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Horror für Halloween (XXVII): Scary Stories to Tell in the Dark – Wenn man im falschen Buch blättert

Scary Stories to Tell in the Dark

Kinostart: 31. Oktober 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Ein Name weckt schon mal das Interesse: Genrefilmer und Oscar-Preisträger Guillermo del Toro („Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“) gehört zu den Produzenten von „Scary Stories to Tell in the Dark“ und schrieb auch am Drehbuch mit. Es basiert auf drei gleichnamigen Horror-Kurzgeschichtensammlungen des US-Autors Alvin Schwartz (1927–1992). Der norwegische Regisseur André Øvredal („Trollhunter“, „The Autopsy of Jane Doe“) fügte diverse Storys daraus zu einer in sich geschlossenen Handlung zusammen, in der einzelne Geschichten erzählt werden, ohne dass wir es mit Episoden-Horror zu tun haben. Dem Presseheft zum Film ist zu entnehmen, dass Guillermo del Toro schon seit vielen Jahren Fan der Anthologien ist und sogar einige der Illustrationen der Bücher gekauft hat – sie stammen von Stephen Gammell.

Stella und ihre Freunde retten sich im Autokino in den Wagen von Ramón

„Scary Stories to Tell in the Dark“ beginnt am 31. Oktober des Jahres 1968. Die US-Präsidentschaftswahl – ein gewisser Richard Nixon wird sie gewinnen – steht kurz bevor. Trotz der üblen Nachrichten aus Fernost melden sich nach wie vor junge Männer freiwillig, um nach Vietnam zu gehen. Andere sind klüger und versuchen, um die Musterung herumzukommen und nicht gegen ihren Willen eingezogen zu werden. Wie überall im Lande bereitet sich auch die Kleinstadt Mill Valley auf die Halloween-Nacht vor. Die beiden Schüler Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) überreden ihre Freundin Stella (Zoe Margaret Colletti), die eigentlich zu Hause bei ihrem Vater (Dean Norris) bleiben wollte, sie zu begleiten. Es gilt, dem halbstarken Rüpel Tommy (Austin Abrams) und dessen Kumpels einen Denkzettel zu verpassen.

Halloween im Spukhaus

Der Streich gelingt, doch dann heißt es Fersengeld geben. Mit Müh und Not retten sich Auggie, Chuck und Stella auf das Gelände eines Autokinos, in welchem gerade George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ läuft, und in das Fahrzeug von Ramón (Michael Garza), einem Wanderarbeiter, der der Erntesaison hinterherfährt. Tommy entdeckt die Flüchtenden zwar in Ramóns Auto, doch sie kommen vorerst um seine Vergeltung herum. Was tun mit dem angefangenen Abend? Auggie, Chuck und Stella überreden Ramón, sie in das örtliche Spukhaus zu begleiten. Es gehörte einst der Industriellenfamilie Bellows. Der Legende nach hat darin die Tochter Sarah Bellows gespukt. Sie habe Eindringlingen aus einem mit Blut geschriebenen Buch Spukgeschichten vorgelesen (die titelgebenden „Scary Stories“). Tatsächlich entdeckt Stella das Buch …

Zu viert wagen sie sich ins Spukhaus

Den Stellas Vater spielenden Dean Norris kennen wir aus „Breaking Bad“. Die Protagonistin hat an einem kindlichen Trauma zu knabbern und bekommt es später dank einer cleveren Wendung hautnah mit dem Schicksal von Sarah Bellows zu tun. „Scary Stories to Tell in the Dark“ feierte seine Deutschlandpremiere im September 2019 als Abschlussfilm des Fantasy Filmfests. Eine prominente Screening-Platzierung, die einerseits aufgrund seiner Qualitäten berechtigt erscheint, andererseits ist das symptomatisch dafür, dass das Festival mittlerweile sehr viele Produktionen ins Programm aufnimmt, die bald darauf auch flächendeckend ins Kino kommen und eher im Mainstream verhaftet sind. Aber es ist natürlich ein Verdienst des Fantasy Filmfests, über die Jahre dem Genrefilm breite Aufmerksamkeit verschafft zu haben.

