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The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück: Heldenmut im Vietnamkrieg

The Last Full Measure

Von Lucas Gröning

Kriegsdrama // Sehnen wir uns nicht alle nach Helden? Nach Vorbildern, an deren beispiellosen Taten wie uns orientieren können und deren Charaktereigenschaften universell in Kategorien wie „gut“ und „richtig“ eingeordnet werden können? Hingabe gehört natürlich zu diesen Eigenschaften, genauso wie Mut, Tapferkeit und Selbstlosigkeit. Eine Person, die im klassischen Sinne als ein solches Vorbild dienen könnte, ist wohl William H. Pitsenbarger, ein ehemaliger US-Soldat, der für die Amerikaner bis zu seinem Tod im Vietnamkrieg kämpfte. Er starb am 11. April 1966 , während er eine Gruppe GIs versorgte, die sich in einer ausweglosen Situation befand. Für seine Verdienste, besonders in dieser Situation, wurde er posthum mit dem Air Force Cross ausgezeichnet, der zweithöchsten militärischen Auszeichnung der amerikanischen Luftstreitkräfte. Im Jahr 2000 wiederum wurde Pitsenbarger sogar die höchste Ehrung Medal of Honor zuteil. Mit „The Last Full Measure“ widmet sich nun ein Film den Ereignissen rund um den 11. April 1966 und den Bemühungen, Pitsenbarger und seinen Heldenmut nachträglich zu würdigen.

Scott Huffman (r.) ist als Jurist im Pentagon tätig

Regisseur Todd Robinson, der auch das Drehbuch schrieb, ist vor allem durch das Krimidrama „Lonely Hearts Killers“ (2006) mit John Travolta, Salma Hayek und Jared Leto sowie den Militär-Thriller „Phantom“ (2013) mit Ed Harris bekannt – bei beiden war er ebenfalls für Drehbuch und Regie in Personalunion tätig. Für „The Last Full Measure“ holte sich Robinson gleich eine ganze Reihe von Hollywood-Legenden, die die Darstellung der einzelnen Charaktere übernahmen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen die Oscar-Preisträger Christopher Plummer („Beginners“) und William Hurt („Kuss der Spinnenfrau“) sowie die Oscar-Nominierten Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“) und Ed Harris („Apollo 13“). Für den zwei Mal ebenfalls für den Oscar nominierten Peter Fonda („Easy Rider“), sollte es die letzte Rolle vor seinem Tod im Jahr 2019 werden. Die Hauptrolle des fiktiven Charakters Scott Huffman wird von Sebastian Stan verkörpert, der einem breiten Publikum vor allem durch seine Darstellung des Winter Soldiers Bucky Barnes aus dem Marvel Cinematic Universe bekannt sein dürfte.

Zwei Formen von Ästhetik

„The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ konzentriert sich zunächst auf den erwähnten Scott Huffman. Dieser ist im Jahr 1998 im Stab des Pentagons als Anwalt tätig und wird damit beauftragt, eine Anfrage des Vietnam-Kriegsveterans Tully (William Hurt) und der Eheleute Frank und Alice Pitsenbarger (Christopher Plummer, Diane Ladd) zu bearbeiten, die darauf abzielt, dem in Vietnam gefallenen US-Soldaten William Pitsenbarger (Jeremy Irvine) 32 Jahre nach dessen Tod für die zu Beginn geschilderten Ereignisse die Medal of Honor zu verleihen. Huffman geht der Sache auf die Spur und sucht dazu das Gespräch mit Überlebenden des Gefechts von damals. Er trifft auf die Vietnam-Kriegsveteranen Takoda (Samuel L. Jackson), Mott (Ed Harris) und Burr (Peter Fonda), die ihm ihre Versionen der damaligen Ereignisse schildern. Mit der Zeit kommt Huffman einer Verschwörung auf die Spur, mit deren Aufklärung er womöglich seine Karriere gefährdet. Angesichts der Schwangerschaft seiner Frau Tara (Alison Sudol) stellt ihn das vor ein Dilemma.

