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Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen: Und führe uns nicht in Versuchung!

Hauptdarstellerin Verena Altenberger bespricht sich mit Regisseur Dominik Graf

Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen

Ausstrahlung: Sonntag, 8. Dezember 2019, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Volker Schönenberger

TV-Krimi // Zehn Grimme-Preise, ein Bayerischer und ein Deutscher Filmpreis – Dominik Graf gehört zweifelsohne zu den profiliertesten und versiertesten Regisseuren Deutschlands, auch wenn er derlei Zuschreibungen ungern vernimmt und Auszeichnungen skeptisch gegenübersteht. Dabei hat er sich von Anbeginn seiner Karriere dem Genrefilm verschrieben – Action, Krimi und Thriller sind sein Metier, und stets fügt er dem Ganzen eine gehörige Portion Drama hinzu. Seit Mitte der 1970er-Jahre aktiv, feierte Graf 1988 mit „Die Katze“ mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und Ralf Richter einen ersten Achtungserfolg im Kino. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Schimanski-„Tatort: Schwarzes Wochenende“ erstmals die große deutsche Krimireihe um eine Folge bereichert – bis 2017 folgten drei weitere „Tatort“-Episoden. Aus seiner Filmografie lassen sich viele Empfehlungen aussprechen, genannt seien noch die flirrende Ausbrecherjagd „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ (2016), der herausragende Russenmafia-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und der Actionthriller „Die Sieger“ (1994) mit Herbert Knaup, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Meret Becker und Heinz Hoenig, seinerzeit an den Kinokassen gescheitert und von Graf selbstkritisch missbilligend beurteilt, erst 2019 mit der Aufführung des Director’s Cuts bei der Berlinale rehabilitiert.

Polizeioberkommissarin Eyckhoff muss Farbe bekennen

Zum „Polizeiruf 110“ stieß Graf spät: 2005 inszenierte er für den Bayerischen Rundfunk die brillante Episode „Der scharlachrote Engel“ (als Ermittler: Michaela May und Edgar Selge), ein heftiges Stalking- und Vergewaltigungsdrama mit Nina Kunzendorf und Martin Feifel. Es folgten die nicht minder sehenswerten „Polizeiruf 110“-Beiträge „Er sollte tot“ (2006), „Cassandras Warnung“ (2011) und „Smoke on the Water“ (2014). Graf blieb für die Reihe dem Bayerischen Rundfunk und dem Schauplatz München treu, nun hat er mit „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ den zweiten Fall der Münchner Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) inszeniert. Eyckhoff trat erstmals in der von Florian Schwarz gedrehten Folge „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ in Erscheinung, die erst im September 2019 im Ersten ausgestrahlt worden war.

Abhöraktion gegen Börsenkriminelle

Gleich zu Beginn sehen wir Eyckhoff in einer Verhörsituation – als Verhörte. Die Haupthandlung entfaltet sich somit als Rückblende, umklammert vom Bericht der Ermittlerin. Sie und ihr Team sind darauf angesetzt worden, die Büroräume von Reiko Fastnacht (Michael Zittel) abzuhören. Der Geschäftsführer von Safe Pack Energy wird des illegalen Börsenhandels verdächtigt – Insidergeschäfte, um es zu präzisieren. Die Technik ist zügig installiert, Eyckhoff, Polizeioberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl), zwei weitere Kollegen und eine Kollegin gehen in der Nähe des Unternehmens in Lauerposition. Schnell erfahren die Ermittler, dass die Aktie des Energie-Anbieters MTT im Begriff ist, einen gehörigen Sprung nach oben zu machen. Das weckt die Gier der unterbezahlten Polizisten, man beschließt, selbst zu investieren. Maurer sowie Roman Blöchl (Robert Sigl), Meryem Chouaki (Berivan Kaya) und Tobias Rast (Dimitri Abold) weihen ihren Kumpel und Ex-Kollegen Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz) ein, der Frührentner beleiht sogar sein Erbe, um MTT-Aktien zu kaufen. Einzig Eyckhoff beteiligt sich nicht, was weniger an moralischen Erwägungen liegt als daran, dass es ihr schlicht an Geld mangelt, das sie investieren könnte. An Tag X steigt die Aktie tatsächlich im Sekundentakt. Doch dann geht schief, was nur schiefgehen kann, und bald liegen bei den Ermittlern die Nerven blank. Eyckhoff sieht sich derweil genötigt, in Kooperation mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann) von der Börsenaufsicht gegen ihr eigenes Team zu ermitteln.

