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Killer McCoy – Von einem der lernte, der Größte zu werden

Killer McCoy

Von Ansgar Skulme

Sportdrama // Tommy McCoy (Mickey Rooney) kennt das tägliche Ringen ums liebe Geld nur zu gut. Sein Vater (James Dunn) ist Bühnenkomiker, hat aber mittlerweile keinen Erfolg mehr, er selbst schlägt sich mit kleinen Jobs und Wetten durch – mal mehr, mal weniger legal. Die verständnisvolle Mutter (Gloria Holden) hält die Familie zusammen, auch wenn Tommy mal wieder der Kragen platzt, weil der Vater sich seiner Ansicht nach nicht genügend bemüht, auch einmal etwas zu verdienen, wenn ihm die Arbeit unter seiner Würde erscheint. Durch ein zufälliges Treffen geraten McCoy und Sohn in das Rahmenprogramm bei Events des erfolgreichen Boxers Johnny Martin (Mickey Knox), der nicht nur von Tommys Gesangs- und Tanzeinlagen, sondern auch dessen Kämpferpotenzial im Ring beeindruckt ist. Und wenn ein Champion fällt, bieten sich schnell Chancen für erfolgshungrige Nachfolger. Nur eine Frage der Zeit, bis im Schatten des Erfolges der eine oder andere Spekulant ein großes Geschäft wittert. Jim Caighn (Brian Donlevy) und Cecil Walsh (Tom Tully) wetten für ihr Leben gern – und lassen von ihren Handlangern eintreiben, wovon sie denken, dass es ihnen zusteht.

„Killer McCoy“ war nicht nur ein Publikumserfolg, der an den Kinokassen ein deutliches Plus erwirtschaftete, sondern zeigt zudem einen ideal besetzten Mickey Rooney in der Hauptrolle, der allein schon dafür sorgt, dass dieser Film im Kontext der besten Boxerfilme aller Zeiten zumindest eine lobende Erwähnung finden sollte. Man kauft diesem hoch begabten Schauspieler, der singen, tanzen, dramatisch, tragisch sowie komisch überzeugen und – wie man hier sieht – auch als kämpferischer Sportler eine glaubwürdige Figur machen konnte, den Aufstieg vom Heißsporn aus normalbürgerlichen Verhältnissen zum immer reflektierter werdenden Star absolut ab. Er ist wie geschaffen für die Rolle. Vor allem wie Rooney seine enorme Bandbreite dann noch in einer sehr natürlich wirkenden, affektiven Spielweise verpackt, ist bemerkenswert und stellenweise recht visionär. Sein Schauspielstil ist zeitlos und mutet für das damalige Kino überaus modern an. Rooney war einer der eher wenigen, denen der Sprung vom Kinderstar ins Erwachsenenfach und schließlich auch in dramatische Rollen großer Tragweite glückte. Einer, der später aber auch einen guten weiteren Weg in charismatischen Nebenrollen für sich fand, ohne am Verlust der ersten Reihe zu verbittern, und bis ins hohe Alter vor der Kamera agil blieb. „Killer McCoy“ war ein Meilenstein in seiner Karriere – sein finaler Durchbruch, mit dem er letzte Zweifel begrub. Als früher Durchstarter in Hollywood musste man die Kritiker immer wieder eines Besseren belehren. Jede Rolle gleichzeitig auch ein stetiges Wehren gegen Gerüchte, vielleicht doch nur als Kinderstar, vielleicht doch nur als Teenie-Star oder vielleicht doch nur als amüsanter Spaßvogel vor der Kamera für Hauptrollen getaugt zu haben.

Was nach dem Höhepunkt kommt

Bezeichnenderweise bestreitet Killer McCoy seinen ersten Kampf im Film gegen einen von Douglas Croft verkörperten Konkurrenten. Croft war genau einer der diversen Jungstars des klassischen Hollywoods der 30er bis 50er, die jung berühmt wurden und auch jung starben – 1963 endete sein Leben durch eine akute Alkoholvergiftung im Alter von 37 Jahren. „Killer McCoy“ war Douglas Crofts letzter Film. Mickey Rooney aber blieb der tiefe Fall vieler ebenfalls frühzeitig in Hollywood erfolgreich gewesener Mitstreiter erspart.