Der Vietnam-Veteran Tully will einen gefallenen Kameraden ehren

Der Film erzählt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen: Zum einen sehen wir Huffman und die andere Protagonisten, wie sie im Jahr 1998 für die Auszeichnung Pitsenbargers mit der Medal of Honor streiten. Zum anderen zeigt uns das Kriegsdrama die Begebenheiten rund um die Schlacht im Jahr 1966 und schildert uns so die Blicke der Kriegsveteranen auf die Taten des gefallenen Soldaten. Beide Zeitstränge sind stilistisch klar voneinander abgegrenzt. Dominieren auf der Gegenwartsebene vor allem helle, satte Farbpaletten und ruhige Kamerabilder zur Unterstützung einer gewissen Idylle, wird der kriegerische Konflikt der Vergangenheitsebene durch schwach gesättigte, graue Töne, sowie hektische Kamerabewegungen und schnelle Schnitte gekennzeichnet.

Heldenhafter Einsatz: William Pitsenbarger

Diese formale Gestaltung der gezeigten Bilder spiegelt sich nicht nur auf visueller Ebene wider, sondern auch auf symbolischer. In der Vergangenheit werden dem Zuschauer durch die Bilder Krieg, Leid, Tod und Verderben suggeriert. Das bildet einen starken Kontrast zur Ästhetik der Gegenwartsbilder, die uns sowohl durch die gealterten Gesichter der Veteranen als auch durch die ausgestrahlte Idylle und die Handlungen anderer Personen verdeutlichen, dass der Krieg weit weg von der Lebensrealität der amerikanischen Bevölkerung ist. Sehen wir in Vietnam noch um ihr Leben rennende Soldaten, explodierende Granaten und verblutende Menschen, so begegnen uns in den USA riesige Springbrunnen, idyllische Vorgärten und Kinder, die im Schulbus mit Papierfliegern spielen. Vor allem das häufige Auftauchen von Kindern fällt ins Auge und suggeriert so im Kontrast zum Vietnam der 1960er-Jahre eine sichere Heimat, in der es sich wohlbehütet und in Sicherheit aufwachsen lässt.

Jede Menge Pathos

Zum anderen verweist der Film damit unterschwellig auf den Anteil der Soldaten an dieser wohlbehüteten Heimat. Er behauptet, jene, welche derart tapfer für ihre Heimat gekämpft haben, sind die eigentlichen Bewahrer des Friedens und haben somit einen großen Teil zu dieser wohlhabenden Gemeinschaft beigetragen. Überhaupt lässt „The Last Full Measure“ keine Chance aus, die Veteranen und natürlich vor allem den gefallenen Soldaten mit größtem Pathos in den Himmel zu loben, emotionalisierende musikalische Untermalung inklusive. Zugleich drehen sich auch die platten Dialoge oftmals um Themen wie Mut, Selbstlosigkeit und Ehre. Mehrmals werden die Soldaten als Helden bezeichnet, wobei zusätzlich ihre eigene Selbstlosigkeit und vor allem Bescheidenheit herausgearbeitet wird. Gerade in der ersten Hälfte öffnet sich das Kriegsdrama doch recht stark einer patriotisch-konservativen Sichtweise, die die starken Soldaten als Beschützer und Behüter der großen Nation versteht. Zugleich hält der Film an mehreren Stellen die klassische Familie als leuchtendes Beispiel einer idealen Gemeinschaft in einer Gesellschaft hoch und unterstreicht diesen Konservatismus damit zusätzlich.

