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Die Schöne und das Biest – Emma Watson zaubert wieder

Beauty and the Beast

Kinostart: 16. März 2017

Von Iris Janke

Fantasy-Melodram // Belle (Emma Watson) ist eine Schönheit und verzaubert, ob im blauen Dirndl als Dorfschönheit oder im gelben Ballkleid im Schloss. Der Name Belle ist Programm – und Emma Watson („Harry Potter“) die perfekte Besetzung dafür. 26 Jahre nach Disneys Oscar-gekröntem Animationsklassiker kommt nun das Realfilm-Remake ins Kino – ebenfalls aus dem Hause Disney.

Auf den ersten Blick ziemlich gruselig: das Biest

Regisseur Bill Condon („Twilight“-Saga) hält sich dabei optisch und inhaltlich eng an das Zeichentrick-Original von 1991: Hier wie dort wird viel gesungen, sogar einige neue Songs wurden neben den bekannten Oscar-gekrönten Titeln von Alan Menken und Tim Rice beigesteuert. Hauptdarstellerin Emma Watson hat sich auf ihren Part monatelang mit Gesangsstunden vorbereitet. Auch Ko-Hauptdarsteller und Biest Dan Stevens und sein Gegenspieler, der Jäger Gaston (Luke Evans, „Dracula Untold“), überzeugen gesanglich.

Der Prinz und die Bettlerin

Zum Inhalt: Ein junger Prinz (Dan Stevens) lädt in seinem prunkvollen Schloss zum Debütantinnenball. Sein Charme und sein Äußeres bestechen die geladenen Damen, seine Diener lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Doch als eine arme Bettlerin im Schloss um Unterkunft bittet und im Gegenzug eine Rose anbietet, zeigt sich der Königssohn unbarmherzig und arrogant. Dass die alte Frau tatsächlich eine schöne Zauberin ist, ahnt der Prinz nicht.

Belle liebt ihren Vater Maurice abgöttisch

Die Strafe für die königliche Unmenschlichkeit folgt unverzüglich: Das ganze Schloss steht plötzlich unter einem Fluch, der schöne Prinz wird zu einem hässlichen Biest und die Schlossbewohner werden zu lebenden Haushaltsgegenständen. Dabei wird Lumière (Ewan McGregor, sang bereits in „Moulin Rouge“), der französische Diener des Prinzen, in einen singenden Kerzenständer verwandelt. Lumières gesangliches Highlight: das extravagante Musical-Stück „Sei hier Gast“. Der Diener liegt in ständigem Zwist mit der singenden Standuhr von Unruh – bemerkenswertes Gesangsdebüt für den 76-jährigen Ian McKellen (Magneto aus den „X-Men-Filmen“, Gandalf aus der „Herr der Ringe“-Trilogie).

Zwei, die sich perfekt ergänzen: Dorfschönling Gaston (l.) und sein ergebener Kumpel LeFou

Derweil lebt Belle mit ihrem Vater, dem etwas zerstreuten, aber liebenswerten Erfinder Maurice (Kevin Kline), in einem französischen Dorf in der Nähe des Schlosses. Belle wird von allen Dorfbewohnern wegen ihrer Anmut bewundert – allen voran der Jäger und Dorfschönling Gaston (Dan Stevens). Die Hübsche kann sich seiner Avancen kaum erwehren. Eines Tages bricht Vater Maurice mit Pferd und Kutsche auf, um eine neue Erfindung zu verkaufen. Er gerät Schließlich in das verwunschene Schloss und damit in die Fänge des Biests. Belle macht sich auf die Suche nach ihrem Vater, findet ihn – und bietet sich im Austausch für den Gefangenen an …

Auch als Realfilm zauberhaft

Für wen ist diese Realverfilmung von „Die Schöne und das Biest“ zu empfehlen? Ganz einfach: für alle, die sich noch einmal verzaubern lassen wollen, und das ganz im Disney-Stil – nicht einmal das gelbe Kleid aus dem Oscar-gekrönten Zeichentrickfilm fehlt. Besonders schön: die Kulisse von Schloss und Umgebung, die verwunschenen Bewohner und ihre perfekt animierte Verwandlung in lebendige Luxus-Gegenstände einer vergangenen märchenhaften Zeit.