Eine Kostümparty gerät zur …

Ein kleines Stück vom riesigen Kuchen der Finanzwelt und der Wertpapiergeschäfte mit ihren vielen dubiosen Geschäftspraktiken abzuzweigen – wer von derlei Versuchungen frei ist, werfe den ersten Stein. In Zeiten von Dividendenstripping-Machenschaften wie den Cum-ex- und Cum-Cum-Geschäften erscheint mir da ein aufgrund illegaler Erkenntnisse getätigter Aktienkauf mit ein paar zusammengekratzten Kröten fast schon als Kavaliersdelikt. Nicht falsch verstehen, es bleibt ein krimineller Akt, der völlig zu Recht verfolgt wird. Aber Dominik Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter (zu ihm später mehr) inszenieren die Straftat der Strafverfolger natürlich ohne erhobenen Zeigefinger. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ein Verbrechen und dessen Täter zu zeigen, sondern eine bei oberflächlicher Betrachtung verschworen wirkende kleine Gemeinschaft zu porträtieren, deren Zusammenhalt auf eine so schwierige Probe gestellt wird, dass sie zwangsläufig daran zerbricht.

Das große Ego eines kleinen Staatsanwalts

Der Regisseur lässt uns den kleinen Trupp anhand eines ausgiebig gezeigten polizeilichen Kostümfests gut kennenlernen. Man feiert und säuft gern gemeinsam, so viel wird schnell deutlich. Diese pulsierenden Sequenzen verlangen gerade zu Beginn Aufmerksamkeit ab, um die Figuren einzuordnen und das eine oder andere Detail zu erfassen, das Graf uns präsentiert und womöglich später noch wichtig wird. Weshalb bekommt ein „großes Ego eines kleinen Staatsanwalts“ Bedeutung? Nur Geduld, wir erfahren es schon. Lineares Storytelling sieht anders aus, und das wird all jene befremden, die mehr aus Gewohnheit sonntagabends das Erste einschalten, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ wegzuschauen.

… ausgelassenen Sause

Der grandiose Ausnahme-Drehbuchautor Günter Schütter treibt mich mit seinen Ideen und szenischen Überraschungen jedes Mal wieder an wie ein Torpedo-Treibsatz. Ich muss bei ihm meine Regie-Fähigkeiten permanent neu überprüfen, dazulernen, auch dieses Mal wieder vieles anders machen. So Dominik Graf, der für „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ zum wiederholten Mal mit Schütter zusammenarbeitete, erstmals 1992 bei einer „Der Fahnder“-Folge. 1993 erneut „Der Fahnder“, 1994 „Die Sieger“, 1995 „Tatort: Frau Bu lacht“, 1997 „Der Skorpion“ (ein Favorit Grafs), dazu vier von Grafs fünf „Polizeiruf 110“-Episoden – wenn ein Regisseur und ein Drehbuchautor einander so sehr zu Höchstleistungen anstacheln wie diese beiden, hat es seine Berechtigung, von einem Dream-Team zu sprechen.

