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Schlagwort-Archive: Edgar Allan Poe

Gewinnspiel: 1 x Das Geheimnis des Dr. Mirakel als Blu-ray in der „Classic Chiller Collection“

Verlosung

Im Paris des Jahres 1845 werden junge Frauen entführt und ermordet. Die Spur führt zu einem Jahrmarkt-Schausteller (Bela Lugosi). „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ („Murders in the Rue Morgue“, 1932) basiert auf einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe. Das kleine Label Ostalgica hat den Pre-Code-Horrorfilm im Rahmen seiner „Classic Chiller Collection“ in schöner 3-Disc-Edition mit Blu-ray und zwei CDs (!) veröffentlicht – auf der Blu-ray befindet sich sogar ein Bonusfilm, der Krimi „The Death Kiss“ aus demselben Jahr, ebenfalls mit Bela Lugosi. Das Label hat uns ein Exemplar zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerin oder des Gewinners.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme sind bis Sonntag, 7. Juni 2020, 22 Uhr, mittels Kommentar unter dem Gewinnspiel folgende Fragen zu beantworten, was euch nach Lektüre von Ansgars Rezension des Films keine Probleme bereiten sollte:

1. Von welchen Wesen ist Dr. Mirakel fasziniert, weil er sie für die ursprüngliche Form des Menschen hält?

2. Für welchen Film setzte sich der Kameramann von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ im selben Jahr auf den Regiestuhl?

3. Der Darsteller der Kreatur traf 1938 in einem ähnlichen (oder gar im selben?) Kostüm auf zwei berühmte Komiker. Wie lautet der Titel des Films?

4. Welchen Namen trug der Darsteller des Protagonisten Pierre Dupin zum Zeitpunkt der Entstehung des Films noch?

5. Welchen Film wünscht sich Rezensent Ansgar als passende Ergänzung für die „Classic Chiller Collection“?

Einen Fehlschuss gebe ich euch – jeder hat ja mal einen Blackout, daran soll die Teilnahme nicht scheitern, also landet Ihr mit vier korrekten Antworten im Lostopf. Minimal fehlerhafte Schreibweisen und Tippfehler toleriere ich, wenn klar ist, wer oder was gemeint ist. Alle Kommentare werden erst nach Ende der Abgabefrist veröffentlicht. Während der Laufzeit des Gewinnspiels werde ich nach und nach die Namen aller bislang eingegangenen Kommentatorinnen und Kommentatoren hier unten auflisten.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf von zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Bislang teilgenommen haben (mit fünf korrekten Antworten, sofern nicht anders vermerkt):

01. Jens Albers
02. Jörg Ruland
03. Michael Behr
04. Andreas H. landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
05. Markus Tump landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
06. Reinhold Strangalies landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
07. Jens
08. Sascha Nolte landet trotz falscher Antwort auf Frage 3 im Lostopf.
09. Dirk B.
10. Klaus
11. Mathias Wagner
12. René Zunk
13. Björn Kramer
14. Rüdiger Kwade landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
15. Jörg Krömer landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
16. Thomas Oeller
17. Birgit
18. Sascha Grunert landet trotz falscher Antwort auf Frage 4 im Lostopf.
19. Alexandra Jotter
20. Thomas Hortian
21. Adrian Lübke

Trommelwirbel! Es gewinnt: Jörg Ruland! Herzlichen Glückwunsch, du wirst benachrichtigt.

