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I Am Mother – Android zieht Menschenkind groß

I Am Mother

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // In einer nicht allzu fernen Zukunft haben die Menschen ihren Heimatplaneten mittels Weltkrieg verwüstet und vergiftet, sich dabei selbst dahingerafft. In einer hermetisch abgeriegelten Einrichtung lagern 63.000 Embryonen, die der Menschheit eine Zukunft geben und die Erde zu gegebener Zeit neu besiedeln sollen. Ein Android – genannt „Mutter“ – hat ein Embryo hervorgeholt und in eine künstliche Gebärmutter gelegt. Das Ungeborene reift zu einem weiblichen Baby heran und wird schließlich „geboren“. Mutter zieht ihre „Tochter“ zärtlich groß, das Mädchen wird zu einem aufgeweckten Teenager (Clara Rugaard, „Teen Spirit“), das aufrichtige Liebe zu Mutter entwickelt hat.

„Mutter“ zieht ihre „Tochter“ auf

Mit dem Heranwachsen wächst zwangsläufig auch die Neugier der Tochter auf die Außenwelt. Und natürlich hätte sie gern menschliche Gesellschaft. Eines Tages hört sie an der Schleuse, die den einzigen Zugang zur Außenwelt darstellt, von außen eine Stimme, die um Hilfe fleht. Eine Frau (Hilary Swank) mit einer Schusswunde bittet um Einlass. Ist die Erde am Ende doch nicht so verseucht, wie Mutter es Tochter beigebracht hat?

Das Mädchen hat sich zu einem wissbegierigen Teenager entwickelt

Wie werden sich in den kommenden Jahrzehnten Automatisierung, künstliche Intelligenz, Kybernetik und Robotik entwickeln? Voraussichtlich enorm, wenn man sich vor Augen führt, was heute schon möglich ist. „I Am Mother“ treibt das mit seinem endzeitlichen Szenario auf die Spitze und zeigt sich kurz sogar von „Terminator“ inspiriert. Auch Anspielungen auf (oder Einflüsse von) Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ und Ridley Scotts „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ sind zu bemerken. Atmosphärisch erinnert der weitgehend kammerspielartige „I Am Mother“ ein wenig an Duncan Jones’ Regiedebüt „Moon“ (2009) mit Sam Rockwell. Alex Garlands „Ex Machina“ (2015) sei ebenfalls als Referenz genannt, wobei sich „I Am Mother“ nicht so intensiv mit der Frage befasst, ob Roboter ein Bewusstsein oder gar eine Seele entwickeln können.

Auswüchse des technischen Fortschritts

Der technische Fortschritt bietet gigantische Möglichkeiten, aber auch große Gefahren für die Menschheit, wie wir nicht erst seit der Atombombe wissen. Wenn es nach ihrer sogenannten Mutter geht, sollte die Tochter nicht alles wissen, so viel wird schnell deutlich. Doch ist die fremde Frau ehrlich zu ihr? Wem darf und soll die Tochter mehr trauen? Aus dieser Frage zieht „I Am Mother“ viel Spannung. Das Kinodebüt des australischen Regisseurs Grant Sputore bietet visionäre und intelligente Science-Fiction, technisch und schauspielerisch perfekt umgesetzt.

Ist Mutter zu Emotionen fähig?

Das beginnt schon bei Mutter: Die vom Schauspieler und Spezial-Effekt-Techniker Luke Hawker („Krampus“) verkörperte und im Original von Rose Byrne („X-Men – Apocalypse“) gesprochene Androiden-Figur entstand bei den vielfach prämierten neuseeländischen Trick-Experten von Weta Workshop, seit „Der Herr der Ringe“ dick im Geschäft, aber schon früher mit Peter Jackson groß geworden. Im Presseheft von „I Am Mother“ verrät Regisseur Grant Sputore, er und Drehbuchautor Michael Lloyd Green hätten einfach eine noch nicht mal fertige Fassung des Skripts an die auf der Website von Weta genannte E-Mail-Adresse geschickt und darum gebeten, Weta möge ihnen einen Roboter bauen. Kurz gesagt: Mutter ist einfach umwerfend geraten! Viel besser, als ein CGI-Android hätte werden können. Das Design der Einrichtung, in der die künstliche Mutter ihre menschliche Tochter aufzieht, entspricht üblichen Raum-Settings in der Science-Fiction – das passt.

Mit dem Eintreffen der Frau ändert sich alles

Das Drehbuch landete 2016 auf der sogenannten „Black List“, einer jährlichen Liste noch nicht umgesetzter, gleichwohl begehrter Skripts. Schließlich entstand „I Am Mother“ in Sputores Heimat Australien. Als Tochter wurde die im Dezember 1997 geborene dänische Schauspielerin Clara Rugaard verpflichtet – ein Glücksgriff, was natürlich von immenser Bedeutung ist. Rugaard verleiht ihrer Figur genau das richtige Maß an Stärke, Schwäche, Neugier und Misstrauen. Auf die doppelte Oscar-Preisträgerin Hilary Swank („Boys Don’t Cry“, „Million Dollar Baby“) ist natürlich ohnehin Verlass, und Allerdings interessiert sich der Regisseur irgendwann nicht mehr wirklich dafür, was das Aufwachsen in völliger Einsamkeit mit einem Menschen macht. Kann die künstliche Mutter die zwischenmenschlichen Kontakte wirklich ersetzen, sodass die Tochter zu einem geistig gesunden sozialen Wesen heranreift?

