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Dragged Across Concrete – Cop-Duo plant riskanten Coup

Dragged Across Concrete

Von Andreas Eckenfels

Thrillerdrama // Wenn man der Geschichte Glauben schenken mag – und warum sollte man auch nicht? – überzeugte Vince Vaughn während der gemeinsamen Dreharbeiten zu „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ Mel Gibson davon, dass der an seiner Seite eine der Hauptrollen in S. Craig Zahlers dritter Regiearbeit „Dragged Across Concrete“ übernehmen sollte. Zahler hatte Vaughn zuvor sein Vertrauen geschenkt, nun konnte er dies zurückzahlen. Der „Bone Tomahawk“-Regisseur besetzte ihn als bulligen Kriminellen Bradley Thomas, der im knallharten Knast-Kracher „Brawl in Cell Block 99“ sein eigenes „Dantes Inferno“ erlebt, komplett gegen sein Image. Allein Vaughns enorme Präsenz haute einen um. So hatte man den „Hochzeits-Crasher“ noch nie gesehen. Wobei man bei ihm gern mal vergisst, dass er besonders zu seinem Karrierebeginn in der Tragikomödie „Swingers“ (1996), im Drama „Für das Leben eines Freundes“ (1998) und sogar im „Psycho“-Remake (1998) als Norman Bates sein Können bewiesen hat – bevor er in den folgenden Jahren seinen Comedy-Autopiloten einschaltete. Erst mit der zweiten Staffel von „True Detective“ wandelte sich Vaughn langsam wieder zum ernst zu nehmenden Schauspieler. Das kann gern so bleiben.

Ohne Ausweg

Brett Ridgeman (Mel Gibson) hat die Schnauze voll: Der 59-jährige Cop hat mit seinem jüngeren Partner Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) gerade einen Drogendealer geschnappt, da werden beide bis auf Weiteres suspendiert. Als Grund nennt ihnen Chief Lieutenant Calvert (Don Johnson) – ausgerechnet Bretts Ex-Partner –, sie seien bei der Verhaftung etwas zu ruppig vorgegangen; ein Nachbar hat das Duo im Einsatz mit dem Smartphone gefilmt. Nun stürzen sich die Medien auf den Mitschnitt. Weil sich Brett sonst nirgends die Miete leisten kann, lebt er mit seiner an Multipler Sklerose erkrankten Frau Melanie (Laurie Holden) und Teenager-Tochter Sara (Jordyn Ashley Olsen) bereits in einem miesen Viertel. Da die kommenden Gehaltsschecks nun ausbleiben werden, sieht er keinen anderen Ausweg mehr und plant mit Anthony einen riskanten Coup: Sie wollen einer Bankräuber-Bande die Beute abjagen. Gar nicht so einfach, denn besonders deren Anführer Lorentz Vogelmann (Thomas Kretschmann) erweist sich als eiskalter Psychopath, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht.

Abschied vom Amerikanischen Traum

Wie schon bei seinen ersten beiden Filmen scheut Regisseur S. Craig Zahler keine lange Laufzeit: Stolze 160 Minuten dauert „Dragged Across Concrete“! Unruhige Zuschauer, die alle fünf Minuten ihre Actionszenen brauchen, sind hier fehl am Platz. Zahlers ruhige Erzählweise macht sich auch durch die Kameraarbeit bemerkbar: Bis auf wenige Ausnahmen bewegt sich die Kamera nur, wenn sich auch die szenenspezifische Figur bewegt. Wenn Brett und Anthony die Gang aus ihrem parkenden Auto heraus für lange Zeit observieren, passiert nun mal nicht so viel – dennoch sind diese Szenen wichtig, weil durch die starken Dialoge die loyale Beziehung der Arbeitskollegen und deren privaten Probleme weiter ausgelotet werden. Gleichzeitig erkennt man auch, dass Brett und Anthony ihren lausigen Job trotz allen Frusts mit Akribie ausüben, auch wenn sie nicht immer nach den Regeln spielen, was in dieser kriminellen Welt eben auch für einen Cop nicht immer möglich ist.

Brett kann mit seinem kargen Lohn als Cop kaum seine Familie über Wasser halten

Dass das grimmige und sehr realistisch wirkende Thrillerdrama keine Sekunde langweilig ist, liegt auch daran, dass sich Zahler erneut als exzellenter Geschichtenschreiber erweist. Wieder einmal erzählt er vom Scheitern des Amerikanischen Traums. Nur dreht er diesmal die Perspektive um. Während in „Brawl in Cell Block 99“ der Kriminelle trotz aller Bemühungen daran scheiterte, ehrbar zu werden, schaffen es hier die beiden Cops trotz ihrer erfolgreichen Arbeit nicht, dass sie beruflich aufsteigen und ihre Familie versorgen können. So stürzt Zahler seine Protagonisten in ein moralisches Dilemma: Um über die Runden zu kommen, müssen sich Brett und Anthony gegen das Gesetz wenden.

