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Schneeflöckchen – Komme was wolle!

Schneeflöckchen

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Thriller // „Wir machen diesen Film, komme was wolle!“ Unter diesem Motto tat sich 2013 eine Handvoll unabhängiger Filmemacher mit ein paar Freunden zusammen, um gemeinsam einen Film zu drehen. Nach eigenen Regeln und ohne den finanziellen Rückhalt oder Unterstützung eines größeren Studios oder TV-Senders – somit also auch ohne großes Budget. Die Schar sammelte von Bekannten, privaten Investoren und mit einer Crowdfunding-Kampagne rund 75.000 Euro ein, schnappte sich ihre „gehakte“ Canon 5D mit Magic Lantern Firmware an Bord und legte los. Im Mai 2017 feierte „Schneeflöckchen“ eine umjubelte Team-Premiere in der Berliner Kulturbrauerei, bevor der wilde Genre-Mix im September des Jahres die Herzen der Fantasy-Filmfest-Gänger im Sturm eroberte, um anschließend auch auf internationalen Filmfestivals für Furore zu sorgen und mehrere Preise abzuräumen.

Berlin im Ausnahmezustand

Berlin in der nahen Zukunft: Nach dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch herrscht Anarchie in den Straßen der deutschen Hauptstadt. Das normale Leben geht dennoch größtenteils weiter. Mittendrin sind die Freunde Javid (Reza Brojerdi) und Tan (Erkan Acar) mit Knarre und handlicher Motorsäge bewaffnet auf der Suche nach dem Mörder ihrer Familie und machen eine überraschende Entdeckung: Sie finden ein Drehbuch, welches Wort für Wort ihre vergangenen und zukünftigen Taten schildert. Der Autor entpuppt sich als Zahnarzt Arend (Alexander Schubert), der selbst genauso erstaunt ist, dass seine in der Freizeit erdachten Figuren offenbar zum Leben erwacht sind. Können Javid und Tan ihr aus Arends Ideen gesponnenes, vorherbestimmtes Schicksal selbstständig ändern?

Die Kumpels Javid (l.) und Tan finden das Drehbuch ihres Lebens

Auch die aus reichem Hause stammende Reporterin Eliana (Xenia Assenza) hat ihre Eltern auf grausame Weise verloren und schwört Rache. Ihr Bodyguard Carson (David Masterson) kann Eliana davon abhalten, die Täter selbst zur Strecke zu bringen. Stattdessen will sie die übelsten Kopfgeldjäger der Umgebung für diese Aufgabe engagieren. Bald kreuzen sich die Wege aller Figuren und das Chaos nimmt einen irre-blutigen Lauf.

Mag Gott Ravioli?

Kannibalische Killer mit Tiermasken, eine Sängerin mit Engelsflügeln, ein Superheld namens „Hyper Electric Man“ sowie ein alter Mann, der Gott höchstpersönlich sein könnte und eine Vorliebe für Ravioli pflegt: Mit jeder neuen Episode, deren jeweilige Titel in großen Lettern zu Beginn eingeblendet werden, gibt es nicht nur für die Protagonisten Javid und Tan neue Überraschungen, sondern auch für die Zuschauer. Dass diese verrückt-spaßigen Kurzgeschichten inklusive der Meta-Geschichte des Drehbuchautors auch noch am Ende zum Glück ein sinnvolles Ganzes ergeben, war sicherlich die größte Herausforderung für die Filmemacher.

Tan (r.) zwingt Hobby-Autor Arend, seine Zeilen umzuschreiben

Da die ehrenamtlich tätige Cast und Crew meist nur am Wochenende Zeit zum Drehen hatte, und sich das Team keinem zeitlichen Druck unterwerfen musste, wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Wenn eine Episode der Story abgedreht war, wurde wieder das nötige Geld für die nächste Szene eingesammelt und ein paar Wochen später gingen die Dreharbeiten weiter. Die Geduld hat sich ausgezahlt: Trotz der langen Drehpausen zwischen den Episoden ist mir auch kein großer Anschlussfehler oder ähnliches aufgefallen. So etwas kommt ja gerade im Independent-Filmbereich durchaus mal vor, ist aber natürlich auch verschmerzbar.

