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Horror für Halloween (XI): The Walking Dead – Nicht Rick und Carl, sondern Boris Karloff

The Walking Dead

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Die Drohungen aus den Kreisen des organisierten Verbrechens haben ihn nicht beeindruckt: Der unbeugsame Richter Roger Shaw (Joe King) schickt den Mobster Stephen Martin (Kenneth Harlan) für zehn Jahre in den Knast. Das überrascht sogar dessen Anwalt Nolan (Ricardo Cortez), der sich kurz zuvor noch siegessicher gegeben hatte. Nun muss Shaw sterben! Um der Öffentlichkeit einen Mörder präsentieren zu können, hecken die Gangster um Nolan einen perfiden Plan aus. John Ellman (Boris Karloff) war vor zehn Jahren von Richter Shaw zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Dem frisch aus dem Knast entlassenen Pianisten wird die Leiche des Juristen untergeschoben und die Bluttat angehängt. Als blanker Hohn wirkt die Tatsache, dass der verbrecherische Anwalt Nolan persönlich Ellmans Verteidigung übernimmt. Folge: das Todesurteil.

Entlastungszeugen kommen zu spät

Die jungen Eheleute Nancy (Marguerite Churchill) und Jimmy (Warren Hull) hatten beobachtet, wie der Tote in Ellmans Auto platziert wurde, sich aber von den Gangstern einschüchtern lassen. Schließlich siegt ihr Ehrgefühl, doch zu spät, um die Exekution zu verhindern. Die Leiche des Unglücklichen wird ins Labor von Dr. Evan Beaumont (Edmund Gwenn) geschafft, für den Nancy und Jimmy arbeiten. Dem Wissenschaftler gelingt mit einer experimentellen Technik das Unvorstellbare: Ellman ins Leben zurückzuholen.

Erst Krimi, dann Science-Fiction, später Horror

Die Mischung aus Kriminalstory, Science-Fiction und Horror war seinerzeit durchaus gängig. Der ebenfalls mit Karloff besetzte „Schwarzer Freitag“ (1940) sei beispielhaft genannt. So wandelt sich im Verlauf der Handlung die Plot-Charakteristik: Als Gangster- und Justizdrama startend, wechselt „The Walking Dead“ im zweiten Drittel zur Science-Fiction, um erst spät zum Horror zu gelangen. Zwar ist Ellman zu keinem Zeitpunkt bewusst, Opfer einer Verschwörung zu sein, dennoch spürt er als Wiedergänger die Schuld derjenigen, die ihn zu Tode brachten. Dies zeigt sich eindrucksvoll in einer Szene, in der der auferstandene Hingerichtete vor einem privat geladenen Publikum Klavier spielt und die Gangster mit starrem Blick fixiert.

Vom Regisseur von „Casablanca“

Ab diesem Moment – etwa 40 Minuten des Films sind vergangen – setzen Regisseur Michael Curtiz („Casablanca“, 1942) und sein Kameramann Hal Mohr („Phantom der Oper“, 1943) vermehrt auf Horrorelemente, vornehmlich mit Perspektiven, Schatten und Karloffs markanter Mimik und Statur. Dabei geht es Ellman gar nicht um Vergeltung, er sucht die Verantwortlichen auf, um herauszufinden, weshalb sie taten, was sie taten: „Why did you have me killed?“ Dass dabei einige Unfalltode zu beklagen sind, ist ein nicht immer elegant konstruierter Nebeneffekt. Schauspielerisch lebt das stark von Karloffs bewegender Darstellung des unglückseligen Ellman. Als skrupelloser Gangster-Advokat bildet Ricardo Cortez („Der Malteser Falke“, 1931) einen starken Gegenpart, gegen diese beiden fallen die übrigen Figuren etwas ab. Ein paar Anleihen beim fünf Jahre zuvor entstandenen Universal-Horrorfilm „Frankenstein“ nahm sich der Regisseur. Als Teil eines für drei Filme geltenden Kontrakts von Boris Karloff mit Warner Bros. markiert „The Walking Dead“ den einzigen Auftritt von Boris Karloff in einer tragenden Rolle eines Films von Michael Curtiz. In dessen Pre-Code-Horrordrama „The Mad Genius“ (1931) trat Karloff lediglich in einer kleinen Nebenrolle in Erscheinung.

Legaler Gratis-Download im Internet-Archiv

Hierzulande ist „The Walking Dead“ im Mai dieses Jahres unter dem Titel „Die Rache des Toten“ in limitierter Auflage von 2.000 Exemplaren auf DVD erschienen. Die Internet Movie Database listet mit „Der wandelnde Leichnam“ einen weiteren deutschen Titel sowie eine westdeutsche Fernsehpremiere am 1. Mai 1979. Ich empfehle die US-Doppel-DVD „Karloff & Lugosi – Horror Classics“ von 2009 mit vier Filmen, die offenbar kürzlich in Neuauflage erschienen ist. Der Film gehört mittlerweile in den Bereich der Public Domain und kann daher gratis und völlig legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. Es lohnt sich.

Veröffentlichung (D): 10. Mai 2018 als DVD
Veröffentlichung (USA): 11. September 2018 und 6. Oktober 2009 als Teil der Doppel-DVD „Karloff & Lugosi – Horror Classics“ (mit „Frankenstein 1970“, „You’ll Find Out“ und „Zombies on Broadway“)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Boris Karloff in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: The Walking Dead
Deutsche TV-Titel: Der wandelnde Leichnam / Die Rache des Toten
USA 1936
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Ewart Adamson, Peter Milne, Robert Hardy Andrews, Lillie Hayward
Besetzung: Boris Karloff, Ricardo Cortez, Edmund Gwenn, Marguerite Churchill, Warren Hull, Barton MacLane, Henry O’Neill, Joe King, Addison Richards, Joe Sawyer, Kenneth Harlan
Zusatzmaterial: 2 Retro-Kunstpostkarten
Label/Vertrieb: SchröderMedia HandelsgmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

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Werk ohne Autor – Von der Suche nach der Weltenformel

