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David Cronenberg (VII): Die Fliege – Bäh, Igitt, großartig

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The Fly

Von Matthias Holm

SF-Horror // Laut dem „Lexikon der Filmbegriffe“ der Universität Kiel definiert sich der Body-Horror durch „die radikale, in der Regel destruktive Veränderung des (fast immer menschlichen) Körpers“. In diesem Subgenre war und ist David Cronenberg ein absoluter Meister – das bewies er schon 1981 mit „Scanners – Ihre Gedanken können töten“. Fünf Jahre später sollte Cronenberg dies mit einem Remake sogar auf die Spitze treiben.

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Der Teleportations-Selbstversuch …

Seth Brundle (Jeff Goldblum) scheint vor einem wahren wissenschaftlichen Durchbruch zu stehen – er hat einen Teleporter gebaut, der sogar funktioniert. Die Journalistin Veronica (Geena Davis) ist von der Maschine begeistert – und von ihrem Erfinder. Allerdings macht Veronicas Ex Stathis (John Getz) ihr immer noch Avancen. An einem feucht-fröhlichen Abend überschreitet Seth eine Grenze – im Selbstversuch steigt er in seine Erfindung. Was er nicht bemerkt: Eine Fliege hat sich mit ihm in die Teleportationskammer verirrt. Vermeintlich unverändert entsteigt Seth der zweiten Kammer des Geräts, doch bald bemerkt der Wissenschaftler, dass sich sein Körper langsam verändert.

„Wo bleibt der Horror?“

Es ist bemerkenswert, wie Cronenberg die Klaviatur des Schreckens beherrscht. Nach einiger Zeit während der Sichtung wurde ich gefragt, warum der Film denn unter dem Genre Horror liefe. „Abwarten“, war meine Antwort. Gegen Ende war dann klar, weswegen der Film auch bis heute noch schockiert. Aber der Reihe nach.

Der Zuschauer wird direkt in den Film geschmissen. Sofort sieht man die beiden Protagonisten in einem Gespräch, innerhalb kürzester Zeit werden die Figuren charakterisiert. So kann sich Cronenberg voll und ganz darauf konzentrieren, das Verhältnis der beiden zu vertiefen, sie wachsen dem Zuschauer ans Herz

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… hat fatale Folgen …

Umso tiefer dann der Fall, wenn sich das Grauen in den Film schleicht. Erst fühlt sich Seth großartig, er fühlt sich wie neu. Schon hier zeigt sich ein Element des Body-Horrors – beim Teleportieren wird der Wissenschaftler nämlich in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Was für Brundle vorerst einen Reinigungsprozess darstellt, ist für die Zuschauer bereits der erste Schritt in seinen Untergang.

Verwandlung des Grauens

Ab diesem Punkt kann Cronenberg komplett aufdrehen. Seth Brundles Verwandlung zur „Brundlefly“ ist bis heute beispiellos. Die Arbeit, die in die praktischen Effekte gegangen ist, zahlt sich auch heute noch aus, gerade die Entfernung einzelner Körperteile wirkt fast schon grotesk im Grauen. Für ihr Make-up erhielten Chris Walas und Stephan Dupuis dann auch folgerichtig den Oscar, Walas durfte drei Jahre später die Fortsetzung inszenieren.

Darüber hinaus bewegt sich das Grauen auf einer weiteren Ebene: Die Beziehung, die Veronica und Seth aufgebaut haben, wird durch das Experiment komplett zerstört, sie will am Ende gar alles von ihm von sich weisen – im wahrsten Sinne des Wortes. Manie bei der Arbeit als Untergang einer Beziehung.

Hinfort mit Hemmungen – und Körperteilen!

Im Finale fällt die menschliche Hülle von der „Brundlefly“ und damit auch jegliche verbliebene Hemmung von Cronenberg. Weggeätzte Körperteile, menschliche Überreste – kein Wunder, dass die ungekürzte Fassung hierzulande eine Freigabe ab 18 Jahren hat. Das ist alles enorm widerlich und eklig – aber eben auch faszinierend. Am Ende gibt es auch keine Extrawurst für die Überlebenden. Wo in heutigen Filmen immer noch ein Epilog hinterhergeschoben wird, werden nach dem finalen Stoß in „Die Fliege“ sofort die Credits eingeblendet. Ekelhaft, abstoßend – grandios.