Vision vom Ende der Menschheit

Ist Mutter fürsorglich oder bedrohlich? Ist sie die letzte Hoffnung der Menschheit oder ihr Untergang? Schließlich verlässt der Film auch die abgeriegelten Räumlichkeiten, und wir bekommen in einigen Totalen etwas von der Außenwelt zu sehen. Die dystopische Vision lässt frösteln, doch am stärksten bleibt „I Am Mother“ in der Interaktion zwischen Mutter, Tochter und der Frau von draußen. Science-Fiction, die etwas zu sagen hat und existenzielle Fragen des Miteinanders von Menschen und künstlicher Intelligenz aufwirft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Hilary Swank sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Feindinnen?

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: I Am Mother
AUS 2019
Regie: Grant Sputore
Drehbuch: Michael Lloyd Green
Besetzung: Luke Hawker, Rose Byrne (Stimme im Original), Maddie Lenton, Hilary Swank, Summer Lenton, Hazel Sandery, Tahlia Sturzaker, Clara Rugaard, Jacob Nolan
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Concorde Filmverleih GmbH

 

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Running Man – Wann ist unsere Gesellschaft so weit?

The Running Man

Von Volker Schönenberger

SF-Action // In den 80er-Jahren lag 2017 noch in ferner Zukunft. „Running Man“ geht von der Vorstellung aus, dass in jenem Jahr die Weltwirtschaft kollabiert ist, was zu einer enormen Verknappung von Nahrung, Rohstoffen und Erdöl geführt hat. Wir befinden uns in einem mit harter Hand geführten Polizeistaat. Das Fernsehen ist in der Hand der Obrigkeit, Kunst, Musik und Kommunikation werden zensiert. Die TV-Show „The Running Man“ hat sich zum erfolgreichsten Fernsehformat der Geschichte entwickelt. Aber es regt sich Widerstand.

Ben will Amber zwingen, ihm zur Flucht zu verhelfen

So erfahren wir es zu Beginn mittels Texteinblendungen. Die Handlung setzt mit einem Polizei-Helikopter im Einsatz ein. Als der Pilot Ben Richards (Arnold Schwarzenegger) den Befehl erhält, das Feuer auf eine Schar unbewaffneter Demonstranten auf Nahrungssuche zu eröffnen, verweigert er das, was ihm schnurstracks die Deportation in ein Arbeitslager einbringt. Dessen Insassen tragen Halsbänder, die im Falle einer Flucht detonieren. Dennoch gelingt Richards mit ein paar anderen Häftlingen das Entkommen, darunter die Widerstandskämpfer William Laughlin (Yaphet Kotto) und Harold Weiss (Marvin J. McIntyre). Weil Ben nur überleben will, lehnt er es ab, sich dem Widerstand anzuschließen.

Schlächter von Bakersfield wird Kandidat bei „The Running Man“

Bemerkenswert: Als die TV-Komponistin Amber Mendez (Maria Conchita Alonso) ihre Wohnung betritt, lässt sie per Sprachsteuerung das Licht angehen und sich Toast und Kaffee bereiten. Dort sind wir heute ja schon fast, Alexa anyone? Jedenfalls ist Amber gerade erst in die Wohnung gezogen – sie gehörte Bens Bruder, der allerdings ohne Bens Wissen zur „Umerziehung“ deportiert wurde. Der wollte mit seiner Hilfe das Land verlassen, nun zwingt er Amber, ihm zu helfen. Doch sie überlistet ihn, Ben wird gefangen genommen. Er gilt als „Schlächter von Bakersfield“, weil ihm das Massaker an der Menschenmenge in die Schuhe geschoben wurde, dessen Ausführung er verweigert hatte. Der gewissenlose Produzent und Moderator Damon Killian (Richard Dawson) nötigt ihn zur Teilnahme an „The Running Man“.

Stattdessen landet er in der Show von Damon Killian

Unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte Stephen King 1982 seinen Roman „Menschenjagd“, der im Original „The Running Man“ betitelt ist. Als Executive Producer Rob Cohen die Filmrechte erwarb, wusste er angeblich nicht, dass sich hinter Bachman tatsächlich King verbarg. Ob Horror-Großmeister King den deutschen Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ von 1970 je gesehen hat? Nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge inszeniert, dreht sich die Handlung um die titelgebende Fernsehshow, in der ein Kandidat eine Woche lang von Auftragsmördern gejagt wird. Einer davon: ein gewisser Dieter Hallervorden. Als Moderator tritt Dieter Thomas Heck auf, die echten Journalisten Arnim Basche, Werner Sonne und Heribert Faßbender spielen Reporter, die Journalistin Gisela Marx eine Reporterin. „Das Millionenspiel“ ist unbedingt ebenfalls die Sichtung wert.