Fast zu schön, um wahr zu sein: der Tanz des Biests mit Belle

Auf ihre Kosten kommen sowohl diejenigen, die das Original bereits kennen – sie können sich von Neuerungen faszinieren lassen; und wer keinerlei Vorkenntnisse besitzt, kann den Film einfach genießen. Und – Vorteil für ganz junge Zuschauer: Im Gegensatz zur ebenfalls ab sechs Jahren freigegebenen französischen Verfilmung von Christophe Gans (2014) mit Léa Seydoux als Belle und Vincent Cassel als Biest fällt diese Version keinesfalls düster und gruselig aus – Disney-like eben – und das Lächeln von Emma Watson zaubert sowieso jeden Anflug von Furcht einfach weg.

Wunderschön im gelben Ballkleid: Belle

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Luke Evans und/oder Ewan McGregor sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Beauty and the Beast
USA 2017
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Stephen Chbosky, Evan Spiliotopoulos
Besetzung: Dan Stevens, Emma Watson, Luke Evans, Ewan McGregor, Josh Gad, Gugu Mbatha-Raw, Ian McKellen, Emma Thompson, Stanley Tucci, Kevin Kline, Henry Garrett, Hattie Morahan, Sonoya Mizuno, Adrian Schiller
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2016 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 
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Verfasst von - 2017/03/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Der Dieb von Bagdad – Das Vermächtnis der Korda-Brüder

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The Thief of Bagdad

Von Ansgar Skulme

Fantasy-Abenteuer // Der heimtückische Großwesir Jaffar (Conrad Veidt) hat sich am Hofe von Bagdad das Vertrauen des rechtmäßigen Kalifen Ahmad (John Justin) erschlichen. Er giert nach dem Thron und der wunderschönen Prinzessin von Basra (June Duprez). Ahmad jedoch findet, ganz am Boden angelangt, einen Verbündeten in Abu (Sabu), dem Dieb von Bagdad. Nun gilt es, Jaffar zu stürzen und die Prinzessin zu retten. Der Weg dorthin führt vorüber an wundersamen Puppen und Spielzeugwesen, einem magischen Lampengeist (Rex Ingram), dem All-Sehenden-Auge und dessen düsteren Wächtern, monströsen Ungeheuern, einem fliegenden Teppich und vielen weiteren Sonderbarkeiten aus Tausendundeiner Nacht.

„Der Dieb von Bagdad“ wurde mit dem Anspruch produziert, ein großes buntes Abenteuer aus dem fernen Orient zu zeigen, das alles Fabelhafte der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht zusammenführt. Daher verwundert es auch wenig, dass legendäre Gestalten der orientalischen Wunderwelt, wie Hārūn ar-Raschīd und Sindbad, zumindest in Nebensätzen untergebracht werden und Abus Entwicklung mehrfach Parallelen zur allseits bekannten Geschichte Aladdins aufweist. Neben allen Reminiszenzen an bekannte Geschichten und Personen aus Tausendundeiner Nacht und sagenumwobene Städte wie Bagdad, Basra und Samarkand vereint der Film zudem fast alle damals bekannten Spezialeffekt-Techniken. Obendrein wurde für „Der Dieb von Bagdad“ das Bluescreen-Verfahren entwickelt, das den Geist so riesig und ein Pferd fliegend erscheinen lassen konnte. Für diese Effekte aus der Schmiede von Larry Butler und Jack Whitney gab es einen von drei Oscars. Der Film griff allerdings nicht nur viele der besagten populären Elemente auf und vermischte sie, sondern war wiederum für andere Filme so richtungsweisend, dass sich etwa die Disney-Zeichner noch über 50 Jahre später bei der Arbeit an „Aladdin“ (1992) sowohl für den Großwesir als auch den Lampengeist eindeutig vom Aussehen Conrad Veidts und Rex Ingrams in ihren Rollen in „Der Dieb von Bagdad“ inspirieren ließen. Und zweifellos ist es auch eine Hommage an den Film von 1940, dass Aladdins Affe im Disney-Film den Namen Abu trägt und sich beide als Diebe durchs Leben schlagen.

