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Clint Eastwood (XXII): Hängt ihn höher – Bitte lassen Sie das Kind doch mal nach vorn!

Hang ’Em High

Von Tonio Klein

Western // Manchmal gibt es so wunderbare, grundsympathische, gleichsam flotte wie gar nicht so anspruchslose B-Filme wie diesen hier. Gerade in seiner mangelnden Perfektion herrlich, ein prächtiger Diamant, zwar ungeschliffen, aber dafür hat er beim Schleifen seine Ecken und Kanten noch nicht verloren. So ein Film ist „Hängt ihn höher“. Clint Eastwood war 1967 ein US-Seriendarsteller, der mit unkonventionellen Filmen in Italien Furore gemacht hatte. Was in den Staaten nicht viel bedeutete. Und so musste er sich dort erst bewähren. Kaum verwunderlich, dass er seine erste US-Kino-Hauptrolle in einem Low-Budget-Film spielte.

Aber in was für einem! Natürlich ist man hinterher immer klüger und kann mit dem Wissen um Eastwoods Karriere mutmaßen, dass der Mann schon damals sehr zielgerichtet seinen Weg ging. Dass er ein Image als harter Western-Zyniker hatte, welches er bei Sergio Leone in einer Sackgasse sah – die Rolle des Mundharmonikaspielers in „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) lehnte er ab – und das er in den USA erweitern und variieren wollte, ohne es zu verleugnen. Von daher ist Eastwood auch unter fremder Regie schon „auteur“. Sein Regisseur Ted Post hingegen war, was gar nicht kritisch gemeint ist, eher Handwerker, hatte zuvor mit Eastwood Folgen der Serie „Tausend Meilen Staub“ („Rawhide“) gedreht. In „Hängt ihn höher“ und im fünf Jahre späteren „Dirty Harry II – Calahan“ (1973) ließ er seinen Star gewähren, der den Westerner / den harten Cop in eine neue Richtung dirigierte.

Cigarillos, breitkrempiger Hut – und doch anders

Mitte 1967 gedreht, lief der Western erst im Juli des Folgejahres in den US-Lichtspielhäusern an. Der deutsche Kinostart folgte im Dezember 1968. In „Hängt ihn höher“ ist der harte Typ noch immer hart, pafft Cigarillos, trägt einen breitkrempigen Hut und ganz entgegen dem Gut-böse-Klischee auch als Guter ein schwarzes Hemd, guckt grimmig und schießt wie ein Leone-Westerner. Aber er hat nicht nur einen Namen, Cooper, sondern auch eine andere Seite. Zu Beginn sehen wir ihn eine Herde durch einen Fluss treiben und liebevoll ein Kälbchen umhegen. Dann wird Cooper von neun Männern ohne Gerichtsverhandlung aufgeknüpft – sie halten ihn für einen Viehdieb und Mörder. Das Gerechtigkeitsthema, das den ganzen Film durchziehen wird, klingt bereits hier an; die Neun werden nicht als uniformer Mob gezeichnet. Geradezu ein Gewinn gegenüber dem stilistisch wohl versierteren Leone ist, dass dieser Film nicht von Chiffren (der Gute, der Böse, der Brutale …) handelt, sondern von Menschen.

Kurzauftritt für den jungen Dennis Hopper

Cooper überlebt und wird von einem Marshal gerettet, der ihn dem Richter übergibt. Nächste Irritation: Gerade seine Mitgefangenen, die doch eigentlich um ihr Leben bangen müssten, feuern den Marshal an, einen Flüchtigen zu erschießen, der unbewaffnet und wegen eines Beinschusses bereits fluchtunfähig ist (kleine Rolle für den jungen Dennis Hopper). Sehr gute Arbeit von Kamera und Schnitt, denn die Bildsprache beobachtet sehr genau, wer nicht mitjohlt: Cooper und der dunkelhäutige Kutscher des Marshals (es wird noch öfter auffallen, dass die Schwarzen zwar nicht gleichberechtigt, aber für niedere Staatsdienste gut genug sind). Später eine beinahe abstrakte Farbfotografie. Die monochrome Morgenröte, die durch das Gefängnisgitter scheint, als Farbe von Blut und Tod, den die Geräusche des Galgen-Testens schon ankündigen. Das gleißende Schneeweiß einer Salzwüste und das „sündige“ Rot im überladenen Zimmer einer Prostituierten werden noch diverse interessante und kontrastierende Farbakzente von abstrakter Schönheit setzen. Es ist nicht ganz sicher, ob Eastwood auch schon bei der eigenwilligen Fotografie seine Finger im Spiel hatte. Wir sehen zum Beispiel zweimal Großaufnahmen von Personen – einmal Cooper, einmal seinen Gegenspieler –, deren eine Hälfte komplett durch einen Schatten verdunkelt ist. Solches wurde prägend in späteren Eastwoods mit im Wesentlichen den Stamm-Kameramännern Bruce Surtees, Jack N. Green und Tom Stern.

