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Ernest Borgnine (III): Tödlicher Segen – Wes Craven schickt Sharon Stone zu den Horror-Hethitern

Deadly Blessing

Von Volker Schönenberger

Horror // Mit „Das letzte Haus links“ („The Last House on the Left“, 1972) verstörte Wes Craven nachhaltig die Filmzuschauer. Das brutale Folter- und Rachedrama rief rund um den Globus Zensoren und Sittenwächter auf den Plan. 1977 schuf er die wüste Menschenjagd „Hügel der blutigen Augen“ („The Hills Have Eyes“) – auch diese Regiearbeit blieb nicht von erhobenen Zeigefingern und Beschränkungen verschont. Cravens erstmals 1984 in „Nightmare – Mörderische Träume“ („A Nightmare on Elm Street“) in Erscheinung getretener Albtraum-Schlitzer Freddy Krueger avancierte zur Ikone der Horrorfans. 1996 verabreichte der Regisseur dem Slasherfilm mit „Scream – Schrei“ dringend benötigte Impulse. Keine Frage – die Welt des Horrorfilms wäre ohne Wes Craven um einiges ärmer. Er starb 2015 im Alter von 76 Jahren.

Isaiah Schmidt wacht mit harter Hand über seine Schäfchen

Sein „Deadly Blessing“ von 1981 ist hierzulande unter den Titeln „Dem Tode geweiht“ und „Tödlicher Segen“ vermarktet worden – allerdings nicht im Kino, sondern nur auf VHS, DVD und nun auch Blu-ray. Die deutsche Koch-Films-Veröffentlichung beruht auf der US-Blu-ray von Scream Factory (Shout! Factory), erwähnenswert ist auch die englische Doppel-Disc-Edition von Arrow Video mit Blu-ray und DVD.

Der Film zeigt die damals 23-jährige Sharon Stone in einer ihrer ersten Rollen. Die Handlung ist angesiedelt in einer ländlichen Gemeinde, die von der asketisch lebenden, strenggläubigen Sekte der Hittites (Hethiter) dominiert wird, die moderne Errungenschaften ablehnt – ein Schelm, wer Amische dabei denkt. Oberhaupt der Hittites ist der gestrenge Isaiah Schmidt (Ernest Borgnine). Dessen Sohn Jim (Douglas Barr) hat die Sekte nach seiner Hochzeit mit Martha (Maren Jensen) verlassen, die Eheleute leben auf ihrer Farm „Our Blessing“ aber weiterhin in unmittelbarer Nähe.

Tod unter dem Traktor

Eines Nachts bricht mörderisches Unheil über das Ehepaar herein – Jim wird in der Scheune von seinem Traktor zu Tode gequetscht. Nach seiner Beerdigung treffen Marthas Freundinnen Lana Marcus (Sharon Stone) und Vicky Anderson (Susan Buckner) ein, um der jungen Witwe beizustehen. Das Frauentrio gerät in einen Strudel unheimlicher Ereignisse. Die Sekte lebt offenbar in großer Furcht vor einem Dämon, den sie „Incubus“ nennt (englisch für „Albdruck“) und den sie auf Marthas Farm vermutet.

Martha (l.) freut sich über die Ankunft ihrer Freundinnen

 

Religiöser Fanatismus und Wahn eignen sich ganz vortrefflich zum Erzeugen einer verstörenden Horror-Atmosphäre. Das weiß auch Wes Craven in „Tödlicher Segen“ zu nutzen, unterstützt vom angenehm zurückhaltend eingesetzten Score von James Horner („Titanic“), der stimmig zwischen leichten, geradezu romantischen Klängen und bedrohlichen Tönen schwankt. Einstellungen mit subjektiver Kamera erzeugen zudem reichlich Suspense. Eine Badewannenszene erinnert gar frappierend an eine ebensolche im drei Jahre später entstandenen „Nightmare – Mörderische Träume“. Dabei ist „Tödlicher Segen“ weniger brutal und blutig als andere Regiearbeiten Cravens, obgleich die eine oder andere Messerszene sogar an einen Giallo erinnert.

