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The Hateful Eight – Shakespeare im Wilden Westen

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The Hateful 8

Kinostart: 28. Januar 2016

Von Florian Schneider

Western // Kopfgeldjäger John Ruth (großartig: Kurt Russell) macht es sich wirklich nicht leicht: Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Beute lebendig dem Henker zu übergeben, selbst wenn es auf dem Steckbrief „Dead or Alive“ heißt und selbst wenn das beschwerlicher ist, als die Gesuchten bei der Gefangennahme mit Blei vollzupumpen. Diese Vorgehensweise brachte Ruth den Spitznamen „The Hangman“ ein.

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Bad Motherfucker: Kopfgeldjäger Marquis Warren

Zu Beginn von Tarantinos neuem Meisterwerk sehen wir dem Kopfgeldjäger bei seinem Versuch zu, die berüchtigte Schwerverbrecherin Daisy Domergue (Jennifer Jason Lee mit erstaunlichem Mut zur Hässlichkeit) mittels einer gemieteten Postkutsche nach Red Rock und damit zum Galgen zu überführen. Verständlich, dass Ruth nicht erfreut ist, als sich zuerst der ehemalige Nordstaatenmajor und jetzige Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und kurze Zeit später auch der zwielichtige Südstaatler Chris Mannix (Walton Goggins) anschicken, Ruths und Daisys Reisegefährten zu werden. Mannix gibt vor, der neue Sheriff von Red Rock zu sein – ausgerechnet.

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John Ruth (l.) hat wenig Lust auf Gesellschaft

Doch ob eines herannahenden Blizzards stimmt das Raubein Ruth zähneknirschend zu und die bunte Truppe flieht gemeinsam vor dem Schneesturm zu einem einsam gelegenen Außenposten von Red Rock, der nach der Besitzerin benannten Handelsstation „Minnies Kleinwarenladen“.

Tim Roth anstelle von Christoph Waltz

Dort angekommen, ist die Besitzerin zwar nicht anzutreffen, dafür erwartet das Quintett (inklusive des Kutschers) dort ein illustrer Haufen von Spießgesellen, unter anderem der vorgeblich neue Henker von Red Rock (Tim Roth in einer Christoph-Waltz-Gedächtnisrolle) sowie der Südstaatengeneral und Warrens Erzfeind Sandy Smithers (Bruce Dern), die ebenfalls Unterschlupf vor dem Sturm gesucht und gefunden haben. Bald jedoch ahnen die inzwischen verbündeten Kopfgeldjäger, dass etwas faul ist im Staate Dänemark – und während draußen der todbringende Blizzard eine undurchdringliche Barriere bildet, beginnt drinnen das blutige Kammerspiel.

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Hässlicher Feger und schlimmer Finger: Daisy Domergue

Es ist ein cineastisches Gegenbild, das Tarantino nach dem opulenten, schauplatzreichen und farbenfrohen „Django Unchained“ entwirft. Nach dem ersten Teil des Films, der praktisch ausschließlich in der Postkutsche spielt, wird in der Folge der Verkaufs- und Gastraum der Handelsstation einziger Schauplatz der restlichen Handlung bleiben. Der lebensbedrohliche Sturm setzt dabei den natürlichen Rahmen dieser absoluten Verdichtung von Zeit und Raum und dient zugleich als Sinnbild des Psychoduells, das sich in seinem geschützten Herzen zu entspinnen beginnt. So ist „The Hateful Eight“ auch mehr Shakespeare als Sergio Leone, Sergio Corbucci oder Sergio Solima – großartig in seinen Dialogen (wie gewohnt) und unbarmherzig in der Unabwendbarkeit des blutigen Finales.