Das Maisfeld und der rote Raum

Die Originalität von „Scary Stories to Tell in the Dark“ resultiert daraus, dass die einzelnen Geschichten auf virtuose Weise in die Handlung eingewoben worden sind. Ich will da gar nicht zu viel verraten, es hängt alles mit dem geheimnisumwitterten Buch zusammen. Erfreulich ist zudem, dass der Regisseur den Horror nicht mit simplen Jump-Scares erschafft, sondern Szenen inszeniert hat, die in ihrer Konsequenz frösteln lassen, weil sie eine Unausweichlichkeit des Grauens erahnen lassen. Als Beispiel sei die Sequenz im Maisfeld mit der Vogelscheuche genannt. Mein Favorit: der „Red Room“ in der Klinik, der vom Klang des Ausdrucks vielleicht nur zufällig an ein Motiv aus Stanley Kubricks „Shining“ erinnert, wobei die Szene in den langen Gängen tatsächlich ein wenig die Atmosphäre der Hotelflure in der Stephen-King-Verfilmung verströmt. Sie ist aber farblich ganz anders gestaltet, gut möglich, dass André Øvredal die Referenz gar nicht im Sinn hatte. Sogar die etwas eklige Version der modernen Sage (urbanen Legende) von der Spinne in der Yuccapalme kommt zum Tragen – aber Vorsicht: Die Szene ist nichts für Arachnophobiker.

Dort entdeckt Stella ein Buch, das es in sich hat

Wir bekommen außer Spinnen auch einige Monster zu sehen. Deren Kreaturendesign gefällt mir ausgesprochen gut, auch hier wieder allen voran die bizarre Figur aus der „Red Room“-Sequenz, die auf manche etwas albern wirken mag, sich aber unaufhaltsam nähert, sodass kein Entkommen möglich erscheint. Speziell an dieser Gestalt erkennt man auch sehr gut, dass sich die Designer für den Film sehr an den Illustrationen von Stephen Gammell orientiert haben, was auch für die bereits erwähnte Vogelscheuche gilt. Jenseits der eigenständigen Einfälle bietet „Scary Stories to Tell in the Dark“ auch ausreichend bekannte Horrormotive, sodass sich Genrefans schnell heimisch fühlen.

„Must be the season of the witch“

Zu Beginn stimmt uns „Season of the Witch“ von Donovan auf das Geschehen ein, im Abspann ertönt die Coverversion von Lana Del Rey – eine schöne musikalische Klammer. Dazwischen überzeugt „Scary Stories to Tell in the Dark“ auch mit seiner feinen Ausstattung, die die Endsechziger gut in Szene setzt. Vor allem die Autos haben mir gut gefallen. Zusammengenommen ergibt all das insgesamt einen ansprechenden Horrorfilm, der natürlich für ein Mainstream-Publikum produziert wurde, viele junge und erwachsene Zuschauerinnen und Zuschauer ins Kino locken soll und daher ohne Ecken und Kanten auskommt. Wer verstört werden will, muss anderswo suchen, dennoch stellt André Øvredals Regiearbeit eine Bereicherung des Genres dar, dessen Starttermin Halloween gut gewählt ist. Sein Fantasy-Abenteuer „Mortal“ wird 2020 in die Kinos kommen. Der Regisseur wird auch die Verfilmung des Romans „Todesmarsch“ („The Long Walk“) inszenieren, den Stephen King 1979 unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. „Scary Stories to Tell in the Dark“ macht Lust auf beide, allerdings darf Øvredal ruhig eine kleine Schippe drauflegen.

Im Maisfeld erlebt Tommy das Grauen

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Scary Stories to Tell in the Dark
USA/KAN/CHN 2019
Regie: André Øvredal
Drehbuch: Dan Hageman, Kevin Hageman, Guillermo del Toro, nach einem Roman von Alvin Schwartz
Besetzung: Zoe Margaret Colletti, Michael Garza, Gabriel Rush, Austin Zajur, Dean Norris, Gil Bellows, Lorraine Toussaint, Natalie Ganzhorn, Austin Abrams, Kathleen Pollard, Mark Steger, Javier Botet
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Entertainment One Germany

 

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Death Wish – Bruce Willis sieht rot

Death Wish

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Man mag es heute nicht mehr für möglich halten, aber als Ende der 80er-Jahre über die Besetzung der Hauptrolle für „Stirb langsam“ diskutiert wurde, stand ein Mann mit ganz oben auf der Liste: Charles Bronson. Weil der damals 67-Jährige aber vertraglich an Cannon Films gebunden war, kam es nicht dazu. Und so wurde Bruce Willis zum Kultcop John McClane und über Nacht zum Star. Nun schlüpft er in die Rolle, mit der Bronson 1974 ein neues Kapitel in seiner langen Karriere aufschlug. Als gnadenloser Rächer Paul Kersey wurde Bronson endlich auch in seiner amerikanischen Heimat und nicht nur in Übersee respektiert und gefeiert.

