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Rasputin – Der wahnsinnige Mönch: Erst dämonischer Dracula, dann wollüstiger Wanderprediger

Rasputin – The Mad Monk

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Mit dem legendenumwitterten russischen Mönch bin ich erstmals durch den Disco-Hit „Rasputin“ von Boney M. in Berührung gekommen – meine allererste Lieblingsgruppe, das sei verschämt eingestanden. Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen – welch tolle Textzeile! War der Rauschebart wirklich Russia’s greatest love machine, wie die seinerzeit höchst erfolgreiche Popkombo von Frank Farian behauptete? Über den historischen Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916) bin ich nicht wirklich im Bilde, und es sind Zweifel angebracht, ob Verfilmungen wie „Rasputin, der Dämon der Frauen“ (1932) mit Conrad Veidt in der Titelrolle, „Rasputin, der Dämon von Petersburg“ (1960) oder „Rasputin – Orgien am Zarenhof“ (1983) ein authentisches Bild der historischen Persönlichkeit liefern.

Rasputin kriegt Mecker vom Bischof

Dies lag zweifellos auch nicht in der Absicht von Hammer Films, als sich das Studio entschloss, „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ zu produzieren. Den Regiestuhl übernahm Don Sharp, der mit „Der Kuss des Vampirs“ (1963) und „Die Teufelspiraten“ (1964) bereits für Hammer tätig gewesen war und kurz zuvor für Hallam Productions „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) inszeniert und dort ebenfalls Christopher Lee in der Titelrolle geführt hatte. Gedreht wurde in den Kulissen des gerade (oder gleichzeitig) abgefilmten „Blut für Dracula“, in welchem natürlich einmal mehr Lee in der Titelrolle zu sehen ist. „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ hält somit das hohe Niveau des Hammer-typischen Produktionsdesigns. Wer erkennt schon den Unterschied zwischen einem Vampirschloss in den Karpaten und einem Zarenpalast in St. Petersburg?

Vom Vampirkostüm in die Mönchsrobe

In der Rolle des Vampirfürsten Graf Dracula strahlt Christopher Lee bei aller Bösartigkeit stets Würde und Noblesse aus. Als Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin darf er sich mal so richtig austoben – und er tut das mit Elan und mit einer Leinwandpräsenz, die seine Ko-Darsteller blass aussehen lässt und der Ausstrahlung seiner Dracula-Darstellungen in nichts nachsteht. Etwas mehr „larger than life“ als bei Dracula ist das angelegt, dennoch wirkt Lees Leistung zu keiner Zeit wie Overacting. Jedenfalls traut man Lees Rasputin jederzeit den Bösen Blick zu. Dem Vernehmen nach hatte Christopher Lee zur Vorbereitung ausgiebig über den historischen Rasputin recherchiert.

Der kann das mit die Frauen

Zu Beginn heilt der Wanderprediger durch Handauflegen die im Fieberwahn dahinsiechende Frau eines Gastwirts in einer Kaschemme im hinteren Russland. Im Anschluss widmet er sich ausgiebig Wein, Wodka und Weib. Ein eifersüchtiger Bauernbursche will das nicht hinnehmen und bezahlt dafür mit dem Verlust einer Hand. Für dieses Verhalten und andere Verfehlungen wird Rasputin vor seinen Bischof (Joss Ackland) beordert, dem er eine an sich nachvollziehbare Rechtfertigung liefert: Wenn ich beichte, biete ich Gott nicht nur Eifersucht und belanglose Streitigkeiten, sondern Sünden, die seine Vergebung wert sind. Eine wunderbare Begründung für Wollust, Trunksucht und sonstige Sünden. Vielleicht sollte ich zum Katholizismus konvertieren, da doch die Beichte eine sehr pragmatische Methode zu sein scheint, Vergebung zu erlangen. Nun gut, der Bischof hält diese Haltung für Blasphemie, aber was wissen die Pfaffen schon von weltlichen Genüssen?

Ab an den Zarenhof

Rasputin entzieht sich seinem geistlichen Boss, indem er sich nach St. Petersburg begibt, wo er sich nach einem siegreichen Trinkspiel bei Dr. Zargo (Richard Pasco) einnistet und Sonia (Barbara Shelley) kennenlernt, ihres Zeichens Hofdame der Zarin und eine der Betreuerinnen des jungen Zarewitsch (Robert Duncan). Mit hypnotischen Kräften und seiner Manneskraft macht er sie sich gefügig, und bald steht er vor der Zarin (Renée Asherson) persönlich.