Die Rezension von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Edgar Allan Poe: Ungewöhnliche Geschichten – Leider nur die Hälfte des Kuchens

Histoires extraordinaires

Von Tonio Klein

Mystery-Serie // Als in französisch-mexikanisch-deutscher Koproduktion sechs Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe adaptiert worden waren, strahlte auch das bundesdeutsche Fernsehen sie schon 1981 aus – im Jahr der Erstveröffentlichung. Hiernach waren sie lange verschwunden, bis Pidax Film Anfang 2020 drei Folgen auf einer DVD veröffentlichte. Für die übrigen drei liegt dem Label leider keine deutsche Synchronisation vor. Immerhin gibt es mit Fanny Ardant und Mathieu Carrière in „Der Untergang des Hauses Usher“ sowohl die größte Star-Power als auch den bekanntesten, mehrfach verfilmten Poe-Titel. Und ausgerechnet diese Folge fehlt. Halten wir uns also an das, was die DVD zu bieten hat. Und da finden sich drei außergewöhnliche Schätze. Sie alle belassen Poes Geschichten in der Entstehungszeit und lehnen sich recht eng an die jeweilige Vorlage, drücken dem Ganzen dann aber doch einen eigenen Stempel auf. Dies macht unter anderem ihren großen Reiz aus. Poes Geschichten sind eine Basis, die weiterentwickelt, auch verändert, aber nie nur als leere Hülle missbraucht wird. Wie zeigt sich dies in den einzelnen, abgeschlossenen Episoden?

Existenzialistische Schnitzeljagd – „Der Goldkäfer“

Die Episode ist versiert von Maurice Ronet inszeniert, der ansonsten hauptsächlich als Schauspieler agierte. In ihr begeben sich Ulysse (Vittorio Caprioli), sein ergebener Diener Jupiter (Leopoldo Francés) und eine schließlich nur noch aus zwei Personen bestehende Schiffsmannschaft zwecks Schatzsuche auf eine „südlich“ wirkende Insel (bei Poe Sullivan’s Island). Kaum Zufall, dass der bei Poe namenlose Erzähler zu Ulysse wird, also der französischen Bezeichnung für Odysseus: Eine Odyssee müssen auch die Männer bestehen. Die Schnitzeljagd bietet neben Skarabäen- und Todessymbolik ausgeklügelte Dechiffriertaktik sowie jede Menge Seemannsgarn. Zudem hat die Folge diverse Schauwerte, da sich auf der Insel außer Tropen- und Wüstenlandschaften auch eine fast schon abstrakt monochrome Höhle befindet. All dies stünde sicherlich auch einem Indiana Jones gut an, geht aber in eine ganz andere Richtung. Von Anfang an müssen wir fürchten, dass Ulysse nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Diese Mutmaßung wird auch offen ausgesprochen, und die Folge ist die einzige der DVD, die daraus einen Anflug von Humor zaubert. Letztlich schreckt der Film aber vor zu offensichtlichen Gags zurück, beispielsweise wenn unsere vier Dilettanten recht plump Fallen legen und wir darauf warten, dass sie selbst in diese segeln. Es wird böse, und das Ende ist etwas abrupt. Wir ahnen das Schicksal aller, sehen es aber nicht mehr bei allen.

„Der Goldkäfer“: Beim Jupiter, was für eine Odyssee – der Schatzsucher und sein Diener

Gerechtfertigt ist dies durch einen Kniff, eben der Mehrwert gegenüber Poe, der sich in der Vorlage stark für das Dechiffrieren einer Geheimbotschaft interessierte. Zentral ist Ulysses Aussage, es sei letztlich egal, ob man den Schatz finde – Hauptsache, man suche ihn. Hier steckt mehr Sartre als Poe im Drehbuch, ist dieser Monolog doch geradezu existenzialistisch geprägt. Der Mensch als einziges Wesen, dessen Existenz der Essenz vorausgehe und der doch daran verzweifeln könne, dass er sei, ohne zu wissen, warum und zu welchem Zweck. Die Schatzsuche als Sinnsuche. Oder, um neben Sartre noch Kästner zu erwähnen: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Wobei nicht zuletzt eine herrlich falsch gespielte Volksmusik über dem Abspann sarkastisch unterstreicht: Das Gute endet bös. Dies darf ruhig verraten werden. Keine der drei Folgen ist von einem Clou am Ende geprägt. Sie decken ihre Karten schon früh auf, aber auf das Wie kommt es an.