Werk ohne Autor

Von Philipp Ludwig

Drama // Die Entdeckung der Weltenformel ist der Moment, in dem einem endlich alles klar wird, man „alles“ sieht und es auch tatsächlich verstehen kann. So erklärt es zumindest die junge Elisabeth May (großartig: Saskia Rosendahl, „Lore“) ihrem fünfjährigen Neffen Kurt Barnert (Cai Cohrs) – die beiden pflegen eine herzlich innige Beziehung zueinander. Was dieses „alles“ allerdings sein soll, verrät sie ihm nun aber auch wieder nicht. „Sieh niemals weg“, gibt sie ihm ebenfalls mit auf den Weg, damit er hoffentlich selbst eines Tages seine ganz persönliche Weltenformel findet. Die beiden feinfühligen Freigeister und künstlerisch Begabten leben in ihrem Heimatdorf nahe Dresden in einer Zeit, in der für Menschen wie sie wenig Platz in der Gesellschaft vorgesehen ist: der im ideologischen Rassenwahn der Nationalsozialisten alles beherrschenden Idee von der „Volksgemeinschaft“ im „Dritten Reich“. Die Aufforderung „Sieh niemals weg“ erscheint umso zynischer, haben doch allzu viele der damaligen Zeitgenossen weggesehen, und auch heute würden viel zu viele Unverbesserliche gern die Augen vor dem damaligen Unrecht verschließen. Doch zumindest Kurt wird die Möglichkeit erhalten, diese dunklen Jahre hinter sich zu lassen und den Wunsch seiner Tante zu verwirklichen. Es folgt seine ganz persönliche und langwierige Suche nach besagter Weltenformel. Dem Sinn hinter allem. Der Wahrheit. Als Mensch. Als Ehemann. Als Künstler.

Elisabeth zeigt ihrem Neffen Kurt die Welt der Kunst

Elf Jahre ist es nun her, das Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Erstlingswerk „Das Leben der Anderen“ direkt einen Oscar gewinnen konnte. Ausgezeichnet als „Bester fremdsprachiger Film“, konnte er mit seinem berührenden DDR-Drama neben der Academy damals vor allem auch Kritiker und Publikum gleichermaßen beeindrucken. Mit „Werk ohne Autor“ kommt nun erst sein dritter Spielfilm in die deutschen Kinos – über den weniger beeindruckenden „The Tourist“ (2010), der trotz internationaler Starbesetzung um Angelina Jolie und Johnny Depp floppte, legen wir lieber den Mantel des Schweigens. Mehr als vier Jahre hat der hünenhafte Filmemacher an seinem monumentalen Epos deutscher Zeitgeschichte – vom „Dritten Reich“ über die junge DDR bis hinein in die wilden Sechziger der BRD – gearbeitet, der passend zum Tag der Deutschen Einheit in die Kinos kommt. Bereits vor Kinostart wurde bekannt, dass „Werk ohne Autor“ erneut als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen gehen wird. Gelingt es ihm, an sein beeindruckendes Debüt anzuknüpfen und vielleicht sogar erneut Hoffnungen auf einen Goldjungen zu hegen?

Ein Epos deutscher Zeitgeschichte

„Werk ohne Autor“ ist ein wahres Mammutwerk. Stolze 188 Minuten beträgt die Laufzeit der Handlung, in der in drei Episoden über 30 Jahre deutscher Zeitgeschichte behandelt werden. Immer mit dabei: Kurt Barnert (Tom Schilling, „Oh Boy“). Das Geschehen nimmt 1937 seinen Anfang, im nationalsozialistischen Deutschland. Der fünfjährige Kurt besucht mit seiner jungen Tante Elisabeth in Dresden eine Ausstellung über „entartete Kunst“. Dort versucht ihnen Ausstellungsführer Heiner Kerstens (toller Gastauftritt für Lars Eidinger, „Babylon Berlin“), ausführlich die angeblichen Abgründe der Kunstwelt zu vermitteln – oder das, was die Machthaber als solche verstehen. Doch Elisabeth und Kurt scheinen ganz anderer Meinung darüber zu sein, was wirklich Kunst ist. Gerade für den jungen Kurt, dessen künstlerische Hochbegabung bereits durchschimmert, stellt dieser Besuch ein prägendes Erlebnis dar, das sein restliches Leben für immer bestimmen wird.

Im „Dritten Reich“ hat man derweil ganz eigene Vorstellungen von künstlerischer „Wertigkeit“

Im Mittelpunkt der Handlung steht zunächst seine Tante Elisabeth. Als blonde und bildhübsche junge Frau ist sie das menschliche Vorzeigeobjekt im örtlichen „Bund Deutscher Mädel“. Und somit für die große Ehre auserkoren, beim kommenden Besuch des „Führers“ in Dresden diesem einen Blumenstrauß zu überreichen. Die Folgen dieser scheinbaren Ehre muss Klaus mit eigenen Augen ansehen – Elisabeth kommt mit dieser ihr aufgezwungenen Rolle nicht zurecht. Beobachtet er daher doch einen wirklich ans Herz gehenden psychischen Nervenzusammenbruch seiner innig geliebten Tante. Von der Familie mit der Hoffnung auf Besserung an einen Psychiater zur Behandlung übergeben, gerät diese fortan in die Mühlen des bestialischen Euthanasie-Programmes. Dort kommt sie mit dem örtlichen Anstaltsleiter Professor Carl Seeband (Sebastian Koch, „Das Leben der Anderen“) in Kontakt. Der hat als glühender Rassenideologe und Mitglied der SS keinerlei Hemmungen, per Bleistiftstrich über Leben und Tod zu entscheiden. Für Menschen wie Elisabeth gibt es in den Augen der Nazis mit ihrem ideologischen Wahn vom „reinen Erbgut“ keinen Platz mehr auf der Welt.

