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Horror für Halloween (XXVIII): Der Manitou – Die garstige Geschwulst im Nacken

The Manitou

Von Volker Schönenberger

Horror // Im Nacken der Kalifornierin Karen Tandy (Susan Strasberg) wächst etwas. Ist es ein Tumor? Gutartig? Bösartig? Ihr Arzt Dr. McEvoy (Paul Mantee) steht vor einem Rätsel, und auch der von diesem hinzugezogene Spezialist Dr. Jack Hughes (Jon Cedar) weiß keine Antwort. Die Geschwulst wächst in besorgniserregender Geschwindigkeit, ein Versuch, sie operativ zu entfernen, geht auf mysteriöse Weise schief.

Ist Karen Tandy besessen?

Karens Ex-Freund Harry Erskine (Tony Curtis), der als Medium wohlhabenden älteren Damen das Geld aus der Tasche zieht, will der 28-Jährigen helfen, ist aber auch bald mit seinem Latein am Ende. Dr. Hughes kommt zu dem Schluss, dass in Karens Nacken ein Fötus heranwächst. Und während Harry mit seiner alten Bekannten Amelia Crusoe (Stella Stevens), ihrem Ehemann MacArthur (Hugh Corcoran) und dem Anthropologen Dr. Ernest Snow (Burgess Meredith) weitere Experten hinzuzieht, wächst das Wesen weiter und weiter. Kann der Medizinmann John Singing Rock (Michael Ansara) von einem Dakota-Stamm Karen helfen?

Kein Manitou wie bei Karl May

Geprägt durch Karl May und seine Reiseerzählungen um Old Shatterhand und Winnetou hat sich hierzulande die Vorstellung eingebürgert, beim Manitou handle es sich um eine mit dem christlichen Gott vergleichbare Gottheit. Tatsächlich jedoch bezeichnen diverse indigene Völker Nordamerikas mit dem Begriff Manitou eher eine allumfassende, Lebewesen wie Gegenständen und Dingen innewohnende Kraft (grob ausgedrückt und mangels Kenntnis hier auch nicht weiter vertieft), die mit einem personifizierten göttlichen Wesen nichts zu tun hatte. Diese große Kraft kann sich womöglich auch in Form eines Geistes manifestieren und in einen Körper fahren – eine Vorstellung, die dem britischen Horrorschriftsteller Graham Masterton (* 1946) als Inspiration für seinen 1976 erstveröffentlichten Debütroman „Der Manitou“ („The Manitou“) diente. Zwei Jahre später adaptierte der Regisseur und Drehbuchautor William Girdler („Grizzly“, „Sheba, Baby“, „Abby“) das Werk fürs Kino – es wurde seine neunte und letzte Regiearbeit. Er starb kurz nach Ende der Dreharbeiten im Alter von 30 Jahren bei einem Helikopterabsturz auf den Philippinen.

Das Weltbild des Scharlatans Harry Erskine …

Was genau da in Karens Nacken heranwächst, erfährt das Filmpublikum recht zügig (ich unterlasse dennoch die genaue Erläuterung). Wenn man sich auf diese bizarre Prämisse einlässt, entfaltet „Der Manitou“ durchaus bedrohliche Spannung. Anfangs nur ein Gewebeklumpen unter der Haut der Bedauernswerten, erreicht das Geschehen später echte Body-Horror-Gefilde. Ein wenig kann man Girdlers Regiearbeit auch im Fahrwasser von William Friedkins „Der Exorzist“ (1973) verorten, auch Larry Cohens „Die Wiege des Bösen“ (1974) sei als Orientierungspunkt genannt.

Drei Oscar-Nominierte im Cast

Mit Tony Curtis und Burgess Meredith bot „Der Manitou“ sogar zwei Oscar-nominierte Darsteller auf, hinzu kommt die Jahre später ebenfalls für einen Oscar nominierte Ann Sothern in einer Nebenrolle als Kundin von Harry Erskine. Auch der Score von keinem Geringeren als Lalo Schifrin („Mission: Impossible“) wertet den Film auf. Das Werk weist durchaus Production Values auf – ein B-Movie im Gewand eines A-Films. Damals konnte so etwas noch mit solidem Budget – in diesem Fall drei Millionen Dollar – produziert werden und flächendeckend in die Kinos kommen, auch wenn viele die Handlung als cheesigen Horrorunfug gebrandmarkt haben mögen. Das gilt erst recht fürs überkandidelte Finale, bei dem wir sogar einen Blick in eine parallele Dimension (oder etwas Ähnliches) erhaschen dürfen. Wer sich angesichts eines ein Krankenhaus durchschüttelnden Erdbebens und einer sich plötzlich aus irgendeiner Sphäre materialisierenden bissigen Echse mit einem heftigen Stirnrunzeln und „Hä?“ am Kopf kratzt, dürfte damit nicht allein sein. Aber es macht Spaß! Vielleicht wäre ein Hauch Ironie angebracht gewesen, aber egal.

… gerät ins Wanken

Ist es anrüchig, religiöse Aspekte der nordamerikanischen Ureinwohner zum Inhalt eines Hollywood-Horrorfilms zu machen? Nein, die Fantasy, die sich Religion nennt, muss das schon abkönnen. Man mag es kritikwürdig finden, ein der indigenen Bevölkerung wichtiges, gar heiliges Thema auf derartige Weise auszubeuten, aber es hilft auch, die Kirche im Dorf zu lassen. Der Medizinmann John Singing Rock thematisiert immerhin den gigantischen Landraub der Weißen an den Ureinwohnern, auch wenn das keinen breiten Raum einnimmt.