Bacchanal des Wahnsinns – „Die Methode von Dr. Thaer und Professor Fedders“

Auch hier lässt sich das Entscheidende bald ahnen: Die „Verrückten“ haben die französische Nervenheilanstalt, in der die Geschichte spielt, längst übernommen und die Rollen zwischen Insassen und Leitung/Personal vertauscht. Während „Der Goldkäfer“ die Suche nach einem Ort beschreibt, pflegen die anderen beiden Geschichten die Einheit des Ortes. Ebenfalls eng an Poe angelehnt, kommt der junge Lucien (Jean-François Garreaud) in ein Schloss, von dem er entgegen dem DVD-Klappentext aber schon vorher weiß, dass es sich um eine „Irrenanstalt“ handelt. Dort arbeite der Leiter, Dr. Maillard (Pierre Le Rumeur), angeblich nach der titelgebenden Methode, die den Insassen maximale Freiheit und Akzeptanz ihrer Gebaren und Vorstellungen erlaube. Maillard empfängt den Besucher überaus freundlich, wobei er berichtet, dass die Methode einen kolossalen Misserfolg gehabt habe und geändert werden musste. Der Einladung zum Dinieren kann und will sich Lucien nicht entziehen – doch dieses Fest wird ein wahres Bacchanal des Wahnsinns. Was so auch schon bei Poe vorkommt, wird unter der Hand des Regie-Meisters Claude Chabrol zu einer orgiastisch beunruhigenden Grenzerfahrung erster Güte. Dass die Grenzen zwischen angeblich verrückt und angeblich normal verschwimmen, war zur Entstehungszeit der Kurzgeschichte bemerkenswert modern. 1981, als längst einer über das Kuckucksnest geflogen war, hätte diese Pointe allein den Film aber kaum tragen können. Chabrol scheint das gespürt zu haben und uns wie sein Kollege in Episode 1 zu sagen: Auf das Wie kommt es an. Und da schöpft er aus dem Vollen, steigert den Wahnsinn peu à peu bis zum Surrealen, gar Ekligen, womit er uns in einen faszinierenden wie erschreckenden Sog zieht.

„Die Methode von Dr. Thaer und Professor Fedders“: Ausschnitt statt Aufschnitt beim Festmahl

Zum einen werden Klischeevorstellungen zur Wirklichkeit: Alte „Irren“-Witze beginnen häufig mit „Jemand hält sich für …“, aber hier ist auf einmal jemand ganz real ein Tier, zumindest auf der Tonspur. Zum anderen ist die Völlerei irgendwann ziemlich widerlich. Chabrol, der Gourmet, wird zum Gourmand. Und der Film eher zu „Das große Fressen“ (1973) seines Kollegen Marco Ferreri statt nur zu der Prise Gift, die Chabrol sonst seinen eigenen Menüs beimengt. Wilde Kostüme aus vergangenen Zeiten spielen auf die vorrevolutionäre Dekadenz des französischen Adels an. Und selbst noch bei der Musik lauert der Fehlerteufel im präzise gesetzten Detail: So herrlich falsch hat man noch kein Kammermusik-Ensemble „Plaisir d’amour“ spielen hören. Womit das schon die zweite Episode mit falscher Musik als Stilmittel ist. Schließlich hat Chabrol noch eine angedeutete Liebesgeschichte zwischen Lucien und der jungen Alice (Coco Ducados) eingebaut, wobei Alice – nicht nur symbolisch – erst maskiert und dann nackt ist. Das Ende ist aber so knapp, dass es Zweifel offenlässt und Kitsch vermeidet.

