastauftritt von Robert Carlyle, bei dem Danny Boyle die Gefühlsklaviatur voll ausspielt.

„Hey Dude“ existiert!

Fun Fact am Rande: Eine Coverversion mit dem Titel „Hey Dude“ gibt es wirklich. Sie stammt von der Band Beatallica, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Musik der Beatles mit dem Sound von Metallica zu verbinden. Dabei modifiziert sie auf augenzwinkernde Weise auch die Texte. „Hey Dude“ findet sich auf dem 2007er-Debütalbum „Sgt. Hetfield’s Motorbreath Pub Band“.

Am Scheideweg: Jack und Ellie

Irgendwann legen das Drehbuch und damit Danny Boyles Regie den Fokus verstärkt auf die Lovestory zwischen Jack und Ellie, was einige rührende Momente mit sich bringt, bei denen nur herzlose Gesellen cool bleiben. Die Fantasy-Prämisse rückt dann etwas in den Hintergrund. Ich hätte eine Welt ohne Beatles-Songs gern noch etwas ergründet, der Gedanke gibt sicher einige Ideen her, birgt aber auch Gefahren in Form riesengroßer Logiklöcher. Vielleicht wollten Curtis und Boyle das vermeiden. Der Flughafen von Liverpool immerhin heißt bei ihnen schlicht Liverpool Airport und nicht, wie in unserer Welt, Liverpool John Lennon Airport.

Wohlfühlfilm vom „28 Days Later“-Regisseur

Was soll ich groß herumreden – „Yesterday“ ist ein Wohlfühlfilm. Nicht unbedingt Danny Boyles Kerndisziplin, von Richard Curtis kann man das schon eher behaupten. Aber der Regisseur von heftigen Werken wie „Trainspotting – Neue Helden“, „The Beach“ und „28 Days Later“ meistert die Aufgabe mit Unterstützung seines Drehbuchautors, als hätte er nie etwas anderes getan. Das Projekt lag Boyle offenbar so sehr am Herzen, dass er dafür die Regie des 25. Bond abgab. Also lasst Nihilismus, Zynismus und Misanthropie zu Hause und lasst euch von „Yesterday“, all den anderen tollen Beatles-Songs und einem spielfreudigen Ensemble verzaubern!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Lily James und Robert Carlyle unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Weltruhm

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Yesterday
GB/USA 2019
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Richard Curtis
Besetzung: Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran, Kate McKinnon, Joel Fry, Sophia Di Martino, Ellise Chappell, Meera Syal, Harry Michell, Vincent Franklin, Michael Kiwanuka, Karma Sood, Gus Brown, Sanjeev Bhaskar, Karl Theobald, Alexander Arnold, Dominic Coleman, Lamorne Morris, Robert Carlyle
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH (erstes, zweites und fünftes Foto: Jonathan Prime)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2019/07/09 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Danny Boyle (IV): T2 Trainspotting – Fast so wie damals

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T2 Trainspotting

Kinostart: 16. Februar 2017

Von Andreas Eckenfels

Drama // Choose Life. Ende der 90er-Jahre durfte es in keiner Studentenbude fehlen: ein weiß-orangenes „Trainspotting“-Plakat an der Wand. Ich selbst hatte mich nicht für das klassische Motiv der vier beziehungsweise fünf Hauptfiguren – wenn man Diane (Kelly Macdonald) mitzählt – in ihren Posen entschieden, sondern für ein Standbild der Szene, als Renton (Ewan MacGregor) aus der „dreckigsten Toilette Schottlands“ wieder auftaucht. Selbstredend lief auch der Soundtrack inklusive Iggy Pops „Lust for Life“ hoch und runter, nach durchzechter Nacht holte Lou Reeds „Perfect Day“ einen langsam wieder in den Alltag zurück. Keine Frage, Danny Boyle hat aus dem Roman von Irvine Welsh einen echten Kultfilm geschaffen, ein bitteres und dreckiges Porträt der britischen Jugend und der Generation X.