Endpunkt Bagdad: Britische Blockbuster der 30er-Jahre

An dem Produzenten und Regisseur Alexander Korda und seinem stärker der Regie zugeneigten Bruder Zoltan führte im britischen Kino der 30er-Jahre kein Weg vorbei, wenn es um an internationalen Schauplätzen produzierte Abenteuer-Großproduktionen ging. Nur wenige US-Filme, wie etwa Irving Thalbergs „Trader Horn“ (1931), konnten ihnen dahingehend das Wasser reichen. Die in Österreich-Ungarn geborenen Korda-Brüder waren aufgrund ihrer Beharrlichkeit und ihres Erfolges gewissermaßen die Gründerväter des Blockbuster-Kinos im Tonfilm, indem sie für Abenteuergeschichten um die Welt reisten und schließlich auch mit den Spezialeffekten in ihren Filmen neue Größenordnungen erschlossen. Sie scheuten keine Kosten und Mühen, um außergewöhnliche Schauplätze in spektakulären Bildern mit spannenden Geschichten, zu Unterhaltungszwecken, aber ganz nebenbei auch mit hohem dokumentarischem Wert, auf die Leinwand zu bringen. Gemeinsam realisierten sie unter anderem den nach Motiven von Edgar Wallace in Afrika gedrehten „Bosambo“ (1935), wie auch die „Vier Federn“-Verfilmung von 1939. Für „Elefanten-Boy“ (1937) wurde der indische Junge Sabu als Hauptdarsteller von Robert J. Flaherty – dem berühmten Dokumentarfilmer, der hier gemeinsam mit Zoltan Korda Regie führte – entdeckt. Alexander und Zoltan Korda führten die Zusammenarbeit mit Sabu in „Gefahr am Doro-Pass“ (1938) fort, „Der Dieb von Bagdad“ wurde der dritte Film des Trios. Mit „Das Dschungelbuch“ folgte 1942 ein vierter, ehe Sabu erst bei seinem fünften Film „Arabische Nächte“ (1942) erstmals unter einem anderen Produzenten arbeitete. „Arabische Nächte“ war für Hollywood die Geburtsstunde des hauseigenen Tausendundeine-Nacht-Films in Technicolor. Der erste Universal-Film überhaupt, der im Drei-Farben-Verfahren von Technicolor gedreht und natürlich von „Der Dieb von Bagdad“ beeinflusst wurde. Die Korda-Produktion war zwar in den USA fertiggestellt worden, blieb originär aber britisch – eine Herausforderung für Hollywood, der mit „Arabische Nächte“ eine Reaktion folgte. Weihnachten spielte für den neuen kunterbunten Tausendundeine-Nacht-Film, wie man ihn nie zuvor gesehen hatte, eine wesentliche Rolle, denn sowohl „Der Dieb von Bagdad“ als auch „Arabische Nächte“ hatten ihren regulären Kinostart in Großbritannien bzw. den USA am 25. Dezember. Ein nicht ganz neues, aber von Grund auf erneuertes Subgenre des Abenteuerfilms war geboren, das um schwarz-weiße Produktionen fortan einen großen Bogen machte. Vielmehr hielten die Bonbon-Farben Einzug in den Tausendundeine-Nacht-Film und das Genre funktionierte bis weit in die 50er-Jahre hinein, wenngleich sich die Zahl der Filme einigermaßen überschaubar gestaltet, was eine logische Folge aus der ziemlich konsequenten Vermeidung schwarz-weißer Beiträge ist.

