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Der Fahnder – Fünf Folgen von Dominik Graf

Der Fahnder

Von Simon Kyprianou

Krimiserie // Nach für Dominik Graf enttäuschenden ersten Versuchen, Filme zu machen, war sein neuer Anspruch, sich selbst als Regisseur in den Möglichkeiten der vorabendlichen Kriminal-Stangenware zu verorten, in erster Linie ein guter Handwerker zu sein und die Themen und Inszenierungen, die er begehrte, wie „Schmugglerware“ in seriellen Formaten unterbringen. „Der Fahnder“ war sein langjähriger Tummelplatz und vier der fünf letzten von ihm inszenierten Episoden (von insgesamt elf) wirken heute wie eine Art Poetik zu seinem Gesamtwerk, insbesondere die Folge „Nachtwache“, die er heute selbst als Werkkern bezeichnet und immer noch einen im neueren deutschen Film so einsamen wie unterschätzten Höhepunkt markiert.

Diese Reihe an kurzen Texten legt das Augenmerk auf Grafs beste Folgen – eine persönliche Auswahl –, die viel zu selten ins kollektive Gedächtnis der deutschen Filmkritik oder den deutschen Filmliebhabern allgemein gerufen werden. Einige davon sind auch Vorstudien oder Miniaturen späterer Filme Grafs, das Sichten dieser Folgen bereichert also auch die Rezeption der Spielfilme.

Nachtwache (1993, fünfte Staffel, Episode 8)

Der unheilvoll rhythmische Bass der wiederkehrenden Melodie dieser Folge klingt wie ein Beatmungsgerät, welches die Handlung immer wieder mit Leben füllt. Im Mittelpunkt steht eine Frau (Maja Maranow) ganz in gespenstischem Weiß, die sich durch leere, tote Räume bewegt. Beinahe der gesamte Film spielt sich in den Räumen eines halb fertigen Hochhauses ab, das Dominik Graf als schauderhaften Riss in der Nacht inszeniert. Was sich in und auf dem Hochhaus abspielt, ist ein absolut verdichtetes Spannungsstück, in dem immer wieder der inszenatorische Wahnsinn durchschlägt: Gänge, die in grünem Licht zu Horrorwelten werden, ekstatische Tänze auf dem Hochhausdach, eine schauderhafte Puppe in der dunklen Auslage einer Bäckerei und immer wieder ein unbehaglich klingendes Kinderlied als begleitende Melodie. Dazu ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Cop Faber (Klaus Wennemann) und einer so verzweifelten wie zwielichtigen Zeugin, deren entrückte, gespenstische Gestalt den ganzen Film einnimmt. Am Ende präsentiert Graf waghalsige Drehbuch-Finten, dazu gleich ein doppeltes Finale und ein unheimlich schönes nachgeschobenes Happy End. Ganz am Ende dann eine ergreifende Quasi-Liebeserklärung von Faber an die Zeugin: „Ich will wissen, was sie sehen, wenn sie die Augen schließen.“ Danach schön zum Weiterschauen: Grafs „Polizeiruf 110“-Meisterstück Der scharlachrote Engel“ von 2005.

Verhör am Sonntag (1993, fünfte Staffel, Episode 6)

In seiner vorletzten Fahnder-Episode bewegt sich Graf vom Genre eher weg, hin zu dem, was er ursprünglich an der Filmhochschule machen wollte, „französisierende Konversations-Filme“. In der ersten Szene kommt Faber aus seiner Wohnung, draußen alles graubraun, milchiges Morgenlicht, die Blätter fallen von den Bäumen und werden verwirbelt wie bei Douglas Sirk, dazu eine kleine sentimentale Klaviermelodie. Der Rest der Folge dann nur Dialog, Faber mit einer Frau (Claudia Messner), die sonntagmorgens zum Revier kommt, um den Selbstmord ihres Mannes zu melden. Der war aber schon Freitag, die letzten 24 Stunden fehlen ihrer Erinnerung. Langsam bricht der Dialog ihre inneren Widerstände auf und legt eine zerstörerische Ehe-Dynamik offen. Die Ehe ist längst geschieden, aber die Verbindung zwischen der Frau Vera und ihrem Mann ist bestehen geblieben, er ein hoffnungsloser Alkoholiker, des Lebens schon lange müde – sie zeigt Faber eine ganze Sammlung von Abschiedsbriefen, die er verfasst hat. Am Ende, wenn ihrer Erinnerung alles entlockt ist, da ist auch bei ihr der Lebenswille verloren gegangen. „Wo noch Erinnerung ist“, von ihr aus dem Off gesprochen, dazu die von Graf selbst komponierte traurige Klaviermelodie.