Spruchbänder für die SED

Zeitsprung: Wir befinden uns in der noch jungen DDR der 1950er-Jahre. Kurt ist mittlerweile ein junger Mann, der glaubt, nun tatsächlich endlich die Weltenformel für sich entdeckt zu haben, das von Elisabeth prophezeite „alles“ zu verstehen. Soll sich dies zunächst als Trugschluss herausstellen, so sind vor allem seine Eltern besorgt. Erinnert sie doch sein für sie ziemlich wirr erscheinendes Gerede stark an seine Tante und deren tragisches Schicksal. Sein künstlerisches Talent vergeudet er derweil als Maler für politische Spruchbänder der SED, wie ihm sein Vorarbeiter (nächster feiner Gastauftritt: Ben Becker) wiederholt klarzumachen versucht. Schließlich lässt sich Kurt überreden und beginnt sein Kunststudium an der Hochschule in Dresden. Dies stellt sich für ihn als Glücksfall heraus, lernt er dort doch die schöne Modestudentin Ellie (Paula Beer, „Bad Banks“) kennen.

„Sieh niemals weg!“ Für den kleinen Kurt nicht immer einfach

Einziger Haken des jungen Glücks: Ellies Vater. Ist dieser doch kein Geringerer als Professor Seeband. Der ehemalige SS-Arzt konnte seine medizinischen Fertigkeiten in den Wirren nach Kriegsende nutzen, um sich bei den sowjetischen Siegern einzuschmeicheln. Nun gibt der ehemals (?) überzeugte Nationalsozialist halt den zumindest halbwegs überzeugten Sozialisten, konnte auf diese Weise sogar seinen alten Posten als Anstaltsleiter in Dresden zurückergaunern. Von dem in seinen Augen wenig ambitionierten Künstler Kurt als künftigen Schwiegersohn hält er selbstverständlich wenig, um es milde auszudrücken. Dieser wiederum ahnt nicht, welche Rolle sein Schwiegervater in spe etwa für das Schicksal seiner Tante Elisabeth gespielt hat. Wird er es jemals erfahren? Jedenfalls meistert Kurt mit Bravour sein Studium und wird zum führenden Maler imposanter und gefeierter Wandbilder, die in öffentlichen Gebäuden der Propaganda des Arbeiter-und-Bauern-Staates dienen sollen.

Modestudentin Ellie: Kurts große Liebe?

Trotz Hochzeit mit Ellie und jahrelanger, hochgeschätzter Arbeit als Wandmaler wird Klaus in der jungen DDR nie wirklich glücklich. Das Verhältnis zu seinem Schwiegervater bleibt schwierig und mit dem Nachwuchs will es auch nicht klappen. Eines Tages beendet er unvermittelt seine Tätigkeiten an den Bildern und betont gegenüber seinem verdutzten Kollegen, dies sei halt alles einfach nicht „wahr“ und daher für ihn fortan ohne Wert. Gemeinsam mit Ellie macht er „rüber“ und versucht in den 1960ern sein Glück fortan in der westdeutschen Bundesrepublik.

In Düsseldorf schummelt sich Kurt an die Kunsthochschule, dem Mekka für moderne Kunst. Im Zuge von sexueller und kultureller Revolution lassen dort die jungen Wilden sämtliche Hüllen fallen. Stilistische Grenzen? Existieren nicht. „Alles geht, nichts muss“ scheint das alles beherrschende Motto zu sein. Kurts exzentrischer Professor Antonius van Verten (Oliver Masucci, „Er ist wieder da“) hat nur zwei Bedingungen an seine Studenten: Anwesenheit bei seinen wilden, meist improvisierten Vorlesungen und bitte ja nie auf die Idee kommen, ihm jemals etwas von dem eigenen „Scheiß“ zu zeigen. Ansonsten lässt man Kurt in Ruhe, gilt Malerei doch sowieso als tot. Nach den strengen künstlerischen Vorgaben in der DDR versucht Klaus nun verzweifelt, mit Hilfe der neu gewonnenen Freiheiten endlich seine Identität als Künstler zu finden. Derweil müssen er und Ellie sich weiterhin mit seinem Schwiegervater herumschlagen, der zwischendurch ebenfalls in den Westen geflohen ist und auch dort wieder einen Posten als Anstaltsleiter ergattern konnte. „Manche Leute finden halt immer ihren Platz“, wie Kurt angewidert, aber auch ein Stück weit respektvoll anmerkt. Denn irgendwie will er es stets nicht nur sich selbst beweisen, auch seinem verhassten Schwiegervater will er endlich zeigen, dass er dessen Tochter „würdig“ ist.

Kritisch begutachtet Professor Seeband seinen künftigen Schwiegersohn

Wie man sieht: Es geschieht einiges. So droht „Werk ohne Autor“ trotz der stolzen Laufzeit nie wirklich langweilig zu werden. Ganz im Gegenteil, man fliegt dank der episodenhaften Inszenierung der ereignisreichen Geschichte förmlich durch die dreißig Jahre umspannende Handlung. Dies liegt aber nicht nur an der Fülle des Stoffes. Regisseur von Donnersmarck bringt ein wahrhaft beachtliches Gesamtkunstwerk auf die Leinwand. Sowohl sein Drehbuch als auch dessen Umsetzung haben es in sich, sodass ich am Ende geradezu traurig war, dass dieser hochinteressante und wirklich hervorragend gestaltete Film, vollgepackt mit einer ganzen Bandbreite an bedeutenden Themen, irgendwann einmal doch zu Ende gehen musste. Besonderes Kunststück ist meiner Meinung nach, wie der Regisseur es schafft, mit wenigen, dafür aber perfekt gewählten Bildern besonders wirksame Stimmungsbilder zu erzeugen: Eine Millisekunde Rückansicht vom „Führer“, der von einer von ihren Gefühlen übermannten Elisabeth einen Blumenstrauß überreicht bekommt, im Kreise der hysterisch „Heil“ kreischenden Mitglieder des BDM. Einer kurzen, aber in ihrer kühlen Präzision alles sagenden Besprechung von SS-Ärzten zum Euthanasie-Programm. Seebands Bleichstiftstrich, der über Leben und Tod entscheidet. Der Gang in die Gaskammer. Kurze, aber eindringliche Szenen zum Bomben-Inferno in Dresden und dem Schrecken an der Front – all dies reicht aus, um mit wenigen filmischen Bildern all unsere Bilder des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses zum dunkelsten Kapitel unserer Geschichte sofort in Erinnerung zu rufen. So entsteht eine perfekt gelungene filmische Umsetzung der bedrückenden Atmosphäre eines Lebens unter dem Nazi-Terror. Gleiches gilt dann glücklicherweise auch für die weiteren Epochen, die dank einer gehörigen Portion Zeitkolorit allesamt ihren eigenen Charme entwickeln. Auch wenn ich gerade die Einstiegsepisode als besonders gelungen empfand.