Anthony (l.) und Brett können sich aufeinander verlassen

Dabei versuchen sie ihre Zweifel dadurch zu legitimieren, dass sie „nur“ Ganoven überfallen und sonst niemand zu Schaden kommen wird. Spätestens, wenn sie Vogelmanns Raubzug in aller Ruhe beobachten und später erst erfahren, dass einige Bankangestellte getötet wurden, fällt ihre fadenscheinige Legitimation zusammen: Denn hätten sie wenigstens rechtzeitig die Polizei gerufen, hätte es vielleicht einige Opfer weniger gegeben. Spätestens dann erkennen Brett und Anthony, dass es von nun an keinen Weg zurück mehr gibt – sie müssen ihren Plan umsetzen. Koste es, was es wolle.

Shotgun Safari

Eine dritte Hauptfigur hatte ich bislang nicht erwähnt: Der afroamerikanische Kleinkriminelle Henry Johns (Tory Kittles) ist frisch aus dem Knast entlassen worden. Auch er wollte eigentlich nicht wieder gegen das Gesetz verstoßen, doch er hat ähnliche Beweggründe wie Brett, um bei Vogelmanns Bande als Fahrer anzuheuern: Als Henry nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Mutter als Prostituierte arbeitet, während sein jüngerer, gehbehinderter Bruder im Nachbarzimmer Videospiele spielt. Eines seiner Lieblingsspiele ist „Shotgun Safari“ – eine Großwild-Jagd, bei der in der Savanne an jeder Ecke Löwen und andere Raubtiere lauern, die getötet werden müssen, wenn man überleben will. Eine passende Parallele zur Welt, in der Brett, Anthony und Henry leben. Interessanterweise zeigt hier der ehemalige Heavy-Metal-Schlagzeuger Zahler nach „Brawl in Cell Block 99“ wieder seine Vorliebe für Soul-Musik: Er schrieb den Abspannsong „Shotgun Safari“, welcher von der besonders in den 1970er-Jahren erfolgreichen Band The O’Jays eingesungen wurde.

Figuren aus Fleisch und Blut

Die Haupthandlung unterbricht Zahler immer wieder kurz für kleine Zwischenepisoden: Vogelmann überfällt einen Lebensmittelladen und holt den extra bestellten, schusssicheren Transporter ab, den er für den Überfall nutzen will. Bretts Tochter Sara wird kurz vor ihrem Zuhause auf der Straße von Jugendlichen mit einem Getränk übergossen – und dann ist da noch die junge Mutter Kelly (Jennifer Carpenter), die nach ihrer verlängerten Babypause ihren ersten Arbeitstag hat, aber große Probleme damit hat, sich von ihrem Nachwuchs zu lösen. All diese Szenen bringen uns die Charaktere und ihre Hintergründe präzise näher, ohne, dass es große Erklärungen braucht. Sie werden zu Figuren aus Fleisch und Blut. Das ist meisterlich und auf den Punkt genau von Zahler geschrieben und wird durch eine großartige Besetzung getragen. Dabei kann sich der Regisseur nicht nur auf das perfekte Zusammenspiel von Vince Vaughn und Mel Gibson verlassen. Er vertraute auch neben Vaughn erneut in kleinen Rollen auf Don Johnson, Jennifer Carpenter, Udo Kier und Fred Melamed, die bereits in Zahlers früheren Filmen dabei waren.

Henry (l.) vertreibt den Freier seiner Mutter aus der Wohnung

Wer „Bone Tomahawk“, „Brawl in Cell Block 99“ oder „Puppet Master – Das tödlichste Reich““, für den Zahler das Drehbuch schrieb, gesehen hat, weiß dass der Regisseur nicht zimperlich mit blutigen Szenen umgeht. „Dragged Across Concrete“ ist dabei sein erster Film, der in Deutschland nicht mindestens eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten hat. Hier schraubt er die Gewalt zwar deutlich zurück – dennoch setzt er sie treffsicher und völlig unerwartet ein, was für den Zuschauer dann umso mehr durch Mark und Bein geht. Für die beteiligten Figuren bleibt aber keine Zeit für Trauer oder Triumph, denn sie alle wissen, dass die Großwild-Jagd noch lange nicht vorbei ist. An jeder Ecke kann ein weiteres, hungriges Raubtier lauern, das ebenfalls ums Überleben kämpft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von S. Craig Zahler sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Mel Gibson und Vince Vaughn unter Schauspieler.

Kellys Bank wird von Vogelmann und seiner Bande überfallen

Veröffentlichung: 23. August 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 163 Min. (Blu-ray), 159 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dragged Across Concrete
USA 2018
Regie: S. Craig Zahler
Drehbuch: S. Craig Zahler
Besetzung: Mel Gibson, Vince Vaughn. Don Johnson, Tory Kittles, Jennifer Carpenter, Michael Jai White, Laurie Holden. Fred Melamed, Thomas Kretschmann, Udo Kier
Zusatzmaterial: Featurettes „Moral Conflict”, „Elements of Crime Part 1-3“, Trailer
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Universum Film

 

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