Dazu gibt es trotzdem einen launigen Nebenplot, nämlich Faber und seine Freundin Susanne (Barbara Freier), die sich über einen zwielichtigen Autoverkäufer ärgern – der hat ihm einen neuen BMW verdächtig günstig verkauft. Das ist auch das Schöne an vielen „Fahnder“-Folgen von Dominik Graf: wie leichtfüßig und ganz nebensächlich er über Alltag, über Menschen und Beziehungen erzählt und wie schön er das mit seiner ökonomischen Erzählweise in den seriellen Rahmen der Serie einbauen kann. Und viele dieser „Fahnder“-Folgen sind ja auch wie Vorstudien zu späteren Filmen. Diese Folge hier erinnert in ihrem Fokus auf Verhör und Erinnerung stark an den „Polizeiruf 110 – Er sollte tot“.

Bis ans Ende der Nacht (1992, vierte Staffel, Episode 16)

Den Fahnder selbst degradiert Graf die meiste Zeit über zur Randnotiz. Beide Hauptfiguren fliehen vor ihrem Leben und finden sich am Höhepunkt dieser Flucht auf dem Polizeirevier wieder: der erfolglose Autoknacker Sigi (Heinz Hoenig) und Nadine (Meret Becker), Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Sigi, eigentlich bloß wegen einer Lappalie verhaftet, hat Nadine und Faber als Geiseln genommen, will seine Frau (Despina Pajanou) sprechen, mit ihr fliehen. Die eröffnet ihm aber, sie sei fertig mit ihm. Danach gibt es keinen Fixpunkt mehr, für Nadine sowieso nicht, für Sigi dann auch nicht mehr. Alles wird fallengelassen, das erpresste Lösegeld wird verbrannt, die Waffe aus dem Auto geworfen, das Auto unter der Brücke stehen gelassen. Die beiden wissen, dass es für sie nirgendwo hingehen kann.

Was Dominik Graf inszeniert. ist eine Möglichkeit zwischen zwei Menschen: Immer wieder bringt seine Montage Sigi und Nadine in Verbindung, die Sehnsucht in ihren Blicken, und am Ende, wenn alles vorbei ist, starren beide nur fassungslos ins Leere, Nadine hält sich die Augen zu, wenn sie im Auto neben ihrem verhassten Vater sitzt. Die Möglichkeit der Liebe war da, doch jetzt ist es zu spät, um etwas zu sagen. Damit lässt Graf den Film im Morgengrauen enden. Seine Inszenierung lässt Heinz Hoenigs verstörtes Gesicht in den Glasscheiben des Reviers brechen und verschmieren, und Meret Becker in ihren weißen Kleidern wie ein verlorenes Gespenst durch das ausgestorbene Polizeirevier tänzeln.

Christian Petzold („Transit“) sagt, alle Kinofiguren seien Gespenster, die sich materialisieren wollen – Sigi und Nadine aber bleiben tot. Anders als bei Petzold, in dessen Kino die Figuren immer Gespenster sind – Dominik Graf hat das mal „Schneewittchenkino“ genannt –, sind bei Graf und in dieser Folge die Figuren am Anfang noch sehr lebendig, geradezu von Lebensdurst zerfressen, bevor sie dann genau an ihren Sehnsüchten zerbrechen.

Baal (1992, vierte Staffel, Episode 9)

„Baal“ ist, nach J. Lee Thompsons klassischer Verfilmung „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und dem 1991 beinahe zeitgleich zur „Fahnder“-Folge erschienenen Remake „Kap der Angst“ von Martin Scorsese die dritte Bearbeitung des „Cape Fear“-Plots, diesmal durch Graf-Stammautor Günther Schütter: Im Oktober kommt der Gewaltverbrecher Paulus (Hannes Jaenicke) aus der Haft frei – Faber hatte ihn festgenommen. Nun ist Paulus auf Rache aus, an Faber, seiner Freundin Susanne und ihrem gemeinsamen Kind.