Von Künstlern und Fledermäusen

Besonderes Schmankerl der Hamburger Pressevorführung: Der Regisseur persönlich beglückte uns mit seiner Anwesenheit. In seiner kurzen Ansprache vor dem Film wirkte er sichtlich nervös, war die endgültige Fassung doch erst wenige Tage zuvor fertig abgemischt worden – wir waren somit das erste Publikum, das diese zu sehen bekam. Von Donnersmarck bemühte daraufhin das Gleichnis von der Fledermaus – sind Kunstschaffende doch in seinen Augen ein wenig wie eben diese erstaunlichen Tierchen, die zur Orientierung dauernd Signale aussenden, um auf deren Echo zu reagieren. Die Rückmeldungen in Hamburg dürften ihm gefallen haben. Gab es doch nach der letzten Einstellung sogar Applaus unter den versammelten Pressevertretern – mehr als ungewöhnlich für eine Pressevorführung.

Kurt und Ellie: unzertrennlich?

Jedenfalls liegt die Vermutung nahe, dass von Donnersmarck in seiner Hauptfigur Kurt Barnert auch ein Stück von sich selbst mit eingebracht hat. Von Künstler zu Künstler sozusagen. Denn es geht vordergründig gar nicht mal nur um die großen Themen der jüngeren, deutschen Geschichte, die „Werk ohne Autor“ behandelt, auch wenn diese schon eine zentrale Rolle einnehmen. Vor allem geht es um einen jungen Kreativen auf der Suche nach sich selbst, dem Sinn des Lebens, seiner Identität als Mensch und als Kunstschaffender – nichts weniger halt als der besagten Weltenformel. Zusätzlich auch noch um die Fragen nach der großen Liebe, Familie oder dem persönlichen Glück. Und natürlich auch um Schuld und Sühne, wie sollte es im Rahmen deutscher Zeitgeschichte auch anders sein? Wird Professor Seeband, als Sinnbild für die in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten weiterhin umfangreich aktiven und einflussreichen Nazi-Verbrecher, vielleicht eines Tages für seine Taten doch noch zur Rechenschaft gezogen? Spürt er so etwas wie Reue wegen seiner Mitwirkung an der abscheulichen Euthanasie? Oder bleiben seine Überzeugungen unerschütterlich?

„Alles was wahr ist, ist schön“

Wie uns der Regisseur mitteilte, war seine Motivation allerdings weder, eine filmische Abrechnung noch eine Verurteilung von Figuren wie Seeband anzubieten – sein Bestreben lag vor allem darin, einen „ehrlichen Film“ zu erschaffen. Und so lässt er tatsächlich ziemlich wertfrei uns selbst entscheiden, was wir mit den wunderbar in Szene gesetzten Ereignissen und fein gezeichneten Figuren für uns persönlich anzufangen gedenken. Ebenso bietet er uns immer verschiedene Seiten der Medaille an, so wie das Leben an sich ja auch nie wirklich schwarz oder weiß ist. Der eigentlich intellektuelle und kultivierte Professor Seeband etwa ist zwar ein eiskalter Mörder, dabei aber vollkommen überzeugt von der Richtigkeit und Notwendigkeit seines Handelns. Und trotz seiner fehlenden Hemmungen, Menschen in den Tod zu schicken, müht er sich wiederholt ernsthaft darum, ebensolchen auch zu helfen. Auch seine Abneigung gegenüber „Taugenichtsen“ wie Kurt zum Trotze scheint er dennoch, diesen auf seine eingene, ganz spezielle Weise aus Liebe zu seiner Tochter wenigstens zu dulden – obgleich ihm das mehr schlecht als recht gelingt.

Vorlesungen, Sixties-Style: Professor Antonius van Verten

Bei aller Ambivalenz in der Figur ist der ehemalige SS-Arzt natürlich dennoch ein unglaublicher Unsympath. Wie Sebastian Koch ihn spielt, ist geradezu phänomenal. Ich glaube, dem Mann kann man einfach jede Rolle geben, irgendetwas wird er schon daraus machen. Erst kürzlich habe ich zufällig ein altes Interview mit ihm gesehen, es dürfte etwa drei Jahre alt gewesen sein. Darin sprach er auch über seine zunehmende Bekanntheit in den USA, dank Rollen in populären Serien wie „Homeland“. Er zeigte sich glücklich darüber, nun endlich in der Lage zu sein, in den USA von den typischen Rollen für deutsche Schauspieler wegzukommen: den üblichen Nazi-Schergen. Nun spielt er in „Werk ohne Autor“ aktuell ausgerechnet wieder eine dieser besagten Nazi-Figuren, auch wenn sein Professor Seeband natürlich weit mehr Facetten zu bieten hat als ein gemeinhin eher flach angelegter Hollywood-Schurke. Wie Koch hier vor allem die Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit eines Mannes verkörpert, der, wie es aussieht, zu keinerlei Reue imstande ist, ist einfach toll anzusehen.

Professor Seeband – ein Mann ohne Reue?

