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Berlin Alexanderplatz – Von einem, der gut sein wollte

Berlin Alexanderplatz

Kinostart: 16. Juli 2020

Von Philipp Ludwig

Drama // Der 1929 erschienene deutsche Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin (1878–1957) hat einen festen Platz in unserer zeithistorischen Literaturgeschichte inne. Durch seinen für die damaligen Verhältnisse bahnbrechenden Erzählstil sowie einer äußerst expressionistischen, modernen Sprache schuf der Autor und gelernte Psychiater mit seiner Figur des Franz Bieberkopf nicht nur ein Synonym für den vermeintlich stets zum Scheitern verurteilten Kampf des „kleinen Mannes“ gegen das „System“, sondern auch ein hoffnungskarges Porträt der Schattenseiten des Sündenpfuhls Berlin und einer zunehmend krisengeplagten Weimarer Republik. Regisseur Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark.“) nahm sich nun des klassischen Stoffes an und verpasste ihm ein neues, weitgehend frei interpretiertes filmisches Gewand. Doch kann er mit seinem ambitionierten 180-Minuten-Epos tatsächlich überzeugen?

Wird der aus seiner Heimat geflüchtete Francis in Berlin endlich sein persönliches Glück finden?

Qurbanis erste Amtshandlung besteht aus einer Verschiebung des historischen Handlungsrahmens. Statt im Sodom und Gomorrha des Berlins der 1920er-Jahre verlagert er seine Version der bekannten Erzählung und der prägenden Figuren aus dem Roman ins Berlin der Jetztzeit. Sein Franz Bieberkopf heißt daher zunächst schlicht Francis (Welket Bungué) und ist ein 30-jähriger Flüchtling aus Guinea-Bissau. Nach einer strapaziösen Flucht übers Mittelmeer, verbunden mit tragischen persönlichen Verlusten, landet er mitten in der lebendigen Stadt um den titelgebenden Alexanderplatz. Hier kommt er zunächst in einer trostlosen Flüchtlingsunterkunft in einem noch trostloseren Waldstück am Stadtrand unter und verdingt sich illegal auf diversen Baustellen. Dort erledigt er mit seinen afrikanischen Leidensgenossen die Arbeiten, die aufgrund ihrer Gefährlichkeit niemand sonst verrichten will – ohne Perspektive und ohne große Hoffnung. Sein Ziel bleibt dennoch unverändert: Hier, im Land seiner Träume, einen Neustart wagen, um seine nicht immer auf geradem und legalen Wege verlaufende Vergangenheit ein für allemal hinter sich lassen zu können. Endlich „gut“ werden also, wie Francis stets betont. Etwas aus sich machen.

Reinhold (r.) bietet nicht nur eine vermeintliche Perspektive, sondern auch seine fragwürdige Freundschaft

Zum persönlichen Unglück unseres Protagonisten taucht eines Tages der zwielichtige Reinhold (Albrecht Schuch, „Systemsprenger“) in der Flüchtlingsunterkunft auf. Der auf den ersten Blick unscheinbare, leicht verkrüppelte Mann mit leiser Fistelstimme verspricht den dort nahezu ausschließlich männlichen Flüchtlingen schnellen und bürokratisch unkomplizierten Reichtum – indem sie sich für ihn als Drogendealer in Berlins Parks verdingen. Francis kann zwar den von Reinhold wie Köder ausgeworfenen Geldscheinen zunächst widerstehen, nicht aber dessen auf den ersten Blick einnehmenden Charme. Francis (den Reinhold kurzerhand zeremoniell „eindeutscht“ und in Franz umtauft) zieht schnell bei seinem neuen Gönner ein, kocht sowohl für ihn als auch die anderen Drogendealer und glaubt, nun einen Start in sein erhofftes neues Leben gefunden zu haben. Doch die Probleme fangen für ihn nun erst richtig an, zieht ihn Reinhold doch immer weiter in einen Strudel aus organisierter Kriminalität und persönlicher Ausnutzung. Doch trotz aller persönlicher Enttäuschungen und Konflikte – Francis scheint wie magisch an Reinhold gebunden zu sein. Ob ihm die Clubbesitzerin Eva (Annabelle Mandeng) oder die schöne und geheimnisvolle Escortdame Mieze (Jella Haase) helfen können, doch noch auf den rechten Weg zu finden und sich von seinem ganz persönlichen Mephisto sowie den dunklen Verlockungen der Großstadt zu lösen?

Schon jetzt ein Meisterwerk?