Passend zu der Stimmung von Paranoia und Aggression die sich in der engen Wohnung des Fahnders ausbreitet, ist es Halloween, die Äußerlichkeiten spiegeln vereinfacht, verdichtet die Innerlichkeiten wider, wie so oft bei Graf, der den Konflikt zwischen dem in Rachefantasien zerflossenen Paulus und Faber unheimlich straff und auf den Punkt inszeniert, ihn in die 50 Minuten der Folge verdichtet. Was Schütters Drehbuch dem „Cape Fear“-Plot der beiden anderen Versionen noch hinzufügt, sogar sehr markant, ist ein kritischer Blick auf die Polizei. Generell verortet Dominik Graf die Gewalt überall, in allen Figuren. Wenn Fabers Freundin Paulus trifft, ihm Geld dafür bietet, dass er aufhört, und Baal legt ein Skalpell auf den Tisch, fragt sie direkt, wie aus einer abgründigen Faszination heraus, ob man damit jemandem die Haut abziehen könne. Daraufhin entgegnet er, das sei nun aber ihre Fantasie, nicht seine. Überhaupt geht in „Baal“ mindestens genau so grausame Gewalt von Faber aus wie von Paulus. Am Ende führt Paulus seine Gewalt in den Tod, und die Polizei verschweigt aus einem Korpsgeist heraus die eigene – alle kommen ungeschoren davon. Mit dieser Bilanz beendet Graf die Episode dann auch.

Über dem Abgrund (1988, zweite Staffel, Episode 2)

Bei einem Einsatz glaubt Faber, in einem der Gangster einen ehemaligen Polizei-Kollegen erkannt zu haben, seinen Nachforschungen zufolge ist der aber längst tot. Es entspinnt sich ein erzählerisches Netz in die Vergangenheit, um den vermeintlich toten Polizisten, der als V-Mann mit seinen Vorgesetzten Geld unterschlägt.

„Über dem Abgrund“ ist die Blaupause für Grafs spätere Kinoruine „Die Sieger“ (1994), in dem es ja auch um die maliziösen Verstrickungen eines V-Mannes gehen wird. Dicht inszeniert der Regisseur in dieser Folge Fabers Wirren mit dem Polizeisystem, dessen engmaschiges Netz an Vertuschungen kaum Durchsicht bietet. Am Ende sind alle am Verbrechen Beteiligten tot, was vermeidbar gewesen wäre, aber die Bürokraten sind froh drum, so ist’s für alle am einfachsten, Faber steht machtlos und enttäuscht daneben und geht dann lieber zu seiner Freundin, um sich über Kochrezepte zu streiten.

So ist das oft bei Dominik Graf, der dem ganz normalen Leben, den Alltagssituationen immer Platz freiräumt in seinen Geschichten, oft in den schönsten Momenten. Alle seine „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung als DVD: 29. November 2007 (zweite Staffel), 5. März 2009 (vierte Staffel), 9. April 2009 (fünfte Staffel)

Länge: etwa 50 Min. je Folge
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Der Fahnder
BRD/D 1984–2005
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter u. a.
Stammbesetzung: Klaus Wennemann, Barbara Freier, Dieter Pfaff
Gäste: u. a. Meret Becker, Heinz Hoenig, Hannes Jaenicke, Klaus Lemke, Claudia Messner, Maja Maranow, Despina Pajanou, Heinrich Schafmeister
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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Zielfahnder – Flucht in die Karpaten: Krimi-Glanzstück nicht nur für TV-Zuschauer

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Die beiden Häftlinge wollen über die polnische Grenze fliehen

Zielfahnder – Flucht in die Karpaten

Von Simon Kyprianou

Krimi // Der rumänische Verbrecher Caramitru (Dragos Bucur) sitzt wegen diverser Verbrechen in Deutschland ein, kann aber aus dem Gefängnis ausbrechen und über Polen nach Rumänien flüchten. Die beiden Zielfahnder Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Schröder (Ronald Zehrfeld) nehmen die Verfolgung auf, unterstützt werden sie von der rumänischen Polizei.

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Sie hängen ihre Verfolger ab und schaffen den Grenzübertritt

Dominik Grafs Krimi beginnt mit dem Ausbruch und der Flucht nach Polen. Landauer und Schröder sind Caramitru dicht auf den Fersen. Diese nächtliche Verfolgung ist so schön, so ungestüm, so schnell inszeniert, wie man es aus dem deutschen Genrekino kaum kennt. Innerhalb dieses Chaos – der hektischen Montage zwischen den Ermittlern, der Leitstelle, den Flüchtenden – inszeniert Graf diese Szene mit einem wunderbaren Gespür für Rhythmus.

