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Danielle Gebur: Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft (Buchrezension)

Wechselmodell-Gebur

Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft

Familie // So richtig viel Literatur über das Wechselmodell gibt es in Deutschland nicht. Da ist das 2013 erschienene „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis“ der Nürnberger Juristin Prof. Hildegund Sünderhauf-Kravets, die schöne Sammlung von Erfahrungsberichten „Eine Woche Mama, eine Woche Papa“ der beiden Journalistinnen Ina Kiesewetter und Petra Wagner, und da sind ein paar andere Publikationen. Üppig ist das nicht gerade.

Die hierzulande bis vor einiger Zeit eher zurückhaltende Auseinandersetzung mit diesem Modell mag darin begründet sein, dass Familien, in denen sich die Eltern gemeinsam entscheiden, auch nach der Trennung ihre Kinder gleichberechtigt und zeitlich annähernd hälftig aufgeteilt großzuziehen, oft unter dem Radar der Institutionen laufen. Solche Eltern kommen eben häufig ohne Einmischung der Instanzen aus. Da ist es nicht verwunderlich, wenn Jugendämter und Familiengerichte mit diesem Modell seltener konfrontiert werden, weil sie in vielen Fällen einfach nicht gebraucht werden.

Zwei Wochenenden pro Monat sind zu wenig!

Mittlerweile werden die Instanzen aber auch beim Thema Wechselmodell offenbar häufiger in Beschlag genommen, weil sich Männer verstärkt nicht mehr ins Abseits des Zwei-Wochenenden-pro-Monat-Papi-Daseins drängen lassen wollen, Frauen ihren Ex-Kerlen aber nicht immer Gleichberechtigung zugestehen wollen, wenn es um die Kinder geht. Da ist es dringend notwendig, die verfügbare Literatur zum Thema auszuweiten.

Bachelor-Arbeit aus Potsdam

Einen Beitrag dazu leistet Danielle Gebur mit der Veröffentlichung von „Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft“. Dabei handelt es sich um ihre Bachelor-Arbeit, die sie 2014 an der Fachhochschule Potsdam vorgelegt hat. Gebur betreibt die Familienhilfe Potsdam, eine Beratungsstelle für Menschen in Krisensituationen, auch für Familien in Trennungssituationen. Die staatlich anerkannte Erzieherin und Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B. A.) und systemisch-lösungsorientierte Therapeutin/Beraterin i. W. lebt in einer Patchwork-Konstellation: Die Kinder ihres Ehemanns wohnen im Wechselmodell mal bei ihr und dem Vater, mal bei der Mutter. Geburs eigene Tochter lebt im Haushalt der Autorin.

Ist das Wechselmodell die Lösung?

Der Autorin geht es darum, das Wechselmodell und dessen Folgen näher zu beleuchten. In der Einleitung erläutert sie dazu: Ist das Wechselmodell eine adäquate Lösung, wenn sich Eltern für eine hälftige Betreuung entscheiden? Wie gehen die Eltern mit der Einflussnahme des anderen Elternteils auf ihr Leben um und wie wirkt sich diese Einflussnahme aus? Wie gestalten Eltern, gerade in konfliktbehafteten Situationen, den Alltag?

In der Folge beschreibt Gebur Trennung und Scheidung als traumatisches Erlebnis mit entsprechenden Folgen speziell für die Kinder – unter anderem können Störungen des sozialen Beziehungs- und Partnerschaftsverhaltens auftreten. Psychische Probleme bis ins Erwachsenenalter sind möglich. Diese Folgen seien aber nicht monokausal auf die Trennung an sich zurückzuführen, sondern vielmehr auf die damit einhergehende emotionale Anspannung und die Konflikte, die verstärkt auftreten.

Kontakterhalt zu beiden Elternteilen

Nach einem Abschnitt über Betreuungsformen nach Trennung und Scheidung kommt Gebur zum Wechselmodell, das sie eingangs definiert, um dann Chancen und Risiken zu untersuchen. Ihr zentrales Argument ist dabei die Tatsache, dass das Wechselmodell es den Kindern mehr als in anderen, gängigeren Umgangsmodellen ermöglicht, ungebrochenen Kontakt zu beiden Elternteilen beizubehalten. Besonderes Augenmerk gilt auch der noch nicht abschließend zu beantwortenden Frage, ob das Wechselmodell auch bei hochstrittigen Eltern anwendbar ist.

Fünf Elternpaare hat Gebur für ihre Arbeit befragt. Sie erläutert die Methodik ihrer Interviews, stellt den sozioökonomischen Hintergrund der Befragten vor und präsentiert anhand einer Tabelle die für die vorliegende Fragestellung wesentlichen soziodemographischen Angaben der fünf Frauen und fünf Männer. Es folgt ein Abschnitt über deren Motivation fürs Wechselmodell.

Mehrheitlich Zufriedenheit bei den Befragten

In der Auswertung ergibt sich mit einer Ausnahme eine große („sehr“) Zufriedenheit der Befragten. Die Mütter und Väter sehen laut Gebur zwar ein Konfliktpotenzial, was die Abstimmung mit dem anderen Elternteil angeht, aber auch Chancen für sich selbst in Form von kinderfreien Tagen und der damit gegebenen Flexibilität bei der Erwerbstätigkeit.

In einem gesonderten Abschnitt geht die Autorin kurz auf die gegenseitige Einflussnahme ein: Im Wechselmodell üben Eltern Einfluss auf das Leben ihrer Ex-Partnerin oder ihres Ex-Partners aus, ein Zustand, den man üblicherweise nach einer Trennung als unangenehm empfinden mag. Dies ist ein wichtiger Aspekt, den Danielle Gebur verständlicherweise im Rahmen ihrer Arbeit nicht vertiefen konnte.