183 Minuten lang dauert Qurbanis filmische Adaption von „Berlin Alexanderplatz“, den er erzähltechnisch als „Film in fünf Kapiteln“ strukturiert. Eine Verbindung zum Originalwerk erhält seine Verfilmung neben der Grundprämisse, bekannten Kernelementen und Figuren vor allem durch die Off-Erzählerin Mieze, die wiederholt mit ganzen Passagen aus dem Roman den Film begleitet. Die für gegenwärtige Kinoverhältnisse fast schon ausufernde Laufzeit ist aber natürlich dennoch zunächst eine Hausnummer und gerade für den publikumstechnisch oft gebeutelten deutschen Feuilleton-Kinofilm durchaus eine mutige Wahl. Nach der mittlerweile lange zurückliegenden Pressevorführung – der Kinostart wurde seit Ende März nun schon gleich mehrfach Corona-bedingt verschoben – war das einhellige Meinungsbild der zahlreich anwesenden Pressevertreter dann zunächst vor allem eines: „Puh, ganz schön lang!“ Doch sollte einen die Laufzeit auf keinen Fall abschrecken. Ganz im Gegenteil, war die Länge dann doch nahezu der einzige Grund für eine zaghaft öffentlich geäußerte Kritik. Ansonsten machte sich wohlverdiente Zufriedenheit breit für einen Film, den man in meinen Augen bereits jetzt als ein modernes Meisterwerk, wenn nicht gar einen neuen Meilenstein des deutschen Films bezeichnen muss. Die Zeit, die sich der Regisseur für seine Erzählung nimmt, zahlt sich hier also aus.

Doch kann der von Reinhold „eingedeutschte“ „Franz“ (l.) diesem trauen?

Gerade der handlungstechnische Kniff von Regisseur und Drehbuchautor Qurbani mit dem „Zeitsprung“ geht voll auf. Statt sich an dem zuletzt unter anderem von „Babylon Berlin“ oder internationaler anderer Qualitätsserien wie „Boardwalk Empire“ ausgelösten medialen Hype um die 1920er-Jahre-Ästhetik anzuschließen, verbindet er den klassischen Stoff lieber mit (weiterhin) brennenden zivilgesellschaftlichen Problemen unserer eigenen Gegenwart. Es gelingt ihm somit nicht nur ein hervorragend inszenierter und erzählter Film, sondern auch ein gelungener kritischer Beitrag zu allerlei Unmenschlichkeiten auf dieser Welt sowie insbesondere der tragischen Situation für Geflüchtete. Diese haben es nach beschwerlichen Wegen bis hierher, ans vermeintliches Ziel ihrer Träume geschafft, um dann in trostlosen Unterkünften vor sich hin zu vegetieren und mangels Perspektive skrupellosen Menschenfängern wie einem Reinhold in die Hände zu fallen.

Welket Bungué: Eine große Entdeckung

An niemanden wird dies in „Berlin Alexanderplatz“ deutlicher gemacht als an der tragischen Hauptfigur des Francis. Der stämmige und impulsive Mann versucht stets aufs Neue, seinen Weg des Gutwerdens immer wieder allen Widrigkeiten zum Trotz einzuschlagen. Und scheint dabei doch stets wieder enttäuscht zu werden. Als Glücksfall stellt sich für den Film die Wahl des Hauptdarstellers Welket Bungué dar. Der 32-Jährige aus Guinea-Bissau lebt schon seit einiger Zeit selbst in Berlin und ist in seiner afrikanischen Heimat durch zahlreiche Rollen ein äußerst bekannter Darsteller und auch selbst bereits ein Filmemacher. In „Berlin Alexanderplatz“ hat er nun nicht nur seinen ersten Auftritt in einer deutschsprachigen Rolle, sondern konnte sich damit direkt eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis 2020 erspielen.

Und diese Nominierung hat er sich redlich verdient, gelingt es ihm doch eindrucksvoll, das filmische Mammutwerk von der ersten bis zur letzten Minute durchgehend zu tragen. Er gibt dem vor Kraft strotzenden Francis nicht nur die nötige (und durchaus beeindruckende) Körperlichkeit, sondern vermag auch die vielfältigen und leidgeprägten Facetten dessen vielschichtigen Charakters ungemein intensiv auf die Leinwand zu übertragen. So verfolgt man die Geschichte seiner Figur stets mit einer gewissen Grundsympathie, obwohl seine oft ambivalenten Handlungen nicht immer nachvollziehbar oder gar begrüßenswert sind.