Künstliche Intelligenz, getürkt – „Maelzels Schachspieler“

Diese Episode inszenierte Juan Luis Buñuel, der beweist, etwas zu können, statt nur der Sohn des großen Luis Buñuel zu sein. Edgar Allan Poe hatte eine wahre Geschichte aufgegriffen, nämlich die des Schachtürken. Hierbei handelte es sich um einen als Türken gestalteten Roboter, der scheinbar wie ein Schachcomputer funktionierte, aber in dem ein Mensch versteckt war. Poe, den Vater des Detektivromans, interessierte die methodische Detektion des Tricks. Die Verfilmung geht weiter. Johann Nepomuk Mälzel, der wirklich mit dem Schachtürken die halbe Welt beeindruckt hatte, kommt hier als „Maelzel“ (Jean-Claude Drouot) nach Mexiko. Nach beeindruckender Vorstellung vor illustrer Gesellschaft offenbart der Film uns, dass sich ein Kleinwüchsiger namens Kronstadt (Rafael Muñoz) in der Apparatur verbirgt. Die schöne Eleonora (Diana Bracho) zeigt sich anscheinend verständnisvoll, aber in dem Mann aufkeimende Gefühle beschwören eine Tragödie herauf …

„Maelzels Schachspieler“: Anfangs- statt Schlussbild – Maelzel und Eleonora sind tot

Diese Episode deckt sogar schon zu Beginn eine Karte auf. Da sehen wir einen Mann und eine Frau tot auf dem Boden liegen. Lange Rückblende – und bald merken wir, dass es sich um Maelzel und Eleonora handelt. Auch hier kommt es also auf das Wie an. Für mich, der ich den Schachtürken bis dato nicht kannte, wirkte der erste Akt der Rückblende wie eine visionäre Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Und damit kann der Film noch heute punkten. Zumindest in Gedanken nimmt die Schilderung der angeblichen Fähigkeiten der Maschine nämlich Vieles der aktuellen KI-Diskussion tatsächlich schon vorweg. Ist eine Maschine lernfähig? Wenn ja: so sehr, dass sie nicht mehr unter dem Menschen stehen muss? Ist nicht eigentlich Gott das einzige Wesen über dem Menschen? Kann eine Maschine den Menschen übertreffen, obwohl sie von Menschen erschaffen wurde? Heute wissen wir, dass Letzteres zumindest bezogen auf die Rechenleistung zu bejahen ist. Was hingegen die mögliche Autonomie betrifft, ist die Frage so offen wie spannend. Zu ihr hat die Episode einiges zu sagen, auch wenn sie das damals vielleicht noch nicht geahnt hat. Ist nicht der „Zwerg“ eine Art rebellierende Maschine? Ein Wesen, das zur Maschine gemacht wird, dessen humane Existenz verleugnet wird, dessen Körper versteckt wird, das hier zudem nicht sprechen kann, also auch allegorisch „keine Stimme hat“? Und wird sich dieses Wesen das gefallen lassen? Der Film, der sich daneben detailliert der Detektion des Geheimnisses à la Poe widmet, führt also zu Gedankenspielen ganz eigener Art. Und er erzählt zudem eine so berührende wie beunruhigende Geschichte einer gepeinigten Kreatur. Ebenfalls sehr gelungen, wenngleich man mäkeln kann, dass die Schachpartien absurd schnell zu Ende gehen und von mehr als seltsamen Zügen geprägt sind. Hier kommen Filmfehler-Jäger auf ihre Kosten. Letztlich aber ein unwesentliches Detail.

Welches Bild bleibt, inhaltlich wie technisch?

Die jeweils knapp einstündigen Folgen können allesamt überzeugen, haben neben Poe-Werktreue einen jeweils faszinierenden Eigenwert und lassen den Ruf nach den anderen drei Folgen erschallen. Pidax Film bietet die Filme nur mit deutschem Ton und in altersangemessen guter, aber nicht aufpolierter Bildqualität.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Claude Chabrol haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD

Länge: 162 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassung: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Histoires extraordinaires (Le scarabée d’or / Le système du docteur Goudron et du professeur Plume / Le joueur d’échecs de Maelzel)
F/MEX/BRD 1981
Regie: Maurice Ronet, Claude Chabrol, Juan Luis Buñuel
Besetzung: Vittorio Caprioli, Leopoldo Francés, Jean-François Garreaud, Pierre Le Rumeur, Coco Ducados, Jean-Claude Drouot, Diana Bracho, Rafael Muñoz u. v. a.
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Alive AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Das Geheimnis des Dr. Mirakel – Frauen am Kreuz und Tierblut-Experimente

