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Billy Wilder (VII): Zeugin der Anklage – Gerichtskino in Perfektion

Witness for the Prosecution

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Der Strafverteidiger Sir Wilfried Robarts (Charles Laughton) nimmt trotz seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung einen kniffligen Fall an: Leonard Vole (Tyrone Power) wird beschuldigt eine Frau umgebracht zu haben. Zuerst scheint der Fall nach Robarts’ Eingreifen gut zu laufen, aber dann taucht plötzlich Voles Frau Christine (Marlene Dietrich) als Zeugin der Anklage auf und belastet ihn schwer.

Sir Wilfried verteidigt den des Mordes angeklagten Leonard Vole

Jeder Moment, der Humor hergibt ist ein Scherz, ein Kalauer – da gibt es versteckten Alkohol, versteckte Zigarren und dann wieder Dialogmonster, die gegeneinander aufgefahren werden, um sich greifende Hysterie. Die Dialoge selbst sprühen vor klugem Witz. Als Glücksgriff erwies sich auch die Entscheidung, der Vorlage mit Sir Wilfrieds strenger Krankenschwester Miss Plimsoll eine neue Figur hinzuzufügen – verkörpert von Charles Laughtons Ehefrau Elsa Lanchester, die als Nebendarstellerin immerhin den einzigen Golden Globe des Films einfuhr.

Billy Wilder lässt es brodeln

Die Figuren ständig am emotionalen Siedepunkt, in Wilders immer kochend heißem Film. Fugendichte Spannung, ohne dass er sie für einen Moment entweichen lassen würde, die sich immer intensiver durch den Film frisst, ohne dass der seine Leichtfüßigkeit verlieren würde. Wilders Spiel mit den Wendungen nimmt den Zuschauer zeitlos ein, so fließend und aufregend ist der Film inszeniert. Am Ende führt Wilder immer mehr das Kunststück vor, Spaß und Ernst, bis es dann irgendwann unkenntlich geworden ist, ineinander verschwimmen zu lassen, wie wenig sie einander doch ausschließen, wie nah sie immer beieinander liegen.

Krankenschwester Miss Plimsoll wacht mit Argusaugen über den Strafverteidiger

„Zeugin der Anklage“ ist klassische Hollywood-Kinokunst auf dem Höhepunkt. Wilders Regie unaufdringlich, nicht daran interessiert, auf sich aufmerksam zu machen, gerade das lässt die Filmerzählung so elegant fließen und lässt sie den Zuschauer einhüllen, bis er ihr völlig verfallen ist. Den Rest besorgen Marlene Dietrich, die einem in jeder Hinsicht den Verstand raubt, Tyrone Power und Charles Laughton.

Nach einer Vorlage von Agatha Christie

Es ist ein makelloser Film, ein Film, den man sich nicht einmal besser denken könnte. Nicht einmal Agatha Christie, von der die Theatervorlage von 1953 stammt: „Alles, was ich an Verfilmungen meiner Werke gesehen habe, fand ich ausgesprochen scheußlich, bis auf ‚Zeugin der Anklage‘ von Billy Wilder.“ Verdientermaßen gab es sechs Oscar-Nominierungen und der Film gilt heute immer wieder als einer der besten aller Zeiten. Die weiteren Umsetzungen der Geschichte – unter anderem eine TV-Fassung von 1982 mit Deborah Kerr, Diana Rigg und Ralph Richardson – können da zwangsläufig nicht mithalten, und auch Ben Affleck wird sich zweifellos die Zähne daran ausbeißen, wenn seine seit 2016 angekündigte Neuverfilmung denn je realisiert werden wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Billy Wilder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlene Dietrich unter Schauspielerinnen, Filme mit Charles Laughton und Tyrone Power in der Rubrik Schauspieler.

Welche Rolle spielt Voles Ehefrau Christine?