Noch ahnt Lana nicht, was sie erwartet

Die Klasse von Wes Cravens Großtaten erreicht „Deadly Blessing“ nicht. Der Kontrast zwischen den drei modernen jungen Frauen und der altertümlich lebenden Sekte wird nicht ganz ausgereizt. Ein Flirt zwischen Isaiahs anderem Sohn John (Jeff East) und der stets leicht bekleideten Vicky ist da schon das Höchste der Gefühle. Nicht ganz im Klaren bin ich mir über die schauspielerische Leistung des großen Ernest Borgnine. Betreibt er mit starrer Mimik und herrischem Gestus Overacting? Oder ist das genau die Darstellungsform, die sein Isaiah Schmidt braucht? Entscheidet selbst! Die Kritikpunkte an „Tödlicher Segen“ ändern aber nichts daran, dass die diversen Spannungssequenzen mit gutem Timing, famoser Kameraarbeit und Horners effektivem Score überaus fesselnd geraten sind. Das macht den Horrorfilm dann doch wieder sehr sehenswert, auch wenn ich im letzten Absatz einen weiteren Makel bemängle, über den Ihr aber erst nach Sichtung des Films lesen solltet. Bis dahin dürft Ihr euch über eine Frage Gedanken machen: Welche Wes-Craven-Filme außer den oben bereits genannten sollte der geneigte Horrorfan auf jeden Fall gesehen haben?

In diesem Absatz: ein massiver Spoiler

Auch das Potenzial des „Incubus“ kommt überhaupt nicht zum Tragen. Lange Zeit scheint es sich dabei nur um ein Hirngespinst der Hittites zu handeln. Ob er tatsächlich existiert und die Gegend heimsucht – die Frage stellt man sich als Zuschauer überhaupt nicht. Bis er ganz am Ende wie Kai aus der Kiste doch zum Vorschein kommt – ein Gimmick als immerhin effektvoller Schlussgag, mehr nicht, von den Produzenten gegen Wes Cravens Willen durchgesetzt. Dieser finale Twist gibt der inneren Logik von „Tödlicher Segen“ den Rest.

Eine Spinne ist noch das geringste Problem

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Wes Craven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine in der Rubrik Schauspieler.

Anschlag bei Nacht

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD, 8. Juli 2016 als Limited Collector‘s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 11. Januar 2008 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Deadly Blessing
Alte deutsche Verleih- oder VHS-Titel: Dem Tode geweiht / Gesichter des Teufels
USA 1981
Regie: Wes Craven
Drehbuch: Glenn M. Benest, Matthew Barr, Wes Craven
Besetzung: Maren Jensen, Sharon Stone, Susan Buckner, Ernest Borgnine, Jeff East, Colleen Riley, Douglas Barr, Lisa Hartman, Lois Nettleton, Michael Berryman, Kevin Cooney
Zusatzmaterial: Zwei Synchronfassungen, Audiokommentar, Interviews (ca. 55 Minuten), Teaser, Trailer, Radio-Spots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 
 

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Ernest Borgnine (II): Das dreckige Dutzend – Himmelfahrtskommando für Schwerverbrecher

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The Dirty Dozen

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Action // Ernest Borgnine (1917–2012), der heute 100 Jahre alt geworden wäre, gehört nicht zum dreckigen Dutzend. Der Oscar- und Golden-Globe-Preisträger („Marty“, 1955) spielt den US-General Worden, der im Kriegsjahr 1944 Major Reisman (Lee Marvin) auserwählt, ein Himmelfahrtskommando sondergleichen zu führen. Reisman ist seinen Vorgesetzten oft ein Dorn im Auge, weil er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Nun soll er innerhalb kurzer Zeit in Großbritannien zwölf Soldaten trainieren, hinter den feindlichen Linien in Frankreich ein von der Wehrmacht besetztes Schloss zu stürmen und die dort versammelten deutschen Offiziere zu töten.