Die geheimnisvolle Mieze (r.) scheint Francis ans Herz zu wachsen

Auch für die Nebenrollen bewies Filmemacher Qurbani zusammen mit seinem Team ein goldenes Händchen. Allen voran sei hier auf Albrecht Schuch verwiesen, der irgendwie einfach immer besser wird und mich mit jedem Film (oder Serienauftritten wie in „Bad Banks“) ein Stück weit mehr überzeugt. Es ist als Filmliebhaber eine Freude, wie er den ans soziopathische Verhalten grenzenden Bösewicht Reinhold immer wieder aufs Neue interpretiert, ihm somit stets neue Facetten verleiht und hierbei alle Bandbreiten des Schauspiels genüsslich auslebt. Ebenso ist Jella Haase hervorzuheben, die als die zentrale Figur der Mieze mal wieder beweist, dass sie weitaus mehr kann, als eine dummbräsige Göre in den meiner Meinung nach unsäglichen „Fack Ju Göthe“-Filmen zu geben. Und als sei das alles nicht schon genug, darf dann hin und wieder auch noch ein Altmeister wie Joachim Król den in die Jahre gekommenen Unterweltboss Plum – und ebenfalls zweifelhaften Gönner von Reinhold sowie später auch Francis – mit Leben füllen.

Sollte man gesehen haben

Auch wenn die eine oder andere Filmminute am Ende dann vielleicht doch hätte eingespart werden können, ohne der Handlung groß zu schaden – dem Gesamtkunstwerk „Berlin Alexanderplatz“ tut dies gewiss keinen Abbruch. Regisseur Burhan Qurbani gelingt eine moderne und ästhetisch brillant in Szene gesetzte Neuinterpretation von Döblins Roman, die aufgrund ihrer dichten Atmosphäre und so abwechslungsreichen wie innovativen Erzählweise von der ersten Minute an eine wahre Sogwirkung auf mich entwickelte. Die im Vorfeld eventuell lang anmutende Laufzeit verging somit wie im Flug durch die sozialkritisch gefärbte und herzzerreißende Charakterstudie, die spannende Gangstergeschichte sowie die spürbar lebhaften Figuren samt ihrer beeindrucken Darstellerinnen und Darsteller. Trotz aller filmtechnischen Vorzüge bleibt „Berlin Alexanderplatz“ thematisch jedoch – gemäß seiner literarischen Vorlage – eine nahezu durchgehend düster gefärbte, schwere Kost. Unser Held der Geschichte muss einiges an Tiefschlägen verkraften. Den nun endlich anstehenden Kinostart der mutigen Milieustudie von Qurbani sollte man aber trotz des herrschenden pessimistischen Grundtenors dennoch dringend wahrnehmen – oder, wenn einem ein Kinobesuch in Zeiten einer weiterhin laufenden Pandemie verständlicherweise noch etwas suspekt erscheint, zumindest so bald wie möglich in irgendeiner Form anschauen. Es lohnt sich!

Kann die Liebe den gebeutelten Glücksritter retten?

Länge: 183 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Berlin Alexanderplatz
D/NL/F/KAN 2020
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani & Martin Behnke, nach Vorlage des Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin
Besetzung: Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase, Annabelle Mandeng, Joachim Król, Niel Verkooijen, Richard Fouofié Djimeli, Thelma Buabeng, Faris Saleh, Michael Davies, Lena Schmidtke
Verleih: Entertainment One

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Entertainment One. All rights reserved.

 

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9 Tage wach – Einer von zehn

9 Tage wach

Von Philipp Ludwig

Drama // „Nur einer von zehn schafft es!“ versichert der Therapeut seinem Patienten. Adressat dieser Prognose ist der 24-jährige Eric Stehfest (Jannik Schümann, „Jugend ohne Gott“), der sich als Crystal-Meth-Abhängiger nach einem besonders heftigen, neuntägigen Dauertrip erneut in eine Entzugsklinik begeben hat. Allzu oft hat Eric sich und seine engsten Angehörigen aufgrund seines Drogenkonsums bereits enttäuscht. Wird er diesmal im Kampf gegen die Sucht erfolgreich sein?

Eric Stehfest, 24: seit zehn Jahren abhängig von Crystal Meth

Doch von vorn: Eric nimmt Crystal Meth erstmals im Alter von 14 Jahren. Seitdem kann er sich kaum etwas Besseres vorstellen, als sich mit seinem besten Freund Max zuzudröhnen und das Leben als schier endlose Party zu bestreiten. Die beiden Jungs, die in der trostlosen Peripherie von Dresden aufwachsen, schrecken dabei auch nicht vor Diebstahl und sogar gelegentlicher Körperverletzung zurück. Der mehrfach vorbestrafte Eric hat es zwar immer mal wieder versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen – am Ende ist er aber stets aufs Neue gescheitert. Nur seine Mutter Liane (Heike Makatsch, „Ich war noch niemals in New York“) hält trotz allem mit schier bedingungsloser Liebe zu ihrem Sohn. Auch, sobald ihr neuer Ehemann Tilo (Benno Fürmann, „Babylon Berlin“) beginnt, seinem Stiefsohn zunehmend mit Härte und Abweisung zu begegnen.