Spannend ist, dass noch nicht einmal die Figur des Killer McCoy an einen Punkt im Film gelangt, wo ihr der Ruhm zu Kopf steigt und sie deswegen tief fällt. Sie geht insofern sehr glaubwürdig aus dem dahinterstehenden Schauspieler hervor. Im Sportlerdrama sind Twists, in denen der Held mit seinem Erfolg nicht mehr umzugehen versteht oder sich aus sonstigen Gründen gehen lässt und am Boden landet, um dann wieder aufzustehen oder auch nicht, durchaus üblich – der vorliegende Film umgeht dies aber in recht gewandter Art und Weise. Vielmehr ist es sogar so, dass McCoy eher derjenige ist, der anderen, die ihrerseits den Boden unter den Füßen verlieren, den Spiegel vorhält – angefangen bei seinem eigenen Vater. Mag er im Ring noch so wild nach vorn preschen, bleibt in jeder Szene das Gefühl vorherrschend, dass dieser Mensch immer ganz genau vor Augen hat, wo er hergekommen ist und wie schnell alles wieder vorbei sein kann.

Nobody is perfect

Diese Abkehr von gewissen Auf-und-Ab-Mustern des Sportlerfilms, was die Charakterentwicklung der Hauptfigur angeht, macht es einem dann auch ein Stück weit einfacher zu verzeihen, dass der Film in sonstiger Hinsicht durchaus die eine oder andere Schwachstelle offenbart. Manchmal wird die Story ein wenig zu oberflächlich erzählt. Ein gewisser Druck ist spürbar, das Bedienen bestimmter mutmaßlicher Vorlieben des Publikums erzwingen zu wollen. So krankt die zweite Hälfte der Erzählung etwas an einer zu starken Fokussierung auf die nun hinzukommende Liebesgeschichte sowie auf die Geschäftemacher im Hintergrund. Zudem wird versäumt, glaubwürdig zu erklären, warum McCoy sich von seinen eigenen Geldgebern als „Killer“ McCoy vermarkten lässt und sich nicht – so energisch, wie man ihn aus anderen Szenen kennt – dagegen wehrt, obwohl er den Todesfall, auf den sich dieser Spitzname bezieht, mehrfach im Film zutiefst bedauert. Auch werden einige durchaus wichtige Etappen im Zeitraffer abgespult, was die Fragen aufwirft, warum diese Hektik und warum ausgerechnet an Stellen, wenn es beispielsweise um McCoys Aufstieg und seine Erfolge im Ring sowie um die Entstehung des Spitznamens „Killer“ durch Gerichtsverhandlungen und die Presse geht. Alle Schwachstellen eint die Gemeinsamkeit, dass es sich um Passagen des Films handelt, für die man sich im Grunde genommen einfach nur mehr Mickey Rooney wünscht – womit die entstehenden Glaubwürdigkeitsprobleme wahrscheinlich überwiegend prompt gelöst gewesen wären. Ein wenig länger wäre der Film dann aber sicherlich auch geworden.

Herausforderung: Auf der Überholspur mithalten

Erwähnt werden muss ferner, dass Rooney nicht die einzige Ausnahmedarbietung im Schauspielerensemble abliefert. So sticht vor allem James Dunn in der tragischen Rolle des alkoholsüchtigen Vaters hervor, der sich verzweifelt gegen das Vergessenwerden zu wehren und immer wieder viel Schmerz wegzulächeln versucht – im Schatten seines großen Talents aus früheren Tagen. Dunn vollbringt mimisch eine Meisterleistung, die offensichtlich weit überdurchschnittliches Niveau hat. Auch Sam Levene ist als Boxtrainer glaubwürdig und authentisch besetzt. Diese Figuren, die besonders nah an Killer McCoy dran sind, mit zwei so guten Darbietungen gefüllt zu wissen, ist sehr wichtig für das Funktionieren des Films, angesichts der energiegeladenen und realitätsnah anmutenden Performance von Mickey Rooney, neben der man als Nebendarsteller verdammt schnell verblassen kann. Wenn man zudem Tom Tully aus seiner späteren Serienhauptrolle als Polizei-Ermittler in „The Lineup“ (1954–1960) kennt, macht seine verschmitzte Darbietung als risikofreudiger und gefühlskalter Wettpate in „Killer McCoy“ umso mehr Spaß – der später als hartgesottener TV-Polizist berühmt gewordene Tully hier also zunächst einmal auf der anderen Seite des Gesetzes. Dazu der zwar manchmal etwas minimalistisch spielende Brian Donlevy, dem es allerdings oft sehr gut gelang, die von ihm dargestellten Figuren recht wenig vorhersehbar wirken zu lassen. Er verkörperte Helden wie auch Schurken und auch öfter mal etwas zwischendrin; eine sich wandelnde Figur wie in „Killer McCoy“ war für ihn daher bestens geeignet. Brian Donlevy, der damals infolge seiner Hauptrollen in Fritz Langs „Auch Henker sterben“ (1943) und King Vidors „An American Romance“ (1944) durchaus noch zur ersten Liga gehörte, ist immer wieder ein schöner Gegenentwurf zu den nicht wenigen auf Helden- oder Schurkenrollen ab einem gewissen Punkt weitestgehend abonnierten Stars des klassischen Hollywood-Kinos. Ein Pokerface, dem man nie so ganz in die Karten schauen kann. Zudem ist er als ruhender Gegenpol zum rast- und ruhelos wirkenden Killer McCoy eine sehr interessante Wahl.