Sex und Gewalt

Was treibt einen Filmemacher wie Dominik Graf an, sein Heil in einem vermeintlich einengenden Format wie „Polizeiruf 110“ zu suchen? Er will Grenzbereiche des Erzählens tangieren, wie er in seinem Vorwort zu Prof. Dr. Marcus Stigleggers „Jenseits der Grenze – Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019, Martin Schmitz Verlag) bekennt. In erster Linie in meinem Fall Action, in jedweder Variante, im günstigsten Fall vielleicht sogar innovativ, in jedem Fall möglichst hart, abstoßend. Bemerkenswert, wie es ihm gelingt, diesen Worten mit „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ Taten folgen zu lassen, denkt man bei einem Krimi über Insidergeschäfte an der Börse doch nicht unbedingt an Action. Wer ein wenig über Dominik Grafs Motivationen erfahren will, möge dieses Vorwort und das am Ende von Stigleggers Buch abgedruckte, 2010 geführte Gespräch der beiden lesen. Daraus scheint mir eine weitere Äußerung Grafs passend zu sein: Es gibt zwei Dinge, die mich beim Filmen und beim Schneiden am meisten interessieren. Das eine ist eine Dialogkultur, auch mit Humor, eine gewisse Smartness in Rede und Gegenrede, Sarkasmus, auch Zynismus. Selbst in den düstersten Werken muss irgend etwas von den Autoren bitte, bitte auch lustig geschrieben sein. Und das andere ist die Körperlichkeit, und da nehme ich jetzt mal die Körperlichkeit des Sexuellen und der Gewalt zusammen, weil das im Kino doch in der Praxis recht ähnliche Dinge sind. Genau das hat Graf auch diesmal wieder umgesetzt, ebenso wie: Bei jeder Art von Voyeurismus bin ich vollkommen im filmischen Bereich. Man sieht die Technik der Polizeiarbeit, es geht nur darum, dass man Leuten bei der Arbeit zusieht, die anderen Leuten zusehen. Das kommt bei meinen Polizeifilmen sehr oft vor, da gibt es ganze Sequenzen im Einsatzraum, wo man sogar die einzelnen Sätze nicht verstehen muss … Zugegeben etwas bequem von mir als Rezensent, den Filmemacher sein eigenes Werk beschreiben zu lassen, aber es passt hier so gut. Sex und Gewalt brechen sich in „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ nur punktuell Bahn, und den Sex inszeniert er einmal beiläufig (um einen Ehebrecher zu zeigen), einmal verspielt und einmal inklusive eines kurz angedeuteten Cunnilingus als Bestandteil einer Bestechung. Großartig, da stets der Story oder zumindest der Charakterisierung der Figuren dienlich. Die Gewalt als Gegenpol wirkt so schmerzhaft, wie sie es auch ist.

Als Handwerker getarnt schreitet das Team …

Fast ein wenig unfair, dem Regisseur so viel Raum zu gewähren, ohne die Hauptdarstellerin zu erwähnen, daher lassen wir Verena Altenberger zu ihrem Recht kommen. Die Gute scheint im Fernsehen erfreulich ausgelastet zu sein, spielt seit 2017 die Titelrolle in der RTL-Comedyserie „Magda macht das schon!“ und war Anfang 2019 im österreichischen Sechsteiler „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Mutter Elsie zu sehen. Ihre „Polizeiruf 110“-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff spielt sie angenehm unaufgeregt, lässt sich mal die Butter vom Brot nehmen und dann doch wieder nicht. Eine zierliche Frau behauptet sich mit Schlagfertigkeit in der rauen Männerwelt der Polizei – das habe ich jetzt viel klischeehafter heruntergeschrieben, als Dominik Graf es inszeniert und Altenberger gespielt hat. Ein um ein ganzes Ermittlerteam herum aufgebauter Fall wie dieser funktioniert nur als Ensembleleistung, und ihre Kolleginnen und Kollegen stehen ihr in nichts nach.

Altenbergers „Polizeiruf 110“-Debüt „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ kann noch bis März 2020 in der ARD-Mediathek geschaut werden, die Folge „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ wird im Anschluss an die Erstausstrahlung dort ebenfalls zu finden sein. Jedenfalls macht sie Lust auf mehr. Ihre Premiere feierte die Folge im Übrigen am 25. Oktober 2019 bei den Hofer Filmtagen. Durchaus angemessen für den TV-Film eines Regisseurs, der Fernsehen gern wie Kino inszeniert. Oder anders: bei dem diese Abgrenzung von Fernsehen und Kino irrelevant erscheint. Mehr davon!

Nebenrolle für den Regisseur von „Laurin“

Kurz zu einer interessanten Personalie, die sich mit Roman Blöchl offenbart, Teil von Eyckhoffs Abhörteam: Robert Sigl, Regisseur des außergewöhnlichen Horrorthrillers „Laurin“ (1989) sowie vieler Filmepisoden von „Aktenzeichen XY – Ungelöst“. Sigl, hierzulande lange Zeit verkannt, aber immerhin ab und zu vom Fernsehen beschäftigt, hat aktuell drei Filme in Vorbereitung: „Golgatha“, „The Blind Room“ und „The Mandylion“. Genrefilme, zum Teil mit religiösem Bezug – interessant. Drücken wir ihm dafür die Daumen!

… zur Überwachungsaktion

Dominik Graf hat gerade den vom ZDF mitproduzierten Kinofilm „Fabian“ mit Tom Schilling in der Titelrolle abgedreht, eine Adaption von Erich Kästners „gleichnamigem Roman“, auch als „Der Gang vor die Hunde“ bekannt. Das Porträt eines Idealisten in der ausgehenden Weimarer Republik scheint mal wieder nicht unbedingt das zu sein, was das deutsche Publikum in Massen in die Lichtspielhäuser treiben wird, verspricht aber ein interessantes und außergewöhnliches Werk zu werden.