Veröffentlichung: 2. November 2018 und 7. Juli 2017 als Blu-ray, 24. November 2017 als Blu-ray im Digipack, 14. Februar 2014 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch, Französisch
Originaltitel: Witness for the Prosecution
USA 1957
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, Harry Kurnitz, nach einer Vorlage von Agatha Christie
Besetzung: Tyrone Power, Marlene Dietrich, Charles Laughton, Elsa Lanchester, John Williams, Henry Daniell, Ian Wolfe, Francis Compton, Torin Thatcher, Norma Varden, Una O’Connor, Philip Tonge, Ruta Lee
Zusatzmaterial:
Label/Vertrieb: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb 2014: MGM

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Szenenfotos & Packshots: © 2018 FilmConfect Home Entertainment

 
 

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Ernest Borgnine (VI): Willard – Herr der Ratten

Willard

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Seinen 27. Geburtstag hatte sich Willard (Bruce Davison) sicherlich anders vorgestellt. Doch nun sitzt er in dem langsam renovierungsbedürftigen Anwesen, in dem der schüchterne junge Mann mit seiner bettlägerigen Mutter Henrietta (Elsa Lanchester) lebt. Frau Mama erinnert ihn auch gleich daran, dass sie während seiner Geburt höllische Schmerzen durchleiden musste. Jaja, die Geschichte hat Willard wahrscheinlich schon zigfach gehört. Am Geburtstagstisch nehmen keine Freunde von Willard Platz, nur Menschen, die einige Jahrzehnte älter sind als er. Alte Bekannte seiner Eltern, die ihn in die Wange kneifen und ihm zu allem Überfluss ein albernes Partyhütchen aufsetzen. Wann endlich ein echter Mann aus ihm wird, fragen sie ihn. Dann würde er auch endlich eine Freundin abbekommen. Willard hat darauf nichts zu erwidern.

Außenseiter Willard hat sehr spezielle Freunde gefunden

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Aber er will ja seine arme Mutter nicht enttäuschen. Sie kann auch nichts dafür, dass sein Vater viel zu früh starb und danach alles den Bach herunterging. Jetzt fristet Willard sein Dasein in der einstigen Firma seines Vaters, die vom aufbrausenden Mr. Martin (Ernest Borgnine) geleitet wird. Willard ist dort nur geduldet, aufgrund eines alten Versprechens darf er auf seinem Posten verharren. Immerhin sitzt er mit der sympathischen Joan (Sondra Locke) an einem Schreibtisch. Da fallen die Überstunden, die Schikanierungen durch seinen Chef und die miese Entlohnung etwas leichter.

Willards Leben ändert sich schlagartig, als Henrietta ihrem Sohn befiehlt, die Ratten aus dem wild wuchernden Garten zu vertreiben. Statt die Tiere zu ertränken, gibt er ihnen zu fressen und lässt sie im Keller des Hauses wohnen. Es entwickelt sich eine Art Freundschaft zwischen den Nagetieren und Willard. Besonders zu der Albinoratte Socrates und zu Ben, wie er sie genannt hat, fühlt er eine enge Bindung. Bald wird das Untergeschoss von einem Heer aus Ratten bevölkert, die ihm aufs Wort gehorchen. Willard wird zum Herrn der Ratten. Erstmals verspürt er ein Gefühl von Macht. Und diese wird er gemeinsam mit den Vierbeinern zur Frustbewältigung nutzen. Nach einem weiteren Schicksalsschlag will Willard an jenen Menschen Rache üben, die ihm Zeit seines Lebens übel mitgespielt haben.

Aufstand der Unterdrückten

Basierend auf dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert, der die Geschichte des Titelhelden in Tagebuchform erzählt, entwirft Regisseur David Mann („Telefon Butterfield 8“, 1960) ein sensibles Psychogramm eines Außenseiters, welches sich im letzten Drittel zu einem wahren Horrorstück entwickelt. Von Anfang an ist klar, dass Willards Leben in Trümmern liegt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seine Mutter als auch sein Chef haben ihn komplett unter Kontrolle. Ihnen kann der liebenswürdige Willard keinen Wunsch abschlagen.

Schmieriger Chef: Mr. Martin drangsaliert Willard

Erst als Willard merkt, dass er selbst ebenfalls Macht über andere ausüben kann – kurz vor dem Ertrinken, befreit er doch noch die Rattenfamilie, die er töten sollte – dreht er den Spieß um. Die Ratten geben keine Widerworte, werten seine Taten nicht und stellen keine Fragen. Sie wollen nur versorgt werden, was die Tiere wiederum in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Willard treibt. Dass dies keine Grundlage für eine gesunde Freundschaft ist, wird sich am Ende zeigen. „Willard“ demonstriert auf intelligente Weise, dass jeder Unterdrückte, und sei er noch so klein, einmal gegen seinen Meister aufbegehren wird, wenn dieser ihm den Rücken zudreht.