Reminiszenz an John Fords „Stagecoach“

Trotz aller Nähe zur shakespeareschen Tragödie und zum Theater bewegt sich Tarantino wie gewohnt auf seiner gewohnten Spielwiese, dem filmhistorischen Referenzraum. So ist es natürlich kein Zufall, dass durch die beiden zentralen (und einzigen) Handlungsorte Postkutsche und Handelsstation Erinnerungen an John Fords großen Westernklassiker „Stagecoach“ (dt. „Ringo“ oder „Höllenfahrt nach Santa Fé“) aus dem Jahr 1939 wach werden. Auch der Italo-Western erfährt vielfache Würdigung, nicht nur durch die Figur des pfeiferauchenden Marquis Warren, der locker durchgeht als afro-amerikanische Version der zahlreichen Helden und Schurken wie Sabata und Sentenza, die Lee Van Cleef in den 60er- und 70er-Jahren so genial verkörpert hat. Nicht zu vergessen der zwar spärlich eingesetzte, aber brillante Soundtrack von Altmeister Ennio Morricone!

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Trio Infernal: John Ruth, Daisy Domergue und General Sandy Smith (v. l.)

Leider konnte ich die Langfassung im Ultra Panavision 70mm Format nicht sehen, aber zumindest die durchlebten 167 Minuten vergingen wie im Flug. Weshalb der Meister dieses extreme Format ausgerechnet für „The Hateful Eight“ einsetzte, der, wie gesagt, auf epische Naturaufnahmen und dynamischen Actionszenen fast gänzlich verzichtet, bleibt mir allerdings ein Rätsel. Dieses Format hätte aus meiner Sicht bei „Django Unchained“ deutlich mehr Sinn ergeben. Dennoch gilt: Wieder einmal ein echtes Glanzstück, Mister Tarantino!

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Einer lügt: der neue Henker (l.) und der neue Sherrif von Red Rock

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Jason Leigh unter Schauspielerinnen, Filme mit Demián Bichir, Bruce Dern, Samuel L. Jackson, Michael Madsen, Tim Roth, Kurt Russell und Channing Tatum in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 187 Min. (Ultra Panavision 70mm Format inklusive Ouvertüre), 167 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Hateful 8
USA 2015
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Michael Madsen, Tim Roth, Bruce Dern, Walton Goggins, Demián Bichir, James Parks, Zoë Bell, Dana Gourrier, Channing Tatum
Verleih: Universum Film

Copyright 2016 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Universum Film

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/01/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Mercenario – Der Gefürchtete: Franco Nero zieht wieder

Mercenario-Cover

Western // Herrlich, dieser Showdown in der Arena – mit Tony Musantes Paco Roman im Clownskostüm, der gegen den Schurken „Curly“ Ricciolo antritt, von Jack Palance trotz albernen Lockenkopfs würdig verkörpert. Als Aufpasser: der Pole Sergei Kowalski (Franco Nero). Und was wäre dieser Showdown ohne den grandiosen Soundtrack von Ennio Morricone?

Kowalski ist der titelgebende „Mercenario“ – ein Söldner, der sich im von Revolutionswirren geschüttelten Mexiko von jedem anwerben lässt, wenn das Geld stimmt. Ein Silbertransport für die Minenbesitzersbrüder Garcia? Kein Problem. Doch als der Pole bei der Mine ankommt, findet er die Aufpasser und den Cousin der Garcias aufgeknüpft vor. Auch kein Problem – flugs lässt sich Kowalski vom gut aufgelegten Revolutionär Paco Roman anwerben, anrückende mexikanische Truppen abzuwehren. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Zwei Glücksritter, die im Revolutionsgetümmel beim Niedermähen der Gegner per Maschinengewehr das Lachen im Gesicht behalten – Franco Nero („Django“) und Tony Musante („Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“) geben zwei Buddys, denen man ihre Skrupellosigkeit einfach nicht übel nehmen kann. Als nur gelegentlich auftauchender Antagonist gibt auch Jack Palance eine gute Figur ab.