Exkurs zum Einfluss des Ex-Partners

Man verzeihe mir diesen kurzen Exkurs: Wer Kinder in die Welt setzt, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Partnerin oder der Partner von nun an unwiderruflich Teil des Lebens sind – auch nach der Trennung. Diese Erkenntnis ist ganz offenbar bis zu manchen Eltern nicht vorgedrungen. Eine Trennung ohne Kind kann dazu führen, dass die oder der vormals Liebste nach einiger Zeit nur noch eine verschwommene Erinnerung an ein anderes Leben ist. Ist die oder der Ex jedoch Mutter oder Vater des gemeinsamen Kindes, sollte das anders sein. Ein Thema, das verstärkte Betrachtung verdient hat.

Den Anstoß geben meist die Väter

In ihrem Fazit verdeutlicht die Autorin, dass die befragten Mütter das Wechselmodell als schwieriger empfinden als die Väter. Der Anstoß dazu sei ohnehin mehrheitlich vom Vater ausgegangen. Gebur betont, wie wichtig es ist, die Chancen des Wechselmodells für Kinder und Eltern hervorzuheben, um den Widerstand dagegen als größten Risikofaktor fürs Gelingen des Modells zu verringern.

Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, so viel ist klar. Den Anforderungen der Sozialwissenschaften hat Gebur nach meinem Empfinden Genüge getan, da vertraue ich auch darauf, dass ihr Professor sorgfältig gearbeitet hat – er hat ein Vorwort beigesteuert und die Veröffentlichung der Bachelor-Arbeit in Buchform somit gutgeheißen.

Das Buch spricht einige Aspekte an, die vertieft werden müssen, wollen wir uns in Deutschland endlich einmal umfassend mit der paritätischen Doppelresidenz beschäftigen. Das konnte Danielle Gebur im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit nicht leisten, sie liefert jedoch einige gute Anstöße.

„Eine Woche Mama, eine Woche Papa“

Manch potenzielle/r Leser/in wird sich vielleicht vom wissenschaftlichen Duktus abschrecken lassen. Das wäre schade, als Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema Wechselmodell ist das Buch sehr gut geeignet – und problemlos lesbar ohnehin. Ich empfehle, es in Kombination mit oben erwähntem „Eine Woche Mama, eine Woche Papa“ – nach Lektüre dieser beiden kompakten Werke hat man einen sehr guten Einstieg ins Thema.

Mindestens ebenso interessant wie Geburs Arbeit ist die im Anhang zu findende Niederschrift der zehn Interviews, die die – damals angehende – Sozialpädagogin geführt hat. Die Aussagen der anonymisierten fünf Mütter und fünf Väter geben einen tiefen Einblick in ihre Befindlichkeiten. Besonders aufschlussreich und entlarvend war für mich das Interview mit Frau P – derjenigen Mutter, die das Wechselmodell von allen Befragten am negativsten darstellt. Es war so aufschlussreich, dass es mir eine gesonderte Betrachtung wert erschien, zu finden bei Fatherleft, dem Blog von Lutz R. Bierend.

Autorin: Danielle Gebur
Originaltitel: Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft
Deutsche Erstveröffentlichung: 10. Dezember 2014
157 Seiten
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag Marburg
Preis: 24,95 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
 

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Wider die Doppelresidenz-Gegner

Muetterlobby-Pamphlet

Replik auf eine Wechselmodell-Schmähschrift der Mütterlobby

Familie // Doppelresidenz – was ist das? Ganz einfach: Kinder, die nach der Trennung ihrer Eltern im Doppelresidenzmodell aufwachsen, leben nach einem bestimmten, festgelegten oder flexiblen Turnus in zwei Hauptwohnsitzen (nicht melderechtlich, aber de facto), zum einen bei der Mutter, zum anderen beim Vater. Dieses Modell wird auch – etwas ungenauer, aber prägnanter – Wechselmodell genannt. Dem Doppelresidenzmodell gegenüber steht das Residenzmodell, bei dem das Trennungskind nur einen Lebensmittelpunkt hat – mehrheitlich bei der Mutter – und das andere Elternteil deutlich seltener sieht, bisweilen nur an jedem zweiten Wochenende plus Urlaub, in vielen Fällen kaum noch oder überhaupt nicht mehr.

Im Oktober 2013 hat ein Verein namens Mütterlobby e. V. ein Schriftstück veröffentlicht, das sich mit den Vor- und Nachteilen – vornehmlich den Nachteilen – des Doppelresidenzmodells für Trennungskinder befasst. Es trägt den Titel Das Betreuungswechselmodell – neuer Trend im Familiengericht und zieht das Fazit, das Modell dürfe überhaupt keinen Eingang in die Rechtsprechung bekommen.

Fachbuch von Hildegund Sünderhauf wird vollständig ignoriert

Sonderbar an diesem Schriftstück ist allein die Tatsache, dass darin ein zwei Monate zuvor veröffentlichtes Buch nicht vorkommt: Im August 2013 hat die Nürnberger Juristin Prof. Dr. Hildegund Sünderhauf ein Standardwerk mit dem Titel Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis – Abwechselnde Kinderbetreuung durch Eltern nach Trennung und Scheidung vorgelegt. Dieses mehr als 900 Seiten fassende Buch beleuchtet sowohl juristische als auch psychologische Aspekte des Doppelresidenzmodells, fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen und ist als klares Plädoyer dafür zu werten.