Wer würde diesen Augen widerstehen?

Die sexuelle Komponente zieht sich mehr oder minder deutlich durch viele Hammer-Produktionen, hier kommt sie umso expliziter zum Tragen, wenn sich Rasputin mit einer Gespielin ins Heu oder Bett verzieht. Mitte der 1960er-Jahre stand das Studio noch in voller Blüte, sodass selbst das vergleichsweise ungewöhnliche Sujet des Historiendramas gemeistert wurde. Rasputins wollüstiges Treiben und sein Streben nach Einfluss bürgen dafür, dass die anderthalb Stunden ohne einen Anflug von Langeweile wie im Fluge vergehen. Der so actionreiche wie dramatische Showdown tut sein Übriges dazu. Insgesamt ist dennoch zu konstatieren, dass „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ ohne Christopher Lee womöglich nur die Hälfte wert wäre.

Üppig ausgestattetes Mediabook

Anolis Entertainment hat das Werk in gewohnt üppiger Manier auf Blu-ray im Mediabook mit zwei Covervarianten gepackt, Mediabook-Verächter können auf eine Blu-ray im Softcase zugreifen, die alle digitalen Boni enthält. Darunter beispielsweise den Film auch im ursprünglichen CinemaScope-Format 2,55:1 – im Vergleich zu den 2,35:1 des Haupt-Features der Blu-ray. An der Bildqualität gibt es wie immer nichts auszusetzen. Beim Ton liegt die Original-Sprachfassung qualitativ deutlich vor der deutschen Synchronisation. Fans von Audiokommentaren werden gleich dreifach bedient: Zu zwei neuen mit bewährtem Personal – siehe unten – gesellt sich ein älterer mit den Darstellern Christopher Lee und Francis Matthews sowie den Darstellerinnen Barbara Shelley und Suzan Farmer. Ein 25-minütiges Making-of und ein viertelstündiges Featurette über Bücher zu Hammer-Filmen runden das Rundum-Sorglos-Paket ab. Englische Untertitel wären für mich das Tüpfelchen auf dem i gewesen, aber womöglich ist die Nachfrage in Deutschland nicht groß genug, dass sich der Zukauf oder die Produktion von diesen für Anolis rechnet. Sammler des Labels werden ohnehin bereits zugegriffen haben, und auch Freunden gepflegter Historien-Exploitation sei „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ empfohlen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Sonia scheint etwas zu klammern

Veröffentlichung: 25. Januar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rasputin – The Mad Monk
GB 1966
Regie: Don Sharp
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Barbara Shelley, Richard Pasco, Francis Matthews, Suzan Farmer, Dinsdale Landen, Renée Asherson, Derek Francis, Joss Ackland, Robert Duncan
Zusatzmaterial: Filmfassung im Originalformat 2,55:1, Audiokommentar mit Christopher Lee, Barbara Shelley, Francis Matthews und Suzan Farmer, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Gerd Naumann, Audiokommentar mit Uwe Sommerlad und Volker Kronz, „Tall Stories: The Making of Rasputin – The Mad Monk“ (25:21), „Hammer Novelisations – Brought to Book“ (15:07), britischer Kinotrailer, US Double Feature Trailer, TV Spots, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, nur Softcase: Wendecover
Label/Vertrieb Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Anolis Entertainment GmbH / EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 
 

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Horror für Halloween (XVIII): Der Kuss des Vampirs – Im Bann der Blutsauger

Kiss of the Vampire

Von Volker Schönenberger

Horror // In einem bayerischen Dorf nähert sich ein Beerdigungszug auf dem Friedhof der Grabstätte. Ein Mann beobachtet die Trauergesellschaft aus der Ferne, schreitet dann hinzu. Er nimmt dem Totengräber dessen Spaten ab, und ehe jemand einschreiten kann, rammt er ihn mit aller Macht durchs Holz des Sarges. Ein grausamer Todesschrei ertönt, Blut quillt aus der Öffnung.

Professor Zimmer beobachtet die Bestattung seiner Tochter

Wir befinden uns irgendwann kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts – das Booklet der Mediabook-Veröffentlichung ordnet „Der Kuss des Vampirs“ im Jahr 1910 an. Nach diesem unheilsschwangeren Prolog und dem folgenden Vorspann lernen wir Marianne und Gerald Harcourt (Jennifer Daniel, Edward de Souza) kennen, die mit ihrem Automobil unterwegs sind und merken müssen, dass ihnen der Kraftstoff ausgegangen ist. Die Frischvermählten landen in einem Hotel, das schon bessere Tage gesehen hat und in dem sich mit dem merkwürdigen Professor Zimmer (Clifford Evans) lediglich ein weiterer Gast befindet – er ist derjenige, der zu Beginn die Bestattungszeremonie auf so drastische Weise gestört hatte.