Takoda erinnert sich an seine Zeit in Vietnam

In der zweiten Hälfte des Films ändert sich dieses Bild jedoch in weiten Teilen. Plötzlich werden auch bei den Veteranen menschliche und sensible Seiten bearbeitet. Plötzlich werden Schwächen zugelassen und die Veteranen wirken nicht länger wie die verbitterten alten Kampfmaschinen, die nichts weiter als Anerkennung für ihre Leistungen im Krieg wollen. Es werden andere Motive sichtbar, die vor allem auf ein Vergessen und Verdrängen der durchlebten Ereignisse abzielen. Hier bricht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ ansatzweise mit seiner konservativen Attitüde und öffnet sich für einen breiten Diskurs, ohne seine Haltung im Grundsatz zu verändern. Dennoch zeichnet sich hier eine demokratische und eben nicht absolutistische Einstellung ab, von der „The Last Full Measure“ ab der zweiten Hälfte gekennzeichnet ist. Der Film vertritt immer noch die Werte der ersten Hälfte, ist aber klug genug, diese zu hinterfragen. Wir sehen uns dann mit Fragen konfrontiert, die auf ein tatsächliches Heldendasein der Kriegsveteranen abzielen – so rückt etwa die Frage in den Vordergrund, ob die Existenz von Helden in einem derart grausamen Zustand wie dem Krieg überhaupt möglich ist.

Konservativ, aber dem Diskurs geöffnet

Alles in allem hat Todd Robinson mit „The Last Full Measure“ ein ordentliches Kriegsdrama inszeniert. Der Film ist technisch auf einem anständigen Niveau und bietet für beide dargestellten Zeitebenen eine eigene Ästhetik, wobei die Szenen im Vietnamkrieg aus meiner Sicht noch ein bisschen düsterer hätten sein können. Hier sind die Schauplätze zum Teil zu sauber ausgeleuchtet und gerade beim Einfall von grellem Licht kann das einen recht unpassenden Blendeffekt verursachen. Auch die Musik bietet zum Teil wunderbare Stücke, die allerdings in vielen Momenten zu pathetisch wirken. Dieser Pathos unterstützt, vor allem in der ersten Hälfte, eine sehr patriotisch-konservative Ideologie, die sich in der zweiten Hälfte zumindest für eine diskursive Auseinandersetzung öffnet und sich somit in eine Reihe mit beispielsweise „Der Soldat James Ryan“ (1998) und „American Sniper“ (2014) stellt. Die geistige Höhe eines Kriegsdramas wie etwa „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ (2016) oder gar „Apocalypse Now“ (1979) erreicht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ zu keinem Zeitpunkt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ed Harris und Samuel L. Jackson haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Huffmans erwarten Nachwuchs

Veröffentlichung: 24. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Last Full Measure
USA 2019
Regie: Todd Robinson
Drehbuch: Todd Robinson
Besetzung: Christopher Plummer, Samuel L. Jackson, Sebastian Stan, Bradle Whitford, Ed Harris, Diane Ladd, Jeremy Irvine, Michael Imperioli, Alison Sudol, Linus Roache, Peter Fonda, William Hurt, Zach Roerig, Ser’Darius Blain, Amy Madigan
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Universum Film

 

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Mother! Radikale Schöpfungsgeschichte

Mother!

Kinostart: 14. September 2017

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Der neue Film von Darren Aronofsky („Noah“) kam mehr oder weniger aus dem Nichts: Gerade mal knapp sechs Wochen lagen zwischen dem ersten Trailer und dem Kinostart. Die Clips ließen dann auch kaum Rückschlüsse darauf zu, worum es in „Mother!“ eigentlich geht. Eine verstörte Jennifer Lawrence taumelt darin durch eine Ansammlung von mysteriös anmutenden Szenen. Alles wirkt irgendwie gespenstisch. Dazu passt, dass Aronofsky sich dazu entschied, seinen Figuren keine Eigennamen zu geben. Sie werden noch nicht mal in irgendeiner Form angeredet. Jennifer Lawrence spielt „Mother“, Javier Bardem wird im Abspann nur mit „Him“ bezeichnet. Auch den Nebenfiguren ergeht es nicht anders: So heißt Ed Harris’ Charakter schlicht „Man“ und Michelle Pfeiffer „Woman“.

