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Transit – Flucht über Marseille

Transit

Kinostart: 5. April 2018

Von Simon Kyprianou

Drama // Im Kern geht es in Christian Petzolds „Transit“ um Flucht, um Heimatlosigkeit, um das aus der Zeit und aus der Welt Fallen, und das unsichtbar Werden in diesem Zustand des Nichtdazugehörens. Das hat „Transit“ mit allen Filmen des Regisseurs gemeinsam, formuliert dessen immer schon zentrale Gespenstermetaphorik so scharf wie nie zuvor.

Georg strandet in Marseille

Das Kino ist der Ort der Gespenster und die Kinofiguren sind die Gespenster, die versuchen, sich zu materialisieren, die als untote, entwurzelte Existenzen durch die Geschichten und die Filme driften, immer in Transitorten, in Übergangssituationen gefangen, ohne irgendwo ankommen zu können. Die Kernthematik ist also dieselbe geblieben, ansonsten markiert „Transit“ einen interessanten Bruch im Werk von Christian Petzold: All seine bisherigen Filme, ganz besonders die letzten beiden, „Phoenix“ und der „Polizeiruf 110: Wölfe“, waren „Versuchsanordnungsfilme“, in denen Petzold immer beobachtet hat – er hat das oft mit Laborsituationen verglichen –, in denen stets Druck auf den Figuren war, die Figuren immer wie im Reagenzglas unter Beobachtung, jede Szene ein eigenständiger Teil des Versuchs; mit „Transit“ findet er jetzt andere ästhetische Herangehensweisen. Dieser Bruch mag damit zu tun haben, dass Petzold nach dem Tod seines langjährigen Freundes und Mitarbeiters Harun Farocki neue Wege beschreiten will oder auch damit, dass er in seinen letzten beiden Filmen das Konzept der Versuchsanordnung extrem ausgereizt hat.

In der Stadt der Geflüchteten …

In diesem Film ist alles und jeder aus der Zeit gefallen, sogar die Zeit selbst. Der Flüchtling Georg (Franz Rogowski) flieht vor den deutschen Faschisten, die immer weiter nach Frankreich vorrücken nach Marseille, aber die Welt ist nicht die der 40er-Jahre aus Anna Seghers‘ Romanvorlage, es ist die der Gegenwart, mit den Autos von heute, Smartphones von heute und Polizisten von heute. Georg soll für Freunde den schwer Verletzten Schriftsteller Weidel nach Marseille bringen, der stirbt auf dem Weg dahin, sodass Georg eher durch Zufall dessen Identität annimmt. Marseille ist der Transitort, dort treffen sich alle Flüchtenden, in den Cafés, den billigen Hotels, den Botschaften, den Transitorten – alle auf der endlosen Suche nach Visa, um in die USA oder Mexiko zu fliehen. Durch Marseille geistert auch Marie (Paula Beer), die Frau von Weidel, die von Georgs Spiel nichts weiß, und als sie aufeinandertreffen, verlieben sie sich. Und der Moment in dem die Gespenster anfangen, einander zu lieben, ist immer der Ausgangspunkt der Filme von Christian Petzold.

… trifft er auf Marie, in die er sich verliebt

Marseille ist eine Geisterstadt, man muss beim Schauen von „Transit“ unweigerlich an „Casablanca“ denken, nicht nur weil der als Stimme aus dem Off erzählende Barmann (Matthias Brandt) an Humphrey Bogarts Rick erinnert. Die Flüchtenden geistern durch Marseille, ohne Ziel und ohne Heimat, und alle haben zwar Geschichten zu erzählen – und Petzold nimmt sich die Zeit, ihnen zuzuhören – aber alle sind am Ende ihrer Geschichten angekommen, sind aus den Geschichten herausgefallen und zu Gespenstern geworden. Eine besonders verzweifelte und traurige Flüchtende wird von Barbara Auer gespielt, ihr gehören einige der wunderbarsten Momente des Films. In Marseille macht Petzold aus dem Film dann ein Spannungsstück um die Flucht nach Mexiko, um die Liebe zu Marie – die Petzold etwas besser in die Geschichte der Flucht hätte eingliedern können, sie kommt leider etwas kurz – und am Ende werden die Menschen sprichwörtlich zu Gespenstern, und man könnte teilweise denken, in einen Brian-De-Palma-Film gerissen worden zu sein. Der Film hat viel mehr erzählerischen Fluss als Petzolds frühere Regiearbeiten, die Szenen stehen nicht mehr so stark für sich, und es gibt Filmmusik, dazu nutzt Petzold auch eine Erzählerstimme – zum ersten Mal in seiner Karriere –, die er gelungenerweise fast wie Musik einsetzt. Sowieso ist Musik wichtig für „Transit“: In einem der schönsten Momente repariert Georg ein Radio, und als es wieder funktioniert, hört man daraus das Abendlied von Hans Dieter Hüsch, das Georg an seine Mutter erinnert und das er mitsingt, ganz in der Vergangenheit versunken. In diesem Moment erinnert er sich ganz kurz daran, wie es ist, kein Geist zu sein.