Von Anfang an Probleme

Es ist beinahe schon sensationell wie rund „Der Dieb von Bagdad“ als filmisches Erlebnis wirkt, wenn man sich seine chaotische Produktionsgeschichte bewusst macht. Die Dreharbeiten begannen in London, im Frühjahr 1939. Zunächst war das Drehbuch aber unvollendet, und Miles Malleson, der im Film den spielzeugliebenden Sultan spielt, orientierte sich an den Wünschen von Alexander Korda, als er die Aufgabe bekam, das Skript auf den Punkt zu bringen. Auch in der Regie taten sich sofort Probleme auf, da der deutsche Regisseur Ludwig Berger eine völlig andere Vision als Alexander Korda hatte, die gegensätzlicher kaum sein konnte und alles andere als großes, buntes Effektkino verhieß. Weiß der Himmel, warum man dies erst feststellte, nachdem Berger bereits engagiert worden war. Offen ist auch, warum Alexander Korda, der zwar schon etliche Filme mit anderen Regisseuren produziert hatte, bei seinen Abenteuer-Großproduktionen aber verlässlich auf seinen Bruder Zoltan setzte, hier zunächst nicht auf ihn baute. Mit Michael Powell, der gerade erst seinen zukünftigen Regie-Partner Emeric Pressburger kennengelernt hatte, wurde ein guter Ersatz für Berger gefunden. Berger inszenierte einige der ruhigen, kammerspielartigen Szenen, Powell viele andere Aufnahmen, die in Großbritannien realisiert wurden. Wahrscheinlich hätte Powell den Film auch fertigstellen dürfen, wäre er nicht durch Einbruch des Krieges für die Produktion von Propagandamaterial abberufen worden. Churchill brauchte Powells Dienste, daher musste Korda auf ihn verzichten.

Eine Vision ordnet das Chaos

Auch für „Der Dieb von Bagdad“ hatten die Korda-Brüder ursprünglich in Afrika drehen wollen, doch das verhinderte der Zweite Weltkrieg. Stattdessen wich man für die Außenaufnahmen unter anderem in den Grand Canyon und das Wüstengebiet Painted Desert in den USA aus. All das dauerte so lange, dass Sabu mittlerweile in seinem Wachstum stark fortgeschritten war. Folge: Szenen mit ihm musste man noch einmal drehen. Als Powell-Ersatz wurde der US-Amerikaner Tim Whelan für die Regie verpflichtet, jedoch probierten sich im Verlauf der Produktion sowohl Zoltan als auch Alexander Korda ebenfalls in der Regie. Nicht zuletzt durfte auch William Cameron Menzies in dieser Eigenschaft mitwirken, der für Korda bereits die H.-G.-Wells-Verfilmung „Was kommen wird“ (1936) inszeniert hatte, bei „Der Dieb von Bagdad“ aber eigentlich nur als Ausstatter und Koproduzent mit im Boot war. Einen seiner bekanntesten Filme inszenierte Menzies allerdings erst später: „Invasion vom Mars“ (1953). Insgesamt brachte es „Der Dieb von Bagdad“ also nicht nur auf eine Vielzahl verschiedenartiger Spezialeffekte, zahlreiche populäre Tausendundeine-Nacht-Figuren sowie diverse Gimmicks von der Wunderlampe bis zum fliegenden Teppich, sondern auch auf nicht minder spektakulär viele – nämlich sechs – Regisseure.