Killer im Wartestand

Bei „Killer McCoy“ handelt es sich um ein Remake von „Schnelle Fäuste“ (1938), in dem Robert Taylor unter der Regie von Richard Thorpe die Hauptrolle spielte. Beide Filme gibt es in den USA seit nunmehr knapp zehn Jahren auf DVD – „Schnelle Fäuste“ erschien in den Staaten fast auf den Tag genau ein Jahr nach „Killer McCoy“, im Rahmen derselben Kollektion. Beide zählen zum Corpus der von MGM produzierten Klassiker, die in die digitale Obhut der Warner Brothers übergingen und von diesen auf DVD veröffentlicht wurden. Die „Warner Archive Collection“ ist genau für solche Stücke Filmgeschichte gemacht – egal ob Warner-Eigenproduktion oder nicht. In Deutschland wurde „Killer McCoy“ offenbar erst 1990 für das Fernsehen erstmalig synchronisiert. Allzu häufig dürfte diese Fassung auch nicht ausgestrahlt worden sein – ein Schicksal, das leider etliche erst Jahrzehnte nach den Dreharbeiten für das TV neu oder erstmals deutsch synchronisierte Hollywood-Klassiker teilen, von denen viele zwar auch in den 2000er- und 2010er-Jahren noch öfters ausgestrahlt worden sind, diverse aber eben auch nicht. Insofern wäre eine Wiederentdeckung des auch mit seinen dynamisch inszenierten Kampfszenen immer wieder punktenden „Killer McCoy“ auf DVD für den deutschen Markt in mehrfacher Hinsicht wünschenswert – am besten gleich im Doppelpack mit „Schnelle Fäuste“.

Die vorliegende Synchronisation gehört zu den positiven Beispielen für deutsche Bearbeitungen über 40 Jahre älterer US-Filme. Neusynchronisationen sind atmosphärisch – vor allem bei sehr großen Abständen zur Entstehungszeit des Films – nicht immer stimmig genug, aber hier passt der Gesamteindruck. Übrigens eine Berliner Synchronfassung, wenngleich es von Hollywood-Klassikern der 30er und 40er auch viele Münchner sowie Hamburger Neusynchros gibt.

Veröffentlichung (USA): 21. Dezember 2009 als DVD

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Killer McCoy
USA 1947
Regie: Roy Rowland
Drehbuch: Frederick Hazlitt Brennan, nach einem Drehbuch von George Bruce, Thomas Lennon und George Oppenheimer
Besetzung: Mickey Rooney, Brian Donlevy, Ann Blyth, James Dunn, Tom Tully, Sam Levene, Mickey Knox, Walter Sande, Gloria Holden, Douglas Croft
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2009 MGM / Warner Bros.

 

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Bleeder – Nicolas Winding Refn kann auch anders

Bleeder

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Ein Sympath ist Leo (Kim Bodnia) nicht gerade. Vorzugsweise hängt er herum, schaut gern Filme mit seinen Kumpels Lenny (Mads Mikkelsen) und Kitjo (Zlatko Buric), die in einer Videothek arbeiten. Dennoch liebt Louise (Rikke Louise Andersson) den sich unwirsch gebenden Leo und ist glücklich, ein Kind von ihm zu erwarten. Der als Türsteher Jobbende sorgt sich allerdings mehr darum, was aus seinen paar Sachen wird – die nehmen in der Wohnung zwar wenig Platz weg, das hindert Louise aber nicht daran, laut darüber nachzudenken, sie wegzuräumen.