Paul Michael Glaser, in der Rolle des Starsky in der TV-Serie „Starsky & Hutch“ auch hierzulande bekannt geworden, übernahm für die Verfilmung den Regiestuhl, war allerdings alles andere als erste Wahl. Vordergründig reduziert Glasers „Running Man“-Adaption den gesellschaftskritischen Aspekt der Vorlage zugunsten plakativer Action, wie sie in den 80ern üblich war und die Genrefans auch heute noch in Ehren halten. Wer genau hinschaut, entdeckt aber problemlos den dystopischen Subtext. Klar, noch sind wir nicht bei TV-Shows mit realen Menschenjagden, aber das Niveau heutiger Fernsehshows bewegt sich in diese Richtung. Und angesichts der offenbar steigenden Gaffer-Problematik bei Verkehrsunfällen und anderen tragischen Ereignissen in der Öffentlichkeit erscheint ein Pöbel wie das begeisterte Publikum im „The Running Man“-Saal nicht unwahrscheinlich.

I’ll be back!

Arnold Schwarzenegger gibt wie üblich kernige Einzeiler zum Besten, sogar sein legendäres I’ll be back! aus dem drei Jahre älteren „Terminator“ darf er recyclen. So macht man aus der Not begrenzter Fähigkeiten eine Tugend. Weitere interessante Personalien: Mick Fleetwood, Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Fleetwood Mac, ist als Widerstandskämpfer Mic zu sehen, die Rolle soll womöglich sogar er selbst sein. Frank Zappas Sohn Dweezil spielt ebenfalls einen Revolutionär. Richard Dawson war tatsächlich ein beliebter Show-Moderator. Für „Family Feud“, Vorbild der deutschen Show „Familien-Duell“, erhielt er einen Emmy. Maria Conchita Alonso wirkte kurz nach „Running Man“ an der Seite von Robert Duvall und Sean Penn in Dennis Hoppers „Colors – Farben der Gewalt“ mit. 2012 rekrutierte Rob Zombie sie für „The Lords of Salem“.

Dort wollen ihm mächtige Jäger an den Kragen

Visuell kann „Running Man“ die 80er nicht leugnen. Es lässt mich immer wieder schmunzeln, wie sich die Macher von Science-Fiction-Filmen jener Dekade die Zukunft vorstellten. Allein schon die Frisuren und Klamotten! Und das Fernsehballett! Mehr 80er geht nicht. Der Synthie-Score und die visuellen Spezialeffekte tragen dazu bei. Manchen mag das als schlecht gealtert erscheinen, aber wer wie ich damals Teenager war und all diese Actionfilme im Kino gesehen oder sich in der Videothek ausgeliehen und mit Kumpeln und Bier geschaut hat, freut sich auch heute noch daran. Als Arnold Schwarzenegger 2003 zur Gouverneurswahl von Kalifornien antrat, reiste er zu seinen Wahlkampfauftritten mit einem Bus, den er „The Running Man“ nannte.

Ähnlichkeiten mit „Total Recall“

„Running Man“ erinnert nicht nur wegen Arnold Schwarzenegger an Paul Verhoevens drei Jahre später entstandenes SF-Spektakel „Total Recall – Die totale Erinnerung“. Das gefällt mir vielleicht noch einen Hauch besser, aber die Richard-Bachman-Verfilmung hat bei meiner Sichtung anlässlich dieser Rezension dazugewonnen. Die vorherige liegt ewig zurück, es wurde mal wieder Zeit.

Auch „Running Man“ durfte vom Index runter

Der Film teilt das Schicksal vieler zeitgenössischer Produktionen: Er wurde 1989 indiziert und 2014 turnusmäßig nach einem Vierteljahrhundert von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Im Fernsehen häufig verstümmelt ausgestrahlt, gab es über die Jahre aber ausreichend DVD-Veröffentlichungen der ungeschnittenen Fassung, wenn auch in teils suboptimaler Qualität. Dem hat capelight pictures 2018 mit einem Rundumschlag abgeholfen. Der geneigte Sammler darf sich aus diversen Editionen diejenige seiner Wahl aussuchen oder bei ausreichend Budget alle Versionen ins Regal stellen – Auflistung siehe unten. Mein Favorit: das Mediabook mit Blu-ray und DVD inklusive einer weiteren Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial sowie dem Soundtrack auf CD. An der Bild- und Tonqualität gibt es für meinen Geschmack nichts zu mäkeln, das fette Booklet enthält einen erwartungsgemäß fachkundigen Text von Nando Rohner sowie Konzept- und Storyboard-Zeichnungen zum Film. Nando steuert einige Hintergrundinformationen bei, darunter zum plötzlichen Wechsel auf dem Regiestuhl, von dem Arnold Schwarzenegger alles andere als begeistert war. „Running Man“ war dann auch an den Kinokassen weniger Erfolg beschieden, als es sich Schwarzenegger erhofft hatte – immerhin war der Österreicher damals auf der Höhe seines Ruhms als Filmstar. Heute kann sich Arnold Schwarzenegger über den Ruf des Films nicht beklagen. „Running Man“ hat über die Jahre seine Fangemeinde um sich geschart und steht in seiner Filmografie durchaus auf einer Stufe mit Klassikern wie „Total Recall – Die totale Erinnerung“, „Predator“ und „Phantom Kommando“. An den ikonischen Status der „Terminator“-Filme kommen sie alle natürlich nicht heran, aber das gilt ja für viele Action-Klassiker mit anderen Topstars.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Arnold Schwarzenegger sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Juni 2019 als Doppel-Blu-ray und Blu-ray, 14. Dezember 2018 als Limited 4-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays, DVD & Soundtrack-CD), Retro VHS-Edition Blu-ray (limitiert auf 3.000 Exemplare), Blu-ray im Steelbook und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Running Man
USA 1987
Regie: Paul Michael Glaser,
Drehbuch: Steven E. de Souza, nach einem Roman von Stephen King alias Richard Bachman
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Maria Conchita Alonso, Yaphet Kotto, Jim Brown, Jesse Ventura, Erland van Lidth, Marvin J. McIntyre, Gus Rethwisch, Mick Fleetwood, Professor Toru Tanaka, Dweezil Zappa, Richard Dawson, Karen Leigh Hopkins
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Paul M. Glaser und Produzent Tim Zinnemann, Audiokommentar vom ausführenden Produzenten Rob Cohen, „Running On Empty“ (Interview mit Robert Grasmere über die visuellen Effekte in „Running Man“), „Back to Bachman“ (Interview mit Drehbuchautor Steven E. de Souza), „Muscular Memories“ (Interview mit Susan Jeffords über den Actionfilm-Boom der Achtzigerjahre), „The Sound of The Running Man“ (Gespräch mit Harold Faltermeyer), „Lockdown on Main Street“ (über die Bürgerrechte in den USA seit dem 11. September 2001), „The Game Theory“ (über die Dystopie in „Running Man“ zur Gegenwart des Reality-TVs), nur Mediabook: Booklet mit einem Text von Nando Rohner
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 capelight pictures