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Renton (l.) und Spud blicken über ihre Heimatstadt

21 Jahre nach „Trainspotting – Neue Helden“ ist nun doch noch die nicht mehr für möglich gehaltene Fortsetzung mit der kompletten Originalbesetzung entstanden. Danny Boyle fasste auf der Pressekonferenz während der Berlinale, wo „T2 Trainspotting“ im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wurde, die Gründe für die lange Wartezeit zusammen – schließlich war Welshs Nachfolgeroman „Porno“ bereits 2002 veröffentlicht worden. Nach vier gemeinsamen Filmen hatte es 2000 zwischen Boyle und MacGregor zum zeitwilligen Bruch geführt: Statt seinem Kumpel entschied sich der Regisseur, Leonardo DiCaprio für die Hauptrolle in „The Beach“ zu besetzen. John Hodge wurde zwar schon früh beauftragt, ein Drehbuch zu „Porno“ zu verfassen, welches aber niemanden wirklich zufriedenstellte. Wie Boyle erklärt, wurde das fertige Skript noch nicht mal an die Darsteller verschickt. So verging die Zeit. Erst 2014 reiften die Pläne, endlich das Sequel zu verwirklichen. „T2 Trainspotting“ greift dabei nur sehr minimal einige Aspekte von „Porno“ auf. Im Grunde ist es eine komplett eigenständige Handlung.

Rückkehr nach Edinburgh

20 Jahre nachdem Renton seine Freunde Sick Boy (Jonny Lee Miller), Spud (Ewen Bremner) und Begbie (Robert Carlyle) übers Ohr gehauen hat und mit einer Tasche voller Drogengeld nach Amsterdam geflüchtet ist, kehrt er nach Edinburgh zurück. Während sich die Innenstadt inzwischen für Touristen herausgeputzt hat, ist der Stadtteil Leith, in dem er aufgewachsen ist, noch immer vergammelt wie und je. Auch sonst hat sich kaum etwas verändert: Spud hängt nach wie vor an der Nadel; Sick Boy führt eine Kneipe und versucht mit der Hilfe seiner bulgarischen Freundin Veronika (Anjela Nedyalkova), zahlungskräftige Ehemänner mit Sexfotos zu erpressen.

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Anstoßen auf die alten Zeiten

Nachdem die Freunde die Friedenspfeife geraucht haben, eröffnet der geschäftstüchtige Sick Boy, dass er seine Kneipe in ein Bordell umfunktionieren will. Mit ein paar kleinen Gaunereien besorgen er und Renton das nötige Startkapital. Während die Umbauarbeiten beginnen, gelingt Begbie die Flucht aus dem Knast. Der alkoholsüchtige Schläger ist auf Renton überhaupt nicht gut zu sprechen und macht sich auf die Jagd nach seinem alten Freund.

Schwelgen in alten Zeiten

„You are a tourist in your own youth“, sagt Sick Boy einmal zu Renton. „What other moments will you be revisting?“. Ja, die Nostalgiewelle schäumt in „T2 Trainspotting“ schon fast über. Das funktioniert, wenn wir die Freunde als Kinder sehen und durch kleine Ausschnitte, die wir noch nicht kannten, mehr aus ihrem Leben erfahren. Auch durch die Musik und einige Szenen werden Erinnerungen an die großen Momente des ersten Teils wachgerufen.

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Nicht alle Gaunereien von Renton und Sick Boy sind von Erfolg gekrönt

Doch dieses Schwelgen in alten Zeiten geht sogar so weit, dass ganze Passagen aus dem Vorgänger erneut gezeigt werden. Boyle traut den Zuschauern etwas zu wenig zu. Dabei dürften die Bilder aus „Trainspotting“ im kollektiven Gedächtnis der Filmfans doch fest verankert sein. Ärgerlich ist es auch, wenn Renton der jungen Veronika die Bedeutung seines legendären „Choose Life“-Monologs haarklein erklärt. Immerhin überträgt er diese für sie auf die heutige, von sozialen Netzwerken und Medien geprägte Generation. Es bleibt einer der wenigen Bezüge zur Gegenwart. Die Figuren leben ansonsten in der Vergangenheit und müssen gleichzeitig damit klarkommen, dass sie Mitte 40 sind, aber keine Ahnung haben, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollen. Das ist das eigentlich spannende Thema in „T2 Trainspotting“.

Irrwitzige Situationen

Die Fortsetzung wäre nach all den Jahren nicht zwingend nötig gewesen und kann dem Vorgänger auch nicht das Wasser reichen. Dennoch schauen wir beim Wiedersehen sehr gern zu. Visuell fällt Boyle wieder einiges ein, auch der Soundtrack stimmt. Die Figuren versprühen dank ihrer Darsteller noch immer die gleiche Energie. Renton und Sick Boy geraten immer wieder in irrwitzige Situationen, der schlaksige Spud scheint das Pech noch immer gepachtet zu haben – bis er seine poetische Ader entdeckt. Begbie schließlich ist noch immer der furcheinflößende Hypochonder, dem jederzeit die Sicherungen durchbrennen können. Renton muss nach einer erneut denkwürdigen Toilettenszene um sein Leben rennen und wird dabei fast von einem Auto angefahren, was er schweratmend mit seinem bekannten grinsenden Blick in die Windschutzscheibe quittiert – fast so wie damals.