Lukas Posse von der Börsenaufsicht hat die korrupten Bullen im Visier

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Bald liegen die Nerven blank

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen
D 2019
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Verena Altenberger, Andreas Bittl, Wolf Danny Homann, Berivan Kaya, Robert Sigl, Dimitri Abold, Sascha Maaz, Ursula Gottwald, Michael Zittel, Emma Jane, Catalina Navarro Kirner, Gisela Hahn, Claudia Messner, Christian Baumann, Niklas Kearney, Silke Heise
Produktion: maze pictures GmbH, im Auftrag des Bayerischen Rundfunks

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Bayerischer Rundfunk / maze pictures GmbH

 

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Der Fahnder – Fünf Folgen von Dominik Graf

Der Fahnder

Von Simon Kyprianou

Krimiserie // Nach für Dominik Graf enttäuschenden ersten Versuchen, Filme zu machen, war sein neuer Anspruch, sich selbst als Regisseur in den Möglichkeiten der vorabendlichen Kriminal-Stangenware zu verorten, in erster Linie ein guter Handwerker zu sein und die Themen und Inszenierungen, die er begehrte, wie „Schmugglerware“ in seriellen Formaten unterbringen. „Der Fahnder“ war sein langjähriger Tummelplatz und vier der fünf letzten von ihm inszenierten Episoden (von insgesamt elf) wirken heute wie eine Art Poetik zu seinem Gesamtwerk, insbesondere die Folge „Nachtwache“, die er heute selbst als Werkkern bezeichnet und immer noch einen im neueren deutschen Film so einsamen wie unterschätzten Höhepunkt markiert.

Diese Reihe an kurzen Texten legt das Augenmerk auf Grafs beste Folgen – eine persönliche Auswahl –, die viel zu selten ins kollektive Gedächtnis der deutschen Filmkritik oder den deutschen Filmliebhabern allgemein gerufen werden. Einige davon sind auch Vorstudien oder Miniaturen späterer Filme Grafs, das Sichten dieser Folgen bereichert also auch die Rezeption der Spielfilme.

Nachtwache (1993, fünfte Staffel, Episode 8)

Der unheilvoll rhythmische Bass der wiederkehrenden Melodie dieser Folge klingt wie ein Beatmungsgerät, welches die Handlung immer wieder mit Leben füllt. Im Mittelpunkt steht eine Frau (Maja Maranow) ganz in gespenstischem Weiß, die sich durch leere, tote Räume bewegt. Beinahe der gesamte Film spielt sich in den Räumen eines halb fertigen Hochhauses ab, das Dominik Graf als schauderhaften Riss in der Nacht inszeniert. Was sich in und auf dem Hochhaus abspielt, ist ein absolut verdichtetes Spannungsstück, in dem immer wieder der inszenatorische Wahnsinn durchschlägt: Gänge, die in grünem Licht zu Horrorwelten werden, ekstatische Tänze auf dem Hochhausdach, eine schauderhafte Puppe in der dunklen Auslage einer Bäckerei und immer wieder ein unbehaglich klingendes Kinderlied als begleitende Melodie. Dazu ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Cop Faber (Klaus Wennemann) und einer so verzweifelten wie zwielichtigen Zeugin, deren entrückte, gespenstische Gestalt den ganzen Film einnimmt. Am Ende präsentiert Graf waghalsige Drehbuch-Finten, dazu gleich ein doppeltes Finale und ein unheimlich schönes nachgeschobenes Happy End. Ganz am Ende dann eine ergreifende Quasi-Liebeserklärung von Faber an die Zeugin: „Ich will wissen, was sie sehen, wenn sie die Augen schließen.“ Danach schön zum Weiterschauen: Grafs „Polizeiruf 110“-Meisterstück Der scharlachrote Engel“ von 2005.

