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Tiger Girl – Die Harte und die Zarte

Tiger Girl

Von Andreas Eckenfels

Drama // Beim diesjährigen Berlinale-Eröffnungsfilm in der Sektion „Panorama Special“ waren sich zur Abwechslung mal so gut wie alle Kritiker einig: „Tiger Girl“ ist ein wildes, freches und energiegeladenes Drama aus deutschen Landen, welches beim Zuschauen oft ziemlich weh tut und weit entfernt ist vom sonst hierzulande vorherrschenden Betroffenheits- und Mitleidskino. Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings: Ganz so radikal anders, wie manche Kollegen es herbeischrien, ist der Berlin-Film von Regisseur Jakob Laas dann doch nicht geworden. „Der Nachtmahr“ (2015) und „Wild“ (2016) waren hierfür zuletzt bessere Beispiele für deutsches Kino, welches die Konventionen einfach mal links liegen ließ. Dafür weiß „Tiger Girl“ aber mit einem frischen Inszenierungsstil und zwei grandiosen Jungdarstellerinnen zu begeistern.

Krawalltour durch Berlin

Margarete (Maria Dragus) hat es verbockt: Bei der Sportprüfung zur Aufnahme auf die Polizeischule fällt sie durch. Stattdessen meldet sich die schüchterne junge Frau nun zu einer Ausbildung bei einem Security-Unternehmen an. Doch schon an ihrem ersten Tag zeigt sich, dass Margarete nicht unbedingt für den Job geeignet ist: Auf dem Parkplatz schnappt ihr eine ältere Frau die Lücke weg, in der sie gerade einparken wollte. Pech gehabt. Verärgert und weil sie sich nicht traut, Widerworte zu geben, zieht Margarete den Kürzeren – wie wohl so häufig in ihrem Leben.

Margarete will Polizistin werden

Unverhofft springt ihr die Parkwächterin zur Seite. Nach einem kräftigen Fußtritt liegt der Seitenspiegel des Autos der älteren Frau auf dem Asphalt. „Jetzt passt’s!“, sagt sie lapidar – und Margarete kann daneben einparken. Später werden die beiden einander zufällig erneut begegnen. Die Parkwächterin, die sich Margarete als Tiger (Ella Rumpf) vorstellt, haut sie zwei weitere Male aus unangenehmen Situationen heraus. Die beiden unterschiedlichen Frauen werden Freundinnen. Tiger gibt Margarete fortan den wesentlich cooler klingenden Namen Vanilla.

Tiger hat gelernt, wie man im Großstadtdschungel überlebt

Dass Tiger in einem ausrangierten Bus lebt, keinen Respekt vor Autoritäten kennt und auch vor körperlichen Auseinandersetzungen mit Stärkeren nicht zurückschreckt, davon zeigt sich Vanilla ziemlich beeindruckt. Tiger wiederum hat gelernt, wie man im Großstadtdschungel überlebt. Unter der harten Schale und ihrer Punkattitüde verbirgt sich allerdings ein gutes Herz, weshalb sie beschließt, ihre neue Freundin unter ihre Fittiche zu nehmen. „Höflichkeit ist auch eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst“, belehrt Tiger sie. „Du musst einfach sagen, was du willst, dann kriegst du es auch.“

Dafür muss sie auch mal einstecken können

Die jungen Frauen gehen auf fröhliche Krawalltour durch Berlin. Sie klauen Handys, schlagen Autoscheiben ein, provozieren die Leute und prügeln sich mit ihnen. In den Uniformen des Security-Unternehmens gekleidet, testen Tiger und Vanilla die Grenzen aus, wie weit sie mit ahnungslosen Passanten gehen können, nur weil sie als vermeintliche Autoritätspersonen wahrgenommen werden. Kleider machen eben Leute. Tiger erreicht ihr Ziel, durch die Aktionen Vanilla mehr Mut, Respektlosigkeit und Selbstbewusstsein zu geben. Doch während Tiger nach klar gesetzten Regeln rebelliert, brechen die aufgestauten Aggressionen hemmungslos aus Vanilla heraus. Bald ist ihre Lust an der Gewalt auch von Tiger nicht mehr zu bremsen …