Murders in the Rue Morgue

Von Ansgar Skulme

Horror // Im nächtlichen Paris des Jahres 1845 verschwinden junge Frauen von der Straße und tauchen wenig später tot wieder auf. Merkwürdige Male an den Körpern der Opfer wecken das Interesse des Medizinstudenten und Hobby-Detektivs Pierre Dupin (Leon Ames). Die Spur führt zum Jahrmarkt – ein wunderbarer Platz, um täglich frische Opfer kennenzulernen. Unter den Schaustellern ist auch Dr. Mirakel (Bela Lugosi), der verdammt fasziniert von Gorillas als ursprüngliche Form des Menschen ist – wenn nicht sogar davon besessen.

Der Zweck heiligt die Mittel

Ursprünglich sollte Bela Lugosi in Universals legendärer „Frankenstein“-Verfilmung von 1931 den Doktor spielen, der das Monster erschafft. Als Regisseur war der in Paris geborene Robert Florey auserkoren, der das Projekt bis fast zum Drehstart federführend künstlerisch entwickelte. Florey war es auch, der Lugosi die Rolle des Doktors anbot. Dann jedoch wurde Lugosi vom Studio angetragen, anstelle des Doktors doch lieber das Monster zu spielen. Umstritten ist, ob Lugosi dies letztlich beleidigt ablehnte oder aus anderen Gründen ersetzt wurde. Florey und Lugosi nahmen in den Sets von „Dracula“ (1931) sogar noch 20 Minuten an Testaufnahmen mit Lugosi als Monster auf. Dann jedoch verliert sich Lugosis Spur in diesem Projekt. Ein paar Passagen im fertigen „Frankenstein“-Film sollen noch von Robert Florey inszeniert worden sein, ehe schließlich James Whale übernahm und Boris Karloff als Monster zur Legende wurde. Überliefert ist, dass Florey von dem Projekt deutlich abweichende inhaltliche Vorstellungen hatte – unter seiner Regie hätte die Geschichte wohl an vielen Stellen anders ausgesehen. „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ wurde als Ersatzprojekt für Florey und Lugosi gewählt. Im Original „Murders in the Rue Morgue“ betitelt, basiert der Film auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, hierzulande als „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ bekannt.

Stirb für mich!

An der Kinokasse scheiterte der Film, was dazu führte, dass Bela Lugosi bei Universal keinen neuen Vertrag in „Dracula“-Größenordnungen erhielt. Aus heutiger Sicht jedoch hat der in Schwarz-Weiß gedrehte Klassiker einen guten Ruf, beispielsweise wegen einer starken visuellen Nähe zum deutschen filmischen Expressionismus der 20er-Jahre-Stummfilmzeit – begünstigt durch den deutschen Kameramann Karl Freund (Kamera bei „Metropolis“, 1927 sowie bei „Dracula“, 1931; Regie bei „Die Mumie“, 1932) sowie wunderbar gestaltete Sets, Tiefenkonstruktionen im Raum und Licht-/Schattenstimmungen. Dazu ein paar für die frühen 30er durchaus beachtliche, ansehnliche Kamerabewegungen. Wie sehr die Ähnlichkeit der Sequenz über den Dächern von Paris gegen Ende mit dem Finale von „Metropolis“ und der Anwesenheit von Karl Freund zu tun hat, darüber kann man getrost ein paar Mutmaßungen anstellen.

Potenzielle Opfer auf dem Präsentierteller

Bemerkenswert ist auch, dass „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar noch entstand, bevor die Zensur-Einschränkungen des Hays Codes ab 1934 verpflichtend für ganz Hollywood wurden, dennoch aber – aufgrund der gezeigten Gewalt – auf Initiative des Studios hin in stattlicher Art und Weise von 80 auf 61 Minuten gekürzt wurde. Zudem wurden Nachdrehs vom Regisseur verlangt, die dieser innerhalb von etwa zehn Tagen, rund einen Monat nach Abschluss der eigentlichen Dreharbeiten, Ende 1931 umsetzte.