Dass der Kameramann Georges Périnal sich seinen Oscar redlich verdient hat, liegt angesichts dessen fast schon auf der Hand. An ihm und dem Cutter Charles Crichton sowie dem Komponisten Miklós Rózsa war es, dem vielen Material, das ihnen die verschiedenen Regisseure abverlangten und lieferten, eine Linie und Ordnung zu geben. All das immer getreu der Vision Alexander Kordas, die in etwa besagte, ein großes, buntes Abenteuer zu erschaffen. Angeblich hat Rózsa zudem auch an der Story mitgewirkt – es würde ins Bild des großen Durcheinanders voller kreativer Köpfe mit vielen Fähigkeiten passen. Die Musik allerdings ging als einzige unter den vier Oscar-Nominierungen des „Diebs von Bagdad“ leer aus – in der Kategorie setzte sich Disneys „Pinocchio“ (1940) bei der Preisverleihung durch. Der dritte Oscar für „Der Dieb von Bagdad“, neben den Effekten und der Kameraarbeit, ging an Vincent, den jüngeren Bruder von Alexander und Zoltan Korda. Er war federführend für die Ausstattung verantwortlich, neben Kollegen wie besagtem William Cameron Menzies, die ihren Teil beisteuerten. Menzies konnte unter anderem dahingehend kreativ zuarbeiten, dass er bereits an der Stummfilmversion von Raoul Walsh mit Douglas Fairbanks in der Hauptrolle mitgewirkt hatte, die 1924 erschienen war.

Conrad Veidt behält die Ruhe

Inmitten dieser mehr als schwierigen Produktionsumstände fanden sich dann auch noch drei junge Hauptdarsteller, die allesamt bisher kaum Kinoerfahrung hatten. Für John Justin war es der erste Film überhaupt und Sabu war ein minderjähriger Laiendarsteller, der zuvor erst zwei Filme gedreht hatte, wenngleich sich sein enormes Naturtalent bereits da abzeichnete. June Duprez, die ebenfalls eine Entdeckung aus dem Kino-Universum der Korda-Brüder war und zuvor schon ein paar Filme unter dem Produzenten Alexander Korda gedreht hatte, spielte hier auch erst ihre sechste Kinorolle mit namentlicher Erwähnung, wobei sie riesige Fußstapfen zu füllen hatte, da ihre Rolle der Prinzessin ursprünglich für Vivian Leigh vorgesehen war, die durch ihre Arbeit an „Vom Winde verweht“ (1939) letztlich aber aus der Produktion ausschied. Diesem Dreigestirn, dass von Universal in deren Tausendundeine-Nacht-Filmen wenig später mit Maria Montez, Jon Hall und erneut Sabu – nicht nur mittels optischer Ähnlichkeiten der Schauspieler – kopiert wurde, stand ein Mann gegenüber, der allein schon mehr als 100 Filme gedreht hatte: Conrad Veidt. In Deutschland durch Stummfilme berühmt geworden, dann vor den Nazis nach England geflohen, wo er unter anderem „Jud Süß“ in einer heute wenig bekannten Verfilmung von 1934 spielte, verkörperte er als Deutscher nun einen arabischen Schurken – und das so gut, dass man es schon als stilbildend bezeichnen kann. Ebenso wie Sabu verhalf „Der Dieb von Bagdad“ auch Conrad Veidt zum Durchbruch in den USA, doch viel hatte er davon nicht mehr, da er gut zwei Jahre nach der Premiere mit nur 50 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Veidt schuf mit seinem Jaffar eine absolut ikonische Figur des diabolischen Bösen im Film. Er soll sich am Set, so ist es überliefert, ganz entgegen seiner Rolle, als beruhigender Pol erwiesen haben, der den jungen Kollegen Rückhalt gab. Ähnlich wie Sir Laurence Olivier, der am Set von Kollegen einfach „Larry“ genannt werden wollte – mochte ihm noch so ein großer Ruf vorauseilen und sie in Ehrfurcht erstarren lassen –, war Veidt selbst für einen Debütanten wie John Justin einfach nur „Connie“. Verständlich aber, dass Veidt, trotz dass er den Schurken spielte, bei seinem großen Namen zumindest an erster Stelle der Credits genannt wurde.