Große Vorbilder

Als Hauptinspirationsquelle nennen Regisseur Adolfo J. Kammerer, Drehbuchautor Arend Remmers und Produzent Eric Sonnenburg unter anderem Roberto Rodriguez, der einst „El Mariachi“ (1992) fast im Alleingang abdrehte, und „Adaption – Der Orchideen-Dieb“ (2002) von Spike Jonze. Ganz deutlich steckt „Schneeflöckchen“ auch voller Verweise auf Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994). Die Hauptfiguren könnten fast als Double von Vincent Vega und Jules Winnfield durchgehen, erst recht, wenn sie zu Beginn über den perfekten Döner philosophieren. Dazu gibt es ein paar Zeitsprünge innerhalb der Erzählung sowie eine ähnliche Figur wie „Hinkebein“, die auch im Folterkeller des Pfandleihgeschäfts hausen könnte.

Eliana sucht die Mörder ihrer Eltern

Dennoch sind die Charaktere keine platten Kopien, sondern eigenständig genug, um als Hommage an die großen Vorbilder durchzugehen. Der Gewaltgrad ist ebenfalls mit jenem aus Tarantinos Meisterwerk zu vergleichen: Manchmal wird kurz und unvermittelt drauf losgeballert, manchmal auch ein wenig blutig gequält. Schließlich hat man es mit eiskalten Killern zu tun. Und wenn ein Kopfgeldjäger-Team in seinem ausgefeilten Vertrag eine Klausel anbietet, wonach der Auftraggeber eine Punchline wie „Gleich ist Gangbang-Party in der Hölle und dein Arsch ist der Haupteingang“ verlangen kann, kommt auch der schwarze Humor nicht zu kurz.

Unterstützt den deutschen Independent-Film!

„Schneeflöckchen“ ist ein Film von Filmfans für Filmfans und lässt sich keinem wirklichen Genre zuordnen. Die Übergänge zwischen märchenhaften Elementen, Thriller, Komödie und Action sind fließend. Wenn ihr auch nur ansatzweise etwas mit den genannten Filmvorbildern anfangen könnt, gebt diesem großartigen, kreativen Independent-Film aus deutschen Landen eine Chance! Und wenn nicht, dann trotzdem! Ihr werdet es nicht bereuen und einen Mordsspaß haben. Denn unter normalen Umständen werden solche Filmprojekte, die sich in keine Schublade schieben lassen, hierzulande so gut wie nie verwirklicht.

Ein Killer-Schwein greift an

Man darf gespannt sein, was sich das Team nach dem Erfolg als nächstes einfallen lässt. Hauptsache ist, die Macher ziehen ihr Ding weiterhin mit der gleichen Leidenschaft durch, ohne sich verbiegen zu lassen. Und wer weiß: Vielleicht macht „Schneeflöckchen“ auch anderen Filmemachern Mut, die daraufhin zur Kamera greifen und einfach sagen: „Wir machen diesen Film, komme was wolle!“

Knallgelbes Mediabook

capelight pictures erkannte frühzeitig das Potenzial von „Schneeflöckchen“ und unterstützte das Projekt als Verleiher. Das in knalligem Gelb gehaltene Mediabook mit dem coolen Plakatmotiv enthält im Booklet diesmal keinen Expertentext, sondern lässt stattdessen die Filmemacher ausführlich zu Wort kommen. Zusammen mit einigen Szenen- und Behind-the-Scenes-Fotos berichten sie lesenswert über ihre knapp fünfjährige Filmreise, von der Idee über die Probleme während des Drehs und der Festival-Premieren bis hin zur Veröffentlichung dieser Edition, die in keiner Sammlung fehlen sollte.

Schneeflöckchen (M.) gibt Javid und Tan himmlischen Beistand

Lesenswerte Texte zu „Schneeflöckchen“ finden sich auch bei den Kollegen von Evil Ed und auf dem „Fluxkompensator“.

Veröffentlichung: 23. November 2018 als Limited Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Schneeflöckchen
Alternativtitel: Snowflake
D 2017
Regie: Adolfo J. Kolmerer, William James
Drehbuch: Arend Remmers
Besetzung: Reza Brojerdi, Erkan Acar, Xenia Assenza, David Masterson, Gedeon Burkhard, Alexander Schubert, David Gant, Sven Martinek, Mathis Landwehr, Judith Hoersch
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Adolfo J. Kolmerer, Gastregisseur und Editor William James sowie Drehbuchautor Arend Remmers, Making-of, Featurettes: „Zwei Jahre am Set von Schneeflöckchen“, „Eine Odyssee über 5 Jahre“, Premierenclip, Kinotrailer, Trailer
Vertrieb: capelight pictures

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2018 capelight pictures

 
 

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