Es ist ein schönes, unbedingt gelungenes Drama, das leider auf der Berlinale etwas unter dem Radar geblieben zu sein scheint, obwohl es ganz ohne Zweifel zu den besten Filmen des Festivals zählt und mit Franz Rogowski und Paula Beer zwei der interessantesten jungen deutschen Schauspieler zeigt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franz Rogowski sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Doch sie ist in ihrer eigenen Gespensterwelt gefangen

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Transit
D/F 2018
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, nach einem Roman von Anna Seghers
Besetzung: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt, Sebastian Hülk
Verleih: Piffl Medien GmbH

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Piffl Medien GmbH / Schramm Film

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Red White & Blue – Leben am Abgrund der Trostlosigkeit

Red White & Blue

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Durchzechte Nächte, Sex mit ständig wechselnden Partnern – das ist das Leben von Erica (Amanda Fuller, „Starry Eyes“). Um ihre Gesundheit schert sie sich ebenso wenig wie um persönliche Beziehungen. Gefühlskälte bestimmt ihr Leben. Steht einem ihrer Sexpartner doch einmal der Sinn nach einem Moment echter Zweisamkeit, lässt Erica ihn kühl abblitzen.

Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit?

Als sie den Eigenbrötler Nate (Noah Taylor, „Edge of Tomorrow“) kennenlernt, ändert sich erst einmal nicht viel – außer, dass er nicht mit ihr ins Bett steigt. Nach und nach entwickelt sich der Hauch einer persönlichen Beziehung zwischen den beiden. Auch er trägt seine Dämonen mit sich herum, die ihn unberechenbar erscheinen lassen. Gibt es trotz allem Hoffnung für Erica und Nate?

Für schnellen Sex ist Erica immer zu haben – für mehr aber nicht

Hoffnung, dass sich ein trostloses Leben ändern kann? Der englische Regisseur Simon Rumley („The Living and the Dead“) schuf mit „Red White & Blue“ einen schwer verdaulichen Brocken, der in der Störkanal-Edition sehr gut aufgehoben ist und ganz nah an seine Figuren herangeht – schmerzhaft nah. Kurz keimt die Hoffnung auf, doch sie zerstiebt. Was bleibt, sind Tristesse und Gewalt. Eine Eskalation zum Finale rückt „Red White & Blue“ in Torture-Porn-Gefilde, ohne jedoch in die Exploitation-Untiefen dieses Horror-Subgenres abzugleiten. Dennoch sind einige Sequenzen des Schlussakts nur schwer anzuschauen.

Drama und Horror

Horror oder Drama? „Red White & Blue“ schwankt da etwas. Über weite Strecken ist der Film in erster Linie Drama, doch da Simon Rumley seine Regiarbeit im von Nando Rohner geführten Interview im Booklet als Horrorfilm bezeichnet, entscheide ich mich für Horrordrama. Der im texanischen Austin gedrehte Film trägt im Titel die drei Farben der US-Flagge, was eine politische Interpretation zulässt – etwa als Aussage über die bisweilen recht gewalttätige Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Für Rumley stehen die Farben zwar eher für Emotionen, die man mit ihnen verbindet, doch er will den Zuschauern die Interpretation überlassen. Das fällt schwer, dennoch reiht sich „Red White & Blue“ nahtlos in die Riege der Störkanal-Veröffentlichungen ein – außergewöhnlich, anspruchsvoll.

Nate ist unberechenbar

Veröffentlichung: 27. Mai 2011 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Red White & Blue
GB/USA 2010
Regie: Simon Rumley
Drehbuch: Simon Rumley
Besetzung: Amanda Fuller, Noah Taylor, Marc Senter, Jon Michael Davis, Nick Holden, Patrick Crovo, Mary Mathews, Julian Haddad
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Simon Rumley und Produzent Bob Portal, deleted scenes, Goof Reel, Teaser, Trailer, Trailershow, Booklet, O-Card (Vertikalschuber)
Label: I-On New Media GmbH (Störkanal-Edition)
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2011 I-On New Media GmbH / WVG Medien GmbH

 

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Der seidene Faden – Ein garstiger Abschied