Auf dem Maskenball geht’s maskiert zu

Die Eheleute erhalten kurz darauf eine Einladung zum Dinner ins nahe gelegene Schloss. Der dort mit seiner Familie residierende Dr. Ravna (Noel Willman) begrüßt sie ausgesucht freundlich; Marianne und Gerald verbringen einen angenehmen Abend und kehren anschließend ins Hotel zurück. Professor Zimmer hatte derweil auf dem Friedhof eine unangenehme Begegnung mit der Vampirin Tanja (Isobel Black), die seine Tochter aus ihrem Grab befreien wollte. Die Harcourts ahnen nichts von Dr. Ravnas finsteren Plänen, der nicht gewillt ist, Marianne gehen zu lassen. Bald darauf kehrt das Ehepaar zu einem Maskenball aufs Schloss zurück …

Anolis und Wicked-Vision – die Hammer-Spezialisten

Ein Horrorfilm der britischen Produktionsfirma Hammer Films im Mediabook? Das kann doch nur von Anolis Entertainment stammen – in diesem Fall aber nicht: Bei „Der Kuss des Vampirs“ handelt es sich um eine Veröffentlichung von Wicked-Vision Media, deutlich jünger, aber mit ähnlichem Qualitätsanspruch wie Anolis. Da beide Label einander freundschaftlich verbunden sind, wird voraussichtlich kein Konkzurrenzdruck in puncto Hammer aufkommen, auch wenn „Der Kuss des Vampirs“ mit seinen Hammer-typischen schönen Kulissen, Kostümen und der Ausstattung jedem Publisher gut zu Gesicht stehen würde. Mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad hat Wicked-Vision Media erneut zwei versierte Autoren fürs Booklet gewonnen – die Lektüre ihrer Texte bringt interessanten Mehrwert. So nennt Giesen Edgar G. Ulmers „Die schwarze Katze“ („The Black Cat“, 1934) mit Boris Karloff und Bela Lugosi als Vorlage für „Der Kuss des Vampirs“, was mich auf die Idee bringt, ihn mir endlich mal anzuschauen.

Dr. Ravna hat Marianne in seinem Bann

Dem Vernehmen nach diente der Maskenball in „Der Kuss des Vampirs“ Roman Polanski als Inspiration für „Tanz der Vampire“ (1967). Dr.-Ravna-Darsteller Noel Willman ist gewiss kein Christopher Lee, seine Filmografie gibt sich weit weniger schillernd. Dennoch verleiht auch er seiner vampirischen Figur Würde. Ursprünglich sollte „Der Kuss des Vampirs“ als dritter Teil von Hammers Dracula-Reihe gelten, folgte dem ursprünglichen „Dracula“ (1958) mit Christopher Lee und dessen Fortsetzung „Dracula und seine Bräute“ („The Brides of Dracula“, 1960). Diesmal verzichtete man aber auf die Nennung des Namens Dracula – in „Dracula und seine Bräute“ tauchte er ebenfalls nicht auf, wurde lediglich erwähnt. Die dafür an sich geplante Schlussszene wurde erst für „Der Kuss des Vampirs“ realisiert: Das famose Fledermaus-Finale macht trotz antiquierter Tricktechnik viel Freude und bildet das Tüpfelchen auf dem i eines Vampir-Gruslers, der das hohe Niveau hält, das Hammer Films in jenen Jahren auszeichnete.

Tanja findet Gerald zum Anbeißen

Veröffentlichung: 7. Juli 2017 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD) im Mediabook (Auflagen: Cover A 222 Exemplare, Cover B 555 Exemplare, Cover C 333 Exemplare), 22. Februar 2008 als DVD (Koch Media)

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Kiss of the Vampire
GB 1963
Regie: Don Sharp
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Clifford Evans, Edward de Souza, Noel Willman, Jennifer Daniel, Barry Warren, Brian Oulton, Isobel Black
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Edward De Souza und Jennifer Daniel, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Dr. Gerd Naumann, Featurette: „Flesh & Blood – The Hammer Heritage of Horror“, neuer deutscher Trailer, US-Trailer, Bildergalerien, internationale Werberatschläge und Filmprogramme, 24-seitiges Booklet von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2017 Wicked-Vision Media

 

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