Mumblecore aus Deutschland

Regisseur Laas ist ein Vertreter des „Berlin Flow“, dem „German Mumblecore“. Wie schon in seinem Drama „Love Steaks“, welches auf der Berlinale 2014 gezeigt wurde, arbeitete Laas also ohne festes Drehbuch, mit improvisierten Dialogen und teilweise mit Laiendarstellern. Diese Herangehensweise macht „Tiger Girl“ so realitätsnah und ungekünstelt. Wenn die Dialoge gestottert oder abgehackt vorgetragen werden, schiebt man dies der Unsicherheit oder dem Sprachstil der Figuren zu. Das Ganze erhält auf diese Weise einen halbdokumentarischen Stil, dem man sich schwer entziehen kann. Auch, weil weibliche Gewaltakte noch nicht so häufig im Kino zu sehen sind. Doch Laas geht es nicht um die Glorifizierung von Gewalt: Er will zeigen, wie sich Verhaltensweisen und Identitäten verändern, wenn Machtstrukturen umgedreht oder vorgetäuscht werden. Wie reagiert die Gesellschaft auf solche Situationen?

Als Security-Mitarbeiter verkleidet, nehmen die Freundinnen ahnungslose Passanten aus

Die enorme Leinwandpräsenz der 22-jährigen Ella Rumpf war schon im Horrorfilm „Raw“ zu beobachten. Im Gegensatz zu Rumpf ist Maria Dragus mit ihren 23 Jahren fast schon ein alter Hase im Filmgeschäft. Sie gewann bereits für ihre Leistung in Michael Hanekes „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ (2009) den Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle. Es war ihr erster Kinofilm; sie war gerade mal 14 Jahre alt. Auf der Berlinale 2014 wurde Dragus zu einem der „European Shooting Stars“ gewählt. Für „Bacalaureat“ (2016), in dem sie eine Schülerin spielt, die kurz vor dem Abitur durch einen Überfall aus der Bahn geworfen wird, gewann Regisseur Cristian Mungiu den Preis als bester Regisseur bei den Filmfestspielen in Cannes. Beide Darstellerinnen sind multilingual aufgewachsen, wodurch sie im europäischen Kino hoffentlich noch umso mehr Chancen erhalten werden, für Furore zu sorgen. So, wie in „Tiger Girl“.

Tiger (r.) und Vanilla in voller Kampfmontur

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franz Rogowski sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. Oktober 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Tiger Girl
D 2017
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Eva-Maria Reimer u.a.
Besetzung: Ella Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs, Orce Feldschau, Benjamin Lutzke, Franz Rogowski
Zusatzmaterial: Making-of Stunts, Interviews, Trailer, Hörfilmfassung, Wendecover
Vertrieb: Highlight

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Constantin Film

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Horror für Halloween (XXI): Raw – Falscher Hunger

Grave

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Während des Toronto Filmfestivals 2016 wurden bei der Vorführung von „Raw“ zwei Zuschauer ohnmächtig. Einige Monate später musste das Screening des Horrordramas auf dem Göteborg Filmfestival 2017 für kurze Zeit unterbrochen werden, da einige Besucher auf die Toilette rannten, um sich zu übergeben. Regisseurin Julia Ducournau versicherte in Interviews immer wieder, dass es sich dabei nicht um einen clever eingefädelten Marketing-Gag handelte. Dies wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn sie hatte für ihr Kinodebüt bereits zuvor bei den Filmfestspielen in Cannes 2016 den FIPRESCI-Preis gewonnen, was Werbung genug sein sollte, um Interesse an ihrem Werk zu wecken.

Studienanfängerin Justine muss einige Aufnahmerituale über sich ergehen lassen

Doch die Ereignisse in Toronto und Göteborg überlagerten die Berichterstattung über „Raw“. Bald ging weltweit das Gerücht um, es gebe da endlich wieder einen französischen Terrorfilm, der in Sachen Härtegrad in die gleiche Kerbe wie „High Tension“, „Inside“, „Frontier(s)“ und „Martyrs“ schlagen würde. Man solle besser eine Kotztüte bereithalten, wenn man sich diesen Hardcore-Horror zu Gemüte führt, so prophezeiten es zahlreiche Postings in den sozialen Netzwerken. Der Hunger unter den Horrorfans war geweckt. Doch kaum jemand hatte den Film vorab gesehen. So wurde eine komplett falsche Erwartungshaltung geschürt – und die Enttäuschung vieler Zuschauer nach der Sichtung war verständlicherweise groß.