Festgehalten werden muss allerdings auch, dass die Unerfahrenheit der anderen Hauptdarsteller keinesfalls ihre Leistungen schmälert. John Justin schafft es, den wohlhabenden Kalifen ohne jegliche Schmierigkeit zu spielen. Er ist kein Schönling, sondern einer, dem man abnimmt, dass er sich für sein Volk zu interessieren versucht und dessen Emotionen sogar in den Liebesszenen glaubhaft und natürlich wirken. June Duprez bezaubert mit einer kindlichen Naivität und Neugier, die die ihr im Film vorauseilende unsagbare Schönheit angenehm kontrastieren. Sabu jedoch setzt allem die Krone auf. Er mag ein Laie gewesen sein, aber genau das gibt ihm eine unvergleichlich liebenswerte Authentizität. Sein Abu wird mit diesem Film zu einem repräsentativen Gesicht für alle Träumer und Abenteuerlustigen, die mit kleinsten Mitteln Großes schaffen. Ein Vorbild für Kinder, ein Blick zurück nach vorn für Erwachsene. Er scheint zu reden wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sein Lachen steckt an, sein bübischer Humor lässt einen wieder Kind sein, obwohl er selbst damals schon ein Teenager war. Man glaubt ihm, dass er aus der Mitte der Ärmsten der Armen kommt. Aus ihm spricht eine Aufrichtigkeit, die berührt und motiviert. Wie er, der den ganzen Film über mit freiem Oberkörper umherturnt, schließlich in feiner Garderobe landet, aber damit so gar nichts anfangen kann und auf seine eigene Art zur Musik von Miklós Rózsa in den Sonnenuntergang „reitet“, ist einer der wahrscheinlich schönsten Momente des klassischen Hollywood-Kinos. Ein Moment, der den Zuschauer mit dem Gedanken in den Abspann entlässt, dass an diesem Film eigentlich alles, aber auch wirklich alles stimmig ist. Der Film endet, und man hat ein ums andere Mal Freudentränen wie auch Tränen der Rührung in den Augen.

Eine Synchro in derselben Liga wie der Film

Da Conrad Veidt schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs starb, eröffnete sich ihm nie die Option, sich in deutschen Synchronfassungen seiner englischsprachigen Rollen selbst zu sprechen. „Der Dieb von Bagdad“ weist nichtsdestotrotz eine erstklassige deutsche Synchronfassung auf, die ab August 1949 in den Kinos lief. Veidts Part wurde von Ernst Wilhelm Borchert übernommen, der bereits kurz nach dem Krieg als einer der Hauptdarsteller in Wolfgang Staudtes berühmtem „Die Mörder sind unter uns“ (1946) vor der Kamera auf sich aufmerksam gemacht hatte, sich dann aber zunehmend auf das Synchronisieren verlegte. Er sprach später unter anderem Alec Guinness in „Die Brücke am Kwai“ (1957), Charlton Heston in „Ben Hur“ (1959), Richard Burton in „Cleopatra“ (1962), häufig auch Henry Fonda, Richard Widmark, James Mason, Laurence Olivier und Alan Ladd. Neben Borchert als Jaffar ist Klaus Schwarzkopf als Kalif Ahmad zu hören. Schwarzkopf wurde in den 70ern als Kieler „Tatort“-Kommissar Finke bekannt, aber auch weil er zeitgleich begann, Peter Falk in der Rolle des „Columbo“ zu synchronisieren und die bekannteste deutsche Stimme des Inspektors geblieben ist. Ebenso ist die Stimme von Bettina Schön in der Populärkultur angekommen. Zuletzt synchronisierte sie Maggie Smith als Professor McGonagall in den ersten drei „Harry Potter“-Filmen, ehe sie ihre Karriere beendete – in „Der Dieb von Bagdad“ wie auch der Korda-Produktion „Vier Federn“ war sie die Stimme von June Duprez. Mit „Der Dieb von Bagdad“ begann gewissermaßen ihre Synchronlaufbahn, mit „Harry Potter“ endete sie. Darüber hinaus ist die Synchronfassung, die unter Federführung von Hans F. Wilhelm entstand, bis in die kleinste Nebenrolle atmosphärisch besetzt.