Himmelfahrtskommando für zwölf Schwerverbrecher

Allerdings handelt es sich nicht um gewöhnliche Soldaten, sondern um einen Haufen von Halsabschneidern – Schwerverbrecher, denen der Tod am Galgen oder langjährige Gefängnisstrafen bevorstehen. Kein Wunder, dass sich das dreckige Dutzend zügig bereit erklärt, in Aussicht auf Begnadigung an dem Auftrag mitzuwirken, zumal Reisman dem Wortführer sogleich den Schneid abkauft: Victor Franko (John Cassavetes), ein Mobster, der wegen Raubmords zum Tode verurteilt wurde. Unter den übrigen Teilnehmern: der in sich gekehrte Joseph Wladislaw (Charles Bronson), ebenfalls wegen Mordes zum Tode verurteilt. Auch der hünenhafte Samson Posey (Clint Walker) tauscht die Aussicht auf den Galgen nur zu gern gegen das Himmelfahrtskommando ein. Der an sich Friedfertige tötete einen Mann, der ihn geschubst hatte. Der religiöse Fanatiker und Frauenfeind A. J. Maggot (Telly Savalas) vergewaltigte und erschlug eine Frau. Robert Jefferson (Jim Brown) hingegen tötete womöglich aus Notwehr. Als Schwarzer hatte er aber vor Gericht keine Aussicht auf einen fairen Prozess. Der geistig schlichte Vernon Pinkley (Donald Sutherland) sieht 30 Jahren Zuchthaus entgegen, der musikalische J. P. Jiminez (Trini Lopez) 20 Jahren Zwangsarbeit. Das anstrengende Training schweißt die Todgeweihten tatsächlich zu so etwas wie einer Einheit zusammen, die sogar eine letzte Bewährungsprobe besteht: ein Manöver unter den Augen von General Worden. Bald darauf bricht der Trupp auf, um per Fallschirm über Frankreich abzuspringen und den Auftrag auszuführen. Allen Männern ist klar, dass einige von ihnen, womöglich die Mehrheit, den Einsatz nicht überleben werden.

Gegen den Krieg?

„Ein knallharter Film gegen den Krieg“ – diese Aussage findet sich auf dem Backcover der DVD von „Das dreckige Dutzend“. Knallhart ist das Gezeigte in der Tat, eine durchdachte Stellungnahme gegen den Krieg sollte aber niemand erwarten. In „Das dreckige Dutzend“ geht es um Action, Krieg wird als tödliches Spiel inszeniert. Allenfalls ein paar satirische Seitenhiebe zu militärischen Gepflogenheiten und Uniformtreue ergänzen einen durchaus launigen Unterton. Darüber liegt allerdings die düstere Stimmung des Himmelfahrtskommandos, zu dem die zwölf Todgeweihten aufbrechen. Major Reisman und sein Assistent, der loyale Militärpolizist Sergeant Clyde Bowren (Richard Jaeckel), sind selbstverständlich mit von der Partie, wenn es in den Einsatz geht. Auch wenn nicht alle Figuren psychologisch zu Ende gedacht oder tiefgründig porträtiert sind, überzeugt das Ensemble in seiner Gesamtheit mit interessanten Charakteren und Beziehungen. Zwar liegt der Fokus auf den von Marvin, Bronson und Cassavetes verkörperten Männern, aber auch die anderen kommen zu ihrem Recht. Ein paar feine Details würzen das vortrefflich. So dürfen sich die zwölf Mitglieder des Trupps am Vorabend ihres Einsatzes in Gesellschaft von Major Reisman ein Festmahl munden lassen. Die Tischordnung erinnert dabei sicher nicht zufällig an Jesus und seine zwölf Jünger beim letzten Abendmahl.