Selbstverständlich sind andere Meinungen legitim, niemand ist gezwungen, Frau Sünderhaufs Auffassungen zu folgen. Wer allerdings im Oktober 2013 ein Plädoyer gegen das Modell veröffentlicht und dieses zu dem Zeitpunkt in allen beteiligten Institutionen heiß diskutierte Buch dabei so konsequent ignoriert, wie es die Mütterlobby in ihrem Schriftstück tut, disqualifiziert sich allein dadurch als ernstzunehmender Gesprächspartner zum Thema. Im Klartext: Weder Frau Sünderhauf noch ihr Buch werden in dem Positionspapier der Mütterlobby an irgendeiner Stelle auch nur erwähnt.

Aber da es zum einen sinnvoll ist, die Argumente seiner Gegner zu kennen, und zum anderen nicht auszuschließen ist, dass der Mütterlobby-Text bedenkenswerte Ansätze enthält, will ich mich trotzdem ausführlich damit auseinandersetzen. Besser spät als nie – seit Ende 2013 hat sich in meinem Leben so viel ereignet, dass ich nun erst wieder dazu gekommen bin, mich mit dem Positionspapier zu befassen.

Als würden Kinder im Wechselmodell umziehen

Der Text beginnt mit der Anmerkung, es sei eine merkwürdige Vorstellung, jede Woche den Wohnort zu wechseln, die Tasche zu packen und mehrmals im Monat umzuziehen. Es geht also sofort mit einer schlicht falschen Darstellung los. Kinder im Wechselmodell ziehen nicht um! Sie leben bei Mama und bei Papa und schlafen mal unter dem einen Dach, mal unter dem anderen. Sie leben in zwei Kinderzimmern. Verlassen sie für eine Weile das eine, um im anderen zu spielen, zu lernen und zu schlafen, so ist das kein Umzug. Diese Kinder müssen auch keineswegs regelmäßig Koffer packen, weil bei Wechselmodell-Eltern in der Regel beide Wohnsitze mit allen für die Kinder wichtigen Dingen ausgestattet sind, inklusive vollwertiger Kinderzimmer. Bei meinen Zwillingstöchtern sind außer den Schulsachen und der Kleidung am Leibe lediglich die Kuscheltiere existenziell. Da wird nicht gepackt!

Für Trennungskinder ist vieles merkwürdig

Aber in der Tat: Es ist eine merkwürdige Vorstellung. Sie ist ebenso merkwürdig wie die Vorstellung, dass ein Kind von heute auf morgen nicht mehr mit seinem Papa (oder seiner Mama) unter einem Dach lebt. Sie ist ebenso merkwürdig wie die Vorstellung, dass ein Kind womöglich nur zweimal im Monat für zwei oder drei Tage mit seinem Papa (oder seiner Mama) unter einem Dach schläft. Sie ist ebenso merkwürdig wie die Vorstellung, dass ein Kind seinen Papa nach der Trennung der Eltern womöglich gar nicht mehr trifft, weil die Mama mit Sack und Pack in eine andere Stadt gezogen ist, um den Kerl aus ihrem eigenen Leben und dem Leben ihres Kindes zu verbannen, oder weil der Papa keinen Grund sieht, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern (beides gleichermaßen verwerflich). Sie ist ebenso merkwürdig wie die Vorstellung, dass ein Kind ein Elternteil womöglich überhaupt nicht kennt.

Trennungen der Eltern sind für das kindliche Gemüt ein merkwürdiger und traumatischer Einschnitt. Welche Trennungsfolgen und Umgangsformen für Kinder merkwürdiger sind als andere, darüber sollte ein Verein mit dem bezeichnenden Namen Mütterlobby ganz sicher nicht die Deutungshoheit haben.

Vor der Trennung gleich nach der Trennung?

Die Mütterlobby argumentiert in der Folge, da doch vor der Trennung in den meisten Beziehungen der Mutter der Hauptanteil der Betreuung obliege, sei es recht und billig, dass dies auch nach der Betreuung der Fall ist. Auch dies ist erst einmal nur eine unbelegte Behauptung, zitiert nach Malte Welding, einem Journalisten der Berliner Zeitung. Dann will ich dem Verein die an sich selbstverständliche Pflicht korrekter Quellenangabe mal nehmen und den Beitrag selbst verlinken.

Welding fragt in seinem Artikel: Wenn es aber kein Problem für das Kindeswohl ist, wenn der Nachwuchs während der Ehe ausschließlich von der Mutter erzogen wird, warum ist dann nach der Trennung auf einmal der Vater unerlässlich?

Es ist eine rhetorische Frage, die sich die Mütterlobby flugs zu eigen gemacht hat. Sie ist jedoch polemisch. Es soll vorkommen, dass selbst in Familien, in denen der Vater das Einkommen vollständig beisteuert und die Mutter überhaupt nicht berufstätig ist, der Vater seine Kinder miterzieht und eine tiefe Beziehung aufbaut. Zwar mag bei dieser Aufgabenverteilung die Beziehung der Mutter zu den Kindern intensiver sein. Aber ist das ein Argument, dies nach der Trennung zwangsläufig beizubehalten?

Nach der Trennung die Karten neu mischen

Ein Vater mit Vollzeit-Arbeitswoche sieht seine Kinder in der Regel dennoch oft täglich. Ein Trennungsvater mit zwei Besuchs-Wochenenden pro Monat hingegen … Ein Trennungsvater, dessen Ex-Partnerin mit den Kindern womöglich in einen anderen Ort gezogen ist … Will sagen: Nach der Trennung werden die Karten neu gemischt. Es ist unstrittig, dass eine intakte und tiefe Beziehung der Kinder zu beiden Elternteilen die traumatischen Trennungsfolgen abmildert. Dem ist Rechnung zu tragen – von Müttern wie von Vätern. Das muss nicht zwangsläufig in ein 50:50-Doppelresidenzmodell münden. Auch eine nicht ganz paritätische Verteilung mag die Lösung sein, sogar ein Residenzmodell, wenn denn gewährleistet ist, dass das Elternteil ohne Hauptumgang ausreichend Anteil am Leben der Kinder hat – es ist selbst ebenso in der Pflicht, dafür zu sorgen, wie das andere Elternteil in der Pflicht ist, das zuzulassen und zu fördern. Das Doppelresidenzmodell aber von vornherein abzulehnen, wie die Mütterlobby es mit der fadenscheinigen Einschränkung im Falle der Ablehnung eines Elternteils tut (dazu später mehr), ist schlicht unseriös.

