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Ernest Borgnine (III): Tödlicher Segen – Wes Craven schickt Sharon Stone zu den Horror-Hethitern

Deadly Blessing

Von Volker Schönenberger

Horror // Mit „Das letzte Haus links“ („The Last House on the Left“, 1972) verstörte Wes Craven nachhaltig die Filmzuschauer. Das brutale Folter- und Rachedrama rief rund um den Globus Zensoren und Sittenwächter auf den Plan. 1977 schuf er die wüste Menschenjagd „Hügel der blutigen Augen“ („The Hills Have Eyes“) – auch diese Regiearbeit blieb nicht von erhobenen Zeigefingern und Beschränkungen verschont. Cravens erstmals 1984 in „Nightmare – Mörderische Träume“ („A Nightmare on Elm Street“) in Erscheinung getretener Albtraum-Schlitzer Freddy Krueger avancierte zur Ikone der Horrorfans. 1996 verabreichte der Regisseur dem Slasherfilm mit „Scream – Schrei“ dringend benötigte Impulse. Keine Frage – die Welt des Horrorfilms wäre ohne Wes Craven um einiges ärmer. Er starb 2015 im Alter von 76 Jahren.

Isaiah Schmidt wacht mit harter Hand über seine Schäfchen

Sein „Deadly Blessing“ von 1981 ist hierzulande unter den Titeln „Dem Tode geweiht“ und „Tödlicher Segen“ vermarktet worden – allerdings nicht im Kino, sondern nur auf VHS, DVD und nun auch Blu-ray. Die deutsche Koch-Films-Veröffentlichung beruht auf der US-Blu-ray von Scream Factory (Shout! Factory), erwähnenswert ist auch die englische Doppel-Disc-Edition von Arrow Video mit Blu-ray und DVD.

Der Film zeigt die damals 23-jährige Sharon Stone in einer ihrer ersten Rollen. Die Handlung ist angesiedelt in einer ländlichen Gemeinde, die von der asketisch lebenden, strenggläubigen Sekte der Hittites (Hethiter) dominiert wird, die moderne Errungenschaften ablehnt – ein Schelm, wer Amische dabei denkt. Oberhaupt der Hittites ist der gestrenge Isaiah Schmidt (Ernest Borgnine). Dessen Sohn Jim (Douglas Barr) hat die Sekte nach seiner Hochzeit mit Martha (Maren Jensen) verlassen, die Eheleute leben auf ihrer Farm „Our Blessing“ aber weiterhin in unmittelbarer Nähe.

Tod unter dem Traktor

Eines Nachts bricht mörderisches Unheil über das Ehepaar herein – Jim wird in der Scheune von seinem Traktor zu Tode gequetscht. Nach seiner Beerdigung treffen Marthas Freundinnen Lana Marcus (Sharon Stone) und Vicky Anderson (Susan Buckner) ein, um der jungen Witwe beizustehen. Das Frauentrio gerät in einen Strudel unheimlicher Ereignisse. Die Sekte lebt offenbar in großer Furcht vor einem Dämon, den sie „Incubus“ nennt (englisch für „Albdruck“) und den sie auf Marthas Farm vermutet.

Martha (l.) freut sich über die Ankunft ihrer Freundinnen

 

Religiöser Fanatismus und Wahn eignen sich ganz vortrefflich zum Erzeugen einer verstörenden Horror-Atmosphäre. Das weiß auch Wes Craven in „Tödlicher Segen“ zu nutzen, unterstützt vom angenehm zurückhaltend eingesetzten Score von James Horner („Titanic“), der stimmig zwischen leichten, geradezu romantischen Klängen und bedrohlichen Tönen schwankt. Einstellungen mit subjektiver Kamera erzeugen zudem reichlich Suspense. Eine Badewannenszene erinnert gar frappierend an eine ebensolche im drei Jahre später entstandenen „Nightmare – Mörderische Träume“. Dabei ist „Tödlicher Segen“ weniger brutal und blutig als andere Regiearbeiten Cravens, obgleich die eine oder andere Messerszene sogar an einen Giallo erinnert.

Noch ahnt Lana nicht, was sie erwartet

Die Klasse von Wes Cravens Großtaten erreicht „Deadly Blessing“ nicht. Der Kontrast zwischen den drei modernen jungen Frauen und der altertümlich lebenden Sekte wird nicht ganz ausgereizt. Ein Flirt zwischen Isaiahs anderem Sohn John (Jeff East) und der stets leicht bekleideten Vicky ist da schon das Höchste der Gefühle. Nicht ganz im Klaren bin ich mir über die schauspielerische Leistung des großen Ernest Borgnine. Betreibt er mit starrer Mimik und herrischem Gestus Overacting? Oder ist das genau die Darstellungsform, die sein Isaiah Schmidt braucht? Entscheidet selbst! Die Kritikpunkte an „Tödlicher Segen“ ändern aber nichts daran, dass die diversen Spannungssequenzen mit gutem Timing, famoser Kameraarbeit und Horners effektivem Score überaus fesselnd geraten sind. Das macht den Horrorfilm dann doch wieder sehr sehenswert, auch wenn ich im letzten Absatz einen weiteren Makel bemängle, über den Ihr aber erst nach Sichtung des Films lesen solltet. Bis dahin dürft Ihr euch über eine Frage Gedanken machen: Welche Wes-Craven-Filme außer den oben bereits genannten sollte der geneigte Horrorfan auf jeden Fall gesehen haben?

In diesem Absatz: ein massiver Spoiler

Auch das Potenzial des „Incubus“ kommt überhaupt nicht zum Tragen. Lange Zeit scheint es sich dabei nur um ein Hirngespinst der Hittites zu handeln. Ob er tatsächlich existiert und die Gegend heimsucht – die Frage stellt man sich als Zuschauer überhaupt nicht. Bis er ganz am Ende wie Kai aus der Kiste doch zum Vorschein kommt – ein Gimmick als immerhin effektvoller Schlussgag, mehr nicht, von den Produzenten gegen Wes Cravens Willen durchgesetzt. Dieser finale Twist gibt der inneren Logik von „Tödlicher Segen“ den Rest.

Eine Spinne ist noch das geringste Problem

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Wes Craven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine in der Rubrik Schauspieler.

Anschlag bei Nacht

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD, 8. Juli 2016 als Limited Collector‘s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 11. Januar 2008 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Deadly Blessing
Alte deutsche Verleih- oder VHS-Titel: Dem Tode geweiht / Gesichter des Teufels
USA 1981
Regie: Wes Craven
Drehbuch: Glenn M. Benest, Matthew Barr, Wes Craven
Besetzung: Maren Jensen, Sharon Stone, Susan Buckner, Ernest Borgnine, Jeff East, Colleen Riley, Douglas Barr, Lisa Hartman, Lois Nettleton, Michael Berryman, Kevin Cooney
Zusatzmaterial: Zwei Synchronfassungen, Audiokommentar, Interviews (ca. 55 Minuten), Teaser, Trailer, Radio-Spots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 
 

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