Normal: Amerikaner als Kriegsverbrecher

Bemerkenswert, wie kaltschnäuzig der Film von Amerikanern begangene Kriegsverbrechen zeigt und als völlig legitim darstellt – anders kann man den Anschlag auf das mit Wehrmachts-Offizieren gefüllte Schloss nicht bezeichnen. Dennoch heimste der actiongeladene Kriegs-Reißer für die Academy Awards 1968 vier Oscar-Nominierungen ein. Nebendarsteller John Cassavetes, Schnitt und Ton gingen jedoch leer aus, lediglich für die Ton-Effekte gab es den Oscar.

Empfehlung: die 2-Disc Special Edition DVD

Würde ein US-General je die Zusammenstellung eines solchen Trupps befürworten? Um Glaubwürdigkeit geht es in keinem Moment, das Zauberwort lautet Action. Die bekommen wir zur Genüge geboten, seinen Ehrenplatz in der Riege harter Kriegs-Exploitation-Filme hat sich „Das dreckige Dutzend“ verdient. In Deutschland bislang noch nicht auf Blu-ray erschienen, ist man am besten mit der 2-Disc Special Edition DVD bedient. Im üppigen Bonusmaterial (siehe unten) findet sich auch die fürs Fernsehen produzierte Fortsetzung „Das dreckige Dutzend – Die nächste Mission“ von 1985, in der immerhin noch Lee Marvin, Ernest Borgnine und Richard Jaeckel aus dem Vorgänger mit von der Partie sind, zudem Ken Wahl („Der Söldner“). Zwei weitere Fortsetzungen und eine kurzlebige Fernsehserie entstanden 1987 und 1988, sie sind nicht der Rede wert. Der erste Film jedoch wird überdauern.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine, Charles Bronson und/oder Lee Marvin in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. August 2009 als Premium Edition 2-Disc Set DVD, 14. Juli 2006 als Special Edition 2-Disc Set DVD, 4. Juni 2004 als DVD

Länge: 149 Min. (US-Blu-ray), 143 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Dirty Dozen
GB/USA 1967
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Nunnally Johnson, Lukas Heller, nach einem Roman von E. M. Nathanson
Besetzung: Lee Marvin, Charles Bronson, Ernest Borgnine, John Cassavetes, Telly Savalas, Donald Sutherland, Clint Walker, Richard Jaeckel, Jim Brown, Trini Lopez, Ralph Meeker, Stuart Cooper, Colin Maitland, Ben Carruthers, Al Mancini, George Kennedy, Robert Ryan
Zusatzmaterial Special Edition: Audiokommentar mit den Darstellern Jim Brown, Trini Lopez, Stuart Cooper und Colin Maitland, Produzent Kennetz Hyman, Autor E. M. Nathanson, Filmhistoriker David J. Schow und dem militärischen Berater Captain Dale Dye, Einleitung von Ernest Borgnine (3:30), Originaldokumentation Operation Das dreckige Dutzend“, Trailer, Featurette „Bewaffnet und tödlich: Das Making-of von ,Das dreckige Dutzend‘, Bonusfilm „Das dreckige Dutzend – Die nächste Mission“ (1985er-Fortsetzung mit Lee Marvin, Ernest Borgnine und Richard Jaeckel), „The Filthy 13 – Wahre Geschichten von der Front“, Dokumentarfilm mit Lee Marvin: „Marine Corp Combat Leadership Skills“
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use (User: DASHBot)

 

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Ernest Borgnine (I): Ein Zug für zwei Halunken – Lokführer gegen Schwarzfahrer

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Emperor of the North

Heute wäre der große Ernest Borgnine (1917–2012) 100 Jahre alt geworden. Das nehmen wir zum Anlass, dem Oscar-Preisträger („Marty“, 1955) eine kleine Rezensionsreihe zu widmen, beginnend mit einem seiner weniger bekannten Werke.