Auch die restliche Besetzung ist für jeden Regisseur ein Brett. Allen voran Tom Schilling zeigt hier einmal mehr, warum er mittlerweile zur festen Größe in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft geworden ist. Seine Mischung aus bubihaftem Charme, verbunden mit charakterlicher Tiefe, Feinfühligkeit und auch Traurigkeit, passt perfekt zur Figur des Kurt Barnert als ewig Suchender. Der übrigens auf einem realen Vorbild basiert: dem Maler Gerhard Richter. Dessen Lebenslauf und sogar künstlerischen Stil als Maler hat von Donnersmarck als Inspiration für Barnerts Lebensweg in „Werk ohne Autor“ übernommen – mit vielen Freiheiten, wir haben es keineswegs mit einem Biopic zu tun. Außer den alten Recken Koch und Schilling wissen auch die weiblichen Jungstars Saskia Rosendahl und Paula Beer zu überzeugen, die erneut beweisen, dass mit ihnen in Zukunft auf jeden Fall weiterhin gerechnet werden darf. Gerade Rosendahls Verkörperung der bedauernswerten Elisabeth May beeindruckt zutiefst, sie bleibt trotz ihrer verhältnismäßig kurzen Leinwandpräsenz nachhaltig in Erinnerung. Aber auch der restliche Cast ist bis in die kleinsten Nebenrollen und Gastauftritte hinein hervorragend ausgewählt worden. Auf alle angemessen einzugehen, würde den Rahmen hier sprengen.

„Sieh niemals weg!“

Dem Anspruch eines ehrlichen Films wird von Donnersmarck insbesondere im Umgang mit einem Tabuthema gerecht: die filmische Inszenierung der Gaskammer. Statt vor dem Weg in eben diese abzublenden oder auf andere Weise den Schrecken dieser monströsen Erfindung menschlicher Abgründe filmisch zu inszenieren, bleibt er mit der Kamera bis zum bitteren Ende dabei, etwas, vor dem zum Beispiel Steven Spielberg 1993 in „Schindlers Liste“ zurückschreckte. Der gezielte Einsatz der emotionalen Filmmusik von Max Richter wie auch die durch den Schnitt erzeugte Verknüpfung mit der Bombardierung Dresdens verursachte bereits auf dem Filmfest in Venedig heftige Debatten – dort feierte „Werk ohne Autor“ seine Uraufführung. Von Donnersmarck geht auf den scheinbaren Tabubruch im „Spiegel“-Interview ein: In meinem Film fordert die Tante des Künstlers ihren Neffen vor ihrer Ermordung auf, sich immer der Wirklichkeit zu stellen. […] Und dieser Aufforderung wollte ich auch beim Machen des Films treu bleiben. […] Wir haben uns dazu lange mit Experten und Angehörigen beraten. […] Wir haben die Szene am 27. Januar 2017, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, gedreht. […] Es war uns wichtig, das alles in der richtigen Haltung zu tun. Die hier geschaffene, filmische Authentizität des unvorstellbaren Schreckens macht die Szene kaum erträglich. Doch es hilft nichts, die Augen vor unserer Vergangenheit zu verschließen. Niemals dürfen derartige Bilder als Zeugnisse, wozu unbändiger menschlicher Hass führen kann, in Vergessenheit geraten. Dazu zählen meiner Meinung nach nun einmal insbesondere auch filmische Inszenierungen der bitteren Wirklichkeit, die einem zu Herzen gehen. So kann ich die Bedenken hierbei natürlich durchaus verstehen, benötigt das Thema doch einen besonders sensiblen Umgang in der filmischen Inszenierung. Aber gerade in Zeiten wie unseren, in der das gesellschaftliche und politische Miteinander zunehmend von Verrohung, Wut und Hass geprägt ist, sind diese filmischen Erinnerungsbilder umso wichtiger. Und hoffentlich wird aufgrund einer so nachdrücklichen wie auch zutiefst berührenden Inszenierung der Nazi-Verbrechen wie in „Werk ohne Autor“ auch so einigen wieder klar werden, dass nicht etwa derjenige recht hat, der am lautesten schreit, und vor allem, das spaltende und Hass säende Rattenfänger niemals eine Alternative darstellen dürfen. Sollte diese Szene also tatsächlich dabei helfen, einigen mal wieder die Augen zu öffnen – dann hat sie ihre Aufgabe erfüllt.

Meisterwerk

Allein wegen der Gaskammerszene wird „Werk ohne Autor“ zweifellos Stoff für Diskussionen liefern. Aber es ist auch richtig, wenn das so ist – solange wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, bleibt sie lebendig. Obwohl nicht alle Kritiker meine Meinung zu teilen scheinen – ich fand den Film überragend. Aufgrund der Fülle an Ereignissen und dank einer starken dramaturgischen Inszenierung gelingt von Donnersmarck ein zeitgeschichtliches Drama, das trotz seiner immensen Laufzeit niemals langweilig wird. In Verbindung mit einem großartigen und gefühlvollen Soundtrack von Max Richter entsteht ein filmisches Gesamtkunstwerk, welches die großen Themen der jüngeren, deutschen Vergangenheit interessant verhandelt: Rassenwahn, Hass und Verbrechen. Schuld und Sühne. Vergebung. Teilung. Vergangenheitsbewältigung.

Und nicht nur die zeitgeschichtlichen Themen regen zum Mitdenken an. Es sind vor allem die zentralen Fragen auf der persönlichen Ebene, die uns alle beschäftigen und ansprechen: die Suche nach dem Sinn des Lebens, der eigenen Identität, dem eigenen Glück. Unserer ganz persönlichen Weltenformel also. „Werk ohne Autor“ hat daher für jeden etwas zu bieten, egal ob Geschichtsinteressierte, Hobbyphilosophen, Kunstkenner oder Filmliebhaber. Das Leitmotiv des Films, „Sieh niemals weg“, solltet ihr euch auf jeden Fall zu Herzen nehmen – ihr würdet sonst etwas verpassen. International wird „Werk ohne Autor“ passenderweise auch als „Never Look Away“ auf den Leinwänden dieser Welt erscheinen. Ob es nun in ein paar Monaten dann tatsächlich mal wieder einen Oscar für einen deutschen Film geben wird, tut erst einmal nichts zur Sache. Für mich ganz persönlich war die Hamburger Pressevorführung eines meiner schönsten Kinoerlebnisse der vergangenen Jahre.

Wird Kurt seine Bestimmung als Künstler jemals finden?