Von Anolis würdig im Regel untergebracht

Die deutsche DVD und Blu-ray bieten interessanterweise den deutschen Vor- und Abspann mitsamt einer Liste der Synchronsprecher am Ende. Das ist recht ungewöhnlich, war aber auch bei der früheren DVD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2004 schon so. Im Film dann erscheint eine erzählerische Einblendung allerdings auf Englisch. Da einige der Synchronsprecher in kleineren Rollen kaum bekannt sind, hat diese Veröffentlichung durchaus auch einen Mehrwert dahingehend, die Stimmen somit einem Namen und auch in anderen Filmen, wo sie nicht genannt sind, zuordnen zu können. Zudem bietet die Veröffentlichung von 2012 eine ausführliche Dokumentation über Sabu und einen Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, der jüngst gemeinsam mit Uwe Sommerlad auch den Audiokommentar zur Koch-Films-Veröffentlichung von „Dr. Zyklop“ (1940) beigesteuert hat. Wie gut sich Giesen auch mit den kleineren Studios des klassischen Hollywood-Kinos auskennt, kann man ferner in einem hervorragenden Interview-Featurette erleben, das er zur „Dr. Fu Manchu“-Veröffentlichung des Labels Kino Trivial beigetragen hat. Giesen ist zweifelsohne einer der größten deutschen Fachmänner, was das klassische Hollywood-Kino anbelangt – und nicht nur in diesem Bereich. Aufgrund dessen ist es etwas schade, dass er im Audiokommentar zu „Der Dieb von Bagdad“ größtenteils auf die zum Einsatz gebrachten Spezialeffekte eingeht, diese in aller Ausführlichkeit mit Zitaten und Beispielen aus anderen Filmen der Reihe nach illustriert, während die Bilder des vorliegenden Hauptfilms einfach vorbeilaufen. In den wenigen Momenten, wo er dann konkret auf das gerade Sichtbare eingeht, ist der Audiokommentar sehr spannend – und man hätte sich mehr von dieser Nähe zum Film, wie auch mehr zur Entstehungsgeschichte, gewünscht. Die Veröffentlichung aus dem Jahr 2012 gibt es neben der einfachen Auskopplung als Blu-ray oder DVD übrigens auch in drei Variationen als kleine Hartbox. Eine Ehre, die klassischen Hollywood-Filmen leider nur selten zukommt – vorbildliche Arbeit von Anolis.

Veröffentlichung: 15. November 2012 als Blu-ray und DVD, 15. April 2004 als DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Thief of Bagdad
GB 1940
Regie: Ludwig Berger, Michael Powell, Tim Whelan, Alexander Korda, Zoltan Korda, William Cameron Menzies
Drehbuch: Miles Malleson, Lajos Biró
Besetzung: Conrad Veidt, Sabu, June Duprez, John Justin, Rex Ingram, Miles Malleson, Morton Selten, Mary Morris, Bruce Winston, Hay Petrie
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, Dokumentation „Sabu der Elefantenjunge“, Original-Kinotrailer, Deutscher Kinotrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment / Anolis Entertainment

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Packshot: © Sony Pictures Home Entertainment / Anolis Entertainment, Filmplakat: Fair Use (User: DASHBot)

 

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The Jungle Book – Mogli lebt

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The Jungle Book

Kinostart: 14. April 2016

Von Iris Janke

Abenteuer // „Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit …“ – Der einstige Soundtrack-Gassenhauer von Terry Gilkyson verleitet noch immer viele Menschen zum spontanen Mitsummen und Mitwippen. Jetzt wurde Disneys Klassiker aus dem Jahr 1967 von Regisseur Jon Favreau („Iron Man“) gehörig entstaubt – und in 3D technisch aufgehübscht.