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… und gebiert ein Monster

Remakes werden oft kritisiert – vielfach zu Recht. Was David Cronenberg jedoch aus Kurt Neumanns 1958er-Klassiker mit Vincent Price gemacht hat, verdient höchstes Lob. Ein meisterhaftes, ganz eigenständiges und verstörendes Werk.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jeff Goldblum unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. Mai 2008 als Blu-ray, 19. September 2005 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Fly
USA/GB/KAN 1986
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Charles Edward Pogue, David Cronenberg, nach einer Kurzgeschichte von George Langelaan
Besetzung: Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Leslie Carlson, George Chuvalo, Joy Boushel, David Cronenberg
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentare, Trivia Track, Making-of, Branching Clips, The Brundle Museum of Natural History, unveröffentlichte Szenen, erweiterte Szenen, Test Filmmaterial, geschriebenes Material, Promotion-Material, Bildergalerie, Easter Eggs
Zusatzmaterial DVD: Hinter den Kulissen, Interviews, Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Matthias Holm

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Englische Ultimate Collector’s Edition inklusive Original und Sequels

Fotos & Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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David Cronenberg (VI): Die Brut – Materialisierter Trennungsschmerz

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The Brood

Von Simon Kyprianou

It was very emotional, it was vengeance. It was definitely catharsis in a very personal way for me. That explains my famous statement, that this was my version of “Kramer vs. Kramer”, which was the most false, sentimental, bullshit movie ever. (David Cronenberg)

SF-Horror // Nola Carveth (Samantha Eggar) ist in der psychiatrischen Klinik von Dr. Ragland (Oliver Reed) und lässt sich ominöser, moderner Behandlungsmethoden unterziehen. Plötzlich tauchen geschlechtslose, entstellte Kinder im Leben ihres Ehemanns Frank (Art Hindle) und ihrer Tochter Candice (Cindy Hinds) auf und töten Menschen, angefangen mit Candices Großeltern. Fieberhaft versucht Frank, den Morden auf die Spur zu kommen.

Genrekino und Arthausfilm gleichermaßen

In seinen Frühwerken hat David Cronenbergs mit schlafwandlerischer Sicherheit den Balanceakt zwischen räudigem Genrekino und hochintelligentem Kunstfilm geschafft. So auch bei „Die Brut“: Cronenberg gelingt es, mit der Kamera etwas sichtbar zu machen, was ohne die Kamera unsichtbar geblieben wäre, eine Fähigkeit, die der Mehrzahl der heutigen Filmemacher laut Jean-Luc Godard abgeht. All den Hass, die Angst und die Wut, die bei einer Trennung unter der Fassade der Menschen schwelen, verwandelt Cronenberg in organische Objekte – die entstellten Kinder. So gelingt es ihm, abstrakte Gefühle und diffuse Seelenzustände fassbar und erfahrbar zu machen.

Sezierung des Hasses

Cronenberg untersucht und fühlt sich ein in den Schmerz und die Wut einer Scheidung, einer Trennung und auch die Auswirkungen auf Kinder. Er demaskiert und seziert den Hass, der normalerweise unter der kultivierten Oberfläche verborgen bleibt. Howard Shores unheilvolle Klänge und Cronenbergs langsam treibende Inszenierung verdichten diese konsequente Übersetzung seelischen Schmerzes auf direkte körperliche Schädigung bis hin zum Ende, an dem Cronenberg Menschen in einem schockierenden, trashigen Inferno zu Tieren werden lässt. Eine konsequente, fantastische Kollision der Emotionen, eine Studie und Beobachtung von roher Menschlichkeit. „Die Brut“ ist für Cronenberg, was für Andrzej Zulawski „Possession“ ist.

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Nola ist nicht gut auf ihren Mann Frank zu sprechen …

Nachdem Criterion den Film kürzlich in den USA in einer herausragenden Edition veröffentlicht hat, ist „Die Brut“ nun endlich auch hierzulande mit einer angemessenen Veröffentlichung im Mediabook bedacht worden. Die 2-Disc Collector’s Edition vom jungen Label Wicked-Vision Media erhält zahlreiche aufwändig produzierte Extras, ein ausführliches Booklet von Marcus Stiglegger sowie einen Audiokommentar von Stiglegger und seinem Kollegen Kai Naumann. Eine bessere Edition hätte man sich nicht wünschen können. Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft auch die Filme von Cronenberg bedacht werden, zu denen es noch keine derartigen Veröffentlichungen gibt – wie beispielsweise „Crash“.

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… und hetzt ihm die Brut auf den Hals

Abschließend ein Kommentar zur bis 2013 andauernden Indizierung von „Die Brut“ in Deutschland – von Cronenberg persönlich: Censors tend to do what only psychotics do: they confuse reality with illusion.

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Die richtet gehörig Schaden an …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Oliver Reed in der Rubrik Schauspieler.

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… und macht selbst vor Franks und Nolas Kind nicht Halt

Veröffentlichung: 5. August 2016 als 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, limitiert auf 2999 Exemplare), 7. Juli 2006 als DVD

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Brood
KAN 1979
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Besetzung: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds, Susan Hogan
Zusatzmaterial Mediabook: 24-seitiges Booklet von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Audiokommentare, Featurettes, Super-8-Fassung, TV-Spot, Radio-Spot, Teaser, Trailer, Bildergalerien
Zusatzmaterial DVD: Filmografien von David Cronenberg, Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Henry Beckman
Label/Vertrieb Mediabook: Wicked-Vision Media
Label/Vertrieb DVD: Black Hill Pictures / Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2016 Wicked-Vision Media

 

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David Cronenberg (V): Scanners – Ihre Gedanken können töten: Der erste gute Superheldenfilm?