Auch Bruce Dern ist kurz dabei

Nachdem Coopers Unschuld erweisen ist, wird er, der früher einmal Marshal war, von Richter Fenton (Pat Hingle) wiederum als Marshal verpflichtet. Wir können im Grunde den ganzen Film über hübsch rätseln, ob er das nur mit sich machen lässt, um legal seine Peiniger zu jagen. Es ist klar, dass er seine Rache will, aber er geht auch fair vor, lässt sich von allen Zeugen schriftlich bescheinigen, wie sie eine Auseinandersetzung Coopers mit einem der Lynchenden gesehen haben. Und er setzt sich dafür ein, zwei jugendliche Täter vor dem Galgen zu bewahren – der Dritte im Bunde, gespielt vom schon in jungen Jahren oft als Schurke besetzten Bruce Dern, erhält solche Gnade nicht. Denn der Tod droht auch sehr schnell, wenn Cooper nicht den Colt zieht oder böse Buben jemanden lynchen: Der – lose auf einer realen Person basierende – Richter hängt selbst häufig; ob er das gern tut, lässt der Film in der Schwebe. Er hat dazu sogar ein Gerüst publikumswirksam auf den Hauptplatz stellen lassen, mit dem man sechs Personen zugleich den Boden unter den Füßen wegziehen kann, nachdem sie die Schlinge um den Hals gelegt bekommen haben. Gerechtigkeit, ja sogar so etwas scheinbar staatsrechtlich Dröges wie Gewaltenteilung, wird mit einer kaum vorstellbaren Varianz an filmischen Mitteln thematisiert. Da sind natürlich Handlung und Dialoge, die immer wieder auf das Gesetz zu sprechen kommen und darauf, wer es „ist“: niemand anderes als Fenton, der der einzige Richter in einem Riesengebiet ist (die Ambivalenz von Worten wie „law“ und „justice“ mag dies im Englischen noch besser ausdrücken). Die Judikative wird zur Legislativen – und mittelbar auch zur Exekutiven, weil das Hängen immer erst auf ein Kopfnicken des Richters erfolgt, wofür der Henkersplatz natürlich auch optisch vom Gerichtsgebäude nicht getrennt ist.

Der Richter und die Gerechtigkeit

Als sich Cooper für zwei jugendliche Angeklagte einsetzt, wird er wegen Missachtung des Gerichts gerügt – diesem gehe es nur um Tatsachen, so Fenton. Cooper wendet ein, es müsse doch um Gerechtigkeit gehen. Doch so antagonistisch, wie Recht und Gerechtigkeit hier aufeinanderzuprallen scheinen, versteht das „Hängt ihn höher“ vielleicht gar nicht, denn die unkontrollierte Macht Fentons lässt erkennen, dass er anders Recht sprechen könnte, wenn er nur wollte. So erscheint Fenton mitunter sehr menschlich, gar nicht nur in seinen großen Reden, sondern auch in kleinen, fein inszenierten Details wie dem, dass er immer die Augen schließt, wenn er das Nicken zur Vollstreckung der Todesurteile erkennen lässt. Was andererseits auch auf Feigheit schließen lassen kann – die Scheu, den Folgen seiner eigenen Anordnungen ins Gesicht zu sehen. Man ist sich nie ganz sicher. Auch nicht in der Frage, ob der Film die Todesstrafe nun einmütig verurteilt, wobei der soziologische Aspekt der ganzen Sache wunderbar bissig und treffend aufgespießt wird. Eine Groß-Hinrichtung ist ein echtes Event mit jeder Menge Touristen, ein circus maximus, auf dem Eis und kühles Bier verkauft werden und ähnlich Loriots Kalbshaxe-Florida-Sketch doch bitte die Kinder nach vorn gelassen werden mögen.