Coming-of-Age-Drama und Body-Horror

Die 16-jährige Justine (Garance Marillier) folgt dem Weg ihrer Eltern und beginnt ihr Studium an einer angesehenen Veterinärschule. Zur Freude der älteren Kommilitonen, darunter Justines Schwester Alexia (Ella Rumpf), müssen die Neuankömmlinge einige typische Aufnahmerituale über sich ergehen lassen. Besonders ekelerregend für die überzeugte Vegetarierin: Sie wird gezwungen, eine Hasenniere zu verspeisen. Kurz darauf stellt Justine einige merkwürdige Veränderungen an sich und ihrem Körper fest. Ein fieser Ausschlag macht sich auf ihrem Bauch breit – und plötzlich verspürt sie einen ungeheuren Heißhunger auf Fleisch, der bald nicht mehr mit herkömmlichen Produkten zu stillen ist.

Alexia will, dass ihre Schwester endlich mal Spaß hat

Auch wenn es durchaus ein paar unappetitliche Szenen gibt, die bei einigen Zuschauern mit empfindlichen Mägen einen Würgereflex auslösen können, ist „Raw“ kein Festival des schlechten Geschmacks. Vielmehr ist Regisseurin Ducournau ein sensibles Coming-of-Age-Drama mit Elementen des Body-Horrors gelungen, bei denen Justines aufkeimende kannibalistischen Neigungen mit ihrem sexuellen Erwachen einhergehen. Erstmals steht die Teenagerin nicht unter der Obhut ihrer Eltern, die hoffen, dass Justine sich nicht so wie die rebellische Alexia entwickelt. Doch die ältere Schwester erklärt Justine gleich zu Beginn ihres Studiums, dass nun die Zeit des Versteckens vorbei ist. Alexia zeigt ihr, wie man feiert, wie man als Frau im Stehen pinkelt und dass, wenn man den Männern gefallen will, die Schambehaarung entwachst gehört – was für Justine und Alexia schmerzhafte Folgen hat.

Die Versuchung lauert überall

Der unheilschwangere Grundton von „Raw“ wird durch Justines Wandlung vom braven, schüchternen Mädchen zur blutdurstigen Jägerin intensiviert. Dies gipfelt in einer Szene, in der sich Garance Marillier wie ein Junkie auf kaltem Entzug unter der Bettdecke verkriecht. Tatsächlich hatte Ducournau ihrer Hauptdarstellerin zur Vorbereitung die bekannte Sequenz aus „Trainspotting“ (1996) als Vorbild mit auf dem Weg gegeben, bei der sich Ewan MacGregor als Renton quält, um von den Drogen wegzukommen. Doch Justines Gier lässt sich nicht so leicht unter Kontrolle bringen, weil überall auf dem Campus Versuchungen lauern.

Justine macht schmerzhafte Veränderungen durch

Das Zusammenspiel der hervorragenden Newcomerinnen Garance Marillier und Ella Rumpf („Tiger Girl“) gepaart mit der Adoleszenz-Thematik erinnert sehr stark an einen anderen Horrorfilm mit einem berühmten Schwesternpaar: Ginger (Katharine Isabell) und Brigitte (Emily Perkins) aus „Ginger Snaps – Das Biest in Dir“ (2000), bei dem allerdings mehr der fantastische Aspekt und der Werwolf-Mythos im Mittelpunkt stehen. „Raw“ wählt dagegen einen realistischen Ansatz, um das Heranwachsen, den dadurch entstehenden emotionalen und sozialen Druck sowie die damit verbundenen Ängste zu verarbeiten, was auch in den drastischen Szenen zum Ausdruck kommt: Das Pflaster, welches sich bei der schon erwähnten Schamhaarentfernung nicht in einem Rutsch abreißen lässt, ein abgeschnittener Finger oder verschiedene Bisswunden – jeder Zuschauer kann die Schmerzen, die dabei entstehen, nachempfinden. Kam es deswegen zu den Ohnmachts- und Übelkeitsanfällen?

Zu einem rohen Stück Fleisch kann doch keiner Nein sagen

Alle, die bei „Raw“ eine blutige Schlachtplatte erwarten, seien also vorgewarnt, dass dies nicht der Fall ist. Die Freigabe ab 16 Jahren ist durchaus gerechtfertigt. Wer hingegen völlig unvoreingenommen an das Horrordrama herangeht, wird ein kleines, äußerst verstörendes Debütwerk entdecken.

Die Schwestern beißen kraftvoll zu

Veröffentlichung: 26. Oktober 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Grave
F/IT/BEL 2016
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Besetzung: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss, Bouli Lanners
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Universal Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Home Entertainment

 

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