Ungebetene Gäste

Die Figuren von Lawrence und Bardem leben in einem abgelegenen Landhaus, welches einst durch ein Feuer zerstört wurde. Während sie das Haus restauriert, versucht der erfolgreiche Autor, seinen nächsten Roman in Angriff zu nehmen. Doch eine Blockade hat sich in ihm breitgemacht – er bekommt keinen ordentlichen Satz aufs Papier geschrieben. Das Paar wird eines Abends durch das Klopfen eines Fremden gestört. Der ältere Herr (Harris) gibt an, er habe gedacht, dass es sich bei dem Haus um eine Pension handelt. Ohne mit seiner Frau Rücksprache zu halten, lädt der Autor den Fremden dazu ein, bei ihnen zu übernachten.

Von Visionen geplagt

Bald stellt sich heraus, dass der Neuankömmling in Wahrheit ein großer Verehrer des Autors ist. Der Mann leidet an einer tödlichen Krankheit. Bevor er stirbt, wollte er den Schriftsteller unbedingt persönlich kennenlernen. Der Autor fühlt sich zutiefst geehrt und ist auch nicht darüber erstaunt, dass am nächsten Tag auch noch die Frau (Pfeiffer) des Fremden vor der Tür steht. Die beiden benehmen sich seltsam, tun so, als ob sie in dem Landhaus zu Hause sind. Sie lassen alles herumliegen und zeigen keinerlei Respekt gegenüber den Eigentümern. Während den Autor das in keinster Weise zu stören scheint, wird seine Frau gegenüber den ungebetenen Gästen immer misstrauischer. Dazu kommt, dass sie von Visionen geplagt wird. Es scheint so, als ob das Haus ein Eigenleben entwickelt. Die Flurdielen beginnen vor ihren Augen zu bluten und hinter den Wänden pocht es, als sei dort ein schlagendes Herz verborgen.

Gefühl der Ohnmacht

Diese Vorkommnisse sind nur der Beginn einer Reihe von seltsamen Ereignissen, denen Lawrence’ Figur ausgesetzt wird, die sich langsam aber sicher in ein albtraumhaftes Szenario steigern, aus dem es für sie keinen Ausweg zu geben scheint. Verstärkt wird dieses Gefühl der Ohnmacht durch eine ähnliche Technik, wie sie Aronofsky auch schon in seinem Oscar-gekrönten „Black Swan“ anwendete: Fast der gesamte Film wird aus der Perspektive von Lawrence’ Mother erzählt. Extreme Close-ups und die eliptische Erzählweise, in der die Handlung schnell hin- und herspringt, sorgen dafür, dass auch der Zuschauer dem Treiben kaum entrinnen kann. Die Hauptdarstellerin muss dabei noch größeres Leid über sich ergehen lassen als Natalie Portman in „Black Swan“. Wieder einmal eine starke Leistung des „Tribute von Panem“-Stars Lawrence, die sich nicht auf ihren Oscar-Lorbeeren ausruht, sondern sich mit dieser intensiven Rolle fordert.

Suche nach der Ursache

Ohne Frage wird „Mother!“ wegen seiner Radikalität die Gemüter spalten. Von Aronofsky hätte man allerdings etwas mehr Substanz erwarten können als diese stark inszenierte, aber recht seelenlose Abhandlung über den Teufelskreis, in dem jeder Künstler und dessen Muse gefangen sind, wenn er seine Werke mit der Öffentlichkeit teilt. Durch diese Allgemeingültigkeit ist es somit nur konsequent, dass der Regisseur seinen Figuren keine Namen gegeben hat.