Echte Ratten im Einsatz

Nach Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) gilt „Willard“ als einer der ersten Filme, die dem Subgenre des Tierhorrors zuzuordnen sind. Die Tatsache, dass David Mann mit etwa 600 lebenden, trainierten Ratten drehte, verleiht „Willard“ einen hohen Grad von Glaubwürdigkeit. Wenn der überzeugende Hauptdarsteller Bruce Davison („Freundschaft fürs Leben“, 1989) zupackt, hat er echte Ratten in der Hand, mit denen er mitunter auch mal kuscheln darf. Wer vor diesen Nagetieren eine natürliche Abneigung verspürt, wird zusätzlichen Ekel empfinden. Zudem wirken die Tiere mit ihren kleinen Schneidezähnen in extremer Nahaufnahme äußerst bedrohlich. Dabei kann einem durchaus ein Schauer über den Rücken laufen – und man schaut umher, ob nicht doch so ein Viech im eigenen Wohnzimmer sein Zuhause eingerichtet hat. Die Müsli-Packung war so seltsam schnell geleert die letzten Tage …

Immer mehr Ratten machen sich im Keller breit

Überhaupt ist die Besetzung von „Willard“ wirklich außerordentlich. Neben Davison gibt Ernest Borgnine einen wunderbar schmierigen Auftritt ab. Fieser war der Charaktermime selten – vielleicht 1953 in „Verdammt in alle Ewigkeit“. Daneben freut man sich auf ein Wiedersehen mit der Frau mit den grotesken Gesichtszügen Jody Gilbert („Butch Cassidy und Sundance Kid“, 1969), Clint Eastwoods langjähriger Lebensgefährtin Sondra Locke („Der Texaner“) und keiner Geringeren als „Frankensteins Braut“ persönlich: Elsa Lanchester, die sich als Willards Mutter in Selbstmitleid ergeht. Regisseur Mann ist es obendrein hoch anzurechnen, dass es sich so anfühlt, als seien selbst die Ratten Ben und Socrates eigenständige Figuren. Als Zaubermittel für die Vierbeiner mit dem langen Schwanz erwies sich übrigens Erdnussbutter. War jemand damit eingeschmiert, fielen die Tiere gleich in Scharen über ihr Opfer her.

Extra-Kohle für Borgnine

Für Ernest Borgnine erwies es sich als cleverer Schachzug, statt einer höheren Gage eine Beteiligung am Einspielergebnis zu fordern. „Willard“ erwies sich 1971 als Überraschungserfolg, der knapp 20 Millionen US-Dollar einspielte. Ein Remake mit Crispin Glover („Die Legende von Beowulf“) in der Hauptrolle entstand im Jahr 2003.

Mit der hierzulande ersten offiziellen Veröffentlichung des Tierhorror-Klassikers startet Anolis nun die neue Reihe „Phantastische Filmklassiker – Die 70er“. Auch der zweite Titel der Reihe wurde bereits bekanntgegeben: Es ist „Ben“ (1972), die direkte Fortsetzung von „Willard“. Baut also besser schon mal die Mausefallen auf!

Keine gute Idee: Aus Mitleid will Joan Willard eine Katze schenken

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Willard“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Ratte Ben schwingt sich zum Anführer seiner Artgenossen auf

Veröffentlichung: 30. Mai 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook mit zwei Covervarianten

Länge: 95 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Willard
USA 1971
Regie: David Mann
Drehbuch: Gilbert Ralston, nach dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert
Besetzung: Bruce Davison, Elsa Lanchester, Sondra Locke, Ernest Borgnine, Michael Dante, Jody Gilbert, Alan Baxter, Joan Shawlee
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Davison, Interview mit Bruce Davison, amerikanischer Trailer, Radiospots, Super-8-Fassung, Werberatschlag, Bildergalerie, Booklet mit Texten von Ingo Strecker und David Renske
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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