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Scanners

Gastrezension von Matthias Holm

SF-Horror // 237 Scanner sollen auf der Erde leben – Menschen mit besonderen psychischen Fähigkeiten. Der Konzern ConSec hatte versucht, die Scanner als Waffen einzusetzen, doch sie waren nicht zu kontrollieren. Einer von ihnen, Darryl Revok (Michael Ironside), hat eine Untergrundbewegung gegründet, die mit terroristischen Anschlägen von sich reden macht. Um Revok Einhalt zu gebieten, sucht der ConSec-Forscher Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan) Cameron Vale (Steven Lack) auf. Vale ist ein Scanner – weiß davon aber noch nichts. Auf seiner Suche nach dem Terroristen trifft er eine friedfertige Gruppe von Scannern um die hübsche Kim Obrist (Jennifer O’Neill).

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Darryl Revok will …

Der Einstieg ist ruhig gehalten. Es dauert, bis der Protagonist überhaupt den Mund öffnet, um etwas zu sagen. Diese ruhige Inszenierung zieht sich durch den kompletten Film – was ihm gut zu Gesicht steht.

Auch X-Man Professor Xavier ist ein Scanner

Die Scanner erinnern mich als Comic-Fan frappierend an Professor Charles Xavier aus den „X-Men“-Comics und -Filmen. Während Xavier in seiner Welt einer der wenigen Mutanten war, die eine solch mächtige, gedankenmanipulierende Kraft besitzen, scheint Kanada in dem Film nur so von Scannern überflutet zu sein – was im Kontext der Auflösung sogar Sinn ergibt.

Regisseur und Drehbuchautor David Cronenberg hat eine ausgefeilte Geschichte auf die Leinwand gebracht. Während Cameron Vales Reise dringen er und der Zuschauer immer tiefer zum Kern des Geheimnisses um die Scanner vor. Wenn in der letzten Viertelstunde des Films alles aufgelöst wird, kommt es zu einigen durchaus überraschenden Wendungen.

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… die Welt in Flammen sehen

Den typischen Bodyhorror Cronenbergscher Machart setzt der Regisseur anfangs nur punktuell ein, dabei aber sensationell: Der platzende Kopf ist eine der großen, geradezu ikonenhaften Szenen des Kanadiers. Im finalen Duell zweier Scanner hat Cronenberg dann einige wirklich unangenehme Einstellungen gedreht. Dabei sieht man mal wieder: Plastische Tricks sind CGI vorzuziehen – vor allem billigem CGI.

Im Gegensatz zu früher keine sexuellen Motive

Auffällig ist allerdings das Fehlen eines weiblichen Elements als zentraler Bestandteil. Der weibliche Aspekt war in Cronenbergs früheren Filmen „Die Brut“ („The Brood“, 1979), „Rabid – Der brüllende Tod“ („Rabid“, 1978) und „Parasiten-Mörder“ (Shivers“, 1975) noch deutlich zu Tage getreten, zum Teil gar mit sexuellen Motiven verbunden. Davon ist in „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ nichts zu bemerken.

Bis 2006 auf dem Index

Nach vielen Jahren auf dem Index wurde der Film 2006 neu geprüft und ab 16 Jahren freigegeben. Inzwischen gibt es „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ samt seinen beiden Nachfolgern als Trilogie zu kaufen – allerdings sind sowohl der zweite als auch der dritte Teil wohl entbehrlich, wie eine kurze Internet-Recherche ergab – die Sichtung spare ich mir.

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Wenn Scanner gegen Scanner kämpfen, kommt so etwas raus

Auch wenn er das vermutlich nicht beabsichtigt hat: Mit „Scanners“ hat Cronenberg wohl den ersten vernünftigen Superheldenfilm gemacht. Mit dem bedächtigen Spannungsaufbau kann heute wohl nicht jeder etwas anfangen. Dennoch bleibt „Scanners“ auch nach 34 Jahren ein intensiver Science-Fiction-Film, der den Namen David Cronenberg seinerzeit ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit brachte.

David Cronenberg bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Parasiten-Mörder (1975, geplant)
Die Brut (1979)
Scanners – Ihre Gedanken können töten (1981)
Dead Zone (1983)
Die Fliege (1986)
Naked Lunch (1991, geplant)
Crash (1996)
eXistenZ (1999, geplant)
Spider (2002)
A History of Violence (2005, geplant)
Maps to the Stars (2014)

Veröffentlichung: 28. Februar 2014 als Blu-ray in der „Scanners Trilogy“, 20. Dezember 2012 als Blu-ray, 10. Juni 2011 als Blu-ray und DVD (Koch Media)

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Scanners
KAN 1981
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Besetzung: Jennifer O’Neill, Steven Lack, Patrick McGoohan, Michael Ironside, Lawrrence Dane
Zusatzmaterial:
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2015 by Matthias Holm

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Fotos & Packshots: © 2015 Media Target Distribution GmbH

 

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