Trotz alledem ist der rabiate, verstörende Umgang des verrückten Wissenschaftlers mit seinen Opfern auch in der ins Kino gelangten Version des Films immer noch recht starker Tobak, was dunkel erahnen lässt, wie heftig die ungekürzte Fassung wohl gewesen sein muss. Dr. Mirakel quält die Frauen so lange, dass er teilweise schon gar nicht mehr mitbekommt, ob sie überhaupt noch leben, und schreit die ohnehin schon Wehrlosen oder Verstorbenen im Wahn noch an, als seien sie an allem schuld, wenn seine Experimente mit ihnen nicht gelingen. All das in einem Szenario, das die jungen Frauen wie gekreuzigte Engel im Bild erscheinen lässt. Diese sanften Wesen sterben einfach als Versuchsobjekte für ihn, damit der Schlächter seine pseudo-wissenschaftlichen Ziele erreichen kann. Wie er angesichts des sterbenden Leibes regelrecht vor eine Wand schreit und im Wahn notfalls mit Geschrei das Gelingen seiner Experimente zu erzwingen versucht, zählt zum Denkwürdigsten, was Bela Lugosi auf der Leinwand hinterlassen hat. Zwar bewegte sich der berühmte ungarische Mime beim Verkörpern seiner Rollen häufig hart an der Grenze zum hoffnungslosen Überzeichnen, doch gerade als Dr. Mirakel gelingt es ihm recht gut, die totale Eskalation in einigen Momenten, in denen er die Fassade völlig fallen lässt, konsequent auf den Punkt zu bringen. Einer der eher seltenen Fälle, bei denen es ihm wirklich überzeugend glückte, so zu wirken, als würde seine Figur absolut hoffnungslos einen komplett kranken Film in ihrem Kopf schieben. Gelegentlich scheiterte er an solchen Psycho-Rollen auch mit einigen Anflügen unfreiwilliger Komik. Hier jedoch nicht.

Wenn es nicht nach Dr. Mirakels Kopf geht, beschimpft er auch Leichen – und macht ihnen Vorwürfe

Schwerer hat es da schon der Gorilla, den Grusel-Faktor des Films nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, da die Art und Weise, wie Dr. Mirakel dieses Tier einsetzt, doch arg an den Haaren herbeigezogen und insgesamt sehr unglaubwürdig wirkt. Zudem sieht das Kostüm auch nicht wirklich bedrohlich aus – der Darsteller Charles Gemora war derselbe, der später auch in „Dick & Doof als Salontiroler“ (1938) auf einer Hängebrücke im Gorilla-Kostüm auf Stan Laurel und Oliver Hardy traf. Und im Wesentlichen wirkt es so, als sei auch das Kostüm womöglich dasselbe. Nur ist das eine eben eine Slapstick-Komödie und das andere ein düsterer Horrorfilm – zwei Genres, wie sie gegensätzlicher kaum sein können.