Kinostart: 3. Oktober 2018

Länge: 188 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Werk ohne Autor
Internationaler Titel: Never Look Away
D 2018
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck
Musik: Max Richter
Besetzung: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Ina Weisse, Florian Bartholomäi, Oliver Masucci, Hanno Koffler, David Schütter, Franz Pätzold, Johanna Gastdorf, Jörg Schüttauf, Evgenij Sidikhin, Hans-Uwe Bauer, Rainer Bock, Ben Becker, Hinnerk Schönemann, Lars Eidinger
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2018 by Philipp Ludwig
Fotos, Filmplakat & Trailer: © 2018 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

 

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Wer den Wind sät – Kampf den Phrasen, Kampf den Floskeln

Inherit the Wind

Glückwunsch an Ansgar Skulme zu einem schönen Jubiläum: Dies ist seine 100. Rezension für „Die Nacht der lebenden Texte“.

Gerichtsdrama // Der junge Lehrer Bertram T. Cates (Dick York) will seinen Schülern neue Denkmöglichkeiten aufzeigen. Dass er ihnen die Evolutionstheorie im Sinne Charles Darwins erläutert, passt den bibeltreuen Bürgern im kleinen Städtchen allerdings so gar nicht in den Kram. Aufgewiegelt von einem hasspredigenden Priester (Claude Akins) und bestärkt von einigen Bürgern, die gute Geschäfte für die Zeiten eines medienwirksamen Schauprozesses wittern, nimmt die Argumentation der Kreuzkonservativen schnell ausgesprochen fundamentalistische Züge an. Cates scheint allein gegen alle zu stehen und blickt einem schier hoffnungslos anmutenden Gerichtsverfahren entgegen, bei dem die Anklage zu allem Überfluss von dem prominenten früheren Präsidentschaftskandidaten Matthew Harrison Brady (Fredric March) vertreten wird, den man für seine Bekenntnisse zur Heiligen Schrift frenetisch feiert. Der Journalist E. K. Hornbeck (Gene Kelly) hingegen sieht seine Aufgabe darin, die Freiheit des Denkens zu beschützen und sich gegen die Absicht des krakeelenden Mobs zu stellen, zweite Meinungen mundtot machen zu wollen. Gemeinsam mit seiner Zeitung finanziert er Cates einen gestandenen Anwalt, dem ebenso wie Brady auf der Gegenseite ein denkwürdiger Ruf vorauseilt: Henry Drummond (Spencer Tracy).

Der sogenannte Affenprozess, welcher 1925 in Dayton, Tennessee verhandelt wurde, diente Jerome Lawrence und Robert E. Lee als Inspiration für ein Broadway-Stück mit dem Titel „Inherit the Wind“. Ab April 1955 wurde das Schauspiel in einem Zeitraum von mehr als zwei Jahren im weltberühmten New Yorker Theaterviertel über 800 Mal aufgeführt. 1965 kam eine Verfilmung des Stoffs ins US-Fernsehen, in der man mit Ed Begley als Brady einen schon lange durch diverse bedeutende Hollywood-Filme bekannten Darsteller sehen konnte – er hatte die Rolle des Matthew Harrison Brady bereits von Anfang an in der ursprünglichen Broadway-Inszenierung verkörpert. Auch Melvyn Douglas, der in jenem Film als Drummond zu sehen ist, hatte seine Rolle schon vorher am Broadway gespielt (Douglas allerdings war in New York nur als zwischenzeitlicher Ersatz für den schwer erkrankten Paul Muni ins Team gekommen, der, wie Ed Begley, zur Premieren-Besetzung gehört hatte und die Rolle später wieder von Douglas übernahm).

Bei den Konservativen ist der Teufel los!

Erstaunlicherweise ist die eng mit der Original-Broadway-Inszenierung verknüpfte Verfilmung heute, trotz mehrerer Emmy-Nominierungen, fast völlig aus dem Blickfeld verschwunden, ist sogar noch weniger bekannt als die beiden ebenfalls fürs TV entstandenen Remakes von 1988 („Der Brady-Skandal“; mit Kirk Douglas, Jason Robards und Darren McGavin) und 1999 („Wer Sturm sät“; mit Jack Lemmon, George C. Scott und Beau Bridges). Selbst in den USA wurde die TV-Adaption von 1965 als einzige der vier Verfilmungen des Stoffs bis heute nicht auf DVD veröffentlicht. Zu groß ist wohl der Schatten, den die nur wenige Jahre zuvor erschienene, bisher einzige Kinoumsetzung geworfen hat, die bei der zehnten Berlinale im Jahr 1960 ein besonderer Erfolg war. Dort erhielt die Regiearbeit von Stanley Kramer unter anderem eine Auszeichnung als „Bester Spielfilm für die Jugend“, außerdem kann die Produktion vier Oscar-Nominierungen vorweisen. In der Bundesrepublik ist sie besser bekannt unter dem Titel „Wer den Wind sät“; in den Hauptrollen Spencer Tracy und Fredric March, flankiert von Gene Kelly in einer ungewöhnlichen Rolle, abseits seiner legendären Tanzfilme.

Der große Bogen

Alle Filmversionen von „Inherit the Wind“ haben ihre Vorzüge und Eigenheiten – die von 1965 die enge Bindung an das Bühnen-Original, die von 1988 neue Ansätze im Umgang mit der Figur Brady, die von 1999 die Besetzung von George C. Scott als Brady, nachdem er auf der Broadway-Bühne, in der ersten von bisher nur zwei Neuinszenierungen seit dem 50er-Original, Drummond gespielt hatte – während Charles Durning in New York als Brady zu sehen war. Nur die dritte und bisher letzte Broadway-Inszenierung von 2007, mit Christopher Plummer und Brian Dennehy, blieb ohne nachfolgende Verfilmung. Selbst Plummer bewegte sich als Drummond aber noch im unmittelbaren Fahrwasser der Original-Inszenierung, da er Paul Muni – rund 50 Jahre zuvor – schon als Henry Drummond auf der Bühne gesehen hatte.