Es geht ums liebe Geld

Die Mütterlobby beschäftigt sich in der Folge mit den Finanzen und fragt: Wer profitiert vom Wechselmodell? Der gesamte Absatz entlarvt die Intention: Der Vater soll zahlen, die Mutter das Geld einsacken. Lobbyismus in Reinkultur, so arbeiten nun mal Lobbyisten. Ich will gar nicht auf die genannten Zahlen eingehen, sie mögen korrekt sein. Profitieren von Leistungen zum Kindesunterhalt sollen einzig und allein die Kinder. Die Mütterlobby jedoch schreibt tatsächlich von Beträgen, die der Mutter hingegen fehlen. Ja, wo sind wir denn? Seit wann ist Kindesunterhalt Geld der Mutter? Wenn der Vater seinen Anteil am Kindesunterhalt leistet, indem er die Kinder selbst betreut und dafür eine Wohnung mit Kinderzimmer bereitstellt, die Kinder ernährt und einkleidet und sich mit der Mutter darüber hinaus anfallende Sonderausgaben teilt (Fahrräder, Schulranzen, Klassenreisen seien beispielhaft genannt), ist doch alles in Ordnung?! Wo fehlt dann der Mutter Geld?

Für manche Mütter überraschend: die Pflicht zur Erwerbstätigkeit

Die Mütterlobby ignoriert in diesem Zusammenhang ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 2011, nach dem auch Alleinerziehenden Vollzeitarbeit zumutbar ist, sobald das Kind das dritte Lebensjahr vollendet hat. Das mutet zwar etwas hart an, wenn es dem Elternteil ohne Hauptbetreuung (mehrheitlich der Vater) doch viel leichter fällt, in Vollzeit zu arbeiten. Aber wenn nun der Vater schon die Betreuung in Form des Wechselmodells anbietet und es damit seiner Ex-Partnerin erleichtert, in Vollzeit zu arbeiten – was ist dagegen einzuwenden?

Weiter im Text, ich zitiere aus dem Mütterlobby-Positionspapier: Das Wechselmodell ist für beide Familienteile gesamt gesehen deutlich teurer als das Residenzmodell.

Keine Frage, zwei Kinderzimmer für ein Kind sind teurer als eines. Einige – nicht alle – Ausstattungsteile werden doppelt angeschafft werden müssen. Der Vergleich ist aber als Argument gegen das Doppelresidenzmodell unzulässig. Wenn es sich denn für das Trennungskind im individuellen Fall als bestmögliche Umgangsregelung herauskristallisiert, wer will dann ernsthaft die Kosten als Gegenargument heranziehen? Es entsteht der Verdacht, der Mütterlobby gehe es nur um die Mütter, weniger um die Kinder.

Düsseldorfer Tabelle kritisch hinterfragen

Frage am Rande: Wie soll ein Vater, der sein Kind zu beispielsweise 30 Prozent bei sich betreut, aber der Mutter den vollständigen Kindesunterhalt gemäß Düsseldorfer Tabelle zahlen muss, in seiner Wohnung ein vollwertiges Kinderzimmer finanzieren? Dass die Düsseldorfer Tabelle nicht zeitgemäß ist und dringend der Überarbeitung wenn nicht gar Abschaffung bedarf, ist ein Thema für sich.

Das Positionspapier zitiert im Kontext der Finanzen Prof. Dr. Kirsten Scheiwe von der Universität Hildesheim. Allerdings nennt die Wissenschaftlerin eine Grundlage ihrer Argumentation, die fragwürdig erscheint: Regelungen des Steuer- und Sozialrecht passen nicht zum ‚Wechselmodell‘, wenn davon ausgegangen wird, dass das Kind nur einen ‚Lebensmittelpunkt‘ haben kann und sich nur bei einem Elternteil in Obhut befinden kann. Woher hat Frau Scheiwe diese Erkenntnis? Ich räume ein: Sie ist nicht die Einzige, die so denkt. Eine Begründung wird dabei selten mitgeliefert.

Zwei Lebensmittelpunkte – warum nicht?

Es ist mitnichten davon auszugehen, dass das Kind nur einen Lebensmittelpunkt haben und sich nur bei einem Elternteil in Obhut befinden kann. Wie wäre es, wenn man einfach mal von gar nichts ausgeht und ohne Scheuklappen schaut, was wirklich geht? Weshalb soll ein Kind nicht zwei Lebensmittelpunkte haben und sich bei beiden Elternteilen in Obhut befinden können? Ob das Doppelresidenzmodell eine Lösung ist, hat stets eine Einzelfallbetrachtung zu ergeben und keine pauschale Ablehnung.

Kommen wir zu Annika S.: Im Positionspapier schildert sie ihre Situation. Der Vater ihrer Kinder verdiene 15 Mal mehr als sie. Sie selbst schufte sich ab, könne nur gebrauchte Sachen kaufen, während bei Papa die Jacke auch schon mal 300 Euro kosten dürfe. Urlaubsflüge seien nur mit Papa möglich.

Die ominöse Annika S.

Wer ist diese Annika S.? Ist sie ein Mensch aus Fleisch und Blut, Mitglied der Mütterlobby? Ist sie ein fiktiver Einzelfall, ersonnen aus Schilderungen vieler Mitglieder des Vereins und damit repräsentativ? Es bleibt das Geheimnis der Mütterlobby.