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Kaum in Rumänien angekommen, gibt es bereits Ärger

Nach diesem furiosen Anfang findet der Film Ruhe, wenn die Ermittler in Bukarest ankommen und sich erst einmal in die fremde Stadt einfinden müssen. Sie tauchen ein ins Nachtleben der Stadt, um die Spuren zu finden, die Caramitru hinterlassen hat, und müssen auf die harte Tour lernen, wie gefährlich ihre Ermittlungen sind. Die beiden erhalten einen Tipp, der sie in ein kleines Dorf am Fuße der Karpaten führt. Dort will Caramitru an der Hochzeit seiner Schwester teilnehmen.

Geschichten an der Peripherie des Plots

Die Szenen im Dorf sind die schönsten im Film. Rolf Basedows Drehbuch ist wie immer fantastisch recherchiert und so kann Dominik Graf die Story einfach beiseiteschieben und eintauchen in die Hochzeitsfeierlichkeiten, die Bräuche und die Eigenheiten des Landes. Überhaupt klebt Graf wie für ihn üblich nicht fetischistisch am Plot, sondern lässt ihn oft aus dem Fokus geraten, um das Leid einzufangen, die Geschichten, die an der Peripherie der eigentlichen Geschichte stattfinden: Ein hochrangiger Polizeibeamter, den seine Leidenschaften und seine Sehnsucht zerfressen haben, eine Sekretärin, deren Liebe zu ihrem Bruder sie zur Mittäterin macht, eine alte Rumänin, die von der EU, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatte, bitter enttäuscht wurde. Basedows Drehbuch schaut nicht stur geradeaus, es ist der Blick nach links und rechts der dem Film Tiefe verleiht.

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Die Zielfahnder heften sich in den rumänischen Nachtclubs an Caramitrus Fersen

Die Schauspieler sind herausragend. Zehrfeld ist ja mittlerweile Stammschauspieler bei Graf und Christian Petzold, seine bullige Physis und sein sehr körperliches Spiel passen gut zu dieser Art Genrekino, wie Graf und Petzold es machen. Auch Tscharre ist sehr gut, ihre Rolle als Polizistin, deren Leben vom Schmerz der Vergangenheit entstellt wird, ist ebenfalls hervorragend geschrieben.

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Ein Tipp führt sie zur Hochzeit seiner Schwester

Das Finale auf den Gipfeln der Karpaten ist wirklich furios inszeniert. Wenn dann der Schmerz aller Figuren am größten ist, bricht der Film einfach ab und es wundert einen fast, den ARD-Abspann zu sehen. Man hat in diesem wunderbaren Genrefilm völlig vergessen, dass man öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut.
Leider erscheint „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ vorerst nicht auf DVD, aber man kann den Film eine Woche nach seiner Erstausstrahlung in der Mediathek ansehen. Es lohnt sich.

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Auf den ersten Blick scheint Caramitru gefasst …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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… aber es kommt zum Showdown in den Karpaten – und der Verbrecher ist gerüstet

Veröffentlichung: 19. November 2016 als TV-Premiere im Ersten, in der Mediathek abzurufen bis 26. November 2016

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: –
Originaltitel: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten
D 2016
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Besetzung: Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre, Dragos Bucur, Radu Banzaru, Arved Birnbaum, Hanno Friedrich, Axel Moustache, Victoria Sordo, Leni Speidel, Eugen Pirvu

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2016 WDR, Thomas Kost

 

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Polizeiruf 110 – Smoke on the Water: Genrekino im Fernsehen

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Hauptkommissar von Meuffels ermittelt im Fall einer toten Journalistin

Polizeiruf 110 –Smoke on the Water

Von Simon Kyprianou

TV-Krimi // Der „Polizeiruf 110“, früher das DDR-Pendant des „Tatort“, das sich aber über die Zeit der Wende hinweg gehalten hat, hat ja mittlerweile bei vielen Krimifreunden sogar den Ruf, der „bessere Tatort“ zu sein. Nicht umsonst suchen sich Regisseure wie Dominik Graf oder Christian Petzold auch eher diese Reihe für ihre Arbeiten im Fernsehen aus. Christian Petzold („Yella“) drehte bis vor Kurzem eigentlich nur fürs Kino, ist aber offenbar auch auf den Geschmack gekommen: Zwei Folgen gibt es schon, den fantastischen „Polizeiruf 110 – Kreise“ (2015) und den sehr guten „Polizeiruf 110 – Wölfe“ (2016), der erst kürzlich lief. Ein dritter Fall ist in Vorbereitung.