Hornbeck (M.) gibt den Andersdenkenden ein Sprachrohr

Viele große Namen also haben den Stoff „Inherit the Wind“ auf der Bühne wie auch vor der Kamera geprägt, aber trotzdem hat man nach Sichtung der Kinoverfilmung von Stanley Kramer das Gefühl, dass man diese Geschichte eigentlich kaum besser in Szene setzen kann. Es ist die gut dosierte Mischung aus hingebungsvollem Kampf für Meinungs- und Denkfreiheit, der durch die Schauspieler geradezu aufopferungsvoll transportiert wird, und dem Verzicht auf einseitige Helden und Schurken, die diesen Film so stark macht. Der Journalist Hornbeck punktet fortlaufend mit seinen bissigen Kommentaren, Henry Drummond mit seinen schlauen Analysen, und Brady macht als fleischgewordener Fundamentalkonservativer fassungslos, der sich dem Motto „Es ist so und bleibt so, weil es schon immer so war“ aus vollster Überzeugung verschrieben zu haben scheint. Fredric March entlarvt mit seinem Brady kreuzkonservatives Denken mit vielen Phrasen, Floskeln, Manierismen und Binsenweisheiten. Man kann natürlich bemängeln, dass sich gerade Brady als „Anführer“ der Kreuzkonservativen in der Darstellung von March oft hart an der Grenze zur Karikatur bewegt, dann allerdings folgen Szenen, in denen plötzlich auch der Mensch hinter der in der Öffentlichkeit bekannten Fassade zum Vorschein kommt. Der lässige Hornbeck wiederum kommt am Ende auch nicht einfach damit davon, immer das letzte Wort und den besten Spruch auf den Lippen zu haben, während Drummond als Freund der Familie Brady ohnehin permanent zwischen den Fronten steht und daher weit von einem souveränen Durchmarsch als ikonische Heldenfigur entfernt ist. Das Drama bleibt bis zum Ende nach zwei Stunden konsequent darin, immer wieder deutlich zu machen, dass auf der Welt nichts und niemand vorschnell verurteilt werden sollte, es aber vieles zu überdenken gibt, worüber man diskutieren sollte, statt sich gegenseitig das Wort oder gar die Gedanken zu verbieten. Mag es noch so selbstverständlich scheinen, ist eigentlich gar nichts selbstverständlich. Es ist nichts einfach nur schwarz und weiß – abgesehen davon, dass der Film ästhetisch schick in genau diesen Farbstufen gedreht wurde.

Überspitzungen für den guten Zweck

Klarzustellen ist, dass das Theaterstück und dieser Film die Vorgänge von 1925 natürlich drastisch mit Dramatik aufladen. Zwar gab es für die Anwälte, den Angeklagten und auch den Journalisten Hornbeck konkrete historische Vorbilder, die historische Überlieferung der Vorgänge in Dayton bestätigt aber nur grobe Eckpunkte des Films, wie etwa, dass mit Blick auf den Prozess ein gutes Geschäft und Bekanntheit für die Stadt gewittert wurden. Dass sich der Angeklagte mehr oder minder einem Lynchmob gegenübersah, ist eine Überspitzung der Erzählung. Die Stimmung vor Ort war bei weitem nicht so aufgeladen und William Jennings Bryan, der die Anklage vertrat – und als Vorbild für Brady diente – soll sogar selbst angeboten haben, die Geldstrafe zu übernehmen, die dem Angeklagten drohte. Auch die Liebesgeschichte und die daran gekoppelte Problematik um den selbstherrlichen Priester, der seine Tochter nicht an einen Heiden verlieren will, ist erfunden. Kurzum: Im Prozess von 1925 ging es vor allem ums Prinzip und um die Wahrung von Traditionen, aber zumindest nicht in der radikalen Form wie im Film gezeigt darum, ein rücksichtsloses Exempel an einem jungen Lehrer zu statuieren. „Inherit the Wind“ ist zweifelsohne trotzdem bemüht, über die Figur Henry Drummond die tatsächliche Verteidigungsarbeit von Clarence Darrow ins Geschehen einfließen zu lassen und davon ausgehend, mit Ansätzen der Satire und der Parabel arbeitend, gesellschaftliche Fehlentwicklungen provokant zur Diskussion zu stellen. Man kann natürlich versuchen, den Film als reißerisch abzutun, sollte dabei aber nicht vergessen, dass er vor dem Hintergrund der gerade abklingenden sogenannten McCarthy-Ära entstanden ist und einen klugen Bogen zwischen den 20er- und den 50er-Jahren schlägt.

Drummond (l.) weiß, wie er Brady packen kann

Was wäre mit dem Lehrer passiert, hätte er nicht Darwin, sondern Lenin gepredigt und wäre damit 25 Jahre später an McCarthy und seine Schergen geraten? Und plötzlich ist man dann eben tatsächlich bei Szenarien, wie sie dieser Film zeigt. Zwischen den Zeilen sagt „Wer den Wind sät“ gewissermaßen aus, dass es für den Lehrer vielleicht sogar ein Glück war, dass sein Fall in den 20er- und nicht erst in den 50er-Jahren verhandelt wurde. Ein bitterböser Seitenhieb gegen die damaligen USA und ihre Gesellschaft – vollzogen von Amerikanern. Damit ist der Film nicht zuletzt ein zeitkritisches Dokument – über den bloßen Rückblick auf die 20er hinaus – und hebt sich als solches von den anderen Verfilmungen ab, die zumindest zu McCarthy zwangsläufig keinen so frischen, unmittelbaren Bezug mehr knüpfen konnten, weil sie dafür zu spät entstanden sind. Die Abrechnung mit prüden und gestrigen Tendenzen Amerikas, die wir hier sehen, ist gerade deswegen besonders glaubwürdig, weil sie im Kern von gestandenen Schauspielern um die 60 ausgetragen wird, deren Lebenserfahrung für die Wucht der Erzählung bedeutsam ist. Zudem hat die Präsenz des Gene Kelly und die Tatsache, dass er die Rolle trotz der Abwesenheit von Tanzszenen oder einer Musical-Geschichte übernommen hat, einen gewissen Eindruck machenden Effekt, denn selbst als sporadischer Kinogänger konnte man sich sofort klar sein, dass Kelly diese Rolle nicht übernommen hätte, wenn da nicht wirklich Feuer an der Lunte wäre. Passend dazu ranken sich Gerüchte, dass sowohl Spencer Tracy als auch Gene Kelly ihre Rollen, nachdem sie ursprünglich abgelehnt hatten, erst übernommen haben, als ihnen die Namen ihrer angehenden Co-Stars genannt worden sind. Die Besetzung aller angekündigten Stars kam dann auch tatsächlich zustande, soll zum Zeitpunkt der Verhandlungen mit Tracy und Kelly aber lange nicht so sicher gewesen sein, wie man es den beiden Schauspielern kolportierte. No risk, no fun! Stanley Kramer wurde für das offenbar hohe Pokern bei den Vertragsverhandlungen wahrhaftig noch höher belohnt – mit einem fantastischen Film und großartigen schauspielerischen Leistungen. Kein Wunder, dass er danach drei weitere Filme mit Spencer Tracy inszenierte und somit zum präsentesten Regisseur in Tracys Spätwerk wurde.