Gegenbeispiel: Thomas S. Er betreibt mit der Mutter seiner Kinder das Doppelresidenzmodell und verdient deutlich mehr als sie. Daher trägt er selbstverständlich stärker zum Unterhalt der Kinder bei als seine Ex-Partnerin, indem er ihr monatlich einen Betrag x als Barunterhalt für die Kinder überweist – zusätzlich zu der Unterhaltsleistung, die er erbringt, indem er die Kinder versorgt, wenn sie bei ihm sind, inklusive Kinderzimmer, Ernährung, Kleidung etc. Gelegentlich muss Thomas mehr arbeiten, daher sind seine Kinder im Einzelfall auch mal einen Tag länger bei ihrer Mutter. Deshalb ist es für ihn selbstverständlich, dass er bei Sonderausgaben großzügig ist. Die Fahrräder beispielsweise hat er vollständig bezahlt, auch die Schulranzen.

Lügen beim Thema Kindesunterhalt

Wer ist dieser Thomas S.? Ganz einfach: Ich hab’ ihn mir ausgedacht. Gibt es Väter wie ihn? Sicher, daran besteht kein Zweifel. Was den zusätzlichen Barunterhalt angeht, besteht übrigens ebenfalls kein Zweifel: Er wird im Doppelresidenzmodell vom besserverdienenden Elternteil geleistet. So ist die Rechtslage: Selbst wenn es ein Doppelresidenzmodell mit einer Aufteilung der Betreuung von 50:50 gibt, so hat das besserverdienende Elternteil dennoch einen finanziellen Ausgleich zu leisten. Sonderbar, dass man davon im Positionspapier der Mütterlobby nichts liest. Im Gegenteil, besagte Annika S. darf schreiben: Durch das Wechselmodell muss er keinen Unterhalt zahlen. Das ist schlicht gelogen.

Von Gutachtern an Familiengerichten

Im Anschluss an die tendenziöse und wahrheitswidrige Stellungnahme von Annika S. – sei die Dame nun fiktiv oder real – beleuchtet die Mütterlobby die „Situation vor dem Familiengericht“. Scharf kritisiert wird hier das Problem der Gutachter, die in der Regel weder kinderpsychologisch ausgebildet noch überhaupt ausreichend qualifiziert seien. Dennoch würden sich die Richter in ihren Entscheidungen zu etwa 80 Prozent darauf beziehen.

Erneut wird ein Einzelfall beleuchtet: der von Sabine A. Erneut bleibt offen, ob diese Sabine A. tatsächlich existiert. Was der Fall von Sabine A. bezüglich des Wechselmodells belegen soll, bleibt vage. Es geht um eine Gutachterin, die dem Gericht entgegen aller Erkenntnisse in diesem Einzelfall ein Wechselmodell empfahl. Was jedoch ein fragwürdiges Gutachten mit dem Für und Wider der paritätischen Doppelresidenz zu tun haben soll, bleibt offen.

Gutachter sind doof, holen wir uns Gutachter

Komplett absurd gerät das Ganze, wenn die Mütterlobby zwar das Gutachter- und Sachverständigenwesen an deutschen Familiengerichten in Bausch und Bogen verdammt, dann aber auf den folgenden 16 Seiten einen Fachartikel zweier Sachverständiger gegen das Wechselmodell veröffentlicht, noch dazu zweier Sachverständiger der GWG – Gesellschaft für wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie München, einer Einrichtung, die schon mehrfach kritisch im Licht der Öffentlichkeit stand, etwa 2008 und 2012.

So ist es eben mit den Gutachten – man kann sich nach Gusto eines mit dem gewünschten Inhalt suchen und sich einen Teufel darum scheren, dass anderswo – etwa bei Frau Sünderhauf – viel mehr Erkenntnisse zusammengetragen worden sind, auch beispielsweise zum Thema des gegen den Willen eines Elternteils angeordneten Wechselmodells.

Das angeordnete Wechselmodell – ein heikles Thema

Dieser Aspekt hat zweifellos besonderes Augenmerk verdient: Wie kann ein paritätisches Doppelresidenzmodell gelingen, wenn sich ein Elternteil so sehr dagegen sträubt, dass es gerichtlich dazu gezwungen werden muss? Das werde ich zu gegebener Zeit einmal gesondert beleuchten.

Neuer Trend an Familiengerichten?

Die Mütterlobby behauptet, es zunehmend zu beobachten, wie das Wechselmodell verordnet wird. In der Tat gibt es ein paar aktuelle Beschlüsse, die das zu bestätigen scheinen, etwa von den Amtsgerichten in Duisburg, Erfurt und Heidelberg. Aber ist das schon ein Trend? Und wenn es einer ist: Ist es ein positiver oder negativer Trend? Ein Schriftstück eines derart einseitig agierenden und argumentierenden Lobbyisten-Verbands wie der Mütterlobby gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass ein solcher Trend negativ zu bewerten ist.

Geld für die Mutter – darum geht es der Mütterlobby

Zum Abschluss des Positionspapiers kommt die Mütterlobby noch einmal auf das liebe Geld zu sprechen: Durch den ausbleibenden Kindesunterhalt muss die Mutter nun je nach Finanzlage des Vaters wesentlich mehr netto verdienen. Offen bleibt einmal mehr, weshalb das ein Argument gegen die paritätische Doppelresidenz sein soll. Wenn dieses Modell nun mal dazu führt, dass das Kind eine intensive und gleichberechtigte Beziehung zu beiden Elternteilen führen kann, dann haben beide Elternteile gefälligst jeden Einsatz dafür zu bringen, wenn sie es schon nicht hinbekommen haben, ein gemeinsam glückliches Elternpaar zu sein.