Stiefvater Tilo hat genug von Lianes Nachsicht für ihren Sohn

Der darstellerisch begabte Eric schafft es trotz allem, einen Platz an einer begehrten Schauspielschule in Berlin zu ergattern. Gemeinsam mit seiner Jugendliebe Anja (Peri Baumeister, „Skylines“) zieht er in ein neues, zunächst cleanes Kapitel seines Lebens in der aufregenden Großstadt und findet sogar neue Freunde unter seinen Mitschülern. Sein Schauspiellehrer Olaf Hilliger (Martin Brambach, „Kursk“) erkennt ein enormes Potenzial in Eric und nimmt den schwierigen Charakter, auch aufgrund seiner eigenen Drogenvergangenheit, zunächst unter seine Fittiche. Es scheint endlich alles gut zu laufen für den gebeutelten (Ex)-Junkie – doch wird er unter dem enormen Druck der Anforderungen in der Schauspielschule sowie dem stetigen Stress mit der streitbaren Anja den Versuchungen des Crystals weiterhin standhalten?

Eine wahre Geschichte

Beim Vorbild für den Protagonisten Eric Stehfest handelt es sich um einen realen Menschen. Dieser war selbst seit seinen Jugendjahren von der Teufelsdroge Crystal Meth abhängig, konnte sich aber sowohl gegen seine Sucht als auch als Schauspieler behaupten und erlangte durch diverse Rollen in der eher seicht angelegten deutschen Fernsehlandschaft eine gewisse Bekanntheit, darunter bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. In seiner 2017 erschienen Biografie „9 Tage wach“ schildert er auf ungewöhnliche, aber von der Kritik gewürdigte Weise seine Erfahrungen aus dem Leben eines geheilten Junkies. Der verheiratete und frisch gebackene Familienvater hat sich aber nicht nur privat gefangen, sondern mittlerweile aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurückgezogen.

Jugendliebe Anja wird Eric nach Berlin begleiten – ob das gutgeht?

Der 42-jährige Amerikaner Damian John Harper ist als Regisseur hierzulande ein noch relativ unbeschriebenes Blatt. Der studierte Anthropologe und Ethnologe kam erst spät zum Film und erlangte erstmals 2014 Aufmerksamkeit, als er mit seinem Werk „Los Ángeles“ einen internationalen Berlinale-Talentwettbewerb für sich entschied. In Deutschland erlangte er 2018 weitere Bekanntheit durch den englischsprachigen Film „In the Middle of the River“, produziert im Rahmen des ZDF-Fernsehspiels. Ihm zur Seite steht nun der ebenfalls aus den USA stammende Drehbuchautor Michael Stephenson, der immerhin von sich behaupten kann, Anfang der 1990er-Jahre als Schauspieler kurz einmal an der Seite von David Hasselhoff agiert zu haben. Gemeinsam versuchen sie, die mitunter wirr und chronologisch unzusammenhängend verfasste Biografie des nicht wirklich uneingeschränkt sympathisch wirkenden „echten“ Stehfests in ein ansprechendes filmisches Korsett zu verpacken. Keine leichte Aufgabe.

Erstklassige Besetzung für einen mittelprächtigen Film

Der für die Produktion verantwortliche Fernsehsender ProSieben hat keine Kosten und Mühen gescheut und den importierten Filmemachern ein beeindruckendes Schauspielensemble zur Verfügung gestellt. Allen voran sei hier natürlich auf den Hauptdarsteller Jannik Schümann verwiesen. Der 1992 in Hamburg geborene Schauspieler beweist auch in „9 Tage wach“ erneut sein darstellerisches Potenzial, indem er die zahlreichen emotionalen Facetten des Junkies Stehfest packend und zudem glaubwürdig rüberbringt. Mit bekannten deutschen Schauspielgrößen wie Heike Makatsch und Benno Fürmann sind darüber hinaus auch die Nebenrollen ansprechend besetzt, auch wenn diese leider aufgrund ihrer kurzen Auftritte mitunter ein wenig verschenkt wirken. Während Makatsch die Zerrissenheit ihrer Figur Liane zwischen ungetrübter Mutterliebe und Treue zu ihrem Sohn und zunehmender Verzweiflung mitunter herzzerreißend verkörpert, beschränkt sich Fürmanns Rolle recht einsilbig auf den stets grummeligen und außerordentlich strengen Stiefvater. Besondere Erwähnung hat Martin Brambach verdient, der den exzentrischen und vom Leben gezeichneten Schauspiellehrer Hilliger mit einer Menge Leben füllt.