Schwangere im Chaos

In der ersten Hälfte wirkt das alles noch sehr intim, wie ein kammerspielartiger Haunted-House-Horrorfilm. Ein wohliger Grusel macht sich breit. „Was zum Teufel geht hier vor?“, fragt man sich fortwährend. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, umso mehr steigert sich das Chaos im Gebäude und zahlreiche absurde Banalitäten nehmen überhand. Während immer mehr Menschen in das Haus strömen und die inzwischen schwangere Lawrence keine Unterstützung mehr von ihrem Mann erhält, verkommt Aronofskys Schöpfungsgeschichte zu einem visuell überbordenden Sündenfall mit teils brutalen Momenten, der dank der großartigen Stars zwar fasziniert, den Zuschauer am Ende aber aufgrund der allzu schlichten Erzählung enttäuscht zurücklässt. Viel Lärm um nichts.

Am Ende regiert das Chaos

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Darren Aronofsky haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jennifer Lawrence, Kristen Wiig, Domhnall Gleeson und Ed Harris in der Rubrik Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Mother!
USA 2017
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Besetzung: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Kristen Wiig, Brian Gleeson, Domhnall Gleeson, Jovan Adepo
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Paramount Pictures Germany

 

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Duell – Enemy at the Gates: Der Held von Stalingrad

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Enemy at the Gates

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Der russische Scharfschütze Vassili Zaitsev (1915–1991) erschoss Ende 1942 während der Schlacht von Stalingrad angeblich 225 deutsche Soldaten, darunter etliche Offiziere. Dafür feierte ihn die sowjetische Propaganda. Zaitsev erhielt etliche Orden und wurde zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt.

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Duell: Vassili bekommt es …

Jean-Jacques Annauds („Der Name der Rose“) freie Verfilmung von Zaitsevs Erlebnissen in Stalingrad hat große Qualitäten als packende Kriegs-Action, ist aber schon bei ihrer Premiere als Eröffnungsfilm der Berlinale 2001 wegen zu viel Heldenpathos scharf kritisiert worden und bis heute bei uns nicht auf Blu-ray erschienen. Das verwundert etwas, hat doch der in Deutschland gedrehte Film einige deutsche Schauspieler in der Besetzung, darunter Eva Mattes und Matthias Habich.

Im Fahrwasser von „Der Soldat James Ryan“

Drei Jahre nach Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ entstanden, der dem Kriegsfilmgenre einen Aufwind brachte, orientiert sich der Film bei der Eingangssequenz eindeutig an der von Spielbergs Invasionsdrama: Wenn Vassili (Jude Law) mit vielen anderen jungen Rekruten die Wolga überquert, um in den Kampf um Stalingrad einzugreifen, und ihre Boote von deutschen Sturzkampfbombern angegriffen werden, ist der Blutzoll enorm, viele Soldaten werden von deutschen Kugeln durchsiebt, andere, die in Panik in die Wolga springen, von Politkommissaren der Roten Armee erschossen. Das ist nicht ganz so intensiv wie Spielbergs erste halbe Stunde am Strand der Normandie, kommt aber nah heran.

Als Vassili kurz darauf im von Trümmern übersäten Niemandsland zwischen den Linien liegenbleibt, trifft er den Politkommissar Danilov (Joseph Fiennes), der einige Feinde erschießen will, sein Gewehr aber nicht ruhig platzieren kann. Vassili, der nach dem Überqueren der Wolga keine Waffe abbekommen hatte, übernimmt Danilovs Gewehr und erschießt auf einen Schlag fünf Feinde.

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… mit dem Scharfschützen Major König zu tun

Später überredet Danilov den Generalleutnant Nikita Chruschtschow (Bob Hoskins), Vassilis Tat propagandistisch auszuschlachten und den Scharfschützen zum Helden hochzustilisieren. Das gelingt, und in der Folge tötet Vassili mehr und mehr deutsche Offiziere. Bald jedoch gerät er selbst ins Fadenkreuz: Der hochdekorierte deutsche Major König (Ed Harris) wird nach Stalingrad entsandt, um den sowjetischen Helden zu töten. Es beginnt ein Duell auf Augenhöhe mit offenem Ausgang. Die beiden Scharfschützen belauern einander, warten auf einen tödlichen Fehler ihres Gegenübers.

