RSS

Schlagwort-Archive: Dennis Widmyer

Friedhof der Kuscheltiere (2019) – Wie viele Leben hat eine Katze?

Pet Sematary

Kinostart: 4. April 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Es wird so sein wie bei vielen Neuverfilmungen: Manche Fans von Mary Lamberts 1989er-Regiearbeit „Friedhof der Kuscheltiere“ lassen darauf als Klassiker nichts kommen und werden deshalb der erneuten Umsetzung von Stephen Kings Romanvorlage nichts abgewinnen können. Andere, die für den Horror-Zeitgeist und die Optik der späten 80er-Jahre nur ein müdes Lächeln übrig haben und modernen Sehgewohnheiten frönen, werden womöglich begeistert sein. Wer zu differenzierter Betrachtung in der Lage ist, kann allerdings an beiden Versionen seine Freude haben, so viel sei schon hier verraten (und natürlich kann man an beiden Versionen kritikwürdige Aspekte finden). Klar ist: Die modernisierte Fassung des Regisseurs-Duos Kevin Kölsch und Dennis Widmyer („Starry Eyes“) bietet im Fahrwasser von „Es“ (2017) Mainstream-Horror, der insbesondere Fans von Franchises wie „Conjuring – Die Heimsuchung“ und „Insidious“ gefallen kann. Wer auf der Suche nach dem nächsten extremen Terrorfilm ist, möge weitersuchen.

Von Haustieren und Kuscheltieren

Beiden Filmen kann nicht angelastet werden, dass „Pet“ fälschlicherweise als „Kuscheltier“ übersetzt wurde – dafür trägt der deutsche Verleger des Romans die Verantwortung. Zu seiner Entschuldigung sei angeführt, dass sich „Friedhof der Haustiere“ deutlich unspektakulärer liest. Angemerkt sei, dass meine letzte Lektüre des Romans ewig lange zurückliegt und auch meine jüngste Sichtung der Erstverfilmung sicher nicht in diesem Jahrtausend war. Aber ich vertrete ohnehin die Haltung, dass auch eine Literaturverfilmung erstmal nur für sich funktionieren muss und nicht verpflichtet ist, die Vorlage „adäquat“ umzusetzen, was immer das bedeuten mag. Und dass ein Remake angetan ist, den Status der Erstverfilmung als Klassiker anzukratzen, wie manche Remake-Verächter anscheinend glauben – ein absurder Gedanke.

Der Eingang zum „Pet Sematary“

Zur Story: Familie Creed hat dem Stress der Großstadt Boston Adieu gesagt und zieht ins beschauliche Ludlow im ländlichen Maine. Dort hat Louis Creed (Jason Clarke) eine Stelle als Arzt der Universität angeboten bekommen und angenommen. Er und seine Frau Rachel (Amy Seimetz) haben ein ansehnliches Haus erworben. Dort donnern zwar häufig schwere Trucks die Straße entlang, das riesige Grundstück inklusive großem Waldgebiet entzückt die Familie aber sehr. Im Gehölz entdeckt Tochter Ellie (Jeté Laurence) einen eigentümlichen Friedhof, auf dem offenbar nur Haustiere begraben liegen, wie ihr der alte und verwitwete Nachbar Jud Crandall (John Lithgow) erklärt. Passend dazu findet sich in kindlicher und fehlerhafter Schrift die Bezeichnung PET SEMATARY auf einem Holzschild (den deutschen Trailern nach zu schließen, wird auf hiesigen Kinoleinwänden FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ohne Fehler auf dem Schild zu lesen sein).

Familie Creed richtet sich behaglich ein

Schnell hat sich die Familie inklusive Ellies kleinem Bruder Gage (Hugo und Lucas Lavoie) und Hauskatze Church eingelebt, doch ein gutes Stück hinter dem Friedhof der Haustiere, abgetrennt durch eine nur mühsam überwindbare Barrikade aus Stämmen, Ästen und Geröll, befindet sich eine weitere Grabstätte – und die hütet ein düsteres Geheimnis. Steht das Gebiet unter dem bösartigen Einfluss des Wendigo, jener Kreatur aus der indianischen Mythologie?

Ellie erkundet den Haustierfriedhof

Ein dräuender Score trägt dazu bei, die Spannungsschraube in die Höhe zu drehen, obwohl die gelegentlichen Jump-Scares etwas vorhersehbar daherkommen – einige Szenen lassen erahnen, dass wir uns in wenigen Momenten erschrecken sollen. Ebenfalls erahnen lässt sich drohendes Unheil, das nennt sich Suspense und ist in diesem Fall überaus effektiv inszeniert. Wir ahnen ein sich ankündigendes Unheil, erst recht, wenn wir Romanvorlage oder Erstverfilmung kennen, doch wann und wie genau es eintreten wird, erfahren wir erst bei Eintritt des tragischen oder bösartigen Ereignisses. Das macht eine große Qualität von „Friedhof der Kuscheltiere“ (2019) aus. Schauspielerisch bewegt sich all das auf anständigem Niveau, auch die Thematisierung eines Kindheitstraumas von Rachel Creed.