Seelenverwandte treffen aufeinander

Wenn sich hier also jeder selbst ein Urteil bilden kann, leidet dann der Film darunter, keine Haltung zu haben? Nein, denn er hat etwas anderes: die Geschichte zweier Unerlöster, die „ihre Gespenster“ haben. Es sind Cooper und eine Frau namens Rachel (Inger Stevens), die sich mit wunderbar somnambuler Traurigkeit (man kann mutmaßen, dass die früh in den Freitod gegangene Stevens davon jede Menge in sich hatte) jeden neuen Gefangenen genau anschaut. Später erfährt man, warum, und dass Cooper und sie Seelenverwandte sind. Als die beiden miteinander geschlafen haben, meint Rachel, sie könne ihre Dämonen jetzt vielleicht vergessen. Diese Szene hatte mir beim ersten Sehen des Filmes missfallen. Was soll das, dass die „gestörte“ Frau „es“ einfach nur mal braucht und sich dadurch die Probleme lösen lassen? Nach neuerlichem Sehen glaube ich nicht mehr, dass dies die Aussage des Filmes ist, sondern die beiden sich schon lange vor dem Sex zugetan waren. Das wird mit großer Zärtlichkeit erzählt, den Sex selbst spart der Film ohnehin aus; auch dürfte der Mann von der Begegnung mindestens genauso profitieren wie die Frau. Und ob es ein „they lived happily ever after“ geben wird, wissen wir nicht – vielleicht schon ein Vorgriff auf das von Eastwood insoweit bewusst offengelassene Ende in seinem großartigen „Der Texaner“ (1976).

Dreimal Sex für Eastwoods Cooper

Man kann, neben vielem anderen, diesen Film vielleicht auch als Selbstfindung über Liebe und, ja, Sex, sehen, von Letzterem nicht nur eine angeblich positive Variante zeigend. Dreimal hat Cooper Sex, jedes Mal wird der eigentliche Akt nicht gezeigt, aber jedes Mal wird sehr nuanciert das Drumherum so inszeniert, dass wir um die völlig unterschiedlichen Bedeutungen des Aktes wissen. Beim ersten Mal wird Eastwood völlig entkräftet von einer Prostituierten aufgepäppelt, die mit einem schelmischen „Kann ich sonst noch was für Sie tun?“ die Abblende einleitet. Danach die üblichen Männerwitze zwischen ihm und Fenton, der Cooper dort abgeladen hatte („Schreiben Sie’s als Spesen auf.“ „Als was denn?“). Sex als eher bedeutungslose Erholung. Dann in negativer Variante: Cooper „braucht“ eine Frau, um seinem Angewidertsein wegen der Hinrichtungszeremonie Luft zu machen. Obwohl er wiederum eine Prostituierte „nimmt“, die es gewohnt sein müsste, sehen wir ihren Frust hinterher im Spiegel sehr fein, aber darum deutlich. Das war wohl eine eher mechanische, geringschätzende Angelegenheit. Dann vom Neutralen übers Negative ins Positive, siehe oben, und Cooper sowie Rachel sind – vielleicht – erlöst. Das ist schon ein sehr interessant durchkomponierter Film und nicht nur der Versuch, einen harten Eastwood-Typen mit einem Gerechtigkeitsthema zu kombinieren. Es geht um viel mehr.

Uneinheitlichkeit beim Score

Gleichwohl kommt „Hängt ihn höher“ nicht an die Komplexität mancher Eastwoods heran (bei den Western favorisiere ich „Der Texaner“). Stellenweise ist er dann eben doch eine, wenn auch hochambitionierte, Fingerübung. Themenvielfalt geht mit stilistischer Uneinheitlichkeit einher. Die eigentlich schöne, zärtlich-romantische Episode zwischen Cooper und Rachel ist stilistisch genau dies: episodenhaft. Da schwelgt die Musik in einem Motiv, das mit seinen Blue Notes und Harmoniewechseln und seiner vollen Orchestrierung direkt dem A-Melodram der 1940er und 1950er entnommen scheint, sodass man sich fragt, ob gleich Drama Queen Bee Joan Crawford vorbeireitet. Auch das Motiv des Wetterwechsels bei einem Picknick scheint mir insoweit leicht überstrapaziert. Vielleicht sind solche Dinge ja das „Fernsehhafte“ des Fernsehregisseurs Ted Post, obwohl dieser gut mit Farbe und dem Kinoformat umgehen kann. Der Melo-Einschub wäre prima zwischen zwei Werbeblöcken, bleiben Sie dran, aber die kommen natürlich nicht. So wie überhaupt die Musik sehr uneinheitlich ist und ein dräuendes Fünftonmotiv öfter mal an einem Szenenende als „Achtung, mächtig gefährlich“ eingestreut wird. So als sei das wiederum die Überleitung zum Werbeblock, der dann aber nicht kommt. Überhaupt, die Musik: ein klassisches, voll orchestriertes US-Western-Thema, das melodramatische Thema, das eher signalhafte Fünftonmotiv, dann aber auch wieder Italowestern-Einflüsse durch die E-Gitarre und ein flirrendes Dissonanzenmotiv in hohen Tonlagen während der flirrenden Hitze in der Salzwüste. Gerade Letzteres ist beachtlich. Aber als Ganzes wirkt’s ein bisschen zusammengestückelt. Wie auch der ganze Film. Der hinter diesen Macken aber nicht nur Ecken und Kanten offenbart, sondern erstaunlich viel Glanz. Und wenn man die äußere Hülle ablegt, im wahrsten Sinne des Wortes Vielschichtigkeit. Besser ein Film mit moderaten Fehlern als einer, der allzu glatt ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Bruce Dern unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. Juni 2014, 14. März 2008 und 15. Juni 2000 als DVD