Verhör am Sonntag (1993, fünfte Staffel, Episode 6)

In seiner vorletzten Fahnder-Episode bewegt sich Graf vom Genre eher weg, hin zu dem, was er ursprünglich an der Filmhochschule machen wollte, „französisierende Konversations-Filme“. In der ersten Szene kommt Faber aus seiner Wohnung, draußen alles graubraun, milchiges Morgenlicht, die Blätter fallen von den Bäumen und werden verwirbelt wie bei Douglas Sirk, dazu eine kleine sentimentale Klaviermelodie. Der Rest der Folge dann nur Dialog, Faber mit einer Frau (Claudia Messner), die sonntagmorgens zum Revier kommt, um den Selbstmord ihres Mannes zu melden. Der war aber schon Freitag, die letzten 24 Stunden fehlen ihrer Erinnerung. Langsam bricht der Dialog ihre inneren Widerstände auf und legt eine zerstörerische Ehe-Dynamik offen. Die Ehe ist längst geschieden, aber die Verbindung zwischen der Frau Vera und ihrem Mann ist bestehen geblieben, er ein hoffnungsloser Alkoholiker, des Lebens schon lange müde – sie zeigt Faber eine ganze Sammlung von Abschiedsbriefen, die er verfasst hat. Am Ende, wenn ihrer Erinnerung alles entlockt ist, da ist auch bei ihr der Lebenswille verloren gegangen. „Wo noch Erinnerung ist“, von ihr aus dem Off gesprochen, dazu die von Graf selbst komponierte traurige Klaviermelodie.

Dazu gibt es trotzdem einen launigen Nebenplot, nämlich Faber und seine Freundin Susanne (Barbara Freier), die sich über einen zwielichtigen Autoverkäufer ärgern – der hat ihm einen neuen BMW verdächtig günstig verkauft. Das ist auch das Schöne an vielen „Fahnder“-Folgen von Dominik Graf: wie leichtfüßig und ganz nebensächlich er über Alltag, über Menschen und Beziehungen erzählt und wie schön er das mit seiner ökonomischen Erzählweise in den seriellen Rahmen der Serie einbauen kann. Und viele dieser „Fahnder“-Folgen sind ja auch wie Vorstudien zu späteren Filmen. Diese Folge hier erinnert in ihrem Fokus auf Verhör und Erinnerung stark an den „Polizeiruf 110 – Er sollte tot“.

Bis ans Ende der Nacht (1992, vierte Staffel, Episode 16)

Den Fahnder selbst degradiert Graf die meiste Zeit über zur Randnotiz. Beide Hauptfiguren fliehen vor ihrem Leben und finden sich am Höhepunkt dieser Flucht auf dem Polizeirevier wieder: der erfolglose Autoknacker Sigi (Heinz Hoenig) und Nadine (Meret Becker), Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Sigi, eigentlich bloß wegen einer Lappalie verhaftet, hat Nadine und Faber als Geiseln genommen, will seine Frau (Despina Pajanou) sprechen, mit ihr fliehen. Die eröffnet ihm aber, sie sei fertig mit ihm. Danach gibt es keinen Fixpunkt mehr, für Nadine sowieso nicht, für Sigi dann auch nicht mehr. Alles wird fallengelassen, das erpresste Lösegeld wird verbrannt, die Waffe aus dem Auto geworfen, das Auto unter der Brücke stehen gelassen. Die beiden wissen, dass es für sie nirgendwo hingehen kann.

Was Dominik Graf inszeniert. ist eine Möglichkeit zwischen zwei Menschen: Immer wieder bringt seine Montage Sigi und Nadine in Verbindung, die Sehnsucht in ihren Blicken, und am Ende, wenn alles vorbei ist, starren beide nur fassungslos ins Leere, Nadine hält sich die Augen zu, wenn sie im Auto neben ihrem verhassten Vater sitzt. Die Möglichkeit der Liebe war da, doch jetzt ist es zu spät, um etwas zu sagen. Damit lässt Graf den Film im Morgengrauen enden. Seine Inszenierung lässt Heinz Hoenigs verstörtes Gesicht in den Glasscheiben des Reviers brechen und verschmieren, und Meret Becker in ihren weißen Kleidern wie ein verlorenes Gespenst durch das ausgestorbene Polizeirevier tänzeln.

Christian Petzold („Transit“) sagt, alle Kinofiguren seien Gespenster, die sich materialisieren wollen – Sigi und Nadine aber bleiben tot. Anders als bei Petzold, in dessen Kino die Figuren immer Gespenster sind – Dominik Graf hat das mal „Schneewittchenkino“ genannt –, sind bei Graf und in dieser Folge die Figuren am Anfang noch sehr lebendig, geradezu von Lebensdurst zerfressen, bevor sie dann genau an ihren Sehnsüchten zerbrechen.