Louis (r.) lässt sich von Nachbar Jud …

Da sich die Regisseure in vielen Aspekten gegenüber dem Roman werktreu zeigen, sind Parallelen zur Erstverfilmung unausweichlich. Der tödlich verunglückte Student Victor Pascow (Obssa Ahmed) sei genannt, der Louis Creed immer wieder als mahnende Vision erscheint. Teilweise zitiert die Neuverfilmung die 1989er-Version sehr deutlich, um dann doch einen Schlenker zu machen – als Stichworte seien das Skalpell und der Truck genannt, doch mehr will ich nicht verraten. Später schlägt der Film dann ganz andere Wege ein als sein Vorgänger, er hält somit auch für Kenner der ersten Umsetzung einige Überraschungen bereit. Eine zentrale Änderung gegenüber der Romanvorlage ergibt sogar absolut Sinn – wer anderswo zu viel gelesen oder gar die Trailer geschaut hat, weiß bereits, was ich meine, dennoch will ich nicht zu viel verraten. Fans der Vorlage haben bereits ungehalten reagiert, Stephen King selbst allerdings sieht das Ganze gelassen, wie man bei – Vorsicht, dort hat’s Spoiler! – IndieWire nachlesen kann. Jedenfalls bereitet das konsequente Finale erst recht Freude.

Remake oder Neuverfilmung?

Haben wir es mit einer Neuverfilmung oder mit einem Remake zu tun? Moment – ist das nicht dasselbe? Wer so denkt, muss aufpassen, dass ihm in Filmforen oder Social-Media-Filmgruppen nicht schlaue Leute über den Mund fahren. Für die gilt eine Neuverfilmung nämlich nur dann als Remake, wenn es sich nicht um eine Literaturverfilmung handelt, sondern die Erstverfilmung auf einem Originaldrehbuch beruht. Hä? Ganz recht, da gibt es feine Unterschiede, die mir in einer Diskussion um den Vergleich zweier Verfilmungen einer Story aber akademisch erscheinen. Wer sie anbringt, hat zwar genau genommen recht, sollte dies aber zuvor mit einem „Klugscheißmodus an“ ankündigen. Insofern mag das zwar eigentlich auch für beide Adaptionen dieses Stephen-King-Romans gelten, hier ist es aber so, dass die Zitate der ersten Adaption derart deutlich ausfallen, dass es meines Erachtens völlig gerechtfertigt ist, von einem Remake zu sprechen oder zu schreiben. Dass beide Versionen Unterschiede aufweisen, ist davon unbenommen.

… tiefer in den Wald führen

Bleibt die Frage: Braucht’s dieses Remake? Gegenfrage: Welchen neuen Horrorfilm braucht das Genre schon wirklich? Zu viele innovationsarme Produktionen kommen jährlich auf den Markt, da schadet ein weiterer nicht. Und Innovationen hat „Friedhof der Kuscheltiere“ (2019) in der Tat nicht zu bieten. Aber er ist auf professionellem Niveau fesselnd inszeniert. Gebraucht hätte ich ihn nicht unbedingt, habe mich jedoch anständig unterhalten gefühlt. Einigen Genrefans fehlt bei der 1989er-Version das gewisse Etwas, völlig in Ordnung, wenn sie sich auf die Neuverfilmung freuen. Vorab äußerten andere bereits ihre Enttäuschung über die FSK-16-Freigabe, die Gorehounds andeutet, wenig extremen Terror und kaum heftige Gewaltexzesse erwarten zu können. Mit dieser Vermutung liegen sie zwar richtig, aber lasst Mainstream-Horror wie diesen dann doch einfach links liegen! Er soll ein vielköpfiges Publikum ins Kino locken, nur logisch, dass die Produzenten den Gewaltgrad eher im Hinblick auf eine niedrigere Altersfreigabe ausrichteten. Wer damit und mit der mangelnden Originalität keine Probleme hat, darf sich auf eine gelungene filmische Modernisierung des Bestsellers von Stephen King freuen. Sie bringt das Genre nicht voran, fügt ihm aber auch keinen Schaden zu.

Ellie merkt: Katze Church hat sich verändert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet, Filme mit Jason Clarke und John Lithgow in der Rubrik Schauspieler. Zu Lucas Knabes Rezension der ersten Verfilmung geht es auch hier.

Ob Louis weiß, was er tut?