Länge: 110 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Hang ’Em High
USA 1968
Regie: Ted Post
Drehbuch: Leonard Freeman, Mel Goldberg
Besetzung: Clint Eastwood, Inger Stevens, Pat Hingle, Ed Begley, Ben Johnson, Bruce Dern, Charles McGraw, Ruth White, Dennis Hopper, Arlene Golonka, Joseph Sirola
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment (MGM)

Copyright 2020 by Tonio Klein

untere Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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Colors – Farben der Gewalt: Dennis Hoppers eindringlicher Blick auf Cops und Gangster

Colors

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Wir schreiben die 80er-Jahre. „CRASH“ nennt sich die Abteilung des Los Angeles Police Department, die sich mit Bandenverbrechen beschäftigt – das Akronym steht für „Community Resources Against Street Hoodlums“ (Kommunale Ressourcen gegen das Straßengangsterwesen). Mit der „OSS“ („Operation Safe Streets“ – Operation sichere Straßen) des Los Angeles County Sheriff’s Department formt „CRASH“ eine Einheit von 250 Ordnungshütern. Ihnen gegenüber stehen im Großraum Los Angeles mehr als 600 Gangs mit 70.000 Mitgliedern.

Die ungleichen Cops Hodges (l.) und McGavin …

Nach dieser Einordnung per zu Beginn eingeblendeter Texttafel werden wir unmittelbar ins Geschehen geworfen: Dem erfahrenen „CRASH“-Officer Bob Hodges (Robert Duvall) wird der so eitle wie heißblütige Anfänger Danny McGavin (Sean Penn) als neuer Partner zugeteilt. Ihr erster gemeinsamer Einsatz führt sie gleich an den Tatort eines Mordes: Bei einem Drive-by-Shooting wurde ein Mitglied einer Bloods-Gang abgeknallt. Die Bluttat beging offenbar ein Mitglied der Crips. Während Hodges versucht, in der Testosteron-geschwängerten Atmosphäre der Gangs besonnen zu agieren, gehen mit McGavin schnell mal die Pferde durch. Doch den beiden bleibt nichts anderes übrig, als sich zusammenzuraufen, wollen sie im permanent schwelenden Krieg der verfeindeten Gangs nicht untergehen.

Die Bloods und die Crips

Die Bloods und die Crips gibt es wirklich – die beiden in der Drogenkriminalität aktiven Gangs wurden in den 60er- bzw. 70er-Jahren in Los Angeles gegründet und zeichnen sich durch hohe Gewaltbereitschaft aus. Als Erkennungsfarbe dient den Crips Blau, während sich die Bloods für Rot entschieden haben. So richtig clever erscheint das nicht, da es die Identifizierung durch Polizei und rivalisierende Gangs erleichtert, aber sei’s drum.

… müssen sich als Partner zusammenraufen

Schauspieler Dennis Hopper („Apocalypse Now“) hatte 1969 mit dem Biker-Kultfilm „Easy Rider“ sein Regiedebüt vorgelegt, seine beiden folgenden Regiearbeiten „The Last Movie“ (1971) und „Out of the Blue“ (1980) fanden allerdings deutlich weniger Beachtung. Mit „Colors – Farben der Gewalt“ gelingt ihm 1988 ein erstaunlich stilsicherer Blick auf die Gang-Szene von Los Angeles und gleichzeitig ein herausragender Beitrag zum sogenannten Police-Procedural-Film – einem Subgenre des Krimis, das starken Fokus auf die Alltagsrealität von Polizisten sowie ihre Einsätze und ihr Vorgehen legt. Es ist ein Buddy-Movie, dem allerdings der kumpelhafte Humor anderer Vertreter wie „Red Heat“ aus dem gleichen Jahr und der „Lethal Weapon“-Reihe abgeht.