Auch auf Deutsch ein Meisterwerk

Erfreulich: Auch die deutsche Synchronfassung steht der hohen Qualität des Films kaum nach. „Wer den Wind sät“ führte vielmehr sogar dazu, dass Walther Suessenguth als regulärer Sprecher von Spencer Tracy in kommenden Filmen beibehalten wurde. In den 50er-Jahren hatte es zuvor nur wenige Einsätze Suessenguths als Stimme von Spencer Tracy gegeben. Da Walther Suessenguth bereits 1964 starb, wuchs dieser Korpus aber dennoch leider nur um wenige weitere Filme. Durch seine besondere Art der Betonung und gleichzeitig aber ein gewisses Nuscheln hinterlässt Suessenguth – nicht nur für Spencer Tracy – immer wieder einen besonderen Eindruck. Er ist ansonsten eher als prägnanter Sprecher von Nebenrollen bekannt, wenngleich er hin und wieder auch mit Hauptrollen betraut wurde, beispielsweise als gelegentlicher Sprecher von Walter Pidgeon. Seine Einsätze für Spencer Tracy stellen daher gewissermaßen den Höhepunkt seines Schaffens im Synchronstudio dar.

Wenn die Hetzjagd sogar den Anwalt in den eigenen Reihen sprachlos macht …

Die Besetzung von Konrad Wagner für Fredric March ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig und trägt dazu bei, dass Brady in der deutschen Fassung manchmal einen Tick zu sehr wie eine Karikatur wirkt. Es ist bedauerlich, dass offenbar weder Siegfried Schürenberg noch Paul Wagner zur Verfügung standen, die March beide bereits in den 50ern gesprochen hatten. Da Konrad Wagner nur in diesem Film als Marchs Stimme zu hören ist, scheint es naheliegend, dass er als eine Art Ersatz für seinen Bruder Paul ausgewählt wurde – besonders ähneln sich die Stimmen der beiden Brüder allerdings nicht. Entschädigt wird man in jedem Fall mit dem ideal besetzten Heinz Drache („Der schwarze Panther von Ratana“) als Synchronsprecher von Gene Kelly. Drache synchronisierte Kelly nur dieses eine Mal, passt aber so gut, dass man sofort denken möchte, Gene Kelly sei nie von jemand anderem gesprochen worden. Die Darbietungen von Walther Suessenguth und Heinz Drache sind derart vom Feinsten, merklich präzise durchdacht, clever betont, realitätsnah und mitreißend, dass man sich an Hornbecks provokanten Sprüchen und Drummonds glühendem Verfechten seiner Argumente, gepaart mit der Weisheit einer angekommenen Seele, kaum satthören kann. Auch die berührende Leistung von Tilly Lauenstein für Florence Eldridge – die auch im wirklichen Leben mit Fredric March verheiratet war und in „Wer den Wind sät“ ihre letzte Kinorolle spielte – soll hier nicht unerwähnt bleiben. Dazu sehr gut ausgewählte Typbesetzungen von häufig zu hörenden Synchronschauspielern wie Alfred Balthoff, Heinz Petruo, Michael Chevalier, Alexander Welbat, Erich Fiedler und ein für Claude Akins durchaus überraschend besetzter Werner Peters („36 Stunden“) als Brandreden schwingender Priester.

Frischer Wind mit Luft nach oben

„Wer den Wind sät“ wurde bereits mehrfach in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Die letzte Auflage liegt aber über zehn Jahre zurück. Dass Pidax Film diesem Meilenstein der Filmgeschichte jetzt eine weitere Veröffentlichung spendiert, ist somit nachvollziehbar. Allen Blu-ray-Verfechtern, die sich wundern, dass erneut „nur“ eine DVD erscheint, kann insofern Entwarnung gegeben werden, als hinsichtlich der Bildqualität ein deutlicher Fortschritt gegenüber der Veröffentlichung von 2004 zu erkennen ist. Auch der Ton lässt für Freunde möglichst originalgetreuer Klangqualität, anstelle von ab einem gewissen Punkt nicht mehr notwendiger und somit streitbarer Nachbearbeitung, nichts mehr zu wünschen übrig. Ferner findet sich nun auch der sehenswerte Originaltrailer im Bonusmaterial, der unter anderem dokumentarische Aufnahmen von der Berlinale 1960 enthält, die für „Wer den Wind sät“ zur großen Plattform wurde. Nur wer besonderen Wert auf zusätzliche Sprachfassungen sowie verschiedensprachige Untertitel legt, ist mit den früheren deutschen DVD-Veröffentlichungen besser beraten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Spencer Tracy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 21. September 2018 als DVD, 13. Juni 2008 als DVD, 30. April 2007 als DVD, 24. Mai 2004 als DVD

Länge: 123 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch; 2004-Veröffentlichung auch Französisch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: keine; auf der 2004-Veröffentlichung Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Niederländisch, Griechisch, Rumänisch
Originaltitel: Inherit the Wind
USA 1960
Regie: Stanley Kramer
Drehbuch: Nedrick Young & Harold Jacob Smith, nach einem Theaterstück von Jerome Lawrence & Robert E. Lee
Besetzung: Spencer Tracy, Fredric March, Gene Kelly, Dick York, Donna Anderson, Harry Morgan, Claude Akins, Elliott Reid, Noah Beery Jr., Norman Fell
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5398, Original-Kinotrailer
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

 
 

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