Baal (1992, vierte Staffel, Episode 9)

„Baal“ ist, nach J. Lee Thompsons klassischer Verfilmung „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und dem 1991 beinahe zeitgleich zur „Fahnder“-Folge erschienenen Remake „Kap der Angst“ von Martin Scorsese die dritte Bearbeitung des „Cape Fear“-Plots, diesmal durch Graf-Stammautor Günther Schütter: Im Oktober kommt der Gewaltverbrecher Paulus (Hannes Jaenicke) aus der Haft frei – Faber hatte ihn festgenommen. Nun ist Paulus auf Rache aus, an Faber, seiner Freundin Susanne und ihrem gemeinsamen Kind.

Passend zu der Stimmung von Paranoia und Aggression die sich in der engen Wohnung des Fahnders ausbreitet, ist es Halloween, die Äußerlichkeiten spiegeln vereinfacht, verdichtet die Innerlichkeiten wider, wie so oft bei Graf, der den Konflikt zwischen dem in Rachefantasien zerflossenen Paulus und Faber unheimlich straff und auf den Punkt inszeniert, ihn in die 50 Minuten der Folge verdichtet. Was Schütters Drehbuch dem „Cape Fear“-Plot der beiden anderen Versionen noch hinzufügt, sogar sehr markant, ist ein kritischer Blick auf die Polizei. Generell verortet Dominik Graf die Gewalt überall, in allen Figuren. Wenn Fabers Freundin Paulus trifft, ihm Geld dafür bietet, dass er aufhört, und Baal legt ein Skalpell auf den Tisch, fragt sie direkt, wie aus einer abgründigen Faszination heraus, ob man damit jemandem die Haut abziehen könne. Daraufhin entgegnet er, das sei nun aber ihre Fantasie, nicht seine. Überhaupt geht in „Baal“ mindestens genau so grausame Gewalt von Faber aus wie von Paulus. Am Ende führt Paulus seine Gewalt in den Tod, und die Polizei verschweigt aus einem Korpsgeist heraus die eigene – alle kommen ungeschoren davon. Mit dieser Bilanz beendet Graf die Episode dann auch.

Über dem Abgrund (1988, zweite Staffel, Episode 2)

Bei einem Einsatz glaubt Faber, in einem der Gangster einen ehemaligen Polizei-Kollegen erkannt zu haben, seinen Nachforschungen zufolge ist der aber längst tot. Es entspinnt sich ein erzählerisches Netz in die Vergangenheit, um den vermeintlich toten Polizisten, der als V-Mann mit seinen Vorgesetzten Geld unterschlägt.

„Über dem Abgrund“ ist die Blaupause für Grafs spätere Kinoruine „Die Sieger“ (1994), in dem es ja auch um die maliziösen Verstrickungen eines V-Mannes gehen wird. Dicht inszeniert der Regisseur in dieser Folge Fabers Wirren mit dem Polizeisystem, dessen engmaschiges Netz an Vertuschungen kaum Durchsicht bietet. Am Ende sind alle am Verbrechen Beteiligten tot, was vermeidbar gewesen wäre, aber die Bürokraten sind froh drum, so ist’s für alle am einfachsten, Faber steht machtlos und enttäuscht daneben und geht dann lieber zu seiner Freundin, um sich über Kochrezepte zu streiten.

So ist das oft bei Dominik Graf, der dem ganz normalen Leben, den Alltagssituationen immer Platz freiräumt in seinen Geschichten, oft in den schönsten Momenten. Alle seine „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung als DVD: 29. November 2007 (zweite Staffel), 5. März 2009 (vierte Staffel), 9. April 2009 (fünfte Staffel)

Länge: etwa 50 Min. je Folge
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Der Fahnder
BRD/D 1984–2005
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter u. a.
Stammbesetzung: Klaus Wennemann, Barbara Freier, Dieter Pfaff
Gäste: u. a. Meret Becker, Heinz Hoenig, Hannes Jaenicke, Klaus Lemke, Claudia Messner, Maja Maranow, Despina Pajanou, Heinrich Schafmeister
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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Zielfahnder – Flucht in die Karpaten: Krimi-Glanzstück nicht nur für TV-Zuschauer

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Die beiden Häftlinge wollen über die polnische Grenze fliehen

Zielfahnder – Flucht in die Karpaten

Von Simon Kyprianou

Krimi // Der rumänische Verbrecher Caramitru (Dragos Bucur) sitzt wegen diverser Verbrechen in Deutschland ein, kann aber aus dem Gefängnis ausbrechen und über Polen nach Rumänien flüchten. Die beiden Zielfahnder Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Schröder (Ronald Zehrfeld) nehmen die Verfolgung auf, unterstützt werden sie von der rumänischen Polizei.

