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Bleeder – Nicolas Winding Refn kann auch anders

Bleeder

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Ein Sympath ist Leo (Kim Bodnia) nicht gerade. Vorzugsweise hängt er herum, schaut gern Filme mit seinen Kumpels Lenny (Mads Mikkelsen) und Kitjo (Zlatko Buric), die in einer Videothek arbeiten. Dennoch liebt Louise (Rikke Louise Andersson) den sich unwirsch gebenden Leo und ist glücklich, ein Kind von ihm zu erwarten. Der als Türsteher Jobbende sorgt sich allerdings mehr darum, was aus seinen paar Sachen wird – die nehmen in der Wohnung zwar wenig Platz weg, das hindert Louise aber nicht daran, laut darüber nachzudenken, sie wegzuräumen.

Leo hat sein Leben nicht im Griff

Der schüchterne Lenny hingegen ist zwar ein wandelndes Filmlexikon, weiß dafür aber nicht, wie er mit Frauen kommunizieren soll. Keine optimalen Voraussetzungen, mit der aparten Imbiss-Bedienung Lea (Liv Corfixen) ins Gespräch zu kommen, in die er sich insgeheim verguckt hat. Und dann ist da noch Louises so cholerischer wie rassistischer Bruder Louis (Levino Jensen), der nicht allzu viel von Leo hält. Als Leo eines Tages eine Sicherung durchbrennt und er seiner schwangeren Freundin eine runterhaut, kann Louis kaum an sich halten.

Die Freunde hängen gern ab

Für seinen zweiten Film versammelte der dänische Drehbuchautor und Regisseur Nicolas Winding Refn 1999 vor und hinter der Kamera dasselbe Team wie drei Jahre zuvor bei seinem Debüt „Pusher“, darunter Kameramann Morten Søborg, Komponist Peter Peter sowie Anne Østerud im Schneideraum. Das gilt auch für alle Hauptfiguren von „Bleeder“, lediglich Rikke Louise Andersson („Nachtwache“) stieß neu hinzu. Sie und Kim Bodnia verliebten sich am Set, heirateten 2013 und haben mittlerweile drei gemeinsame Kinder. Liv Corfixen wiederum ist seit 2007 mit Nicolas Winding Refn verheiratet, aus der Ehe gingen bislang zwei Kinder hervor.

Von wegen verkopftes Arthaus-Kino

Genug des Tratsches, zurück zu „Bleeder“. Wer mit Nicolas Winding Refn eher verkopftes, visuell betörendes, aber in puncto Storytelling rätselhaftes Arthaus-Kino à la „The Neon Demon“ (2016) und
Only God Forgives“ (2013) verbindet, wird sich bei diesem Frühwerk verwundert die Augen reiben. Dem Dänen gelingt ein gefühlvoller Blick auf seine Figuren, die er im Vergleich zu seinen späteren Filmen sehr lebensnah zeichnet. Wir leiden mit ihnen mit, einige verabscheuen wir womöglich, anderen wünschen wir nur das Beste – und ahnen, dass nicht allen ein gutes Los vergönnt ist. Teils Krimi, teils Sozialdrama, hat der Regisseur ein Gespür dafür, sein Ensemble zu einem Gesellschaftsporträt einiger Verlierer zusammenzufügen. Das ist fürwahr nicht immer angenehm anzuschauen, aber in jedem Moment beeindruckend. Es wäre den anderen Darstellerinnen und Darstellern gegenüber unfair, den sehr präsenten Kim Bodnia („The Good Cop“, 2004) und den stets gern gesehenen Mads Mikkelsen („Walhalla Rising“, 2009) hervorzuheben – auch die anderen tragen „Bleeder“ auf vorzügliche Weise mit.

Eigentlich ständig mies gelaunt: Louis

Die deutsche DVD von 2007 ist im Handel vergriffen, insofern erscheint die Veröffentlichung des Mediabooks mit Blu-ray und DVD gerechtfertigt. Tiberius Film ist damit einem Trend gefolgt und hat das Mediabook mit drei verschiedenen Covermotiven auf den Markt geworfen. Das kann man machen, für Filmkäufer, denen Mediabooks zu teuer sind, wären Blu-ray und DVD in Einzel-Editionen vielleicht eine gute Alternative gewesen. Zur Rezension lag mir lediglich die nackte Disc ohne Verpackung vor, sodass ich über die Aufmachung und Qualität des Mediabooks keine Angaben machen kann. „Bleeder“ ist jedenfalls nicht nur für Fans von Nicolas Winding Refn, Mads Mikkelsen oder Kim Bodnia interessant, sondern sei all jenen ans Herz gelegt, die eigenständigem europäischem Kino etwas abgewinnen können.

Eher schüchtern: Lenny

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Nicolas Winding Refn sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Mads Mikkelsen in der Rubrik Schauspieler.