Die Kerseys sind eine perfekte Familie

Ein Remake von „Death Wish“, der hierzulande unter dem Titel „Ein Mann sieht rot“ bekannt wurde, stand lange unter keinem guten Stern in Hollywood. Sylvester Stallone, Liam Neeson, Brad Pitt und Benicio Del Toro waren unter anderen für die Hauptrolle im Gespräch. Stallone sollte sogar gleichzeitig Regie führen, sprang aber aufgrund kreativer Differenzen mit den Produzenten doch noch ab. Am Ende übernahm „Hostel“-Regisseur Eli Roth mit Willis die Aufgabe, den auf dem gleichnamigen Roman von Brian Garfield beruhenden Stoff zeitgenössisch aufzubereiten.

Gewalt in den Straßen Chicagos

Als Chirurg in der Notaufnahme weiß Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) genau, was auf den Straßen von Chicago los ist. Täglich müht er sich ab, sowohl Opfer als auch Täter von Gewaltverbrechen zusammenzuflicken. Ansonsten lebt der Arzt ein perfektes Leben mit Gattin Lucy (Elisabeth Shue) und Tochter Jordan (Camila Morrone), die bald ihr Studium beginnt. Auch Pauls Bruder Frank (Vincent D’Onofrio) hat sich wieder halbwegs im Griff. Er war einst das schwarze Schaf der Familie.

Nach dem Überfall ist Paul am Boden zerstört

Alles ändert sich schlagartig, als das Haus der Kerseys in Pauls Abwesenheit als Objekt eines Raubüberfalls ausgewählt wird. Die Gangster verlieren die Fassung, als sie in dem vermeintlich leeren Gebäude auf Lucy und Jordan treffen. Lucy stirbt durch Schüsse noch am Tatort, Jordan fällt aufgrund des brutalen Angriffs in ein Koma. Paul ist am Boden zerstört. Als ihm Detective Kevin Raines (Dean Norris, „Breaking Bad“) mitteilt, dass die Polizei im Grunde machtlos ist, das Verbrechen aufzuklären, nimmt Kersey das Gesetz in seine eigene Hand.

Sinnvolle Änderungen

Inwieweit Teile des Drehbuchs von Joe Carnahan („The Grey – Unter Wölfen“, 2011) in die finale Fassung Einzug hielten, ist nicht bekannt. Er verließ bereits 2012 das Projekt, erhielt aber dennoch die alleinige Nennung als Autor in den Credits. Dean Georgaris („Paycheck – Die Abrechnung“, 2003) und Roth überarbeiteten das Skript komplett. Natürlich gibt es auch einige Änderungen im Vergleich zum Original. Die Auffälligsten: In der Neuverfilmung ist Paul Kersey kein Architekt, sondern Chirurg, und der Handlungsort wurde von New York City nach Chicago verlegt.

Der Polizei sind die Hände gebunden

Beides ergibt Sinn: Als Arzt ist Kersey es gewohnt, Blut zu sehen, seinen Handlungen mit einer gewissen Distanz zu begegnen und wenig Empathie für seine kriminellen Opfer zu verspüren. Gleichzeitig bot sich so auch für Eli Roth die Möglichkeit, einige Folterszenen einzubauen. Zudem weiß Kersey genau, wo und wie er ein Skalpell in die Haut eines Verbrechers eindringen lassen muss, damit dieser ihm dringend benötigte Informationen preisgibt. Fans von Eli Roth wird es ebenfalls freudig stimmen, dass der „The Green Inferno“-Regisseur es auch diesmal natürlich nicht lassen konnte, einige kurze und knackige Splatter-Einlagen in die Rachegeschichte unterzubringen.

Dass besonders Chicago einen Vigilanten benötigt, der für Recht und Ordnung sorgt, zeigt ein Blick auf die aktuelle Verbrechensstatistik: In keiner anderen US-Stadt werden mehr Morde begangen. 2017 kamen in der „Windy City“ 650 Menschen gewaltsam ums Leben, 2016 waren es sogar 800. Im Vergleich dazu gab es etwa in Berlin 92 (2017) und 91 (2016) Fälle von Mord und Totschlag.