 
 

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James Cameron (IV): Alita – Battle Angel: Mehr Schein als Sein?

Alita – Battle Angel

Kinostart: 14. Februar 2019

Von Philipp Ludwig

SF-Action // Ich gebe zu: Als ich die Einladung zur Pressevorführung von „Alita – Battle Angel“ in den virtuellen Händen meines E-Mail-Accounts hielt, war ich zunächst äußerst skeptisch. Braucht es wirklich den Auftakt zu einem weiteren pompösen Kino-Franchise? Ein weiterer Film, bei dem die spektakuläre visuelle Schöpfungskraft der Macherinnen und Macher im Vordergrund steht, während Story und Figuren meist nur lästiges Beiwerk darstellen? 3D-Wahn und IMAX-Fetischismus in Reinkultur? Ein neues Mammutprojekt unter Mitwirkung des Bombast-Filmemachers James Cameron? Den ich zwar für eine ganze Reihe von Filmen zutiefst schätze (ja, auch für „Titanic“), wohingegen mich „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ als ein meiner Meinung nach visuelles Blendwerk vollkommen kalt gelassen hat. Meine persönlichen Vorzeichen hätten also durchaus positiver sein können. Aber vielleicht ist es gerade dieser skeptischen Erwartungshaltung zu verdanken, dass ich mich von dem beeindruckenden Popcorn-Kino in Reinkultur durchaus mitreißen ließ, das uns „Alita – Battle Angel“ bietet. Oder habe ich mich schlussendlich eventuell doch bloß, entgegen meiner Grundsätze, von der visuellen Wucht der 200 Millionen Dollar schweren Manga-Verfilmung blenden lassen?

Cyber-Mediziner Dr. Ido macht auf dem Schrottplatz der „Iron City“ einen bemerkenswerten Fund

Das dem Film zugrundeliegende Setting ist wie aus einem dystopischen SF-Baukasten entnommen und bietet daher beste Voraussetzungen für ein interessantes Zukunftsszenario: Im 23. Jahrhundert hat ein massiver weltweiter Krieg stattgefunden, in welchem sich die Menschen der Erde und die menschlichen Kolonialisten vom Mars als Feinde gegenüberstanden. Nach einem Ereignis, dass von allen nur „The Fall“ genannt wird, erfolgte ein technologischer Absturz. In dessen Folge fielen sämtliche der mächtigen Himmelsstädte vom Himmel, die bis dahin über den Landschaften der Erde thronten.

A Tale of Two Cities

Nur eine dieser beeindruckenden Himmelsstädte blieb bestehen: Zalem. Unter der sich die gigantische Iron City in den Ruinen einer alten Metropole aus längst vergessenen Zeiten ausgebreitet hat. Während das abgeschottete Zalem zu einem Wohnort der Oberklasse wurde und für Außenstehende nahezu unerreichbar ist, wurde Iron City zum Sammelbecken sämtlicher Überlebender der Erde. Die fristen dort nun ein eher trauriges Dasein, besteht ihre Hauptaufgabe doch vor allem darin, Zalem mit den nötigen Rohstoffen zu versorgen. Selbst das Gesetz müssen sie in die eigenen Hände nehmen – in Form von freiberuflichen, rauen Jäger-Kriegern, die im Auftrag der „Firma“ aus Zalem Kopfgeldjägertätigkeiten übernehmen. Die bekannte Fabel von den gegensätzlichen Städten also, von arm und reich, von sprichwörtlich oben und unten.