In ihrem Fazit fordert die Mütterlobby, das Wechselmodell dürfe überhaupt keinen Eingang in die Rechtsprechung bekommen. Nun, glücklicherweise hat es das bereits, wie die oben verlinkten Beschlüsse belegen. Ganz am Ende propagiert die Mütterlobby dann noch: Glückliche Kinder brauchen glückliche Eltern! Gemeint sind mit Eltern aber offenbar nur die Mütter. Auch Väter werden unglücklich, wenn ihre Kinder anderswo leben – das darf jedenfalls auch mal gesagt werden, wie es beispielsweise Andrea Micus in „Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht“ tut. Bei einem Verein mit dem Namen Mütterlobby können wir wohl annehmen, dass ihre Mitglieder und Funktionärinnen Trennungskinder ohnehin bei der Mutter verorten und den Vater als Elternteil zweiter Klasse ausmachen. Und dass dieser Verein in irgendeiner Form das Glück der Kinder im Fokus hat, darf bezweifelt werden.

Abschließend verweise ich auf eine weitere, schon etwas ältere Stellungnahme zum Positionspapier der Mütterlobby, in der Lutz R. Bierend in seinem Blog fatherleft die Argumente dieses Pamphlets – man kann es nicht anders nennen – trefflich auseinandergenommen hat.

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
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Verfasst von - 2015/09/06 in In eigener Sache

 

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Andrea Micus: Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht (Buchrezension)

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Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht

Familie // Dieses Buch behandelt das Schicksal und den Schmerz von Vätern, die nach der Trennung von der Mutter ihres Nachwuchses unfreiwillig den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben – umgehend oder im Lauf der Zeit. Nun mag manch Leser versucht sein, dies für eine verfehlte Perspektive zu halten; sind doch die Leidtragenden einer Trennung immer und ausnahmslos die Kinder, ihnen habe der Fokus zu gelten.

Ist nicht das Kindeswohl der entscheidende Faktor?

Das stimmt zwar, dennoch muss auch dieser Aspekt bei Trennungsfamilien betrachtet werden, und das geschieht in der breiten Öffentlichkeit viel zu selten. In Jugendämtern und an Familiengerichten trifft man oft noch die Haltung an, entscheidend für das Kindeswohl sei, dass es der Kindsmutter gut gehe. Nur recht und billig, auch dem Befinden des männlichen Elternteils Rechnung zu tragen.

Die Journalistin und Buchautorin Andrea Micus räumt gleich zu Beginn ihres Buches ein, selbst Mutter eines 16-Jährigen zu sein, der seinen Vater in den vergangenen drei Jahren gerade mal drei Stunden gesehen habe. Womöglich hat das sie motiviert, „Väter ohne Kinder“ zu schreiben.

Weshalb verlieren Väter den Kontakt zu ihrem Nachwuchs?

Warum Scheidungs- und Trennungsväter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. So betitelt die Autorin ihr erstes Kapitel, in dem sie die vielfältigen Ursachen beleuchtet. Da seien zum einen die nach wie vor typischen traditionellen Lebensmuster, nach denen die Väter erwerbstätig sind, die Mütter zu Hause bleiben. Bei einer Trennung blieben dann die Kinder nahezu zwangsläufig bei der Mutter. Folge: Mütter, die vorher vehement die Mithilfe in Sachen Kindererziehung eingefordert haben, kommen jetzt prima allein mit den Kindern zurecht, und häufig ist auch schnell ein anderer Mann da, der Papa-Ersatz spielen kann. Die Väter sind raus …

Hinzu komme mangelnde Kooperation der Mutter bis hin zum Umgangsboykott, ob bewusst oder unbewusst. Das Ende einer Trennung bringt Verletzungen, Wut, Kränkungen und Trauer mit sich. Vielleicht liebt die Mutter den Vater noch, vielleicht hasst sie ihn auch. So oder so scheue sie dann jede Begegnung mit dem Ex-Partner. Aber meistens sind es gar nicht diese dramatischen Gefühle, die entscheiden. Oft ist es nur der Eindruck, dass der Ex nicht mehr in den neuen Alltag passt. Auch die Gegenwehr von Vätern thematisiert Micus, oft im Bereich der Finanzen ausgetragen. Die Konflikte peitschen sich hoch.

Loyalitätskonflikt

Die Kinder geraten in einen Loyalitätskonflikt: Mama will nicht, dass ich Papa lieb habe! Und was tun sie dann? Sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes, richten sich nach der Mama, weil sie bei ihr leben. Das wiederum bestärkt die Mutter, den „blöden Kerl“ aktiv fernzuhalten.

Micus verschweigt allerdings eins bzw. sie lässt es unerwähnt (denn bewusstes Verschweigen unterstelle ich ihr keineswegs): Egal, wie geduldig man manchen Müttern den Loyalitätskonflikt erklärt, einige wollen es partout nicht begreifen, in welcher Zwangslage sich ihre Kinder befinden, oder wenn sie es begreifen, so ignorieren sie es. Sind sie es doch, die Mütter, die einzig wissen, was für ihre Kinder das Beste ist. Der Vater? Hat sowieso keine Ahnung! Die als Sozialpädagogin eingesetzte Mediatorin? Kennt die Kinder doch gar nicht! Der Richter? Wer ist das denn? Diesen Aspekt hätte Micus etwas stärker herausarbeiten können.

Das Cochemer Modell

Es gibt Modelle, mit denen solche Entwicklungen im Trennungskonflikt aufgehalten werden können. Micus erwähnt das Cochemer Modell des Familienrichters Jürgen Rudolph, dem es dank intensiver Bemühungen gelang, alle an familienrechtlichen Verfahren Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen: Richterkollegen, Anwälte, Jugendamt, Eltern. Auf diese Weise konnte Rudolph einen Zwang zur Mediation und zur Einigung durchsetzen – mit dem Ziel, dass kein Kind ein Elternteil verliert. Micus lässt allerdings auch Kritiker am Cochemer Modell zu Wort kommen.