Kein Sympathieträger zu finden

An mangelndem Talent der Darstellerinnen und Darsteller liegt es also nicht, dass einen die Verfilmung von „9 Tage wach“ nicht so wirklich emotional zu packen vermag. Es liegt in erster Linie vielmehr an den von ihnen dargestellten Figuren. Denn einen wirklichen Sympathieträger sucht man leider vergebens, höchstens Erics Mutter Liane könnte in diese Rolle schlüpfen. Insbesondere die Hauptfigur des Eric Stehfest bleibt ein wirklich außerordentlich unsympathischer Zeitgenosse. Überheblich, selbstverliebt sowie stets die Schuld bei anderen suchend, stolpert er durch sein Leben und verursacht stets Leid ausgerechnet bei denen, die ihm eigentlich noch treu zur Seite stehen. Einsicht? Meist Fehlanzeige. Klar, der ausgiebige Drogenkonsum hat hier natürlich einen erheblichen Anteil – aber auch in den cleanen Phasen vermag es die Figur Eric mit ihrer latenten Arroganz nicht, einen als Zuschauer empathisch zu erreichen. Ähnliches gilt für seine Freundin Anja. Diese wird von Peri Baumeister zwar auch ansprechend dargestellt, dient aber erst recht nicht als Sympathieträgerin. Zum einen ist auch sie von einer durch und durch egozentrischen Lebenseinstellung geprägt, zum anderen schiebt sie selbst ebenfalls gern die Verantwortung für eigene Fehler auf andere Personen ab, wodurch gerade Eric immer wieder zu leiden hat – zumindest in seiner Darstellung der Ereignisse, auf denen der Film schließlich beruht.

Schauspiellehrer Hilliger (l.) erahnt großes Potenzial in seinem schwierigen Schüler

Nicht nur aufgrund der Konzentration auf eine wenig gemütliche, chemikalische Aufputschdroge wie Crytal Meth bleibt Harpers und Stephensons Werk somit erstaunlich kühl und steril. Es gelingt ihnen leider auch nicht, die sperrige literarische Vorlage wirklich mal überraschend oder innovativ zu inszenieren. Handwerklich zwar top gemacht, verliert sich ihre Erzählung somit im typischen Plot eines Junkie-Films und der klassischen Heldenreise. So ist der zentrale Protagonist Eric zu Beginn natürlich noch rücksichtslos gegenüber seiner Umwelt und vor allem vom Leben überfordert. So zieht er schließlich in die weite Welt hinaus, muss aber nach ersten kleinen Erfolgen selbstverständlich nochmals umso härter scheitern, bevor die endgültige Erleuchtung kommt und sich am Ende alles zum Guten wendet. So ist nicht nur Kennern von Stehfests realer Biografie der Verlauf der Handlung von „9 Tage wach“ stets klar – die amerikanischen Filmemacher liefern Genrekennern zudem keine wirklich neuen Eindrücke, sodass der Handlungsverlauf stets vorhersehbar bleibt. Zu ihrer Verteidigung muss man an dieser Stelle natürlich anmerken, dass ihre erzählerischen Möglichkeiten durch die Treue zu den Vorgaben der realen Ereignisse eingeschränkt wurden. Ein wenig mehr erzählerische Kniffe wären dennoch drin gewesen. Auch sollte man sich nicht vom Titel fehlleiten lassen. Der neuntägige Drogentrip steht nämlich nicht im Mittelpunkt, wie unter anderem der unten verlinkte offizielle Trailer vermuten lässt, sondern nimmt nur einen erstaunlich kleinen Teil der Erzählung ein.