So stark, wie man ihn sein ließ

Ein Resultat der vom Studio geforderten Kürzungen dürfte sein, dass der Film seine Konzentration im Mittelteil vor allem dem jungen Ermittler widmet. Dieser Pierre Dupin basiert auf Edgar Allan Poes Figur C. Auguste Dupin, die auch in zwei anderen Poe-Geschichten auftaucht. Der Spannungsbogen leidet etwas darunter, dass Dr. Mirakel nicht wenigstens noch zwei oder drei Szenen mehr sein Unwesen treiben darf. Wenn man die Erzählung mit „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932) oder „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) vergleicht, ist da am Ende einfach immer noch zu wenig unmittelbare Konfrontation mit dem geballten Bösen. Das Potenzial, sich auf Augenhöhe mit diesen beiden Farb-Horrorklassikern zu bewegen, hat „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“, jedoch wird es nur punktuell erschöpft. Und das liegt tatsächlich – für mich durchaus überraschend – am wenigsten an der Darstellung von Bela Lugosi; und natürlich auch nicht an der Stimmungskraft der Bilder. Es sind narrative Probleme, die eben manchmal aufkommen, wenn man einem Regisseur als Studio ins Handwerk pfuscht. Einen Film um ein Viertel zu kürzen, ist keine Kleinigkeit und kein Kavaliersdelikt – und kann im Grunde gar nicht anders, als aufzufallen. Erfreulich ist immerhin, dass der junge Ermittler alles andere als ein Milchgesicht ist, sondern in der Verkörperung von Leon Ames, der damals noch unter dem Nachnamen Waycoff firmierte, für ein solches Rollenbild im Hollywood der 30er- und 40er-Jahre optisch angenehm aus dem Rahmen fällt – das bewahrt den Film vor einer zu akuten Verwässerung, wenn die Figur Übergewicht im Windschatten von Dr. Mirakel bekommt.

Bei diesem Gorilla sind alle unten durch

So bleibt am Ende ein komprimiertes Gesamtpaket von dem übrig, was sich Robert Florey ursprünglich einmal vorgestellt haben mag, das es aufgrund des Schockpotenzials einiger Szenen zumindest aber doch recht geschmeidig über die knappe Dauer von rund 60 Minuten schafft. Zu den Top 10 der US-Horrorfilme, die in der kurzen, aber genialen, brutalen und verstörenden Phase zwischen Beginn des Tonfilms und verpflichtender Installation des Hays Codes 1934 entstanden, würde ich „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar eventuell nicht ganz zählen, aber das kann man durchaus als knappe Entscheidung werten. Und man kann guten Gewissens behaupten, dass die klassische Horrorliteratur- und Horrorfilmfigur des verrückten Wissenschaftlers nur selten so brutal auf die Spitze getrieben wurde wie hier. Wenn auch nur in relativ wenigen Sequenzen erhalten, sind es doch Passagen, die in Erinnerung bleiben und zum Heftigsten zählen, was das Genre damals diesbezüglich hervorgebracht hat.

Kurzum: Dafür, dass er offensichtlich sogar noch viel besser hätte sein können, allein schon, wenn man den Regisseur zufriedengelassen hätte, ist dieser Film erstaunlicherweise dennoch ziemlich denkwürdig gelungen. Selbst die Version mit angezogener Handbremse toppt viele spätere Vertreter des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren, weil einige Nadelstiche einfach perfekt sitzen. Und bei Dr. Mirakel, in seinen Opfern, sitzen die Nadelstiche zudem auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Genau das, was der Klassiker-Markt jetzt braucht

Das Label Ostalgica hat dem Film im Rahmen seiner „Classic Chiller Collection“ eine brillante Veröffentlichung mit klasse Bild als Blu-ray spendiert. Hierfür wurde er, unter der Regie von Bodo Traber, eigens neu synchronisiert, wenngleich es von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ offenbar schon eine frühere Synchronfassung aus dem Jahr 1978 gibt. Wenigstens annähend zeitgenössische, zumindest noch in den 50ern entstandene Synchronfassungen findet man zu klassischen Hollywood-Horrorfilmen der 30er und 40er ja leider ohnehin nur selten. Es verdient Sonderlob, einen solchen Film mithilfe einer selbst auf die Beine gestellten Synchronfassung wieder für den deutschen Markt interessant zu machen. Von den zur Wahl stehenden Ton-Optionen ist aus meiner Sicht eher die möglichst originalgetreu gehaltene deutsche Fassung gegenüber der nachträglich mit zusätzlicher Orchester-Musik aus dem Hause Universal bestückten Fassung vorzuziehen. In ähnlicher Form wie „Dracula“ – da nachträglich aus der Feder von Philip Glass – wurde auch „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ also viele Jahrzehnte später eine um Musik erweiterte, alternative Ton-Fassung beschert. Filme der frühen 30er zeichnen sich für meinen Geschmack nun einmal oft gerade dadurch narrativ aus, dass begleitende Musik eine relativ kleine Rolle spielt und so in der Form noch nicht entdeckt beziehungsweise erschlossen war. Erfreulich, dass man auf der Ostalgica-Blu-ray frei die Variante wählen kann, die man selbst bevorzugt.