Nach Sergio Leone ist zweifellos Sergio Corbucci als profiliertester Italowestern-Regisseur zu nennen. „Django“ (1966) und „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968) sprechen eine deutliche Sprache. „Mercenario – Der Gefürchtete“ darf ebenfalls zu Corbuccis Großtaten gezählt werden und wartet im Vergleich zu den beiden genannten Klassikern mit deutlich mehr Leichtigkeit auf.

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Kowalski zieht seine Waffe für den, der zahlt

Kowalski ist charmanter als Django, er ist redseliger als Silence in „Leichen pflastern seinen Weg“ (ok – das fällt nicht schwer: Silence ist stumm), er ist auch weniger missmutig als Clint Eastwood in den Leone-Western. Dennoch gehört er mit seinem Gewinnstreben zu den Prototypen der Italowestern-Antihelden. Er ist kein Schurke, aber zu keiner Zeit macht er sich die Ideale der Revolutionäre zu eigen oder zeigt Nächstenliebe. Sein Verhalten wirkt in einigen Sequenzen gar parodistisch-überzeichnet, etwa wenn er als Hired Gun auf Körperpflege mit reichlich Wasser besteht, während die mexikanischen Kämpfer kaum genug Wasser zum Trinken haben.

Paco Roman wirkt bei aller Schlitzohrigkeit schon etwas idealistischer, bekam er doch die Ausbeutung als Arbeiter in der Silbermine am eigenen Leib zu spüren. Hat er einmal das Sagen, kennt er allerdings keine Gnade. Aufhängen, Erschießen, Kastrieren – das ganze Programm kommt zum Tragen. Das und der von Palance mit eiskaltem Lächeln gespielte Curly würzen den Film mit einigen zynischen Momenten. Vereinzelte komödiantische Elemente wirken da ausgleichend. In Teilen geht Corbuccis Werk sogar als Reflexion des Italowesterns durch. Auf der anderen Seite ist er dann aber doch ein typischer Vertreter – aber auf hohem Niveau.

Auf DVD ist „Mercenario – Der Gefürchtete“ bereits seit einigen Jahren im Handel. Zuletzt hat Koch Media ihn Anfang 2013 als Teil der Reihe „Western Unchained“ veröffentlicht (siehe Cover oben). Nun gibt es den Film erstmals auf Blu-ray, wenn auch nicht einzeln: Die „Franco Nero Italo-Western Box“ (siehe Cover unten) enthält zusätzlich „Mit Django kam der Tod“ (1967) und „Zwiebel-Jack räumt auf“ (1975).

Das HD-Bild sieht gut aus, minimal besser als die DVD (die der Rezensent zum Vergleich aus dem Regal geholt hat). Vereinzelte Bildsequenzen der Blu-ray wirken allerdings ebenso unscharf wie auf der DVD. Die Blu-ray-Box lohnt sich natürlich dennoch. Wer „Mercenario – Der Gefürchtete“ als Freund eines gepflegten Westerns bislang überhaupt nicht gesehen hat, sollte das zügig nachholen, ob auf Blu-ray oder DVD.

Die Filme der Reihe „Western Unchained“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sergio Corbucci sind in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Franco Nero und Jack Palance unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 2. Mai 2014 als Teil der 3-Blu-ray- bzw. 3-DVD-Box „Franco Nero Italo-Western Box sowie 18. Januar 2013 als DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Il mercenario
Alternativtitel: Die gefürchteten Zwei
IT/SP 1968
Regie: Sergio Corbucci
Drehbuch: Giorgio Arlorio, Adriano Bolzoni, Sergio Corbucci, Franco Solinas, Sergio Spina, Luciano Vincenzoni
Besetzung: Franco Nero, Jack Palance, Tony Musante, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo, Lorenzo Robledo, Álvaro de Luna, Raf Baldassarre, Vicente Roca
Zusatzmaterial: Featurette: Die Regeln der Revolution, Drehorte: damals & heute, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Media

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Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Foto & Packshots: © 2014 Koch Media

 

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