Der Veteran und der Rookie

Die Konstellation des erfahrenen Cops, der einen Rookie unter seine Fittiche nimmt, war auch 1988 nicht mehr neu, wird aber von Robert Duvall und Sean Penn mit feinfühliger Schauspielkunst zum Leben erweckt. Gleichzeitig versucht sich Regisseur Hopper auch daran, ins Gangleben vorzudringen und ein Gefühl, wenn nicht gar Verständnis dafür aufzubringen – wenn nicht für die allgegenwärtige Kriminalität, so doch für den Zusammenhalt der Gangs, die sich als Familien begreifen und deren Mitglieder bei aller Coolness doch starke Emotionen zeigen. Sofern sie nicht gerade zu stoned sind. Ob das authentisch ist, vermag ich mangels eigener Einblicke in diese fremde Welt nicht zu beurteilen, es wirkt jedenfalls so. Immerhin waren echte Gangmitglieder an der Produktion beteiligt, von denen angeblich sogar zwei während der Dreharbeiten erschossen wurden.

Im Einsatz im Ghetto …

Die sorgfältig ausgewählten Songs des Soundtracks, darunter der Titeltrack von Ice-T (siehe unten), geben den Takt vor – mit starken Hip-Hop-Beats, aber nicht nur, denn die Cops hören selbstverständlich andere Musik. In vielen Sequenzen verzichtet Hopper auch auf auf musikalische Untermalung – gut so.

… ist höchste Aufmerksamkeit geboten

Die alten DVD-Auflagen von „Colors – Farben der Gewalt“ sind im Handel vergriffen, daher ist die Neuveröffentlichung von capelight pictures zu begrüßen. Das Mediabook kommt in zwei Covervarianten daher. Es hält die Qualität, die wir von den Veröffentlichungen des Labels kennen. Im Booklet finden sich ein kenntnisreicher Text zur Tradition des Police-Procedural-Films, Ausführungen über Vorproduktion und Dreharbeiten sowie die Welt der Straßengangs. Ein Text beschäftigt sich auch mit der Resonanz auf den Film, der seinerzeit fürs Kino um ein paar durchaus nicht unbedeutende Sequenzen gekürzt worden war. Das capelight-Mediabook enthält sowohl die Langfassung (auf Blu-ray und DVD) sowie auf einer Bonus-Blu-ray auch den Kino-Cut. „Colors – Farben der Gewalt“ hat auch heute nichts an seiner Intensität eingebüßt und das Bild des realistischen Gang-Thrillers entscheidend mitgeprägt. Ein Meisterwerk und „Easy Rider“ zum Trotz Hoppers womöglich beste Regiearbeit.

Don Cheadle und Tony Todd

In einer kleinen Rolle als Mitglied der Crips ist Don Cheadle zu sehen. Nach „Hamburger Hill“ (1987) markiert „Colors – Farben der Gewalt“ den zweiten Kinoauftritt des später für „Hotel Ruanda“ für den Oscar nominierten Schauspielers. Horrorfans, aufgepasst: Bei einer Bürgerversammlung eine halbe Stunde nach Beginn hat Genre-Ikone Tony Todd („Candymans Fluch“) einen kurzen Auftritt als Vietnamveteran, der seinem Ärger Luft macht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Robert Duvall, Dennis Hopper, Sean Penn und Tony Todd sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Einen lesenswerten Text zu „Colors – Farben der Gewalt“ hat auch Christoph auf seinem Blog „Fluxkompensator“ veröffentlicht.

Ein kurzer Moment der Entspannung

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, zwei Covervarianten) und DVD, 4. September 2006 als DVD (20th Century Fox Home Entertainment), 26. Juli 2001 als DVD (MGM Home Entertainment)

Länge: 127 Min. (Blu-ray, Unrated Cut), 120 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 122 Min. (DVD, Unrated Cut)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Colors
USA 1988
Regie: Dennis Hopper
Drehbuch: Michael Schiffer
Besetzung: Sean Penn, Robert Duvall, Maria Conchita Alonso, Randy Brooks, Grand L. Bush, Don Cheadle, Gerardo Mejía, Sy Richardson, Glenn Plummer, Trinidad Silva, Damon Wayans
Zusatzmaterial: „Notruf“: Interview mit Drehbuchautor Michael Schiffer, „Räuber & Gendarm“: Interview mit Dennis Fanning (technischer Berater am Set und ehemaliges Mitglied der LAPD Gang Division), Kinotrailer, Trailershow
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2017 Al!ve AG / capelight pictures

 

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