Der Frauenfänger von Paris

Im Übrigen muss ich offen zugeben, dass es wohl keinen anderen Schauspieler gibt, dessen deutsche Synchronstimmen mich so selten überzeugt haben, wie es bei Bela Lugosi der Fall ist. Erstaunlich vor allem, weil ich sonst überhaupt keinen großartigen Wert darauf lege, dass Synchronstimmen dem Original möglichst ähnlich klingen müssen. Aber seine äußerst prägnante Stimme, die mitsamt eines sehr eigenen Sprechrhythmus und Akzents wirklich enorm starken Einfluss auf seine Rollengestaltung hat, ist einfach nur äußerst kompliziert atmosphärisch ersetzbar. Die vorliegende Synchronfassung ist engagiert gemacht, aber Lugosi auf Deutsch bleibt für mich auch hier nach wie vor eine schwere Prüfung. Insbesondere dann, wenn die Stimme viel tiefer und/oder rauer als das Original klingt. Ich bin auch kein Freund der Lösung, die in „Dracula“ als deutsche Stimme gewählt wurde – es hat also absolut nichts damit zu tun, dass die vorliegende Fassung von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ so neu ist oder ansonsten misslungen wäre. Und man sollte, das sei ausdrücklich betont, solche Fassungen natürlich auch nicht generalisierend dafür verurteilen, wenn sie an etwas „scheitern“, was erstens mein subjektiver Eindruck und zweitens eventuell sowieso nahezu unmöglich zu schaffen ist.

Der will doch nur spielen – oder auch nicht

Eine DVD-Auskopplung des Films enthält diese Edition, im Gegensatz zu anderen Teilen der „Classic Chiller“-Reihe zwar nicht, dafür aber zwei Audio-CDs für den Hörspiel-Bonus. Der Pappschuber sowie das Wendecover in der Amaray-Hülle sind grafisch sehr schön gestaltet. Dazu ein Booklet und ein Audiokommentar sowie ein ausgezeichneter Bonusfilm: der Whodunit-Krimi „The Death Kiss“ (1932) mit Lugosi und zwei „Dracula“-Co-Stars. Diese Kollektion ist jeden Cent wert und man kann sich nur auf jeden weiteren Klassiker freuen, der da noch kommt. Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es „Murders in the Zoo“ (1933), der mit seinem belanglosen Titel im „Snakes on a Plane“-Stil oberflächlich gut die fies-brutale Wundertüte kaschiert, die dann über den Zuschauer hereinbricht, wenn man sich einmal auf das womöglich harmlose Vergnügen eingelassen hat. Für alle, die „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ vor allem für seine verrücktesten und brutalsten Momente feiern, ist „Murders in the Zoo“ genau das richtige Topping.

Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als 3-Disc Edition (Blu-ray & 2 CDs) der „Classic Chiller Collection“

Länge: 61 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Deutsch mit neuer Musikspur von Universal, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Murders in the Rue Morgue
Deutscher Alternativtitel: Mord in der Rue Morgue
USA 1932
Regie: Robert Florey
Drehbuch: Tom Reed, Dale Van Every, Robert Florey, John Huston, Ethel M. Kelly, nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe
Besetzung: Bela Lugosi, Sidney Fox, Leon Ames (als Leon Waycoff), Bert Roach, Betty Ross Clarke, Brandon Hurst, D’Arcy Corrigan, Noble Johnson, Arlene Francis, Agostino Borgato
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke und Dr. Gerd Naumann, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Booklet, Bildergalerie, Hörspiel „Der Doppelmord in der Rue Morgue“, Bonusfilm „The Death Kiss” (1932)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Ostalgica

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