Verschenkte Möglichkeiten

Trotz der insgesamt spannenden Thematik, gepaart mit einem mitunter rasantem Erzähltempo, schnellen Schnitten und dem stets treibenden Elektro-Soundtrack bleibt „9 Tage wach“ unterm Strich erstaunlich ereignisarm. Das ambitionierte Werk mit beeindruckender Besetzung bleibt daher weit hinter den eigenen Möglichkeiten zurück und ist am Ende genau das, was der produzierende Privatsender zu versprechen mag: durchschnittlichste Fernsehkost, wenn auch im grellen Gewand. Es wirkt in Optik und Narration daher ein wenig wie das ZDF-Fernsehspiel auf (allerdings etwas lahmer) Droge, um diesen sich metaphorisch anbietenden billigen Vergleich an dieser Stelle einmal ziehen zu dürfen. Die eingangs beschriebene therapeutische Prognose „Einer von zehn wird es schaffen“ trifft somit auch auf die Verfilmung der Stehfest-Biografie zu. Denn nur wenige Filme schaffen es, sich aus der breiten Masse so hervorzuheben, dass sie einem auch nachträglich im Gedächtnis bleiben – dieses Werk gehört definitiv nicht dazu. Schade.

Wird Eric seine Dämonen besiegen können?

Veröffentlichung: 27. März 2020 als DVD (zudem auf Joyn abrufbar)

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsche, Englisch
Originaltitel: 9 Tage wach
D 2020
Regie: Damian John Harper
Drehbuch: Michael Stephenson, nach der Biografie „9 Tage wach“ von Eric Stehfest
Besetzung: Jannik Schümann, Peri Baumeister, Heike Makatsch, Benno Fürmann, Martin Brambach, Aaron Altaras, Matt Schmidt-Schaller, Gitta Schweighöfer, Jürgen Heinrich, Hanna Hilsdorf
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Szenenfotos & Packshot: © 2020 Leonine, Trailer: © 2020 ProSieben

 

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Oliver Twist – Ein Film, so monströs wie Gauner Fagin

Oliver Twist

Von Tonio Klein

Drama // Pidax Film hat sich der unverwüstlichen „Oliver Twist“-Verfilmung von David Lean angenommen und bringt nun erstmals in Deutschland auch die Langfassung heraus. Mit 111 Minuten übertrifft sie die 93 Minuten der deutsch synchronisierten Version beträchtlich. Und dank einer Untertitelung der damals herausgelassenen Szenen kann man sehr gut erkennen, was seinerzeit fehlte. Was der deutlich bessere Weg gegenüber einer Teil-Neusynchronisation ist. Wer nur einmal den irritierenden Stimmenwechsel bei Filmen wie „Ich will mein Leben leben“ (1942) erlitten hat, weiß, was ich meine. Ein bisschen Wasser sei aber in den immer noch kraftvoll-süffigen Wein geträufelt: „Bild und Ton neu abgetastet“ verschleiert, dass dies zum Teil bereits für die Veröffentlichung in der britischen „The David Lean Centenary Collection“ (2008) geschehen war. Auch wenn die Langfassung auf der vorliegenden DVD minimal kontrastreicher und farbkälter ist, liegt beiden Varianten die Restauration „by the BFA National Archive and Granada International funded by the David Lean Foundation“ zugrunde. Das Bild ist nahezu identisch – identisch gut. Der Ton bei den englischen Phasen der Langfassung ist indes, was es bei neueren DVDs und Blu-rays leider häufig gibt, in den stillen Momenten von einem heftigen Grundrauschen getrübt. Als Kind der 1970er-Jahre kenne ich das von Kassettenrecordern mit automatischer Aufnahmelautstärkenregelung und frage mich, wieso das heutzutage noch sein muss.

Nicht Clouseaus neueste Verkleidung, sondern Fagin

Wen der detaillierte Vergleich von Kurz- und Langfassung nicht interessiert und wer des Englischen mächtig ist, der braucht diese Doppel-DVD im Grunde nicht, sofern bereits die britische Box im Regal steht, denn auch die meisten Extras sind darin enthalten. Ausnahmen stellen eine Trailershow und ein Booklet dar, welches neben dem Nachdruck des damaligen Filmprogramms („Illustrierte Film-Bühne“) einen neuen Text von Frank Biede enthält. Dieser ist kurz, aber extrem löblich, geht er doch auf den Grund der damaligen Kürzungen ein und legt dar, dass auch die deutsche Version für sich einen Aussagewert hat und darum im Paket enthalten ist. Dass dabei aber die DVDs von Lang- und Kurzfassung beim Bedrucken vertauscht wurden, sollte wissen, wer eine der beiden Scheiben ausleiht oder verschenkt. Es sei Biede abgenommen, dass man sich mit Herzblut und Fingerspitzengefühl der Tonoptimierung gewidmet habe – leider konnte mich eben der Ton nicht überzeugen. Gut am Text ist ferner, dass dieser – übrigens ganz anders als der Pidax-Klappentext auf der Hinterseite – den Film nicht mit Superlativen überhäuft und nicht sogleich zu wissen meint, dass der damalige Vorwurf antisemitischer Codes auf unverstandener Ironie beruhe. Wie so oft ist der Fall komplizierter. Wie so manches an diesem Film, den ich verehren, aber nicht lieben kann.