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Sie hängen ihre Verfolger ab und schaffen den Grenzübertritt

Dominik Grafs Krimi beginnt mit dem Ausbruch und der Flucht nach Polen. Landauer und Schröder sind Caramitru dicht auf den Fersen. Diese nächtliche Verfolgung ist so schön, so ungestüm, so schnell inszeniert, wie man es aus dem deutschen Genrekino kaum kennt. Innerhalb dieses Chaos – der hektischen Montage zwischen den Ermittlern, der Leitstelle, den Flüchtenden – inszeniert Graf diese Szene mit einem wunderbaren Gespür für Rhythmus.

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Kaum in Rumänien angekommen, gibt es bereits Ärger

Nach diesem furiosen Anfang findet der Film Ruhe, wenn die Ermittler in Bukarest ankommen und sich erst einmal in die fremde Stadt einfinden müssen. Sie tauchen ein ins Nachtleben der Stadt, um die Spuren zu finden, die Caramitru hinterlassen hat, und müssen auf die harte Tour lernen, wie gefährlich ihre Ermittlungen sind. Die beiden erhalten einen Tipp, der sie in ein kleines Dorf am Fuße der Karpaten führt. Dort will Caramitru an der Hochzeit seiner Schwester teilnehmen.

Geschichten an der Peripherie des Plots

Die Szenen im Dorf sind die schönsten im Film. Rolf Basedows Drehbuch ist wie immer fantastisch recherchiert und so kann Dominik Graf die Story einfach beiseiteschieben und eintauchen in die Hochzeitsfeierlichkeiten, die Bräuche und die Eigenheiten des Landes. Überhaupt klebt Graf wie für ihn üblich nicht fetischistisch am Plot, sondern lässt ihn oft aus dem Fokus geraten, um das Leid einzufangen, die Geschichten, die an der Peripherie der eigentlichen Geschichte stattfinden: Ein hochrangiger Polizeibeamter, den seine Leidenschaften und seine Sehnsucht zerfressen haben, eine Sekretärin, deren Liebe zu ihrem Bruder sie zur Mittäterin macht, eine alte Rumänin, die von der EU, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatte, bitter enttäuscht wurde. Basedows Drehbuch schaut nicht stur geradeaus, es ist der Blick nach links und rechts der dem Film Tiefe verleiht.

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Die Zielfahnder heften sich in den rumänischen Nachtclubs an Caramitrus Fersen

Die Schauspieler sind herausragend. Zehrfeld ist ja mittlerweile Stammschauspieler bei Graf und Christian Petzold, seine bullige Physis und sein sehr körperliches Spiel passen gut zu dieser Art Genrekino, wie Graf und Petzold es machen. Auch Tscharre ist sehr gut, ihre Rolle als Polizistin, deren Leben vom Schmerz der Vergangenheit entstellt wird, ist ebenfalls hervorragend geschrieben.

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Ein Tipp führt sie zur Hochzeit seiner Schwester

Das Finale auf den Gipfeln der Karpaten ist wirklich furios inszeniert. Wenn dann der Schmerz aller Figuren am größten ist, bricht der Film einfach ab und es wundert einen fast, den ARD-Abspann zu sehen. Man hat in diesem wunderbaren Genrefilm völlig vergessen, dass man öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut.
Leider erscheint „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ vorerst nicht auf DVD, aber man kann den Film eine Woche nach seiner Erstausstrahlung in der Mediathek ansehen. Es lohnt sich.

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Auf den ersten Blick scheint Caramitru gefasst …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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… aber es kommt zum Showdown in den Karpaten – und der Verbrecher ist gerüstet

Veröffentlichung: 19. November 2016 als TV-Premiere im Ersten, in der Mediathek abzurufen bis 26. November 2016

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: –
Originaltitel: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten
D 2016
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Besetzung: Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre, Dragos Bucur, Radu Banzaru, Arved Birnbaum, Hanno Friedrich, Axel Moustache, Victoria Sordo, Leni Speidel, Eugen Pirvu

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2016 WDR, Thomas Kost

 

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