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Neben seinen buschigen Augenbrauen und seiner breiten Nase gehörte auch die Zahnlücke zu den Markenzeichen von Ernest Borgnine. Diesen Schönheitsmakel wollten die Produzenten von „Marty“ (1955) vor dem Dreh korrigieren und schickten den Star ihres Films zum Zahnarzt. Doch Borgnine blieb stur: „Ich sagte: ,Wenn sie den Leuten nicht gefällt, dann ist das ganz schön hart. Vergesst es, ich werde den Film nicht machen.‘ Also sagten sie nur: ,Behalt sie, behalt sie.‘“, erzählte der am 8. Juli 2012 im Alter von 95 Jahren verstorbene Charakterkopf dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“.

Es war die richtige Entscheidung: Borgnine gewann für seine Rolle des liebenswerten Fleischers Marty Piletti, der mit 34 Jahren noch bei seiner Mutter wohnt, schon früh in seiner Karriere den Golden Globe und den Oscar als bester Hauptdarsteller. Wie er später selbstironisch bemerkte, hatte er aber auch keinerlei Konkurrenz bei der Verleihung gehabt: Die weiteren Nominierten 1956 waren ja „nur“ James Dean, Frank Sinatra, Spencer Tracy und James Cagney.

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Held der Hobos: Ass Nr. 1

Zuvor hatte der Weltkriegsveteran als Theaterschauspieler am Broadway begonnen. Seinen ersten großen Auftritt auf der Leinwand hatte Borgnine als sadistischer Sergeant James „Fatso“ Judson in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953). In seinen mehr als 100 Kinofilmen wurde der Sohn italienischer Einwanderer häufig als Raubein in Western, Kriegs- und Abenteuerfilmen besetzt. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Der Flug des Phoenix“ (1965), „Das dreckige Dutzend“ (1967) und „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ (1969).

Gnadenloses Duell

Für „Ein Zug für zwei Halunken“ (1973) tat sich Borgnine ein weiteres Mal mit Regisseur Robert Aldrich und Schauspielkollege Lee Marvin zusammen. Die Geschichte ist eine freie Adaption des autobiografischen Romans „Abenteurer des Schienenstranges“ von Jack London. Während die Vorlage am Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, wurde die Filmhandlung ins Jahr 1933 verlegt, der Zeit der Großen Depression in den USA. Landstreicher und Tagelöhner, sogenannte Hobos, kämpfen während der harten Wirtschaftskrise ums Überleben. Dabei springen sie häufig auf Güterzüge auf, um sich so durch die Lande transportieren zu lassen. Das ist nicht ungefährlich: Die Hobos müssen sich bei hoher Geschwindigkeit an den Waggons festklammern und sich gleichzeitig vor den Lokführern versteckt halten.

Einen äußerst aggressiven Bahnmitarbeiter lernen wir gleich zu Beginn kennen: Der unbarmherzige Shack (Ernest Borgnine) kennt keine Gnade mit Schwarzfahrern. Mit Äxten, Stahlstangen oder Ketten schlägt er auf die illegal mitreisenden Hobos ein. Ein armer Kerl, der es sich gerade mit einem Butterbrot in der Hand zwischen zwei Waggons bequem gemacht hat, stürzt wegen Shack auf die Gleise und wird vom Zug in zwei Hälften gerissen. Das stört den Lokführer aber überhaupt nicht. Er sieht es als seine Pflicht an, seinen Zug Nummer 19 vor ungebetenen Besuchern zu verteidigen.