„Alita – Battle Angel“ setzt im Jahr 2563 an, etwa 300 Jahre nach „The Fall“. Die Menschen in Iron City versuchen mit einer Vielzahl an Cyber-Erweiterungen, ihre körperlichen Fertigkeiten zu verstärken oder etwa Behinderungen und Missbildungen zu beseitigen. Dies hat nicht nur zur Folge, dass teils die aberwitzigsten, mitunter gemeingefährlichen Cyborg-Kreationen entstanden sind – die wertvollen technischen Erweiterungen rufen auch zahlreiche kriminelle Banden auf den Plan. So sind die technischen Erweiterungen für einen persönlich zwar empfehlenswert, um im harten Alltag von Iron City zu bestehen. Es empfiehlt sich jedoch auch dringend, stetig ein Auge nach denjenigen offenzuhalten, die einem die kostbaren Gadgets abluchsen wollen: den sogenannten Cyber-Jackern. Die gehen dabei gewiss nicht zimperlich vor. Einen weiteren Grund für die technischen Optimierungen stellt der populäre Sport Motorball dar – eine irre Kreuzung aus Gladiatorenwettkämpfen, American Football und Rollerderby, ohne Rücksicht auf Verluste. Mit freundlicher Reminiszenz an den dystopischen SF-Action-Klassiker „Rollerball“ (1975). Der Sport dient nicht nur der Unterhaltung der breiten Masse: Dem jährlichen Champion winkt zudem ein begehrtes Ticket nach Zalem.

Die unerreichbare Himmelsstadt Zalem – darunter: Iron City

Doch nicht alle nutzen die fortgeschrittene Cybertechnologie zur mitunter abstrusen Selbstoptimierung, bei der der reale Mensch im Cyborg häufig kaum noch zu erkennen ist. Der Cyber-Mediziner Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) etwa hilft mit Implantaten und Cyber-Prothesen, seinen Patienten verlorene Körperteile zu ersetzen oder andere Handicaps zu überwinden. Auf der Suche nach neuen Bauteilen macht er auf dem gigantischen Schrottplatz im Herzen von Iron City eines Tages einen folgenreichen Fund: Den Kern eines jugendlich anmutenden weiblichen Cyborgs, sprich, dessen Kopf.

Pinocchio im Science-Fiction-Gewand

In seinem privaten Labor stellt er zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass dieser Kopf ein voll funktionsfähiges menschliches Gehirn enthält, und implantiert ihn auf den künstlichen Cyber-Körper, den er einst für seine gehbehinderte Tochter angefertigt hatte – diese hat tragischerweise keinen Bedarf mehr für ihren Ersatzkörper. Schnell baut Ido eine innige Beziehung zu dem von ihm gefundenen, sympathischen Cyborg-Mädchen (Rosa Salazar) auf, dass keinerlei Erinnerungen an ein früheres Leben zu haben scheint. Er tauft seine neueste Entdeckung daher passenderweise nach seiner verstorbenen Tochter: Alita.

Die Titelfigur Alita ist fortan auch unser Zugang zu der faszinierenden Welt dieses filmischen Spektakels. Ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft oder ihr früheres Leben erkunden wir mit ihr gemeinsam die gefährliche und aufregende Welt von Iron City. Schon bald wird sich herausstellen, dass Alita nicht nur deutlich älter ist, als man annehmen könnte, sondern unter dem jugendlich-naiven, fast schon niedlichen Wesen mit dem warmen Herzen ganz andere Qualitäten stecken. Und die wecken Begehrlichkeiten einer ganzen Reihe übler Gestalten, sowohl in Iron City als auch aus Zalem. Der Titel „Alita – Battle Angel“ kommt in Bezug auf die Heldin gewiss nicht von ungefähr.

Populäre Manga-Reihe als Vorlage

Als Vorlage dient die populäre japanische Cyber-Punk Manga-Reihe „Battle Angel Alita“ (im Original „Gunnm“) von Yukito Kishiro. Seit 1990 erzählt dieser in mittlerweile knapp 30 Ausgaben die zahlreichen und umfangreichen Abenteuer seiner Titelheldin Alita in Iron City, Zalem und dem Weltall. Ende der Neunziger wurde auch der Erfolgsregisseur James Cameron auf die Reihe aufmerksam und sofort zu einem großen Fan. Ebenso entstand bei dem so leidenschaftlichen wie visionären Filmemacher natürlich direkt der Wunsch, diese Story auf die große Leinwand zu bringen. Schaut man sich darüber hinaus etwa Neill Blomkamps „Elysium“ (2013) an, so war Cameron offenbar nicht der einzige Filmemacher, der sich durch die Manga-Vorlage hat inspirieren lassen. Nur ist Alita dort kein jugendlich anmutender, weiblicher Cyborg, sondern Matt Damon.

Wie Vater und Tochter: Dr. Ido und seine Entdeckung Alita

Cameron, bekannt als detailversessener und penibler Arbeiter, stürzte sich direkt in die Arbeit. Er beauftragte Künstler, ihm Zeichnungen einer filmischen Version von Iron City anzufertigen. Ebenso verfasste er ein mehr als 600 Seiten umfassendes Manuskript, in dem er bis ins kleinste Detail das Leben in Iron City beschrieb. Alles sollte Sinn ergeben, die Technik, die gesellschaftlichen Strukturen. Auch zu den einzelnen Figuren fertigte er umfangreiche Dossiers an, damit diese zusätzlich an Leben gewinnen. In Zusammenarbeit mit Laeta Kalogridis („Shutter Island“), mit der er auch bei „Avatar“ zusammenarbeite, schrieb er ein Drehbuch. Doch trotz all der jahrelangen Arbeit – seine Vision umzusetzen, dazu fehlte Cameron offenbar stets die Zeit. Dies lag vor allem an seinem weiteren Herzensprojekt „Avatar“, dessen Fortsetzungen für ihn weiterhin höchste Priorität haben. Das Projekt „Alita – Battle Angel“ schien am Ende zu sein.