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Lebensgefahr: Begbie (r.) entdeckt Renton

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Robert Carlyle und Ewan McGregor in der Rubrik Schauspieler.

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Die Gang ist wieder vereint

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: T2 Trainspotting
GB 2017
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge, Irvine Welsh
Besetzung: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova, Kelly Macdonald, Gordon Kennedy, James Cosmo, Steven Robertson
Verleih: Sony Pictures Germany

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Sony Pictures Germany

 

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Danny Boyle (III): Lebe lieber ungewöhnlich – Wilder Ritt durch die Genres

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A Life Less Ordinary

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Komödie // Nach seinen Kultfilmen „Kleine Morde unter Freunden“ und „Trainspotting“ rief Hollywood und Danny Boyle brachte gleich einen Teil seines bewährten Teams mit über den großen Teich: Ewan MacGregor übernahm an der Seite von Cameron Diaz die Hauptrolle in „Lebe lieber ungewöhnlich“. Das Drehbuch stammte von John Hodge, der zuvor für das Skript zu „Trainspotting“ eine Oscar-Nominierung erhalten hatte, und Andrew Macdonald widmte sich auch in Boyles drittem Spielfilm dem Posten des Produzenten.

Schicksal oder Zufall?

Auch im Himmel herrscht nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen: Gott ist über die ständigen Eskapaden der Menschheit ganz und gar nicht erfreut. Besonders die überaus hohe Scheidungsrate seiner Schäfchen bereitet ihm Kummer. Um das Ganze in den Griff zu kriegen, setzt er seine Engel gehörig unter Druck. Das bekommen Jackson (Delroy Lindo) und O’Reilly (Holly Hunter) gleich zu spüren: Wenn sie das nächste Paar nicht auf immer und ewig zusammenbringen, bleiben für die Engel die Himmelspforten geschlossen. Sie müssen auf der Erde bleiben, verkündet Erzengel Gabriel (Dan Hedaya) ihnen die ungemütliche Nachricht.

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Millionärstöchterchen Celine ist verwöhnt und gelangweilt

Ihr Auftrag könnte schwieriger nicht sein: Das zukünftige Paar kennt sich noch nicht einmal, außerdem kommen sie aus zwei unterschiedlichen sozialen Schichten. Putzmann Robert (Ewan MacGregor) wurde gerade gefeuert, Celine (Cameron Diaz) ist die Tochter seines Arbeitgebers (Ian Holm). Als Robert nach seiner Entlassung wütend das Büro seines Chefs stürmt und dort Celine kurzerhand als Geisel nimmt, wittern Jackson und O’Reilly ihre Chance. Wenn sich Entführer und Entführte in ständiger Lebensgefahr befinden, verlieben sie sich garantiert ineinander. Somit machen sich die Engel als vermeintliche Auftragskiller auf die Jagd nach Robert und Celine, um sie glücklich zu vereinen …

Zwei perfekte Duos

Die Liebe geht häufig seltsame Wege. Aber ist sie schicksalhaft vorherbestimmt oder reiner Zufall? Die ewige Frage kann Boyle final auch nicht beantworten, aber Houghs fintenreiches Drehbuch, der rabenschwarze Humor und zwei spielfreudige Darsteller-Duos sorgen dafür, dass ich damals wie heute von „Lebe lieber ungewöhnlich“ begeistert bin. Ewan MacGregor – ob die furchtbare Frisur im Film Absicht war? – harmoniert bestens mit der damaligen Newcomerin Cameron Diaz, die kurz zuvor in „Die Hochzeit meines besten Freundes“ ihren Durchbruch gefeiert hatte.