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Lokführer Shack wacht über sein Reich

Doch die Rechnung hat er ohne den König der Landstreicher gemacht, der von allen nur Ass Nr. 1 (Lee Marvin) genannt wird. Er will Shack herausfordern und beschließt, als erster Schwarzfahrer überhaupt unentdeckt mit Zug Nummer 19 bis ans Ziel nach Portland zu fahren. Die Nachricht verbreitet sich im ganzen Land wie ein Laubfeuer; Wetten werden abgeschlossen. Auch der junge Landstreicher Cigar (Keith Carradine) will sein Glück versuchen und schleicht sich ebenfalls auf den Zug – sehr zum Missfallen von Ass Nr. 1. Der Beginn einer gefährlichen Reise …

Minimalistische Hochspannung

Regisseur Robert Aldrich lässt mal wieder zwei echte Kerle aufeinanderprallen. Die Wirtschaftskrise spielt dabei nur am Rande eine Rolle. Viel wichtiger ist für ihn das mörderische Duell um Leben und Tod zwischen Borgnine und Marvin. Ihre Figuren benötigen dabei auch keine großen Hintergrundgeschichten. Sie sind knallharte Typen, bei denen man sofort merkt: Sie sind mit allen Wassern gewaschen, kennen alle Tricks und gehen jedes Risiko ein, um dem Kontrahenten ein Schnippchen zu schlagen. Notfalls mit Gewalt.

Die Actionszenen auf dem fahrenden Zug sind hochspannend inszeniert, fordern den Schauspielern auch körperlich einiges ab und halten die minimalistische Story am Laufen. Politisch korrekt geht es dabei nicht immer zu. Ein erbeutetes Huhn kann dabei auch mal als Schlaginstrument herhalten. Neben dem packenden Zweikampf zwischen den beiden alten Männern spielt auch die Beziehung zwischen dem erfahrenen Ass Nr. 1 und Cigar eine Rolle. Dabei nimmt aber Marvins Figur nicht wirklich die sonst übliche Rolle des Mentors ein. Zwar fühlt er sich von den Ehrerbietungen des Jungspunds durchaus geschmeichelt, seinen besonderen Status will er aber nicht an den hochnäsigen Cigar abgeben.

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Die Auseinandersetzung eskaliert …

Die Landschaften rund um die Stadt Cottage Grove im US-Staat Oregon, wo die Gleise der Oregon, Pacific and Eastern Railway verlaufen, bilden eine wunderschöne Hintergrundkulisse. Filmexperten wissen: Dort wurden auch Buster Keatons „Der General“ (1927) und die Stephen-King-Adaption „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ (1986) gedreht. Im brutalen Finale knallen die starken Stars dann mit voller Wucht aufeinander – das erwartet man in einem echten Männerfilm.

Borgnine verrät sein Geheimnis

Mir persönlich fiel Borgnine erstmals im Katastrophenfilm „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) und John Carpenters „Die Klapperschlange“ (1981) auf – und natürlich in der TV-Actionserie „Airwolf“, in der er von 1984 bis 1986 den Mentor des Helden Stringfellow „Huckleberry“ Hawke (Jan-Michael Vincent) mimte. Überhaupt lebte der Schauspieler im TV mehr seine heiteren Seiten aus. In den USA wurde Borgnine durch die Militärkomödie „McHale’s Navy“ (1962–1966) einem breiteren Publikum bekannt. Von 1999 bis zu seinem Tod 2012 lieh er außerdem in der englischen Originalfassung von „Spongebob Schwammkopf“ dem Meerjungfraumann seine markante Stimme.

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… und wird mit allen Mitteln geführt

Auch im hohen Alter verlor die Schauspiellegende nicht seinen Humor. Als er 91 Jahre alt war wurde Borgnine, der fünf Mal verheiratet war, mal wieder nach dem Geheimnis seines langen Lebens gefragt. Zunächst wollte er dies nicht verraten. Schließlich lehnte er sich nach vorn und flüsterte ins Mikrofon: „Ich masturbiere viel.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine und/oder Lee Marvin in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD, 4. Februar 2011 als DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Emperor of the North
USA 1973
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Christopher Knopf nach dem Roman „Abenteuerer des Schienenstranges“ von Jack London
Besetzung: Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Harry Caesar, Simon Oakland
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Deutscher Kinotrailer, Englischer Trailer, Teaser, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

 

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