Kreative Freundschaft

Wäre da nicht Kult-Regisseur Robert Rodriguez („From Dusk Til Dawn“, „Sin City“) gewesen. Der pflegt seit Jahren eine enge Freundschaft mit Cameron, wie er jüngst im Interview in „Deadline – Das Filmmagazin“ bekräftigt (das Gespräch führte übrigens unser geschätzter „Die Nacht der lebenden Texte“-Kollege Leonhard Elias Lemke): „Wir kennen uns seit über 25 Jahren, sind schon lange Freunde, da wir aus der gleichen Ecke im Filmgeschäft kommen. (…) Eines Tages, als ich gerade am Schnitt von „Desperados“ saß, klopfte er an meine Haustür. Er hatte gehört, dass ich ein Avid zum Filmeschneiden in meinem Wohnzimmer hatte. Es war damals fast schon unerhört, dass ein Regisseur seinen Film selbst schnitt – noch dazu zu Hause. Ich bat ihn herein, er war total interessiert.“ In einem der zahlreichen Treffen und Gespräche mit Cameron kam auch das Thema „Alita“ zur Sprache, wollte Rodriguez, selbst Fan der Manga-Reihe, doch wissen, wann mit einem Film denn nun endlich mal zu rechnen sei. Da Cameron der Meinung war, es selbst wohl nicht mehr zu schaffen, bot er Rodriguez an, die Regie zu übernehmen. Dieser nahm dankend an und erweiterte die umfangreiche Vorarbeit seines Kumpels mit eigenen Ideen. Auch Cameron blieb als Produzent und kreativer Ideengeber weiter eng mit dem Projekt verbunden. In dem „Deadline“-Interview merkt Rodriguez zu dieser besonderen Zusammenarbeit seines bisher teuersten als Regisseur zu verantwortenden Films an: „Jim hat normalerweise die Einstellung, dass er lieber sein Drehbuch in der Schublade lässt, als es jemand anderem zu geben. Ich wusste also, dass ich mich unbedingt an seiner Vision, an seinen Ideen orientieren musste, sonst würde der Film nicht funktionieren. Er hat so klar geschrieben, dass es mir leichtfiel, mich ganz auf meinen Job als Regisseur zu konzentrieren und sein Drehbuch zu filmischem Leben zu erwecken. Natürlich würde der Film mit Jim als Regisseur noch mehr nach einem seiner Filme aussehen, aber er ist sehr überrascht, wie nah ich seiner persönlichen Vorstellung mit dem Film gekommen bin.“

Idos Ex-Frau Chiren hat ebenfalls ein Auge auf die mysteriöse Alita geworfen

So lassen sich in „Alita – Battle Angel“ die kreativen Einflüsse gleich zweier großer Könner erkennen, was dem Film definitiv zugutekommt – eine für Rodriguez typische, zünftige Bar-Keilerei inklusive. Überhaupt profitiert der Film insbesondere von der kohärenten Welt seiner umfangreichen Manga-Vorlage, die durch die Detailversessenheit der Vorarbeit James Camerons nochmals an Qualität gewinnt. Denn die Welt von Iron City weiß mit ihrer Liebe zum Detail absolut zu überzeugen. Lobenswert ist hierbei auch, dass für die Kulissen dieses Schmelztiegels auf Wunsch von Rodriguez eine größtenteils reale Requisitenstadt erbaut und nicht etwa ausschließlich auf die pure Macht des CGI vertraut wurde. Bei einem unter anderem so auf eine starke Visualität setzenden Film wie „Alita – Battle Angel“ wirkt dies zunächst etwas überraschend. Dem Film wird hierdurch aber erfolgreich zusätzliche Authentizität und Tiefe verliehen.

Manchmal ist weniger vielleicht mehr

Doch sind die umfangreiche Vorlage und die damit verbundene, mehr als solide kreative Basis interessanterweise auch eine der Ursachen für die unübersehbaren Schwächen des ansonsten beeindruckenden Films. Denn Cameron nahm sich bei seinem Projekt zum Ziel, für den Auftaktfilm einer auf mehrere Teile angelegten Filmreihe direkt die ersten vier Bände der Manga-Reihe in die Handlung zu integrieren. Bei einer Laufzeit von gerade einmal 122 Minuten ein ambitioniertes Vorhaben. Muss das breite Publikum ja nicht nur in eine umfangreiche, unbekannte Welt mit einer Vielzahl an Figuren eingeführt werden, sondern darüber hinaus auch eine hohe Zahl schicksalhafter Wendepunkte der Hauptfigur unterbringen. So entsteht aufgrund des vollgepackten Drehbuchs oft der Eindruck, der Film hetze von Ereignis zu Ereignis, von Szene zu Szene. Zeit zum Durchatmen bleibt so kaum. Zum Aufkommen von Langeweile aber natürlich auch nicht. Das ist jedoch insofern bedauerlich, denn wann immer „Alita – Battle Angel“ kurz davor ist, szenisch auch mal tiefer unter die Oberfläche zu gehen, nimmt er doch lieber eine dramaturgische Abkürzung in Form von knappen Dialog-Einzeilern oder schnell eingeschobenen Ereignissen, die fix zum nächsten Punkt der Handlung führen müssen.