Vergleiche mit Clint Eastwoods „American Sniper“

Das historisch nicht verbürgte Aufeinandertreffen Zaitsevs mit seinem Widersacher erzeugt phasenweise Armlehnenkraller-Spannung wie selten im Kriegsfilm. Dafür ist „Duell – Enemy at the Gates“ kritisiert worden – es reduziere eine der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs auf ein Duell zweier Scharfschützen, verkläre obendrein einen davon zum Helden. Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch ist der Film weit höher einzuschätzen als Clint Eastwoods „American Sniper“, der aufgrund seiner Scharfschützenthematik und des ebenfalls realen Hintergrunds vergleichbar ist, aber seine Figur weitaus propagandistischer ausschlachtet als das bei Annaud der Fall ist.

Die Psychologie des Scharfschützen

Dafür fehlt bei Annaud ein psychologisches Moment: Was macht das Dasein als Scharfschütze mit dem Menschen Vassili? Immerhin bekommt er bei jedem Schuss unmittelbar die Wirkung mit: den Tod eines Menschen per Kopfschuss. Und das x-fach. Wühlt ihn das auf? Spielt sich in Vassilis Innern ein Konflikt ab? Legt er sich einen psychologischen Schutzmantel zu? Oder Schutzbehauptungen – etwa, dass die Deutschen alle Monster seien? Rechtfertigt er sein Tun als Verteidigung gegen einen Aggressor (was ja der Wahrheit entspricht)? Nichts dergleichen ist zu bemerken, nicht zu Beginn, nicht später, auch kein mit der Gewohnheit daherkommendes Abstumpfen. Jude Law spielt Vassili als Soldaten, der seinem tödlichen Handwerk unbeirrt nachgeht. Die Schrecken des Krieges in den Trümmern von Stalingrad lassen ihn zwar nicht kalt, aber seinen eigenen Anteil daran hinterfragt er zu keinem Zeitpunkt.

„Duell – Enemy at the Gates“ ist Spannungskino und Heldenkino, für eine Antikriegs-Botschaft demnach nicht zu gebrauchen. Auch die Kritik russischer Stalingrad-Veteranen ist ernst zu nehmen, nach der ihre Kriegswirklichkeit unsauber dargestellt worden sei. Überflüssig wirkt zudem Vassilis Liebesgeschichte mit der Soldatin Tania (Rachel Weisz).

Jude Law und Ed Harris überzeugen

Beim Schreiben unmittelbar nach meiner zweiten Sichtung des Films merke ich, wie mir immer mehr Kritikpunkte in den Sinn kommen. Das wundert mich etwas, weil er mir an sich auch beim zweiten Mal sehr gut gefallen hat. Vielleicht nur an der Oberfläche? An der Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller Jude Law und Ed Harris ist jedenfalls nichts auszusetzen – mit der Einschränkung bei Jude Law, was dessen fehlenden inneren Konflikt angeht (siehe oben).

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Für Vassilis Gefühle für Tania bleibt kaum Zeit

Die für beide Seiten entsetzlichen Ereignisse von Stalingrad hat „Duell – Enemy at the Gates“ jedenfalls nicht adäquat aufgearbeitet. Es wird wohl Zeit, mal wieder Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“ von 1993 und Frank Wisbars „Hunde, wollt Ihr ewig leben“ von 1959 zu schauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ed Harris und/oder Jude Law sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Februar 2010 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Enemy at the Gates
USA/F/D/GB/IRL 2001
Regie: Jean-Jacques Annaud
Drehbuch: Jean-Jacques Annaud, Alain Godard
Besetzung: Jude Law, Ed Harris, Joseph Fiennes, Rachel Weisz, Bob Hoskins, Ron Perlman, Eva Mattes, Matthias Habich, Sophie Rois, Clemens Schick, Robert Stadlober
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2010 Constantin Film

 

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