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Der Musiker Mischa Eigner ist der Hauptverdächtige

Dominik Graf hat mittlerweile bereits vier Episoden der Reihe inszeniert. Beide Regisseure drehen für den Münchner Ableger, in dem Matthias Brandt Hauptkommissar Hanns von Meuffels spielt. Der Münchner „Polizeiruf 110“ dürfte zurzeit einer der Höhepunkte des deutschen Fernsehens sein. Die Dichte an wirklich hervorragenden Episoden ist hoch, beispielsweise Jan Bonnys „Polizeiruf 110 – Der Tod macht Engel aus uns allen“ (2013) oder Marco Kreuzpaintners „Polizeiruf 110 – Und vergib uns unsere Schuld“ aus diesem Jahr, ebenfalls sehr schön ist „Polizeiruf 110 – Fieber“ (2012) von Hendrik Handloegten.

Dominik Graf setzt seine eigenen Akzente

Grafs „Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung“ von 2011 war von Meuffels‘ erster Fall, drei Jahre später entsteht „Polizeiruf 110 – Smoke on the Water“, ein Film der eigensinniger kaum sein könnte. Graf gelingt es besser als jedem anderen Regisseur seine „Polizeiruf“-Folgen von der Reihe abzulösen und sich das Format ganz zu eigen zu machen – Kino im Fernsehen zu machen, sozusagen.

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von Meuffels hat Zweifel, ermittelt weiter …

Wie so oft bei Grafs letzten Filmen ist das Erzähltempo schwindelerregend hoch und die Narration extrem elliptisch, eigentlich sind es bloß Erzählfetzen, zwischen denen tiefe Lücken klaffen. „Smoke on the Water“ ist ein Politthriller, ein Paranoiafilm allererster Güte. Über eine simple Struktur der Mordaufklärung an sich geht der Film schnell heraus und schleudert von Meuffels in ein Komplott, lässt ihn die Allmacht eines korrupten Staates erfahren. Eine Journalistin wird vermeintlich von einem Jazzmusiker (Marek Harloff) getötet, der sich alsbald in der Zelle vermeintlich erhängt. Von Meuffels hat Zweifel am Ablauf der Tat, nimmt als Verdächtigen den EU-Politiker Dr. Cadenbach (Ken Duken) ins Visier und stößt so auf eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes. Der Film, wie auch der Ermittler, versuchen die aus den Fugen geratenen und unkontrollierbaren, intransparenten Machtstrukturen zu begreifen, aber beide scheitern daran. Der Film kreist um Auslassungen, stolpert über Leerstellen und stürzt in Abgründe.

Furioses Finale

Kontrolle hat hier nur noch das System, dessen Internet-Überwachung sprichwörtlich in die Körper der Menschen eindringt: In einer fantastischen Szene muss sich von Meuffels einen Sender aus seinem Arm herausschneiden. Graf lässt die Überwachung der Bürger durch das Internet körperlich werden, er schafft ein Bild dafür. „Smoke on the Water“ ist wunderschön inszeniert: Nervös und fahrig bewegt sich die Kamera durch die Räume, Rückblenden und Vorausdeutungen werden wahnwitzig montiert und zum Ende hin verdichtet Graf den Schrecken in einem schier unglaublichen Finale.

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…und wird in ein politisches Komplott hineingezogen

Eine wirklich lebendige Kultur des Genrekinos gibt es in Deutschland leider nicht, Regisseure wie Christoph Hochhäusler, Thomas Arslan, Christian Petzold und Dominik Graf drehen zwar Genrefilme, eine wirkliche Genrekultur hat sich aber nicht gebildet. Im Kino findet das Genre auch kaum statt, vielmehr kann es im Fernsehen überleben, etwa in Krimireihen. Christoph Hochhäusler hat den einzigen deutschen Politthriller gemacht, der mir abgesehen von „Smoke on the Water“ aus den letzten Jahren einfällt: „Die Lügen der Sieger“, eine ambitionierte Kinoproduktion, die demnächst auch hier besprochen wird.

Dominik Graf bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die Katze (1988)
Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel (2005)
Polizeiruf 110 – Er sollte tot (2006, geplant)
Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung Warnung (2011)
Polizeiruf 110 – Smoke on the Water (2014)
Die geliebten Schwestern (2014)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (2016)

TV-Premiere im Ersten: 19. Oktober 2014

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Smoke on the Water
D 2014
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Matthias Brandt, Ken Duken, Marek Harloff, Anja Schiffel, Judith Bohle, Torben Liebrecht

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2014 BR

 

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