Remake im Kreuzfeuer

Dennoch geriet „Death Wish“ nicht ganz zu Unrecht schnell ins Kreuzfeuer, denn kurz vor dem US-Kinostart ereignete sich das Schulmassaker von Parkland. Die Rufe wurden lauter, dass der Film der Waffenlobby und den Trump-Anhängern in die Karten spiele. Filmkritiker A. A. Dowd von The A.V. Club bezeichnete Roths Film sogar als „right-wing violence porn“.

Im Interview mit Entertainment Weekly verteidigte Eli Roth sein Werk: Seiner Meinung nach seien auch Filme wie „John Wick“ , „96 Hours – Taken“ und im Grunde jeder Actionfilm für eine Pro-Waffen-Argumentation angreifbar. Er wolle mit „Death Wish“ vielmehr eine ähnliche Debatte über Waffengewalt anstoßen, so wie es „Get Out“ gelang, den Leuten wieder den alltäglichen Rassismus ins Gedächtnis zu rufen und darüber ausgiebige Debatten anzufachen.

Rache lauwarm serviert

Ein weiteres Argument, welches Roth in dem Interview zur Verteidigung nennt, ist, dass sich die Kriminalitäts-Probleme aus den 70er-Jahren bis heute nicht sonderlich geändert hätten. Das Verbrechen sei noch immer außer Kontrolle, die Polizei komplett überfordert. Aber ist dies heute wirklich noch der Fall? Auch wenn die Zahlen aus Chicago eine etwas andere Sprache sprechen, denke ich nicht, dass in den US-Großstädten noch so eine Stimmung herrscht wie damals, als „Ein Mann sieht rot“ in die Kinos kam. Die Gesundheitsversorgung, der Arbeitsmarkt oder steigende Mietpreise bereiten der US-Bevölkerung derzeit wohl mehr Sorgen als die alltägliche Kriminalität. Zusammen mit der Leistung von Charles Bronson wurde das Original von Regisseur Michael Winner auch deswegen zum Kinohit, da der Film die damals herrschenden Ängste perfekt einfing, die auf den Straßen der amerikanischen Großstädte im Allgemeinen und New York City im Besonderen allgegenwärtig waren. „Ein Mann sieht rot“ ist ein Produkt seiner Zeit.

Paul nimmt das Gesetz in die eigene Hand

Diese Relevanz geht dem Remake von Eli Roth völlig ab. Bruce Willis’ Wandlung vom aufrechten und gesetzestreuen Amerikaner und Familienvater zum gewaltbereiten Vigilanten ist trotz des Schicksalsschlags, den seine Figur erleidet, nicht wirklich überzeugend dargestellt. Natürlich ist es „cool“, mit anzusehen, wie der gute alte Bruce den bösen Buben ihren gerechten Strafen zuführt, aber etwas mehr Emotionalität in seiner Rolle und mehr Radikalität in der Inszenierung hätte es schon sein können. Außerdem fehlt der Geschichte ein Gegenspieler, der eine echte Herausforderung für Kersey darstellt. Immerhin ist es witzig mitanzusehen, wie sich der Chirurg sein Wissen über Waffen mithilfe von Internet-Videos aneignet. Dazu kommen einige ordentliche gefilmte Actionsequenzen und eine schöne Reminiszenz an das Original in der Schlussszene.

So ist die Rache im „Death Wish“-Remake eher lauwarm serviert und lässt die Zuschauer größenteils kalt. Aber wer weiß: Wenn sich nur ein Waffenbesitzer in der Welt nach Sichtung des Films dazu entschließen solte, seine Pistolen zu entsorgen, so hat sich die Produktion der Neuverfilmung bereits gelohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Eli Roth sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Bruce Willis unter Schauspieler.

Der nächste Verbrecher ist schon im Visier

Veröffentlichung: 10. August 2018 als 4k-UHD-Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (UHD/Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Death Wish
USA 2018
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Joe Carnahan
Besetzung: Bruce Willis, Elisabeth Shue, Vincent D’Onofrio, Camila Morrone, Dean Norris, Beau Knapp, Kimberly Elise
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Eli Roth und Roger Birnbaum, Making-of, geschnittene und erweiterte Szenen, Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Trailer & Packshot: © 2018 Universum Film

 

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