Ein Syrer als nordamerikanischer Medizinmann

Man hätte John Singing Rock vielleicht mit einem Schauspieler indigener Abstammung besetzen können, aber der aus Syrien stammende Michael Ansara (1922–2013) macht seine Sache gut und spielt den Medizinmann mit der gebotenen Würde, aber auch Bodenständigkeit. Er hatte Jahre zuvor in der Westernserie „Broken Arrow“ (1956–1958) den legendären Häuptling Cochise verkörpert, in der Westernserie „Law of the Plainsman“ (1959–1960) einen Sheriff indianischer Herkunft in New Mexico. In der Animationsserie „Rambo“ (1986) sprach er in 63 Episoden den faschistoiden General Warhawk. Auch Klingonen gehörten zu seinem Repertoire, einen solchen spielte er jeweils in drei „Star Trek“-Generationen.

Karen steht ganz im Banne des Manitou

Koch Films (heute Plaion Pictures) hat „Der Manitou“ im Frühjahr 2020 als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht, dabei vier Covervarianten entworfen und mit einem der vier Titel versehen, unter denen der Film hierzulande vermarktet wurde: Außer „Der Manitou“ sind dies „Geburt des Dämon“, „Lasersturm“ und „Super Zombie – Die Geburt des Grauens“. Eine davon wurde angeblich exklusiv über eine große Drogeriekette vertrieben, zwei über zwei große Online-Händler und eine über zwei große stationäre Ketten; allerdings finden sich drei Covervarianten weiterhin im Online-Shop von Plaion Pictures. Das Bonusmaterial fällt üppig aus (siehe Auflistung unten), der Booklet-Text mit dem Titel „Eine Überdosis Seventies’ Camp“ von Oliver Nöding ist gewohnt lesenswert geraten (seinen Filmblog „Remember It for Later“ hat Nöding im November 2020 leider eingestellt). Erneut eine feine Mediabook-Veröffentlichung, die an all jenen vorbeigeht, die die kompakten Koch-/Plaion-Mediabooks boykottieren, weil ihnen ein paar Zentimeter mehr wichtiger sind als der Inhalt.

Lob von Romanautor Graham Masterton

Graham Masterton, Autor der Romanvorlage, war vom Ergebnis der Verfilmung sehr angetan: I liked it a lot, actually. It had all the right elements of humour and fear in it, and for 1978, the special effects were very good. The director, Bill Girdler, got a little caried away by „Star Wars“ toward the end of the film … But it had all the right wry elements in it that made „The Manitou“ what it was in many respects. – Tatsächlich mochte ich den Film sehr. Er trug die nötigen Elemente von Humor und Angst in sich, und für 1978 waren die Spezialeffekte sehr gut. Dem Regisseur Bill Girdler sind gegen Ende ein wenig die „Star Wars“-Pferde durchgegangen, aber sein Film hatte all die krummen Elemente, die „Der Manitou“ in vielerlei Hinsicht zu dem gemacht haben, was er ist. (Zitiert nach John Kenneth Muir: Horror Films of the 1970s, 2002)

Am Ende ein bizarrer „Fakt“ aus Japan

Als sei „Der Manitou“ nicht so schon absurd genug, endet der Film mit einer Texteinblendung: Fact: Tokyo, Japan, 1969. A fifteen-year-old boy developed what doctors thought was a tumor in his chest. The larger it grew, the more uncharacteristic it appeared. Eventually, it proved to be a human fetus. – Fakt: Tokio, Japan, 1969. Ein 15-jähriger Junge entwickelte etwas, das Ärzte für einen Tumor in seinem Brustkorb hielten. Je mehr es wuchs, desto uncharakteristischer erschien es. Schließlich stellte sich heraus, dass es sich um einen menschlichen Fötus handelte. Und Ende. Ob es sich um ein Zwillingsgeschwisterkind des Jungen handelte, das dieser im Mutterleib absorbiert hatte und später aus unerfindlichen Gründen zum Wachstum angeregt wurde? Wir werden es nie erfahren. Und nur weil die Texteinblendung mit „Fact“ beginnt, muss es sich noch lange nicht um einen Fakt handeln. Wie auch immer, „Der Manitou“ ist ein Fest für all jene, die hanebüchenem Horror aus den 1970er-Jahren etwas abgewinnen können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Susan Strasberg haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Tony Curtis und Burgess Meredith unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. Mai 2020, 22. Mai 2020 und 30. April 2020 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, vier Covervarianten à 500 Exemplare)

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Manitou
Alternativtitel: Geburt des Dämon / Lasersturm / Super Zombie – Die Geburt des Grauens
USA 1978
Regie: William Girdler
Drehbuch: William Girdler, Jon Cedar, Thomas Pope, nach dem Roman „The Manitou“ von Graham Masterton
Besetzung: Tony Curtis, Susan Strasberg, Michael Ansara, Jon Cedar, Ann Sothern, Burgess Meredith, Paul Mantee, Jeanette Nolan, Lurene Tuttle, Hugh Corcoran, Anne Newman Bacal (als Ann Newman-Mantee)
Zusatzmaterial: Interviews mit Romanautor Graham Masterton, Produzent David Sheldon und Effektkünstler Tom Burman, deutsch synchronisierte Super-8-Fassung (45 Min.), englischer Trailer, TV-Spots, Galerie mit 74 Bildern, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Oliver Nöding
Label/Vertrieb: Plaion Pictures (vormals Koch Films)

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & 4er-Packshot: © 2020 Plaion Pictures

 
 

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