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Ihr Freund Elliot muss für eine Wilhelm-Tell-Nummer herhalten – mit schmerzhaften Folgen

MacGregor gibt den naiven Träumer, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Diaz ist perfekt besetzt als verwöhntes, aber gelangweiltes Millionärstöchterchen Celine, das gern dem verhassten Vater eins auswischen will und Robert erklärt, wie eine Entführung eigentlich vonstatten geht. Dazu brilliert Holly Hunter als mörderischer Engel mit Delroy Lindo, der als weichmütiger Jackson die bewegendsten Liebesbriefe schreibt. In kleinen Rollen sind übrigens Timothy Olyphant („The Crazies – Fürchte deinen Nächsten“) als Anhalter und „Monk“-Star Tony Shalhoub zu entdecken.

Der Soundtrack spielt mit

Wie bei Danny Boyle üblich, dient ihm die Musik nicht nur als reine Hintergrundberieselung. Boyle integriert sie direkt in die Handlung und sorgt durch diese Verbindung wieder einmal für unvergessliche Filmszenen: Das Pendant zur „Trainspotting“-Eröffnungssequenz und Iggy Pops „Lust For Life“ bildet diesmal eine Verfolgungsjagd, die von R.E.M.s „Leave“ vorangetrieben wird. Mit einer gezielt eingesetzten Pause steigert Boyle perfekt die Spannung, nur um die Szene mit dem Wiedereinsetzen des Songs auf einen rasanten Höhepunkt zusteuern zu lassen.

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Putzmann Robert nimmt Celine als Geisel

Neben einer wunderbaren Karaokeszene, in der MacGregor und Diaz „Somewhere Beyond the Sea“ von Bobby Darin samt Tanzeinlage zum Besten geben, sind unter anderem Beck, Faithless, Ash und Elvis Presley auf dem Soundtrack vertreten.

Boyles Flop kostet kreative Freiheit

Mit einem schwindelerregenden Tempo springt Boyle durch alle Genres und orientiert sich dabei an einigen Klassikern: Der Himmel als Schauplatz gehört ins Reich der Fantasy, wie es in den 40er-Jahren etwa in „Irrtum im Jenseits“ gang und gäbe war, die herrlich gewitzten Zankereien zwischen MacGregor und Diaz erinnern an die Screwball-Komödien der 30er-Jahre wie etwa in „Es geschah in einer Nacht“. Dazu finden sich in „Lebe lieber ungewöhnlich“ Elemente des Road-Movies, Thrillers und der Romanze. Zum Abschluss wird der Epilog in Form eines Knetanimationsfilms erzählt. Da ist doch für jeden etwas dabei – eigentlich.

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Mit extremen Mitteln versuchen die Engel O’Reilly und Jackson, das ungleiche Paar zusammenzubringen

Denn der wilde Ritt durch alle Genres schmeckte vielen nicht, offensichtlich war das Kritikern und Zuschauern einfach zu ungewöhnlich. In den USA spielte der Film bei einem Budget von zwölf Millionen US-Dollar nur 4,3 Millionen ein. In Deutschland strömten 1998 immerhin knapp über 400.000 Zuschauer ins Kino. Die Folgen des miesen Einspielergebnisses bekam Boyle bereits bei seinem zweiten US-Film zu spüren. Seine kreative Freiheit, die er bis „Lebe liebe ungewöhnlich“ noch genoss, wurde bei „The Beach“ von den Hollywoodbossen stark eingeschränkt, wie der Regisseur in einem Interview berichtete.

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Liebe siegt immer – oder?

Ein kurzes Wort zum Bildformat: Boyle drehte den Film im „Super 35“-Verfahren, bei dem die gesamte Negativfläche belichtet wird. Dadurch kann der Film ohne seitliche Beschneidung in verschiedenen Seitenverhältnissen abgespielt werden. Auf der Blu-ray von Koch Films ist die 2.35:1-Fassung enthalten, Boyles bevorzugtes Superbreitbildformat – also so, wie „Lebe lieber ungewöhnlich“ auch im Kino lief. Im Bonusmaterial ist der Film zusätzlich in SD-Qualität sowohl im Bildformat 1.33:1 als auch 1.85:1 Open Matte zu finden. Diese waren bereits auf den bisherigen DVD-Versionen vertreten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ewan McGregor in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 14. April 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Life Less Ordinary
GB/USA 1997
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Besetzung: Ewan MacGregor, Cameron Diaz, Holly Hunter, Stanley Tucci, Delroy Lindo, Ian Holm, Tony Shalhoub
Zusatzmaterial: Trailer, Interview mit Cast & Crew, Making-of, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial und Fotos vom Set, 1.33:1 sowie 1.85:1 Open Matte Fassungen des Films in SD
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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