So viel darf bereits verraten sein: Der Film endet mit einem deutlichen Schielen auf eine mehrteilige Reihe natürlich offen. Genau hier liegt der nächste Kritikpunkt: Die Offensichtlichkeit, mit der man die Botschaft „Fortsetzung folgt“ aufs Auge gedrückt bekommt, stört mitunter etwas. Hat die Tendenz zur lang angelegten Filmreihe in den vergangenen Jahren doch ein wenig überhandgenommen. Die Konkurrenz der populären TV-Serien scheint immer mehr Eindruck in der Filmwelt zu hinterlassen. Natürlich muss das kein Nachteil sein, denn es gibt ja eine Reihe ausgesprochen guter Mehrteiler. Doch liegen die meisten davon meiner Meinung nach einige Zeit zurück. Aber diese Selbstverständlichkeit, davon auszugehen, wir würden schon irgendwann die Fortsetzung schauen, weil wir wissen wollen, wie es weitergeht, finde ich schon etwas nervig. Gerade wenn man nicht weiß, wann dies denn sein wird und ob „Alita – Battle Angel“ überhaupt genügend Resonanz an den Kinokassen erfahren wird, um eine Fortsetzung zu ermöglichen. Dagegen wird man zum Abschluss mit dem Anblick eines längst verschollen geglaubten Hollywoodstars in der Rolle des großen, in Zalem lebenden Antagonisten Nova belohnt, den man bis dato im Film immer nur als mysteriösen Strippenzieher im Hintergrund vernommen hatte, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Wer dies sein könnte, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht. Irgendwelche Tipps? Der Gewinner bekommt zur Belohnung ein Stück selbst gemachter Seife.

Ein Fest für Augen und Ohren

Die große Stärke von „Alita – Battle Angel“ ist auf jeden Fall die visuelle Gestaltung. Die Kombination von James Camerons Trickfirma Lightouse Entertainment mit den Kreativen der Troublemakerstudios von Robert Rodriguez kommt hier zur vollen Entfaltung. Denn nur mit realen Requisiten kann man eine zeitgemäße, technisch anspruchsvolle und publikumswirksame Manga-Verfilmung kaum gewährleisten. Und ich kann sagen, dass hier tricktechnisch beste Arbeit geleistet wurde, sieht der Film doch einfach phänomenal aus. Iron City, die variationsreichen Cyborg-Kreationen, die alles überthronende Stadt Zalem, die zahlreichen toll choreografierten Kämpfe, das imposante Ereignis Motorball – ein wahres Fest für die Augen. Und glücklicherweise nicht nur Mittel zum Zweck, entdeckt man in der Arbeit doch stets auch die Liebe daran. Insbesondere die Figur der Alita ist besonders gelungen, handelt es sich hier doch um eine digitalisierte, verjüngte Version der 33-jährigen Hauptdarstellerin Rosa Salazar. Große Manga-Kulleraugen inklusive. Die Künstlerinnen und Künstler von Lighthouse bewiesen hier nach „Avatar“ erneut ihr Können im Umgang mit Motion Capturing, und es ist erstaunlich zu sehen, welchen Fortschritt die Technik mittlerweile gemacht hat. Auch werden die 3D-Effekte hier tatsächlich mal sinnvoll eingesetzt. Ebenso lohnt es sich, den Film in einem IMAX-Kino anzuschauen, wurden doch etwa 40 Minuten des Films speziell dafür produziert. Und auch das imposante Sounddesign ist imstande, die Kinosessel gelegentlich in vibrierende Massagestühle zu verwandeln.

So viel Zeit muss sein: Entdeckt Alita im Cyber-Jacker Hugo die große Liebe?

Die Besetzung der Hauptfigur Alita vertraut Rodriguez mit Rosa Salazar einer Schauspielerin an, die einem größeren Publikum bisher wohl bestenfalls aus ihren Auftritten in zwei Filmen der „Maze Runner“-Trilogie bekannt sein dürfte. Mit 33 Jahren sollte „Alita – Battle Angel“ für sie nun das große Los zum Durchbruch sein. Sie macht aber auch einen wirklich phänomenalen Job. Schafft sie es doch nicht nur, ihrer Alita mit jugendlich-naiver, neugieriger und positiver Seele mit viel Herz Leben zu verleihen, sondern auch den körperlichen Aspekten der zahlreichen intensiven Kampfszenen gerecht zu werden. Hierfür nahm Salazar nicht nur monatelang Unterricht in verschiedenen Kampfsportarten, auch eine Reihe der Stunts übernahm sie selbst. Da sie dennoch über gleich neun verschiedene Stunt-Doubles verfügte, lässt sich vermutlich erahnen, dass es bei der Manga-Verfilmung ordentlich zur Sache geht. Ein weiteres neues Gesicht ist Keean Johnson, der als Alitas Love Interest, Cyber-Jacker Hugo, ebenfalls überzeugen kann. Ein unbeschriebenes Blatt im wahrsten Sinne des Wortes – hat er doch bislang nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Das dürfte sich bald ändern.