Chiffren statt Menschen?

Die unverwüstliche Dickens-Geschichte um den Waisenjungen Oliver Twist (John Howard Davies), der im London des 19. Jahrhunderts in die Fänge von Ganoven gerät, sei als bekannt vorausgesetzt. Die Umsetzung hat große Momente, doch der Kunstwille ist diesmal nicht nur Leans Kapital, sondern auch sein Problem. Vieles wirkt arg überzeichnet, sodass jegliche Empathie für die Figuren verlorengeht. Besonders misslungen ist das Chargieren des jungen Alec Guinness als alter Gauner Fagin – zusammengenommen mit der Maske inklusive Rübennase wirkt er wie die Knusperhexe aus einem Märchenfilm – oder auch wie der Code des ausbeuterischen Juden. Nein, Trottel-Inspector Clouseau (Peter Sellers) aus den „Pink Panther“-Filmen war nicht bei seinem Verkleidungsschneider. So soll Fagin wirkich aussehen. Damit ist er Chiffre, von mir aus positiv gesehen Ironie und Karikatur, aber kein Mensch. Und Menschen berühren stärker als Abziehbilder, im positiven wie im negativen Sinn.

Essen fassen – darf’s ein wenig mehr sein?

Dabei lässt sich nicht einmal sagen, dass mit Lean die Gäule durchgegangen sind. Nein, genauso und nicht anders sollte der Film vermutlich sein, man erahnt einen künstlerischen Plan darin. Es gibt exzessiven Expressionismus, auffällig auffällige Kamerapositionen und Close-ups von Gegenständen, einzelnen Körperteilen, Tieren, sowie eine extrem unterschiedliche Fotografie der verschiedenen Schauplätze. Die Landschaft außerhalb Londons ist schauerromantisch. Das Waisenhaus ist ein absurder Gegensatz aus gotisch hohen Fenstern, in die das Licht des Herrn fällt – aber das Elend der Jungen straft diese Optik genauso Lügen wie die Schrifttafeln, die von der Güte und Liebe Gottes künden. Die Armenviertel Londons, in denen sich Fagins Bande herumtreibt, scheinen aus dem deutschen expressionistischen Stummfilm zu stammen, mit den verwinkelten Häusern und Gassen sowie abenteuerlichen Licht-Schatten-Spielen. In einer immer wiederkehrenden Aufnahme (Brücke, windschiefe Häuser und eine dazu nicht passende edle Kuppel im Hintergrund) wird die Gegend mit Linsen aufgenommen, die dem Raum jegliche Tiefe nehmen – als seien es komplett abgefilmte abstrakte Kulissen à la „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). Vielleicht waren sie es auch. Das Haus des feinen Herrn, der Oliver zu sich aufnimmt und sich als dessen Großvater entpuppen wird, zeigt stattdessen Weite statt Enge und eine strahlend helle Freundlichkeit.

Oliver lebt gefährlich

Obwohl Lean derart die Gegensätze von Orten und Milieus betont, dominiert insgesamt stärker als bei anderen Lean-Filmen ein an den Stummfilm erinnernder Expressionismus. Dazu passt, wie Lean die Personen inszeniert. Meisterhaft sind (obwohl die Tonspur hier nie unbedeutend ist) ein paar lange dialoglose Einstellungen, in denen Lean nur mit Blicken und Gesten arbeitet und die mit guter Musikbegleitung so auch in einem guten Stummfilm hätten vorkommen können: Gleich zu Beginn berührt die Darstellung des Martyriums von Oliver Twists Mutter kurz vor der Niederkunft – mit wie viel Sorgfalt inszeniert Lean das ausdrucksstarke Gesicht einer Frau, die nach ein paar Filmminuten tot sein wird und keine einzige Textzeile geschenkt bekommt! Wie spannend und faszinierend ist das demütigende dialoglose (und dadurch als schon automatisiert denunzierte) Ritual im Waisenhaus beim alltäglichen Leben, bei der Essensausgabe (eher Fraß als Essen), und wie gewagt ist es da schon, wenn sich die Kinder einen ausgucken, der als Mutprobe nach einer Extraportion fragen soll. Oliver trifft’s, und nach einer langen Sequenz, in der alles nur mit bohrenden Blicken der anderen und ängstlichen Blicken Olivers funktioniert, wirken die endlich gesprochenen Worte „Can I have some more?“ wie der Paukenschlag, der sie für die Heimleitung auch sind.