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Mogli und sein tierischer Beschützer, der Panther Baghira

Dabei muss es die „Jungle Book“-Neuverfilmung mit einem echten Kinomythos aufnehmen. Das Zeichentrick-Abenteuer von 1967 sahen weltweit mehr als 27 Millionen Menschen. Der Klassiker nach dem gleichnamigen Bestseller (1894) von Rudyard Kipling besitzt seit mehr als 40 Jahren Kultstatus. Favreau bringt die bekannte Story jetzt in Realoptik wieder auf die große Kinoleinwand.

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: Weiß immer Rat im düsteren Dschungel: Bär Balu

Dabei ist der Waisenjunge Mogli (Neel Sethi) die einzige Figur, die von einem echten Schauspieler gespielt wird. Seine tierischen Gefährten wurden täuschend echt am Computer mittels moderner CGI-Technik zum Leben erweckt. Auf der „guten“ Tier-Seite begleiten der Bär Balu (deutsche Stimme: Armin Rohde), Wolfsmutter Raksha (Heike Makatsch) und der Panther Baghira (Joachim Król) Mogli durch seine Dschungel-Abenteuer. Auf der „bösen“ Tier-Seite verbreiten der Tiger Shir Kahn (Ben Becker) und Schlange Kaa (Jessica Schwarz) Angst und Schrecken. Im Hollywood-Original hauchen Stars wie Bill Murray (Balu), Ben Kingsley (Baghira), Idris Elba (Shir Khan), Christopher Walken (King Louie) und Scarlett Johansson (Schlange Kaa) den Tieren verbal Leben ein.

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Riesig und respekteinflößend: Affenchef King Louie

Das Team um Regisseur Favreau setzt auf neue Technologien und mixt dabei Realfilmaufnahmen mit fantastischen CG-Naturansichten und fotorealistischen Tierfiguren. Das Ergebnis ist naturgetreu, faszinierend, aber auch ziemlich gruselig. Schwierig wird darum vermutlich die FSK-Freigabe ab 6 Jahren. Möglich also, dass sich nur wirklich hartgesottene Sechsjährige in Begleitung ihrer Eltern nicht vor der düsteren Optik und den täuschend echt wirkenden, sprechenden wilden Dschungeltieren in 3D fürchten – schade eigentlich.

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Verführerische Stimme und hypnotischer Blick: Python Kaa

Für wen ist der Film trotzdem etwas? Für alle, die das Film-Original kennen oder von Kiplings Bestseller vielleicht schon im Kindesalter fasziniert waren – eben für diejenigen, die von der Story um den kleinen Mogli schon immer gefesselt waren. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, den Film mit einer FSK-Freigabe ab 10 Jahren zu versehen, doch diese Stufe zwischen 6 und 12 Jahren ist in Deutschland nicht vorgesehen. Und eine Altersbegrenzung ab 12 Jahren wäre wohl doch zu hoch gegriffen. Fazit also: Egal, ob als Disney Zeichentrickfilm von 1967, als Original-Buch von Rudyard Kipling oder als Neuverfilmung von Jon Favreau im animierten Realfilmformat: „The Jungle Book“ mit dem kleinen Jungen Mogli fasziniert noch immer – und das generationsübergreifend.

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Furchteinflößend und bedrohlich: der vernarbte Tigert Shir Kahn

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Scarlett Johansson und Lupita Nyong’o sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Ben Kingsley, Bill Murray und Christopher Walken unter Schauspieler.

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: The Jungle Book
USA 2016
Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Justin Marks, nach der Vorlage von Rudyard Kipling
Besetzung: Neel Sethi, Stimmen: Ben Kingsley, Bill Murray, Scarlett Johansson, Idris Elba, Christopher Walken, Giancarlo Esposito, Ralph Ineson, Lupita Nyong’o
Deutsche Sprecher: Armin Rohde, Joachim Król, Ben Becker, Heike Makatsch, Jessica Schwarz, Christian Berkel, Justus von Dohnányi
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2016 by Iris Janke

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 
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Verfasst von - 2016/04/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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