Phantom Thread

Kinostart: 1. Februar 2018

Von Matthias Holm

Drama // Vor dem Werk von Paul Thomas Anderson muss man Respekt haben. Mit lediglich acht Filmen hat es der Regisseur geschafft, sich als einer der Größten seiner Zunft zu etablieren. Sein „Magnolia“ ist ein traumhafter Episodenfilm, in „Punch-Drunk Love“ brachte er Adam Sandler dazu, vernünftig zu schauspielern, und „There Will Be Blood“ mit Daniel Day-Lewis wurde in einer Umfrage der BBC auf Platz drei der bedeutendsten Filme des 21. Jahrhunderts gewählt. Apropos Day-Lewis: Der 1957 im Londoner Stadtteil Greenwich geborene hat Mitte 2017 sein Karriereende verkünden lassen. Nicht nur dank seiner drei Oscars für „Mein linker Fuß“ (1989), „There Will Be Blood“ (2007) und „Lincoln“ (2012) gilt er als einer der größten Schauspieler unserer Zeit. Umso bedauerlicher sein überraschender Entschluss, für den er keine Begründung äußerte. Zuvor kommt mit „Der seidene Faden“ also sein letzter Aufrtitt in die Kinos – erneut von Paul Thomas Anderson inszeniert und zudem für sechs Oscars nominiert: als bester Film, für die Regie, Hauptdarsteller Day-Lewis, Nebendarstellerin Lesle Manville, den Original Score und das Kostümdesign.

Der Meister und die Muse

Reynolds Woodcock (Day-Lewis) ist der wohl bekannteste Schneider der Welt. Frauen reißen sich darum, ein Kleid zu tragen, das er entworfen hat. Doch das Genie ist nicht gerade umgänglich, lediglich seine Schwester Cyril (Lesley Manville), die für die Buchhaltung zuständig ist, weiß mit ihm umzugehen. Bei einem Besuch in seiner Heimat lernt Reynolds Alma (Vicky Krieps) kennen. Die beiden kommen einander näher, bald ist sie Reynolds neue Muse. Doch schnell wird diese Beziehung selbstzerstörerische Züge annehmen.

Der Meister und seine Muse

„Der seidene Faden“ ist ein Film mit zwei Seiten. Auf der einen gibt es die technischen Aspekte. Anderson, der auch die Kamera übernahm, schwebt förmlich mit dem Zuschauer durch die Räume und fängt jede kleinste Regung seiner Darsteller ein. Dabei sind die Bilder allesamt wunderschön, ob an Englands rauer Küste oder in dem stilvollen Haus, in dem die Woodcocks wohnen. Der verspielte Score von Johnny Greenwood unterstützt diese Schönheit, ohne sich allzu sehr in den Vordergrund zu drängen.

Cholerisch, zickig, manipulativ

Auf der anderen Seite gibt es die eigentliche Geschichte und ihre Figuren. Im Grunde genommen haben wir es hier mit einem Beziehungsdrama zu tun, in dem es um Machtverhältnisse geht – Reynolds ist es als absoluter Perfektionist nicht gewohnt, dass eine Frau wie Alma ihm Kontra bietet. Doch diese durchaus interessante Idee wird so langweilig und langwierig vorgetragen, dass dem Zuschauer irgendwann nur noch die Bilder bleiben. Hinzu kommt, dass sämtliche Figuren in „Der seidene Faden“ gänzlich unsympathisch sind. Der cholerische Reynolds, die zickige Alma und die manipulative Cyril sind die drei zentralen Figuren – mit keiner davon will man unbedingt länger als nötig verbringen.

Reynolds unter Stress

Das schlägt sich auch in den Dialogen nieder. Manchmal gibt es ziemlich witzige Szenen, der Humor geht allerdings meistens aus der Boshaftigkeit der Figuren hervor. So fällt es schwer, all dem Hin und Her über die gesamte Laufzeit zu folgen, vor allem, da sich bestimmte Motive im späteren Verlauf wiederholen. Die deutsche Synchronisation hilft da leider auch nicht, gerade Vicky Krieps, die sich selbst nachgesprochen hat, wirkt als Sprecherin vollkommen deplatziert. Vielleicht reißt Daniel Day-Lewis in der Originalversion mehr raus – aber so ist sein Reynolds Woodcock nur ein weiteres, exzentrisches Genie, das nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.

„Der seidene Faden“ ist also ein wunderschöner Film, der inhaltlich allerdings zu viele Federn lässt. Mit all seinen Unsympathen ist es ein garstiger Abschied eines großen Mannes aus der Filmbranche. Mach’s gut, Daniel Day-Lewis!

Cyril scheint nicht begeistert zu sein

Länge: 130 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Phantom Thread
GB 2017
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Besetzung: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville, Sue Clark, Joan Brown, Harriet Leitch, Dinah Nicholson, Julie Duck
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH

 

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