Expressionisten oder Knallchargen?

Doch fatalerweise entlehnt Lean nicht nur solche Meisterstücke dem Stummfilm, er übernimmt auch dessen Hang zum exzessiven Chargieren, jedenfalls bei einigen Personen. Die Underdogs um Fagin trifft es besonders hart. Von Alec Guinness war schon die Rede. Die junge Nancy (Kay Walsh), eigentlich ein herrlich ambivalenter Charakter, muss bei ihrer Rebellion dermaßen hysterisch schreien, und zwar permanent, dass ich das nicht als kritische Reflexion über ihren Gemütszustand goutieren konnte. Vielmehr hat mich diese Frau bestenfalls kaltgelassen, schlimmstenfalls aufgeregt. Gerade in der Endphase des Filmes nehmen solche darstellerischen Exzesse überhand. Und die Rolle des kleinen Oliver Twist gerät zu sehr in den Hintergrund; der Film- und Buchtitel ist da eigentlich nicht mehr gerechtfertigt. John Howard Davies liefert eine berührende und so gar nicht exzessive Darstellung in kindlicher Sanftheit und Zurückhaltung, die aber auch in Selbstbehauptungswillen umschlagen kann. Dieser Charakter wird gegen Ende vom Subjekt eher zum Objekt, zum Spielball im Widerstreit verschiedener Erwachsener, die zusehends das Geschehen dominieren. Schade!

Schwächen im Zentrum, Stärken am Rande

So ist „Oliver Twist“ ein Film mit hervorragenden Momenten, sehr kunstvoll, aber doch von einer Uneinheitlichkeit, die bloßlegt, wie viel Substanz der menschlichen Geschichte wie auch der psychologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge durch das Artifizielle verlorengeht. Der Film lebt eher von wirklich guten Szenen am Rande. Wenn etwa Sikes (Robert Newton) blindwütig Nancy totgeschlagen hat und mit stummem Zittern (darin noch in Parallele zu seinem ansonsten aggressiven Hund gesetzt) argwöhnt, Opfer einer Intrige geworden zu sein, ist das ein großer Kinomoment. Dieser funktioniert zwar ebenfalls mit Stummfilm-Ausdrucksmitteln einschließlich einer Fantasiesequenz, aber endlich einmal ohne wildes Gestikulieren, Fabulieren und Schreien. Und selbst die karikaturhafte Darstellung und Schauspielweise führt zu großen Momenten – nämlich immer dann, wenn der Film satirisch wird. So gelingt ihm bei dem Ehepaar Sowerberry, das das Waisenhaus leitet, eine großartige Darstellung, die den Mann als solchen gehörig lächerlich macht: Das Gesetz sei ein „bachelor“, ein Junggeselle, wenn es davon ausgehe, der Ehemann sei für die Taten seiner Gattin mitverantwortlich – so meint Mr. Sowerberry, der unter dieser Bestimmung am Schluss zu leiden haben wird. Tatsächlich ist er ein jämmerlicher Pantoffelheld, der höchstens kleine Kinder verhauen kann, aber von der Gattin selbst was auf die Mütze bekommt. Hier finden wir fast eine böse Variante der herrlichen Männlichkeitsdekonstruktion, die Lean so meisterhaft in der Komödie „Herr im Haus bin ich“ (1954) gelang. Hier funktioniert das Überzeichnete wunderbar. Doch wenn der Film nicht Satire ist, sondern bitterernst (und das ist er meines Erachtens meistens), wirkt manches, wenn auch nicht alles, irritierend. Unterm Strich aber ein sehenswerter Klassiker, der in keiner guten Sammlung fehlen sollte.

Great Expectations

Veröffentlichung: 24. April 2020 als Blu-ray und Doppel-DVD, 16. November 2012 und 10. Dezember 2003 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray, Langfassung), 97 Min. (Blu-ray, deutsche Kinofassung), 111 Min. (DVD, Langfassung), 93 Min. (DVD, deutsche Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Oliver Twist
GB 1948
Regie: David Lean
Drehbuch: David Lean, Stanley Hayne
Besetzung: John Howard Davies, Alec Guinness, Robert Newton, Kay Walsh, Francis L. Sullivan, Herny Stephenson, Mary Clarke
Zusatzmaterial: Trailershow, Doku „A Profile of Oliver Twist“, Aufruf von „Pip“ (Casting-Appell), Original Kinotrailer, Booklet, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2012: Edel Germany GmbH
Label/Vertrieb 2003: Koch Media

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2020 Pidax Film

 

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