Leo rastet aus

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 666 Exemplare), 21. Juni 2007 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bleeder
DK 1999
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn
Besetzung: Kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Rikke Louise Andersson, Liv Corfixen, Levino Jensen, Zlatko Buric, Claus Flygare, Ole Abildgaard, Gordana Radosavljevic, Marko Zecewic, Dusan Zecewic
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit den Hauptdarstellern und Regisseur Nicolas Winding Refn, Trailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Label/Vertrieb 2007: FilmConfect Home Entertainment GmbH (Rough Trade)

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Tiberius Film

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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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First Reformed – Priester in der Glaubenskrise

First Reformed

Von Simon Kyprianou

Drama // „First Reformed“ wurde mit Ingmar Bergman und Robert Bresson verglichen, und natürlich findet man in Paul Schraders Drama Spuren von Bergmans „Licht im Winter“ (1962) und Bressons „Tagebuch eines Landpfarrers“ (1950), aber Schraders Film lässt sich nicht auf ein Epigonentum reduzieren, dazu ist er gedanklich viel zu sehr in der Gegenwart verortet. In einer englischsprachigen Bearbeitung konnte man lesen, dass „First Reformed“ höchstens dann so wäre wie ein Bergman-Film, wenn Bergman sein ganzes Leben über gekokst und die Ramones gehört hätte.

Toller macht eine schwere Zeit durch

Schraders Film verkettet Gedanken über die fortschreitende Umweltverschmutzung mit einer transzendentalen Ästhetik, die eben an Regisseure wie Bergman oder Bresson angelehnt ist: das quadratische „Academy Ratio“-Format, klar und simpel strukturierte Bildkompositionen, reduzierte Bewegungen der Kamera, lange Einstellungen, ein bewusst kühles und distanziertes Spiel der Schauspieler. Auch gibt es keine wirkliche Musikuntermalung – bei Bergman und Bresson konsequent, Schrader betreibt hier immerhin „Soundscaping“, er arbeitet also sozusagen mit einer Klangteppich-Soundkulisse. Diese formale Reinheit soll den Blick für den Zuschauer freimachen für die spirituellen Konflikte der Figuren und ihr entschleunigtes, geistliches Leben.

Er verbringt viel Zeit mit Mary

Oft gelingen den Filmemachern nicht nur Geschichten über Glaubenskrisen, sondern Erzählungen weit darüber hinaus, bei Bergman etwa über die Unmöglichkeit, die unsichtbaren Grenzen zwischen den Menschen zu überwinden, bei Carl Theodor Dreyer in „Das Wort“ (1955) um die Starrheit des Glaubens. Auch Schrader erzählt nicht nur über einen Pastor, in diesem Fall Ernst Toller (Ethan Hawke), in einer Glaubenskrise, sondern auch über die Verbindung zwischen dem Glauben und der Zerstörung der Umwelt, die individuelle Verantwortung und die dünne Trennlinie zwischen Glaube und Wahnsinn. In seinem strengen Ansatz findet Schrader große Bilder der Verzweiflung, mit Blut, Stacheldraht, Bombengürteln und in religiösen Trance-Erfahrungen schwebenden Menschen. Zusammen mit der verwitweten und hochschwangeren Mary (Amanda Seyfried), die vor Kurzem ihren Mann verloren hat, steht Toller seine Glaubenskrise durch, während er inspiriert durch Marys verstorbenen Mann (Philip Ettinger) und seinen Kampf für die Umwelt einen Feldzug gegen einen Großkonzern lostritt.

Die beiden geben einander Halt

Durch die clevere Vermarktung in den USA hat „First Reformed“ dort hohe Wellen geschlagen, Schraders kühne Inszenierung und Ethan Hawkes Spiel wurden gelobt. Es ist Schraders erste Regiearbeit seit langer Zeit, die eine solche Anerkennung erfahren hat. Leider hatte das keinen Einfluss auf einen internationalen Kinostart, in Deutschland gab es, von einigen Festival-Aufführungen einmal abgesehen, keine Kino-Auswertung und nicht einmal einen DVD/Blu-ray-Start, sondern lediglich eine digitale Veröffentlichung bei Amazon Video. Auch bei den Oscars wurde der Film nur für das beste Drehbuch nominiert, Hawkes mit vielen Preisen ausgezeichnete Performance wurde bei den Nominierungen für den besten Hauptdarsteller nicht bedacht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ethan Hawke sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Trotzdem steuert der Geistliche auf eine Katastrophe zu

Veröffentlichung D: als Stream
Veröffentlichung GB: 5. November 2018 als DVD (Universal)
Veröffentlichung USA: 21. August 2018 als Blu-ray (Lions Gate)

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: First Reformed
USA 2017
Regie: Paul Schrader
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Ethan Hawke, Amanda Seyfried, Cedric the Entertainer, Philip Ettinger, Victoria Hill
Label/Vertrieb: Amazon Video

Copyright 2019 by Simon Kyprianou

Packshot DVD: © 2018 Universal Pictures UK, Packshot Blu-ray: © 2018 Lions Gate

 

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