Rodriguez dirigiert aber auch eine ganze Reihe bekannter Schauspielgrößen durch sein Werk, die mit einer gehörigen Portion Oscar-Glanz ausgestattet sind: Christoph Waltz (Oscars für „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“) gibt gewohnt souverän Alitas väterlichen Mentor Dr. Ido, der seine ganz eigenen Geheimnisse zu hüten pflegt. Er wurde Rodriguez übrigens von einem weiteren kongenialen Kumpel aus dem Filmbusiness ans Herz gelegt: Quentin Tarantino. Jennifer Connelly (prämiert für „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) spielt dessen Ex-Frau Chiren, die ebenfalls ein erhöhtes Interesse an Alita entwickelt. Gleiches gilt für den zwielichtigen und mit besten Verbindungen zu Zalem ausgestatten Motorball-Macher Vector, dargestellt von Mahershala Ali (ausgezeichnet für „Moonlight“ und vielleicht auch bald für „Green Book – Eine besondere Freundschaft“). Schade nur, dass gerade die von Connelly und Ali verkörperten Figuren vergleichsweise wenig Screentime zugestanden bekommen und für zwei so ausgeprägte Talente der Schauspielkunst ein Stück weit zu blass konzipiert worden sind.

Alita betritt die Motorball-Arena

Der Rest des Casts ist wie für Rodriguez typisch mit einer Reihe von Genrestars besetzt, die mitunter auch gerne schon längere Zeit mal vom Radar verschwunden waren. Jackie Earle Haley („Watchmen – Die Wächter“) etwa verkörpert die von Antagonist Nova kontrollierte Cyborg-Monstrosität Grewishka, die unsere Protagonistin vor einige Herausforderungen stellen wird. Michelle Rodriguez („Avatar“) gibt einer wichtigen Persönlichkeit aus Alitas Vergangenheit ihr ebenfalls komplett digitalisiertes Gesicht. Und selbst Casper Van Dien („Starship Troopers“) darf sein Comeback in einer großen Kinoproduktion feiern. Und dann ist da natürlich noch der britische Rapper und Schauspieler Ed Skrein („Deadpool“) in der Rolle des Zapan, des am meisten gefürchteten Jäger-Kriegers von Iron City. Aufgrund seiner ausgeprägten Badass-Fertigkeiten übrigens auch die heimliche Lieblingsfigur des Regisseurs.

Ein bisschen Spaß muss sein

Trotz der kleineren Schwächen des etwas überladenen Drehbuchs, das sich gelegentlich im eigenen rasanten Erzähltempo selbst zu überholen scheint, sowie dem allzu offensichtlichen offenen Ende für weitere Fortsetzungen bietet „Alita – Battle Angel“ dennoch allerbeste Kino-Unterhaltung. Die Bildgewalt ist einfach fantastisch und die Liebe zum Detail überzeugt. Die gesunde Balance aus bombastischer, toll inszenierter Action-Sequenzen mit leiseren und sogar humorvollen Tönen stimmt ebenfalls. Insbesondere das aus der Manga-Vorlage entnommene Zukunftsszenario überzeugt mit seiner Stimmigkeit, wobei die kreativen Erweiterungen durch die Filmschaffenden unter Führung von Cameron und Rodriguez diesem sogar einen deutlichen Mehrwert verleihen. Dank der tollen 3D-Effekte erwacht die imposante Iron City mit tollen Kulissen und vielfältigem Figurenensemble jederzeit zum Leben. Und die Hauptfigur Alita muss man einfach gern haben als Mischung aus herzensgutem, liebem Mädchen und tödlicher Kampfmaschine. „Alita – Battle Angel“ ist also glücklicherweise nicht mehr Schein als sein, denn liegt hier unter der visuell beeindruckenden Fassade ein äußerst unterhaltsamer Film bereit – den man auf jeden Fall im Kino genießen sollte. Und wenn man dann, während man beispielsweise staunend das beeindruckende Motorball-Spektakel beobachtet, durch die Bässe des Sounddesigns in seinem Kinosessel durchgerüttelt wird – dann muss sich auch die noch so zarte Cineasten-Seele eingestehen, dass hin und wieder eine Portion guten alten Popcorn-Kinos ganz guttun kann. Es kann auch einfach mal Spaß machen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von James Cameron – auch seine Produktionen – sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jennifer Connelly unter Schauspielerinnen, Filme mit Mahershala Ali, Ed Skrein und Christoph Waltz in der Rubrik Schauspieler.

Brot und Spiele für das Volk: das äußerst brutale Spektakel Motorball

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Alita – Battle Angel
KAN/ARG/USA 2019
Regie: Robert Rodriguez
Drehbuch: James Cameron, Laeta Kalogridis, Robert Rodriguez, nach der Manga-Reihe „Gunnm“
Besetzung: Rosa Salazar, Christoph Waltz, Jennifer Connelly, Mahershala Ali, Ed Skrein, Keean Johnson, Michelle Rodriguez, Casper Van Dien, Jackie Earle Haley, Elle LaMont, Jeff Fahey, Eiza González, Derek Mears, Lana Condor, Sam Medina, Billy Blair, Alan Nguyen
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

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