Am Ende des Kapitels richtet die Autorin das Wort an die neuen Partner von Trennungsmüttern, die sich oft vorbildlich um ihre mitgeheirateten Kinder kümmern würden. Ihnen gilt Micus’ Hinweis: Sie können die nächsten sein. Ich hab’ allerdings den begründeten Verdacht, dass manch ein solcher Ersatzvater darüber überhaupt nicht nachgedacht hat. Einen solchen, dem es erging wie seinem Vorgänger, lernen wir etwas später kennen.

Sechs Väter erzählen

Ging es auf den ersten 43 Seiten eher theoretisch zu, so geht es in der Folge ans Eingemachte: Sechs Väter berichten von ihrem Schicksal, Andrea Micus lässt sie in Ich-Form zu Wort kommen und macht so ihren Schmerz direkt spürbar. Es beginnt der 46-jährige Markus, der seine 16-jährige Tochter Lisa seit 13 Jahren nicht gesehen hat. Kurz vor dem dritten Geburtstag seiner Tochter hat ihn seine Frau verlassen. Später erfährt er, dass sie schon seit einem Jahr Trennungsgedanken gehabt hat. Es scheint kein untypisches Phänomen zu sein: Der Kerl merkt nichts, die Frau sagt nichts. Aber das nur am Rande.

Im Trennungsstress begeht Markus einen fatalen Fehler. Danach sieht er seine Tochter noch ein einziges, kurzes Mal in Gegenwart einer Jugendamts-Mitarbeiterin. Er hofft heute noch, dass sie bald vor seiner Tür steht.

Das Angstszenario

Frank ist 48 Jahre alt und hat eine elfjährige Tochter. Er hat Mia seit fast zwei Jahren nicht gesehen. Frank ist der erwähnte Vater, dessen Freundin zwei Söhne in die Beziehung mitbringt. Beide haben keinen Kontakt zu ihrem Vater – angeblich sei er gefühlskalt und habe kein Interesse an seinen Kindern. Frank glaubt seiner Freundin. Er heiratet sie, Mia kommt zur Welt, irgendwann ziehen die Söhne aus.

Doch seine Frau ist krankhaft eifersüchtig und verlässt ihn eines Tages, weil sie fälschlicherweise glaubt, er habe eine andere. Seine Umgangsbemühungen sabotiert sie. Jugendamt und Familiengericht ändern daran wenig. Die Entfremdung gelingt, bald will Mia ihren Vater nicht mehr sehen. Seine Frau hat erfolgreich ein Angstszenario aufgebaut, dem sich das Mädchen nicht entziehen konnte. Auch das scheint kein Einzelphänomen zu sein. Er schreibt seiner Tochter einen Brief – nicht den ersten. Zu gern wüsste ich, ob Mia den Brief bekommt.

Unglücklich bis ans Lebensende

Der nächste zu Wort kommende Vater ist Thomas, 60 Jahre alt. Beinahe hätte er seine beiden Kinder aus erster Ehe verloren, und um seine Tochter aus der Beziehung zu einer 20 Jahre Jüngeren muss er kämpfen, wie man nur kämpfen kann. Aber ihm gelingt es immerhin. Es folgt der 68-jährige Hendrik aus Hannover, der sich vor mehr als 20 Jahren wegen einer Jüngeren von seiner Ehefrau getrennt hat. Das hat ihn bis heute den Kontakt zu seinen Kindern gekostet. Aus seinen Zeilen liest man deutlich heraus: Er ist daran zerbrochen. Glücklich ist er seit dem Verlust nicht mehr, er wird es nie mehr werden.

Fabian, 38 Jahre, hatte eine sechs Monate andauernde Affäre mit einer verheirateten Frau. Daraus entstand seine Tochter Patti, von der ihm die Mutter erst berichtet, als sie zwei Jahre alt war. Er erkennt die Vaterschaft an, baut eine Beziehung zu Patti auf. Doch als die Mutter wieder eine Beziehung beginnt, bröckelt der Umgang. Schließlich degradiert ihn eine schlimme Anschuldigung zum Zahlvater. Fabians Fazit: Um so etwas nicht erleben zu müssen, gebe es nur einen Schutz: Man darf nicht Vater werden.

Trennung von der Frau = Trennung von den Kindern?

Letzter im Bunde ist der 53-jährige Dietrich, dessen schlimme Geschichte er selbst so zusammenfasst: Ich wollte mich von meiner Frau trennen. Ich hatte keine Ahnung, dass das auch die Trennung von meinen Kindern bedeutet. Zu Sohn Fabian, Tochter Annika und Sohn Jahn hat er keinen Kontakt mehr.

Das Wechselmodell

Es sind sechs traurige und überaus schmerzhafte Geschichten, die Andrea Micus uns vorsetzt; so entsetzlich, dass sie ihr Buch nicht auf eine solche Weise ausklingen lassen will. Daher skizziert sie im letzten Kapitel Möglichkeiten und Modelle, die zum Erfolg führen können: beiden Elternteilen die Kinder zu erhalten, Kindern beide Elternteile zu erhalten. Die Juristin mit Lehrstuhl in Nürnberg Prof. Hildegund Sünderhauf-Kravets etwa propagiert einen 50:50-Umgang, das sogenannte paritätische Doppelresidenzmodell oder Wechselmodell. Frau Sünderhauf hat 2013 mit „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis“ ein Standardwerk vorgelegt, das die aktuelle Rechtslage und Rechtsprechung in Deutschland ebenso dokumentiert wie internationale psychologische Forschung zum Thema Wechselmodell – deutsche Studien darüber gibt es noch nicht allzu viele.