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Pet Sematary
USA 2019
Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Drehbuch: Matt Greenberg, Jeff Buhler, nach einem Roman von Stephen King
Besetzung: Jason Clarke, John Lithgow, Amy Seimetz, Jeté Laurence, Obssa Ahmed, Hugo & Lucas Lavoie, Sonia Maria Chirila
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Filmplakate &, Szenenfotos: © 2019 Paramount Pictures Germany

 
4 Kommentare

Verfasst von - 2019/04/01 in Film, Kino, Rezensionen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Starry Eyes – Besetzungscouch und Body-Horror

Starry_Eyes-Cover-BR Starry_Eyes-Mediabook-1

Starry Eyes

Horror // Eine Einladung zum Casting für den Horrorfilm „The Silver Scream“ – endlich scheint der Traum von Sarah (Alex Essoe) wahr zu werden. Nachdem es anfangs gut zu laufen scheint, kündigt sie sogar ihren Job als Kellnerin in der Filiale einer Fast-Food-Kette. Sarah ahnt nicht, was die Produzenten mit ihr im Sinn haben.

Starry_Eyes-6

Sarah (l.) hofft auf eine Rolle

Dass etwas anderes dahintersteckt als eine herkömmliche Rollenbesetzung, ahnt der Zuschauer aufgrund der Inszenierung schnell. Unbeschwerte Szenen mit Sarah und ihren Freunden wechseln sich mit unheilvollen Sequenzen rund um ihr Verlangen nach der Rolle ab. Denkt man sich den stimmungsvollen Horror-Score und die unterschwellig bedrohliche Atmosphäre weg, könnte es sich bei „Starry Eyes“ eine Weile auch schlicht um das Drama einer hoffnungsvollen Nachwuchsschauspielerin und ihre platzenden Träume handeln.

David Cronenberg lässt grüßen

Es zieht sich etwas, nach einer Weile wird aber ersichtlich, wohin die Reise geht: in die Body-Horror-Gefilde eines David Cronenberg. Hinzu kommen in ein paar Settings eine Prise Argento sowie auch etwas die Rätselhaftigkeit eines David Lynch. Das hat seinen Reiz, obgleich ich mich am Ende etwas am Kopf kratzen musste: Was wollte man dem Zuschauer eigentlich sagen? Insofern ist „Starry Eyes“ sicher nichts für Filmgucker, die am Ende restlos alles aufgelöst haben müssen.

Starry_Eyes-2

Die letzte Hürde vor dem Angebot erweist sich als tückisch

Wenn nach etwa der Hälfte der Zeit aus dem Drama endgültig ein Horrorfilm wird, werden einige Zuschauer ein erleichtertes „Endlich“ von sich geben, während sich andere angewidert wegdrehen. Dann stellen sich nämlich Schmerz und Ekel ein, was zartbesaiteten Gemütern einiges abverlangt. Die Freigabe ab 18 Jahren kommt nicht von ungefähr – immerhin verpasste die FSK der ungeschnittenen Fassung das rote Logo.

Abseits ausgetretener Erzählpfade

Die zwei Stoßrichtungen hinterlassen einen etwas zwiespältigen Eindruck. Wer sich nicht daran stört, wenn konventionelle Drehbuch- und Narrationsstrukturen verlassen werden, wird „Starry Eyes“ womöglich begeistert aufnehmen. Andere werden ihn ablehnen. Aber eine Kontroverse hat ja noch nie geschadet. Anschauen sollten ihn sich Freunde abseitiger Genrefilme auf jeden Fall einmal. Er ist es wert.

Nach dem Thriller „Absence“ von 2009 ist „Starry Eyes“ der zweite gemeinsame Langfilm der Drehbuchautoren und Regisseure in Personalunion Kevin Kölsch und Dennis Widmyer. Derzeit drehen sie mit Kevin Smith und anderen Regisseuren die Horrorkomödie „Holidays“.

Starry_Eyes-5

Sonderbares geschieht

Veröffentlichung: 13. März 2015 als limitiertes Mediabook (inkl. Blu-ray, DVD und Soundtrack-CD), 3. April 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Starry Eyes
USA/BEL 2014
Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Drehbuch: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Besetzung: Alex Essoe, Amanda Fuller, Noah Segan, Fabianne Therese, Shane Coffey, Natalie Castillo, Pat Healy, Nick Simmons, Maria Olsen, Marc Senter, Danny Minnick, Louis Dezseran
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit den Regisseuren Kevin Kölsch und Dennis Widmyer sowie Produzent Travis Stevens, unveröffentlichte Szenen, Making-of: Soundtrack, Casting-Video: Alex Essoe, Fotoshow: Hinter den Kulissen, Teaser, US-Trailer, deutscher Trailer, Wendecover
Vertrieb: Turbine Media Group

Starry_Eyes-Mediabook

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 Turbine Media Group

 
 

Schlagwörter: , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: