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Savage – At the End of All Humanity: Ein Mann zerbricht

Savage

Von Volker Schönenberger

Drama // Zwei besoffene Obdachlose ringen auf der Straße miteinander. Der Fotograf Paul Graynor (Darren Healy) beobachtet sie unbeteiligt, knipst ein paar Fotos. Anschließend fährt er zu einem beruflichen Termin, versucht mit einigen Kollegen ein paar Bilder eines Kriminellen zu schießen, der von der Polizei abtransportiert wird. Nicht gerade ein mondänes Reporterleben, das Paul in Dublin führt, aber immerhin geregelt. Seine Existenz gerät völlig aus den Fugen, als er eines Abends von zwei Jugendlichen überfallen, ausgeraubt, zusammengeschlagen und gequält wird.

Fotograf Paul führt ein unauffälliges Leben

Von Anfang an macht das Kinodebüt des irischen Filmemachers Brendan Muldowney deutlich, dass wir es keineswegs mit einem Werk zu tun haben, welches leicht zu Unterhaltungszwecken zu konsumieren ist. Das feine Label „Störkanal“ ist ohnehin nicht gerade für Wohlfühlfilme bekannt. In dunklen Blautönen gehalten, die dem Regisseur zufolge die Kälte des urbanen Lebens betonen sollen, zeigt Muldowney, was die brutale Attacke mit Paul anrichtet. Ein besonders bitteres Detail erfahren wir erst nach einer knappen halben Stunde.

Muskeln, Selbstverteidigung, Anabolika – ein Messer

Paul rasiert sich die wallenden Haare ab. Ob er als Kahlkopf unerkannt bleiben will oder damit bereits eine andere Veränderung einhergeht, bleibt offen. So oder so ist es der Beginn eines Veränderungsprozesses: Auf Anraten seines Arztes geht er ins Fitnessstudio, betreibt er intensiv Krafttraining, schluckt Anabolika, besucht einen Selbstverteidigungskurs. Dann kauft er ein Messer.

Nach dem Überfall wird er ein anderer Mensch

„Savage“ zeigt zwar auch Pauls Vergeltung, ist anders als das ein Jahr später entstandene und ebenfalls als Teil der „Störkanal“-Reihe veröffentlichte Horrordrama „7 Days“ aber keine Studie über Selbstjustiz, sondern das Porträt eines Mannes, der an einer entsetzlichen Tat zerbricht. Texttafeln teilen das Drama in Kapitel auf: Savage, Fear, Control, Anger, Revenge. Nach der Wildheit des Überfalls und der Angst will Paul die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen, doch sein Zorn gewinnt die Oberhand und führt zu Rache.

Inspiriert von der Tat des Bernhard Goetz

„Savage“ bedeutet „wild“. Aber sind die Gewalttäter die Wilden? Oder wird Paul zum Wilden? Am Ende trifft womöglich beides zu. Im Interview im Booklet des „Störkanal“-Digipacks berichtet der Regisseur, sein Film sei von Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976), Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ (1971) und Gaspar Noés „Menschenfeind“ (1998) inspiriert. Besonders habe ihn aber der Fall Bernhard Goetz beschäftigt – der New Yorker Elektriker hatte 1984 in der U-Bahn vier junge Afroamerikaner niedergeschossen, weil er annahm, sie wollten ihn ausrauben. Drei Jahre zuvor war er überfallen worden, trug die Waffe seitdem zum Schutz bei sich.

Die Nähe zu Michelle bringt nur kurze Labsal

„Der Film soll ein Schlag sein. Ein unangenehmer Schlag in den Magen.“ So Muldowney. Diese Absicht hat er verwirklicht. Nach den so drastischen wie bitteren letzten Minuten entlässt uns „Savage“ mit einem üblen Gefühl aus seinen Fängen – und lässt uns doch lange nicht los.

Savage

Veröffentlichung: 26. November 2010 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Savage
IRL 2009
Regie: Brendan Muldowney
Drehbuch: Brendan Muldowney
Besetzung: Darren Healy, Nora-Jane Noone, Gerry Shanahan, Brian Fortune, Andie McCaffrey Byrne, Feidlim Cannon, Vincent Walsh, Jer O’Leary, Zoe Doyle
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Booklet, O-Card
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos: © 2010 I-On New Media GmbH / WVG Medien GmbH

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Tiger Girl – Die Harte und die Zarte

Tiger Girl

Von Andreas Eckenfels

Drama // Beim diesjährigen Berlinale-Eröffnungsfilm in der Sektion „Panorama Special“ waren sich zur Abwechslung mal so gut wie alle Kritiker einig: „Tiger Girl“ ist ein wildes, freches und energiegeladenes Drama aus deutschen Landen, welches beim Zuschauen oft ziemlich weh tut und weit entfernt ist vom sonst hierzulande vorherrschenden Betroffenheits- und Mitleidskino. Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings: Ganz so radikal anders, wie manche Kollegen es herbeischrien, ist der Berlin-Film von Regisseur Jakob Laas dann doch nicht geworden. „Der Nachtmahr“ (2015) und „Wild“ (2016) waren hierfür zuletzt bessere Beispiele für deutsches Kino, welches die Konventionen einfach mal links liegen ließ. Dafür weiß „Tiger Girl“ aber mit einem frischen Inszenierungsstil und zwei grandiosen Jungdarstellerinnen zu begeistern.

Krawalltour durch Berlin

Margarete (Maria Dragus) hat es verbockt: Bei der Sportprüfung zur Aufnahme auf die Polizeischule fällt sie durch. Stattdessen meldet sich die schüchterne junge Frau nun zu einer Ausbildung bei einem Security-Unternehmen an. Doch schon an ihrem ersten Tag zeigt sich, dass Margarete nicht unbedingt für den Job geeignet ist: Auf dem Parkplatz schnappt ihr eine ältere Frau die Lücke weg, in der sie gerade einparken wollte. Pech gehabt. Verärgert und weil sie sich nicht traut, Widerworte zu geben, zieht Margarete den Kürzeren – wie wohl so häufig in ihrem Leben.

Margarete will Polizistin werden

Unverhofft springt ihr die Parkwächterin zur Seite. Nach einem kräftigen Fußtritt liegt der Seitenspiegel des Autos der älteren Frau auf dem Asphalt. „Jetzt passt’s!“, sagt sie lapidar – und Margarete kann daneben einparken. Später werden die beiden einander zufällig erneut begegnen. Die Parkwächterin, die sich Margarete als Tiger (Ella Rumpf) vorstellt, haut sie zwei weitere Male aus unangenehmen Situationen heraus. Die beiden unterschiedlichen Frauen werden Freundinnen. Tiger gibt Margarete fortan den wesentlich cooler klingenden Namen Vanilla.

Tiger hat gelernt, wie man im Großstadtdschungel überlebt

Dass Tiger in einem ausrangierten Bus lebt, keinen Respekt vor Autoritäten kennt und auch vor körperlichen Auseinandersetzungen mit Stärkeren nicht zurückschreckt, davon zeigt sich Vanilla ziemlich beeindruckt. Tiger wiederum hat gelernt, wie man im Großstadtdschungel überlebt. Unter der harten Schale und ihrer Punkattitüde verbirgt sich allerdings ein gutes Herz, weshalb sie beschließt, ihre neue Freundin unter ihre Fittiche zu nehmen. „Höflichkeit ist auch eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst“, belehrt Tiger sie. „Du musst einfach sagen, was du willst, dann kriegst du es auch.“

Dafür muss sie auch mal einstecken können

Die jungen Frauen gehen auf fröhliche Krawalltour durch Berlin. Sie klauen Handys, schlagen Autoscheiben ein, provozieren die Leute und prügeln sich mit ihnen. In den Uniformen des Security-Unternehmens gekleidet, testen Tiger und Vanilla die Grenzen aus, wie weit sie mit ahnungslosen Passanten gehen können, nur weil sie als vermeintliche Autoritätspersonen wahrgenommen werden. Kleider machen eben Leute. Tiger erreicht ihr Ziel, durch die Aktionen Vanilla mehr Mut, Respektlosigkeit und Selbstbewusstsein zu geben. Doch während Tiger nach klar gesetzten Regeln rebelliert, brechen die aufgestauten Aggressionen hemmungslos aus Vanilla heraus. Bald ist ihre Lust an der Gewalt auch von Tiger nicht mehr zu bremsen …

Mumblecore aus Deutschland

Regisseur Laas ist ein Vertreter des „Berlin Flow“, dem „German Mumblecore“. Wie schon in seinem Drama „Love Steaks“, welches auf der Berlinale 2014 gezeigt wurde, arbeitete Laas also ohne festes Drehbuch, mit improvisierten Dialogen und teilweise mit Laiendarstellern. Diese Herangehensweise macht „Tiger Girl“ so realitätsnah und ungekünstelt. Wenn die Dialoge gestottert oder abgehackt vorgetragen werden, schiebt man dies der Unsicherheit oder dem Sprachstil der Figuren zu. Das Ganze erhält auf diese Weise einen halbdokumentarischen Stil, dem man sich schwer entziehen kann. Auch, weil weibliche Gewaltakte noch nicht so häufig im Kino zu sehen sind. Doch Laas geht es nicht um die Glorifizierung von Gewalt: Er will zeigen, wie sich Verhaltensweisen und Identitäten verändern, wenn Machtstrukturen umgedreht oder vorgetäuscht werden. Wie reagiert die Gesellschaft auf solche Situationen?

Als Security-Mitarbeiter verkleidet, nehmen die Freundinnen ahnungslose Passanten aus

Die enorme Leinwandpräsenz der 22-jährigen Ella Rumpf war schon im Horrorfilm „Raw“ zu beobachten. Im Gegensatz zu Rumpf ist Maria Dragus mit ihren 23 Jahren fast schon ein alter Hase im Filmgeschäft. Sie gewann bereits für ihre Leistung in Michael Hanekes „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ (2009) den Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle. Es war ihr erster Kinofilm; sie war gerade mal 14 Jahre alt. Auf der Berlinale 2014 wurde Dragus zu einem der „European Shooting Stars“ gewählt. Für „Bacalaureat“ (2016), in dem sie eine Schülerin spielt, die kurz vor dem Abitur durch einen Überfall aus der Bahn geworfen wird, gewann Regisseur Cristian Mungiu den Preis als bester Regisseur bei den Filmfestspielen in Cannes. Beide Darstellerinnen sind multilingual aufgewachsen, wodurch sie im europäischen Kino hoffentlich noch umso mehr Chancen erhalten werden, für Furore zu sorgen. So, wie in „Tiger Girl“.

Tiger (r.) und Vanilla in voller Kampfmontur

Veröffentlichung: 5. Oktober 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Tiger Girl
D 2017
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Eva-Maria Reimer u.a.
Besetzung: Ella Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs, Orce Feldschau, Benjamin Lutzke, Franz Rogowski
Zusatzmaterial: Making-of Stunts, Interviews, Trailer, Hörfilmfassung, Wendecover
Vertrieb: Highlight

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Constantin Film

 

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Gewinnspiel: Moonlight – 1 x Blu-ray, 1 x DVD

Verlosung

Nach turbulenter Schlussphase bei der diesjährigen Verleihung der Academy Awards haben die Produzenten von „Moonlight“ tatsächlich doch noch den Oscar für den besten Film nach Hause tragen dürfen – als erster Film mit einem rein schwarzen Darsteller-Ensemble und erster Film mit queerer Thematik. Wir haben von dem in drei Akte aufgeteilten Drama eine Blu-ray und eine DVD zum Verlosen erhalten. Dafür herzlichen Dank an den Publisher DCM und die zuständige Agentur im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahme – nichts leichter als das

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Andreas’ Rezension des Films und beantwortet dort bis Sonntag, 8. Oktober 2017, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Habt Ihr keine Idee für eine Antwort, so schreibt das einfach hin. Erwähnt bitte auch, wenn Ihr keinen Blu-ray-Player habt, dann kommt Ihr nur für die DVD in Frage. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert, bislang sind noch alle Sendungen bei den Empfängern eingetroffen). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich fünf Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray bzw. DVD. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die DVD geht an ingavk, die Blu-ray geht an Wulf Brandt. Herzlichen Glückwunsch, Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Moonlight“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

 

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