Leo hat sein Leben nicht im Griff

Der schüchterne Lenny hingegen ist zwar ein wandelndes Filmlexikon, weiß dafür aber nicht, wie er mit Frauen kommunizieren soll. Keine optimalen Voraussetzungen, mit der aparten Imbiss-Bedienung Lea (Liv Corfixen) ins Gespräch zu kommen, in die er sich insgeheim verguckt hat. Und dann ist da noch Louises so cholerischer wie rassistischer Bruder Louis (Levino Jensen), der nicht allzu viel von Leo hält. Als Leo eines Tages eine Sicherung durchbrennt und er seiner schwangeren Freundin eine runterhaut, kann Louis kaum an sich halten.

Die Freunde hängen gern ab

Für seinen zweiten Film versammelte der dänische Drehbuchautor und Regisseur Nicolas Winding Refn 1999 vor und hinter der Kamera dasselbe Team wie drei Jahre zuvor bei seinem Debüt „Pusher“, darunter Kameramann Morten Søborg, Komponist Peter Peter sowie Anne Østerud im Schneideraum. Das gilt auch für alle Hauptfiguren von „Bleeder“, lediglich Rikke Louise Andersson („Nachtwache“) stieß neu hinzu. Sie und Kim Bodnia verliebten sich am Set, heirateten 2013 und haben mittlerweile drei gemeinsame Kinder. Liv Corfixen wiederum ist seit 2007 mit Nicolas Winding Refn verheiratet, aus der Ehe gingen bislang zwei Kinder hervor.

Von wegen verkopftes Arthaus-Kino

Genug des Tratsches, zurück zu „Bleeder“. Wer mit Nicolas Winding Refn eher verkopftes, visuell betörendes, aber in puncto Storytelling rätselhaftes Arthaus-Kino à la „The Neon Demon“ (2016) und
Only God Forgives“ (2013) verbindet, wird sich bei diesem Frühwerk verwundert die Augen reiben. Dem Dänen gelingt ein gefühlvoller Blick auf seine Figuren, die er im Vergleich zu seinen späteren Filmen sehr lebensnah zeichnet. Wir leiden mit ihnen mit, einige verabscheuen wir womöglich, anderen wünschen wir nur das Beste – und ahnen, dass nicht allen ein gutes Los vergönnt ist. Teils Krimi, teils Sozialdrama, hat der Regisseur ein Gespür dafür, sein Ensemble zu einem Gesellschaftsporträt einiger Verlierer zusammenzufügen. Das ist fürwahr nicht immer angenehm anzuschauen, aber in jedem Moment beeindruckend. Es wäre den anderen Darstellerinnen und Darstellern gegenüber unfair, den sehr präsenten Kim Bodnia („The Good Cop“, 2004) und den stets gern gesehenen Mads Mikkelsen („Walhalla Rising“, 2009) hervorzuheben – auch die anderen tragen „Bleeder“ auf vorzügliche Weise mit.

Eigentlich ständig mies gelaunt: Louis

Die deutsche DVD von 2007 ist im Handel vergriffen, insofern erscheint die Veröffentlichung des Mediabooks mit Blu-ray und DVD gerechtfertigt. Tiberius Film ist damit einem Trend gefolgt und hat das Mediabook mit drei verschiedenen Covermotiven auf den Markt geworfen. Das kann man machen, für Filmkäufer, denen Mediabooks zu teuer sind, wären Blu-ray und DVD in Einzel-Editionen vielleicht eine gute Alternative gewesen. Zur Rezension lag mir lediglich die nackte Disc ohne Verpackung vor, sodass ich über die Aufmachung und Qualität des Mediabooks keine Angaben machen kann. „Bleeder“ ist jedenfalls nicht nur für Fans von Nicolas Winding Refn, Mads Mikkelsen oder Kim Bodnia interessant, sondern sei all jenen ans Herz gelegt, die eigenständigem europäischem Kino etwas abgewinnen können.

Eher schüchtern: Lenny

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Nicolas Winding Refn sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Mads Mikkelsen in der Rubrik Schauspieler.

Leo rastet aus

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 666 Exemplare), 21. Juni 2007 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bleeder
DK 1999
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn
Besetzung: Kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Rikke Louise Andersson, Liv Corfixen, Levino Jensen, Zlatko Buric, Claus Flygare, Ole Abildgaard, Gordana Radosavljevic, Marko Zecewic, Dusan Zecewic
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit den Hauptdarstellern und Regisseur Nicolas Winding Refn, Trailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Label/Vertrieb 2007: FilmConfect Home Entertainment GmbH (Rough Trade)

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Tiberius Film

 

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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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