Andrea Micus’ endet mit ein paar Modellen und Beispielen von Familien, in denen der Umgang der Kinder zu beiden Elternteilen nach der Trennung klappt.

Schmerzhafte Lektüre

Von den sechs Vätern, deren Leid der Leser hautnah erfährt, kennen wir natürlich nur ihre Sicht der Dinge, nur ihre Wahrheit. Ob sie ihre eigene Rolle im Trennungs- und Umgangskonflikt womöglich etwas geschönt haben, können wir nicht beurteilen. Es ist aber auch nicht entscheidend. So oder so ist ihr Schmerz immens, und das wollte Andrea Micus herausarbeiten. Es ist ihr gelungen, die Lektüre war sehr bewegend.

Autorin Andrea Micus

Die sechs Fälle sind beispielhaft, sie decken keineswegs das vielfältige Spektrum von Umgangskonflikten ab, die zum Verlust der Kinder führen können. Dennoch werden sich betroffene Väter in etlichen Details wiederfinden.

Unerwähnt: die Neue als Konkurrentin

Ein Aspekt fehlte mir noch. Micus hätte ihn im ersten Kapitel unterbringen können, meiner Ansicht nach sogar müssen. Ich meine den Fall, dass Umgangsvereitelung durch die Mutter ihre Ursache darin haben kann, dass der Vater eine neue Beziehung hat und die neue Freundin zum Nachwuchs ein wunderbares Verhältnis aufbaut. Ganz gefährliches Terrain! Auch, wenn nicht sogar besonders in Fällen, bei denen die Frau den Mann verlassen hat. Man hüte sich als Vater davor, sich jemals in Sicherheit zu wiegen. Der Vater kann seiner Ex noch so sehr vermittelt haben, wie wichtig sie als Mutter seiner Kinder sei, sie wird die Neue an seiner Seite als Konkurrenz um die Gunst der Kinder empfinden. Das mag nicht auf jede Mutter zutreffen, aber es dürfte eine verbreitete Furcht sein.

Lektüreempfehlung

Wer soll das Buch lesen? Am besten alle beteiligten Parteien: Väter, Mütter, Ersatzväter, Ersatzmütter, Jugendamtler, Familienrechtler usw. Viel zu oft wird das Fehlverhalten umgangsvereitelnder Mütter von Jugendämtern und Familiengerichten hingenommen. Es gibt Gerichtsbeschlüsse, in denen die Richter sogar eingeräumt haben, dass die Mutter den Abbruch des Kontakts zwischen Vater und Kind zu verantworten hat – und dennoch wurde der Umgang ausgesetzt. Die Mutter wird kritisiert, gleichzeitig gibt man ihr mit dem Ergebnis zu verstehen, dass sie alles richtig gemacht hat. Das glaubt Ihr nicht, liebe Leser? Unsere höchsten Richter denken so.

Die Mutter hat den Willen des Kindes so sehr verkorkst, dass dem Kind der Umgang mit dem Vater nicht mehr zumutbar sei. Druck auf die Mutter würde das Kind als Druck auf sich selbst empfinden. Woher die Richter die Erkenntnis haben, dass man das Kind nicht behutsam wieder an den Vater heranführen kann und man deshalb eine renitente Mutter nicht in die Schranken weisen darf, bleibt ihr Geheimnis. Auch solche Richter sollten Andrea Micus’ Buch lesen.

Die Ignoranz mancher Mutter

Sollen vom Verlust der Kinder betroffene Väter zu „Väter ohne Kinder“ greifen? Manchmal hilft es zu wissen, dass man mit seinem Schicksal nicht allein ist, sogar alles andere als allein. Aber es tut weh und rückt einem den eigenen Schmerz überdeutlich ins Bewusstsein. Umgangsvereitelnde Mütter werden sich von der Lektüre vermutlich kaum eines Besseren belehren lassen. Geht ihnen Empathie nicht völlig ab, werden sie wissen, was sie den Vätern ihrer Kinder antun – es ist vielen dieser Frauen vermutlich egal.

Schön wäre es, wenn auch nicht unmittelbar Betroffene oder Beteiligte nachempfinden können, wie es manchen Vätern in unserer Gesellschaft nach der Trennung ergeht. Es muss ein breites Bewusstsein entstehen, wie wichtig es ist, dass Väter im Leben ihrer Kinder präsent bleiben.

Auch Müttern kann das widerfahren

Abschließend ein Wort zur Güte über Mütter, denen von Vätern der Kontakt zu ihren Kindern verwehrt worden ist und die hier nicht vorkommen: Ich bin sicher, Andrea Micus weiß, dass es sie gibt. Das Schicksal dieser Mütter und letztlich auch ihrer Kinder ist ebenso bitter wie das Schicksal von Markus, Frank und der vier anderen im Buch vorgestellten Väter. Auch wenn die Zahl entsorgter Väter um ein Vielfaches höher sein wird als die Zahl aus dem Leben ihrer Kinder verbannter Mütter, sollten doch auch sie Beachtung finden, denn jeder einzelne Fall ist schlimm.

Andrea Micus hat mit „Väter ohne Kinder“ ein vernachlässigtes Feld bestellt. Bleibt für Väter und ihre Kinder zu hoffen, dass das Buch gelesen und verstanden wird.

Autorin: Andrea Micus
Deutsche Erstveröffentlichung: 2. März 2015
192 Seiten, Klappenbroschur
Verlag: Kösel-Verlag (Verlagsgruppe Random House)
Preis: 15,99 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Foto der Autorin: © Jörg Ladwig

 
 

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